Kapitel 69: nṛgopākhyānam
Nṛga, als Chamäleon im Brunnen, von Kṛṣṇa erlöst und die Lehre vom Brahmanengut
Kṛṣṇa erzählt anhand der Geschichte von König Nṛga, der aus Versehen eine Kuh doppelt verschenkte, welche Folgen der Raub von Brahmanenbesitz hat; Anlass ist die Lehre über Kuh- und Brahmanenschenkungen in Bhīṣmas Unterweisung.
Bhīṣma sprach: „Eben hierzu wird von den Guten beim Thema der Berührung [= Aneignung] von Brahmanengut erzählt, welch sehr große Not Nṛga erlitt, o Stier der Kurus.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.3.Sg.)
atraiva kīrtyate sadbhiḥ
gerade hierzu wird von den Guten erzählt (Pass.3.Sg./Instr.Pl.)
brāhmaṇasvābhimarśane
bei der Berührung/Antastung von Brahmanengut (Lok.Sg., Kompositum)
dadṛśus te mahākāyaṃ kṛkalāsam avasthitam; tasya coddharaṇe yatnam akurvaṃs te sahasraśaḥ
Sie erblickten ein riesenleibiges Chamäleon [oder: eine Eidechse], das dort verweilte; und zu seinem Herausziehen unternahmen sie zu Tausenden Anstrengung.
Wort für Wort
dadṛśus te mahākāyaṃ
sie erblickten, ein Großleibiges (Perf.3.Pl./Akk.Sg.m.)
kṛkalāsam avasthitam
ein Chamäleon, dastehend/befindlich (Akk.Sg.m./Part.Pass.)
tasya coddharaṇe
und bei dessen Herausziehen (Gen.Sg./Lok.Sg.n.)
yatnam akurvaṃs te sahasraśaḥ
Bemühung machten sie zu Tausenden (Impf.3.Pl./Adv.)
sa vāsudevena samuddhṛtaś ca; pṛṣṭaś ca kāmān nijagāda rājā; nṛgas tadātmānam atho nyavedayat; purātanaṃ yajñasahasrayājinam
Und er, von Vāsudeva heraufgezogen und nach seinen Wünschen [?] befragt, sprach da, der König; Nṛga gab sich damals zu erkennen als den einstigen Darbringer von tausend Opfern.
Wort für Wort
sa vāsudevena samuddhṛtaḥ ca
und er, von Vāsudeva heraufgezogen (Part.Pass.Nom.Sg.m./Instr.)
pṛṣṭaḥ ca kāmān
und befragt nach Wünschen [?] (Part.Pass./Akk.Pl.m.)
nijagāda rājā
sprach der König (Perf.3.Sg./Nom.)
nṛgaḥ tadā ātmānam
Nṛga damals sich selbst (Nom./Akk.Sg.m.)
atho nyavedayat
sodann machte er kund (Impf.Kaus.3.Sg.)
purātanaṃ yajñasahasrayājinam
als den früheren Tausendopferer (Akk.Sg.m., Kompositum)
kāmān pṛṣṭaḥ ist etwas unklar (befragt „nach Wunsch/Belieben“); Versbau mit vier Pādas in einer Einheit.
tathā bruvāṇaṃ tu tam āha mādhavaḥ; śubhaṃ tvayā karma kṛtaṃ na pāpakam; kathaṃ bhavān durgatim īdṛśīṃ gato; narendra tad brūhi kim etad īdṛśam
Zu ihm, der so sprach, sagte Mādhava: „Gutes Werk hast du getan, kein böses. Wie bist du, Herr, in eine solche üble Lage geraten? Sage es, König: Was ist dies für eine Sache?“
Wort für Wort
tathā bruvāṇaṃ tu tam āha mādhavaḥ
zu ihm, der so sprach, sagte Mādhava (Part.Präs.Akk.Sg./Perf.3.Sg.)
śubhaṃ tvayā karma kṛtaṃ
Gutes Werk wurde von dir getan (Nom.Sg.n./Instr./Part.Pass.)
na pāpakam
kein böses (Nom.Sg.n.)
kathaṃ bhavān durgatim īdṛśīṃ gataḥ
wie bist du in solch üble Lage gekommen (Nom.Sg.m./Akk.Sg.f./Part.Pass.)
śataṃ sahasrāṇi śataṃ gavāṃ punaḥ; punaḥ śatāny aṣṭa śatāyutāni; tvayā purā dattam itīha śuśruma; nṛpa dvijebhyaḥ kva nu tad gataṃ tava
„Hundert Tausende und hundert von Kühen, wiederum achthundert und hundert Zehntausende [?], hast du einst gegeben, so haben wir hier gehört, König, an Zweimalgeborene. Wohin ist dies dein [Verdienst] nun gegangen?“
Wort für Wort
śataṃ sahasrāṇi śataṃ gavāṃ punaḥ
hundert Tausende, hundert von Kühen, ferner (Akk.Pl.n./Gen.Pl.f.)
