Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Anuśāsanaparva

Kapitel 38: strīsvabhāvakathanam Pañcacūḍā belehrt Nārada über die Natur der Frauen

Yudhiṣṭhira fragt nach dem Wesen der Frauen; Bhīṣma antwortet mit einem alten Gespräch zwischen dem Götterseher Nārada und der Apsaras Pañcacūḍā, die die (traditionell dem Mann zugeschriebenen) Fehler der Frauen aufzählt.

yudhiṣṭhira uvāca; strīṇāṃ svabhāvam icchāmi śrotuṃ bharatasattama; striyo hi mūlaṃ doṣāṇāṃ laghucittāḥ pitāmaha

Yudhiṣṭhira sprach: „Ich möchte das Wesen der Frauen hören, du Bester der Bharatas. Denn die Frauen sind die Wurzel der Fehler, [und] leichten Sinnes, Großvater.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
strīṇāṃ svabhāvam icchāmi śrotum
das Wesen der Frauen möchte ich hören (Gen.Pl./Akk.Sg./1.Sg.Präs./Inf.)
bharatasattama
Bester der Bharatas (Vok.)
striyo hi mūlaṃ doṣāṇām
denn die Frauen sind die Wurzel der Fehler (Nom.Pl./Nom.Sg./Gen.Pl.)
laghucittāḥ pitāmaha
leichten Sinnes (Nom.Pl.), Großvater (Vok.)

bhīṣma uvāca; atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam; nāradasya ca saṃvādaṃ puṃścalyā pañcacūḍayā

Bhīṣma sprach: „Hierzu führt man diese alte Erzählung an: das Gespräch Nāradas mit der Buhlerin Pañcacūḍā.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
atrāpy udāharanti imam itihāsaṃ purātanam
auch hierzu führen sie diese alte Erzählung an (3.Pl.Präs./Akk.Sg.)
nāradasya ca saṃvādam
und das Gespräch Nāradas (Gen.Sg./Akk.Sg.)
puṃścalyā pañcacūḍayā
mit der Buhlerin Pañcacūḍā (Instr.Sg.f.)

lokān anucaran dhīmān devarṣir nāradaḥ purā; dadarśāpsarasaṃ brāhmīṃ pañcacūḍām aninditām

Einst sah der weise Götterseher Nārada, während er die Welten durchwanderte, die Apsaras Pañcacūḍā, die Brahmanenfrau [?], die Untadelige.

Wort für Wort
lokān anucaran
die Welten durchwandernd (Akk.Pl./Part.Präs.)
dhīmān devarṣir nāradaḥ purā
der weise Götterseher Nārada einst (Nom.Sg./Adv.)
dadarśa apsarasaṃ
sah eine Apsaras (Perf.3.Sg./Akk.Sg.f.)
brāhmīṃ pañcacūḍām
die brahmanische [?] Pañcacūḍā (Akk.Sg.f.)
aninditām
die Untadelige (Akk.Sg.f.)

brāhmī „zum Brahman/Brahmanen gehörig“; die genaue Bedeutung hier ist unsicher.

tāṃ dṛṣṭvā cārusarvāṅgīṃ papracchāpsarasaṃ muniḥ; saṃśayo hṛdi me kaś cit tan me brūhi sumadhyame

Als der Weise sie erblickt hatte, die an allen Gliedern Anmutige, fragte er die Apsaras: „Ein gewisser Zweifel ist in meinem Herzen; den sage mir, Schlankhüftige.“

Wort für Wort
tāṃ dṛṣṭvā cārusarvāṅgīm
nachdem er sie gesehen, die an allen Gliedern Schöne (Abs./Akk.Sg.f.)
papraccha apsarasaṃ muniḥ
fragte der Weise die Apsaras (Perf.3.Sg./Nom.Sg.)
saṃśayo hṛdi me kaś cit
ein Zweifel in meinem Herzen (Nom.Sg./Lok./Gen.)
tat me brūhi
das sage mir (Imp.2.Sg.)
sumadhyame
Schlankhüftige (Vok.f.)

evam uktā tu sā vipraṃ pratyuvācātha nāradam; viṣaye sati vakṣyāmi samarthāṃ manyase ca mām

So angesprochen, antwortete sie da dem Brahmanen Nārada: „Wenn es einen Gegenstand gibt, werde ich sprechen; und du hältst mich [dazu] für fähig.“

