Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Anuśāsanaparva

Kapitel 148: dharmādharmalakṣaṇa-sadācāra-pāpaprakāśana Wandel der Guten, Sühne der Sünde, Wahrheit und Redlichkeit als Dharma

Auf Yudhiṣṭhiras Fragen nach dem Los der Dharma-Verächter und der Dharma-Diener beschreibt Bhīṣma die Kennzeichen der Guten und der Schlechten sowie eine Reihe von Regeln guten Verhaltens (Speise, Gastrecht, Ehrung der Älteren, Umgang mit Sünde). Die Zusatzpassagen enthalten u. a. die Lehre von den geistigen Pilgerstätten und von der Gier als Wurzel der Sünde.

yudhiṣṭhira uvāca; ye ca dharmam asūyanti ye cainaṃ paryupāsate; bravītu bhagavān etat kva te gacchanti tādṛśāḥ

Yudhiṣṭhira sprach: „Diejenigen, die das Dharma missgönnen, und die, die ihm dienen – der ehrwürdige [Bhīṣma] möge sagen, wohin solche [Menschen] gelangen.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
ye ca dharmam asūyanti
und die, die das Dharma missgönnen (Rel.Nom.Pl.; Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.)
ye ca enaṃ paryupāsate
und die, die ihm dienen (Rel.Nom.Pl.; Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.Med.)
bravītu bhagavān etat
es möge sagen der Ehrwürdige dies (3.Sg.Imp.; Nom.Sg.; Akk.Sg.)
kva te gacchanti tādṛśāḥ
wohin gehen sie, solche (Adv.; Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)

bhīṣma uvāca; rajasā tamasā caiva samavastīrṇacetasaḥ; narakaṃ pratipadyante dharmavidveṣiṇo narāḥ

Bhīṣma sprach: „Mit von Rajas und Tamas überzogenem Geist gelangen die Menschen, die das Dharma hassen, in die Hölle.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
rajasā tamasā ca eva
durch Leidenschaft (Rajas) und durch Finsternis (Tamas) eben (Instr.Sg.)
samavastīrṇacetasaḥ
deren Geist überdeckt ist (Bahuvrīhi, Nom.Pl.)
narakaṃ pratipadyante
sie gelangen in die Hölle (Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.Med.)
dharmavidveṣiṇaḥ narāḥ
Dharma-Hasser, Menschen (Nom.Pl.)

ye tu dharmaṃ mahārāja satataṃ paryupāsate; satyārjavaparāḥ santas te vai svargabhujo narāḥ

„Die aber, Großkönig, die stets dem Dharma dienen, der Wahrheit und Redlichkeit ergeben und gut sind, die Menschen sind wahrlich Genießer des Himmels.“

Wort für Wort
ye tu dharmaṃ mahārāja
die aber das Dharma, Großkönig (Rel.Nom.Pl.; Akk.Sg.; Vok.Sg.)
satataṃ paryupāsate
stets dienen sie (Adv.; 3.Pl.Präs.Med.)
satyārjavaparāḥ santaḥ
der Wahrheit und Redlichkeit ergeben, gut/seiend (Tatpuruṣa, Nom.Pl.; Nom.Pl.)
te vai
diese wahrlich (Nom.Pl.)
svargabhujaḥ narāḥ
Himmelsgenießer, Menschen (Nom.Pl.)

dharma eva ratis teṣām ācāryopāsanād bhavet; devalokaṃ prapadyante ye dharmaṃ paryupāsate

„Dharma allein ist ihre Freude; sie entsteht durch den Dienst am Lehrer. In die Götterwelt gelangen die, die dem Dharma dienen.“

Wort für Wort
dharmaḥ eva ratiḥ teṣām
Dharma eben [ist] Freude ihnen/ihre (Nom.Sg.; Nom.Sg.; Gen.Pl.)
ācāryopāsanāt bhavet
durch den Dienst am Lehrer möge sie entstehen (Abl.Sg.; 3.Sg.Opt.)
devalokaṃ prapadyante
in die Götterwelt gelangen sie (Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.Med.)
ye dharmaṃ paryupāsate
die das Dharma verehren (Rel.Nom.Pl.; Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.Med.)

manuṣyā yadi vā devāḥ śarīram upatāpya vai; dharmiṇaḥ sukham edhante lobhadveṣavivarjitāḥ

„Ob Menschen oder Götter – nachdem sie den Körper kasteit haben, gedeihen die Dharmatreuen in Glück, frei von Gier und Hass.“

Wort für Wort
manuṣyāḥ yadi vā devāḥ
Menschen oder aber Götter (Nom.Pl.)
śarīram upatāpya vai
den Körper kasteit habend wahrlich (Akk.Sg.; Abs.)
dharmiṇaḥ
die Dharmatreuen (Nom.Pl.)
sukham edhante
in Glück gedeihen sie (Adv./Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.Med.)
lobhadveṣavivarjitāḥ
frei von Gier und Hass (Tatpuruṣa, Nom.Pl.)

prathamaṃ brahmaṇaḥ putraṃ dharmam āhur manīṣiṇaḥ; dharmiṇaḥ paryupāsante phalaṃ pakvam ivāśayaḥ

„Als den ersten Sohn Brahmans bezeichnen die Weisen das Dharma; die Dharmatreuen dienen ihm, wie [die] Erwartung [auf] reife Frucht [gerichtet ist].“

Wort für Wort
prathamaṃ brahmaṇaḥ putram
als ersten Sohn Brahmans (Akk.Sg.; Gen.Sg.)
dharmam āhuḥ manīṣiṇaḥ
das Dharma nennen die Weisen (Akk.Sg.; 3.Pl.Perf.; Nom.Pl.)
dharmiṇaḥ paryupāsante
die Dharmatreuen dienen [ihm] (Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.Med.)
phalaṃ pakvam iva
Frucht, reife, gleichsam (Akk.Sg.)
āśayaḥ
Wunsch/Erwartung [?] (Nom.Sg.)

Der Vergleichssatz phalaṃ pakvam ivāśayaḥ ist knapp und nicht sicher zu fassen (āśaya = Absicht/Wunsch/Hoffnung).

yudhiṣṭhira uvāca; asatāṃ kīdṛśaṃ rūpaṃ sādhavaḥ kiṃ ca kurvate; bravītu me bhavān etat santo 'santaś ca kīdṛśāḥ

Yudhiṣṭhira sprach: „Wie ist die Gestalt der Schlechten, und was tun die Guten? Sage mir dies, Ehrwürdiger: Wie sind die Guten und die Schlechten?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
asatāṃ kīdṛśaṃ rūpam
der Schlechten wie [ist] die Gestalt (Gen.Pl.; Nom.Sg.)
sādhavaḥ kiṃ ca kurvate
die Guten und was tun sie (Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.Med.)
bravītu me bhavān etat
es möge sagen mir Euer Ehren dies (3.Sg.Imp.; Dat./Gen.Sg.; Nom.Sg.)
santaḥ asantaḥ ca kīdṛśāḥ
die Guten und die Schlechten, wie [sind sie] (Nom.Pl.)

bhīṣma uvāca; durācārāś ca durdharṣā durmukhāś cāpy asādhavaḥ; sādhavaḥ śīlasaṃpannāḥ śiṣṭācārasya lakṣaṇam