„Unter tausend Kühen wurde sie damals von meinen Hirten mitgezählt; sie wurde von mir einem Brahmanen gegeben, der [Verdienst] für das Jenseits erstrebte.“
Wort für Wort
gavāṃ sahasre saṃkhyātā
unter tausend Kühen mitgezählt (Gen.Pl./Lok.Sg./Part.Pass.Nom.Sg.f.)
tadā sā paśupair mama
damals sie von meinen Hirten (Adv./Nom.f./Instr.Pl./Gen.)
sā brāhmaṇāya me dattā
sie wurde einem Brahmanen von mir gegeben (Dat./Instr./Part.Pass.f.)
pretyārtham abhikāṅkṣatā
der um des Jenseits willen wünschte (Part.Präs.Instr.Sg.m./Adv.)
„Und suchend erblickte der Zweimalgeborene sie im Hause eines anderen; und der Brahmane, dem sie gehört hatte, sagte: ‚Diese ist mein.‘“
Wort für Wort
apaśyat parimārgan ca
und sah suchend (Impf.3.Sg./Part.Präs.Nom.Sg.m.)
tāṃ yāṃ paragṛhe dvijaḥ
sie [= die Kuh], im fremden Haus, der Zweimalgeborene (Akk.f./Lok./Nom.)
mama iyam iti ca uvāca
‚Mein ist diese‘, so sprach er (Gen./Nom.f./Perf.3.Sg.)
brāhmaṇo yasya sā abhavat
der Brahmane, dem sie gehört hatte (Nom./Gen.Rel./Impf.3.Sg.)
Der Bezug von dvijaḥ (Beschenkter) und brāhmaṇo yasya sābhavat (früherer Besitzer) ist nach dem Kontext gedeutet; der Text ist knapp. parimārgan im Text als parimārgaṃś (Sandhi).
brāhmaṇa uvāca; na rājñāṃ pratigṛhṇāmi śakto 'haṃ svasya mārgaṇe; saiva gaur dīyatāṃ śīghraṃ mameti madhusūdana
Der Brahmane sprach: „Von Königen nehme ich nichts an; ich bin fähig, mein Eigenes selbst zu suchen. Eben jene Kuh soll mir rasch gegeben werden, Madhusūdana.“
Wort für Wort
brāhmaṇa uvāca
der Brahmane sprach (Perf.3.Sg.)
na rājñāṃ pratigṛhṇāmi
von Königen nehme ich nichts an (Gen.Pl./Präs.1.Sg.)
śakto 'haṃ svasya mārgaṇe
ich bin fähig zur Suche nach dem Eigenen (Nom.Sg.m./Gen./Lok.Sg.n.)
saiva gaur dīyatāṃ śīghraṃ
eben diese Kuh soll gegeben werden schnell (Imp.Pass.3.Sg./Adv.)
mama iti madhusūdana
mir, so; Madhusūdana (Gen./Vok.)
Die Anrede „Madhusūdana“ stammt aus Nṛgas Erzählung an Kṛṣṇa.
rakṣitāsmīti coktaṃ te pratijñā cānṛtā tava; brāhmaṇasvasya cādānaṃ trividhas te vyatikramaḥ
„‚Ich werde [euch] schützen‘, wurde von dir gesagt, und dein Versprechen war unwahr; und das Wegnehmen von Brahmanenbesitz: dreifach ist dein Vergehen.“
Wort für Wort
rakṣitā asmi iti ca uktaṃ te
‚ich bin [dein] Beschützer‘ und so wurde von dir gesagt (Periphr.Fut.1.Sg./Part.Pass.)
pratijñā ca anṛtā tava
und dein Versprechen war unwahr (Nom.Sg.f.)
brāhmaṇasvasya ca ādānaṃ
und das Nehmen des Brahmanenguts (Gen.Sg.n./Nom.Sg.n.)
trividhas te vyatikramaḥ
dreifach ist dein Vergehen (Nom.Sg.m.)
rakṣitāsmi: als periphrastisches Futur („ich werde schützen“) gedeutet; der Bezug auf das Versprechen des Königs ist aus dem Kontext ergänzt [?].
tvayā tu tārito 'smy adya kim anyatra tapobalāt; anujānīhi māṃ kṛṣṇa gaccheyaṃ divam adya vai
„Von dir bin ich heute befreit worden; was [wäre möglich] sonst als durch die Kraft der Askese? Gib mir Erlaubnis, Kṛṣṇa: Ich möchte heute zum Himmel gehen.“
Wort für Wort
tvayā tu tārito 'smi adya
von dir aber bin ich hinübergeführt heute (Instr./Part.Kaus.Pass./Präs.1.Sg.)
kim anyatra tapobalāt
was [sonst] außer durch Askesekraft (Adv./Abl.Sg.n.)
anujānīhi māṃ kṛṣṇa
erlaube mir, Kṛṣṇa (Imp.2.Sg./Vok.)
gaccheyaṃ divam adya vai
ich möchte gehen zum Himmel heute (Opt.1.Sg./Akk.)