Wort für Wort
evam uktā tu sā
so angesprochen sie (Part.Pass.f./Nom.Sg.f.)
vipraṃ pratyuvāca atha nāradam
den Brahmanen Nārada antwortete sie da (Akk./Perf.3.Sg.)
viṣaye sati vakṣyāmi
wenn ein Gegenstand vorhanden ist, werde ich sprechen (Lok.abs./Fut.1.Sg.)
samarthāṃ manyase ca mām
und fähig hältst du mich (Akk.Sg.f./2.Sg.Präs.)

nārada uvāca; na tvām aviṣaye bhadre niyokṣyāmi kathaṃ cana; strīṇāṃ svabhāvam icchāmi tvattaḥ śrotuṃ varānane

Nārada sprach: „Ich werde dich, Gütige, niemals zu etwas außerhalb deines Bereichs anhalten. Das Wesen der Frauen möchte ich von dir hören, Schönantlitzige.“

Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach (Perf.)
na tvām aviṣaye bhadre
nicht dich außerhalb des Bereichs, Gütige (Lok./Vok.f.)
niyokṣyāmi kathaṃ cana
werde ich anhalten, keineswegs (Fut.1.Sg.)
strīṇāṃ svabhāvam icchāmi
das Wesen der Frauen wünsche ich (Gen.Pl./Akk.Sg./1.Sg.)
tvattaḥ śrotuṃ varānane
von dir zu hören, Schönantlitzige (Abl./Inf./Vok.f.)

bhīṣma uvāca; etac chrutvā vacas tasya devarṣer apsarottamā; pratyuvāca na śakṣyāmi strī satī nindituṃ striyaḥ

Bhīṣma sprach: „Als sie diese Worte jenes Göttersehers gehört hatte, erwiderte die beste der Apsaras: ‚Ich werde als tugendhafte Frau die Frauen nicht tadeln können.‘“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
etat śrutvā vacas tasya devarṣeḥ
diese Rede jenes Götterseher gehört habend (Abs./Akk./Gen.)
apsarottamā
die beste Apsaras (Nom.Sg.f.)
pratyuvāca na śakṣyāmi
erwiderte: ich werde nicht können (Perf.3.Sg./Fut.1.Sg.)
strī satī nindituṃ striyaḥ
als Frau, als tugendhafte, Frauen zu tadeln (Nom.Sg.f./Part.Präs.f./Inf./Akk.Pl.)

viditās te striyo yāś ca yādṛśāś ca svabhāvataḥ; na mām arhasi devarṣe niyoktuṃ praśna īdṛśe

„Du kennst die Frauen, welche es gibt und wie sie ihrer Natur nach sind. Du solltest mich, Götterseher, nicht zu einer solchen Frage anhalten.“

Wort für Wort
viditās te striyo
bekannt sind dir die Frauen (Part.Pass.Nom.Pl./Gen./Nom.Pl.)
yāś ca yādṛśāś ca svabhāvataḥ
welche und wie beschaffen von Natur (Nom.Pl./Abl.)
na mām arhasi devarṣe
mich sollst du nicht, Götterseher (2.Sg.Präs./Vok.)
niyoktuṃ praśna īdṛśe
anhalten zu einer solchen Frage (Inf./Lok.)

tām uvāca sa devarṣiḥ satyaṃ vada sumadhyame; mṛṣāvāde bhaved doṣaḥ satye doṣo na vidyate

Der Götterseher sagte zu ihr: „Sprich die Wahrheit, Schlankhüftige. Bei einer Lüge entstünde ein Fehler; in der Wahrheit findet sich kein Fehler.“

Wort für Wort
tām uvāca sa devarṣiḥ
zu ihr sprach der Götterseher (Akk.f./Perf.)
satyaṃ vada sumadhyame
sprich Wahres, Schlankhüftige (Imp.2.Sg./Vok.f.)
mṛṣāvāde bhavet doṣaḥ
bei einer Lüge würde ein Fehler sein (Lok./Opt.3.Sg./Nom.)
satye doṣo na vidyate
in der Wahrheit ist kein Fehler zu finden (Lok./Pass.3.Sg.)

ity uktā sā kṛtamatir abhavac cāruhāsinī; strīdoṣāñ śāśvatān satyān bhāṣituṃ saṃpracakrame

So angesprochen, fasste sie einen Entschluss, die Anmutig-Lächelnde, und begann, die ewigen, wahren Fehler der Frauen zu nennen.

