Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Anuśāsanaparva

Kapitel 130: vānaprasthadharmaḥ tapaḥphalāni ca Pflichten der Waldeinsiedler und Frucht der Askese- und Yogaübungen

Umā befragt Maheśvara (Śiva) zu den Pflichten der Waldeinsiedler und der frei lebenden Asketen; Śiva schildert Riten, Entsagungsübungen und die jeweils erreichten Welten und betont Geradheit und Gewaltlosigkeit als Kern des Dharma.

umovāca; deśeṣu ramaṇīyeṣu girīṇāṃ nirjhareṣu ca; sravantīnāṃ ca kuñjeṣu parvatopavaneṣu ca

Umā sprach: „In lieblichen Gegenden, an den Wasserfällen der Berge, in den Dickichten der Flüsse und in den Bergwäldern …

Wort für Wort
umā uvāca
Umā sprach (Perf.)
deśeṣu ramaṇīyeṣu
in lieblichen Gegenden (Lok.Pl.)
girīṇāṃ nirjhareṣu ca
und an den Wasserfällen der Berge (Gen.Pl./Lok.Pl.)
sravantīnāṃ ca kuñjeṣu
und in den Dickichten der Flüsse (Gen.Pl./Lok.Pl.)
parvatopavaneṣu ca
und in den Bergwäldern (Lok.Pl.)

deśeṣu ca vicitreṣu phalavatsu samāhitāḥ; mūlavatsu ca deśeṣu vasanti niyatavratāḥ

… und in vielfältigen, fruchtreichen Gegenden wohnen [Asketen] gesammelt, ebenso in wurzelreichen Gegenden, mit festen Gelübden.

Wort für Wort
deśeṣu ca vicitreṣu
und in mannigfaltigen Gegenden (Lok.Pl.)
phalavatsu samāhitāḥ
in fruchtreichen, gesammelt (Lok.Pl./Nom.Pl.m.)
mūlavatsu ca deśeṣu
und in wurzelreichen Gegenden (Lok.Pl.)
vasanti niyatavratāḥ
wohnen die mit festen Gelübden (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)

teṣām api vidhiṃ puṇyaṃ śrotum icchāmi śaṃkara; vānaprastheṣu deveśa svaśarīropajīviṣu

Auch deren heilige Ordnung möchte ich hören, Śaṃkara, [nämlich] bei den Waldeinsiedlern, Herr der Götter, die von ihrem eigenen Körper leben.

Wort für Wort
teṣām api vidhiṃ puṇyam
auch deren heilige Ordnung (Gen.Pl./Akk.Sg.)
śrotum icchāmi
hören möchte ich (Inf./1.Sg.Präs.)
śaṃkara
Śaṃkara (Vok.)
vānaprastheṣu deveśa
bei den Waldeinsiedlern, Herr der Götter (Lok.Pl./Vok.)
svaśarīropajīviṣu
die von ihrem eigenen Körper leben (Lok.Pl.)

vānaprasthoñchavṛttīnāṃ tapovistṛtacetasām

[die] Waldeinsiedler, die von Ährenlese leben und deren Geist durch Askese geweitet ist.

Wort für Wort
vānaprastha
Waldeinsiedler (Kompositum-Vorderglied)
uñchavṛttīnām
die von Ährenlese leben (Gen.Pl.)
tapovistṛtacetasām
deren Geist durch Askese geweitet ist (Gen.Pl., Bahuvrīhi)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

maheśvara uvāca; vānaprastheṣu yo dharmas taṃ me śṛṇu samāhitā; śrutvā caikamanā devi dharmabuddhiparā bhava

Maheśvara sprach: „Die Pflicht, die es bei den Waldeinsiedlern gibt, die höre von mir, Gesammelte; und wenn du sie gehört hast, Göttin, sei einsgerichteten Geistes und ganz auf die Einsicht in den Dharma bedacht.

Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (Perf.)
vānaprastheṣu yo dharmaḥ
die Pflicht, die bei Waldeinsiedlern [gilt] (Lok.Pl./Nom.Sg.)
taṃ me śṛṇu samāhitā
diese höre von mir, Gesammelte (Akk./Imp.2.Sg./Vok.f.)
śrutvā caikamanā
und nach dem Hören einsgerichteten Geistes (Abs./Nom.m.)
devi dharmabuddhiparā bhava
Göttin, sei auf Dharma-Einsicht ausgerichtet (Vok./Imp.2.Sg.)

saṃsiddhair niyataiḥ sadbhir vanavāsam upāgataiḥ; vānaprasthair idaṃ karma kartavyaṃ śṛṇu yādṛśam

Von den vollendeten, gezügelten, guten Waldeinsiedlern, die den Aufenthalt im Wald angetreten haben, ist diese Handlung zu vollziehen; höre, wie sie beschaffen ist.

Wort für Wort
saṃsiddhair niyataiḥ sadbhiḥ
von den Vollendeten, Gezügelten, Guten (Instr.Pl.)
vanavāsam upāgataiḥ
die den Waldaufenthalt angetreten haben (Instr.Pl., Part.Perf.)
vānaprasthair idaṃ karma
von Waldeinsiedlern dieses Werk (Instr.Pl./Nom.Sg.n.)
kartavyaṃ śṛṇu yādṛśam
ist zu tun; höre, wie beschaffen (Gerundiv/Imp.2.Sg./Akk.)

trikālam abhiṣekārthaḥ pitṛdevārcanaṃ kriyā; agnihotraparispanda iṣṭihomavidhis tathā

Dreimal täglich das Baden, die Verehrung der Ahnen und Götter als Handlung, das Vollziehen des Agnihotra sowie die Regel für Iṣṭi- und Homa-Opfer.

Wort für Wort
trikālam abhiṣekārthaḥ
dreimal täglich das Bad (Adv./Nom.Sg.)
pitṛdevārcanaṃ kriyā
Verehrung der Ahnen und Götter, Handlung (Nom.Sg.)
agnihotraparispandaḥ
Vollzug des Agnihotra (Nom.Sg.)
iṣṭihomavidhiḥ tathā
und ebenso die Regel für Iṣṭi- und Homa-Opfer (Nom.Sg.)

nīvāragrahaṇaṃ caiva phalamūlaniṣevaṇam; iṅgudair aṇḍatailānāṃ snehārthaṃ ca niṣevaṇam

Das Einsammeln von wildem Reis und der Genuss von Früchten und Wurzeln, und zur Salbung der Gebrauch von Iṅgudī-Ölen [?].

