Kapitel 123: tapodānaprāśaṃsā
Preis von Askese und Geben: Vyāsas Belehrung des Maitreya
Fortsetzung des Gesprächs zwischen Kṛṣṇa Dvaipāyana (Vyāsa) und Maitreya über den Wert von Gabe und Askese; das Kapitel endet mit dem Abschied Maitreyas.
bhīṣma uvāca; evam uktaḥ sa bhagavān maitreyaṃ pratyabhāṣata; diṣṭyaivaṃ tvaṃ vijānāsi diṣṭyā te buddhir īdṛśī; loko hy ayaṃ guṇān eva bhūyiṣṭhaṃ sma praśaṃsati
Bhīṣma sprach: So angesprochen antwortete der Erhabene dem Maitreya: „Zum Glück erkennst du es so, zum Glück ist dein Verstand von solcher Art; denn diese Welt preist stets vor allem die guten Eigenschaften.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
evam uktaḥ sa bhagavān
so angesprochen jener Erhabene (Part.Perf.Pass./Nom.Sg.)
maitreyaṃ pratyabhāṣata
zu Maitreya sprach er zurück (Akk./3.Sg.Impf.Med.)
diṣṭyā evaṃ tvaṃ vijānāsi
zum Glück so du erkennst (Instr./2.Sg.Präs.)
diṣṭyā te buddhir īdṛśī
zum Glück ist dein Verstand von solcher Art (Nom.Sg.f.)
lokaḥ hi ayaṃ
denn diese Welt (Nom.Sg.m.)
guṇān eva bhūyiṣṭhaṃ sma praśaṃsati
die Vorzüge gerade am meisten preist sie stets (Akk.Pl./Adv./Präs. mit sma)
rūpamānavayomānaśrīmānāś cāpy asaṃśayam; diṣṭyā nābhibhavanti tvāṃ daivas te 'yam anugrahaḥ; yat te bhṛśataraṃ dānād vartayiṣyāmi tac chṛṇu
„Wer auf Schönheit, Ansehen, Alter und Wohlstand stolz ist, überwältigt dich zweifellos nicht – zum Glück; das ist eine Gunst der Götter [bzw. des Schicksals] für dich. Was dringlicher [bzw. stärker] ist als das Geben, werde ich dir darlegen; höre das.“
Wort für Wort
rūpamānavayomānaśrīmānāś ca api asaṃśayam
und die auf Gestalt, Ansehen, Alter und Glanz Stolzen, ohne Zweifel (Kompositum/Nom.Pl./Adv.)
diṣṭyā na abhibhavanti tvām
zum Glück überwältigen dich nicht (Instr./3.Pl.Präs.)
daivaḥ te ayam anugrahaḥ
göttlich [ist] dir diese Gunst (Nom.Sg.m.)
yat te bhṛśataraṃ dānāt
was dir stärker/wichtiger ist als das Geben (Komparativ/Abl.)
vartayiṣyāmi tat śṛṇu
ich werde darlegen, das höre (1.Sg.Fut.Kaus./Imp.2.Sg.)
Kompositum rūpamānavayomānaśrīmānāḥ: māna teils als „Stolz“, teils als „Ansehen“ fassbar; Lesart mit „Stolz“ gewählt.
Jedes Geben ist vielfach vorzüglich, [besonders] aus Vertrauen und durch eigene gute Eigenschaften.
Wort für Wort
tat tad bahuguṇaṃ dānam
jedes jenes Geben vielfach wertvoll (Nom.Sg.n.)
śraddhayā
aus Vertrauen (Instr.Sg.f.)
svaguṇaiḥ api
auch durch eigene Vorzüge (Instr.Pl.m.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Konstruktion knapp, Ergänzung [besonders] unsicher.
duranvayaṃ duṣpradhṛṣyaṃ durāpaṃ duratikramam; sarvaṃ vai tapasābhyeti tapo hi balavattaram
Schwer Erreichbares, schwer Bezwingbares, schwer Erlangbares, schwer Überschreitbares – alles überwindet man durch Askese; denn Askese ist das Stärkere.
