Kapitel 148: dharmādharmalakṣaṇa-sadācāra-pāpaprakāśana
Wandel der Guten, Sühne der Sünde, Wahrheit und Redlichkeit als Dharma
Auf Yudhiṣṭhiras Fragen nach dem Los der Dharma-Verächter und der Dharma-Diener beschreibt Bhīṣma die Kennzeichen der Guten und der Schlechten sowie eine Reihe von Regeln guten Verhaltens (Speise, Gastrecht, Ehrung der Älteren, Umgang mit Sünde). Die Zusatzpassagen enthalten u. a. die Lehre von den geistigen Pilgerstätten und von der Gier als Wurzel der Sünde.
yudhiṣṭhira uvāca; ye ca dharmam asūyanti ye cainaṃ paryupāsate; bravītu bhagavān etat kva te gacchanti tādṛśāḥ
Yudhiṣṭhira sprach: „Diejenigen, die das Dharma missgönnen, und die, die ihm dienen – der ehrwürdige [Bhīṣma] möge sagen, wohin solche [Menschen] gelangen.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
ye ca dharmam asūyanti
und die, die das Dharma missgönnen (Rel.Nom.Pl.; Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.)
ye ca enaṃ paryupāsate
und die, die ihm dienen (Rel.Nom.Pl.; Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.Med.)
bravītu bhagavān etat
es möge sagen der Ehrwürdige dies (3.Sg.Imp.; Nom.Sg.; Akk.Sg.)
ye tu dharmaṃ mahārāja satataṃ paryupāsate; satyārjavaparāḥ santas te vai svargabhujo narāḥ
„Die aber, Großkönig, die stets dem Dharma dienen, der Wahrheit und Redlichkeit ergeben und gut sind, die Menschen sind wahrlich Genießer des Himmels.“
Wort für Wort
ye tu dharmaṃ mahārāja
die aber das Dharma, Großkönig (Rel.Nom.Pl.; Akk.Sg.; Vok.Sg.)
satataṃ paryupāsate
stets dienen sie (Adv.; 3.Pl.Präs.Med.)
satyārjavaparāḥ santaḥ
der Wahrheit und Redlichkeit ergeben, gut/seiend (Tatpuruṣa, Nom.Pl.; Nom.Pl.)
Bhīṣma sprach: „Schlechten Wandels, unbezwinglich [dreist], schlechtmäulig sind die Unguten; die Guten sind mit gutem Charakter begabt – [dies ist] das Kennzeichen des Wandels der Gebildeten.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
durācārāḥ ca durdharṣāḥ
von schlechtem Wandel und dreist/unbezwinglich (Nom.Pl.)
durmukhāḥ ca api asādhavaḥ
schlechtmäulig auch [sind] die Unguten (Nom.Pl.)
sādhavaḥ śīlasaṃpannāḥ
die Guten, mit Charakter begabt (Nom.Pl.; Tatpuruṣa)
śiṣṭācārasya lakṣaṇam
des Wandels der Gebildeten Kennzeichen (Gen.Sg.; Nom.Sg.)
durdharṣa kann „schwer zu bezwingen“ oder „dreist, anmaßend“ heißen; hier im Gegensatz zu den Guten als „dreist“ gefasst [?].
„Eine gemeinsame Mahlzeit soll man halten; man gehe nicht selbst als Erster zum Essen. Für das Dharma der Wahrheit und Redlichkeit gibt es nichts anderes, das gleichkäme. Die Kuh namens Bahulā erlangte dadurch, so heißt es, das höchste Ziel. Ein Zweigeborener geriet durch den Fluch eines Weisen in den Zustand eines Tigers; als er Bahulā kostete, die Lust am Fressen hatte, ließ er sie aber wegen eines Schwurs frei, nachdem sie das Kalb hatte trinken lassen; als er [sie zurückkehren] sah und sich an Früheres erinnerte, ging er in makellose Welten, und ebenso [ging] sie wieder in ihr eigenes Reich [?]. Darum, du Stier der Bharata, wirst du als König, der Wahrheit und Redlichkeit ergeben, dein Reich samt den Menschen hinüberführen und in den Himmel gelangen, in Glück.“
Wort für Wort
sāmānyaṃ bhojanaṃ kuryāt
gemeinsame Mahlzeit möge man halten (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
svayaṃ na agryāśanaṃ vrajet
selbst nicht zum Erstessen gehen (Adv.; Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
na satyārjavadharmasya tulyam anyat ca vidyate
dem Dharma der Wahrheit und Redlichkeit gleich [ist] nichts anderes vorhanden (Gen.Sg.; Nom.Sg.; 3.Sg.Pass.)
