Kapitel 154: bhīṣmanirvāṇa-saṃskāra
Bhīṣmas Hinscheiden, seine Bestattung und die Klage der Gaṅgā
Bhīṣma stirbt in yogischer Sammlung, seine Lebenskraft steigt zum Himmel auf; die Pāṇḍavas vollziehen die Bestattung, die Göttin Gaṅgā klagt und wird von Kṛṣṇa und Vyāsa getröstet. Das Kapitel schließt das Ānuśāsanika-Parvan.
Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem er so zu allen Kuru gesprochen hatte, verstummte damals Bhīṣma, der Śāṃtanava, der Kauravya, für einen Augenblick, o Bezwinger der Feinde.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf.)
evam uktvā kurūn sarvān
so gesprochen habend zu allen Kuru (Abs./Akk.Pl.)
bhīṣmaḥ śāṃtanavaḥ tadā
Bhīṣma, der Śāṃtanava, damals (Nom.Sg.)
tūṣṇīṃ babhūva
wurde still (Perf.3.Sg.)
kauravyaḥ sa muhūrtam
der Kauravya, er, für einen Augenblick (Nom./Akk.)
Er hielt sich selbst der Reihe nach in den Sammlungsübungen [dhāraṇā] fest; seine Lebenshauche, [dort] festgehalten, stiegen aufwärts, [die] des Hochgesinnten.
Wort für Wort
dhārayām āsa ca ātmānam
hielt fest und sich selbst (Perf.periphr. 3.Sg./Akk.)
dhāraṇāsu yathākramam
in den Sammlungsübungen, der Reihe nach (Lok.Pl./Adv.)
tasya ūrdhvam agaman
seine stiegen aufwärts (Gen./Adv./Aor.3.Pl.)
prāṇāḥ saṃniruddhāḥ
die Lebenshauche, zurückgehalten (Nom.Pl./Part.Pass.)
idam āścaryam āsīc ca madhye teṣāṃ mahātmanām; yad yan muñcati gātrāṇāṃ sa śaṃtanusutas tadā; tat tad viśalyaṃ bhavati yogayuktasya tasya vai
Dies wurde zu einem Wunder inmitten jener Hochgesinnten: Welches seiner Glieder der Śaṃtanu-Sohn damals löste, ebendieses wurde für ihn, der im Yoga gesammelt war, pfeilfrei.
Wort für Wort
idam āścaryam āsīt ca
dies Wunder war (Nom.Sg.n./Impf.3.Sg.)
madhye teṣām mahātmanām
inmitten jener Hochgesinnten (Lok./Gen.Pl.)
yad yat muñcati gātrāṇām
was auch immer er löst von den Gliedern (Präs.3.Sg./Gen.Pl.)
sa śaṃtanusutaḥ tadā
er, der Śaṃtanu-Sohn, damals (Nom.Sg.)
tat tat viśalyaṃ bhavati
das jeweilige wird pfeilfrei (Präs.3.Sg.)
yogayuktasya tasya vai
dessen, der im Yoga gesammelt ist, wahrlich (Gen.Sg.)
kṣaṇena prekṣatāṃ teṣāṃ viśalyaḥ so 'bhavat tadā; taṃ dṛṣṭvā vismitāḥ sarve vāsudevapurogamāḥ; saha tair munibhiḥ sarvais tadā vyāsādibhir nṛpa
In einem Augenblick wurde er damals vor den Augen jener [Anwesenden] pfeilfrei. Als sie ihn sahen, waren alle erstaunt, angeführt von Vāsudeva, zusammen mit all jenen Weisen, Vyāsa und den anderen, o König.
Wort für Wort
kṣaṇena prekṣatāṃ teṣām
in einem Augenblick, während sie zusahen (Instr./Part.Gen.Pl./Gen.Pl.)
viśalyaḥ saḥ abhavat tadā
pfeilfrei wurde er damals (Nom.Sg./Impf.3.Sg.)
taṃ dṛṣṭvā vismitāḥ sarve
ihn gesehen habend, erstaunt, alle (Abs./Nom.Pl.)
vāsudevapurogamāḥ
Vāsudeva an der Spitze habend (Kompositum, Nom.Pl.)
saha tair munibhiḥ sarvaiḥ
zusammen mit all jenen Weisen (Instr.Pl.)
tadā vyāsādibhiḥ nṛpa
damals, mit Vyāsa und den anderen, o König (Instr.Pl./Vok.)
maholkeva ca bhīṣmasya mūrdhadeśāj janādhipa; niḥsṛtyākāśam āviśya kṣaṇenāntaradhīyata
Wie ein großer Meteor fuhr es aus Bhīṣmas Scheitelgegend, o Herrscher der Menschen, heraus, drang in den Himmel ein und verschwand in einem Augenblick.
