Kapitel 133: karmaphalavibhāgaḥ
Umā und Maheśvara über den Lohn guter und schlechter Taten
Dialog zwischen Umā und Maheśvara (Śiva) über Taten und ihre Früchte: Freigebigkeit und Ehrerbietung führen zu Himmel und Wohlstand, Geiz, Hochmut und Gewalt zur Hölle und niedrigen Geburt; danach Fragen nach Klugheit, Blindheit, Krankheit und Unmännlichkeit.
Umā sprach: „Von welcher Wesensart und von welchem Wandel sind die Menschen, und durch welche Taten oder durch welche Gabe gelangen sie in den Himmel?“
Wort für Wort
umā uvāca
Umā sprach (3.Sg.Perf.)
kiṃśīlāḥ kiṃsamācārāḥ puruṣāḥ
von welcher Wesensart, von welchem Verhalten [sind] die Männer (Nom.Pl.)
pratiśrayān sabhāḥ kūpān prapāḥ puṣkariṇīs tathā; naityakāni ca sarvāṇi kim icchakam atīva ca
[der] Unterkünfte, Versammlungshallen, Brunnen, Trinkhütten und Lotusteiche [stiftet] und alle täglichen [Gaben gibt], was immer einer wünscht, und noch weit mehr;
Wort für Wort
pratiśrayān sabhāḥ kūpān
Unterkünfte, Hallen, Brunnen (Akk.Pl.)
prapāḥ puṣkariṇīs tathā
Trinkhütten und Lotusteiche ebenso (Akk.Pl.)
naityakāni ca sarvāṇi
und alles Tägliche (Akk.Pl.n.)
kim icchakam atīva ca
was immer ein Wünschender [begehrt], und darüber hinaus (Akk.Sg.n./Adv.)
Der Text von Pāda cd ist knapp und syntaktisch unklar; Wiedergabe sinngemäß.
[und] wird, aus jenem Himmel herabgefallen, unter den Menschen geboren, o Göttin, in einer Familie von großem Wohlstand, die mit Besitz und Getreide angefüllt ist.
Wort für Wort
tasmāt svargāc cyuto
aus diesem Himmel herabgefallen (Abl./Nom.Sg.)
lokān mānuṣeṣūpajāyate
[aus] den Welten unter den Menschen wird er geboren (Abl./Lok.Pl./3.Sg.Präs.Med.)
mahābhoge kule devi
in einer Familie mit großem Genuß, o Göttin (Lok.Sg./Vok.)
dhanadhānyasamācite
mit Vermögen und Getreide angehäuft (Lok.Sg.)
Pāda b (lokān mānuṣeṣu) im Text etwas holprig; Wiedergabe sinngemäß.
Dies, o Göttin, sind die Wesen von großem Wohlstand, die der Freigebigkeit ergeben sind; sie wurden einst von Brahmā verkündet und sind allen lieb anzusehen.
Wort für Wort
ete devi mahābhogāḥ
diese, o Göttin, [sind] die mit großem Wohlstand (Nom.Pl./Vok.)
prāṇino dānaśīlinaḥ
die Wesen, der Gabe zugeneigt (Nom.Pl.)
brahmaṇā vai purā proktāḥ
von Brahmā wahrlich einst verkündet (Instr./Part.Pass.Nom.Pl.)
mārgārhasya ca ye mārgaṃ na yacchanty alpabuddhayaḥ; pādyārhasya ca ye pādyaṃ na dadaty alpabuddhayaḥ
die dem, der einen Weg verdient, den Weg nicht überlassen, die Geringverständigen, und die dem, der Fußwasser verdient, kein Fußwasser reichen, die Geringverständigen,
Wort für Wort
mārgārhasya ca ye mārgaṃ
und dem Wegwürdigen, die den Weg (Gen.Sg./Akk.Sg.)
na yacchanty alpabuddhayaḥ
nicht überlassen, die Geringverständigen (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
pādyārhasya ca ye pādyaṃ
und dem Fußwasserwürdigen, die Fußwasser (Gen.Sg./Akk.Sg.)
na dadaty alpabuddhayaḥ
nicht geben, die Geringverständigen (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
arghārhān na ca satkārair arcayanti yathāvidhi; arghyam ācamanīyaṃ vā na yacchanty alpabuddhayaḥ
die die Ehrengabe-Würdigen nicht mit Ehrungen nach der Vorschrift verehren und keine Ehrengabe und kein Mundspülwasser reichen, die Geringverständigen,
Wort für Wort
arghārhān na ca satkārair
die Ehrengabe-Würdigen nicht mit Ehrungen (Akk.Pl./Instr.Pl.)
