Kapitel 91: śrāddhotpattiḥ śrāddhavidhiś ca
Ursprung des Śrāddha durch Nimi, die Viśvedevas und die für Śrāddhas untauglichen Dinge
Bhīṣma erzählt auf Yudhiṣṭhiras Frage, wie Nimi, der Sohn des Dattātreya-Geschlechts, nach dem Tod seines Sohnes das erste Totenmahl ersann, von Atri bestätigt wurde und dieser die Regeln (Adressaten, Viśvedevas, zu meidende Speisen und Personen) darlegte.
Yudhiṣṭhira sprach: „Von wem wurde das Śrāddha ersonnen, zu welcher Zeit, von welcher Art [ist es]? Und [wie stand es] in der Zeit der Bhṛgus und Aṅgirasen – durch welchen Weisen [wurde es ersonnen]?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
kena saṃkalpitaṃ śrāddhaṃ
von wem ersonnen [wurde] das Totenmahl (Instr. / Part. Pass. / Nom.)
kasmin kāle kim ātmakam
zu welcher Zeit, von welchem Wesen (Lok. / Bahuvrīhi)
kāni śrāddheṣu varjyāni tathā mūlaphalāni ca; dhānyajātiś ca kā varjyā tan me brūhi pitāmaha
„Welche [Dinge] sind bei Śrāddhas zu meiden, und ebenso [welche] Wurzeln und Früchte? Und welche Getreidesorte ist zu meiden? Sage mir das, Großvater.“
Wort für Wort
kāni śrāddheṣu varjyāni
welche bei den Totenmahlen zu meiden [sind] (Nom.Pl.n. / Lok.Pl. / Gerundiv)
tathā mūlaphalāni ca
und ebenso Wurzeln und Früchte (Nom.Pl.n., Dvandva)
dhānyajātiś ca kā varjyā
und welche Getreideart zu meiden [ist] (Nom.Sg.f., Gerundiv)
bhīṣma uvāca; yathā śrāddhaṃ saṃpravṛttaṃ yasmin kāle yad ātmakam; yena saṃkalpitaṃ caiva tan me śṛṇu janādhipa
Bhīṣma sprach: „Wie das Śrāddha aufkam, zu welcher Zeit, von welcher Art [es ist] und von wem es ersonnen wurde, das höre von mir, Herrscher der Menschen.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
yathā śrāddhaṃ saṃpravṛttaṃ
wie das Totenmahl aufkam (Part.Pass. / Nom.Sg.n.)
yasmin kāle yad ātmakam
in welcher Zeit, von welcher Art (Lok. / Bahuvrīhi)
yena saṃkalpitaṃ caiva
und von wem es ersonnen wurde (Instr., Part.Pass.)
tan me śṛṇu janādhipa
das höre von mir, Herr der Menschen (Imp.2.Sg. / Vok.)
„Svāyaṃbhuva Atri, Kauravya, war ein gewaltiger höchster Seher, ein Mächtiger. In seinem Geschlecht, großer König, [gab es] den, der als Dattātreya überliefert ist.“
Wort für Wort
svāyaṃbhuvo 'triḥ kauravya
der Svāyaṃbhuva Atri, Nachkomme des Kuru (Nom.Sg.m. / Vok.)
paramarṣiḥ pratāpavān
höchster Seher, gewaltig (Nom.Sg.m.)
tasya vaṃśe mahārāja
in seinem Geschlecht, großer König (Lok. / Vok.)
dattātreya iti smṛtaḥ
als Dattātreya überliefert (Part.Pass. Nom.Sg.m.)
svāyaṃbhuvo 'triḥ: Atri, der von Svayambhū (Brahmā) Stammende; die Konstruktion des zweiten Halbverses ist elliptisch (vaṃśe ... iti smṛtaḥ).
„Dattātreyas Sohn war Nimi mit Namen, reich an Askese; und von Nimi wiederum wurde ein Sohn [geboren], der glanzvolle, Śrīmat mit Namen, von Herrlichkeit umgeben.“
Wort für Wort
dattātreyasya putro 'bhūt
Dattātreyas Sohn war (Gen. / Nom. / Aor.3.Sg.)
nimir nāma tapodhanaḥ
Nimi mit Namen, dessen Reichtum die Askese ist (Nom. / Bahuvrīhi)
nimeś cāpy abhavat putraḥ
und auch von Nimi entstand ein Sohn (Gen. / Impf.3.Sg.)
śrīmān nāma śriyā vṛtaḥ
Śrīmat mit Namen, von Glanz umgeben (Nom. / Instr., Part.Pass.)
pūrṇe varṣasahasrānte sa kṛtvā duṣkaraṃ tapaḥ; kāladharmaparītātmā nidhanaṃ samupāgataḥ
„Als tausend volle Jahre vergangen waren, vollzog er schwere Askese; sein Selbst wurde [dann] von der Satzung der Zeit ergriffen, und er ging in den Tod ein.“
Wort für Wort
pūrṇe varṣasahasrānte
am Ende eines vollen Jahrtausends (Lok. / Tatpuruṣa)
sa kṛtvā duṣkaraṃ tapaḥ
er, nachdem er schwere Askese geübt hatte (Abs. / Akk.)
kāladharmaparītātmā
dessen Selbst vom Gesetz der Zeit erfasst war (Bahuvrīhi)
atha kṛtvopahāryāṇi caturdaśyāṃ mahāmatiḥ; tam eva gaṇayañ śokaṃ virātre pratyabudhyata
Dann, nachdem der Hochverständige am vierzehnten [Mondtag] die Darbringungen vollzogen hatte, erwachte er in der Mitte der Nacht, eben diesen Kummer im Sinn durchzählend.
