Kapitel 120: kīṭasya brāhmaṇyaprāptiḥ
Vom Wurm, der als König und durch Vyāsas Rat zum Brāhmaṇa und zu Brahman gelangt
Schluss der Geschichte vom Wurm (kīṭa): Vyāsa weist den als Kṣatriya wiedergeborenen Wurm an, sein Herrscheramt pflichtgemäß zu erfüllen; dadurch erlangt er das Brahmanentum und schließlich Brahman. Bhīṣma zieht daraus die Lehre für Yudhiṣṭhira, um dessen Kummer über die gefallenen Kṣatriyas zu lindern.
bhīṣma uvāca; kṣatradharmam anuprāptaḥ smarann eva sa vīryavān; tyaktvā sa kīṭatāṃ rājaṃś cacāra vipulaṃ tapaḥ
Bhīṣma sprach: Zum Kṣatriya-Dharma gelangt und sich [seiner früheren Zustände] erinnernd, ließ jener Tatkräftige, o König, das Dasein als Wurm hinter sich und übte gewaltige Askese.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
kṣatradharmam anuprāptaḥ
zum Kṣatriya-Dharma gelangt (Akk. Sg.; Part. Perf. Pass. Nom.)
smarann eva sa vīryavān
sich erinnernd, eben jener Tatkräftige (Part. Präs., Nom. Sg.)
tyaktvā sa kīṭatāṃ rājan
nachdem er das Wurmsein aufgegeben hatte, o König (Abs.; Vok.)
tasya dharmārthaviduṣo dṛṣṭvā tad vipulaṃ tapaḥ; ājagāma dvijaśreṣṭhaḥ kṛṣṇadvaipāyanas tadā
Als der Zweifachgeborene Kṛṣṇa Dvaipāyana, der Beste der Zweimalgeborenen, diese gewaltige Askese jenes [Königs], der Dharma und Artha kannte, sah, kam er damals herbei.
Wort für Wort
tasya dharmārthaviduṣaḥ
dieses Kenners von Dharma und Artha (Gen. Sg.)
dṛṣṭvā tad vipulaṃ tapaḥ
nachdem er jene gewaltige Askese gesehen hatte (Abs.; Akk. Sg.)
ājagāma dvijaśreṣṭhaḥ
kam herbei, der Beste der Zweimalgeborenen (3.Sg.Perf.; Nom. Sg.)
Vyāsa sprach: Auch die Kṣatriya-Pflicht ist ein Gelübde, o Wurm: der Schutz der Wesen. Wenn du über das Kṣatriya-Gelübde sinnst, wirst du danach zum Brahmanentum gelangen.
Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Perf. 3.Sg.)
kṣātraṃ caiva vrataṃ kīṭa
auch das Kṣatriya-Gelübde, o Wurm (Nom. Sg. n.; Vok.)
bhūtānāṃ paripālanam
der Schutz der Wesen (Gen. Pl.; Nom. Sg. n.)
kṣātraṃ caiva vrataṃ dhyāyan
über das Kṣatriya-Gelübde nachsinnend (Part. Präs., Nom. Sg.)
tato vipratvam eṣyasi
danach wirst du das Brahmanentum erlangen (Akk. Sg.; 2.Sg.Fut.)
Schütze alle Untertanen recht, das Gute und das Schlechte unterscheidend, selbstbeherrscht, indem du [ihnen] von den guten Wünschen zuteilst und den Schlechten läuternde [Mittel gibst].
Wort für Wort
pāhi sarvāḥ prajāḥ samyak
schütze alle Untertanen recht (Imp. 2.Sg.; Akk. Pl.; Adv.)
śubhāśubhavid
Gutes und Schlechtes kennend (Nom. Sg.)
ātmavān
selbstbeherrscht (Nom. Sg.)
śubhaiḥ saṃvibhajan kāmaiḥ
zuteilend mit guten Wünschen (Part. Präs., Nom.; Instr. Pl.)
aśubhānāṃ ca pāvanaiḥ
und mit Läuterungen für die Schlechten (Gen. Pl.; Instr. Pl.)
Die zweite Vershälfte ist knapp gefasst; „aśubhānāṃ ca pāvanaiḥ“ ist als „mit läuternden [Mitteln] für die Schlechten“ verstanden [?].