arcayanti yathāvidhi
verehren sie nach der Vorschrift (3.Pl.Präs./Adv.)
arghyam ācamanīyaṃ vā
Ehrenwasser oder Mundspülwasser (Akk.Sg.n.)
na yacchanty alpabuddhayaḥ
nicht reichen sie, die Geringverständigen (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
na stambhī na ca mānī yo devatādvijapūjakaḥ; lokapūjyo namaskartā praśrito madhuraṃ vadan
Wer nicht starr und nicht dünkelhaft ist, die Götter und Zweimalgeborenen verehrt, von der Welt verehrt wird, sich verneigt, bescheiden ist und lieblich spricht,
Wort für Wort
na stambhī na ca mānī yo
wer nicht starr und nicht stolz ist (Nom.Sg.)
devatādvijapūjakaḥ
Verehrer der Götter und Zweimalgeborenen (Nom.Sg.)
Wer aber ein grausames Verhalten hat, allen Lebewesen Furcht einflößt – mit den Händen oder auch mit den Füßen, mit einem Strick oder wiederum mit einem Stock,
Wort für Wort
yas tu raudrasamācāraḥ
wer aber grausamen Wandels (Nom.Sg.)
sarvasattvabhayaṃkaraḥ
allen Wesen Furcht machend (Nom.Sg.)
hastābhyāṃ yadi vā padbhyāṃ
mit beiden Händen oder mit den Füßen (Instr.Du./Instr.Pl.)
rajjvā daṇḍena vā punaḥ
mit einem Strick oder mit einem Stock wiederum (Instr.Sg.)
mit Erdklumpen, Pfählen oder [anderen] Mitteln bedrängt er Lebewesen, du Schöne; zum Verletzen [sinnend], listenreich im Denken, jagt er [sie] auch in Schrecken.
Wort für Wort
loṣṭaiḥ stambhair upāyair vā
mit Erdklumpen, Pfählen oder Mitteln (Instr. Pl.)
jantūn bādhati
Lebewesen (Akk. Pl.) bedrängt er (3.Sg.Präs.)
śobhane
du Schöne (Vok. f.)
hiṃsārthaṃ
zum Zweck des Verletzens (Adv.)
nikṛtiprajñaḥ
wer im Denken auf Tücke sinnt (Nom. Sg. m., Kompositum)
prodvejayati caiva ha
und er erschreckt [sie] wahrlich (3.Sg.Kaus.Präs.)
Er wird für die Welt verhasst, der Niedrigste unter den Männern, durch die Früchte seiner eigenen Taten. So ist er unter den Menschen, o Göttin, unter Verwandten und Sippengenossen zu erkennen.
Wort für Wort
lokadveṣyo 'dhamaḥ puṃsāṃ
der Welt verhasst, der Niedrigste der Männer (Nom. Sg. m.; Gen. Pl.)
svayaṃ karmakṛtaiḥ phalaiḥ
selbst durch die von seinen Taten bewirkten Früchte (Instr. Pl.)
sa cet karmakṣayān martyo manuṣyeṣūpajāyate; alpābādho nirītīkaḥ sa jātaḥ sukham edhate
Wenn dieser Sterbliche nach dem Schwinden [seines] Karmas unter den Menschen geboren wird, so gedeiht er, als solcher geboren, glücklich, mit wenig Bedrängnis und frei von Plagen.
Wort für Wort
sa cet karmakṣayāt martyaḥ
wenn dieser Sterbliche nach Schwinden des Karmas (Abl. Sg.; Nom. Sg.)
manuṣyeṣūpajāyate
unter Menschen geboren wird (Lok. Pl.; 3.Sg.Präs. Med.)
alpābādho nirītīkaḥ
mit wenig Bedrängnis, frei von Plagen (Nom. Sg. m.)
sa jātaḥ sukham edhate
er, geboren, gedeiht glücklich (Part.Perf.Pass.; Adv.; 3.Sg.Präs. Med.)
umovāca; ime manuṣyā dṛśyante ūhāpohaviśāradāḥ; jñānavijñānasaṃpannāḥ prajñāvanto 'rthakovidāḥ; duṣprajñāś cāpare deva jñānavijñānavarjitāḥ
Umā sprach: „Es sind diese Menschen zu sehen, die in Abwägen und Verwerfen [von Gründen] bewandert sind, mit Wissen und Erkenntnis ausgestattet, weise und in Sachfragen kundig; andere aber, o Gott, sind schwachen Verstandes, ohne Wissen und Erkenntnis.
