Kapitel 119: kīṭopākhyāne vyāsakīṭasaṃvādaḥ
Vyāsa und der Käfer: Aufstieg durch die Geburten bis zur Brahmanenschaft
Fortsetzung der Käfer-Erzählung: Vyāsa erklärt dem zum Königssohn gewordenen Käfer die Wirkung von Tun und Geburt und verheißt ihm den Aufstieg über die Stände bis zur Brahmanenschaft.
ahaṃ hi darśanād eva tārayāmi tapobalāt; tapobalād dhi balavad balam anyan na vidyate
Ich nämlich rette schon durch bloßen Anblick, aus der Kraft meiner Askese; denn eine andere Kraft, die stärker wäre als die Askesekraft, gibt es nicht.
Wort für Wort
aham hi darśanād eva
ich nämlich schon durch Anblick (Nom./Abl.Sg.)
tārayāmi tapobalāt
rette (hinüber) aus Askesekraft (1.Sg.Kaus.Präs./Abl.)
tapobalād hi balavad balam
denn als Askesekraft (ist) stärkere Kraft (Abl./Nom.Sg.n.)
Ich weiß, dass du durch deine selbstbegangenen Übel, Käfer, in den Käferzustand gelangt bist; du wirst höchstes Recht erlangen, wenn du dich an das Recht hältst [und es so meinst].
Wort für Wort
jānāmi pāpaiḥ svakṛtaiḥ
ich weiß, durch selbstgetane Übel (1.Sg.Präs./Instr.Pl.)
gataṃ tvāṃ kīṭa kīṭatām
dich Gegangenen, Käfer, zur Käferheit (Part.Akk./Vok./Akk.)
avāpsyasi paraṃ dharmam
du wirst erlangen das höchste Recht (2.Sg.Fut./Akk.)
dharmastho yadi manyase
im Recht stehend, wenn du meinst (Nom./2.Sg.Präs.)
dharmastho yadi manyase: Sinn unsicher; wörtlich „wenn du dich als im Recht stehend erachtest“ [?]
karma bhūmikṛtaṃ devā bhuñjate tiryagāś ca ye; dharmād api manuṣyeṣu kāmo 'rthaś ca yathā guṇaiḥ
Das auf der Erde getane Werk genießen die Götter und die Tierwesen; unter den Menschen entstehen aus dem Recht auch Lust und Nutzen, je nach den Eigenschaften.
Wort für Wort
karma bhūmikṛtam
das auf der Erde getane Werk (Nom./Part.Nom.)
devā bhuñjate
die Götter genießen (Nom.Pl./3.Pl.Med.)
tiryagāḥ ca ye
und die, die Tierwesen sind (Nom.Pl.)
dharmād api manuṣyeṣu
aus dem Recht auch unter Menschen (Abl./Lok.Pl.)
kāmaḥ arthaḥ ca yathā guṇaiḥ
Lust und Nutzen, gemäß den Eigenschaften (Nom.Sg./Instr.Pl.)
Verderbte/knappe Konstruktion; Wiedergabe der zweiten Vershälfte unsicher.
vāgbuddhipāṇipādaiś cāpy upetasya vipaścitaḥ; kiṃ hīyate manuṣyasya mandasyāpi hi jīvataḥ
Was geht einem Menschen verloren, der mit Rede, Verstand, Händen und Füßen begabt und einsichtig ist – ja, selbst wenn er nur ein Dummkopf ist, solange er lebt?
Wort für Wort
vāgbuddhipāṇipādaiḥ ca api upetasya
und auch mit Rede, Verstand, Händen, Füßen ausgestattet (Instr.Pl./Part.Gen.)
vipaścitaḥ
des Einsichtigen (Gen.Sg.)
kiṃ hīyate
was geht verloren (Nom./3.Sg.Pass.)
manuṣyasya mandasya api hi jīvataḥ
dem Menschen, selbst dem Trägen, der lebt (Gen.Sg./Part.Gen.)
Zweite Vershälfte unsicher: kiṃ hīyate wörtlich „was wird ihm entzogen/fehlt ihm“ [?]
jīvan hi kurute pūjāṃ viprāgryaḥ śaśisūryayoḥ; bruvann api kathāṃ puṇyāṃ tatra kīṭa tvam eṣyasi
Denn schon lebend erweist ein Vorzüglichster der Brahmanen Mond und Sonne Verehrung; und wenn er auch nur eine verdienstvolle Erzählung vorträgt – dorthin wirst du gelangen, Käfer.
Wort für Wort
jīvan hi kurute pūjām
lebend nämlich erweist er Verehrung (Part.Nom./3.Sg.Med.Präs./Akk.)
viprāgryaḥ śaśisūryayoḥ
der Erste der Brahmanen dem Mond und der Sonne (Nom./Gen.Du.)
bruvan api kathāṃ puṇyām
auch wenn er spricht eine verdienstvolle Erzählung (Part.Nom./Akk.Sg.f.)
tatra kīṭa tvam eṣyasi
dorthin, Käfer, wirst du gehen (Adv./Vok./2.Sg.Fut.)