Sei selbstbeherrscht und wohlgemut, am Wandel nach dem eigenen Dharma erfreut; wenn du den Kṣatriya-Leib ganz abgelegt hast, wirst du danach zum Brahmanentum gelangen.
Wort für Wort
ātmavān bhava suprītaḥ
sei selbstbeherrscht, wohlgemut (Imp. 2.Sg.; Nom. Sg.)
svadharmacaraṇe rataḥ
am Ausüben des eigenen Dharma erfreut (Lok. Sg.; Nom. Sg.)
kṣātrīṃ tanuṃ samutsṛjya
den Kṣatriya-Leib ganz abgelegt habend (Akk. Sg.; Abs.)
tato vipratvam eṣyasi
danach wirst du das Brahmanentum erlangen (Akk. Sg.; 2.Sg.Fut.)
bhīṣma uvāca; so 'thāraṇyam abhipretya punar eva yudhiṣṭhira; maharṣer vacanaṃ śrutvā prajā dharmeṇa pālya ca
Bhīṣma sprach: Da begab er sich, Yudhiṣṭhira, wieder in den Wald, hörte das Wort des großen Sehers und schützte die Untertanen nach dem Dharma.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
so 'thāraṇyam abhipretya
er sodann, sich dem Wald zuwendend (Abs.; Akk. Sg.)
punar eva yudhiṣṭhira
wiederum, o Yudhiṣṭhira (Adv.; Vok.)
maharṣer vacanaṃ śrutvā
des großen Sehers Wort gehört habend (Gen. Sg.; Akk. Sg.; Abs.)
prajā dharmeṇa pālya ca
und die Untertanen nach dem Dharma schützend (Akk. Pl.; Instr. Sg.; Abs.)
„araṇyam abhipretya“ wörtlich „auf den Wald zugehend/ihn aufsuchend“; ob damit Rückzug in die Askese oder nur der Ort des Herrschaftsantritts gemeint ist, bleibt unklar [?].
Durch den Schutz der Vortrefflichen, durch den Tod in einem guten Kampf und durch das Dienen der Guten ging er zum höchsten Ziel. Dann [gingen] die von einem fremden Reich bedrängten Untertanen zum König [?]; und als jener Reichtum geraubt war, mein Lieber, zog er in den Kampf. Nachdem er jenen erschlagen hatte und im Kampf selbst erschlagen worden war, gelangte er deshalb zum Brahmanentum. Da kam der Weise, Kṛṣṇa Dvaipāyana, damals herbei, den hochweisen Sohn des Parāśara, der sich näherte, voll Mitgefühl, stets mit heiterem Antlitz, im Glanz einer am Himmel weich schimmernden Regenwolke [?]: „Der Sonne der Finsternis der Unwissenheit, dem Vyāsa, verneige ich mich stets.“ Nachdem er so gesprochen hatte, sprach der große Weise voll Zuneigung zu dem, der ihm zu Füßen gefallen war: „Ehre hier die Brahmanen, dem Murmeln [heiliger Formeln] und der Wahrheit ergeben; allmählich wirst du durch die Meditation auf Viṣṇu das makellose Brahman erlangen.“
Wort für Wort
pālanāc ca viśiṣṭānāṃ
durch den Schutz der Vortrefflichen (Abl. Sg.; Gen. Pl.)
suyuddhamaraṇena ca
und durch den Tod im guten Kampf (Instr. Sg.)
śiṣṭasaṃsevanāc caiva
und durch das Dienen der Guten (Abl. Sg.)
sa gatiṃ paramāṃ gataḥ
er ging zum höchsten Ziel (Akk. Sg.; Part. Perf. Pass.)
tataḥ sa pararāṣṭreṇa rājānaṃ pīḍitāḥ prajāḥ
dann die vom fremden Reich bedrängten Untertanen zum König [?] (Instr. Sg.; Akk. Sg.; Part. Nom. Pl.)
hṛte ca taddhane tāta yuddhāya samupāgataḥ
und als jener Reichtum geraubt war, mein Lieber, zog er in den Kampf (Lok. abs.; Vok.; Dat. Sg.; Part.)
allmählich wirst du das makellose Brahman erlangen durch Meditation auf Viṣṇu (Abl. Sg.; 2.Sg.Fut.; Instr. Sg.; Akk. Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage mit syntaktisch unklarem Anschluss: Die Verse sind teilweise verderbt („rājānaṃ pīḍitāḥ prajāḥ“ ohne Verb) und die Sprecherverteilung (Ich-Rede „namāmy aham“) ist nicht eindeutig; der Sinnzusammenhang ist rekonstruiert.
