Kapitel 117: māṃsabhakṣaṇādoṣaguṇakathana
Fleischessen und Fleischverzicht: Vorzüge der Gewaltlosigkeit und Mitleid mit allen Wesen
Yudhiṣṭhira fragt nach Vorzügen und Nachteilen des Fleischverzichts; Bhīṣma räumt den Reiz des Fleisches ein, preist aber Mitleid und Gewaltlosigkeit (ahiṃsā) als höchsten Dharma und nennt Ausnahmen für Opfer und Jagd der Kṣatriyas.
yudhiṣṭhira uvāca; ime vai mānavā loke bhṛśaṃ māṃsasya gṛddhinaḥ; visṛjya bhakṣān vividhān yathā rakṣogaṇās tathā
Yudhiṣṭhira sprach: „Diese Menschen in der Welt sind über die Maßen gierig nach Fleisch; die vielerlei [anderen] Speisen lassen sie beiseite [und verlangen danach] wie Scharen von Rakṣas.“
tatra me buddhir atraiva visarge parimuhyate; na manye rasataḥ kiṃ cin māṃsato 'stīha kiṃ cana
Darüber gerät mein Verstand gerade bei diesem Verzicht in Verwirrung; ich meine nicht, dass es hier dem Geschmack nach irgendetwas [Besseres] als Fleisch gäbe.
Wort für Wort
tatra me buddhiḥ
darüber (Lok.), mein Verstand (Gen./Nom.)
atra eva visarge
gerade bei diesem Verzicht (Lok.)
parimuhyate
gerät in Verwirrung (3.Sg.Pass./Med.Präs.)
na manye rasataḥ kiṃ cit
ich meine nicht, dem Geschmack nach etwas (1.Sg.Präs./Abl.-Adv.)
māṃsataḥ asti iha kiṃ cana
als Fleisch gibt es hier irgendetwas (Abl./3.Sg.Präs.)
yathaitad yādṛśaṃ caitad guṇā ye cāsya varjane; doṣā bhakṣayato ye ca tan me brūhi pitāmaha
Wie es sich damit verhält und von welcher Art es ist, welche Vorzüge im Meiden davon liegen und welche Nachteile dem entstehen, der es isst, das sage mir, Großvater.
Wort für Wort
yathā etad yādṛśaṃ ca etad
wie dies [sich verhält] und von welcher Art dies [ist]
guṇā ye ca asya varjane
und welche Vorzüge in seinem Meiden (Nom.Pl./Lok.)
doṣā bhakṣayato ye ca
und welche Nachteile dem Essenden (Nom.Pl./Gen.Part.)
tad me brūhi pitāmaha
das sage mir, Großvater (Imp.2.Sg./Vok.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (nur in einem Teil der Handschriften).
kṣatakṣīṇābhitaptānāṃ grāmyadharmaratāś ca ye; adhvanā karśitānāṃ ca na māṃsād vidyate param
Für Verwundete, Entkräftete und von Hitze Gequälte, für die, die dem Geschlechtsleben ergeben sind, und für die vom Wandern Abgezehrten gibt es nichts Besseres als Fleisch.
Wort für Wort
kṣata-kṣīṇa-abhitaptānām
für Verwundete, Entkräftete, Erhitzte (Gen.Pl., Dvandva)
grāmyadharmaratāḥ ca ye
und die, die am Geschlechtsleben Freude haben (Nom.Pl.)
adhvanā karśitānām ca
und für die durch den Weg Abgezehrten (Instr./Gen.Pl.)
na māṃsāt vidyate param
es gibt nichts Besseres als Fleisch (Abl./3.Sg.Pass./Nom.n.)
grāmyadharma (eigentlich ‚dörfliche Pflicht‘) meint hier den Geschlechtsverkehr; abhitapta kann auch ‚fieberkrank‘ heißen.