Wort für Wort
nīvāragrahaṇaṃ caiva
und das Sammeln von wildem Reis (Nom.Sg.)
phalamūlaniṣevaṇam
Genuss von Früchten und Wurzeln (Nom.Sg.)
iṅgudair aṇḍatailānām
mit Iṅgudī-Früchten, von ‚aṇḍa‘-Ölen [?] (Instr.Pl./Gen.Pl.)
snehārthaṃ ca niṣevaṇam
und der Gebrauch zum Salben (Nom.Sg.)

aṇḍatailānām ist unklar (evtl. „Öl aus Eiern/Kernen“ oder verderbt); iṅgudaiḥ vermutlich Iṅgudī-Nüsse.

yogacaryākṛtaiḥ siddhaiḥ kāmakrodhavivarjanam; vīraśayyām upāsadbhir vīrasthānopasevibhiḥ

Von den durch Yoga-Übung Vollendeten das Meiden von Begierde und Zorn; von denen, die das Heldenlager einnehmen und sich an Heldenstätten aufhalten …

Wort für Wort
yogacaryākṛtaiḥ siddhaiḥ
von den durch Yogapraxis Vollendeten (Instr.Pl.)
kāmakrodhavivarjanam
Meidung von Begierde und Zorn (Nom.Sg.)
vīraśayyām upāsadbhiḥ
von denen, die das Heldenlager aufsuchen (Instr.Pl., Part.Präs.)
vīrasthānopasevibhiḥ
die Heldenstätten aufsuchen (Instr.Pl.)

yuktair yogavahaiḥ sadbhir grīṣme pañcatapais tathā; maṇḍūkayoganiyatair yathānyāyaniṣevibhiḥ

… von den Gesammelten, Yoga-Tragenden, Guten, und im Sommer ebenso mit den fünf Feuern; von denen, die im Froschyoga gefestigt sind und sich der Regel gemäß üben.

Wort für Wort
yuktair yogavahaiḥ sadbhiḥ
von den Gesammelten, Yoga-Tragenden, Guten (Instr.Pl.)
grīṣme pañcatapais tathā
im Sommer und ebenso mit den fünf Feuern (Lok.Sg./Instr.Pl.)
maṇḍūkayoganiyataiḥ
die im Froschyoga gefestigt sind (Instr.Pl.)
yathānyāyaniṣevibhiḥ
die regelgemäß üben (Instr.Pl.)

vīrāsanagatair nityaṃ sthaṇḍile śayanais tathā; śītayogo 'gniyogaś ca cartavyo dharmabuddhibhiḥ

Von denen, die stets im Heldensitz verharren und ebenso auf dem bloßen Boden schlafen, ist von den auf den Dharma Bedachten Kälte-Yoga und Feuer-Yoga auszuüben.

Wort für Wort
vīrāsanagatair nityam
von denen, die stets im Heldensitz sind (Instr.Pl./Adv.)
sthaṇḍile śayanais tathā
und ebenso auf dem Opferplatz/bloßen Boden Schlafenden (Lok.Sg./Instr.Pl.)
śītayogo ’gniyogaś ca
Kälte-Yoga und Feuer-Yoga (Nom.Sg.)
kartavyo dharmabuddhibhiḥ
ist zu üben von den Dharma-Gesinnten (Gerundiv/Instr.Pl.)

cartavyaḥ ist als kartavyaḥ gelesen.

abbhakṣair vāyubhakṣaiś ca śaivālottarabhojanaiḥ; aśmakuṭṭais tathā dāntaiḥ saṃprakṣālais tathāparaiḥ

Von Wasseresser, Luftessern, denen, die Wasserpflanzen als vornehmste Speise haben, ebenso von Steinklopfern, Gezähmten und anderen, die [alles] abspülen …

Wort für Wort
abbhakṣair vāyubhakṣaiś ca
von Wasserverzehrern und Luftverzehrern (Instr.Pl.)
śaivālottarabhojanaiḥ
mit Wasserpflanzen als Hauptspeise (Instr.Pl.)
aśmakuṭṭais tathā dāntaiḥ
ebenso von Steinklopfern, Gezähmten (Instr.Pl.)
saṃprakṣālais tathāparaiḥ
von Abspülenden und anderen (Instr.Pl.)

aśmakuṭṭa: Asketen, die Körner mit Steinen zerklopfen; saṃprakṣāla: die ihre Speise abspülen und nichts aufbewahren.

cīravalkalasaṃvītair mṛgacarmanivāsibhiḥ; kāryā yātrā yathākālaṃ yathādharmaṃ yathāvidhi

… in Bast und Baumrinde gehüllt, in Antilopenfell gekleidet: so ist die Lebensführung zu vollziehen, zur rechten Zeit, gemäß dem Dharma, gemäß der Vorschrift.

Wort für Wort
cīravalkalasaṃvītaiḥ
in Bastgewand und Rinde gehüllt (Instr.Pl.)
mṛgacarmanivāsibhiḥ
in Antilopenfell Wohnende/Gekleidete (Instr.Pl.)
kāryā yātrā yathākālam
die Lebensführung ist zu vollziehen, zeitgemäß (Gerundiv/Nom.Sg.f./Adv.)
yathādharmaṃ yathāvidhi
dharmagemäß, vorschriftsgemäß (Adv.)

vananityair vanacarair vanapair vanagocaraiḥ; vanaṃ gurum ivāsādya vastavyaṃ vanajīvibhiḥ

Von den ständig im Wald Lebenden, Waldwanderern, Waldhütern, im Wald Weilenden ist, wenn sie den Wald wie einen Lehrer aufgesucht haben, von den vom Wald Lebenden [dort] zu wohnen.

Wort für Wort
vananityair vanacaraiḥ
von im Wald Beständigen, Waldwanderern (Instr.Pl.)
vanapair vanagocaraiḥ
von Waldhütern, im Wald Weilenden (Instr.Pl.)
vanaṃ gurum iva āsādya
den Wald wie einen Lehrer erreicht habend (Akk./Abs.)
vastavyaṃ vanajīvibhiḥ
ist zu wohnen von vom Wald Lebenden (Gerundiv/Instr.Pl.)

vanapaiḥ: „Waldhüter/-schützer“ oder „Wald-Trinker“ – Bedeutung unsicher.

teṣāṃ homakriyā dharmaḥ pañcayajñaniṣevaṇam; nāgapañcamayajñasya vedoktasyānupālanam

Deren Pflicht ist das Homa-Ritual, die Ausübung der fünf Opfer und die Einhaltung des vedisch gelehrten Nāga-Pañcamī-Opfers [?].

Wort für Wort
teṣāṃ homakriyā dharmaḥ
deren Pflicht ist das Homa-Ritual (Gen.Pl./Nom.Sg.)
pañcayajñaniṣevaṇam
Ausübung der fünf Opfer (Nom.Sg.)
nāgapañcamayajñasya
des Nāga-Pañcama-Opfers [?] (Gen.Sg.)
vedoktasyānupālanam
des im Veda Gelehrten Einhaltung (Gen.Sg./Nom.Sg.)

nāgapañcamayajña unklar; wörtlich etwa „Opfer der Schlangen-Fünften“ oder „Opfer der fünf Nāgas“.

aṣṭamīyajñaparatā cāturmāsyaniṣevaṇam; paurṇamāsyāṃ tu yo yajño nityayajñas tathaiva ca

Die Hingabe an das Aṣṭamī-Opfer, die Ausübung der Cāturmāsya-Opfer, das Opfer am Vollmondtag und ebenso das tägliche Opfer.

