Kapitel 38: strīsvabhāvakathanam
Pañcacūḍā belehrt Nārada über die Natur der Frauen
Yudhiṣṭhira fragt nach dem Wesen der Frauen; Bhīṣma antwortet mit einem alten Gespräch zwischen dem Götterseher Nārada und der Apsaras Pañcacūḍā, die die (traditionell dem Mann zugeschriebenen) Fehler der Frauen aufzählt.
Yudhiṣṭhira sprach: „Ich möchte das Wesen der Frauen hören, du Bester der Bharatas. Denn die Frauen sind die Wurzel der Fehler, [und] leichten Sinnes, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
strīṇāṃ svabhāvam icchāmi śrotum
das Wesen der Frauen möchte ich hören (Gen.Pl./Akk.Sg./1.Sg.Präs./Inf.)
bharatasattama
Bester der Bharatas (Vok.)
striyo hi mūlaṃ doṣāṇām
denn die Frauen sind die Wurzel der Fehler (Nom.Pl./Nom.Sg./Gen.Pl.)
tāṃ dṛṣṭvā cārusarvāṅgīṃ papracchāpsarasaṃ muniḥ; saṃśayo hṛdi me kaś cit tan me brūhi sumadhyame
Als der Weise sie erblickt hatte, die an allen Gliedern Anmutige, fragte er die Apsaras: „Ein gewisser Zweifel ist in meinem Herzen; den sage mir, Schlankhüftige.“
Wort für Wort
tāṃ dṛṣṭvā cārusarvāṅgīm
nachdem er sie gesehen, die an allen Gliedern Schöne (Abs./Akk.Sg.f.)
Nārada sprach: „Ich werde dich, Gütige, niemals zu etwas außerhalb deines Bereichs anhalten. Das Wesen der Frauen möchte ich von dir hören, Schönantlitzige.“
Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach (Perf.)
na tvām aviṣaye bhadre
nicht dich außerhalb des Bereichs, Gütige (Lok./Vok.f.)
niyokṣyāmi kathaṃ cana
werde ich anhalten, keineswegs (Fut.1.Sg.)
strīṇāṃ svabhāvam icchāmi
das Wesen der Frauen wünsche ich (Gen.Pl./Akk.Sg./1.Sg.)
tvattaḥ śrotuṃ varānane
von dir zu hören, Schönantlitzige (Abl./Inf./Vok.f.)
Bhīṣma sprach: „Als sie diese Worte jenes Göttersehers gehört hatte, erwiderte die beste der Apsaras: ‚Ich werde als tugendhafte Frau die Frauen nicht tadeln können.‘“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
etat śrutvā vacas tasya devarṣeḥ
diese Rede jenes Götterseher gehört habend (Abs./Akk./Gen.)
apsarottamā
die beste Apsaras (Nom.Sg.f.)
pratyuvāca na śakṣyāmi
erwiderte: ich werde nicht können (Perf.3.Sg./Fut.1.Sg.)
strī satī nindituṃ striyaḥ
als Frau, als tugendhafte, Frauen zu tadeln (Nom.Sg.f./Part.Präs.f./Inf./Akk.Pl.)
pañcacūḍovāca; kulīnā rūpavatyaś ca nāthavatyaś ca yoṣitaḥ; maryādāsu na tiṣṭhanti sa doṣaḥ strīṣu nārada
Pañcacūḍā sprach: „Frauen von guter Familie, schöne und solche mit Beschützer bleiben nicht innerhalb der Schranken; das, Nārada, ist der Fehler bei den Frauen.“
Wort für Wort
pañcacūḍā uvāca
Pañcacūḍā sprach (Perf.)
kulīnā rūpavatyaś ca
aus gutem Hause und schön (Nom.Pl.f.)
nāthavatyaś ca yoṣitaḥ
und mit Beschützer, [diese] Frauen (Nom.Pl.f.)
maryādāsu na tiṣṭhanti
in den Schranken bleiben nicht (Lok.Pl./3.Pl.Präs.)
sa doṣaḥ strīṣu nārada
das ist der Fehler bei Frauen, Nārada (Nom./Lok.Pl./Vok.)