Bhīṣma sprach: „Schlechten Wandels, unbezwinglich [dreist], schlechtmäulig sind die Unguten; die Guten sind mit gutem Charakter begabt – [dies ist] das Kennzeichen des Wandels der Gebildeten.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
durācārāḥ ca durdharṣāḥ
von schlechtem Wandel und dreist/unbezwinglich (Nom.Pl.)
durmukhāḥ ca api asādhavaḥ
schlechtmäulig auch [sind] die Unguten (Nom.Pl.)
sādhavaḥ śīlasaṃpannāḥ
die Guten, mit Charakter begabt (Nom.Pl.; Tatpuruṣa)
śiṣṭācārasya lakṣaṇam
des Wandels der Gebildeten Kennzeichen (Gen.Sg.; Nom.Sg.)

durdharṣa kann „schwer zu bezwingen“ oder „dreist, anmaßend“ heißen; hier im Gegensatz zu den Guten als „dreist“ gefasst [?].

satyārjavaparāyaṇāḥ; eteṣāṃ dharmaśīlānāṃ

„Der Wahrheit und Redlichkeit ganz ergeben; von diesen, die im Dharma ihren Charakter haben, …“

Wort für Wort
satyārjavaparāyaṇāḥ
der Wahrheit und Redlichkeit ganz zugewandt (Nom.Pl.)
eteṣāṃ dharmaśīlānām
dieser, die das Dharma zum Charakter haben (Gen.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Fragment einer Zusatzzeile; der Satz bricht ab.

rājamārge gavāṃ madhye goṣṭhamadhye ca dharmiṇaḥ; nopasevanti rājendra sargaṃ mūtrapurīṣayoḥ

„Auf der Königsstraße, inmitten von Kühen und mitten im Kuhstall verrichten die Dharmatreuen nicht, Herr der Könige, die Entleerung von Urin und Kot.“

Wort für Wort
rājamārge gavāṃ madhye
auf der Königsstraße, inmitten der Kühe (Lok.Sg.; Gen.Pl.; Lok.Sg.)
goṣṭhamadhye ca dharmiṇaḥ
und mitten im Kuhstall die Dharmatreuen (Lok.Sg.; Nom.Pl.)
na upasevanti rājendra
sie pflegen nicht, Herr der Könige (3.Pl.Präs.; Vok.Sg.)
sargaṃ mūtrapurīṣayoḥ
die Entleerung von Urin und Kot (Akk.Sg.; Gen.Du.)

pañcānām aśanaṃ dattvā śeṣam aśnanti sādhavaḥ; na jalpanti ca bhuñjānā na nidrānty ārdrapāṇayaḥ

„Nachdem sie den Fünf die Speise gegeben haben, essen die Guten den Rest; sie schwatzen nicht beim Essen und schlafen nicht mit feuchten Händen.“

Wort für Wort
pañcānām aśanaṃ dattvā
den Fünf Speise gegeben habend (Gen./Dat.Pl.; Akk.Sg.; Abs.)
śeṣam aśnanti sādhavaḥ
den Rest essen die Guten (Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
na jalpanti ca bhuñjānāḥ
und sie schwatzen nicht essend (3.Pl.Präs.; Part.Präs.Med. Nom.Pl.)
na nidrānti ārdrapāṇayaḥ
sie schlafen nicht mit feuchten Händen (3.Pl.Präs.; Bahuvrīhi Nom.Pl.)

„die Fünf“: nicht näher bestimmt; wohl die fünf Empfänger der Opferspeise (Götter, Ahnen, Menschen, Wesen, Brahman) [?].

citrabhānum anaḍvāhaṃ devaṃ goṣṭhaṃ catuṣpatham; brāhmaṇaṃ dhārmikaṃ caityaṃ te kurvanti pradakṣiṇam

„Das Feuer, den Stier, die Gottheit, den Kuhstall, den Kreuzweg, den frommen Brahmanen und den Kultbaum – diese umwandeln sie rechtsherum.“

Wort für Wort
citrabhānum anaḍvāhaṃ
das Feuer (den Buntstrahligen), den Stier (Akk.Sg.)
devaṃ goṣṭhaṃ catuṣpatham
die Gottheit, den Kuhstall, den Kreuzweg (Akk.Sg.)
brāhmaṇaṃ dhārmikaṃ caityam
den Brahmanen, den frommen, den Kultbaum/Schrein (Akk.Sg.)
te kurvanti pradakṣiṇam
sie machen eine Rechtsumwandlung (Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.; Akk.Sg.)

citrabhānu („der Buntstrahlige“) = Feuer/Sonne; hier als Feuer gefasst [?].

vṛddhānāṃ bhārataptānāṃ strīṇāṃ bālāturasya ca; brāhmaṇānāṃ gavāṃ rājñāṃ panthānaṃ dadate ca te

„Den Alten, den von Last Bedrückten, den Frauen, dem Kind und dem Kranken, den Brahmanen, Kühen und Königen geben sie den Weg frei.“

Wort für Wort
vṛddhānāṃ bhārataptānām
den Alten, den von Last Geplagten (Gen.Pl.)
strīṇāṃ bālāturasya ca
den Frauen und dem Kind und Kranken (Gen.Pl.; Gen.Sg.)
brāhmaṇānāṃ gavāṃ rājñām
den Brahmanen, Kühen, Königen (Gen.Pl.)
panthānaṃ dadate ca te
den Weg geben sie und sie (Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.Med.; Nom.Pl.)

atithīnāṃ ca sarveṣāṃ preṣyāṇāṃ svajanasya ca

„Allen Gästen, den Dienern und den eigenen Leuten …“

Wort für Wort
atithīnāṃ ca sarveṣām
und allen Gästen (Gen.Pl.)
preṣyāṇāṃ svajanasya ca
den Dienern und dem eigenen Volk/Angehörigen (Gen.Pl.; Gen.Sg.)

Der Satz setzt sich in der folgenden Einheit fort.

sāmānyaṃ bhojanaṃ kuryāt svayaṃ nāgryāśanaṃ vrajet; na satyārjavadharmasya tulyam anyac ca vidyate; bahulā nāma gaus tena gatim agryāṃ gatā kila; muniśāpād dvijaḥ kaś cid vyāghratāṃ samupāgataḥ; bahulāṃ bhakṣaṇarucim āsvādya śapathena tu; vimucya pītavatsāṃ tāṃ dṛṣṭvā smṛtvā purātanam; jagāma lokān amalān sā svarāṣṭraṃ tathā punaḥ; tasmāt satyārjavarato rājā rāṣṭraṃ samānavam; tārayitvā sukhaṃ svargaṃ gantāsi bharatarṣabha

„Eine gemeinsame Mahlzeit soll man halten; man gehe nicht selbst als Erster zum Essen. Für das Dharma der Wahrheit und Redlichkeit gibt es nichts anderes, das gleichkäme. Die Kuh namens Bahulā erlangte dadurch, so heißt es, das höchste Ziel. Ein Zweigeborener geriet durch den Fluch eines Weisen in den Zustand eines Tigers; als er Bahulā kostete, die Lust am Fressen hatte, ließ er sie aber wegen eines Schwurs frei, nachdem sie das Kalb hatte trinken lassen; als er [sie zurückkehren] sah und sich an Früheres erinnerte, ging er in makellose Welten, und ebenso [ging] sie wieder in ihr eigenes Reich [?]. Darum, du Stier der Bharata, wirst du als König, der Wahrheit und Redlichkeit ergeben, dein Reich samt den Menschen hinüberführen und in den Himmel gelangen, in Glück.“