bahulā nāma gauḥ tena gatim agryāṃ gatā kila
Bahulā mit Namen, die Kuh, erlangte dadurch das höchste Ziel, so heißt es (Nom.Sg.; Instr.Sg.; Akk.Sg.; Part.Perf. Fem.)
muniśāpāt dvijaḥ kaḥ cit vyāghratām samupāgataḥ
durch den Fluch eines Weisen ein Zweigeborener geriet in Tigerhaftigkeit (Abl.Sg.; Nom.Sg.; Akk.Sg.; Part.Perf.)
bahulāṃ bhakṣaṇarucim āsvādya śapathena tu
Bahulā, die Fresslust hatte, kostend, doch wegen eines Schwurs (Akk.Sg.; Abs.; Instr.Sg.)
vimucya pītavatsāṃ tām dṛṣṭvā smṛtvā purātanam
freigelassen habend die, die das Kalb hatte trinken lassen, gesehen und Früheres erinnert habend (Abs.; Akk.Sg.)
jagāma lokān amalān sā svarāṣṭraṃ tathā punaḥ
ging in makellose Welten, sie [ging] in ihr eigenes Reich ebenso wieder (3.Sg.Perf.; Akk.Pl.; Nom.Sg.Fem.; Akk.Sg.)
tasmāt satyārjavarataḥ rājā
darum als der Wahrheit und Redlichkeit ergebener König (Abl.; Nom.Sg.)
rāṣṭraṃ samānavam tārayitvā
das Reich samt den Menschen hinübergeführt habend (Akk.Sg.; Abs.)
sukhaṃ svargaṃ gantāsi bharatarṣabha
in Glück in den Himmel wirst du gehen, Stier der Bharata (Adv.; Akk.Sg.; 2.Sg.peri.Fut.; Vok.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. Der Bahulā-Abschnitt ist knapp und in den Subjekten (Tiger/Kuh) nicht eindeutig; die Zuordnung von jagāma und sā ist unsicher. samānavam als „samt den Menschen“ gefasst [?].
„Abends und morgens ist den Menschen die Mahlzeit von den Göttern bestimmt; dazwischen ist Essen nicht gesehen [vorgesehen] – das ist nämlich die Regel des Fastens.“
Wort für Wort
sāyaṃ prātaḥ manuṣyāṇām
abends [und] morgens, der Menschen (Adv.; Gen.Pl.)
aśanaṃ devanirmitam
Mahlzeit von den Göttern geschaffen (Nom.Sg.; Nom.Sg.)
na antarā bhojanaṃ dṛṣṭam
nicht dazwischen Essen gesehen (Adv.; Nom.Sg.; Part.Perf.Pass.)
homakāle yathā vahniḥ kālam eva pratīkṣate; ṛtukāle tathā nārī ṛtum eva pratīkṣate; na cānyāṃ gacchate yas tu brahmacaryaṃ hi tat smṛtam
„Wie zur Zeit des Opfers das Feuer nur auf die [rechte] Zeit wartet, so wartet die Frau zur Zeit der Empfängnisbereitschaft nur auf eben diese; und wer zu keiner anderen geht, dessen [Lebensweise] gilt als Brahmacarya.“
Wort für Wort
homakāle yathā vahniḥ
zur Opferzeit wie das Feuer (Lok.Sg.; Adv.; Nom.Sg.)
kālam eva pratīkṣate
auf die Zeit nur wartet es (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
ṛtukāle tathā nārī
zur Zeit der Empfängnisbereitschaft so die Frau (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
ṛtum eva pratīkṣate
auf die Fruchtbarkeitszeit nur wartet sie (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
na ca anyāṃ gacchate yaḥ tu
und wer nicht zu einer anderen geht (Akk.Sg.Fem.; 3.Sg.Präs.Med.; Rel.Nom.Sg.)