Wort für Wort
iti uktā sā
so angesprochen sie (Part.Pass.f./Nom.f.)
kṛtamatiḥ abhavat
mit gefasstem Entschluss wurde sie (Nom.Sg.f./Impf.3.Sg.)
cāruhāsinī
die Schönlächelnde (Nom.Sg.f.)
strīdoṣān śāśvatān satyān
die Fehler der Frauen, ewige, wahre (Akk.Pl.)
bhāṣitum saṃpracakrame
zu sprechen begann sie (Inf./Perf.3.Sg.)

pañcacūḍovāca; kulīnā rūpavatyaś ca nāthavatyaś ca yoṣitaḥ; maryādāsu na tiṣṭhanti sa doṣaḥ strīṣu nārada

Pañcacūḍā sprach: „Frauen von guter Familie, schöne und solche mit Beschützer bleiben nicht innerhalb der Schranken; das, Nārada, ist der Fehler bei den Frauen.“

Wort für Wort
pañcacūḍā uvāca
Pañcacūḍā sprach (Perf.)
kulīnā rūpavatyaś ca
aus gutem Hause und schön (Nom.Pl.f.)
nāthavatyaś ca yoṣitaḥ
und mit Beschützer, [diese] Frauen (Nom.Pl.f.)
maryādāsu na tiṣṭhanti
in den Schranken bleiben nicht (Lok.Pl./3.Pl.Präs.)
sa doṣaḥ strīṣu nārada
das ist der Fehler bei Frauen, Nārada (Nom./Lok.Pl./Vok.)

na strībhyaḥ kiṃ cid anyad vai pāpīyastaram asti vai; striyo hi mūlaṃ doṣāṇāṃ tathā tvam api vettha ha

„Denn es gibt nichts anderes, das schlimmer wäre als die Frauen. Die Frauen sind ja die Wurzel der Fehler; so weißt es auch du.“

Wort für Wort
na strībhyaḥ kiṃ cid anyat
nichts anderes als Frauen (Abl.Pl./Nom.n.)
vai pāpīyastaram asti vai
wahrlich Schlimmeres gibt es (Komp.Nom.n./3.Sg.)
striyo hi mūlaṃ doṣāṇām
die Frauen sind ja die Wurzel der Fehler (Nom.Pl./Nom.Sg./Gen.Pl.)
tathā tvam api vettha ha
so weißt es auch du (2.Sg.Perf.)

samājñātān ṛddhimataḥ pratirūpān vaśe sthitān; patīn antaram āsādya nālaṃ nāryaḥ pratīkṣitum

„Ihre Gatten, die angesehen, wohlhabend, [ihnen] ebenbürtig und ihnen gehorsam sind – bei einer Gelegenheit vermögen die Frauen nicht auf sie zu warten [ohne zu fehlen].“

Wort für Wort
samājñātān ṛddhimataḥ
wohlbekannte, wohlhabende (Akk.Pl.)
pratirūpān vaśe sthitān
passende, in [ihrer] Gewalt stehende (Akk.Pl.)
patīn
Ehemänner (Akk.Pl.)
antaram āsādya
eine Gelegenheit erlangt habend (Abs.)
na alaṃ nāryaḥ pratīkṣitum
nicht vermögen die Frauen zu warten (Nom.Pl.f./Inf.)

Der Sinn von antaram āsādya nālaṃ pratīkṣitum ist knapp; wörtlich etwa „eine Lücke erlangt habend sind sie nicht imstande zu warten“. [?]

asaddharmas tv ayaṃ strīṇām asmākaṃ bhavati prabho; pāpīyaso narān yad vai lajjāṃ tyaktvā bhajāmahe

„Dies aber ist unsere unrechte Pflicht, Herr: dass wir, die Scham abgelegt, uns schlechteren Männern zuwenden.“

Wort für Wort
asaddharmaḥ tu ayaṃ strīṇām
unrechte Pflicht aber ist diese der Frauen (Nom.Sg./Gen.Pl.)
asmākaṃ bhavati prabho
bei uns besteht sie, Herr (Gen.Pl./3.Sg./Vok.)
pāpīyasaḥ narān yat
schlechtere Männer, dass (Akk.Pl.Komp./Konj.)
lajjāṃ tyaktvā
die Scham aufgegeben habend (Abs.)
bhajāmahe
wir uns zuwenden (1.Pl.Med.)