Wort für Wort
sāmānyaṃ bhojanaṃ kuryāt
gemeinsame Mahlzeit möge man halten (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
svayaṃ na agryāśanaṃ vrajet
selbst nicht zum Erstessen gehen (Adv.; Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
na satyārjavadharmasya tulyam anyat ca vidyate
dem Dharma der Wahrheit und Redlichkeit gleich [ist] nichts anderes vorhanden (Gen.Sg.; Nom.Sg.; 3.Sg.Pass.)
bahulā nāma gauḥ tena gatim agryāṃ gatā kila
Bahulā mit Namen, die Kuh, erlangte dadurch das höchste Ziel, so heißt es (Nom.Sg.; Instr.Sg.; Akk.Sg.; Part.Perf. Fem.)
muniśāpāt dvijaḥ kaḥ cit vyāghratām samupāgataḥ
durch den Fluch eines Weisen ein Zweigeborener geriet in Tigerhaftigkeit (Abl.Sg.; Nom.Sg.; Akk.Sg.; Part.Perf.)
bahulāṃ bhakṣaṇarucim āsvādya śapathena tu
Bahulā, die Fresslust hatte, kostend, doch wegen eines Schwurs (Akk.Sg.; Abs.; Instr.Sg.)
vimucya pītavatsāṃ tām dṛṣṭvā smṛtvā purātanam
freigelassen habend die, die das Kalb hatte trinken lassen, gesehen und Früheres erinnert habend (Abs.; Akk.Sg.)
jagāma lokān amalān sā svarāṣṭraṃ tathā punaḥ
ging in makellose Welten, sie [ging] in ihr eigenes Reich ebenso wieder (3.Sg.Perf.; Akk.Pl.; Nom.Sg.Fem.; Akk.Sg.)
tasmāt satyārjavarataḥ rājā
darum als der Wahrheit und Redlichkeit ergebener König (Abl.; Nom.Sg.)
rāṣṭraṃ samānavam tārayitvā
das Reich samt den Menschen hinübergeführt habend (Akk.Sg.; Abs.)
sukhaṃ svargaṃ gantāsi bharatarṣabha
in Glück in den Himmel wirst du gehen, Stier der Bharata (Adv.; Akk.Sg.; 2.Sg.peri.Fut.; Vok.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. Der Bahulā-Abschnitt ist knapp und in den Subjekten (Tiger/Kuh) nicht eindeutig; die Zuordnung von jagāma und sā ist unsicher. samānavam als „samt den Menschen“ gefasst [?].

tathā śaraṇakāmānāṃ goptā syāt svāgatapradaḥ

„Ebenso soll er denen, die Schutz suchen, Beschützer sein und Willkommen gewähren.“

Wort für Wort
tathā
ebenso (Adv.)
śaraṇakāmānām
denen, die Zuflucht wünschen (Gen.Pl.)
goptā syāt
Beschützer sei er (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)
svāgatapradaḥ
Willkommen gebend (Nom.Sg.)

Fortsetzung des Satzes aus Einheit 14.

sāyaṃ prātar manuṣyāṇām aśanaṃ devanirmitam; nāntarā bhojanaṃ dṛṣṭam upavāsavidhir hi saḥ

„Abends und morgens ist den Menschen die Mahlzeit von den Göttern bestimmt; dazwischen ist Essen nicht gesehen [vorgesehen] – das ist nämlich die Regel des Fastens.“

Wort für Wort
sāyaṃ prātaḥ manuṣyāṇām
abends [und] morgens, der Menschen (Adv.; Gen.Pl.)
aśanaṃ devanirmitam
Mahlzeit von den Göttern geschaffen (Nom.Sg.; Nom.Sg.)
na antarā bhojanaṃ dṛṣṭam
nicht dazwischen Essen gesehen (Adv.; Nom.Sg.; Part.Perf.Pass.)
upavāsavidhiḥ hi saḥ
Fastenregel nämlich dies (Nom.Sg.; Nom.Sg.)

homakāle yathā vahniḥ kālam eva pratīkṣate; ṛtukāle tathā nārī ṛtum eva pratīkṣate; na cānyāṃ gacchate yas tu brahmacaryaṃ hi tat smṛtam

„Wie zur Zeit des Opfers das Feuer nur auf die [rechte] Zeit wartet, so wartet die Frau zur Zeit der Empfängnisbereitschaft nur auf eben diese; und wer zu keiner anderen geht, dessen [Lebensweise] gilt als Brahmacarya.“

Wort für Wort
homakāle yathā vahniḥ
zur Opferzeit wie das Feuer (Lok.Sg.; Adv.; Nom.Sg.)
kālam eva pratīkṣate
auf die Zeit nur wartet es (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
ṛtukāle tathā nārī
zur Zeit der Empfängnisbereitschaft so die Frau (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
ṛtum eva pratīkṣate
auf die Fruchtbarkeitszeit nur wartet sie (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
na ca anyāṃ gacchate yaḥ tu
und wer nicht zu einer anderen geht (Akk.Sg.Fem.; 3.Sg.Präs.Med.; Rel.Nom.Sg.)
brahmacaryaṃ hi tat smṛtam
Brahmacarya wahrlich das gilt als (Nom.Sg.; Part.Perf.Pass.)

amṛtaṃ brāhmaṇā gāva ity etat trayam ekataḥ; tasmād gobrāhmaṇaṃ nityam arcayeta yathāvidhi

„Unsterblichkeitstrank, Brahmanen, Kühe – diese Dreiheit [gehört] zusammen; darum soll man Kuh und Brahmanen stets regelgemäß verehren.“

Wort für Wort
amṛtaṃ brāhmaṇāḥ gāvaḥ
Amṛta, Brahmanen, Kühe (Nom.)
iti etat trayam ekataḥ
so: diese Dreiheit zusammen (Nom.Sg.; Adv.)
tasmāt gobrāhmaṇaṃ nityam
darum Kuh und Brahmane stets (Abl.; Akk.Sg.; Adv.)
arcayeta yathāvidhi
man soll verehren regelgemäß (3.Sg.Opt.Med.; Adv.)

yajuṣā saṃskṛtaṃ māṃsam upabhuñjan na duṣyati; pṛṣṭhamāṃsaṃ vṛthāmāṃsaṃ putramāṃsaṃ ca tat samam

„Wer mit einem Yajus-Spruch geweihtes Fleisch genießt, wird nicht befleckt; ‚Rückenfleisch‘, ‚vergebliches Fleisch‘ und ‚Sohnesfleisch‘ – das ist einander gleich.“

Wort für Wort
yajuṣā saṃskṛtaṃ māṃsam
durch Yajus-Spruch geweihtes Fleisch (Instr.Sg.; Part.Perf.Pass.; Akk.Sg.)
upabhuñjan na duṣyati
genießend wird nicht verdorben (Part.Präs.; 3.Sg.Präs.)
pṛṣṭhamāṃsaṃ vṛthāmāṃsam
Rückenfleisch, vergebliches Fleisch (Nom.Sg.)
putramāṃsaṃ ca tat samam
und Sohnesfleisch, das [ist] gleich (Nom.Sg.; Nom.Sg.; Nom.Sg.)