Wort für Wort
aṣṭamīyajñaparatā
Hingabe an das Aṣṭamī-Opfer (Nom.Sg.f.)
cāturmāsyaniṣevaṇam
Ausübung der Cāturmāsya-Opfer (Nom.Sg.)
paurṇamāsyāṃ tu yo yajñaḥ
und das Opfer, das am Vollmond [stattfindet] (Lok.Sg./Nom.Sg.)
nityayajñas tathaiva ca
und ebenso das tägliche Opfer (Nom.Sg.)

vimuktā dārasaṃyogair vimuktāḥ sarvasaṃkaraiḥ; vimuktāḥ sarvapāpaiś ca caranti munayo vane

Frei vom Umgang mit Ehefrauen, frei von allen Vermischungen, frei von allen Sünden wandeln die Weisen im Wald.

Wort für Wort
vimuktā dārasaṃyogaiḥ
gelöst von Verbindungen mit Ehefrauen (Nom.Pl./Instr.Pl.)
vimuktāḥ sarvasaṃkaraiḥ
gelöst von allen Vermischungen (Nom.Pl./Instr.Pl.)
vimuktāḥ sarvapāpaiś ca
und gelöst von allen Sünden (Nom.Pl./Instr.Pl.)
caranti munayo vane
wandeln die Weisen im Wald (3.Pl.Präs./Nom.Pl./Lok.Sg.)

srugbhāṇḍaparamā nityaṃ tretāgniśaraṇāḥ sadā; santaḥ satpathanityā ye te yānti paramāṃ gatim

Die stets Opferlöffel und Gefäße als Höchstes [haben] und stets beim Dreifeuer Zuflucht nehmen, die Guten, die beständig auf dem guten Pfad sind, gehen zum höchsten Ziel.

Wort für Wort
srugbhāṇḍaparamā nityam
denen Löffel und Gefäße das Höchste sind, stets (Nom.Pl./Adv.)
tretāgniśaraṇāḥ sadā
die im Dreifeuer Zuflucht haben, allezeit (Nom.Pl./Adv.)
santaḥ satpathanityā ye
die Guten, die stets auf gutem Pfad sind (Nom.Pl./Rel.)
te yānti paramāṃ gatim
die gehen zum höchsten Ziel (3.Pl.Präs./Akk.Sg.)

brahmalokaṃ mahāpuṇyaṃ somalokaṃ ca śāśvatam; gacchanti munayaḥ siddhā ṛṣidharmavyapāśrayāt

Zur sehr heiligen Brahmāwelt und zur ewigen Somawelt gelangen die vollendeten Weisen, weil sie sich auf die Pflicht der Ṛṣis stützen.

Wort für Wort
brahmalokaṃ mahāpuṇyam
die Brahmāwelt, sehr heilige (Akk.Sg.)
somalokaṃ ca śāśvatam
und die Somawelt, ewige (Akk.Sg.)
gacchanti munayaḥ siddhāḥ
gehen die Weisen, Vollendeten (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
ṛṣidharmavyapāśrayāt
wegen der Stütze auf die Ṛṣi-Pflicht (Abl.Sg.)

eṣa dharmo mayā devi vānaprasthāśritaḥ śubhaḥ; vistareṇārthasaṃpanno yathāsthūlam udāhṛtaḥ

Dies ist, Göttin, die von mir dargelegte heilsame Pflicht, die die Waldeinsiedler betrifft, reich an Sinn, ausführlich und im Groben wiedergegeben.

Wort für Wort
eṣa dharmo mayā devi
dies ist die Pflicht, von mir, Göttin (Nom.Sg./Instr./Vok.)
vānaprasthāśritaḥ śubhaḥ
die Waldeinsiedler betreffend, heilsam (Nom.Sg.m.)
vistareṇārthasaṃpannaḥ
mit Ausführlichkeit, reich an Sinn (Instr.Sg./Nom.Sg.)
yathāsthūlam udāhṛtaḥ
im Groben dargelegt (Adv./Part.Perf.Pass.)

vistareṇa und yathāsthūlam stehen in gewisser Spannung („ausführlich“ / „im Groben“).

umovāca; bhagavan devadeveśa sarvabhūtanamaskṛta; yo dharmo munisaṃghasya siddhivādeṣu taṃ vada

Umā sprach: „Erhabener, Gott der Götter, von allen Wesen Verehrter, die Pflicht der Weisenschar in den Lehren von der Vollendung, die nenne mir.

Wort für Wort
umā uvāca
Umā sprach (Perf.)
bhagavan devadeveśa
Erhabener, Herr der Götter der Götter (Vok.)
sarvabhūtanamaskṛta
von allen Wesen Verehrter (Vok.)
yo dharmo munisaṃghasya
die Pflicht, die der Weisenschar [gilt] (Nom.Sg./Gen.Sg.)
siddhivādeṣu taṃ vada
in den Siddhi-Lehren, diese nenne (Lok.Pl./Akk./Imp.2.Sg.)

siddhivādeṣu saṃsiddhās tathā vananivāsinaḥ; svairiṇo dārasaṃyuktās teṣāṃ dharmaḥ kathaṃ smṛtaḥ

Die in den Siddhi-Lehren Vollendeten, ebenso die im Wald Wohnenden, frei Wandelnden, mit Ehefrauen Verbundenen: wie ist deren Pflicht überliefert?

Wort für Wort
siddhivādeṣu saṃsiddhāḥ
in den Siddhi-Lehren Vollendete (Lok.Pl./Nom.Pl.)
tathā vananivāsinaḥ
ebenso im Wald Wohnende (Nom.Pl.)
svairiṇo dārasaṃyuktāḥ
frei Wandelnde, mit Ehefrauen Verbundene (Nom.Pl.)
teṣāṃ dharmaḥ kathaṃ smṛtaḥ
deren Pflicht, wie ist sie überliefert (Gen.Pl./Nom.Sg./Part.Perf.Pass.)

maheśvara uvāca; svairiṇas tāpasā devi sarve dāravihāriṇaḥ; teṣāṃ mauṇḍyaṃ kaṣāyaś ca vāsarātriś ca kāraṇam

Maheśvara sprach: „Die frei wandelnden Asketen, Göttin, alle mit Frauen umherziehend: bei ihnen sind Kahlgeschorenheit, das ockerfarbene Gewand und [das Verweilen] bei Tag und Nacht [?] das Kennzeichen.

Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (Perf.)
svairiṇas tāpasā devi
die frei wandelnden Asketen, Göttin (Nom.Pl./Vok.)
sarve dāravihāriṇaḥ
alle mit Frauen umherziehend (Nom.Pl.)
teṣāṃ mauṇḍyaṃ kaṣāyaś ca
bei ihnen Kahlheit und ockerfarbenes Gewand (Gen.Pl./Nom.Sg.)
vāsarātriś ca kāraṇam
und Tag und Nacht [?] als Kennzeichen/Grund (Nom.Sg.)

vāsarātriś ca kāraṇam ist unsicher; evtl. „Wohnen (vāsa) und Nacht (rātri)“ o. Ä.

trikālam abhiṣekaś ca hotraṃ tv ṛṣikṛtaṃ mahat; samādhiḥ satpathasthānaṃ yathoditaniṣevaṇam

Dreimal täglich das Baden, das große von den Ṛṣis eingesetzte Opferwerk, die Sammlung, das Verbleiben auf dem guten Pfad und die Befolgung des Gesagten.

Wort für Wort
trikālam abhiṣekaś ca
und dreimal täglich das Bad (Adv./Nom.Sg.)
hotraṃ tv ṛṣikṛtaṃ mahat
das große, von Ṛṣis bestimmte Opferwerk (Nom.Sg.n.)
samādhiḥ satpathasthānam
Sammlung, Verbleiben auf gutem Pfad (Nom.Sg.)
yathoditaniṣevaṇam
Befolgung des Gesagten (Nom.Sg.)

ye ca te pūrvakathitā dharmā vananivāsinām; yadi sevanti dharmāṃs tān āpnuvanti tapaḥphalam

Und diese zuvor genannten Pflichten der Waldbewohner: wenn sie diese Pflichten befolgen, erlangen sie die Frucht der Askese.

Wort für Wort
ye ca te pūrvakathitāḥ
und welche diese zuvor genannten (Rel./Nom.Pl.)
dharmā vananivāsinām
Pflichten der Waldbewohner (Nom.Pl./Gen.Pl.)
yadi sevanti dharmāṃs tān
wenn sie diese Pflichten befolgen (3.Pl.Präs./Akk.Pl.)
āpnuvanti tapaḥphalam
erlangen sie die Frucht der Askese (3.Pl.Präs./Akk.Sg.)

ye ca daṃpatidharmāṇaḥ svadāraniyatendriyāḥ; caranti vidhidṛṣṭaṃ tad ṛtukālābhigāminaḥ

Und die, die die Pflichten von Ehepaaren haben, in den Sinnen bei der eigenen Frau gezügelt, üben das vorschriftsgemäß Gesehene, indem sie [ihr] zur Zeit der Fruchtbarkeit nahen.

Wort für Wort
ye ca daṃpatidharmāṇaḥ
und die Ehepaar-Pflichten Habenden (Nom.Pl.)
svadāraniyatendriyāḥ
in den Sinnen an die eigene Frau gebunden (Nom.Pl.)
caranti vidhidṛṣṭaṃ tad
üben das vorschriftsgemäß Gesehene (3.Pl.Präs./Akk.Sg.)
ṛtukālābhigāminaḥ
zur Empfängniszeit Nahende (Nom.Pl.)

teṣām ṛṣikṛto dharmo dharmiṇām upapadyate; na kāmakārāt kāmo 'nyaḥ saṃsevyo dharmadarśibhiḥ

Für diese Pflichtbewussten gilt die von den Ṛṣis begründete Pflicht; nicht ist ein anderes Begehren als [das] aus freier Willkür von den Dharma-Sehenden zu pflegen [?].

Wort für Wort
teṣām ṛṣikṛto dharmaḥ
für sie die von Ṛṣis geschaffene Pflicht (Gen.Pl./Nom.Sg.)
dharmiṇām upapadyate
für die Pflichtbewussten trifft zu (Gen.Pl./3.Sg.Pass.)
na kāmakārāt kāmo ’nyaḥ
nicht ein anderes Begehren als aus Willkür [?] (Abl.Sg./Nom.Sg.)
saṃsevyo dharmadarśibhiḥ
ist zu pflegen von Dharma-Sehenden (Gerundiv/Instr.Pl.)

na kāmakārāt kāmo ’nyaḥ ist syntaktisch schwierig.

sarvabhūteṣu yaḥ samyag dadāty abhayadakṣiṇām; hiṃsāroṣavimuktātmā sa vai dharmeṇa yujyate

Wer allen Wesen recht die Gabe der Furchtlosigkeit gibt, dessen Selbst frei von Gewalt und Zorn ist, der ist wahrlich mit dem Dharma verbunden.

Wort für Wort
sarvabhūteṣu yaḥ samyak
wer bei allen Wesen recht (Lok.Pl./Nom.Sg./Adv.)
dadāty abhayadakṣiṇām
gibt die Gabe der Furchtlosigkeit (3.Sg.Präs./Akk.Sg.)
hiṃsāroṣavimuktātmā
dessen Selbst frei von Gewalt und Zorn (Nom.Sg.)
sa vai dharmeṇa yujyate
der ist wahrlich mit Dharma verbunden (Nom./3.Sg.Pass.)

sarvabhūtānukampī yaḥ sarvabhūtārjavavrataḥ; sarvabhūtātmabhūtaś ca sa vai dharmeṇa yujyate

Wer mit allen Wesen mitfühlt, dem Gelübde der Geradheit gegenüber allen Wesen [ergeben], und wer das Selbst aller Wesen geworden ist, der ist wahrlich mit dem Dharma verbunden.

Wort für Wort
sarvabhūtānukampī yaḥ
wer mit allen Wesen mitfühlend (Nom.Sg.)
sarvabhūtārjavavrataḥ
dem Gelübde der Geradheit gegen alle Wesen [ergeben] (Nom.Sg.)
sarvabhūtātmabhūtaś ca
und wer zum Selbst aller Wesen geworden (Nom.Sg.)
sa vai dharmeṇa yujyate
der ist wahrlich mit Dharma verbunden (Nom./3.Sg.Pass.)

sarvavedeṣu vā snānaṃ sarvabhūteṣu cārjavam; ubhe ete same syātām ārjavaṃ vā viśiṣyate

Das Bad in allen Veden und die Geradheit gegenüber allen Wesen – diese beiden mögen einander gleich sein, oder die Geradheit ragt [sogar] hervor.

Wort für Wort
sarvavedeṣu vā snānam
oder das Bad in allen Veden (Lok.Pl./Nom.Sg.)
sarvabhūteṣu ca ārjavam
und die Geradheit gegenüber allen Wesen (Lok.Pl./Nom.Sg.)
ubhe ete same syātām
diese beiden mögen gleich sein (Nom.Du.; Opt.3.Du.)
ārjavaṃ vā viśiṣyate
oder die Geradheit ragt hervor (Nom.Sg.; Pass.3.Sg.)