Wort für Wort
mahā ulkā iva ca
und wie ein großer Meteor (Nom.Sg.f.)
bhīṣmasya mūrdhadeśāt janādhipa
aus Bhīṣmas Scheitelgegend, o Herr der Menschen (Gen./Abl./Vok.)
niḥsṛtya ākāśam āviśya
herausgekommen, in den Luftraum eingedrungen (Abs./Akk.)
kṣaṇena antaradhīyata
in einem Augenblick verschwand (Instr./Impf.Pass.3.Sg.)
Yuyutsu hielt darauf den vorzüglichen Sonnenschirm über ihn; Bhīmasena und Arjuna, die beiden, [hielten] die zwei schönen Wedel und Fächer; die beiden Mādrī-Söhne fassten damals die Turbane.
Zusammen mit Yudhiṣṭhira [gingen] die beiden; Dhṛtarāṣṭra aber [war] am Fußende.
Wort für Wort
yudhiṣṭhireṇa sahitau
zusammen mit Yudhiṣṭhira, die beiden (Instr.Sg./Nom.Du.)
dhṛtarāṣṭraḥ tu pādataḥ
Dhṛtarāṣṭra aber am Fußende (Nom.Sg./Adv.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Text und Bezug des Duals „sahitau“ sind unklar (Zusatzvers); ein Verb fehlt.
Darauf vollzogen sie für den Hochgesinnten regelgerecht die Totenspende an die Ahnen; die Opferpriester opferten ins Feuer, die Sāmaveda-Sänger sangen Sāman-Gesänge.
Wort für Wort
tataḥ asya vidhivat cakruḥ
dann für ihn regelgemäß vollzogen sie (Perf.3.Pl.)
pitṛmedham mahātmanaḥ
die Ahnenopferfeier für den Hochgesinnten (Akk./Gen.)
yājakāḥ juhuvuḥ ca agnim
die Opferpriester opferten und ins Feuer (Nom.Pl./Perf.3.Pl./Akk.)
jaguḥ sāmāni sāmagāḥ
sangen Sāmans die Sāma-Sänger (Perf.3.Pl./Akk.Pl./Nom.Pl.)
tataś candanakāṣṭhaiś ca tathā kāleyakair api; kālāgaruprabhṛtibhir gandhaiś coccāvacais tathā
Darauf [bedeckten sie ihn] mit Sandelholzscheiten und ebenso mit Kāleyaka-Holz und mit Wohlgerüchen, hohen und niederen, angeführt vom schwarzen Aloeholz.
Wort für Wort
tataḥ candanakāṣṭhaiḥ ca
dann mit Sandelholzscheiten und (Instr.Pl.)
tathā kāleyakaiḥ api
ebenso mit Kāleyaka(-Holz) auch (Instr.Pl.)
kālāgaruprabhṛtibhiḥ
mit schwarzem Aloeholz und dergleichen (Instr.Pl.)
gandhaiḥ ca uccāvacaiḥ tathā
und mit Wohlgerüchen, hohen und niederen ebenso (Instr.Pl.)
samavacchādya gāṅgeyaṃ prajvālya ca hutāśanam; apasavyam akurvanta dhṛtarāṣṭramukhā nṛpāḥ
Nachdem sie den Gāṅgeya ganz bedeckt und das Feuer entzündet hatten, umschritten die Könige unter Führung Dhṛtarāṣṭras [ihn] mit der linken Seite zugewandt [apasavya].
saṃskṛtya ca kuruśreṣṭhaṃ gāṅgeyaṃ kurusattamāḥ; jagmur bhāgīrathītīram ṛṣijuṣṭaṃ kurūdvahāḥ
Nachdem sie den Gāṅgeya, den Vorzüglichsten der Kuru, bestattet hatten, gingen die Besten der Kuru, die Träger [des Geschlechts der] Kuru, zum Ufer der Bhāgīrathī, das von Sehern besucht wird.