Wort für Wort
atha kṛtvopahāryāṇi
dann, nachdem er die Darbringungen vollzogen hatte (Abs., Akk.Pl.n.)
caturdaśyāṃ mahāmatiḥ
am vierzehnten [Mondtag], der Hochverständige (Lok. / Nom.)
tam eva gaṇayañ śokaṃ
eben diesen Kummer überdenkend (Part.Präs. / Akk.)
virātre pratyabudhyata
zur Nachtmitte erwachte er (Lok. / Impf.3.Sg. Med.)
kṛtvā ca dakṣiṇāgrān vai darbhān suprayataḥ śuciḥ; pradadau śrīmate piṇḍaṃ nāmagotram udāharan
Und nachdem er die Darbha-Halme mit den Spitzen nach Süden gelegt hatte, brachte er, wohlgesammelt und rein, dem Śrīmat den Kloß dar, Namen und Geschlecht nennend.
Wort für Wort
kṛtvā ca dakṣiṇāgrān vai
und nachdem er [sie] mit Spitzen nach Süden gemacht hatte (Abs. / Akk.Pl.)
darbhān suprayataḥ śuciḥ
die Darbha-Halme; wohlgesammelt, rein (Akk.Pl. / Nom.)
pradadau śrīmate piṇḍaṃ
gab dem Śrīmat den Reiskloß (Perf.3.Sg. / Dat. / Akk.)
nāmagotram udāharan
Namen und Geschlecht aussprechend (Akk. / Part.Präs.)
nime saṃkalpitas te 'yaṃ pitṛyajñas tapodhanaḥ; mā te bhūd bhīḥ pūrvadṛṣṭo dharmo 'yaṃ brahmaṇā svayam
„Nimi, dieses Opfer für die Väter, du Askesereicher, wurde von dir ersonnen. Furcht soll dir nicht sein: Dieser Dharma wurde vorzeiten von Brahmā selbst gesehen.“
Wort für Wort
nime saṃkalpitas te 'yaṃ
Nimi, ersonnen von dir dieses (Vok. / Part.Pass. / Instr.)
pitṛyajñas tapodhanaḥ
Väteropfer, du Asket (Nom. / Vok.)
mā te bhūd bhīḥ
nicht sei dir Furcht (Prohibitiv Aor. / Nom.)
pūrvadṛṣṭo dharmo 'yaṃ brahmaṇā svayam
früher gesehen dieser Dharma von Brahmā selbst (Part.Pass. / Instr.)
kṛtvāgnikaraṇaṃ pūrvaṃ mantrapūrvaṃ tapodhana; tato 'ryamṇe ca somāya varuṇāya ca nityaśaḥ
„Nachdem du zuerst das Agnikaraṇa [Feuerritual] mit Mantras vollzogen hast, Askesereicher, dann [ist darzubringen] dem Aryaman, dem Soma und dem Varuṇa jeweils beständig.“
Wort für Wort
kṛtvāgnikaraṇaṃ pūrvaṃ
nachdem du das Agnikaraṇa zuerst vollzogen hast (Abs. / Akk.)
mantrapūrvaṃ tapodhana
mit Mantras voran, Asket (Adv. / Vok.)
tato 'ryamṇe ca somāya
dann dem Aryaman und dem Soma (Dat.)
varuṇāya ca nityaśaḥ
und dem Varuṇa beständig (Dat. / Adv.)
Der Satz bricht ab und setzt sich in Vers 26 fort; „ist darzubringen“ ist ergänzt.
Auch die Somatrinker, die Spendenreichen und ebenso die Barhiṣads.
Wort für Wort
somapāḥ ca haviṣmantaḥ
und die Somatrinker, die Opferspendenbesitzer (Nom.Pl.)
tathā barhiṣadāḥ api
ebenso auch die Barhiṣads [auf der Opferstreu Sitzenden] (Nom.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften).
te śrāddhenārcyamānā vai vimucyante ha kilbiṣāt; saptakaḥ pitṛvaṃśas tu pūrvadṛṣṭaḥ svayaṃbhuvā
Werden sie mit dem Śrāddha verehrt, so werden [die Opfernden] fürwahr von Schuld befreit. Die Ahnenreihe aber ist siebenfach, von Svayaṃbhū vorher geschaut.