ārjavaṃ dharma ity āhur adharmo jihma ucyate; ārjaveneha saṃyukto naro dharmeṇa yujyate

Geradheit, sagt man, ist Dharma; Krummheit wird Adharma genannt. Der Mensch, der hier mit Geradheit verbunden ist, wird mit Dharma verbunden.

Wort für Wort
ārjavaṃ dharma ity āhuḥ
Geradheit [sei] Dharma, sagt man (Akk.Sg.; Perf.3.Pl.)
adharmo jihma ucyate
Adharma wird ‚krumm‘ genannt (Nom.Sg.; Pass.3.Sg.)
ārjavena iha saṃyuktaḥ
durch Geradheit hier verbunden (Instr.Sg.; Part.Pass.Nom.Sg.)
naro dharmeṇa yujyate
der Mensch wird mit Dharma verbunden (Nom.Sg.; Instr.Sg.; Pass.3.Sg.)

ārjavo bhuvane nityaṃ vasaty amarasaṃnidhau; tasmād ārjavanityaḥ syād ya icched dharmam ātmanaḥ

Der Gerade weilt stets in der Welt in der Nähe der Unsterblichen. Darum soll stets der Geradheit ergeben sein, wer Dharma für sich wünscht.

Wort für Wort
ārjavo bhuvane nityam
der Gerade in der Welt stets (Nom.Sg.; Lok.Sg.; Adv.)
vasati amarasaṃnidhau
weilt in der Nähe der Unsterblichen (3.Sg.Präs.; Lok.Sg.)
tasmād ārjavanityaḥ syāt
darum soll er stets der Geradheit ergeben sein (Abl.; Nom.Sg.; Opt.3.Sg.)
yaḥ icchet dharmam ātmanaḥ
wer Dharma für sich wünschen mag (Rel.Nom.; Opt.3.Sg.; Akk.Sg.; Gen.Sg.)

kṣānto dānto jitakrodho dharmabhūto 'vihiṃsakaḥ; dharme ratamanā nityaṃ naro dharmeṇa yujyate

Der Nachsichtige, Gezähmte, der den Zorn Besiegte, dem Dharma zum Wesen geworden ist, der Nichtverletzende, der stets sein Herz am Dharma erfreut – ein solcher Mensch wird mit Dharma verbunden.

Wort für Wort
kṣāntaḥ dāntaḥ jitakrodhaḥ
nachsichtig, gezähmt, den Zorn besiegt (Part.Nom.Sg.; Bahuvrīhi)
dharmabhūtaḥ avihiṃsakaḥ
zum Dharma geworden, nichtverletzend (Kompositum/Nom.Sg.)
dharme ratamanāḥ nityam
am Dharma sein Herz erfreuend, stets (Lok.Sg.; Bahuvrīhi Nom.Sg.)
naro dharmeṇa yujyate
der Mensch wird mit Dharma verbunden (Nom.Sg.; Instr.Sg.; Pass.3.Sg.)

vyapetatandro dharmātmā śakyā satpatham āśritaḥ; cāritraparamo buddho brahmabhūyāya kalpate

Frei von Trägheit, dessen Selbst Dharma ist, [so] den guten Pfad betreten habend – soweit möglich [?] –, im Wandel höchstes Ziel besitzend, erwacht: er wird tauglich zum Brahman-Werden.

Wort für Wort
vyapetatandro dharmātmā
frei von Trägheit, dharma-selig (Bahuvrīhi Nom.Sg.)
śakyā [?]
möglich/nach Vermögen (Nom.Sg.f. – Text unsicher)
satpatham āśritaḥ
den guten Pfad betreten habend (Akk.Sg.; Part.Pass.Nom.Sg.)
cāritraparamo buddhaḥ
im Wandel das Höchste besitzend, erwacht (Bahuvrīhi; Part.Nom.Sg.)
brahmabhūyāya kalpate
wird tauglich zum Brahman-Sein (Dat.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)

śakyā (Nom.Sg.f.) passt grammatisch nicht zum Bezug; vermutlich verderbt, evtl. śaktyā ‚nach Vermögen‘ gemeint.

umovāca; āśramābhiratā deva tāpasā ye tapodhanāḥ; dīptimantaḥ kayā caiva caryayātha bhavanti te

Umā sprach: „Göttlicher, die Asketen, die am Einsiedlerleben Freude haben und die Askese zum Reichtum haben – durch welche Lebensführung werden sie leuchtend?“

Wort für Wort
umā uvāca
Umā sprach (Nom.Sg.; Perf.3.Sg.)
āśramābhiratā deva
am Āśrama Freude habend, o Gott (Nom.Pl.; Vok.Sg.)
tāpasā ye tapodhanāḥ
die Asketen, die die Askese als Reichtum haben (Nom.Pl.; Rel.; Bahuvrīhi)
dīptimantaḥ kayā caryayā
glanzvoll, durch welche Lebensweise (Nom.Pl.; Instr.Sg.f.)
atha bhavanti te
[und] werden sie (atha; 3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)

rājāno rājaputrāś ca nirdhanā vā mahādhanāḥ; karmaṇā kena bhagavan prāpnuvanti mahāphalam

Könige und Königssöhne, mittellos oder sehr reich – durch welche Tat, Erhabener, erlangen sie große Frucht?

Wort für Wort
rājānaḥ rājaputrāḥ ca
Könige und Königssöhne (Nom.Pl.)
nirdhanāḥ vā mahādhanāḥ
mittellos oder sehr reich (Nom.Pl.)
karmaṇā kena bhagavan
durch welche Tat, Erhabener (Instr.Sg.; Vok.Sg.)
prāpnuvanti mahāphalam
erlangen große Frucht (3.Pl.Präs.; Akk.Sg.)

nityaṃ sthānam upāgamya divyacandanarūṣitāḥ; kena vā karmaṇā deva bhavanti vanagocarāḥ

Nachdem sie stets eine [feste] Stätte erreicht haben, mit göttlichem Sandelholz gesalbt – durch welche Tat, Gott, werden sie zu Waldwandlern?

Wort für Wort
nityaṃ sthānam upāgamya
stets/beständig eine Stätte erreicht habend (Adv./Akk.Sg.; Abs.)
divyacandanarūṣitāḥ
mit göttlichem Sandelholz gesalbt (Kompositum Nom.Pl.)
kena vā karmaṇā deva
oder durch welche Tat, Gott (Instr.Sg.; Vok.Sg.)
bhavanti vanagocarāḥ
werden zu Waldwandlern (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)

nityaṃ sthānam: Bezug unklar; evtl. ‚eine beständige Stätte‘.

etaṃ me saṃśayaṃ deva tapaścaryāgataṃ śubham; śaṃsa sarvam aśeṣeṇa tryakṣa tripuranāśana

Diesen meinen Zweifel, Gott, der sich auf die Askese-Übung bezieht und heilsam [zu klären] ist – sprich ihn ohne Rest vollständig aus, Dreiäugiger, Vernichter der Drei Städte.