Wer Gutes tut, wird in gute Schöße [Existenzen] geboren, wer Böses tut, in böse Schöße, o Kenner des Dharma, je nach dem Dharma und nach der Überlieferung.
Wort für Wort
śubhakṛc chubhayonīṣu
der Gutes Tuende in guten Schößen (Nom. Sg.; Lok. Pl.)
pāpakṛt pāpayoniṣu
der Böses Tuende in bösen Schößen (Nom. Sg.; Lok. Pl.)
Darum, Wurm, lass dich aus Furcht vor dem Tod auf keine Weise beirren. Furcht könnte dir aus dem Verlust des Dharma entstehen; darum übe den höchsten Dharma.
Wort für Wort
tasmān mṛtyubhayāt kīṭa
darum, aus Todesfurcht, o Wurm (Abl.; Vok.)
mā vyathiṣṭhāḥ kathaṃ cana
sei nicht betrübt, auf keine Weise (Aor. Inj. 2.Sg.; Adv.)
dharmalopād bhayaṃ te syāt
aus dem Verlust des Dharma möge dir Furcht entstehen (Abl. Sg.; Nom. Sg.; Opt. 3.Sg.)
tasmād dharmaṃ cara uttamam
darum übe den höchsten Dharma (Imp. 2.Sg.; Akk. Sg.)
Nachdem er so gesprochen hatte und entlassen war, tat der beste Zweimalgeborene ebenso.
Wort für Wort
ity uktvā
so gesprochen habend (Abs.)
samanujñātaḥ
entlassen, mit Erlaubnis versehen (Part. Perf. Pass., Nom. Sg.)
tathā cakre
tat ebenso (Adv.; 3.Sg.Perf.)
dvijottamaḥ
der beste Zweimalgeborene (Nom. Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; der Bezug von „tathā cakre“ (was der Brahmane „tat“) ist nicht ausdrücklich genannt.
Bhīṣma sprach: Auf das Wort des Erhabenen hin erlangte der Wurm das schwer erreichbare Brahmanentum und machte, o König, die Erde übersät mit Hunderten von Opferpfosten; danach ging der beste Kenner des Brahman in die Welt-Gemeinschaft mit Brahmā ein.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
bhagavadvacanāt kīṭaḥ
auf das Wort des Erhabenen hin der Wurm (Abl. Sg.; Nom. Sg.)
brāhmaṇyaṃ prāpya durlabham
das schwer erreichbare Brahmanentum erlangt habend (Akk. Sg.; Abs.)
akarot pṛthivīṃ rājan
machte die Erde, o König (Impf. 3.Sg.; Akk. Sg.; Vok.)
yajñayūpaśatāṅkitām
gezeichnet mit Hunderten von Opferpfosten (Akk. Sg. f.)
tataḥ sālokyam agamad brahmaṇaḥ
danach ging er in die Weltgemeinschaft mit Brahmā ein (Akk. Sg.; Impf. 3.Sg.; Gen. Sg.)
te 'pi yasmāt svabhāvena hatāḥ kṣatriyapuṃgavāḥ; saṃprāptās te gatiṃ puṇyāṃ tasmān mā śoca putraka
Auch jene, die Stiere unter den Kṣatriyas, wurden ihrer Natur gemäß erschlagen; sie haben das verdienstvolle Ziel erreicht. Darum trauere nicht, mein Sohn.
Wort für Wort
te 'pi yasmāt svabhāvena
auch jene, weil ihrer Natur gemäß (Nom. Pl.; Konj.; Instr. Sg.)
hatāḥ kṣatriyapuṃgavāḥ
erschlagen, die Stiere unter den Kṣatriyas (Part. Nom. Pl.; Nom. Pl.)
saṃprāptās te gatiṃ puṇyām
sie haben das verdienstvolle Ziel erreicht (Part. Nom. Pl.; Akk. Sg.)