striyaṃ hi yaḥ prārthayate saṃnikarṣaṃ ca gacchati; īṣac ca kurute sevāṃ tam evecchanti yoṣitaḥ

„Denn den, der um eine Frau wirbt, sich [ihr] nähert und ihr ein wenig Dienst erweist, genau den wünschen die Frauen.“

Wort für Wort
striyaṃ hi yaḥ prārthayate
denn wer um eine Frau wirbt (Akk./Rel./3.Sg.Med.)
saṃnikarṣaṃ ca gacchati
und Nähe aufsucht (Akk./3.Sg.)
īṣat ca kurute sevām
und ein wenig Dienst leistet (Adv./3.Sg.Med./Akk.)
tam eva icchanti yoṣitaḥ
genau den wollen die Frauen (Akk./3.Pl./Nom.Pl.)

anarthitvān manuṣyāṇāṃ bhayāt parijanasya ca; maryādāyām amaryādāḥ striyas tiṣṭhanti bhartṛṣu

„Weil die Männer nicht werben und aus Furcht vor der Dienerschaft bleiben die Frauen, ohne Schranke zu kennen, [nur] innerhalb der Schranke bei ihren Gatten.“

Wort für Wort
anarthitvāt manuṣyāṇām
weil Männer nicht bitten (Abl./Gen.Pl.)
bhayāt parijanasya ca
und aus Furcht vor dem Gefolge (Abl./Gen.)
maryādāyām amaryādāḥ
innerhalb der Schranke die Schrankenlosen (Lok./Nom.Pl.f.)
striyaḥ tiṣṭhanti bhartṛṣu
die Frauen bleiben bei den Gatten (Nom.Pl./3.Pl./Lok.Pl.)

nāsāṃ kaś cid agamyo 'sti nāsāṃ vayasi saṃsthitiḥ; virūpaṃ rūpavantaṃ vā pumān ity eva bhuñjate

„Keiner ist für sie unzugänglich, [und] im Alter [liegt] für sie keine Beschränkung: einen Hässlichen oder Schönen genießen sie [schon], wenn er nur ein Mann ist.“

Wort für Wort
na āsāṃ kaś cid agamyaḥ asti
für diese ist keiner unzugänglich (Gen.Pl.f./Nom.)
na āsāṃ vayasi saṃsthitiḥ
nicht bei diesen im Lebensalter Festlegung (Lok./Nom.)
virūpaṃ rūpavantaṃ vā
einen Hässlichen oder Schönen (Akk.)
pumān iti eva bhuñjate
„ein Mann“ nur deshalb genießen sie (Nom./3.Pl.Med.)

na bhayān nāpy anukrośān nārthahetoḥ kathaṃ cana; na jñātikulasaṃbandhāt striyas tiṣṭhanti bhartṛṣu

„Nicht aus Furcht, nicht aus Mitgefühl, keinesfalls um des Vorteils willen, nicht aus Bindung an die Verwandtschaftsfamilie bleiben die Frauen bei ihren Gatten.“

Wort für Wort
na bhayāt na api anukrośāt
nicht aus Furcht, auch nicht aus Mitleid (Abl.)
na arthahetoḥ kathaṃ cana
nicht um des Vorteils willen, auf keine Weise (Abl.)
na jñātikulasaṃbandhāt
nicht wegen der Bindung an Verwandtschaft und Familie (Abl.)
striyaḥ tiṣṭhanti bhartṛṣu
die Frauen bleiben bei den Gatten (Nom.Pl./3.Pl./Lok.Pl.)

yauvane vartamānānāṃ mṛṣṭābharaṇavāsasām; nārīṇāṃ svairavṛttānāṃ spṛhayanti kulastriyaḥ

„Nach den Frauen, die in der Jugend stehen, mit schönem Schmuck und Gewändern, die nach eigenem Willen leben, sehnen sich sogar die Frauen aus gutem Hause.“

Wort für Wort
yauvane vartamānānām
in der Jugend befindlichen (Lok./Gen.Pl.f.)
mṛṣṭābharaṇavāsasām
mit glänzendem Schmuck und Kleidern (Gen.Pl.f.)
nārīṇāṃ svairavṛttānām
Frauen, die frei handeln (Gen.Pl.)
spṛhayanti kulastriyaḥ
sehnen sich die Frauen aus gutem Hause (3.Pl./Nom.Pl.f.)