brahmacaryaṃ hi tat smṛtam
Brahmacarya wahrlich das gilt als (Nom.Sg.; Part.Perf.Pass.)
yajuṣā saṃskṛtaṃ māṃsam upabhuñjan na duṣyati; pṛṣṭhamāṃsaṃ vṛthāmāṃsaṃ putramāṃsaṃ ca tat samam
„Wer mit einem Yajus-Spruch geweihtes Fleisch genießt, wird nicht befleckt; ‚Rückenfleisch‘, ‚vergebliches Fleisch‘ und ‚Sohnesfleisch‘ – das ist einander gleich.“
Wort für Wort
yajuṣā saṃskṛtaṃ māṃsam
durch Yajus-Spruch geweihtes Fleisch (Instr.Sg.; Part.Perf.Pass.; Akk.Sg.)
upabhuñjan na duṣyati
genießend wird nicht verdorben (Part.Präs.; 3.Sg.Präs.)
pṛṣṭhamāṃsaṃ vṛthāmāṃsam
Rückenfleisch, vergebliches Fleisch (Nom.Sg.)
putramāṃsaṃ ca tat samam
und Sohnesfleisch, das [ist] gleich (Nom.Sg.; Nom.Sg.; Nom.Sg.)
Die Aussage ist knapp: ungeweihtes Fleisch ist wohl gemeint; pṛṣṭhamāṃsa kann auch „Verleumdung“ (Rückenfleisch) bedeuten [?].
„In der Heimat oder in der Fremde soll man einen Gast nicht hungern lassen; hat man ein Werk erfolgreich vollbracht, soll man es den Lehrern übergeben.“
Wort für Wort
svadeśe paradeśe vā api
in der eigenen Gegend oder in fremder auch (Lok.Sg.)
atithiṃ na upavāsayet
einen Gast nicht hungern lassen (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Kaus.)
karma vai saphalaṃ kṛtvā
ein Werk wahrlich erfolgreich getan habend (Akk.Sg.; Abs.)
gurūṇāṃ pratipādayet
den Lehrern soll man übergeben (Gen./Dat.Pl.; 3.Sg.Opt.Kaus.)
vṛddhān nātivadej jātu na ca saṃpreṣayed api; nāsīnaḥ syāt sthiteṣv evam āyur asya na riṣyate
„Ältere soll man niemals überheblich anreden, und man soll sie auch nicht fortschicken; man sitze nicht, während sie stehen; so wird sein Leben nicht geschädigt.“
Wort für Wort
vṛddhān na ativadet jātu
Ältere soll man nicht überheblich anreden je (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.; Adv.)
na ca saṃpreṣayet api
und nicht fortschicken auch (3.Sg.Opt.Kaus.)
na āsīnaḥ syāt
nicht sitzend sei man (Part.Präs.Med.; 3.Sg.Opt.)
sthiteṣu evam
während [sie] stehen so (Lok.Pl.; Adv.)
āyuḥ asya na riṣyate
das Leben seiner wird nicht verletzt (Nom.Sg.; Gen.Sg.; 3.Sg.Pass.)
„Unter den Pilgerstätten sind die Lehrer die Pilgerstätte; unter den Reinen ist das Herz rein; unter den Lehrsichten ist Erkenntnis das Höchste; Zufriedenheit ist das höchste Glück.“
Wort für Wort
tīrthānāṃ guravaḥ tīrtham
unter den Pilgerstätten [sind] die Lehrer Pilgerstätte (Gen.Pl.; Nom.Pl.; Nom.Sg.)
śucīnāṃ hṛdayaṃ śuci
unter den Reinen [ist] das Herz rein (Gen.Pl.; Nom.Sg.; Nom.Sg.)
darśanānāṃ param jñānam
unter den Sichtweisen das höchste Wissen (Gen.Pl.; Nom.Sg.)
sāyaṃ prātaś ca vṛddhānāṃ śṛṇuyāt puṣkalā giraḥ; śrutam āpnoti hi naraḥ satataṃ vṛddhasevayā
„Abends und morgens soll man die reichhaltigen Worte der Älteren hören; denn durch beständigen Dienst an den Alten erlangt der Mensch Gehörtes [Wissen].“
Wort für Wort
sāyaṃ prātaḥ ca vṛddhānām
abends und morgens der Alten (Adv.; Gen.Pl.)