śakaṭavrajaś ca sumahān āgataś ca yadṛcchayā; cakrākrameṇa bhinnaś ca kīṭaḥ prāṇān mumoca ha; saṃbhūtaḥ kṣatriyakule prasādād amitaujasaḥ
Da kam zufällig ein sehr großer Wagenzug daher; vom Ansturm eines Rades zerquetscht, gab der Käfer sein Leben auf. Er wurde in einer Kṣatriya-Familie geboren, durch die Gnade [des Vyāsa] von unermesslicher Kraft.
Wort für Wort
śakaṭavrajaḥ ca sumahān
und ein sehr großer Wagenzug (Nom.Sg.)
āgataḥ ca yadṛcchayā
und kam zufällig (Part.Nom./Instr.)
cakrākrameṇa bhinnaḥ ca
und vom Ansturm des Rades zerteilt (Instr./Part.Nom.)
kīṭaḥ prāṇān mumoca ha
der Käfer gab die Lebenshauche auf (Nom./Akk.Pl./3.Sg.Perf.)
saṃbhūtaḥ kṣatriyakule
geboren in einer Kṣatriya-Familie (Part.Nom./Lok.)
prasādāt amitaujasaḥ
durch die Gnade des unermesslich Kraftvollen (Abl./Gen.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (*0599); prasādād amitaujasaḥ: Bezug auf Vyāsa angenommen [?]
Und er sah [ihn], o großer König, als er [selbst] die Stellung eines Königssohnes erreicht hatte.
Wort für Wort
dadarśa ca
und er sah (3.Sg.Perf.)
mahārāja
o großer König (Vok.)
saṃprāptam
den [als] Erreichten (Part.Akk.)
rājaputratām
Königssohnschaft (Akk.Sg.f.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (*0600); Syntax knapp; Subjekt/Objekt wechselt [?]
śvāvidgodhāvarāhāṇāṃ tathaiva mṛgapakṣiṇām; śvapākavaiśyaśūdrāṇāṃ kṣatriyāṇāṃ ca yoniṣu
Er [wurde] unter den Mutterschößen von Hunden, Stachelschweinen, Waranen, Wildschweinen und ebenso von Wild und Vögeln, von Śvapāka, Vaiśya, Śūdra und Kṣatriya [geboren].
Wort für Wort
śvāvidgodhāvarāhāṇām
der Stachelschweine, Warane, Wildschweine (Gen.Pl.)
tathā eva mṛgapakṣiṇām
und ebenso der Tiere und Vögel (Gen.Pl.)
śvapākavaiśyaśūdrāṇām
der Hundeköche, Vaiśyas, Śūdras (Gen.Pl.)
kṣatriyāṇām ca yoniṣu
und der Kṣatriyas, in Mutterschößen (Gen.Pl./Lok.Pl.)
Ergänzung von „geboren/wurde“ nötig; śvāvid = Stachelschwein (nicht Hund) [?]
Als der wahrhaftige Seher ihn mit „Käfer“ angesprochen hatte, erinnerte er sich, und mit gefalteten Händen ergriff er, das Haupt gesenkt, [seine] Füße.
Wort für Wort
sa kīṭa iti evam ābhāṣya
er, mit „Käfer“ so angesprochen (Nom./Abs.)
ṛṣiṇā satyavādinā
vom Seher, dem Wahrhaftigen (Instr.)
pratismṛtya atha
sich erinnernd, dann (Abs.)
jagrāha pādau mūrdhnā
ergriff die Füße mit dem Haupt (3.Sg.Perf./Akk.Du./Instr.)
kṛtāñjaliḥ
mit gefalteten Händen (Nom.Sg.)
Der Ausdruck „Käfer“ wird als Anrede [an ihn] verstanden; Subjektwechsel im Satz [?]
Nachdem er darauf der Reihe nach die unübertroffene Kṣatriya-Stellung erlangt hatte.
Wort für Wort
paryāyeṇa tataḥ
der Reihe nach, dann (Instr./Adv.)
prāpya
erlangt habend (Abs.)
kṣātraṃ sthānam anuttamam
den Kṣatriya-Stand, unübertroffen (Akk.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (*0602); Halbvers unvollständig, Anschluss unklar [?]
kīṭa uvāca; idaṃ tad atulaṃ sthānam īpsitaṃ daśabhir guṇaiḥ; yad ahaṃ prāpya kīṭatvam āgato rājaputratām
Der Käfer sprach: „Dies ist jene unvergleichliche, von zehn Vorzügen ersehnte Stellung, die ich, nachdem ich das Käferdasein erreicht hatte, [nun] als Königssohn erlangt habe.
Wort für Wort
kīṭa uvāca
der Käfer sprach (Perf.)
idaṃ tat atulaṃ sthānam
dies ist jene unvergleichliche Stellung (Nom.)