nāśo bhakṣaṇadoṣasya dānam eva satāṃ matam; kṣudhitānāṃ dvijānāṃ ca sarveṣāṃ caiva jīvanam; dattvā bhavati pūtātmā śraddhayā lobhavarjitaḥ; śikṣayanti na yācante darśayantaḥ svamūrtibhiḥ; avastheyam adānasya mā bhūd evaṃ bhavān iti; dānādyaiḥ suśucir māṃsaṃ punar naiva sa bhakṣayet
Die Vernichtung der Schuld des Essens ist allein das Geben: das ist die Meinung der Guten. [Geben] für Hungernde und für Brahmanen, und der Lebensunterhalt für alle: Nachdem man gegeben hat, wird man reinen Wesens, im Glauben, frei von Gier. Sie lehren, sie bitten nicht, indem sie durch ihre eigenen Gestalten zeigen: ‚Dies ist der Zustand des Nichtgebens; möge es dir nicht so ergehen.‘ Durch Gaben und dergleichen wohlgereinigt, soll er nie wieder Fleisch essen.
Wort für Wort
nāśaḥ bhakṣaṇadoṣasya
Vernichtung der Schuld des Essens (Nom./Gen.)
dānam eva satāṃ matam
das Geben allein ist der Guten Meinung (Nom.n./Gen.Pl.)
kṣudhitānāṃ dvijānāṃ ca sarveṣāṃ ca eva jīvanam
für Hungernde und Brahmanen, und für alle Lebensunterhalt (Gen.Pl.)
dattvā bhavati pūtātmā
nach dem Geben wird man reinen Wesens (Abs./3.Sg.Präs./Nom.)
śraddhayā lobhavarjitaḥ
mit Glauben, gierefrei (Instr./Nom.)
śikṣayanti na yācante
sie lehren, bitten nicht (3.Pl.Präs.)
darśayantaḥ svamūrtibhiḥ
zeigend durch ihre eigenen Gestalten (Part.Nom.Pl./Instr.Pl.)
avasthā iyam adānasya mā bhūd evaṃ bhavān iti
dieser Zustand des Nichtgebens: möge es dir nicht so sein [?] (Nom./Gen./Prohib.)
dānādyaiḥ suśuciḥ māṃsaṃ punar na eva sa bhakṣayet
durch Gaben usw. wohlgereinigt soll er Fleisch nie wieder essen (Instr.Pl./Nom./Opt.3.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage, syntaktisch teils unklar; die Verse 4–5 (‚śikṣayanti … bhavān iti‘) sind schwierig und nur vorläufig gedeutet.
ahiṃsālakṣaṇo dharma iti vedavido viduḥ; yad ahiṃsraṃ bhavet karma tat kuryād ātmavān naraḥ
Der Dharma hat die Gewaltlosigkeit zum Kennzeichen, so wissen die Veda-Kundigen; welches Handeln gewaltfrei ist, das soll der selbstbeherrschte Mensch tun.
Wort für Wort
ahiṃsā-lakṣaṇaḥ dharmaḥ
der Dharma, dessen Kennzeichen Gewaltlosigkeit ist (Nom.)
iti vedavidaḥ viduḥ
so wissen die Veda-Kenner (3.Pl.Perf.)
yat ahiṃsraṃ bhavet karma
welches Handeln gewaltfrei sei (Opt.3.Sg.)
tat kuryāt ātmavān naraḥ
das soll der selbstbeherrschte Mensch tun (Opt.3.Sg./Nom.)
pitṛdaivatayajñeṣu prokṣitaṃ havir ucyate; vidhinā vedadṛṣṭena tad bhuktveha na duṣyati
Bei Opfern für Ahnen und Götter heißt die Opfergabe ‚besprengt‘; nach der im Veda gesehenen Regel wird man, wenn man sie hier gegessen hat, nicht befleckt.
Wort für Wort
pitṛ-daivata-yajñeṣu
bei Opfern für Ahnen und Götter (Lok.Pl.)
prokṣitaṃ haviḥ ucyate
besprengte Opfergabe heißt es (Part.Nom./Nom./3.Sg.Pass.)
vidhinā veda-dṛṣṭena
durch die im Veda gesehene Regel (Instr.)
tad bhuktvā iha na duṣyati
hat man das gegessen, wird man hier nicht befleckt (Abs./3.Sg.Präs.)
kṣatriyāṇāṃ tu yo dṛṣṭo vidhis tam api me śṛṇu; vīryeṇopārjitaṃ māṃsaṃ yathā khādan na duṣyati
Auch die Regel, die für die Kṣatriyas gesehen ist, höre von mir: [nämlich,] wie man durch Heldenkraft erworbenes Fleisch essen kann, ohne befleckt zu werden.