Wort für Wort
duranvayaṃ duṣpradhṛṣyam
schwer zu Verfolgendes, schwer Bezwingbares (Akk.Sg.n.)
durāpaṃ duratikramam
schwer zu Erlangendes, schwer zu Überschreitendes (Akk.Sg.n.)
sarvaṃ vai tapasā abhyeti
alles gewiss durch Askese überwindet er (Akk./Instr./3.Sg.Präs.)
surāpo 'saṃmatādāyī bhrūṇahā gurutalpagaḥ; tapasā tarate sarvam enasaś ca pramucyate
Der Branntweintrinker, wer Unerlaubtes annimmt, der Embryo- [bzw. Brahmanen-]mörder, der Schänder des Lagers des Lehrers – durch Askese kommt man über alles hinweg und wird von der Sünde befreit.
Wort für Wort
surāpaḥ asaṃmatādāyī
Branntweintrinker, Annehmer von Nichtgebilligtem (Nom.Sg.m.)
bhrūṇahā
Embryo-/Brahmanenmörder (Nom.Sg.m.)
gurutalpagaḥ
der zum Lager des Lehrers geht (Nom.Sg.m.)
tapasā tarate sarvam
durch Askese kommt er über alles (Instr./3.Sg.Präs./Akk.)
enasaḥ ca pramucyate
und von der Sünde wird er befreit (Abl./3.Sg.Präs.Pass.)
sarvavidyas tu cakṣuṣmān api yādṛśatādṛśaḥ; tapasvinau ca tāv āhus tābhyāṃ kāryaṃ sadā namaḥ
Wer alle Wissenschaften kennt, und wer [nur] Augen hat, wie beschaffen auch immer: diese beiden nennt man Asketen; vor beiden ist stets Verneigung zu üben.
Wort für Wort
sarvavidyaḥ tu
der alles Wissen Besitzende aber (Nom.Sg.m.)
cakṣuṣmān api
und auch der Sehende (Nom.Sg.m.)
yādṛśatādṛśaḥ
von welcher Art auch immer (Nom.Sg.m.)
tapasvinau ca tau āhuḥ
und diese beiden nennt man Asketen (Nom.Du./3.Pl.Perf.)
tābhyāṃ kāryaṃ sadā namaḥ
vor diesen beiden ist stets Verehrung zu tun (Dat.Abl.Du./Gerundiv)
Der Vers ist dunkel; cakṣuṣmān („Augen habend“) könnte den Einsichtigen meinen.
sarve pūjyāḥ śrutadhanās tathaiva ca tapasvinaḥ; dānapradāḥ sukhaṃ pretya prāpnuvantīha ca śriyam
Alle sind zu verehren, deren Reichtum das Gehörte [die Überlieferung] ist, und ebenso die Asketen; die Gebenden erlangen im Jenseits Glück und hier Wohlstand.
Wort für Wort
sarve pūjyāḥ
alle zu Verehrende (Nom.Pl.m./Gerundiv)
śrutadhanāḥ tathā eva ca tapasvinaḥ
die durch Überlieferung Reichen und ebenso die Asketen (Nom.Pl.m.)
dānapradāḥ
die Gebenden von Gaben (Nom.Pl.m.)
sukhaṃ pretya prāpnuvanti
Glück, nach dem Tode, erlangen sie (Akk./Gerundium/3.Pl.Präs.)
akartā caiva kartā ca labhate yasya yādṛśam; yady evordhvaṃ yady avāk ca tvaṃ lokam abhiyāsyasi
Der Nichthandelnde wie der Handelnde erlangt, je nachdem, wie es einem jeden zukommt; ob aufwärts, ob abwärts – du wirst in [eine solche] Welt gelangen.
Wort für Wort
akartā ca eva kartā ca
der Nichthandelnde und ebenso der Handelnde (Nom.Sg.m.)
labhate yasya yādṛśam
erlangt, wie es wessen [Art] entspricht (3.Sg.Präs./Gen.Sg./Akk.Sg.n.)
yadi eva ūrdhvaṃ yadi avāk ca
ob aufwärts, ob abwärts (Adv.)
tvaṃ lokam abhiyāsyasi
du wirst in die Welt gelangen (Nom./Akk./2.Sg.Fut.)
Der Vers ist knapp und syntaktisch locker; Sinn: das Los entspricht dem Handeln.
Maitreya, du, der du das Gelübde der in der Jugend [genommenen] Gattin hältst, sei [ihm] ergeben. Nimm dies als Erstes an, was den Hausvätern gepriesen ist.
