Kapitel 97: chatropānahotpattiḥ
Ursprung von Sonnenschirm und Sandalen: Jamadagni und Sūrya
Yudhiṣṭhira fragt nach Herkunft und Sinn der Gaben von Schirm und Sandalen bei den Totenopfern; Bhīṣma leitet mit dem Itihāsa von Jamadagni und der Sonne ein. Das Kapitel bricht mit Sūryas Rede an den zürnenden Ṛṣi ab.
yudhiṣṭhira uvāca; yad idaṃ śrāddhadharmeṣu dīyate bharatarṣabha; chatraṃ copānahau caiva kenaitat saṃpravartitam; kathaṃ caitat samutpannaṃ kimarthaṃ ca pradīyate
Yudhiṣṭhira sprach: „Was da bei den Vorschriften der Ahnenopfer gegeben wird, o Stier der Bharatas, Schirm und Sandalen: Wer hat dies eingeführt? Wie ist es entstanden, und wozu wird es gegeben?
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
yad idaṃ śrāddhadharmeṣu dīyate bharatarṣabha
was dies bei den Śrāddha-Vorschriften gegeben wird, o Stier der Bharatas (Präs. Pass./Lok. Pl./Vok.)
chatraṃ ca upānahau ca eva
Schirm und auch Sandalen (Nom. Sg./Nom. Du.)
kena etat saṃpravartitam
durch wen ist dies in Gang gesetzt worden (Instr./Part. Pass.)
Auch bei vielen [anderen] Anlässen wird es gegeben, indem man sich auf das Verdienst stützt.
Wort für Wort
bahuṣu api nimitteṣu
auch bei vielen Anlässen (Lok. Pl.)
puṇyam āśritya
sich auf Verdienst stützend (Abs.)
dīyate
wird gegeben (3.Sg.Präs.Pass.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (*0441); Bezug von puṇyam āśritya knapp.
Bhīṣma sprach: „Höre, o König, aufmerksam die ausführliche Darlegung über Schirm und Sandalen, wie dies in der Welt bekannt wurde und von wem es eingeführt wurde.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
śṛṇu rājan avahitaḥ
höre, o König, aufmerksam (Imp./Vok./Nom.)
chatropānahavistaram
die Ausführung über Schirm und Sandalen (Akk. Sg.)
yathā etat prathitaṃ loke
wie dies bekannt wurde in der Welt (Part. Pass./Lok.)
yena ca etat pravartitam
und von wem dies in Gang gesetzt wurde (Instr./Part. Pass.)
Und wie es unvergängliche Dauer erlangte und wie es zu einem verdienstvollen [Werk] wurde: all dies werde ich vollständig verkünden, o Herr der Menschen.
Wort für Wort
yathā ca akṣayyatāṃ prāptam
und wie es Unvergänglichkeit erlangt hat (Akk./Part. Pass.)
puṇyatāṃ ca yathā gatam
und wie es zur Verdienstlichkeit gelangt ist (Akk./Part. Pass.)
sarvam etad aśeṣeṇa
all dies ohne Rest (Akk./Instr.)
pravakṣyāmi janādhipa
werde ich verkünden, o Herr der Menschen (1.Sg.Fut./Vok.)
tato madhyāhnam ārūḍhe jyeṣṭhāmūle divākare; sa sāyakān dvijo viddhvā reṇukām idam abravīt
Als dann die Sonne zur Mittagszeit hinaufgestiegen war, im [Mondhaus] Jyeṣṭhā stehend, sprach der Zweimalgeborene, nachdem er die Pfeile abgeschossen hatte, zu Reṇukā dies:
Wort für Wort
tato madhyāhnam ārūḍhe
dann zum Mittag aufgestiegen (Akk./Lok. Part.)
jyeṣṭhāmūle divākare
als die Sonne bei Jyeṣṭhā-Mūla [stand] (Lok. abs.)
sa sāyakān dvijaḥ viddhvā
er, der Zweimalgeborene, die Pfeile abschießend (Nom./Akk./Abs.)
reṇukām idam abravīt
sprach zu Reṇukā dies (Akk./3.Sg.Impf.)
Wörtlich „im Jyeṣṭhā-Fuß“ (jyeṣṭhāmūle); gemeint ist die Sonnenstellung im Monat Jyaiṣṭha/Mondhaus Jyeṣṭhā-Mūla, unsicher [?].
sthitā sā tu muhūrtaṃ vai bhartuḥ śāpabhayāc chubhā; yayāv ānayituṃ bhūyaḥ sāyakān asitekṣaṇā; pratyājagāma ca śarāṃs tān ādāya yaśasvinī
Doch sie, die Schöne, blieb aus Furcht vor dem Fluch ihres Mannes nur einen Augenblick stehen; die Schwarzäugige ging wieder, die Pfeile zu holen, und die Ruhmreiche kam zurück, nachdem sie jene Pfeile genommen hatte.
Wort für Wort
sthitā sā tu muhūrtaṃ vai
stehend jedoch sie einen Augenblick (Part. Pass./Akk.)
bhartuḥ śāpabhayāt śubhā
aus Furcht vor dem Fluch des Gatten, die Schöne (Gen./Abl.)
yayau ānayitum bhūyaḥ sāyakān
ging, um wieder die Pfeile zu holen (3.Sg.Perf./Inf.)
asitekṣaṇā
die Schwarzäugige (Nom.)
pratyājagāma ca śarān tān ādāya
und kam zurück, jene Pfeile nehmend (3.Sg.Perf./Abs.)
Jamadagni sprach: „Noch heute, Reṇukā, werde ich ihn, der dir Leid bereitet, den Strahlenglühenden, mit Pfeilen niederstrecken, den Sūrya, durch die Glut meiner Feuerwaffe.“
Wort für Wort
jamadagniḥ uvāca
Jamadagni sprach (Perf.)
adya enam dīptakiraṇam
heute ihn, den mit glühenden Strahlen (Adv./Akk.)
reṇuke tava duḥkhadam
Reṇukā, dir Leid gebenden (Vok./Gen./Akk.)
śaraiḥ nipātayiṣyāmi
mit Pfeilen werde ich fällen (Instr./1.Sg.Fut. Kaus.)
sūryam astrāgnitejasā
die Sonne durch die Glut des Waffenfeuers (Akk./Instr.)
Zu astrāgnitejasā: „durch Glut/Kraft des Waffenfeuers“ oder „durch die Glut von Waffe und Feuer“.
bhīṣma uvāca; sa visphārya dhanur divyaṃ gṛhītvā ca bahūñ śarān; atiṣṭhat sūryam abhito yato yāti tatomukhaḥ
Bhīṣma sprach: Er spannte den göttlichen Bogen, nahm viele Pfeile und stellte sich der Sonne gegenüber auf, [mit dem Gesicht] dorthin gewandt, wohin sie zieht.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
sa visphārya dhanuḥ divyam
er, den göttlichen Bogen spannend (Abs./Akk.)
gṛhītvā ca bahūn śarān
und viele Pfeile nehmend (Abs./Akk. Pl.)
atiṣṭhat sūryam abhitaḥ
stand rings der Sonne gegenüber (3.Sg.Impf./Akk./Adv.)
yataḥ yāti tataḥmukhaḥ
wohin sie geht, dorthin das Gesicht gewandt (Adv./Nom.)