Wort für Wort
kṣatriyāṇāṃ tu yaḥ dṛṣṭaḥ vidhiḥ
die für die Kṣatriyas gesehene Regel (Gen.Pl./Nom.)
tam api me śṛṇu
auch die höre von mir (Akk./Imp.)
vīryeṇa upārjitaṃ māṃsam
durch Heldenkraft erworbenes Fleisch (Instr./Part.Akk.)
yathā khādan na duṣyati
wie man essend nicht befleckt wird (Part.Nom./3.Sg.)
Die Waldtiere sind alle den Göttern geweiht, ringsum besprengt, König; von Agastya wurde einst, König, [dies so bestimmt], wodurch die Jagd in Ehren gehalten wird.
Wort für Wort
āraṇyāḥ sarva-daivatyāḥ
die Waldtiere sind allen Göttern geweiht (Nom.Pl.)
prokṣitāḥ sarvaśaḥ mṛgāḥ
ringsum besprengt, die Tiere (Part./Adv./Nom.Pl.)
agastyena purā rājan
von Agastya einst, König (Instr./Adv./Vok.)
mṛgayā yena pūjyate
wodurch die Jagd geehrt wird (Nom./Instr./3.Sg.Pass.)
Der Satz ‚agastyena … pūjyate‘ ist elliptisch; ergänzt ist eine Verfügung Agastyas.
Ohne sich selbst preiszugeben gibt es keine Jagd, die den Namen verdiente; auf gleicher Ebene [mit dem Wild] angelangt, mag man die Gestalt [d. h. das Tier] erschlagen oder nicht, König.
Wort für Wort
na ātmānam aparityajya
nicht ohne sich selbst preiszugeben (Akk./Abs.)
mṛgayā nāma vidyate
gibt es eine Jagd dem Namen nach (Nom./3.Sg.Pass.)
samatām upasaṃgamya
Gleichheit erreicht habend (Akk./Abs.)
rūpaṃ hanyāt na vā nṛpa
die Gestalt [?] möge er erschlagen oder nicht, König (Akk./Opt./Vok.)
Der zweite Halbvers ist unsicher: ‚rūpaṃ‘ ist unklar.
garbhavāseṣu pacyante kṣārāmlakaṭukai rasaiḥ; mūtraśleṣmapurīṣāṇāṃ sparśaiś ca bhṛśadāruṇaiḥ
In den Aufenthalten im Mutterleib werden sie gegart von scharfen, sauren und bitteren Säften und von den überaus schrecklichen Berührungen von Urin, Schleim und Kot.
Wort für Wort
garbha-vāseṣu pacyante
in den Aufenthalten im Mutterleib werden sie gegart (Lok.Pl./3.Pl.Pass.)
kṣāra-amla-kaṭukaiḥ rasaiḥ
von scharfen, sauren, bitteren Säften (Instr.Pl.)
mūtra-śleṣma-purīṣāṇām
von Urin, Schleim und Kot (Gen.Pl.)
sparśaiḥ ca bhṛśa-dāruṇaiḥ
und durch überaus schreckliche Berührungen (Instr.Pl.)
kumbhīpāke ca pacyante tāṃ tāṃ yonim upāgatāḥ; ākramya māryamāṇāś ca bhrāmyante vai punaḥ punaḥ
Im Kumbhīpāka [Höllenkessel] werden sie gegart, in jeden [Mutterschoß] und jede Existenzform eingegangen; überwältigt und getötet, werden sie wieder und wieder umhergetrieben.
Wort für Wort
kumbhīpāke ca pacyante
und im Kumbhīpāka werden sie gegart (Lok./3.Pl.Pass.)
tāṃ tāṃ yonim upāgatāḥ
in jeden Mutterschoß eingegangen (Akk./Part.Nom.Pl.)
