Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Anuśāsanaparva

Kapitel 33: brāhmaṇamāhātmyam Der König soll die Brahmanen ehren: ihre Macht und Unbesiegbarkeit

Bhīṣma legt dar, dass die Verehrung der Brahmanen die vornehmste Königspflicht ist; er schildert ihre Vielfalt, ihre Macht über Wohl und Wehe und die Folgen ihrer Missachtung.

yudhiṣṭhira uvāca; kiṃ rājñaḥ sarvakṛtyānāṃ garīyaḥ syāt pitāmaha; kiṃ kurvan karma nṛpatir ubhau lokau samaśnute

Yudhiṣṭhira sprach: „Was dürfte unter allen Pflichten eines Königs die gewichtigste sein, Großvater? Welches Werk vollbringend erlangt ein Herrscher beide Welten?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
kiṃ rājñaḥ sarvakṛtyānāṃ garīyaḥ syāt pitāmaha
was ist unter allen Pflichten des Königs das Gewichtigste, Großvater (Gen. Pl./Komp. Nom. Sg. n./Opt./Vok.)
kiṃ kurvan karma nṛpatir
welches Werk tuend, der Herrscher (Part. Präs./Nom. Sg.)
ubhau lokau samaśnute
beide Welten erreicht er (Akk. Du./3.Sg.Präs. Med.)

bhīṣma uvāca; etad rājñaḥ kṛtyatamam abhiṣiktasya bhārata; brāhmaṇānām anuṣṭhānam atyantaṃ sukham icchatā

Bhīṣma sprach: „Dies ist die vornehmste Pflicht eines gesalbten Königs, Bhārata: die Fürsorge für die Brahmanen, wenn er höchstes Glück wünscht.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
etad rājñaḥ kṛtyatamam abhiṣiktasya bhārata
dies ist die vornehmste Pflicht des gesalbten Königs, Bhārata (Nom. Sg. n./Gen. Sg./Superl./Part. Pass./Vok.)
brāhmaṇānām anuṣṭhānam
das Sorgen für die Brahmanen, das Ins-Werk-Setzen [ihrer Belange] (Gen. Pl./Nom. Sg. n.)
atyantaṃ sukham icchatā
wer höchstes Glück wünscht (Adv./Akk. Sg./Part. Präs. Instr. Sg.)

Der Instrumental icchatā ist als Agens-Angabe zu verstehen: „von einem, der Glück wünscht“.

brāhmaṇānāṃ rakṣaṇaṃ ca pūjā ca sukham icchataḥ

Der Schutz der Brahmanen und ihre Verehrung [ist es], für einen, der Glück wünscht,

Wort für Wort
brāhmaṇānāṃ rakṣaṇaṃ ca
der Schutz der Brahmanen und (Gen. Pl./Nom. Sg. n.)
pūjā ca
und die Verehrung (Nom. Sg. f.)
sukham icchataḥ
für einen, der Glück wünscht (Akk. Sg./Part. Präs. Gen. Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

kartavyaṃ pārthiveneha tad viddhi bharatarṣabha

was vom Erdenherrscher hier zu tun ist; wisse das, Stier der Bharatas.

Wort für Wort
kartavyaṃ pārthivena iha
zu tun vom Erdenherrscher hier (Gerundiv Nom. Sg. n./Instr. Sg./Adv.)
tad viddhi
das wisse (Akk. Sg. n./Imp. 2.Sg.)
bharatarṣabha
Stier der Bharatas (Vok. Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

śrotriyān brāhmaṇān vṛddhān nityam evābhipūjayet

Die vedakundigen, betagten Brahmanen soll er stets verehren.

Wort für Wort
śrotriyān brāhmaṇān
die vedakundigen Brahmanen (Akk. Pl.)
vṛddhān
die Alten, Betagten (Akk. Pl.)
nityam eva abhipūjayet
stets fürwahr soll er verehren (Adv./Part./Opt. 3.Sg. Kaus.)

paurajānapadāṃś cāpi brāhmaṇāṃś ca bahuśrutān; sāntvena bhogadānena namaskārais tathārcayet

Auch die Stadt- und Landbewohner und die vielgelehrten Brahmanen soll er mit freundlichem Zuspruch, mit Gewährung von Genüssen und mit Ehrerbietungen ehren.