Wort für Wort
etaṃ me saṃśayaṃ deva
diesen meinen Zweifel, Gott (Akk.Sg.; Gen./Dat.; Vok.Sg.)
tapaścaryāgataṃ śubham
auf die Askese-Übung bezogen, heilsam (Akk.Sg.n.)
śaṃsa sarvam aśeṣeṇa
sprich alles ohne Rest (Imp.2.Sg.; Akk.; Instr./Adv.)
tryakṣa tripuranāśana
Dreiäugiger, Vernichter der Drei Städte (Vok.Sg.)

maheśvara uvāca; upavāsavratair dāntā ahiṃsrāḥ satyavādinaḥ; saṃsiddhāḥ pretya gandharvaiḥ saha modanty anāmayāḥ

Maheśvara sprach: „Durch Fastengelübde Gezähmte, Gewaltlose, die Wahrheit Sprechende, Vollendete – diese freuen sich nach dem Tod mit den Gandharvas, frei von Leid.“

Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (Nom.Sg.; Perf.3.Sg.)
upavāsavratair dāntāḥ
durch Fastengelübde gezähmt (Instr.Pl.; Nom.Pl.)
ahiṃsrāḥ satyavādinaḥ
gewaltlos, wahrhaft redend (Nom.Pl.)
saṃsiddhāḥ pretya
vollendet, nach dem Tod (Nom.Pl.; Abs.)
gandharvaiḥ saha modanti anāmayāḥ
mit Gandharvas freuen sie sich, leidfrei (Instr.Pl.; 3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)

maṇḍūkayogaśayano yathāsthānaṃ yathāvidhi; dīkṣāṃ carati dharmātmā sa nāgaiḥ saha modate

Wer im Frosch-Yoga liegend, je nach Stätte und nach Vorschrift, die Weihe vollzieht, dessen Selbst dem Dharma zugewandt ist – der freut sich mit den Nāgas.

Wort für Wort
maṇḍūkayogaśayanaḥ
im Frosch-Yoga liegend (Kompositum Nom.Sg.)
yathāsthānaṃ yathāvidhi
je nach Stätte, nach Vorschrift (Adv.)
dīkṣāṃ carati
vollzieht die Weihe (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
dharmātmā saḥ nāgaiḥ saha modate
dharma-selig, er mit den Nāgas freut sich (Nom.Sg.; Instr.Pl.; 3.Sg.Med.)

śaṣpaṃ mṛgamukhotsṛṣṭaṃ yo mṛgaiḥ saha sevate; dīkṣito vai mudā yuktaḥ sa gacchaty amarāvatīm

Wer Gras, das aus dem Maul von Tieren fallen gelassen wurde, zusammen mit den Tieren verzehrt, geweiht und freudig – der geht nach Amarāvatī.

Wort für Wort
śaṣpaṃ mṛgamukhotsṛṣṭam
Gras, aus dem Tiermaul fallen gelassen (Akk.Sg.; Part.Pass.)
yaḥ mṛgaiḥ saha sevate
wer mit den Tieren verzehrt (Rel.Nom.; Instr.Pl.; 3.Sg.Med.)
dīkṣitaḥ vai mudā yuktaḥ
geweiht fürwahr, mit Freude verbunden (Nom.Sg.; Instr.Sg.)
saḥ gacchati amarāvatīm
der geht nach Amarāvatī (3.Sg.Präs.; Akk.Sg.)

śaivālaṃ śīrṇaparṇaṃ vā tad vrato yo niṣevate; śītayogavaho nityaṃ sa gacchet paramāṃ gatim

Wer Wasserpflanzen oder abgefallene Blätter, dies zum Gelübde nehmend, [als Nahrung] genießt und stets den Kälte-Yoga trägt, möge zum höchsten Ziel gelangen.

Wort für Wort
śaivālaṃ śīrṇaparṇaṃ vā
Wasserpflanze oder abgefallenes Blatt (Akk.Sg.)
tadvrataḥ yaḥ niṣevate
dessen Gelübde dies ist, wer genießt (Bahuvrīhi Nom.Sg.; 3.Sg.Med.)
śītayogavahaḥ nityam
den Kälte-Yoga tragend, stets (Nom.Sg.; Adv.)
saḥ gacchet paramāṃ gatim
der möge gehen zum höchsten Ziel (Opt.3.Sg.; Akk.Sg.)

vāyubhakṣo 'mbubhakṣo vā phalamūlāśano 'pi vā; yakṣeṣv aiśvaryam ādhāya modate 'psarasāṃ gaṇaiḥ

Ob Luft-Esser oder Wasser-Esser oder auch von Früchten und Wurzeln sich nährend – er erlangt Herrschaft unter den Yakṣas und freut sich mit den Scharen der Apsarasen.

Wort für Wort
vāyubhakṣaḥ ambubhakṣaḥ vā
Luft-Esser oder Wasser-Esser (Nom.Sg.)
phalamūlāśanaḥ api vā
von Früchten und Wurzeln sich nährend, oder auch (Nom.Sg.)
yakṣeṣu aiśvaryam ādhāya
unter den Yakṣas Herrschaft erlangt habend (Lok.Pl.; Akk.Sg.; Abs.)
modate apsarasāṃ gaṇaiḥ
freut sich mit den Scharen der Apsarasen (3.Sg.Med.; Gen.Pl.; Instr.Pl.)

agniyogavaho grīṣme vidhidṛṣṭena karmaṇā; cīrtvā dvādaśa varṣāṇi rājā bhavati pārthivaḥ

Wer im Sommer den Feuer-Yoga trägt, nach der von der Vorschrift gezeigten Handlung, und zwölf Jahre [so] vollbracht hat, wird ein König, ein Herr der Erde.

Wort für Wort
agniyogavahaḥ grīṣme
den Feuer-Yoga tragend im Sommer (Nom.Sg.; Lok.Sg.)
vidhidṛṣṭena karmaṇā
durch eine von der Vorschrift gezeigte Handlung (Instr.Sg.)
cīrtvā dvādaśa varṣāṇi
zwölf Jahre vollbracht habend (Abs.; Akk.Pl.)
rājā bhavati pārthivaḥ
wird König, Erdenherr (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)

āhāraniyamaṃ kṛtvā munir dvādaśavārṣikam; maruṃ saṃsādhya yatnena rājā bhavati pārthivaḥ

Nachdem ein Muni zwölf Jahre lang eine Nahrungsregel eingehalten und mit Mühe die Wüste [?] durchschritten hat, wird er König, ein Herr der Erde.