yāś ca śaśvad bahumatā rakṣyante dayitāḥ striyaḥ; api tāḥ saṃprasajjante kubjāndhajaḍavāmanaiḥ

„Und auch die, die stets hochgeschätzt sind, [und] die geliebten Frauen, die man bewacht – auch die hängen sich an Bucklige, Blinde, Stumpfsinnige und Zwerge.“

Wort für Wort
yāḥ ca śaśvat bahumatāḥ
und die immer hochgeschätzt sind (Nom.Pl.f.)
rakṣyante dayitāḥ striyaḥ
bewacht werden, geliebte Frauen (3.Pl.Pass./Nom.Pl.)
api tāḥ saṃprasajjante
selbst diese heften sich an (Nom.Pl.f./3.Pl.Pass.-Med.)
kubjāndhajaḍavāmanaiḥ
Bucklige, Blinde, Stumpfe, Zwerge (Instr.Pl.)

paṅguṣv api ca devarṣe ye cānye kutsitā narāḥ; strīṇām agamyo loke 'smin nāsti kaś cin mahāmune

„Selbst bei Lahmen, Götterseher, und bei allen anderen Verachteten unter den Männern: keinen gibt es in dieser Welt, der für die Frauen unzugänglich wäre, großer Weiser.“

Wort für Wort
paṅguṣu api ca devarṣe
selbst bei Lahmen, Götterseher (Lok.Pl./Vok.)
ye ca anye kutsitāḥ narāḥ
und bei den anderen verachteten Männern (Nom.Pl.)
strīṇām agamyaḥ loke asmin
für Frauen unzugänglich in dieser Welt (Gen.Pl./Lok.)
na asti kaś cit mahāmune
gibt es keinen, großer Weiser (3.Sg./Nom./Vok.)

yadi puṃsāṃ gatir brahma kathaṃ cin nopapadyate; apy anyonyaṃ pravartante na hi tiṣṭhanti bhartṛṣu

„Wenn der Weg zu den Männern [d. h. das Erreichen von Männern] auf irgendeine Weise nicht gelingt, treiben sie es sogar untereinander; bei ihren Gatten bleiben sie ganz sicher nicht.“

Wort für Wort
yadi puṃsāṃ gatiḥ brahma
wenn der Männer Zugang [?] (Gen.Pl./Nom./Nom.n.)
kathaṃ cit na upapadyate
irgendwie nicht gelingt (3.Sg.Präs.Med.)
api anyonyaṃ pravartante
so treiben sie es auch untereinander (Adv./3.Pl.Med.)
na hi tiṣṭhanti bhartṛṣu
denn nicht bleiben sie bei den Gatten (3.Pl./Lok.Pl.)

Text und Sinn von puṃsāṃ gatir brahma unsicher. [Anm.: wörtlich „wenn der Männer Zugang, Brahman, …“; vermutlich verderbt] [?]

duṣṭācārāḥ pāparatā asatyā māyayā vṛtāḥ; adṛṣṭabuddhibahulāḥ prāyeṇety avagamyatām

„Von schlechtem Wandel, dem Bösen ergeben, unwahrhaftig, von Täuschung umhüllt, mit viel unbedachtem Verstand – so sollen sie größtenteils angesehen werden.“

Wort für Wort
duṣṭācārāḥ pāparatāḥ
von schlechtem Wandel, am Bösen erfreut (Nom.Pl.f.)
asatyāḥ māyayā vṛtāḥ
unwahrhaftig, von Täuschung umhüllt (Nom.Pl./Instr./Part.Pass.)
adṛṣṭabuddhibahulāḥ
reich an unbedachtem Verstand [?] (Nom.Pl.f.)
prāyeṇa iti avagamyatām
größtenteils, so soll man es verstehen (Instr./Imp.Pass.3.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (Sternzeile). adṛṣṭabuddhibahulāḥ unsicher: „mit viel ungesehenem/ungeprüftem Verstand“. [?]

alābhāt puruṣāṇāṃ hi bhayāt parijanasya ca; vadhabandhabhayāc cāpi svayaṃ guptā bhavanti tāḥ

„Denn aus Mangel an Männern, aus Furcht vor der Dienerschaft und auch aus Furcht vor Tod und Fesselung sind sie [nur] selbst behütet.“