Die Aussage ist knapp: ungeweihtes Fleisch ist wohl gemeint; pṛṣṭhamāṃsa kann auch „Verleumdung“ (Rückenfleisch) bedeuten [?].

svadeśe paradeśe vāpy atithiṃ nopavāsayet; karma vai saphalaṃ kṛtvā gurūṇāṃ pratipādayet

„In der Heimat oder in der Fremde soll man einen Gast nicht hungern lassen; hat man ein Werk erfolgreich vollbracht, soll man es den Lehrern übergeben.“

Wort für Wort
svadeśe paradeśe vā api
in der eigenen Gegend oder in fremder auch (Lok.Sg.)
atithiṃ na upavāsayet
einen Gast nicht hungern lassen (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Kaus.)
karma vai saphalaṃ kṛtvā
ein Werk wahrlich erfolgreich getan habend (Akk.Sg.; Abs.)
gurūṇāṃ pratipādayet
den Lehrern soll man übergeben (Gen./Dat.Pl.; 3.Sg.Opt.Kaus.)

gurubhya āsanaṃ deyam abhivādyābhipūjya ca; gurūn abhyarcya vardhante āyuṣā yaśasā śriyā

„Den Lehrern soll man einen Sitz geben, nachdem man sie begrüßt und geehrt hat; wer die Lehrer verehrt hat, wächst an Lebensdauer, Ruhm und Glück.“

Wort für Wort
gurubhyaḥ āsanaṃ deyam
den Lehrern ein Sitz ist zu geben (Dat.Pl.; Nom.Sg.; Gerundiv)
abhivādya abhipūjya ca
begrüßt und geehrt habend (Abs.)
gurūn abhyarcya
die Lehrer verehrt habend (Akk.Pl.; Abs.)
vardhante āyuṣā yaśasā śriyā
sie wachsen an Lebensdauer, Ruhm, Glanz (3.Pl.Präs.Med.; Instr.Sg.)

vṛddhān nātivadej jātu na ca saṃpreṣayed api; nāsīnaḥ syāt sthiteṣv evam āyur asya na riṣyate

„Ältere soll man niemals überheblich anreden, und man soll sie auch nicht fortschicken; man sitze nicht, während sie stehen; so wird sein Leben nicht geschädigt.“

Wort für Wort
vṛddhān na ativadet jātu
Ältere soll man nicht überheblich anreden je (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.; Adv.)
na ca saṃpreṣayet api
und nicht fortschicken auch (3.Sg.Opt.Kaus.)
na āsīnaḥ syāt
nicht sitzend sei man (Part.Präs.Med.; 3.Sg.Opt.)
sthiteṣu evam
während [sie] stehen so (Lok.Pl.; Adv.)
āyuḥ asya na riṣyate
das Leben seiner wird nicht verletzt (Nom.Sg.; Gen.Sg.; 3.Sg.Pass.)

nātivadet: „nicht übermäßig/überheblich reden“ (gegenüber Älteren) [?].

na nagnām īkṣate nārīṃ na vidvān puruṣān api; maithunaṃ satataṃ guptam āhāraṃ ca samācaret

„Man sehe keine nackte Frau an, und der Wissende [sehe] auch keine [nackten] Männer an; den Beischlaf und die Speise halte man stets verborgen.“

Wort für Wort
na nagnām īkṣate nārīm
nicht eine nackte Frau sieht man an (Akk.Sg.Fem.; 3.Sg.Präs.Med.)
na vidvān puruṣān api
nicht der Wissende Männer auch (Nom.Sg.; Akk.Pl.)
maithunaṃ satataṃ guptam
Beischlaf stets verborgen (Akk.Sg.; Adv.; Part.Perf.Pass.)
āhāraṃ ca samācaret
und Speise soll man pflegen [so] (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)

tīrthānāṃ guravas tīrthaṃ śucīnāṃ hṛdayaṃ śuci; darśanānāṃ paraṃ jñānaṃ saṃtoṣaḥ paramaṃ sukham

„Unter den Pilgerstätten sind die Lehrer die Pilgerstätte; unter den Reinen ist das Herz rein; unter den Lehrsichten ist Erkenntnis das Höchste; Zufriedenheit ist das höchste Glück.“

Wort für Wort
tīrthānāṃ guravaḥ tīrtham
unter den Pilgerstätten [sind] die Lehrer Pilgerstätte (Gen.Pl.; Nom.Pl.; Nom.Sg.)
śucīnāṃ hṛdayaṃ śuci
unter den Reinen [ist] das Herz rein (Gen.Pl.; Nom.Sg.; Nom.Sg.)
darśanānāṃ param jñānam
unter den Sichtweisen das höchste Wissen (Gen.Pl.; Nom.Sg.)
saṃtoṣaḥ paramaṃ sukham
Zufriedenheit [ist] höchstes Glück (Nom.Sg.)

sāyaṃ prātaś ca vṛddhānāṃ śṛṇuyāt puṣkalā giraḥ; śrutam āpnoti hi naraḥ satataṃ vṛddhasevayā

„Abends und morgens soll man die reichhaltigen Worte der Älteren hören; denn durch beständigen Dienst an den Alten erlangt der Mensch Gehörtes [Wissen].“

Wort für Wort
sāyaṃ prātaḥ ca vṛddhānām
abends und morgens der Alten (Adv.; Gen.Pl.)
śṛṇuyāt puṣkalāḥ giraḥ
soll man hören reichhaltige Worte (3.Sg.Opt.; Akk.Pl.)
śrutam āpnoti hi naraḥ
Gehörtes erlangt nämlich der Mensch (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
satataṃ vṛddhasevayā
beständig durch Dienst an den Alten (Adv.; Instr.Sg.)

dānāgāre gavāṃ caiva brāhmaṇānāṃ ca saṃnidhau

„Im Spendenhaus, bei den Kühen und in der Nähe der Brahmanen.“

Wort für Wort
dānāgāre
im Haus der Gabe/Spendenhaus (Lok.Sg.)
gavāṃ ca eva
und bei den Kühen ebenso (Gen.Pl.)
brāhmaṇānāṃ ca saṃnidhau
und in der Nähe der Brahmanen (Gen.Pl.; Lok.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile ohne Verb; Fragment.

svādhyāye bhojane caiva dakṣiṇaṃ pāṇim uddharet; yacched vāṅmanasī nityam indriyāṇāṃ ca vibhramam

„Beim Vedastudium und beim Essen soll man die rechte Hand [vor]strecken; Rede und Geist soll man stets zügeln, ebenso das Umherschweifen der Sinne.“

Wort für Wort
svādhyāye bhojane ca eva
beim Studium und beim Essen ebenso (Lok.Sg.)
dakṣiṇaṃ pāṇim uddharet
die rechte Hand soll man erheben/vorstrecken [?] (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
yacchet vāṅmanasī nityam
zügeln soll man Rede und Geist stets (3.Sg.Opt.; Akk.Du.; Adv.)
indriyāṇāṃ ca vibhramam
und der Sinne Umherschweifen (Gen.Pl.; Akk.Sg.)

dakṣiṇaṃ pāṇim uddharet: genaue rituelle Handhaltung unklar [?].

saṃskṛtaṃ pāyasaṃ nityaṃ yavāgūṃ kṛsaraṃ haviḥ; aṣṭakāḥ pitṛdaivatyā vṛddhānām abhipūjanam

„Stets geweihter Milchreis, Reisbrei, Sesamreis, Opfergabe; die Aṣṭakā-Feiern, den Ahnen und Göttern zugeeignet; die Ehrung der Alten.“

Wort für Wort
saṃskṛtaṃ pāyasaṃ nityam
geweihter Milchreis stets (Part.Perf.Pass.; Akk.Sg.; Adv.)
yavāgūṃ kṛsaraṃ haviḥ
Reisbrei, Sesamreis, Opfergabe (Akk.Sg.)
aṣṭakāḥ pitṛdaivatyāḥ
die Aṣṭakā-Feiern, den Ahnen [und Göttern] geweiht (Nom.Pl.)
vṛddhānām abhipūjanam
der Alten Ehrung (Gen.Pl.; Nom.Sg.)