śṛṇuyāt puṣkalāḥ giraḥ
soll man hören reichhaltige Worte (3.Sg.Opt.; Akk.Pl.)
śrutam āpnoti hi naraḥ
Gehörtes erlangt nämlich der Mensch (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
satataṃ vṛddhasevayā
beständig durch Dienst an den Alten (Adv.; Instr.Sg.)
na jātu tvam iti brūyād āpanno 'pi mahattaram; tvaṃkāro vā vadho veti vidvatsu na viśiṣyate; avarāṇāṃ samānānāṃ śiṣyāṇāṃ ca samācaret
„Niemals sage man ‚du‘ zu einem Höheren, auch nicht in Not; die Anrede mit ‚du‘ unterscheidet sich unter Gelehrten nicht vom Töten. Gegenüber Geringeren, Gleichen und Schülern mag man [sie] pflegen.“
Wort für Wort
na jātu tvam iti brūyāt
niemals ‚du‘ so soll man sagen (Adv.; Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)
āpannaḥ api mahattaram
in Not geraten auch, zu einem Höheren (Part.Perf.; Akk.Sg.)
tvaṃkāraḥ vā vadhaḥ vā
die Du-Anrede oder der Tod (Nom.Sg.)
iti vidvatsu na viśiṣyate
so unter Gelehrten wird nicht unterschieden (Lok.Pl.; 3.Sg.Pass.)
avarāṇāṃ samānānām
den Geringeren, Gleichen (Gen.Pl.)
śiṣyāṇāṃ ca samācaret
und den Schülern soll man [so] pflegen (Gen.Pl.; 3.Sg.Opt.)
Der letzte Satz ist knapp; gemeint ist wohl, dass die Du-Anrede nur gegenüber Niederen, Gleichen und Schülern statthaft ist [?].
jñānapūrvaṃ kṛtaṃ karma cchādayante hy asādhavaḥ; na māṃ manuṣyāḥ paśyanti na māṃ paśyanti devatāḥ; pāpenābhihataḥ pāpaḥ pāpam evābhijāyate
„Das wissentlich Getane verdecken die Schlechten: ‚Mich sehen die Menschen nicht, mich sehen die Götter nicht.‘ Vom Übel geschlagen wird der Übeltäter nur zum Übel [hin] geboren.“
Wort für Wort
jñānapūrvaṃ kṛtaṃ karma
wissentlich getanes Werk (Adv.; Part.Perf.Pass.; Akk.Sg.)
chādayante hi asādhavaḥ
verdecken nämlich die Unguten (3.Pl.Präs.Kaus.; Nom.Pl.)
na māṃ manuṣyāḥ paśyanti
nicht mich sehen die Menschen (Akk.Sg.; Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)
na māṃ paśyanti devatāḥ
nicht mich sehen die Götter (Nom.Pl.)
pāpena abhihataḥ pāpaḥ
vom Übel geschlagen der Übeltäter (Instr.Sg.; Part.Perf.Pass.; Nom.Sg.)
pāpam eva abhijāyate
zum Übel nur wird er geboren [?] (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
pāpam evābhijāyate: „wird zum Übel geboren / wird selbst nur Übel“ [?].
„Wie der Wucherer beim Zerbrechen des Körpers auf den Zins wartet, so soll man das durch Dharma verdeckte Übel nur durch Dharma mehren [?].“
Wort für Wort
yathā vārdhuṣikaḥ vṛddhim
wie der Wucherer Zins (Adv.; Nom.Sg.; Akk.Sg.)
dehabhede pratīkṣate
beim Zerbrechen des Körpers erwartet (Lok.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
dharmeṇa apihitaṃ pāpam
durch Dharma verdecktes Übel (Instr.Sg.; Part.Perf.Pass.; Akk.Sg.)
dharmam eva abhivardhayet
das Dharma nur soll man mehren (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Kaus.)
Der Vers ist knapp und in den Beziehungen unsicher: dehabhede vielleicht „beim Tod [des Schuldners]“; die Vergleichsbeziehung zum zweiten Halbvers ist nicht klar [?].