Wort für Wort
saṃskṛtya ca kuruśreṣṭham
und nachdem sie bestattet [feierlich behandelt] hatten den Besten der Kuru (Abs./Akk.)
gāṅgeyaṃ kurusattamāḥ
den Gaṅgā-Sohn, [sie] die Besten der Kuru (Akk./Nom.Pl.)
sametaṃ pārthivaṃ kṣatraṃ kāśipuryāṃ svayaṃvare; vijityaikarathenājau kanyās tā yo jahāra ha
„Der bei der Gattenwahl in der Stadt der Kāśi die versammelte Kriegerschaft der Fürsten mit einem einzigen Wagen im Kampf besiegte und jene Jungfrauen entführte –“
Wort für Wort
sametaṃ pārthivaṃ kṣatram
die versammelte Fürsten-Kriegerschaft (Akk.Sg.n.)
kāśipuryāṃ svayaṃvare
in der Kāśi-Stadt bei der Gattenwahl (Lok.)
vijitya ekarathena ājau
besiegt habend mit einem einzigen Wagen im Kampf (Abs./Instr./Lok.)
kanyāḥ tāḥ yaḥ jahāra ha
jene Jungfrauen, der raubte, fürwahr (Akk.Pl./Perf.3.Sg.)
sa eṣa kṣatradharmeṇa yudhyamāno raṇājire; dhanaṃjayena nihato naiṣa nunnaḥ śikhaṇḍinā
„Er hier ist, indem er nach Kṣatriya-Pflicht auf dem Schlachtfeld kämpfte, von Dhanaṃjaya erschlagen worden; er ist nicht von Śikhaṇḍin niedergestoßen worden.“
Wort für Wort
saḥ eṣaḥ kṣatradharmeṇa
dieser da nach Kriegerpflicht (Nom./Instr.)
yudhyamānaḥ raṇājire
kämpfend auf dem Kampfplatz (Part.Präs.Med./Lok.)
dhanaṃjayena nihataḥ
von Dhanaṃjaya erschlagen (Instr./Part.Pass.)
na eṣaḥ nunnaḥ śikhaṇḍinā
nicht dieser niedergestoßen von Śikhaṇḍin (Part.Pass./Instr.)
bhīṣmaṃ hi kuruśārdūlam udyateṣuṃ mahāraṇe; na śaktaḥ saṃyuge hantuṃ sākṣād api śatakratuḥ
„Denn Bhīṣma, den Tiger unter den Kuru, der im großen Kampf den Pfeil erhoben hielt, vermochte im Streit nicht einmal Śatakratu [Indra] selbst zu töten.“
Wort für Wort
bhīṣmaṃ hi kuruśārdūlam
denn Bhīṣma, den Kuru-Tiger (Akk.)
udyateṣum mahāraṇe
mit erhobenem Pfeil im großen Kampf (Akk./Lok.)
na śaktaḥ saṃyuge hantum
nicht vermochte im Gefecht zu töten (Part.Pass./Lok./Inf.)
So [ist] dieses heilvolle, sehr ausführliche Ānuśāsanika[-Parvan], in dem alle Dharmas dargelegt sind, in diesem dreizehnten Parvan, durch dessen Anhören Yudhiṣṭhira, der Sohn des Dharma, Fassung erlangte von Bhīṣma, dem Sohn der Bhāgīrathī, der alle Zweifel beseitigt. Dieses dreizehnte Parvan ist das, was die Dharma-Entscheidung bewirkt; hundertsechsundvierzig Kapitel sind hierin, neuntausend Śloka und ebenso achthundert. Vom hochgesinnten Vyāsa mit edlem Verstand ist das Werk geschaut worden. Wer das Ānuśāsanika-Parvan mit Hingabe anhört, wird von allen Sünden befreit und erlangt die Frucht aller Dharmas. Nachdem man Nārāyaṇa mit höchster Hingabe verehrt hat, soll man im Namen Bhīṣmas den Brahmanen eine Sättigungsspende darbringen; „Hari in Gestalt Vyāsas [ist] leibhaftig [da]“, so soll man vor den Augen [der Zuhörer] verkünden [?]. Man soll dem Vortragenden besonders eine Kuh, Gold und anderes geben; man erlangt alle Wünsche und findet langes Leben; durch die Gnade Dvaipāyanas möge man stets festesfroh sein.