Aufzählung ohne Verb; sinngemäß: dies alles soll man pflegen.

śmaśrukarmaṇi maṅgalyaṃ kṣutānām abhinandanam; vyādhitānāṃ ca sarveṣām āyuṣaḥ pratinandanam

„Beim Bartscheren [gilt] der Segensspruch, den Niesenden [gilt] das Wohlwünschen, und allen Kranken [gilt] der Gegenwunsch für [ihr] Leben.“

Wort für Wort
śmaśrukarmaṇi maṅgalyam
beim Bartscheren Segensvolles (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
kṣutānām abhinandanam
den Niesenden Glückwunsch (Gen.Pl.; Nom.Sg.)
vyādhitānāṃ ca sarveṣām
und allen Kranken (Gen.Pl.)
āyuṣaḥ pratinandanam
Gegenwunsch des Lebens [d. h. für Leben] (Gen.Sg.; Nom.Sg.)

na jātu tvam iti brūyād āpanno 'pi mahattaram; tvaṃkāro vā vadho veti vidvatsu na viśiṣyate; avarāṇāṃ samānānāṃ śiṣyāṇāṃ ca samācaret

„Niemals sage man ‚du‘ zu einem Höheren, auch nicht in Not; die Anrede mit ‚du‘ unterscheidet sich unter Gelehrten nicht vom Töten. Gegenüber Geringeren, Gleichen und Schülern mag man [sie] pflegen.“

Wort für Wort
na jātu tvam iti brūyāt
niemals ‚du‘ so soll man sagen (Adv.; Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)
āpannaḥ api mahattaram
in Not geraten auch, zu einem Höheren (Part.Perf.; Akk.Sg.)
tvaṃkāraḥ vā vadhaḥ vā
die Du-Anrede oder der Tod (Nom.Sg.)
iti vidvatsu na viśiṣyate
so unter Gelehrten wird nicht unterschieden (Lok.Pl.; 3.Sg.Pass.)
avarāṇāṃ samānānām
den Geringeren, Gleichen (Gen.Pl.)
śiṣyāṇāṃ ca samācaret
und den Schülern soll man [so] pflegen (Gen.Pl.; 3.Sg.Opt.)

Der letzte Satz ist knapp; gemeint ist wohl, dass die Du-Anrede nur gegenüber Niederen, Gleichen und Schülern statthaft ist [?].

pāpam ācakṣate nityaṃ hṛdayaṃ pāpakarmiṇām; jñānapūrvaṃ vinaśyanti gūhamānā mahājane

„Die Sünde verkünden immer die Herzen der Übeltäter; wissentlich gehen sie zugrunde, wenn sie [sie] vor der Menge verbergen.“

Wort für Wort
pāpam ācakṣate nityam
die Sünde verkünden sie stets (Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.Med.; Adv.)
hṛdayaṃ pāpakarmiṇām
das Herz der Übeltäter (Nom.Sg.; Gen.Pl.)
jñānapūrvaṃ vinaśyanti
wissentlich gehen sie zugrunde (Adv.; 3.Pl.Präs.)
gūhamānāḥ mahājane
verbergend vor der großen Menge (Part.Präs.Med. Nom.Pl.; Lok.Sg.)

jñānapūrvam: „wissentlich“ oder „nachdem sie [es] erkannt haben“ [?].

jñānapūrvaṃ kṛtaṃ karma cchādayante hy asādhavaḥ; na māṃ manuṣyāḥ paśyanti na māṃ paśyanti devatāḥ; pāpenābhihataḥ pāpaḥ pāpam evābhijāyate

„Das wissentlich Getane verdecken die Schlechten: ‚Mich sehen die Menschen nicht, mich sehen die Götter nicht.‘ Vom Übel geschlagen wird der Übeltäter nur zum Übel [hin] geboren.“

Wort für Wort
jñānapūrvaṃ kṛtaṃ karma
wissentlich getanes Werk (Adv.; Part.Perf.Pass.; Akk.Sg.)
chādayante hi asādhavaḥ
verdecken nämlich die Unguten (3.Pl.Präs.Kaus.; Nom.Pl.)
na māṃ manuṣyāḥ paśyanti
nicht mich sehen die Menschen (Akk.Sg.; Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)
na māṃ paśyanti devatāḥ
nicht mich sehen die Götter (Nom.Pl.)
pāpena abhihataḥ pāpaḥ
vom Übel geschlagen der Übeltäter (Instr.Sg.; Part.Perf.Pass.; Nom.Sg.)
pāpam eva abhijāyate
zum Übel nur wird er geboren [?] (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)

pāpam evābhijāyate: „wird zum Übel geboren / wird selbst nur Übel“ [?].

yathā vārdhuṣiko vṛddhiṃ dehabhede pratīkṣate; dharmeṇāpihitaṃ pāpaṃ dharmam evābhivardhayet

„Wie der Wucherer beim Zerbrechen des Körpers auf den Zins wartet, so soll man das durch Dharma verdeckte Übel nur durch Dharma mehren [?].“

Wort für Wort
yathā vārdhuṣikaḥ vṛddhim
wie der Wucherer Zins (Adv.; Nom.Sg.; Akk.Sg.)
dehabhede pratīkṣate
beim Zerbrechen des Körpers erwartet (Lok.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
dharmeṇa apihitaṃ pāpam
durch Dharma verdecktes Übel (Instr.Sg.; Part.Perf.Pass.; Akk.Sg.)
dharmam eva abhivardhayet
das Dharma nur soll man mehren (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Kaus.)

Der Vers ist knapp und in den Beziehungen unsicher: dehabhede vielleicht „beim Tod [des Schuldners]“; die Vergleichsbeziehung zum zweiten Halbvers ist nicht klar [?].

yathā lavaṇam ambhobhir āplutaṃ pravilīyate; prāyaścittahataṃ pāpaṃ tathā sadyaḥ praṇaśyati

„Wie Salz, von Wasser übergossen, sich auflöst, so vergeht durch Sühne erschlagenes Übel sogleich.“

Wort für Wort
yathā lavaṇam ambhobhiḥ
wie Salz von Wassern (Adv.; Nom.Sg.; Instr.Pl.)
āplutaṃ pravilīyate
übergossen löst sich auf (Part.Perf.Pass.; 3.Sg.Präs.Pass.)
prāyaścittahataṃ pāpam
durch Sühne erschlagenes Übel (Nom.Sg.)
tathā sadyaḥ praṇaśyati
so sogleich vergeht es (Adv.; 3.Sg.Präs.)

tasmāt pāpaṃ na gūheta gūhamānaṃ vivardhate; kṛtvā tu sādhuṣv ākhyeyaṃ te tat praśamayanty uta

„Darum soll man das Übel nicht verbergen; Verborgenes wächst. Hat man es aber getan, soll man es den Guten berichten; sie besänftigen es dann.“

Wort für Wort
tasmāt pāpaṃ na gūheta
darum das Übel soll man nicht verbergen (Abl.; Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Med.)
gūhamānaṃ vivardhate
verborgen wächst es (Part.Präs.Med.; 3.Sg.Präs.Med.)
kṛtvā tu sādhuṣu ākhyeyam
getan habend aber bei den Guten ist zu berichten (Abs.; Lok.Pl.; Gerundiv)
te tat praśamayanti uta
sie besänftigen es fürwahr (Nom.Pl.; Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.Kaus.)