„Ihre Gatten, die angesehen, wohlhabend, [ihnen] ebenbürtig und ihnen gehorsam sind – bei einer Gelegenheit vermögen die Frauen nicht auf sie zu warten [ohne zu fehlen].“
Wort für Wort
samājñātān ṛddhimataḥ
wohlbekannte, wohlhabende (Akk.Pl.)
pratirūpān vaśe sthitān
passende, in [ihrer] Gewalt stehende (Akk.Pl.)
patīn
Ehemänner (Akk.Pl.)
antaram āsādya
eine Gelegenheit erlangt habend (Abs.)
na alaṃ nāryaḥ pratīkṣitum
nicht vermögen die Frauen zu warten (Nom.Pl.f./Inf.)
Der Sinn von antaram āsādya nālaṃ pratīkṣitum ist knapp; wörtlich etwa „eine Lücke erlangt habend sind sie nicht imstande zu warten“. [?]
„Weil die Männer nicht werben und aus Furcht vor der Dienerschaft bleiben die Frauen, ohne Schranke zu kennen, [nur] innerhalb der Schranke bei ihren Gatten.“
Wort für Wort
anarthitvāt manuṣyāṇām
weil Männer nicht bitten (Abl./Gen.Pl.)
bhayāt parijanasya ca
und aus Furcht vor dem Gefolge (Abl./Gen.)
maryādāyām amaryādāḥ
innerhalb der Schranke die Schrankenlosen (Lok./Nom.Pl.f.)
striyaḥ tiṣṭhanti bhartṛṣu
die Frauen bleiben bei den Gatten (Nom.Pl./3.Pl./Lok.Pl.)
„Keiner ist für sie unzugänglich, [und] im Alter [liegt] für sie keine Beschränkung: einen Hässlichen oder Schönen genießen sie [schon], wenn er nur ein Mann ist.“
Wort für Wort
na āsāṃ kaś cid agamyaḥ asti
für diese ist keiner unzugänglich (Gen.Pl.f./Nom.)
na āsāṃ vayasi saṃsthitiḥ
nicht bei diesen im Lebensalter Festlegung (Lok./Nom.)
virūpaṃ rūpavantaṃ vā
einen Hässlichen oder Schönen (Akk.)
pumān iti eva bhuñjate
„ein Mann“ nur deshalb genießen sie (Nom./3.Pl.Med.)
na bhayān nāpy anukrośān nārthahetoḥ kathaṃ cana; na jñātikulasaṃbandhāt striyas tiṣṭhanti bhartṛṣu
„Nicht aus Furcht, nicht aus Mitgefühl, keinesfalls um des Vorteils willen, nicht aus Bindung an die Verwandtschaftsfamilie bleiben die Frauen bei ihren Gatten.“
Wort für Wort
na bhayāt na api anukrośāt
nicht aus Furcht, auch nicht aus Mitleid (Abl.)
na arthahetoḥ kathaṃ cana
nicht um des Vorteils willen, auf keine Weise (Abl.)
na jñātikulasaṃbandhāt
nicht wegen der Bindung an Verwandtschaft und Familie (Abl.)
striyaḥ tiṣṭhanti bhartṛṣu
die Frauen bleiben bei den Gatten (Nom.Pl./3.Pl./Lok.Pl.)