Wort für Wort
paurajānapadān ca api
und auch die Stadt- und Landbewohner (Akk. Pl./Komp.)
brāhmaṇān ca bahuśrutān
und die Brahmanen, die vielgelehrten (Akk. Pl./Komp. Akk. Pl.)
sāntvena bhogadānena
mit Freundlichkeit, mit dem Geben von Genüssen (Instr. Sg./Komp. Instr. Sg.)
namaskāraiḥ tathā arcayet
mit Ehrerbietungen, so soll er ehren (Instr. Pl./Adv./Opt. 3.Sg.)

etat kṛtyatamaṃ rājño nityam eveti lakṣayet; yathātmānaṃ yathā putrāṃs tathaitān paripālayet

„Dies ist stets die vornehmste Pflicht des Königs“ – so soll er es erkennen. Wie sich selbst, wie die eigenen Söhne, so soll er diese hüten.

Wort für Wort
etat kṛtyatamaṃ rājñaḥ
dies ist die vornehmste Pflicht des Königs (Nom. Sg. n./Gen. Sg.)
nityam eva iti lakṣayet
stets fürwahr, so soll er erkennen (Adv./Zitatpartikel/Opt. 3.Sg.)
yathā ātmānaṃ yathā putrān
wie sich selbst, wie Söhne (Akk. Sg./Akk. Pl.)
tathā etān paripālayet
so diese soll er behüten (Akk. Pl./Opt. 3.Sg.)

ye cāpy eṣāṃ pūjyatamās tān dṛḍhaṃ pratipūjayet; teṣu śānteṣu tad rāṣṭraṃ sarvam eva virājate

Und wer von ihnen der Ehrwürdigste ist, den soll er fest [und nachdrücklich] wiederum ehren. Wenn diese friedlich [zufrieden] sind, gedeiht jenes ganze Reich glänzend.

Wort für Wort
ye ca api eṣāṃ pūjyatamāḥ
und die auch unter ihnen die Ehrwürdigsten sind (Nom. Pl./Gen. Pl./Superl. Nom. Pl.)
tān dṛḍhaṃ pratipūjayet
diese soll er fest wieder ehren (Akk. Pl./Adv./Opt. 3.Sg.)
teṣu śānteṣu
wenn diese besänftigt sind (Lok. Pl./Part. Lok. Pl., Lok. abs.)
tad rāṣṭraṃ sarvam eva virājate
jenes Reich ganz und gar erstrahlt (Nom. Sg. n./3.Sg.Präs. Med.)

te pūjyās te namaskāryās te rakṣyāḥ pitaro yathā; teṣv eva yātrā lokasya bhūtānām iva vāsave

Sie sind zu verehren, sie sind zu grüßen, sie sind zu schützen wie Väter. In ihnen allein liegt der Lebensunterhalt der Welt, wie der der Wesen in Vāsava [Indra].

Wort für Wort
te pūjyāḥ te namaskāryāḥ
sie sind zu verehren, sie sind zu grüßen (Gerundiv Nom. Pl.)
te rakṣyāḥ pitaraḥ yathā
sie sind zu schützen, wie Väter (Gerundiv/Nom. Pl./Adv.)
teṣu eva yātrā lokasya
in ihnen allein ist der Unterhalt der Welt (Lok. Pl./Nom. Sg. f./Gen. Sg.)
bhūtānām iva vāsave
wie der der Wesen in Vāsava (Gen. Pl./Lok. Sg.)

abhicārair upāyaiś ca daheyur api tejasā; niḥśeṣaṃ kupitāḥ kuryur ugrāḥ satyaparākramāḥ

Durch Zauberriten und [andere] Mittel könnten sie [dich] gar mit ihrer Glut verbrennen; erzürnt würden sie [alles] restlos [vernichten], die Gewaltigen, deren Kraft in der Wahrheit steht.