āśayā saṃcitaṃ dravyaṃ yat kāle nopabhujyate; anye caitat prapadyante viyoge tasya dehinaḥ

„Ein Gut, das mit Hoffnung angesammelt und zur [rechten] Zeit nicht genossen wird – andere erlangen dieses bei der Trennung des Verkörperten [vom Körper].“

Wort für Wort
āśayā saṃcitaṃ dravyam
mit Hoffnung angesammeltes Gut (Instr.Sg.; Part.Perf.Pass.; Nom.Sg.)
yat kāle na upabhujyate
das zur Zeit nicht genossen wird (Rel.Nom.Sg.; Lok.Sg.; 3.Sg.Pass.)
anye ca etat prapadyante
und andere dieses erlangen (Nom.Pl.; Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.Med.)
viyoge tasya dehinaḥ
bei der Trennung dieses Verkörperten (Lok.Sg.; Gen.Sg.)

tad dharmasādhanaṃ nityaṃ saṃkalpād dhanam ārjayet

„Dieses [Gut] mache man stets zum Mittel des Dharma; nach [festem] Vorsatz erwerbe man Reichtum.“

Wort für Wort
tat dharmasādhanaṃ nityam
dieses [sei] Mittel des Dharma stets (Nom.Sg.; Adv.)
saṃkalpāt dhanam ārjayet
aus Vorsatz Reichtum soll man erwerben (Abl.Sg.; Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; saṃkalpāt als „nach Vorsatz / mit [dem Ziel des] Vorsatzes“ [?].

mānasaṃ sarvabhūtānāṃ dharmam āhur manīṣiṇaḥ; tasmāt sarvāṇi bhūtāni dharmam eva samāsate

„Geistig nennen die Weisen das Dharma aller Wesen; darum halten sich alle Wesen nur an das Dharma.“

Wort für Wort
mānasaṃ sarvabhūtānām
geistig, aller Wesen (Akk.Sg.; Gen.Pl.)
dharmam āhuḥ manīṣiṇaḥ
das Dharma nennen die Weisen (Akk.Sg.; 3.Pl.Perf.; Nom.Pl.)
tasmāt sarvāṇi bhūtāni
darum alle Wesen (Abl.; Nom.Pl.)
dharmam eva samāsate
am Dharma nur halten sie fest (Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.Med.)

samāsate: „sitzen bei, halten sich an, hängen an“.

eka eva cared dharmaṃ na dharmadhvajiko bhavet; dharmavāṇijakā hy ete ye dharmam upabhuñjate

„Allein soll man das Dharma üben; man werde kein Dharma-Bannerträger [Heuchler]. Dharma-Händler sind nämlich die, die vom Dharma [wie von einer Ware] zehren.“

Wort für Wort
ekaḥ eva caret dharmam
allein nur soll man üben das Dharma (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.; Akk.Sg.)
na dharmadhvajikaḥ bhavet
nicht Dharma-Bannerträger werde man (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)
dharmavāṇijakāḥ hi ete
Dharma-Händler nämlich diese (Nom.Pl.)
ye dharmam upabhuñjate
die das Dharma genießen/ausnutzen (Rel.Nom.Pl.; Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.Med.)

arced devān adambhena sevetāmāyayā gurūn; nidhiṃ nidadhyāt pāratryaṃ yātrārthaṃ dānaśabditam

„Man verehre die Götter ohne Heuchelei, diene den Lehrern ohne Trug; einen Schatz für das Jenseits lege man nieder, als Wegzehrung, ‚Gabe‘ genannt.“

Wort für Wort
arcet devān adambhena
man verehre die Götter ohne Heuchelei (3.Sg.Opt.; Akk.Pl.; Instr.Sg.)
seveta amāyayā gurūn
man diene ohne Trug den Lehrern (3.Sg.Opt.Med.; Instr.Sg.; Akk.Pl.)
nidhiṃ nidadhyāt pāratryam
einen Schatz lege man nieder, für das Jenseits (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.; Akk.Sg.)
yātrārthaṃ dānaśabditam
als Wegzehrung, ‚Gabe‘ genannt (Akk.Sg.; Part.Perf.Pass.)

yudhiṣṭhiraḥ; mānasānīha tīrthāni praśaṃsanti maharṣayaḥ; bhīṣmaḥ; tāni me kuruśārdūla yathāvad vaktum arhasi; śṛṇu tīrthāni gadato mānasānīha mānada; yeṣu samyaṅ naraḥ snātvā prayāti paramāṃ gatim; satyaṃ tīrthaṃ kṣamā tīrthaṃ satyam indriyanigrahaḥ; sarvabhūtadayā tīrthaṃ tīrtham ārjavam eva ca; dānaṃ tīrthaṃ damas tīrthaṃ saṃtoṣas tīrtham uttamam; brahmacaryaṃ paraṃ tīrthaṃ tīrthaṃ ca priyavāditā; jñānaṃ tīrthaṃ tapas tīrthaṃ dhṛtis tīrtham udāhṛtam; tīrthānām api yat tīrthaṃ viśuddhir manasaḥ parā; nodakaklinnagātro hi snāta ity abhidhīyate; sa snāto yo damasnātaḥ suviśuddhamanomalaḥ; yo lubdhaḥ piśunaḥ krūro dāmbhiko viṣayātmakaḥ; sarvatīrtheṣv api snātaḥ pāpo malina eva saḥ; na ca gacchanti te svargam aviśuddhamanomalāḥ; viṣayeṣv api saṃrāgo mānaso mala ucyate; teṣv eva ca virāgo 'sya nirmalatvam udāhṛtam; cittam antargataṃ duṣṭaṃ tīrthasnānair na śudhyati; śataśo 'pi jale dhautaṃ surābhāṇḍam ivāśuci; nigṛhītendriyagrāmo yatraiva nivasen naraḥ; tatra tasya kurukṣetraṃ naimiṣaṃ puṣkaraṃ gayā; jñānahrade satyajale rāgadveṣamalāpahe; yudhiṣṭhiraḥ; yaḥ snāto mānase tīrthe sa yāti paramāṃ gatim; pāpasya kim adhiṣṭhānaṃ kā prasūtiś ca bhārata; bhīṣmaḥ; kiṃ cāsya kāraṇaṃ proktaṃ tan me brūhi pitāmaha; lobhaḥ pratiṣṭhā pāpasya prasūtir lobha eva ca; atra te saṃśayo mā bhūl lobhaḥ pāpasya kāraṇam; lobhāt krodhaḥ prabhavati lobhād drohaḥ pravartate; lobhān mohaś ca māyā ca mānān mātsaryam eva ca; nārthaiḥ pūrayituṃ śakyo lobho bahuvidhair api; nityaṃ gambhīratoyābhir āpagābhir ivārṇavaḥ; sarvabhūteṣv aviśvāsaḥ sarvabhūteṣv anirdayaḥ; sarvabhūteṣv ajihmaś ca lobhād bhavati bhārata; sumahānty api śāstrāṇi dhārayanto bahuśrutāḥ; chettāraḥ saṃśayānāṃ ca lobhagrastāḥ pratyānty adhaḥ; lobhakṣaye kṣayaṃ yānti sarvapāpāni dehinām; lobhavṛddhau ca vardhante nṛpate nātra saṃśayaḥ; tasmāt sarvaprayatnena tyaja lobhaṃ yudhiṣṭhira; yadīcchasi mahārāja śāśvatīṃ gatim ātmanaḥ