Wort für Wort
āhāraniyamaṃ kṛtvā
eine Nahrungsregel eingehalten habend (Akk.Sg.; Abs.)
munir dvādaśavārṣikam
der Muni, zwölfjährig [lang] (Nom.Sg.; Adj./Adv.)
maruṃ saṃsādhya yatnena
die Wüste [?] durchschritten habend, mit Mühe (Akk.Sg.; Abs.; Instr.Sg.)
rājā bhavati pārthivaḥ
wird König, Erdenherr (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)

maruṃ saṃsādhya: ‚Wüste‘ (maru) o. ä.; Sinn im Zusammenhang unsicher.

sthaṇḍile śuddham ākāśaṃ parigṛhya samantataḥ; praviśya ca mudā yukto dīkṣāṃ dvādaśavārṣikīm

Auf einer Kultstätte, den reinen Himmelsraum ringsum ergreifend und freudig hineintretend, [übt er] die zwölfjährige Weihe [aus].

Wort für Wort
sthaṇḍile śuddham ākāśam
auf der Kultstätte den reinen Himmelsraum (Lok.Sg.; Akk.Sg.)
parigṛhya samantataḥ
ergriffen habend ringsum (Abs.; Adv.)
praviśya ca mudā yuktaḥ
und eingetreten, mit Freude verbunden (Abs.; Instr.Sg.; Nom.Sg.)
dīkṣāṃ dvādaśavārṣikīm
die zwölfjährige Weihe (Akk.Sg.f.)

Der Satz bleibt syntaktisch offen; das Prädikat ergänzt sich aus dem Folgevers (Früchte dieser Übung).

sthaṇḍilasya phalāny āhur yānāni śayanāni ca; gṛhāṇi ca mahārhāṇi candraśubhrāṇi bhāmini

Die Früchte der Kultstätten-Übung, sagt man, sind Wagen und Lager und Häuser, kostbar und mondhell weiß, o Schöne.

Wort für Wort
sthaṇḍilasya phalāni āhuḥ
die Früchte der Kultstätten-Übung nennt man (Gen.Sg.; Akk.Pl.; Perf.3.Pl.)
yānāni śayanāni ca
Wagen und Lager (Akk.Pl.)
gṛhāṇi ca mahārhāṇi
und Häuser, sehr kostbar (Akk.Pl.)
candraśubhrāṇi bhāmini
mondhell, o Zornige/Strahlende (Akk.Pl.; Vok.Sg.f.)

ātmānam upajīvan yo niyato niyatāśanaḥ; dehaṃ vānaśane tyaktvā sa svargaṃ samupāśnute

Wer, sich selbst als Lebensunterhalt nutzend, gezügelt und mäßig im Essen, den Körper im Nichtessen aufgibt, der erlangt den Himmel.

Wort für Wort
ātmānam upajīvan yaḥ
wer sich selbst als Lebensgrundlage nutzend (Akk.Sg.; Part.Nom.Sg.)
niyataḥ niyatāśanaḥ
gezügelt, mit geregelter Nahrung (Nom.Sg.; Bahuvrīhi)
dehaṃ vā anaśane tyaktvā
oder den Körper im Nichtessen aufgegeben habend (Akk.Sg.; Lok.Sg.; Abs.)
saḥ svargaṃ samupāśnute
der erlangt den Himmel (Akk.Sg.; 3.Sg.Med.)

ātmānam upajīvan yo dīkṣāṃ dvādaśavārṣikīm; tyaktvā mahārṇave dehaṃ vāruṇaṃ lokam aśnute

Wer, sich selbst als Lebensunterhalt nutzend, die zwölfjährige Weihe [vollzogen hat] und den Körper im großen Meer aufgibt, der erlangt die Welt des Varuṇa.

Wort für Wort
ātmānam upajīvan yaḥ
wer sich selbst als Lebensgrundlage nutzend (Akk.Sg.; Part.Nom.Sg.)
dīkṣāṃ dvādaśavārṣikīm
die zwölfjährige Weihe (Akk.Sg.f.)
tyaktvā mahārṇave deham
aufgegeben habend im großen Meer den Körper (Abs.; Lok.Sg.; Akk.Sg.)
vāruṇaṃ lokam aśnute
erlangt die Welt des Varuṇa (Akk.Sg.; 3.Sg.Med.)

ātmānam upajīvan yo dīkṣāṃ dvādaśavārṣikīm; aśmanā caraṇau bhittvā guhyakeṣu sa modate

Wer, sich selbst als Lebensunterhalt nutzend, die zwölfjährige Weihe [vollzieht] und sich mit einem Stein die Füße zerschlägt, der freut sich unter den Guhyakas.

Wort für Wort
ātmānam upajīvan yaḥ
wer sich selbst als Lebensgrundlage nutzend (Akk.Sg.; Part.Nom.Sg.)
dīkṣāṃ dvādaśavārṣikīm
die zwölfjährige Weihe (Akk.Sg.f.)
aśmanā caraṇau bhittvā
mit einem Stein die Füße zerschlagen habend (Instr.Sg.; Akk.Du.; Abs.)
guhyakeṣu saḥ modate
unter den Guhyakas er freut sich (Lok.Pl.; 3.Sg.Med.)

sādhayitvātmanātmānaṃ nirdvaṃdvo niṣparigrahaḥ; cīrtvā dvādaśa varṣāṇi dīkṣām ekāṃ manogatām; svargalokam avāpnoti devaiś ca saha modate

Wer sich durch sich selbst vervollkommnet hat, frei von den Gegensatzpaaren, besitzlos, zwölf Jahre lang eine einzige, im Geist [vollzogene] Weihe durchgeführt hat, der erlangt die Himmelswelt und freut sich mit den Göttern.

Wort für Wort
sādhayitvā ātmanā ātmānam
sich durch sich selbst vollendet habend (Abs.; Instr.Sg.; Akk.Sg.)
nirdvaṃdvaḥ niṣparigrahaḥ
frei von Gegensätzen, besitzlos (Nom.Sg.)
cīrtvā dvādaśa varṣāṇi
zwölf Jahre vollbracht habend (Abs.; Akk.Pl.)
dīkṣām ekāṃ manogatām
eine einzige geistgewirkte Weihe (Akk.Sg.f.)
svargalokam avāpnoti
erlangt die Himmelswelt (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
devaiḥ ca saha modate
und freut sich mit den Göttern (Instr.Pl.; 3.Sg.Med.)

ātmānam upajīvan yo dīkṣāṃ dvādaśavārṣikīm; hutvāgnau deham utsṛjya vahniloke mahīyate

Wer, sich selbst als Lebensunterhalt nutzend, die zwölfjährige Weihe [vollzogen hat], im Feuer opfert, den Körper aufgibt, der wird in der Feuerwelt geehrt.