„Nach den Frauen, die in der Jugend stehen, mit schönem Schmuck und Gewändern, die nach eigenem Willen leben, sehnen sich sogar die Frauen aus gutem Hause.“
Wort für Wort
yauvane vartamānānām
in der Jugend befindlichen (Lok./Gen.Pl.f.)
mṛṣṭābharaṇavāsasām
mit glänzendem Schmuck und Kleidern (Gen.Pl.f.)
nārīṇāṃ svairavṛttānām
Frauen, die frei handeln (Gen.Pl.)
spṛhayanti kulastriyaḥ
sehnen sich die Frauen aus gutem Hause (3.Pl./Nom.Pl.f.)
yāś ca śaśvad bahumatā rakṣyante dayitāḥ striyaḥ; api tāḥ saṃprasajjante kubjāndhajaḍavāmanaiḥ
„Und auch die, die stets hochgeschätzt sind, [und] die geliebten Frauen, die man bewacht – auch die hängen sich an Bucklige, Blinde, Stumpfsinnige und Zwerge.“
Wort für Wort
yāḥ ca śaśvat bahumatāḥ
und die immer hochgeschätzt sind (Nom.Pl.f.)
rakṣyante dayitāḥ striyaḥ
bewacht werden, geliebte Frauen (3.Pl.Pass./Nom.Pl.)
api tāḥ saṃprasajjante
selbst diese heften sich an (Nom.Pl.f./3.Pl.Pass.-Med.)
paṅguṣv api ca devarṣe ye cānye kutsitā narāḥ; strīṇām agamyo loke 'smin nāsti kaś cin mahāmune
„Selbst bei Lahmen, Götterseher, und bei allen anderen Verachteten unter den Männern: keinen gibt es in dieser Welt, der für die Frauen unzugänglich wäre, großer Weiser.“
Wort für Wort
paṅguṣu api ca devarṣe
selbst bei Lahmen, Götterseher (Lok.Pl./Vok.)
ye ca anye kutsitāḥ narāḥ
und bei den anderen verachteten Männern (Nom.Pl.)
strīṇām agamyaḥ loke asmin
für Frauen unzugänglich in dieser Welt (Gen.Pl./Lok.)
yadi puṃsāṃ gatir brahma kathaṃ cin nopapadyate; apy anyonyaṃ pravartante na hi tiṣṭhanti bhartṛṣu
„Wenn der Weg zu den Männern [d. h. das Erreichen von Männern] auf irgendeine Weise nicht gelingt, treiben sie es sogar untereinander; bei ihren Gatten bleiben sie ganz sicher nicht.“
Wort für Wort
yadi puṃsāṃ gatiḥ brahma
wenn der Männer Zugang [?] (Gen.Pl./Nom./Nom.n.)
kathaṃ cit na upapadyate
irgendwie nicht gelingt (3.Sg.Präs.Med.)
api anyonyaṃ pravartante
so treiben sie es auch untereinander (Adv./3.Pl.Med.)
na hi tiṣṭhanti bhartṛṣu
denn nicht bleiben sie bei den Gatten (3.Pl./Lok.Pl.)
Text und Sinn von puṃsāṃ gatir brahma unsicher. [Anm.: wörtlich „wenn der Männer Zugang, Brahman, …“; vermutlich verderbt] [?]
„Von schlechtem Wandel, dem Bösen ergeben, unwahrhaftig, von Täuschung umhüllt, mit viel unbedachtem Verstand – so sollen sie größtenteils angesehen werden.“
Wort für Wort
duṣṭācārāḥ pāparatāḥ
von schlechtem Wandel, am Bösen erfreut (Nom.Pl.f.)
asatyāḥ māyayā vṛtāḥ
unwahrhaftig, von Täuschung umhüllt (Nom.Pl./Instr./Part.Pass.)
adṛṣṭabuddhibahulāḥ
reich an unbedachtem Verstand [?] (Nom.Pl.f.)
prāyeṇa iti avagamyatām
größtenteils, so soll man es verstehen (Instr./Imp.Pass.3.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (Sternzeile). adṛṣṭabuddhibahulāḥ unsicher: „mit viel ungesehenem/ungeprüftem Verstand“. [?]
