Kapitel 36: śakraśambarasaṃvādaḥ brāhmaṇapūjā ca
Das Gespräch zwischen Śakra und Śambara: Warum man die Brahmanen ehren soll
Bhīṣma erzählt eine alte Geschichte: Der Asura Śambara nennt Indra (in Asketengestalt) den Grund seiner Überlegenheit, nämlich die Verehrung der Brahmanen und das Hören ihrer Lehre. Śambara beruft sich dabei auf seinen Vater und dessen Gespräch mit dem Mond (Soma); Indra ehrt daraufhin die Brahmanen und erlangt die Indra-Würde.
Śakra nämlich, in unerkannter Gestalt zu einem Asketen mit Filzlocken geworden, staubrot [gefärbt], nahm eine unansehnliche Gestalt an und stellte Śambara eine Frage.
Wort für Wort
śakraḥ hi ajñātarūpeṇa
Śakra nämlich, in unerkannter Gestalt (Nom.Sg.; Instr.Sg.)
jaṭī bhūtvā rajoruṇaḥ
zum Locken-Asketen geworden, staubrot (Abs.; Nom.Sg.)
virūpaṃ rūpam āsthāya
eine unansehnliche Gestalt angenommen habend (Akk.Sg.; Abs.)
praśnaṃ papraccha śambaram
fragte eine Frage den Śambara (Akk.Sg.; Perf.3.Sg.)
Śambara sprach: „Ich hege nie Groll gegen die Brahmanen und gegen Brahmā, den Ahnherrn. Wenn die Brahmanen die Lehrschriften vortragen, achte ich sie nach Herzenslust.“
Wort für Wort
śambaraḥ uvāca
Śambara sprach (Perf.)
na asūyāmi sadā viprān
ich grolle nicht, je, den Brahmanen (1.Sg.Präs.; Akk.Pl.)
brahmāṇaṃ ca pitāmaham
und Brahmā, dem Ahnherrn (Akk.Sg.)
śāstrāṇi vadataḥ viprān
die Lehrschriften vortragende Brahmanen (Akk.Pl.; Part.Präs.Akk.Pl.)
saṃmanyāmi yathāsukham
ich achte [sie] nach Behagen (1.Sg.Präs.; Adv.)
yathāsukham eher „ganz nach Behagen“, d. h. bereitwillig und gern.
„Und nachdem ich gehört habe, missachte ich [sie] nicht und vergehe mich nie [an ihnen]; die Verehrungswürdigen befrage ich, die Füße der Weisen umfasse ich.“
Wort für Wort
śrutvā ca na avajānāmi
und gehört habend, verachte ich nicht (Abs.; 1.Sg.Präs.)
na aparādhyāmi karhi cit
ich vergehe mich nie (1.Sg.Präs.)
abhyarcyān anupṛcchāmi
die Verehrungswürdigen befrage ich (Akk.Pl.; 1.Sg.Präs.)
pādau gṛhṇāmi dhīmatām
die Füße fasse ich der Weisen (Akk.Du.; 1.Sg.Präs.; Gen.Pl.)
te viśrabdhāḥ prabhāṣante saṃyacchanti ca māṃ sadā; pramatteṣv apramatto 'smi sadā supteṣu jāgṛmi
„Sie sprechen zutraulich zu mir und unterweisen mich stets [und halten mich in Zucht]. Unter den Nachlässigen bin ich achtsam, unter den Schlafenden wache ich stets.“
„Diese Lehrer [träufeln] mir, der ich auf dem Pfad der Lehrschrift [beständig] bin, den Brahmanen gewogen und ohne Groll, [ihre Unterweisung] ein, wie Bienen Honig.“
Wort für Wort
te mā śāstrapathe yuktam
sie mich, auf dem Pfad der Lehrschrift beständig (Nom.Pl.; Akk.Sg.; Lok.Sg.; Part.Akk.Sg.)
brahmaṇyam anasūyakam
den Brahmanen Ergebenen, Grollfreien (Akk.Sg.)
samāsiñcanti śāstāraḥ
beträufeln [mich], die Lehrer (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
kṣaudraṃ madhu iva makṣikāḥ
Honig gleichsam die Bienen (Akk.Sg.; Nom.Pl.)
samāsiñcanti wörtlich „begießen/beträufeln“; das Objekt (Unterweisung) ist ergänzt.