Yudhiṣṭhira [sprach]: „Geistige Pilgerstätten [Tīrthas] preisen hier die großen Weisen.“ Bhīṣma [sprach]: „Diese solltest du mir wahrhaft darlegen, Tiger der Kuru.“ „Höre, Ehrer [Geber der Ehre], die geistigen Tīrthas hier, während ich sie nenne, in denen ein Mensch, recht gebadet, zum höchsten Ziel gelangt. Wahrheit ist eine Pilgerstätte, Nachsicht ist eine Pilgerstätte, Wahrheit [ebenso] die Bezähmung der Sinne; Mitleid mit allen Wesen ist eine Pilgerstätte, und Redlichkeit ebenso. Geben ist eine Pilgerstätte, Selbstbeherrschung ist eine Pilgerstätte, Zufriedenheit ist die höchste Pilgerstätte. Brahmacarya ist die höchste Pilgerstätte, und freundliches Reden ist eine Pilgerstätte. Erkenntnis ist eine Pilgerstätte, Askese ist eine Pilgerstätte, Standhaftigkeit gilt als Pilgerstätte. Was aber unter den Pilgerstätten [die Pilgerstätte] ist: die höchste Läuterung des Geistes. Nicht wer mit wasserfeuchten Gliedern [dasteht], wird ‚gebadet‘ genannt; gebadet ist, wer im Selbstbezähmen gebadet ist, mit wohlgereinigtem Schmutz des Geistes. Wer gierig, verleumderisch, grausam, heuchlerisch und den Sinnesobjekten hingegeben ist, der ist, auch wenn er in allen Pilgerstätten gebadet hat, ein Übeltäter und befleckt. Und sie gehen nicht in den Himmel, die den Schmutz des Geistes nicht gereinigt haben. Die Anhänglichkeit an die Sinnesobjekte wird geistiger Schmutz genannt; die Abkehr eben von ihnen gilt als Makellosigkeit. Ein innen verdorbener Sinn wird durch Baden an Pilgerstätten nicht rein – wie ein Branntweingefäß, auch hundertmal im Wasser gewaschen, unrein bleibt. Wo immer ein Mensch wohnt, der die Schar seiner Sinne gebändigt hat, dort sind für ihn Kurukṣetra, Naimiṣa, Puṣkara und Gayā – im Teich der Erkenntnis, im Wasser der Wahrheit, das den Schmutz von Verlangen und Hass fortnimmt.“ Yudhiṣṭhira [sprach]: „Wer in der geistigen Pilgerstätte gebadet hat, der gelangt zum höchsten Ziel. Was ist der Sitz des Übels, und was, Bhārata, ist sein Ursprung?“ Bhīṣma [sprach]: „Und was als Grund davon genannt ist, das sage mir, Großvater.“ „Gier ist die Grundlage des Übels, und Gier ist sein Ursprung; hierüber sei dir kein Zweifel: Gier ist der Grund des Übels. Aus Gier entsteht Zorn, aus Gier geht Feindschaft [Verrat] hervor; aus Gier [entstehen] Verblendung und Trug, und aus Hochmut sogar Missgunst. Mit Gütern jeder Art kann die Gier nicht gefüllt werden – wie das Meer nicht von den stets tiefes Wasser führenden Flüssen. Misstrauen gegen alle Wesen, Erbarmungslosigkeit gegen alle Wesen und Krummheit [Unredlichkeit] gegen alle Wesen entstehen aus Gier, Bhārata. Auch wenn sie sehr große Lehrschriften tragen, viel Gelehrte und Zerschneider der Zweifel – von Gier ergriffen sinken sie hinab. Wenn die Gier schwindet, schwinden alle Übel der Verkörperten; wenn die Gier wächst, wachsen sie, Herrscher – darüber besteht kein Zweifel. Darum lass mit allem Eifer die Gier fahren, Yudhiṣṭhira, wenn du, Großkönig, das ewige Ziel für dich selbst wünschst.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhiraḥ mānasāni iha tīrthāni praśaṃsanti maharṣayaḥ
Yudhiṣṭhira: geistige Pilgerstätten hier preisen die großen Weisen (Nom.Sg.; Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)
bhīṣmaḥ tāni me kuruśārdūla yathāvat vaktum arhasi
Bhīṣma: diese mir, Tiger der Kuru, wahrhaft zu sagen vermagst du (Vok.Sg.; Inf.; 2.Sg.Präs.)
śṛṇu tīrthāni gadataḥ mānasāni iha mānada
höre die Pilgerstätten, während ich [sie] nenne, die geistigen hier, Ehrengeber (Imp.; Gen.Sg.Part.; Vok.Sg.)
yeṣu samyak naraḥ snātvā prayāti paramāṃ gatim
in denen recht ein Mensch gebadet habend zum höchsten Ziel geht (Rel.Lok.Pl.; Abs.; 3.Sg.Präs.)
satyaṃ tīrthaṃ kṣamā tīrthaṃ satyam indriyanigrahaḥ
Wahrheit Pilgerstätte, Nachsicht Pilgerstätte, Wahrheit [und] Sinnesbezähmung (Nom.Sg.) [?]
sarvabhūtadayā tīrtham tīrtham ārjavam eva ca
Mitleid mit allen Wesen Pilgerstätte, Redlichkeit ebenso (Nom.Sg.)
dānaṃ tīrthaṃ damaḥ tīrtham saṃtoṣaḥ tīrtham uttamam
Geben, Selbstbeherrschung, Zufriedenheit als höchste Pilgerstätte (Nom.Sg.)
brahmacaryaṃ param tīrtham tīrthaṃ ca priyavāditā
Brahmacarya höchste Pilgerstätte, und freundliches Reden Pilgerstätte (Nom.Sg.)
jñānaṃ tīrthaṃ tapaḥ tīrthaṃ dhṛtiḥ tīrtham udāhṛtam
Erkenntnis, Askese, Standhaftigkeit gilt als Pilgerstätte (Nom.Sg.; Part.Perf.Pass.)
tīrthānām api yat tīrtham viśuddhiḥ manasaḥ parā
unter den Pilgerstätten was Pilgerstätte [ist]: Reinigung des Geistes, die höchste (Gen.Pl.; Nom.Sg.; Gen.Sg.)
na udakaklinnagātraḥ hi snātaḥ iti abhidhīyate
nicht der mit wasserfeuchten Gliedern wird ‚gebadet‘ genannt (Bahuvrīhi Nom.Sg.; 3.Sg.Pass.)