„Ein Gut, das mit Hoffnung angesammelt und zur [rechten] Zeit nicht genossen wird – andere erlangen dieses bei der Trennung des Verkörperten [vom Körper].“
Wort für Wort
āśayā saṃcitaṃ dravyam
mit Hoffnung angesammeltes Gut (Instr.Sg.; Part.Perf.Pass.; Nom.Sg.)
yat kāle na upabhujyate
das zur Zeit nicht genossen wird (Rel.Nom.Sg.; Lok.Sg.; 3.Sg.Pass.)
anye ca etat prapadyante
und andere dieses erlangen (Nom.Pl.; Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.Med.)
viyoge tasya dehinaḥ
bei der Trennung dieses Verkörperten (Lok.Sg.; Gen.Sg.)
tad dharmasādhanaṃ nityaṃ saṃkalpād dhanam ārjayet
„Dieses [Gut] mache man stets zum Mittel des Dharma; nach [festem] Vorsatz erwerbe man Reichtum.“
Wort für Wort
tat dharmasādhanaṃ nityam
dieses [sei] Mittel des Dharma stets (Nom.Sg.; Adv.)
saṃkalpāt dhanam ārjayet
aus Vorsatz Reichtum soll man erwerben (Abl.Sg.; Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; saṃkalpāt als „nach Vorsatz / mit [dem Ziel des] Vorsatzes“ [?].
eka eva cared dharmaṃ na dharmadhvajiko bhavet; dharmavāṇijakā hy ete ye dharmam upabhuñjate
„Allein soll man das Dharma üben; man werde kein Dharma-Bannerträger [Heuchler]. Dharma-Händler sind nämlich die, die vom Dharma [wie von einer Ware] zehren.“
Wort für Wort
ekaḥ eva caret dharmam
allein nur soll man üben das Dharma (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.; Akk.Sg.)
na dharmadhvajikaḥ bhavet
nicht Dharma-Bannerträger werde man (Nom.Sg.; 3.Sg.Opt.)
dharmavāṇijakāḥ hi ete
Dharma-Händler nämlich diese (Nom.Pl.)
ye dharmam upabhuñjate
die das Dharma genießen/ausnutzen (Rel.Nom.Pl.; Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.Med.)
yudhiṣṭhiraḥ; mānasānīha tīrthāni praśaṃsanti maharṣayaḥ; bhīṣmaḥ; tāni me kuruśārdūla yathāvad vaktum arhasi; śṛṇu tīrthāni gadato mānasānīha mānada; yeṣu samyaṅ naraḥ snātvā prayāti paramāṃ gatim; satyaṃ tīrthaṃ kṣamā tīrthaṃ satyam indriyanigrahaḥ; sarvabhūtadayā tīrthaṃ tīrtham ārjavam eva ca; dānaṃ tīrthaṃ damas tīrthaṃ saṃtoṣas tīrtham uttamam; brahmacaryaṃ paraṃ tīrthaṃ tīrthaṃ ca priyavāditā; jñānaṃ tīrthaṃ tapas tīrthaṃ dhṛtis tīrtham udāhṛtam; tīrthānām api yat tīrthaṃ viśuddhir manasaḥ parā; nodakaklinnagātro hi snāta ity abhidhīyate; sa snāto yo damasnātaḥ suviśuddhamanomalaḥ; yo lubdhaḥ piśunaḥ krūro dāmbhiko viṣayātmakaḥ; sarvatīrtheṣv api snātaḥ pāpo malina eva saḥ; na ca gacchanti te svargam aviśuddhamanomalāḥ; viṣayeṣv api saṃrāgo mānaso mala ucyate; teṣv eva ca virāgo 'sya nirmalatvam udāhṛtam; cittam antargataṃ duṣṭaṃ tīrthasnānair na śudhyati; śataśo 'pi jale dhautaṃ surābhāṇḍam ivāśuci; nigṛhītendriyagrāmo yatraiva nivasen naraḥ; tatra tasya kurukṣetraṃ naimiṣaṃ puṣkaraṃ gayā; jñānahrade satyajale rāgadveṣamalāpahe; yudhiṣṭhiraḥ; yaḥ snāto mānase tīrthe sa yāti paramāṃ gatim; pāpasya kim adhiṣṭhānaṃ kā prasūtiś ca bhārata; bhīṣmaḥ; kiṃ cāsya kāraṇaṃ proktaṃ tan me