Wort für Wort
abhicāraiḥ upāyaiḥ ca
durch Zauberriten und durch Mittel (Instr. Pl.)
daheyuḥ api tejasā
sie könnten verbrennen sogar durch Glut (Opt. 3.Pl./Instr. Sg.)
niḥśeṣaṃ kupitāḥ kuryuḥ
restlos würden sie erzürnt machen [vernichten] (Adv./Part. Nom. Pl./Opt. 3.Pl.)
ugrāḥ satyaparākramāḥ
die Gewaltigen, wahrhaft Mächtigen (Nom. Pl./Komp. Nom. Pl.)

niḥśeṣaṃ kuryuḥ ohne Objekt: „restlos [alles] machen“, sinngemäß vernichten.

nāntam eṣāṃ prapaśyāmi na diśaś cāpy apāvṛtāḥ; kupitāḥ samudīkṣante dāveṣv agniśikhā iva

Ein Ende von ihnen sehe ich nicht, und die Himmelsrichtungen sind [ihnen] nicht verhüllt. Erzürnt blicken sie umher wie die Flammenzungen des Feuers in Waldbränden.

Wort für Wort
na antam eṣāṃ prapaśyāmi
nicht ein Ende von ihnen sehe ich (Akk. Sg./Gen. Pl./1.Sg.Präs.)
na diśaḥ ca api āvṛtāḥ
und auch die Himmelsrichtungen sind nicht verdeckt (Nom. Pl. f./Part. Pass. Nom. Pl.)
kupitāḥ samudīkṣante
erzürnt blicken sie umher (Part. Nom. Pl./3.Pl.Präs. Med.)
dāveṣu agniśikhāḥ iva
wie Flammen in Waldbränden (Lok. Pl./Nom. Pl.)

Der Sinn der Halbverse 1-2 ist knapp; „apāvṛtāḥ“ evtl. eher „nicht offen [für Gegner]“. [?]

vidyan teṣāṃ sāhasikā guṇās teṣām atīva hi; kūpā iva tṛṇacchannā viśuddhā dyaur ivāpare

[Text unsicher:] Unter ihnen gibt es Wagemutige [?]; ihre Vorzüge sind fürwahr überaus [groß]: [manche sind] wie mit Gras bedeckte Brunnen, andere wie der reine Himmel.

Wort für Wort
vidyan teṣāṃ sāhasikāḥ
[?] unter ihnen Wagemutige (verderbt?/Gen. Pl./Nom. Pl.)
guṇāḥ teṣām atīva hi
ihre Eigenschaften überaus fürwahr (Nom. Pl./Gen. Pl./Adv./Partikel)
kūpāḥ iva tṛṇacchannāḥ
wie Brunnen, mit Gras bedeckt (Nom. Pl./Komp. Nom. Pl.)
viśuddhāḥ dyauḥ iva apare
rein, wie der Himmel, [und] andere (Nom. Pl./Nom. Sg./Nom. Pl.)

Halbvers a ist syntaktisch schwierig (vidyan wohl verderbt, evtl. vidyāt/vidyus); Deutung unsicher.

prasahyakāriṇaḥ ke cit kārpāsamṛdavo 'pare

Manche handeln mit Gewalt, andere sind weich wie Baumwolle.

Wort für Wort
prasahyakāriṇaḥ ke cit
gewaltsam Handelnde, einige (Nom. Pl./Nom. Pl.)
kārpāsamṛdavaḥ apare
weich wie Baumwolle, andere (Komp. Nom. Pl./Nom. Pl.)

mānyās teṣāṃ sādhavo ye na nindyāś cāpy asādhavaḥ

Unter ihnen sind die Guten zu ehren, und auch die Schlechten sind nicht zu tadeln.

Wort für Wort
mānyāḥ teṣāṃ sādhavaḥ ye
zu ehren unter ihnen die Guten, welche (Gerundiv Nom. Pl./Gen. Pl./Nom. Pl./Rel.)
na nindyāḥ ca api asādhavaḥ
nicht zu tadeln auch die Schlechten (Gerundiv Nom. Pl./Nom. Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Syntax des Relativs ye unklar: etwa „die Guten unter ihnen sind zu ehren; die Schlechten sind nicht zu schmähen“.

santi caiṣām atiśaṭhās tathānye 'titapasvinaḥ

Es gibt unter ihnen ganz Verschlagene, und wiederum andere, überaus Asketische.