Wort für Wort
umovāca
Umā sprach (3.Sg.Perf.)
ime manuṣyā dṛśyante
diese Menschen sind zu sehen (Nom. Pl.; 3.Pl.Pass.Präs.)
ūhāpohaviśāradāḥ
im Erwägen und Verwerfen bewandert (Nom. Pl. m., Kompositum)
jñānavijñānasaṃpannāḥ prajñāvanto 'rthakovidāḥ
mit Wissen und Erkenntnis begabt, weise, sachkundig (Nom. Pl. m.)
duṣprajñāś cāpare deva
und andere, schwachen Verstandes, o Gott (Nom. Pl.; Vok.)
jñānavijñānavarjitāḥ
ohne Wissen und Erkenntnis (Nom. Pl. m.)
Der Satz setzt sich in Vers 44 fort; die Rede Umās beginnt mit dem Anführungszeichen und endet erst in Vers 44.
kena karmavipākena prajñāvān puruṣo bhavet; alpaprajño virūpākṣa kathaṃ bhavati mānavaḥ; etaṃ me saṃśayaṃ chinddhi sarvadharmavidāṃ vara
Durch welche Reifung der Taten wird ein Mann verständig? Wie wird ein Mensch geringen Verstandes, o Virūpākṣa? Löse mir diesen Zweifel, du Bester unter den Kennern aller Dharmas.“
Wort für Wort
kena karmavipākena
durch welche Reifung der Taten (Instr. Sg.)
prajñāvān puruṣo bhavet
ein verständiger Mann würde (Nom. Sg.; 3.Sg.Opt.)
alpaprajño virūpākṣa
von geringem Verstand, o Virūpākṣa (Nom. Sg.; Vok.)
kathaṃ bhavati mānavaḥ
wie wird der Mensch (Adv.; 3.Sg.Präs.; Nom. Sg.)
etaṃ me saṃśayaṃ chinddhi
diesen meinen Zweifel zerschneide (Akk.; Imp. 2.Sg.)
sarvadharmavidāṃ vara
du Bester der Kenner aller Dharmas (Gen. Pl.; Vok.)
sa cen mānuṣatāṃ yāti medhāvī tatra jāyate; śrutaṃ prajñānugaṃ cāsya kalyāṇam upajāyate
Wenn ein solcher zum Menschsein gelangt, wird er dort als Einsichtiger geboren; und Gelehrsamkeit, die dem Verstand folgt, stellt sich bei ihm als Heilvolles ein.
Wort für Wort
sa cen mānuṣatāṃ yāti
wenn er zum Menschsein gelangt (Akk. f.; 3.Sg.Präs.)
medhāvī tatra jāyate
als Einsichtiger wird er dort geboren (Nom. Sg.; 3.Sg.Präs. Med.)
śrutaṃ prajñānugaṃ cāsya
und das Gelernte, dem Verstand folgend, bei ihm (Nom. Sg. n.; Gen.)
kalyāṇam upajāyate
als Heilvolles entsteht (Nom. Sg. n.; 3.Sg.Präs. Med.)
ye tu mūḍhā durācārā viyonau maithune ratāḥ; puruṣeṣu suduṣprajñāḥ klībatvam upayānti te
Die aber, die töricht und von schlechtem Wandel sind und am Beischlaf in einer [dafür] nicht bestimmten Öffnung Gefallen finden, unter Männern äußerst unverständig, die gelangen zur Impotenz.
Wort für Wort
ye tu mūḍhā durācārāḥ
die aber Törichten, von schlechtem Wandel (Nom. Pl.)
viyonau maithune ratāḥ
am Beischlaf in einer falschen Öffnung erfreut (Lok. Sg.; Lok. Sg.; Nom. Pl.)
puruṣeṣu suduṣprajñāḥ
unter Männern äußerst unverständig (Lok. Pl.; Nom. Pl.)
klībatvam upayānti te
Impotenz erreichen sie (Akk. Sg. n.; 3.Pl.Präs.)
viyonau: wörtlich „in einer falschen Öffnung (Schoß)“; die Deutung als widernatürlicher Verkehr ist naheliegend, aber nicht ausdrücklich gesagt.
paśūṃś ca ye bandhayanti ye caiva gurutalpagāḥ; prakīrṇamaithunā ye ca klībā jāyanti te narāḥ
Und die, die Tiere fesseln, und die, die das Lager des Lehrers besteigen, und die, die wahllos Beischlaf treiben: diese Männer werden als Impotente geboren.