Wort für Wort
alābhāt puruṣāṇāṃ hi
denn aus Nichterlangen von Männern (Abl./Gen.Pl.)
bhayāt parijanasya ca
und aus Furcht vor dem Gefolge (Abl./Gen.)
vadhabandhabhayāt ca api
und auch aus Furcht vor Tötung und Fesselung (Abl.)
svayaṃ guptāḥ bhavanti tāḥ
selbst behütet sind sie (Part.Pass./3.Pl.)

calasvabhāvā duḥsevyā durgrāhyā bhāvatas tathā

„Von wankelmütiger Natur, schwer zu bedienen, schwer zu fassen der Gesinnung nach.“

Wort für Wort
calasvabhāvāḥ
von wankelmütiger Natur (Nom.Pl.f.)
duḥsevyāḥ
schwer zu bedienen (Nom.Pl.f.)
durgrāhyāḥ
schwer zu fassen (Nom.Pl.f.)
bhāvataḥ tathā
der Gesinnung nach ebenso (Abl./Adv.)

suhṛdy avadyahṛdyās tā vairakopālayāḥ sma tāḥ

„Gegenüber dem Freund sind sie tadelnswert im Herzen [?], sie sind Wohnstätten von Feindschaft und Zorn.“

Wort für Wort
suhṛdi
gegenüber dem Freund (Lok.)
avadyahṛdyāḥ tāḥ
die am Tadelnswerten Gefallen finden [?] (Nom.Pl.f.)
vairakopālayāḥ
Wohnstätten von Feindschaft und Zorn (Nom.Pl.f.)
sma tāḥ
sind sie (Part./Nom.Pl.f.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; suhṛdy avadyahṛdyāḥ ist unsicher und evtl. verderbt. [?]

prājñasya puruṣasyeha yathā vācas tathā striyaḥ

„Wie die Worte eines klugen Mannes hier [in der Welt] – so sind die Frauen.“

Wort für Wort
prājñasya puruṣasya
eines klugen Mannes (Gen.Sg.)
iha yathā vācaḥ
hier wie die Worte (Adv./Konj./Nom.Pl.)
tathā striyaḥ
so die Frauen (Adv./Nom.Pl.)

Die Zeile knüpft an 24ab an; der Vergleich ist knapp und unsicher. [?]

nāgnis tṛpyati kāṣṭhānāṃ nāpagānāṃ mahodadhiḥ; nāntakaḥ sarvabhūtānāṃ na puṃsāṃ vāmalocanāḥ

„Das Feuer wird nicht satt vom Holz, nicht das große Meer von den Flüssen, nicht der Ender von allen Wesen und nicht die Schönäugigen von den Männern.“

Wort für Wort
na agniḥ tṛpyati kāṣṭhānām
nicht wird das Feuer satt an Hölzern (Nom./3.Sg./Gen.Pl.)
na apagānām mahodadhiḥ
nicht das große Meer an Flüssen (Gen.Pl./Nom.)
na antakaḥ sarvabhūtānām
nicht der Beender an allen Wesen (Nom./Gen.Pl.)
na puṃsāṃ vāmalocanāḥ
nicht die Schönäugigen an Männern (Gen.Pl./Nom.Pl.f.)

idam anyac ca devarṣe rahasyaṃ sarvayoṣitām; dṛṣṭvaiva puruṣaṃ hṛdyaṃ yoniḥ praklidyate striyaḥ

„Dies ist ein weiteres Geheimnis aller Frauen, Götterseher: Sobald eine Frau einen gefälligen Mann erblickt, wird ihr Schoß feucht.“

Wort für Wort
idam anyat ca devarṣe
dies ist ein anderes, Götterseher (Nom.n./Vok.)
rahasyaṃ sarvayoṣitām
Geheimnis aller Frauen (Nom./Gen.Pl.)
dṛṣṭvā eva puruṣaṃ hṛdyam
schon beim Erblicken eines gefälligen Mannes (Abs./Akk.)
yoniḥ praklidyate striyaḥ
wird der Schoß der Frau feucht (Nom./3.Sg.Pass./Gen.)

susnātaṃ puruṣaṃ dṛṣṭvā sucandanalavokṣitam; yoniḥ svadyati nārīṇāṃ dṛteḥ pādād ivodakam

„Beim Anblick eines gut gebadeten Mannes, der mit feinem Sandelwasser besprengt ist, wird der Schoß der Frauen feucht wie Wasser aus einem Schlauch [?].“