yac ca bhāṣanti te tuṣṭās tat tad gṛhṇāmi medhayā; samādhim ātmano nityam anulomam acintayan
„Und was sie, erfreut, sagen, das und jenes fasse ich mit dem Verstand auf, wobei ich meine eigene Geistessammlung stets als gefügig [ansehe und] nicht [darüber] grüble.“
Wort für Wort
yat ca bhāṣanti te tuṣṭāḥ
und was sie sagen, zufrieden (Rel.Akk.; 3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
tat tat gṛhṇāmi medhayā
das jeweils fasse ich auf mit Verstand (1.Sg.Präs.; Instr.Sg.)
samādhim ātmanaḥ nityam
die Sammlung des Selbst, stets (Akk.Sg.; Gen.Sg.)
anulomam acintayan
als gefügig, nicht grübelnd (Akk.Sg.; Part.Präs.Nom.Sg. mit a-)
Zweite Vershälfte (samādhim ātmano nityam anulomam acintayan) syntaktisch dunkel; die Wiedergabe ist unsicher [?].
so 'haṃ vāgagrasṛṣṭānāṃ rasānām avalehakaḥ; svajātyān adhitiṣṭhāmi nakṣatrāṇīva candramāḥ
„So bin ich einer, der die von der Spitze der Rede [der Brahmanen] ausgegangenen Säfte aufleckt; ich überrage die Meinesgleichen, wie der Mond die Sterne.“
Wort für Wort
saḥ aham vāgagrasṛṣṭānām
der ich, der von der Rede-Spitze entlassenen (Nom.Sg.; Gen.Pl.)
rasānām avalehakaḥ
der Säfte Auflecker (Gen.Pl.; Nom.Sg.)
svajātyān adhitiṣṭhāmi
die Meinesgleichen überrage ich (Akk.Pl.; 1.Sg.Präs.)
nakṣatrāṇi iva candramāḥ
die Sterne wie der Mond (Akk.Pl.; Nom.Sg.)
vāgagrasṛṣṭānām: „von der Spitze/dem Anfang der Rede entlassen“, ein Wortsaft von der Zungenspitze.
Der Nachtschaffer, so befragt, sagte dort zu jenen Vollendeten dies:
Wort für Wort
saḥ pṛṣṭaḥ
er, befragt (Nom.Sg.; Part.Pass.)
tān uvāca idam
zu ihnen sprach dies (Akk.Pl.; Perf.3.Sg.)
siddhān tatra
den Vollendeten dort (Akk.Pl.; Adv.)
niśākaraḥ
der Nachtschaffer (Nom.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nicht in allen Handschriften).
soma uvāca; brāhmaṇās tapasā sarve sidhyante vāgbalāḥ sadā; bhujavīryā hi rājāno vāgastrāś ca dvijātayaḥ
Soma sprach: „Die Brahmanen werden alle durch Askese vollendet, stets ist das Wort ihre Kraft; der Könige Stärke ist die Kraft des Armes, die Zweimalgeborenen aber haben das Wort als Waffe.“
Wort für Wort
soma uvāca
Soma sprach (Perf.)
brāhmaṇāḥ tapasā sarve sidhyante
die Brahmanen durch Askese alle werden vollendet (Nom.Pl.; Instr.Sg.; 3.Pl.Präs.Pass.)
vāgbalāḥ sadā
Wortkraft [habend], stets (Nom.Pl.)
bhujavīryāḥ hi rājānaḥ
Armes-Stärke [haben] ja die Könige (Nom.Pl.)
vāgastrāḥ ca dvijātayaḥ
und Wortwaffen [haben] die Zweimalgeborenen (Nom.Pl.)
„Auch in der Fremde weilend soll er studieren, in vielen schlechten Wohnstätten wohnend; ohne Zorn und ohne Dünkel soll der Bezähmte sein, gleichmütig blickend.“
Wort für Wort
pravasan vā api adhīyīta
in der Fremde weilend auch soll er studieren (Part.Präs.; Opt.3.Sg.Med.)
bahvīḥ durvasatīḥ vasan
viele üble Wohnstätten bewohnend (Akk.Pl.; Part.Präs.)
nirmanyuḥ api nirmānaḥ
zornlos auch, ohne Dünkel (Nom.Sg.)
yatiḥ syāt samadarśanaḥ
der Bezähmte sei, gleichmütig blickend (Nom.Sg.; Opt.3.Sg.)