brūhi pitāmaha; lobhaḥ pratiṣṭhā pāpasya prasūtir lobha eva ca; atra te saṃśayo mā bhūl lobhaḥ pāpasya kāraṇam; lobhāt krodhaḥ prabhavati lobhād drohaḥ pravartate; lobhān mohaś ca māyā ca mānān mātsaryam eva ca; nārthaiḥ pūrayituṃ śakyo lobho bahuvidhair api; nityaṃ gambhīratoyābhir āpagābhir ivārṇavaḥ; sarvabhūteṣv aviśvāsaḥ sarvabhūteṣv anirdayaḥ; sarvabhūteṣv ajihmaś ca lobhād bhavati bhārata; sumahānty api śāstrāṇi dhārayanto bahuśrutāḥ; chettāraḥ saṃśayānāṃ ca lobhagrastāḥ pratyānty adhaḥ; lobhakṣaye kṣayaṃ yānti sarvapāpāni dehinām; lobhavṛddhau ca vardhante nṛpate nātra saṃśayaḥ; tasmāt sarvaprayatnena tyaja lobhaṃ yudhiṣṭhira; yadīcchasi mahārāja śāśvatīṃ gatim ātmanaḥ
Yudhiṣṭhira [sprach]: „Geistige Pilgerstätten [Tīrthas] preisen hier die großen Weisen.“ Bhīṣma [sprach]: „Diese solltest du mir wahrhaft darlegen, Tiger der Kuru.“ „Höre, Ehrer [Geber der Ehre], die geistigen Tīrthas hier, während ich sie nenne, in denen ein Mensch, recht gebadet, zum höchsten Ziel gelangt. Wahrheit ist eine Pilgerstätte, Nachsicht ist eine Pilgerstätte, Wahrheit [ebenso] die Bezähmung der Sinne; Mitleid mit allen Wesen ist eine Pilgerstätte, und Redlichkeit ebenso. Geben ist eine Pilgerstätte, Selbstbeherrschung ist eine Pilgerstätte, Zufriedenheit ist die höchste Pilgerstätte. Brahmacarya ist die höchste Pilgerstätte, und freundliches Reden ist eine Pilgerstätte. Erkenntnis ist eine Pilgerstätte, Askese ist eine Pilgerstätte, Standhaftigkeit gilt als Pilgerstätte. Was aber unter den Pilgerstätten [die Pilgerstätte] ist: die höchste Läuterung des Geistes. Nicht wer mit wasserfeuchten Gliedern [dasteht], wird ‚gebadet‘ genannt; gebadet ist, wer im Selbstbezähmen gebadet ist, mit wohlgereinigtem Schmutz des Geistes. Wer gierig, verleumderisch, grausam, heuchlerisch und den Sinnesobjekten hingegeben ist, der ist, auch wenn er in allen Pilgerstätten gebadet hat, ein Übeltäter und befleckt. Und sie gehen nicht in den Himmel, die den Schmutz des Geistes nicht gereinigt haben. Die Anhänglichkeit an die Sinnesobjekte wird geistiger Schmutz genannt; die Abkehr eben von ihnen gilt als Makellosigkeit. Ein innen verdorbener Sinn wird durch Baden an Pilgerstätten nicht rein – wie ein Branntweingefäß, auch hundertmal im Wasser gewaschen, unrein bleibt. Wo immer ein Mensch wohnt, der die Schar seiner Sinne gebändigt hat, dort sind für ihn Kurukṣetra, Naimiṣa, Puṣkara und Gayā – im Teich der Erkenntnis, im Wasser der Wahrheit, das den Schmutz von Verlangen und Hass fortnimmt.“ Yudhiṣṭhira [sprach]: „Wer in der geistigen Pilgerstätte gebadet hat, der gelangt zum höchsten Ziel. Was ist der Sitz des Übels, und was, Bhārata, ist sein Ursprung?“ Bhīṣma [sprach]: „Und was als Grund davon genannt ist, das sage mir, Großvater.