Wort für Wort
ātmānam upajīvan yaḥ
wer sich selbst als Lebensgrundlage nutzend (Akk.Sg.; Part.Nom.Sg.)
dīkṣāṃ dvādaśavārṣikīm
die zwölfjährige Weihe (Akk.Sg.f.)
hutvā agnau deham utsṛjya
im Feuer geopfert habend, den Körper aufgegeben habend (Abs.; Lok.Sg.; Akk.Sg.; Abs.)
vahniloke mahīyate
in der Feuerwelt wird er geehrt (Lok.Sg.; 3.Sg.Pass./Med.)

yas tu devi yathānyāyaṃ dīkṣito niyato dvijaḥ; ātmany ātmānam ādhāya nirdvaṃdvo niṣparigrahaḥ

Doch wer, Göttin, der Regel gemäß geweiht, gezügelt, ein Zweimalgeborener, das Selbst im Selbst niedergelegt hat, frei von Gegensatzpaaren und besitzlos ist,

Wort für Wort
yaḥ tu devi yathānyāyam
doch wer, Göttin, der Regel gemäß (Rel.Nom.; Vok.Sg.; Adv.)
dīkṣitaḥ niyataḥ dvijaḥ
geweiht, gezügelt, Zweimalgeborener (Nom.Sg.)
ātmani ātmānam ādhāya
im Selbst das Selbst niedergelegt habend (Lok.Sg.; Akk.Sg.; Abs.)
nirdvaṃdvaḥ niṣparigrahaḥ
frei von Gegensätzen, besitzlos (Nom.Sg.)

Der Satz wird im nächsten Vers fortgesetzt.

cīrtvā dvādaśa varṣāṇi dīkṣām ekāṃ manogatām; araṇīsahitaṃ skandhe baddhvā gacchaty anāvṛtaḥ

[der] zwölf Jahre lang eine einzige, im Geist [vollzogene] Weihe durchgeführt hat, den Reibholz-Satz an die Schulter gebunden – der geht unbehindert dahin.

Wort für Wort
cīrtvā dvādaśa varṣāṇi
zwölf Jahre vollbracht habend (Abs.; Akk.Pl.)
dīkṣām ekāṃ manogatām
eine einzige geistgewirkte Weihe (Akk.Sg.f.)
araṇīsahitaṃ skandhe baddhvā
die Reibhölzer samt [Zubehör] an die Schulter gebunden (Akk.Sg.; Lok.Sg.; Abs.)
gacchati anāvṛtaḥ
geht unbehindert (3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)

vīrādhvānamanā nityaṃ vīrāsanaratas tathā; vīrasthāyī ca satataṃ sa vīragatim āpnuyāt

Wer stets den Sinn auf den Heldenpfad gerichtet hat, am Heldensitz Freude hat und beständig im Heldenstand verharrt, der erlangt das Heldenziel.

Wort für Wort
vīrādhvānamanāḥ nityam
den Sinn auf den Heldenpfad gerichtet, stets (Bahuvrīhi Nom.Sg.; Adv.)
vīrāsanaratas tathā
am Heldensitz erfreut, ebenso (Nom.Sg.)
vīrasthāyī ca satatam
und im Heldenstand verharrend, beständig (Nom.Sg.; Adv.)
saḥ vīragatim āpnuyāt
der möge das Heldenziel erlangen (Akk.Sg.; Opt.3.Sg.)

sa śakralokago nityaṃ sarvakāmapuraskṛtaḥ; divyapuṣpasamākīrṇo divyacandanabhūṣitaḥ; sukhaṃ vasati dharmātmā divi devagaṇaiḥ saha

Er, stets in Śakras Welt weilend, mit allen Wünschen geehrt, mit himmlischen Blumen überschüttet, mit himmlischem Sandelholz geschmückt, lebt glücklich, dharma-selig, im Himmel mit den Götterscharen.

Wort für Wort
saḥ śakralokagaḥ nityam
er, in Śakras Welt gehend, stets (Nom.Sg.; Adv.)
sarvakāmapuraskṛtaḥ
mit allen Wünschen geehrt (Part.Nom.Sg.)
divyapuṣpasamākīrṇaḥ
mit himmlischen Blumen überschüttet (Part.Nom.Sg.)
divyacandanabhūṣitaḥ
mit himmlischem Sandel geschmückt (Part.Nom.Sg.)
sukhaṃ vasati dharmātmā
lebt glücklich, dharma-selig (Adv.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
divi devagaṇaiḥ saha
im Himmel mit den Götterscharen (Lok.Sg.; Instr.Pl.)

vīralokagato vīro vīrayogavahaḥ sadā; sattvasthaḥ sarvam utsṛjya dīkṣito niyataḥ śuciḥ; vīrādhvānaṃ prapadyed yas tasya lokāḥ sanātanāḥ

Der in die Heldenwelt Gegangene, der Held, stets den Heldenyoga tragend, in der Wesensklarheit (sattva) stehend, alles aufgebend, geweiht, gezügelt, rein – wer den Heldenpfad betritt, dessen Welten sind ewig.

Wort für Wort
vīralokagataḥ vīraḥ
in die Heldenwelt gegangen, der Held (Nom.Sg.)
vīrayogavahaḥ sadā
den Heldenyoga tragend, stets (Nom.Sg.; Adv.)
sattvasthaḥ sarvam utsṛjya
in sattva stehend, alles aufgegeben habend (Nom.Sg.; Akk.Sg.; Abs.)
dīkṣitaḥ niyataḥ śuciḥ
geweiht, gezügelt, rein (Nom.Sg.)
vīrādhvānaṃ prapadyet yaḥ
wer den Heldenpfad betritt (Akk.Sg.; Opt.3.Sg.; Rel.Nom.)
tasya lokāḥ sanātanāḥ
dessen Welten sind ewig (Gen.Sg.; Nom.Pl.)

kāmagena vimānena sa vai carati cchandataḥ; śakralokagataḥ śrīmān modate ca nirāmayaḥ

In einem wunschgehenden Luftwagen wandert er nach Belieben; in Śakras Welt gegangen, glanzvoll, freut er sich und ist frei von Leid.

Wort für Wort
kāmagena vimānena
in einem wunschgehenden Luftwagen (Instr.Sg.)
saḥ vai carati cchandataḥ
er fürwahr wandert nach Belieben (3.Sg.Präs.; Adv.)
śakralokagataḥ śrīmān
in Śakras Welt gegangen, glanzvoll (Part.Nom.Sg.; Nom.Sg.)
modate ca nirāmayaḥ
und freut sich, leidfrei (3.Sg.Med.; Nom.Sg.)

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