Sinn von pravasan „in der Fremde weilend“ (fern vom Elternhaus); yati hier wohl allgemein „der Zügler seiner selbst“.
api cej jātisaṃpannaḥ sarvān vedān pitur gṛhe; ślāghamāna ivādhīyed grāmya ity eva taṃ viduḥ
„Selbst wenn er von edler Geburt ist und alle Veden im Haus des Vaters [studiert], dabei aber wie ein Prahler studiert, so kennt man ihn nur als ‚Dörfler‘.“
Wort für Wort
api cet jātisaṃpannaḥ
selbst wenn von Geburt ausgestattet (Nom.Sg.)
sarvān vedān pituḥ gṛhe
alle Veden im Haus des Vaters (Akk.Pl.; Gen.Sg.; Lok.Sg.)
ślāghamānaḥ iva adhīyīta
gleichsam prahlend soll er studieren [= studiert er] (Part.Präs.Med.; Opt.3.Sg.Med.)
grāmyaḥ iti eva tam viduḥ
„Dörfler“, so nur ihn kennen [sie] (Nom.Sg.; Akk.Sg.; 3.Pl.Perf.)
„Die Erde verschlingt diese beiden, wie die Schlange die in Höhlen Liegenden: den König, der nicht kämpft, und den Brahmanen, der nicht in die Fremde zieht.“
Wort für Wort
bhūmiḥ etau nigirati
die Erde diese beiden verschlingt (Nom.Sg.; Akk.Du.; 3.Sg.Präs.)
sarpaḥ bilaśayān iva
die Schlange die in Höhlen Liegenden gleichsam (Nom.Sg.; Akk.Pl.)
rājānaṃ ca api ayoddhāram
den König, den nicht Kämpfenden (Akk.Sg.)
brāhmaṇaṃ ca apravāsinam
und den Brahmanen, den nicht in der Fremde Weilenden (Akk.Sg.)
atimānaḥ śriyaṃ hanti puruṣasyālpamedhasaḥ; garbheṇa duṣyate kanyā gṛhavāsena ca dvijaḥ
„Übermäßiger Stolz zerstört das Glück eines Mannes von geringem Verstand; durch die Schwangerschaft wird das Mädchen verdorben und der Zweimalgeborene durch das Wohnen im [eigenen] Haus.“
Wort für Wort
atimānaḥ śriyaṃ hanti
übermäßiger Stolz das Glück zerstört (Nom.Sg.; Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
puruṣasya alpamedhasaḥ
eines Mannes von geringem Verstand (Gen.Sg.)
garbheṇa duṣyate kanyā
durch die Leibesfrucht wird verdorben das Mädchen (Instr.Sg.; 3.Sg.Pass.; Nom.Sg.)
gṛhavāsena ca dvijaḥ
und durch Hauswohnen der Zweimalgeborene (Instr.Sg.; Nom.Sg.)
vidyāvido lokavidas tapodamasamanvitāḥ; nityaṃ pūjyāś ca vandyāś ca dvijā lokadvayecchubhiḥ
„Die Wissenskundigen, Weltkundigen, mit Askese und Selbstbezähmung Begabten: die Zweimalgeborenen sind stets zu ehren und zu grüßen von denen, die [Gutes für] beide Welten wünschen.“
Wort für Wort
vidyāvidaḥ lokavidaḥ
Wissenskundige, Weltkundige (Nom.Pl.)
tapodamasamanvitāḥ
mit Askese und Selbstbezähmung begabt (Nom.Pl.)
nityaṃ pūjyāḥ ca vandyāḥ ca
stets zu ehren und zu grüßen (Adv.; Gerundiv Nom.Pl.)
dvijāḥ lokadvayecchubhiḥ
die Zweimalgeborenen, von den Beide-Welten-Wünschenden (Nom.Pl.; Instr.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nicht in allen Handschriften).
Bhīṣma sprach: „Als Śakra diese Rede vernommen hatte, die aus dem Mund des Herrn der Dānavas gekommen war, ehrte er die Zweimalgeborenen und erlangte das große Indra-Amt.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
śrutvā etat vacanaṃ śakraḥ
gehört habend diese Rede, Śakra (Abs.; Akk.Sg.; Nom.Sg.)
dānavendramukhāt cyutam
aus dem Mund des Dānava-Herrn gefallen (Abl.Sg.; Part.Akk.Sg.)
dvijān saṃpūjayām āsa
die Zweimalgeborenen ehrte (Akk.Pl.; Perf.periphr.)
mahendratvam avāpa ca
und das Großindra-tum erlangte (Akk.Sg.; Perf.3.Sg.)
mahendratva: „Großindra-Stellung“, die Würde des Indra.