Wort für Wort
kaumāradāravratavān
der das Gelübde der in der Jugend [genommenen] Gattin hat (Nom.Sg.m.) [?]
maitreya nirataḥ bhava
Maitreya, ergeben sei (Vok./Part.Perf.Pass./Imp.2.Sg.)
etat gṛhāṇa prathamam
dies nimm als Erstes (Akk.Sg.n./Imp.2.Sg./Adv.)
praśastaṃ gṛhamedhinām
gepriesen für die Hausväter (Part.Perf.Pass./Gen.Pl.m.)
kaumāradāravratavān: Analyse unsicher (Gelübde der Jugendehe bzw. der Gattentreue seit der Jugend).
viṣṇor abhyarcanena ca; brāhmaṇaḥ sa mahābhāga taret saṃsārasāgarāt; svakarmaśuddhasattvānāṃ tapobhir nirmalātmanām; vidyayā gatamohānāṃ tāraṇāya hariḥ smṛtaḥ; tadarcanaparo nityaṃ tadbhaktas taṃ namaskuru; tadbhaktā na vinaśyanti hy aṣṭākṣaraparāyaṇāḥ; praṇavopāsanaparāḥ paramārthaparās tv iha; etaiḥ pāvaya cātmānaṃ
Und durch die Verehrung Viṣṇus: Ein Brahmane, o Hochbeglückter, möge über das Meer des Saṃsāra hinübergelangen. Für jene, deren Wesen durch eigene Werke geläutert ist, deren Selbst durch Askesen fleckenlos ist, die durch Wissen frei von Verblendung sind, gilt Hari als Mittel zum Hinüberführen. Ihm stets in Verehrung ergeben, sein Verehrer, verneige dich vor ihm. Seine Verehrer gehen nicht zugrunde, die dem Achtsilbigen Ergebenen, die hier dem Dienst am Praṇava und dem höchsten Ziel Ergebenen; mit diesen läutere dich selbst.
Wort für Wort
viṣṇoḥ abhyarcanena ca
und durch die Verehrung Viṣṇus (Gen./Instr.Sg.n.)
brāhmaṇaḥ sa mahābhāga taret saṃsārasāgarāt
der Brahmane, o Hochbeglückter, möge hinüberkommen über das Saṃsāra-Meer (Nom./Vok./3.Sg.Opt./Abl.)
svakarmaśuddhasattvānāṃ tapobhir nirmalātmanām
derer mit durch eigene Werke geläutertem Wesen, durch Askesen fleckenlosem Selbst (Gen.Pl.m./Instr.Pl.)
vidyayā gatamohānām tāraṇāya hariḥ smṛtaḥ
derer, deren Verblendung durch Wissen gewichen ist, gilt Hari als Hinüberführung (Instr./Gen.Pl./Dat.Sg.n./Part.Perf.Pass.)
tadarcanaparo nityaṃ tadbhaktaḥ taṃ namaskuru
ihm stets in Verehrung ergeben, ihm Ergebener, verneige dich vor ihm (Nom.Sg.m./Imp.2.Sg.)
tadbhaktāḥ na vinaśyanti hi aṣṭākṣaraparāyaṇāḥ
seine Verehrer gehen nicht zugrunde, die dem Achtsilbigen Zugewandten (Nom.Pl.m./3.Pl.Präs.)
praṇavopāsanaparāḥ paramārthaparāḥ tu iha
die dem Praṇava-Dienst und dem höchsten Ziel Ergebenen hier (Nom.Pl.m.)
etaiḥ pāvaya ca ātmānam
mit diesen läutere auch dich selbst (Instr.Pl./Imp.2.Sg.Kaus./Akk.Sg.m.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (vishnuitische Interpolation); der erste Pāda schließt an 123.017 an, der letzte Pāda bricht ab.
Bhīṣma [sprach]: „Kṛṣṇa Dvaipāyana, o König, [wandte sich an] Maitreya, den Besten der Zweimalgeborenen.“
Wort für Wort
bhīṣmaḥ
Bhīṣma [sprach] (Nom.Sg.m.)
kṛṣṇadvaipāyanaḥ rājan
Kṛṣṇa Dvaipāyana, o König (Nom./Vok.Sg.m.)
maitreyaṃ dvijasattamam
Maitreya, den Besten der Zweimalgeborenen (Akk.Sg.m.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; Verb fehlt, Ergänzung [wandte sich an] unsicher [?].