Wort für Wort
santi ca eṣām
und es gibt unter ihnen (3.Pl.Präs./Gen. Pl.)
atiśaṭhāḥ
sehr Listige, Verschlagene (Nom. Pl.)
tathā anye atitapasvinaḥ
ebenso andere, überaus Asketische (Nom. Pl.)

kṛṣigorakṣyam apy anye bhaikṣam anye 'py anuṣṭhitāḥ; corāś cānye 'nṛtāś cānye tathānye naṭanartakāḥ

Andere widmen sich Ackerbau und Rinderhut, wieder andere dem Bettel; manche sind Diebe, manche Lügner, und andere wiederum Schauspieler und Tänzer.

Wort für Wort
kṛṣigorakṣyam api anye
Ackerbau und Viehhut auch andere (Nom. Sg. n./Nom. Pl.)
bhaikṣam anye api anuṣṭhitāḥ
Bettel andere auch, sie haben ausgeübt (Akk. Sg./Nom. Pl./Part. Pass. Nom. Pl.)
corāḥ ca anye anṛtāḥ ca anye
Diebe, und andere Lügner (Nom. Pl.)
tathā anye naṭanartakāḥ
und ebenso andere Schauspieler und Tänzer (Nom. Pl./Komp.)

sarvakarmasu dṛśyante praśānteṣv itareṣu ca; vividhācārayuktāś ca brāhmaṇā bharatarṣabha

Man sieht sie in allen Tätigkeiten, unter Friedfertigen und anderen, und mit mannigfaltigem Wandel begabt sind die Brahmanen, Stier der Bharatas.

Wort für Wort
sarvakarmasu dṛśyante
in allen Tätigkeiten werden sie gesehen (Lok. Pl./3.Pl.Präs. Pass.)
praśānteṣu itareṣu ca
unter Friedlichen und unter anderen (Part. Lok. Pl./Lok. Pl.)
vividhācārayuktāḥ ca brāhmaṇāḥ
und mit vielfältigem Wandel versehen, die Brahmanen (Komp. Nom. Pl./Nom. Pl.)
bharatarṣabha
Stier der Bharatas (Vok.)

nānākarmasu yuktānāṃ bahukarmopajīvinām; dharmajñānāṃ satāṃ teṣāṃ nityam evānukīrtayet

Von denen, die sich vielerlei Werken widmen und von vielen Werken leben, und doch den Dharma kennen und gut sind, soll er stets [nur das Gute] rühmen.

Wort für Wort
nānākarmasu yuktānām
die in verschiedenen Werken Beschäftigten (Lok. Pl./Part. Gen. Pl.)
bahukarmopajīvinām
von vielen Werken Lebenden (Komp. Gen. Pl.)
dharmajñānāṃ satāṃ teṣām
die Dharmakundigen, Guten, von diesen (Komp. Gen. Pl./Gen. Pl./Gen. Pl.)
nityam eva anukīrtayet
stets soll er [ihr Gutes] rühmen (Adv./Opt. 3.Sg. Kaus.)

Das Objekt von anukīrtayet fehlt; „[nur das Gute]“ ist ergänzt, Deutung des Verses unsicher. [?]

pitṝṇāṃ devatānāṃ ca manuṣyoragarakṣasām; purohitā mahābhāgā brāhmaṇā vai narādhipa

Für Ahnen und Götter, Menschen, Schlangen und Rākṣasas sind die Brahmanen die Hauspriester, die Hochgesegneten, Herrscher der Menschen.

Wort für Wort
pitṝṇāṃ devatānāṃ ca
der Ahnen und der Götter (Gen. Pl.)
manuṣyoragarakṣasām
der Menschen, Schlangen, Rākṣasas (Komp. Gen. Pl.)
purohitāḥ mahābhāgāḥ
Hauspriester, Hochgesegnete (Nom. Pl.)
brāhmaṇāḥ vai narādhipa
die Brahmanen fürwahr, Herrscher der Menschen (Nom. Pl./Partikel/Vok.)

naite devair na pitṛbhir na gandharvair na rākṣasaiḥ; nāsurair na piśācaiś ca śakyā jetuṃ dvijātayaḥ

Weder von Göttern noch von Ahnen, weder von Gandharvas noch von Rākṣasas, weder von Asuras noch von Piśācas sind die Zweimalgeborenen besiegbar.