Wort für Wort
te śrāddhena ārcyamānāḥ vai
sie, mit dem Śrāddha verehrt, fürwahr (Instr.Sg.; Part.Pass. Nom.Pl.)
vimucyante ha kilbiṣāt
werden befreit, ja, von der Schuld (3.Pl.Pass.; Abl.Sg.)
saptakaḥ pitṛvaṃśaḥ tu
siebenfach aber die Ahnenreihe (Nom.Sg.)
pūrvadṛṣṭaḥ svayaṃbhuvā
vorher geschaut von Svayaṃbhū (Part.Pass.; Instr.Sg.)
Und die Viśvedevas, die Agni zum Mund haben, wurden schon früher aufgezählt. Ihre Namen will ich nennen, [derer,] die Anteile verdienen, der Hochgesinnten.
Wort für Wort
viśve ca agnimukhāḥ devāḥ
und die Viśvedevas, die Götter mit Agni als Mund (Nom.Pl.)
saṃkhyātāḥ pūrvam eva te
aufgezählt bereits früher, sie (Part.Pass. Nom.Pl.)
Aja und Marīci – so [heißen] die Viśvedevas, die ewigen.
Wort für Wort
ajaḥ marīciḥ iti eva
Aja, Marīci, eben so (Nom.Sg.)
viśvedevāḥ sanātanāḥ
[die] Viśvedevas, die ewigen (Nom.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften).
Nicht für das Śrāddha geeignet sind [folgende] Getreide: Kodrava-Hirse und ebenso Pulaka; Asafoetida unter den Zutaten und den Gemüsen, Zwiebel und ebenso Knoblauch.
Wort für Wort
aśrāddheyāni dhānyāni
nicht für das Śrāddha geeignet [sind] Getreide (Nom.Pl.n.)
kodravāḥ pulakāḥ tathā
Kodrava-Hirse und ebenso Pulaka (Nom.Pl.m.)
hiṅgu dravyeṣu śākeṣu
Asafoetida unter den Zutaten, den Gemüsen (Nom.Sg.; Lok.Pl.)
palāṇḍuṃ laśunaṃ tathā
Zwiebel und ebenso Knoblauch (Akk./Nom.Sg.n.)
„dravyeṣu śākeṣu“ hier als „unter den Zutaten und Gemüsen“ gefasst.
grāmyaṃ vārāhamāṃsaṃ ca yac caivāprokṣitaṃ bhavet; kṛṣṇājājī viḍaś caiva śītapākī tathaiva ca; aṅkurādyās tathā varjyā iha śṛṅgāṭakāni ca
Schweinefleisch vom Hausschwein und was nicht [mit Wasser] besprengt worden ist, Schwarzkümmel, Kreuzkümmel, Viḍ[-Salz] und ebenso Śītapākin; Aṅkura-Sprossen und dergleichen sind ebenso zu meiden, und hier auch Wassernüsse.
Wort für Wort
grāmyaṃ vārāhamāṃsaṃ ca
vom Hausschwein, Schweinefleisch (Akk./Nom.Sg.n.)
yat ca aprokṣitaṃ bhavet
und was unbesprengt sein sollte (Nom./Akk.Sg.n.; 3.Sg.Opt.)
kṛṣṇājājī viḍaḥ ca eva
Schwarzkümmel und Viḍ[-Salz] (Nom.Sg.)
śītapākī tathā eva ca
und ebenso Śītapākin (Nom.Sg.)
aṅkura-ādyāḥ tathā varjyāḥ
Sprossen usw. sind ebenso zu meiden (Nom.Pl.; Gerundiv)
iha śṛṅgāṭakāni ca
hier auch Wassernüsse (Nom.Pl.n.)
Mehrere Pflanzennamen (kṛṣṇājājī, śītapākī, aṅkurādyāḥ) nur ungefähr bestimmbar; die Halbversgliederung der Einheit ist dreiteilig.
Caṇḍāla und Śvapaca sind auszuschließen, wenn das Totenmahl bevorsteht; ebenso einer in rotbraunem Gewand, ein Aussätziger, ein Gefallener oder ein Brahmanenmörder.
Wort für Wort
caṇḍāla-śvapacau varjyau
Caṇḍāla und Śvapaca sind zu meiden (Nom.Du.; Gerundiv)
nivāpe samupasthite
wenn das Totenmahl bevorsteht (Lok.Sg.; Part.Pass.)
So sprach der Erhabene einst zu dem aus seinem eigenen Geschlecht stammenden Seher, und Atri, reich an Askese, ging zur göttlichen Versammlungshalle des Großvaters [Brahmā].
Wort für Wort
iti evam uktvā bhagavān
so gesprochen habend, der Erhabene (Abs.; Nom.Sg.)
svavaṃśajam ṛṣiṃ purā
zu dem im eigenen Geschlecht geborenen Seher einst (Akk.Sg.; Adv.)
pitāmaha-sabhāṃ divyām
zur göttlichen Versammlungshalle des Großvaters (Akk.Sg.f.)
jagāma atriḥ tapodhanaḥ
ging Atri, reich an Askese (3.Sg.Perf.; Nom.Sg.)
Der Sprecher Atri redet zu Nimi; Nimi ist der „aus seinem Geschlecht geborene Seher“.