„Gegenüber dem Freund sind sie tadelnswert im Herzen [?], sie sind Wohnstätten von Feindschaft und Zorn.“
Wort für Wort
suhṛdi
gegenüber dem Freund (Lok.)
avadyahṛdyāḥ tāḥ
die am Tadelnswerten Gefallen finden [?] (Nom.Pl.f.)
vairakopālayāḥ
Wohnstätten von Feindschaft und Zorn (Nom.Pl.f.)
sma tāḥ
sind sie (Part./Nom.Pl.f.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; suhṛdy avadyahṛdyāḥ ist unsicher und evtl. verderbt. [?]
nāgnis tṛpyati kāṣṭhānāṃ nāpagānāṃ mahodadhiḥ; nāntakaḥ sarvabhūtānāṃ na puṃsāṃ vāmalocanāḥ
„Das Feuer wird nicht satt vom Holz, nicht das große Meer von den Flüssen, nicht der Ender von allen Wesen und nicht die Schönäugigen von den Männern.“
Wort für Wort
na agniḥ tṛpyati kāṣṭhānām
nicht wird das Feuer satt an Hölzern (Nom./3.Sg./Gen.Pl.)
na apagānām mahodadhiḥ
nicht das große Meer an Flüssen (Gen.Pl./Nom.)
na antakaḥ sarvabhūtānām
nicht der Beender an allen Wesen (Nom./Gen.Pl.)
na puṃsāṃ vāmalocanāḥ
nicht die Schönäugigen an Männern (Gen.Pl./Nom.Pl.f.)
„Beim Anblick eines gut gebadeten Mannes, der mit feinem Sandelwasser besprengt ist, wird der Schoß der Frauen feucht wie Wasser aus einem Schlauch [?].“
Wort für Wort
susnātaṃ puruṣaṃ dṛṣṭvā
einen gut gebadeten Mann gesehen habend (Akk./Abs.)
sucandanalavokṣitam
mit feinen Sandelwassertropfen besprengt (Akk.)
yoniḥ svadyati nārīṇām
der Schoß der Frauen wird feucht (Nom./3.Sg./Gen.Pl.)
dṛteḥ pādāt iva udakam
wie Wasser aus dem Fuß eines Schlauches [?] (Abl./Vergl./Nom.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; dṛteḥ pādād ivodakam ist unsicher. [Anm.: wörtlich etwa „wie Wasser aus dem Fuß des Schlauches“] [?]
„Yama der Beender, Tod, die Unterwelt, das Stutenmaul [Feuer], die Schneide des Messers, Gift, Schlange, Feuer – dies alles ist in einem [in den Frauen] vereint.“
Wort für Wort
antakaḥ śamanaḥ mṛtyuḥ
der Beender, der Bändiger, der Tod (Nom.)
pātālaṃ vaḍavāmukham
die Unterwelt, das Stutenmaul (Nom.n.)
kṣuradhārā viṣaṃ sarpaḥ
Messerschneide, Gift, Schlange (Nom.)
vahniḥ iti ekataḥ striyaḥ
Feuer: so [ist dies] in den Frauen zusammen (Nom./Abl.-Adv./Nom.Pl.)
yataś ca bhūtāni mahānti pañca; yataś ca lokā vihitā vidhātrā; yataḥ pumāṃsaḥ pramadāś ca nirmitās; tadaiva doṣāḥ pramadāsu nārada
„Von wo die fünf großen [Elemente] und von wo die Welten vom Schöpfer geordnet wurden, von wo die Männer und die Frauen erschaffen wurden – eben dort, Nārada, [liegen] die Fehler bei den Frauen.“
Wort für Wort
yataḥ ca bhūtāni mahānti pañca
von wo die fünf großen Wesen [Elemente] (Abl.-Adv./Nom.Pl.n.)
yataḥ ca lokāḥ vihitāḥ vidhātrā
und von wo die Welten geordnet wurden vom Schöpfer (Nom.Pl./Part.Pass./Instr.)
yataḥ pumāṃsaḥ pramadāḥ ca nirmitāḥ
von wo Männer und Frauen geschaffen wurden (Nom.Pl./Part.Pass.)
tadā eva doṣāḥ pramadāsu nārada
damals schon [die] Fehler bei den Frauen, Nārada (Adv./Nom.Pl./Lok.Pl./Vok.)