īpsitaṃ daśabhiḥ guṇaiḥ
erstrebt mit zehn Vorzügen (Part.Nom./Instr.Pl.)
yad aham prāpya kīṭatvam
die ich, nach Erreichen des Käferseins (Nom./Abs.)
āgataḥ rājaputratām
gelangt bin zur Königssohnschaft (Part.Nom./Akk.)
daśabhir guṇaiḥ: „zehn Eigenschaften“ nicht näher bestimmt [?]
prasādāt satyasaṃdhasya bhavato 'mitatejasaḥ; yad ahaṃ kīṭatāṃ prāpya saṃprāpto rājaputratām
Durch die Gnade deiner, der du der Wahrheit verpflichtet und von unermesslichem Glanz bist, habe ich, nachdem ich zum Käfer geworden war, [nun] die Königssohnschaft erlangt.
Vyāsa sprach: „Von dir, König, bin ich heute mit Worten geehrt worden, ganz aus freien Stücken; heute ist dir, da du zum Käfer geworden warst, eine untadelige Erinnerung entstanden.
Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Perf.)
arcitaḥ aham tvayā rājan
geehrt bin ich von dir, König (Part.Nom./Instr./Vok.)
vāgbhiḥ adya yadṛcchayā
mit Worten heute, aus freiem Antrieb (Instr.Pl./Adv./Instr.)
adya te kīṭatām prāpya
heute dir, Käferheit erlangt habend (Adv./Dat./Abs.)
smṛtiḥ jātā ajugupsitā
Erinnerung entstanden, untadelig (Nom.Sg.f.)
adya te kīṭatāṃ prāpya smṛtir jātā: Subjekt/Zeitbezug unsicher; wörtlich „heute ist dir, [der du] Käferheit erlangt hattest, Erinnerung entstanden“ [?]
na tu nāśo 'sti pāpasya yat tvayopacitaṃ purā; śūdreṇārthapradhānena nṛśaṃsenātatāyinā
Doch das Übel, das du früher aufgehäuft hast, ist nicht vernichtet – als ein Śūdra, dem der Besitz alles war, ein Grausamer, ein Mörder mit erhobener Waffe.
Wort für Wort
na tu nāśaḥ asti pāpasya
doch keine Vernichtung gibt es des Übels (Nom./3.Sg./Gen.)
yat tvayā upacitam purā
das von dir früher aufgehäuft wurde (Nom./Instr./Part./Adv.)
śūdreṇa arthapradhānena
von einem Śūdra, der auf Besitz aus war (Instr.)
nṛśaṃsena ātatāyinā
einem Grausamen, einem Mordwilligen (Instr.)
ātatāyin: eig. „einer, der die Waffe erhoben hat“ (Angreifer/Brandstifter u. Ä.)
Nachdem du das Glück eines Königssohnes erlangt und Opfer mit vollen Opfergaben dargebracht hast, wirst du dich im Himmel freuen, zum Brahman geworden, unvergänglich und glücklich.
Wort für Wort
rājaputrasukham prāpya
das Glück des Königssohnes erlangt habend (Akk./Abs.)
ṛtūn ca āptadakṣiṇān
und Opferzeiten mit erreichten Opfergaben (Akk.Pl.)
atha modiṣyase svarge
dann wirst du dich freuen im Himmel (2.Sg.Fut./Lok.)
brahmabhūtaḥ avyayaḥ sukhī
zum Brahman geworden, unvergänglich, glücklich (Nom.Sg.)
ṛtūn āptadakṣiṇān: „Opfer mit vollständiger Priesterlohn-Gabe“ angenommen [?]
Aus dem Tierschoß gelangt man zur Śūdra-Stellung; der Śūdra erlangt das Vaiśya-Sein und der Vaiśya das Kṣatriya-Sein; der Kṣatriya, der sich seines Wandels rühmt, erlangt die Brahmanenschaft; der Brahmane von gutem Wandel [erlangt] den verdienstvollen Himmel.
Wort für Wort
tiryagyonyāḥ śūdratām abhyupaiti
aus dem Tierschoß gelangt zur Śūdra-Stellung (Abl./Akk./3.Sg.Präs.)
śūdraḥ vaiśyatvam
der Śūdra zum Vaiśya-Sein (Nom./Akk.)
kṣatriyatvam ca vaiśyaḥ
und zum Kṣatriya-Sein der Vaiśya (Akk./Nom.)
vṛttaślāghī kṣatriyaḥ brāhmaṇatvam
der auf seinen Wandel Stolze, der Kṣatriya, zur Brahmanenschaft (Nom./Akk.)
svargam puṇyam brāhmaṇaḥ sādhuvṛttaḥ
den verdienstvollen Himmel [erlangt] der Brahmane von gutem Wandel (Akk./Nom.)
Ergänzung von „erlangt“ im letzten Glied; vṛttaślāghī: „wer seinen Wandel preist“ [?]