“ „Gier ist die Grundlage des Übels, und Gier ist sein Ursprung; hierüber sei dir kein Zweifel: Gier ist der Grund des Übels. Aus Gier entsteht Zorn, aus Gier geht Feindschaft [Verrat] hervor; aus Gier [entstehen] Verblendung und Trug, und aus Hochmut sogar Missgunst. Mit Gütern jeder Art kann die Gier nicht gefüllt werden – wie das Meer nicht von den stets tiefes Wasser führenden Flüssen. Misstrauen gegen alle Wesen, Erbarmungslosigkeit gegen alle Wesen und Krummheit [Unredlichkeit] gegen alle Wesen entstehen aus Gier, Bhārata. Auch wenn sie sehr große Lehrschriften tragen, viel Gelehrte und Zerschneider der Zweifel – von Gier ergriffen sinken sie hinab. Wenn die Gier schwindet, schwinden alle Übel der Verkörperten; wenn die Gier wächst, wachsen sie, Herrscher – darüber besteht kein Zweifel. Darum lass mit allem Eifer die Gier fahren, Yudhiṣṭhira, wenn du, Großkönig, das ewige Ziel für dich selbst wünschst.“
aus Gier entsteht Zorn, aus Gier geht Feindschaft hervor (Abl.Sg.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
lobhāt mohaḥ ca māyā ca mānāt mātsaryam eva ca
aus Gier Verblendung und Trug, aus Hochmut Missgunst ebenso (Abl.Sg.; Nom.Sg.)
na arthaiḥ pūrayitum śakyaḥ lobhaḥ bahuvidhaiḥ api nityaṃ gambhīratoyābhiḥ āpagābhiḥ iva arṇavaḥ
nicht durch Güter zu füllen ist die Gier, auch durch vielerlei (Instr.Pl.; Inf.; Nom.Sg.) // wie das Meer stets von Flüssen mit tiefem Wasser (Adv.; Instr.Pl.Fem.; Nom.Sg.)
sarvabhūteṣu aviśvāsaḥ sarvabhūteṣu anirdayaḥ sarvabhūteṣu ajihmaḥ ca lobhāt bhavati bhārata
gegen alle Wesen Misstrauen, gegen alle Wesen Erbarmungslosigkeit (Lok.Pl.; Nom.Sg.) // gegen alle Wesen [nicht] krumm/Krummheit [?] und aus Gier entsteht es, Bhārata (Lok.Pl.; Nom.Sg.; Abl.Sg.; 3.Sg.Präs.)
sumahānti api śāstrāṇi dhārayantaḥ bahuśrutāḥ chettāraḥ saṃśayānām ca lobhagrastāḥ pratyānti adhaḥ
auch sehr große Lehrschriften tragend, viel Gehört-Habende (Nom.Pl.; Akk.Pl.; Part.Präs.) // und Zerschneider der Zweifel, von Gier ergriffen, sinken hinab (Nom.Pl.; Gen.Pl.; 3.Pl.Präs.)
lobhakṣaye kṣayaṃ yānti sarvapāpāni dehinām lobhavṛddhau ca vardhante nṛpate na atra saṃśayaḥ
beim Schwinden der Gier schwinden alle Übel der Verkörperten (Lok.Sg.; Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.; Gen.Pl.) // und beim Wachsen der Gier wachsen sie, Herrscher, hier kein Zweifel (Lok.Sg.; 3.Pl.Präs.Med.; Vok.Sg.)
darum mit aller Anstrengung lass die Gier fahren, Yudhiṣṭhira (Abl.; Instr.Sg.; Imp.; Akk.Sg.; Vok.Sg.) // wenn du wünschst, Großkönig, das ewige Ziel für dich selbst (2.Sg.Präs.; Akk.Sg.; Gen.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Dialog Yudhiṣṭhira/Bhīṣma) im Wechsel der Sprecher; die Sprecherangaben ohne uvāca stehen im Text als bloße Namen. Einzelne Stellen sind knapp: satyam indriyanigrahaḥ (Wahrheit [und] Sinnesbezähmung, Lesung unsicher), lobhān mohaś ca māyā ca mānān mātsaryam eva ca; lobhagrastāḥ pratyānty adhaḥ (pratyānti als „sinken hinab“ gefasst) [?]; drohaḥ als „Feindschaft/Verrat“.