Wort für Wort
na ete devaiḥ na pitṛbhiḥ
nicht diese von Göttern, nicht von Ahnen (Nom. Pl./Instr. Pl.)
na gandharvaiḥ na rākṣasaiḥ
nicht von Gandharvas, nicht von Rākṣasas (Instr. Pl.)
na asuraiḥ na piśācaiḥ ca
nicht von Asuras und nicht von Piśācas (Instr. Pl.)
śakyāḥ jetum dvijātayaḥ
sind fähig/möglich zu besiegen, die Zweimalgeborenen (Adj. Nom. Pl./Inf./Nom. Pl.)

adaivaṃ daivataṃ kuryur daivataṃ cāpy adaivatam; yam iccheyuḥ sa rājā syād yaṃ dviṣyuḥ sa parābhavet

Sie könnten den Nicht-Gott zum Gott machen und den Gott zum Nicht-Gott. Wen sie wollen, der würde König sein; wen sie hassen, der würde zugrunde gehen.

Wort für Wort
adaivaṃ daivataṃ kuryuḥ
den Nicht-Göttlichen zum Gott könnten sie machen (Akk. Sg./Opt. 3.Pl.)
daivataṃ ca api adaivatam
und den Gott zum Nicht-Gott (Akk. Sg.)
yam iccheyuḥ sa rājā syāt
wen sie wünschen, der sei König (Rel. Akk./Opt. 3.Pl./Nom./Opt. 3.Sg.)
yaṃ dviṣyuḥ sa parābhavet
wen sie hassen, der gehe zugrunde (Opt. 3.Pl./Opt. 3.Sg.)

parivādaṃ ca ye kuryur brāhmaṇānām acetasaḥ

Und die Törichten, die die Brahmanen verleumden,

Wort für Wort
parivādaṃ ca ye kuryuḥ
und Verleumdung, die üben würden (Akk. Sg./Rel. Nom. Pl./Opt.)
brāhmaṇānām acetasaḥ
der Brahmanen, die Unverständigen (Gen. Pl./Nom. Pl.)

satyaṃ bravīmi te rājan vinaśyeyur asaṃśayam

– die Wahrheit sage ich dir, König – werden ohne Zweifel zugrunde gehen.

Wort für Wort
satyaṃ bravīmi te rājan
Wahrheit sage ich dir, König (Adv./1.Sg.Präs./Dat. Sg./Vok.)
vinaśyeyuḥ asaṃśayam
sie würden untergehen, zweifellos (Opt. 3.Pl./Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

nindāpraśaṃsākuśalāḥ kīrtyakīrtiparāvarāḥ; parikupyanti te rājan satataṃ dviṣatāṃ dvijāḥ

Sie, die im Tadeln und Loben nicht bewandert sind, denen Ruhm und Schande gilt, hoch und niedrig, [gegen die] zürnen die Zweimalgeborenen, König, beständig gegen die Hassenden.

Wort für Wort
nindāpraśaṃsākuśalāḥ
im Tadeln und Loben ungeschickte (Komp. Nom. Pl.)
kīrtyakīrtiparāvarāḥ
bei Ruhm und Unruhm, hoch und niedrig (Komp. Nom. Pl.)
parikupyanti te rājan
sie zürnen, König (3.Pl.Präs./Nom. Pl./Vok.)
satataṃ dviṣatāṃ dvijāḥ
beständig den Hassenden die Zweimalgeborenen (Adv./Part. Gen. Pl./Nom. Pl.)