saḥ snātaḥ yaḥ damasnātaḥ suviśuddhamanomalaḥ
der ist gebadet, der in Selbstbeherrschung gebadet ist, dessen Geistesschmutz gut gereinigt ist (Nom.Sg.)
yaḥ lubdhaḥ piśunaḥ krūraḥ dāmbhikaḥ viṣayātmakaḥ
wer gierig, verleumderisch, grausam, heuchlerisch, den Sinnesobjekten hingegeben ist (Nom.Sg.)
sarvatīrtheṣu api snātaḥ pāpaḥ malinaḥ eva saḥ
auch in allen Pilgerstätten gebadet, ein Übeltäter, befleckt ist er (Lok.Pl.; Part.Perf.Pass.; Nom.Sg.)
na ca gacchanti te svargam aviśuddhamanomalāḥ
und nicht gehen sie in den Himmel, die den Geistesschmutz nicht Gereinigten (3.Pl.Präs.; Akk.Sg.; Bahuvrīhi Nom.Pl.)
viṣayeṣu api saṃrāgaḥ mānasaḥ malaḥ ucyate
an den Sinnesobjekten auch die Anhänglichkeit, geistiger Schmutz wird genannt (Lok.Pl.; Nom.Sg.; 3.Sg.Pass.)
teṣu eva ca virāgaḥ asya nirmalatvam udāhṛtam
und in eben diesen die Abkehr, dessen Makellosigkeit gilt als (Lok.Pl.; Nom.Sg.; Gen.Sg.; Part.Perf.Pass.)
cittam antargataṃ duṣṭam
der Sinn, innen verdorben (Nom.Sg.; Part.Perf.Pass.)
tīrthasnānaiḥ na śudhyati
durch Baden an Pilgerstätten wird nicht rein (Instr.Pl.; 3.Sg.Präs.)
śataśaḥ api jale dhautam
hundertfach auch im Wasser gewaschen (Adv.; Lok.Sg.; Part.Perf.Pass.)
surābhāṇḍam iva aśuci
wie ein Branntweingefäß unrein (Nom.Sg.; Nom.Sg.)
nigṛhītendriyagrāmaḥ yatra eva nivasen naraḥ
wo immer ein Mensch wohnen mag, der die Schar der Sinne gebändigt hat (Nom.Sg.; Adv.; 3.Sg.Opt.)
tatra tasya kurukṣetraṃ naimiṣaṃ puṣkaraṃ gayā
dort für ihn Kurukṣetra, Naimiṣa, Puṣkara, Gayā (Adv.; Gen.Sg.; Nom.Sg.)
jñānahrade satyajale rāgadveṣamalāpahe
im Erkenntnisteich, im Wahrheitswasser, das den Schmutz von Verlangen und Hass wegnimmt (Lok.Sg.)
yudhiṣṭhiraḥ yaḥ snātaḥ mānase tīrthe saḥ yāti paramāṃ gatim
Yudhiṣṭhira: wer in der geistigen Pilgerstätte gebadet ist, der geht zum höchsten Ziel (Nom.Sg.; Lok.Sg.; 3.Sg.Präs.)
pāpasya kim adhiṣṭhānaṃ kā prasūtiḥ ca bhārata
des Übels was [ist] der Sitz und was der Ursprung, Bhārata (Gen.Sg.; Nom.Sg.; Vok.Sg.)
bhīṣmaḥ kiṃ ca asya kāraṇaṃ proktam tat me brūhi pitāmaha
Bhīṣma: und was ist als dessen Grund genannt, das sage mir, Großvater (Nom.Sg.; Part.Perf.Pass.; Imp.; Vok.Sg.)
lobhaḥ pratiṣṭhā pāpasya prasūtiḥ lobhaḥ eva ca
Gier ist Grundlage des Übels, und Gier ist Ursprung (Nom.Sg.)
atra te saṃśayaḥ mā bhūt lobhaḥ pāpasya kāraṇam
hierüber dir Zweifel möge nicht sein; Gier [ist] des Übels Grund (Lok./Adv.; Dat.Sg.; Aor.Inj.)
lobhāt krodhaḥ prabhavati lobhāt drohaḥ pravartate
aus Gier entsteht Zorn, aus Gier geht Feindschaft hervor (Abl.Sg.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
lobhāt mohaḥ ca māyā ca mānāt mātsaryam eva ca
aus Gier Verblendung und Trug, aus Hochmut Missgunst ebenso (Abl.Sg.; Nom.Sg.)
na arthaiḥ pūrayitum śakyaḥ lobhaḥ bahuvidhaiḥ api nityaṃ gambhīratoyābhiḥ āpagābhiḥ iva arṇavaḥ
nicht durch Güter zu füllen ist die Gier, auch durch vielerlei (Instr.Pl.; Inf.; Nom.Sg.) // wie das Meer stets von Flüssen mit tiefem Wasser (Adv.; Instr.Pl.Fem.; Nom.Sg.)
sarvabhūteṣu aviśvāsaḥ sarvabhūteṣu anirdayaḥ sarvabhūteṣu ajihmaḥ ca lobhāt bhavati bhārata
gegen alle Wesen Misstrauen, gegen alle Wesen Erbarmungslosigkeit (Lok.Pl.; Nom.Sg.) // gegen alle Wesen [nicht] krumm/Krummheit [?] und aus Gier entsteht es, Bhārata (Lok.Pl.; Nom.Sg.; Abl.Sg.; 3.Sg.Präs.)
sumahānti api śāstrāṇi dhārayantaḥ bahuśrutāḥ chettāraḥ saṃśayānām ca lobhagrastāḥ pratyānti adhaḥ
auch sehr große Lehrschriften tragend, viel Gehört-Habende (Nom.Pl.; Akk.Pl.; Part.Präs.) // und Zerschneider der Zweifel, von Gier ergriffen, sinken hinab (Nom.Pl.; Gen.Pl.; 3.Pl.Präs.)
lobhakṣaye kṣayaṃ yānti sarvapāpāni dehinām lobhavṛddhau ca vardhante nṛpate na atra saṃśayaḥ
beim Schwinden der Gier schwinden alle Übel der Verkörperten (Lok.Sg.; Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.; Gen.Pl.) // und beim Wachsen der Gier wachsen sie, Herrscher, hier kein Zweifel (Lok.Sg.; 3.Pl.Präs.Med.; Vok.Sg.)
tasmāt sarvaprayatnena tyaja lobhaṃ yudhiṣṭhira yadi icchasi mahārāja śāśvatīṃ gatim ātmanaḥ
darum mit aller Anstrengung lass die Gier fahren, Yudhiṣṭhira (Abl.; Instr.Sg.; Imp.; Akk.Sg.; Vok.Sg.) // wenn du wünschst, Großkönig, das ewige Ziel für dich selbst (2.Sg.Präs.; Akk.Sg.; Gen.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Dialog Yudhiṣṭhira/Bhīṣma) im Wechsel der Sprecher; die Sprecherangaben ohne uvāca stehen im Text als bloße Namen. Einzelne Stellen sind knapp: satyam indriyanigrahaḥ (Wahrheit [und] Sinnesbezähmung, Lesung unsicher), lobhān mohaś ca māyā ca mānān mātsaryam eva ca; lobhagrastāḥ pratyānty adhaḥ (pratyānti als „sinken hinab“ gefasst) [?]; drohaḥ als „Feindschaft/Verrat“.

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