ākramya māryamāṇāḥ ca
überwältigt und getötet werdend (Abs./Part.Pass.)
bhrāmyante vai punaḥ punaḥ
werden fürwahr umhergetrieben, immer wieder (3.Pl.Pass./Adv.)
Nichts auf Erden ist einem lieber als das eigene Selbst, wenn man der Sache nachgeht; darum soll man gegen alle Lebewesen mitleidig und selbstbeherrscht sein.
Wort für Wort
na ātmanaḥ asti priyataraḥ
nichts ist lieber als das Selbst (Abl./Komp.)
pṛthivyām anusṛtya ha
auf Erden, [der Sache] nachgehend fürwahr (Lok./Abs./Part.)
tasmāt prāṇiṣu sarveṣu
darum gegen alle Lebewesen (Lok.Pl.)
dayāvān ātmavān bhavet
soll mitleidig und selbstbeherrscht sein (Nom./Opt.3.Sg.)
māṃ sa bhakṣayate yasmād bhakṣayiṣye tam apy aham; etan māṃsasya māṃsatvam ato budhyasva bhārata
‚Mich isst er, weil ich ihn wiederum essen werde‘ [so die Wesen]: dies ist das Fleisch-Sein des Fleisches; darum begreife es, Bhārata.
Wort für Wort
mām saḥ bhakṣayate yasmāt
mich isst er, weil (Akk./Nom./3.Sg.Präs./Abl.)
bhakṣayiṣye tam api aham
werde ich auch ihn essen (1.Sg.Fut./Akk.)
etat māṃsasya māṃsatvam
dies ist das Fleisch-Sein des Fleisches (Nom./Gen./Nom.)
ataḥ budhyasva bhārata
darum begreife es, Bhārata (Imp.Med./Vok.)
Volksetymologie: māṃsa = ‚mām sa‘ (‚mich – er‘). Der erste Halbvers ist elliptisch wiedergegeben; ‚yasmāt‘ ... ‚tam‘ ist im Sanskrit ‚weil er mich isst, werde ich auch ihn essen‘.
Gewaltlosigkeit ist der höchste Dharma, ebenso ist Gewaltlosigkeit die höchste Selbstzügelung; Gewaltlosigkeit ist die höchste Gabe, Gewaltlosigkeit die höchste Askese.
Wort für Wort
ahiṃsā paramaḥ dharmaḥ
Gewaltlosigkeit ist der höchste Dharma (Nom.)
tathā ahiṃsā paraḥ damaḥ
ebenso Gewaltlosigkeit höchste Selbstzügelung (Nom.)
Gewaltlosigkeit ist das höchste Opfer, ebenso die höchste Kraft; Gewaltlosigkeit ist der höchste Freund, das höchste Glück, die höchste Wahrheit, die höchste Überlieferung [Gelehrsamkeit].
Von Agastya wurde einst, König, das Fleischessen im Wildland [?] [gestattet/geübt].
Wort für Wort
agastyena purā rājan
von Agastya einst, König (Instr./Adv./Vok.)
māṃsa-bhakṣaṃ tu
das Fleischessen aber (Akk./Nom.)
jāṅgale
im Wildland [?] (Lok.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage, fragmentarisch; das Verb fehlt, die Ergänzung ist unsicher.
etat phalam ahiṃsāyā bhūyaś ca kurupuṃgava; na hi śakyā guṇā vaktum iha varṣaśatair api
Dies ist die Frucht der Gewaltlosigkeit, und mehr noch, Stier der Kurus; die Vorzüge lassen sich hier nicht aussprechen, selbst in hundert Jahren nicht.
Wort für Wort
etat phalam ahiṃsāyāḥ
dies ist die Frucht der Gewaltlosigkeit (Nom./Gen.)
bhūyaḥ ca kurupuṃgava
und mehr noch, Stier der Kurus (Adv./Vok.)
na hi śakyāḥ guṇāḥ vaktum
denn nicht sind die Vorzüge auszusprechen möglich (Nom.Pl./Inf.)