Halbvers a-b syntaktisch dunkel; die Wiedergabe folgt der Lesart, dass die Unverständigen (Vers 22) gemeint sind. [?]

brāhmaṇā yaṃ praśaṃsanti puruṣaḥ sa pravardhate; brāhmaṇair yaḥ parākruṣṭaḥ parābhūyāt kṣaṇād dhi saḥ

Wen die Brahmanen preisen, der Mann gedeiht; wer von Brahmanen beschimpft wird, der geht im Nu zugrunde.

Wort für Wort
brāhmaṇāḥ yaṃ praśaṃsanti
wen die Brahmanen loben (Nom. Pl./Rel. Akk./3.Pl.Präs.)
puruṣaḥ sa pravardhate
dieser Mann wächst (Nom. Sg./Nom. Sg./3.Sg.Präs. Med.)
brāhmaṇaiḥ yaḥ parākruṣṭaḥ
wer von Brahmanen verwünscht wird (Instr. Pl./Rel. Nom./Part. Pass.)
parābhūyāt kṣaṇāt hi saḥ
geht zugrunde im Augenblick fürwahr er (Prekativ 3.Sg./Abl. Sg./Partikel)

śakā yavanakāmbojās tās tāḥ kṣatriyajātayaḥ; vṛṣalatvaṃ parigatā brāhmaṇānām adarśanāt

Śakas, Yavanas, Kāmbojas und jene und jene Kṣatriya-Stämme sind zu Vṛṣalas [Niedrigen] geworden, weil sie die Brahmanen nicht [mehr] sahen.

Wort für Wort
śakāḥ yavanakāmbojāḥ
Śakas, Yavanas und Kāmbojas (Nom. Pl./Komp. Nom. Pl.)
tāḥ tāḥ kṣatriyajātayaḥ
jene und jene Kṣatriya-Geschlechter (Nom. Pl. f.)
vṛṣalatvaṃ parigatāḥ
zur Niedrigkeit gelangt (Akk. Sg./Part. Nom. Pl.)
brāhmaṇānām adarśanāt
wegen des Nichtsehens der Brahmanen (Gen. Pl./Abl. Sg.)

adarśanāt: „Nichtsehen“, sinngemäß: Fehlen des Umgangs mit Brahmanen.

dramiḷāś ca kaliṅgāś ca pulindāś cāpy uśīnarāḥ; kaulāḥ sarpā māhiṣakās tās tāḥ kṣatriyajātayaḥ

Die Dramiḷas, Kaliṅgas, Pulindas und Uśīnaras, die Kaulas, Sarpas und Māhiṣakas – jene und jene Kṣatriya-Stämme –

Wort für Wort
dramiḷāḥ ca kaliṅgāḥ ca
Dramiḷas und Kaliṅgas (Nom. Pl.)
pulindāḥ ca api uśīnarāḥ
Pulindas und auch Uśīnaras (Nom. Pl.)
kaulāḥ sarpāḥ māhiṣakāḥ
Kaulas, Sarpas, Māhiṣakas (Nom. Pl.)
tāḥ tāḥ kṣatriyajātayaḥ
jene und jene Kṣatriya-Stämme (Nom. Pl. f.)

vṛṣalatvaṃ parigatā brāhmaṇānām adarśanāt; śreyān parājayas tebhyo na jayo jayatāṃ vara

sind zu Vṛṣalas geworden, weil sie die Brahmanen nicht [mehr] sahen. Besser ist für dich die Niederlage vor ihnen als der Sieg, Bester der Siegenden.

Wort für Wort
vṛṣalatvaṃ parigatāḥ
zur Niedrigkeit gelangt (Akk. Sg./Part. Nom. Pl.)
brāhmaṇānām adarśanāt
wegen des Nichtsehens der Brahmanen (Gen. Pl./Abl. Sg.)
śreyān parājayaḥ tebhyaḥ
besser [ist] Niederlage vor ihnen (Komp. Nom. Sg./Nom. Sg./Abl. Pl.)
na jayaḥ jayatāṃ vara
nicht der Sieg, Bester der Siegenden (Nom. Sg./Part. Gen. Pl./Vok.)