Wort für Wort
paśūṃś ca ye bandhayanti
und die, die Tiere fesseln (Akk. Pl.; 3.Pl.Kaus.Präs.)
ye caiva gurutalpagāḥ
und die, die das Lager des Lehrers besteigen (Nom. Pl.)
prakīrṇamaithunā ye ca
und die, die wahllos Beischlaf haben (Nom. Pl.)
klībā jāyanti te narāḥ
als Impotente werden jene Männer geboren (Nom. Pl.; 3.Pl.Präs. Med.)
Maheśvara sprach: „Wer stets den besseren Weg betritt und die Zweimalgeborenen befragt, nach Dharma suchend, Vorzüge begehrend, der gewinnt den Himmel.
Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (3.Sg.Perf.)
śreyāṃsaṃ mārgam ātiṣṭhan
den besseren Weg betretend (Akk. Sg.; Part.Präs.)
sadā yaḥ pṛcchate dvijān
wer stets die Zweimalgeborenen befragt (Adv.; 3.Sg.Präs. Med.; Akk. Pl.)
dharmānveṣī guṇākāṅkṣī
nach Dharma suchend, nach Vorzügen strebend (Nom. Sg. m.)
umovāca; apare svalpavijñānā dharmavidveṣiṇo narāḥ; brāhmaṇān vedaviduṣo necchanti parisarpitum
Umā sprach: „Andere Menschen wieder, von geringem Wissen, dem Dharma abgeneigt, wollen nicht zu Brāhmaṇas, den Veda-Kundigen, hingehen [um sie aufzusuchen].
vratavanto narāḥ ke cic chraddhādamaparāyaṇāḥ; avratā bhraṣṭaniyamās tathānye rākṣasopamāḥ
Manche Männer halten Gelübde und sind ganz auf Glauben und Selbstbeherrschung gerichtet; andere aber sind ohne Gelübde, haben die Observanzen aufgegeben, und wieder andere gleichen Rākṣasas;
Wort für Wort
vratavanto narāḥ ke cit
gelübdetreue Männer, manche (Nom. Pl.)
śraddhādamaparāyaṇāḥ
auf Glauben und Selbstzucht ausgerichtet (Nom. Pl. m., Kompositum)
avratā bhraṣṭaniyamāḥ
ohne Gelübde, mit aufgegebenen Regeln (Nom. Pl. m.)
maheśvara uvāca; āgamāl lokadharmāṇāṃ maryādāḥ pūrvanirmitāḥ; prāmāṇyenānuvartante dṛśyante hi dṛḍhavratāḥ
Maheśvara sprach: „Aus der Überlieferung [stammen] die Schranken der weltlichen Normen, die in alter Zeit festgesetzt wurden; sie werden als maßgebend befolgt, und man sieht [Menschen] von festen Gelübden.
Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (3.Sg.Perf.)
āgamāl lokadharmāṇāṃ
aus der Überlieferung, der weltlichen Normen (Abl. Sg.; Gen. Pl.)
te cet kālakṛtodyogāt saṃbhavantīha mānuṣāḥ; nirhomā nirvaṣaṭkārās te bhavanti narādhamāḥ
Wenn diese durch das von der Zeit bewirkte Streben hier als Menschen entstehen, werden sie ohne Feueropfer und ohne Vaṣaṭ-Ruf, die niedrigsten unter den Männern.
Wort für Wort
te cet kālakṛtodyogāt
wenn jene durch das von der Zeit bewirkte Streben [?] (Abl. Sg.)
saṃbhavantīha mānuṣāḥ
hier als Menschen entstehen (3.Pl.Präs.; Nom. Pl.)
nirhomā nirvaṣaṭkārāḥ
ohne Feueropfer, ohne Vaṣaṭ-Ruf (Nom. Pl. m.)
te bhavanti narādhamāḥ
sie werden die niedrigsten der Männer (3.Pl.Präs.; Nom. Pl.)
kālakṛtodyogāt: Deutung unsicher; wörtlich „aus dem von der Zeit gemachten Streben“ [?].
Dies alles, o Göttin, wurde von mir, um deinen Zweifel zu zerschneiden, dargelegt: das Meer des Dharma, [das] Gutes und Schlechtes der Menschen [umfasst].“
Wort für Wort
eṣa devi mayā sarvaḥ
dies alles, o Göttin, von mir (Nom.; Vok.; Instr.)
saṃśayacchedanāya te
zum Zerschneiden deines Zweifels (Dat. Sg.; Gen.)
kuśalākuśalo nṝṇāṃ
Gutes und Schlechtes der Menschen (Nom. Sg. m.; Gen. Pl.)
vyākhyāto dharmasāgaraḥ
dargelegt, das Meer des Dharma (Part.Perf.Pass.; Nom. Sg.)