Wort für Wort
ity etat bahuvistāram
so dieses sehr ausführliche (Nom.n.)
ānuśāsanikaṃ śubham
das Ānuśāsanika, heilvoll (Nom.n.)
yatra uktāḥ sarvadharmāḥ ca
worin dargelegt sind alle Dharmas und (Part.Pass./Nom.Pl.)
parvaṇi asmin trayodaśe
in diesem dreizehnten Parvan (Lok.)
śrutvā yān svasthatām āpa
was gehört habend Fassung erlangte (Abs./Rel./Akk./Perf.3.Sg.)
dharmaputraḥ yudhiṣṭhiraḥ
Yudhiṣṭhira, der Dharma-Sohn (Nom.)
bhīṣmāt bhāgīrathīputrāt
von Bhīṣma, dem Bhāgīrathī-Sohn (Abl.)
sarvasaṃdehahāriṇaḥ
der alle Zweifel beseitigt (Abl.Sg.)
etat trayodaśaṃ parva
dies dreizehnte Parvan (Nom.n.)
dharmaniścayakārakam
die Dharma-Entscheidung bewirkend (Nom.n.)
adhyāyānāṃ śatam ca atra
der Kapitel hundert und hier (Gen.Pl./Nom.)
ṣaṭcatvāriṃśat eva tu
sechsundvierzig eben (Zahl)
nava ślokasahasrāṇi
neun Tausend Śloka (Nom.Pl.)
śatāni aṣṭau tathā eva ca
achthundert ebenso auch (Nom.Pl./Zahl)
vyāsena udāramatinā
von Vyāsa von edlem Verstand (Instr.)
dṛṣṭaḥ granthaḥ mahātmanā
geschaut wurde das Werk vom Hochgesinnten (Part.Pass./Nom./Instr.)
ānuśāsanikaṃ parva śrutvā bhaktisamanvitaḥ
das Ānuśāsanika-Parvan gehört habend, mit Hingabe verbunden (Abs./Nom.)
mucyate sarvapāpebhyaḥ
wird befreit von allen Sünden (Präs.Pass.3.Sg./Abl.Pl.)
sarvadharmaphalaṃ labhet
die Frucht aller Dharmas möge er erlangen (Akk./Opt.3.Sg.)
nārāyaṇaṃ pūjayitvā
Nārāyaṇa verehrt habend (Akk./Abs.)
bhaktyā paramayā tataḥ
mit höchster Hingabe dann (Instr.f./Adv.)
bhīṣmoddeśena kartavyam
im Namen Bhīṣmas zu tun (Instr./Gerundiv)
brāhmaṇānāṃ ca tarpaṇam
und der Brahmanen Sättigung (Gen.Pl./Nom.n.)
vyāsarūpī hariḥ sākṣāt
Hari in Vyāsas Gestalt leibhaftig (Nom./Adv.)
paśyatām iti kīrtayet
„vor den Sehenden“, so soll man verkünden [?] (Part.Gen.Pl./Opt.3.Sg.)
dadyāt dhenuhiraṇyādi
man soll geben Kuh, Gold usw. (Opt.3.Sg./Akk.)
vācakāya viśeṣataḥ
dem Vortragenden besonders (Dat./Adv.)
sarvakāmān avāpnoti
alle Wünsche erlangt er (Akk.Pl./Präs.3.Sg.)
dīrgham āyuḥ ca vindati
langes Leben und findet er (Akk./Präs.3.Sg.)
dvaipāyanaprasādena
durch Dvaipāyanas Gnade (Instr.)
nityam utsavavān bhavet
stets festfreudig möge er sein (Adv./Nom./Opt.3.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Schlussverse des Parvan, Phalaśruti); Sinn von „paśyatām iti kīrtayet“ unsicher. „Ślokasahasrāṇi nava, śatāny aṣṭau“ = 9800.