„für dich“ ergänzt; tebhyaḥ dürfte „gegenüber ihnen“ (den Brahmanen) meinen. [?]

yas tu sarvam idaṃ hanyād brāhmaṇaṃ ca na tatsamam; brahmavadhyā mahān doṣa ity āhuḥ paramarṣayaḥ

Wer aber diese ganze [Welt] erschlüge, dem steht dies nicht gleich: Brahmanenmord ist ein großer Frevel, so sagen die höchsten Seher.

Wort für Wort
yaḥ tu sarvam idaṃ hanyāt
wer aber dieses Ganze erschlüge (Rel. Nom./Partikel/Akk. Sg. n./Opt. 3.Sg.)
brāhmaṇaṃ ca na tatsamam
und [den] Brahmanen, nicht dem gleich (Akk. Sg./Adv./Komp.)
brahmavadhyā mahān doṣaḥ
Brahmanentötung [ist] ein großer Makel (Nom. Sg. f./Nom. Sg./Nom. Sg.)
iti āhuḥ paramarṣayaḥ
so sagen die höchsten Seher (Zitatpartikel/Perf. 3.Pl./Nom. Pl.)

Der Halbvers yas tu sarvam idaṃ hanyād brāhmaṇaṃ ca na tatsamam ist syntaktisch knapp; wörtlich etwa: „Wer dies alles erschlüge, und einen Brahmanen: nicht gleich [ist das erste dem zweiten]“. [?]

parivādo dvijātīnāṃ na śrotavyaḥ kathaṃ cana; āsītādhomukhas tūṣṇīṃ samutthāya vrajeta vā

Von Verleumdung der Zweimalgeborenen darf man auf keinen Fall hören; man soll mit gesenktem Gesicht schweigend sitzen oder aufstehen und fortgehen.

Wort für Wort
parivādaḥ dvijātīnām
die Verleumdung der Zweimalgeborenen (Nom. Sg./Gen. Pl.)
na śrotavyaḥ kathaṃ cana
ist keinesfalls anzuhören (Gerundiv/Adv.)
āsīta adhomukhaḥ tūṣṇīm
man sitze mit gesenktem Gesicht schweigend (Opt. 3.Sg. Med./Komp. Nom./Adv.)
samutthāya vrajeta vā
oder aufgestanden gehe man fort (Abs./Opt. 3.Sg./Partikel)

na sa jāto janiṣyo vā pṛthivyām iha kaś cana; yo brāhmaṇavirodhena sukhaṃ jīvitum utsahet

Nicht ist geboren worden noch wird geboren werden auf Erden hier irgendjemand, der im Widerstreit mit Brahmanen glücklich zu leben vermöchte.

Wort für Wort
na sa jātaḥ janiṣyaḥ vā
nicht ist er geboren, oder er wird [es] werden (Part. Nom. Sg./Fut. Part./Partikel)
pṛthivyām iha kaḥ cana
auf Erden hier irgendwer (Lok. Sg./Adv./Pron.)
yaḥ brāhmaṇavirodhena
der durch Feindschaft mit Brahmanen (Rel. Nom./Instr. Sg.)
sukhaṃ jīvitum utsahet
glücklich zu leben wagen könnte (Adv./Inf./Opt. 3.Sg.)

durgraho muṣṭinā vāyur duḥsparśaḥ pāṇinā śaśī; durdharā pṛthivī mūrdhnā durjayā brāhmaṇā bhuvi

Schwer zu fassen ist der Wind mit der Faust, schwer zu berühren der Mond mit der Hand, schwer zu tragen die Erde auf dem Kopf, schwer zu besiegen sind die Brahmanen auf Erden.

Wort für Wort
durgrahaḥ muṣṭinā vāyuḥ
schwer zu greifen der Wind mit der Faust (Nom. Sg./Instr. Sg./Nom. Sg.)
duḥsparśaḥ pāṇinā śaśī
schwer zu berühren der Mond mit der Hand (Nom. Sg./Instr. Sg./Nom. Sg.)
durdharā pṛthivī mūrdhnā
schwer zu tragen die Erde auf dem Kopf (Nom. Sg. f./Nom. Sg./Instr. Sg.)
durjayāḥ brāhmaṇāḥ bhuvi
schwer zu besiegen die Brahmanen auf Erden (Nom. Pl./Lok. Sg.)

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