Wort für Wort
susnātaṃ puruṣaṃ dṛṣṭvā
einen gut gebadeten Mann gesehen habend (Akk./Abs.)
sucandanalavokṣitam
mit feinen Sandelwassertropfen besprengt (Akk.)
yoniḥ svadyati nārīṇām
der Schoß der Frauen wird feucht (Nom./3.Sg./Gen.Pl.)
dṛteḥ pādāt iva udakam
wie Wasser aus dem Fuß eines Schlauches [?] (Abl./Vergl./Nom.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; dṛteḥ pādād ivodakam ist unsicher. [Anm.: wörtlich etwa „wie Wasser aus dem Fuß des Schlauches“] [?]

kāmānām api dātāraṃ kartāraṃ mānasāntvayoḥ; rakṣitāraṃ na mṛṣyanti bhartāraṃ paramaṃ striyaḥ

„Selbst den Gatten, der ihnen Wünsche erfüllt, der Ehre und Trost verschafft und [sie] beschützt, ertragen die Frauen im Höchsten nicht.“

Wort für Wort
kāmānām api dātāram
auch der Wünsche Geber (Gen.Pl./Akk.Sg.)
kartāraṃ mānasāntvayoḥ
Erweiser von Ehre und Trost (Akk./Gen.Du.)
rakṣitāraṃ na mṛṣyanti
Beschützer dulden nicht (Akk./3.Pl.)
bhartāraṃ paramaṃ striyaḥ
den Gatten im höchsten Maße, die Frauen (Akk./Adv./Nom.Pl.)

na kāmabhogān bahulān nālaṃkārārthasaṃcayān; tathaiva bahu manyante yathā ratyām anugraham

„Weder viele Liebesgenüsse noch aufgehäufte Schmuckgüter schätzen sie so hoch wie die Gunst im Liebesakt.“

Wort für Wort
na kāmabhogān bahulān
nicht viele Liebesgenüsse (Akk.Pl.)
na alaṃkārārthasaṃcayān
nicht Anhäufungen von Schmuck und Gütern (Akk.Pl.)
tathā eva bahu manyante
so sehr schätzen sie (Adv./3.Pl.Med.)
yathā ratyām anugraham
wie die Gunst in der Liebeslust (Konj./Lok./Akk.)

antakaḥ śamano mṛtyuḥ pātālaṃ vaḍavāmukham; kṣuradhārā viṣaṃ sarpo vahnir ity ekataḥ striyaḥ

„Yama der Beender, Tod, die Unterwelt, das Stutenmaul [Feuer], die Schneide des Messers, Gift, Schlange, Feuer – dies alles ist in einem [in den Frauen] vereint.“

Wort für Wort
antakaḥ śamanaḥ mṛtyuḥ
der Beender, der Bändiger, der Tod (Nom.)
pātālaṃ vaḍavāmukham
die Unterwelt, das Stutenmaul (Nom.n.)
kṣuradhārā viṣaṃ sarpaḥ
Messerschneide, Gift, Schlange (Nom.)
vahniḥ iti ekataḥ striyaḥ
Feuer: so [ist dies] in den Frauen zusammen (Nom./Abl.-Adv./Nom.Pl.)

yataś ca bhūtāni mahānti pañca; yataś ca lokā vihitā vidhātrā; yataḥ pumāṃsaḥ pramadāś ca nirmitās; tadaiva doṣāḥ pramadāsu nārada

„Von wo die fünf großen [Elemente] und von wo die Welten vom Schöpfer geordnet wurden, von wo die Männer und die Frauen erschaffen wurden – eben dort, Nārada, [liegen] die Fehler bei den Frauen.“

Wort für Wort
yataḥ ca bhūtāni mahānti pañca
von wo die fünf großen Wesen [Elemente] (Abl.-Adv./Nom.Pl.n.)
yataḥ ca lokāḥ vihitāḥ vidhātrā
und von wo die Welten geordnet wurden vom Schöpfer (Nom.Pl./Part.Pass./Instr.)
yataḥ pumāṃsaḥ pramadāḥ ca nirmitāḥ
von wo Männer und Frauen geschaffen wurden (Nom.Pl./Part.Pass.)
tadā eva doṣāḥ pramadāsu nārada
damals schon [die] Fehler bei den Frauen, Nārada (Adv./Nom.Pl./Lok.Pl./Vok.)

Dieses Kapitel in der Leseansicht