Kapitel 147: pratyakṣāgamācāranirṇaya
Wahrnehmung, Überlieferung und Sitte als Maßstäbe des Dharma; Dienst an den Brahmanen
Yudhiṣṭhira fragt, ob Wahrnehmung oder Überlieferung für die Entscheidung maßgeblich sei. Bhīṣma warnt vor bloßer Vernunftgrübelei, erklärt Dharma trotz dreifacher Erkenntnisquelle (Veda, Wahrnehmung, Sitte) für eines und mahnt zu Gewaltlosigkeit, Wahrheit, Zornlosigkeit, Geben und zum Dienst an den Brahmanen.
„O Hochweiser, Bester unter den Trägern aller Dharmas: Was wäre bei der Entscheidung der Grund [des Maßgebenden] – die unmittelbare Wahrnehmung oder die Überlieferung?“
Wort für Wort
nirṇaye vā mahābuddhe
bei der Entscheidung oder, o Hochweiser (Lok. Sg., Vok.)
sarvadharmabhṛtāṃ vara
Bester der Träger aller Dharmas (Gen. Pl., Vok. Sg.)
pratyakṣam āgamaḥ vā iti
die Wahrnehmung oder die Überlieferung, so (Nom. Sg.)
kiṃ tayoḥ kāraṇaṃ bhavet
was von beiden wäre der Grund (Gen. Du., Opt. 3.Sg.)
saṃśayaḥ sugamo rājan nirṇayas tv atra durgamaḥ; dṛṣṭaṃ śrutam anantaṃ hi yatra saṃśayadarśanam
„Zweifel ist leicht zu haben, König, die Entscheidung aber ist hier schwer zu erreichen; denn Gesehenes und Gehörtes ist endlos, wo sich Zweifel zeigt.“
Wort für Wort
saṃśayaḥ sugamaḥ rājan
Zweifel [ist] leicht zugänglich, König (Nom. Sg., Vok.)
nirṇayaḥ tu atra durgamaḥ
die Entscheidung aber [ist] hier schwer zugänglich (Nom. Sg.)
pratyakṣaṃ kāraṇaṃ dṛṣṭaṃ hetukāḥ prājñamāninaḥ; nāstīty evaṃ vyavasyanti satyaṃ saṃśayam eva ca; tad ayuktaṃ vyavasyanti bālāḥ paṇḍitamāninaḥ
„Die Wahrnehmung sei der Grund“ – so haben es die Vernunftgrübler gesehen, die sich für weise halten; „[anderes] gibt es nicht“, so bestimmen sie, und [nehmen] das Wahre wie auch den Zweifel [so an] [?]. Das bestimmen sie unpassend, die Törichten, die sich für Gelehrte halten.
Wort für Wort
pratyakṣaṃ kāraṇaṃ dṛṣṭam
die Wahrnehmung [als] Grund gesehen/angenommen (Nom. Sg. n., Part. Perf. Pass.)
hetukāḥ prājñamāninaḥ
die Vernunftgrübler, die sich für weise Haltenden (Nom. Pl.)
na asti iti evaṃ vyavasyanti
„es gibt [anderes] nicht“, so bestimmen sie (3.Pl.Präs.)
satyaṃ saṃśayam eva ca
das Wahre und auch den Zweifel (Akk. Sg. n./m.) [?]
tat ayuktaṃ vyavasyanti
das bestimmen sie unpassend (Akk. Sg. n., 3.Pl.Präs.)
bālāḥ paṇḍitamāninaḥ
die Törichten, sich für Gelehrte Haltenden (Nom. Pl.)
pāda b/c syntaktisch unklar (satyaṃ saṃśayam eva ca); Wiedergabe unsicher.
„Wenn du aber meinst: ‚Was könnte der eine [Grund] sein?‘ – es ist möglich mit langer Zeit, mit Sammlung und unermüdlich, wenn man dabei mannigfachen Lebensunterhalt einrichtet, Bhārata.“
Wort für Wort
atha ced manyase ca ekaṃ kāraṇam
wenn du aber meinst: der eine Grund (2.Sg.Präs., Akk. Sg. n.)
kiṃ bhavet iti
was könnte [es] sein, so (Opt. 3.Sg.)
śakyaṃ dīrgheṇa kālena
möglich [ist es] mit langer Zeit (Nom. n., Instr. Sg.)
tatpareṇaiva nānyena śakyaṃ hy etat tu kāraṇam; hetūnām antam āsādya vipulaṃ jñānam uttamam
„Nur von dem, der ganz darauf gerichtet ist, nicht von einem anderen, ist dieser Grund zu erreichen: Wenn man das Ende der Gründe erreicht hat, [gelangt man zu] weitem, höchstem Wissen.“
Wort für Wort
tatpareṇa eva na anyena
nur durch den darauf Gerichteten, nicht durch einen anderen (Instr. Sg. m.)
śakyaṃ hi etat tu kāraṇam
möglich ist ja dieser Grund (Nom. Sg. n.)
hetūnām antam āsādya
das Ende der Gründe erreicht habend (Gen. Pl., Akk. Sg., Abs.)
„Oder wenn [es] durch einen Grund [Beweis] herbeigerufen ist, und das Höchste durch das Dharmaśāstra …“
Wort für Wort
hetunā āmantrite vā api
oder auch wenn durch einen Grund herbeigerufen/eingeladen (Instr. Sg., Part. Pass. Lok.) [?]
dharmaśāstreṇa ca uttamam
und durch das Dharmaśāstra das Höchste (Instr. Sg., Nom./Akk. n.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; Text vermutlich verderbt (hetunāmantrite); Wiedergabe unsicher.
tattvenāgamanaṃ rājan hetvantagamanaṃ tathā; agrāhyam anibaddhaṃ ca vācaḥ saṃparivarjanam
„Das wirkliche Herankommen an die Überlieferung, König, und ebenso das Herankommen an das Ende der Gründe; [ferner] das Meiden von Rede, die unfassbar und unverbunden ist.“
Wort für Wort
tattvena āgamanam rājan
das Herankommen der Wahrheit gemäß / an die Überlieferung, König (Instr., Nom. Sg. n., Vok.) [?]
hetvantagamanaṃ tathā
ebenso das Gelangen zum Ende der Gründe (Nom. Sg. n.)
agrāhyam anibaddhaṃ ca
Unfassbares und Unverbundenes (Akk. Sg. n.)
vācaḥ saṃparivarjanam
das gänzliche Meiden der Rede (Gen. Sg., Nom. Sg. n.)
yudhiṣṭhira uvāca; pratyakṣaṃ lokataḥ siddhaṃ lokāś cāgamapūrvakāḥ; śiṣṭācāro bahuvidho brūhi tan me pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Die Wahrnehmung ist durch die Welt erwiesen, und die Menschen haben die Überlieferung zur Voraussetzung; der Brauch der Gebildeten ist vielfältig. Sage mir das, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhiraḥ uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
pratyakṣaṃ lokataḥ siddham
die Wahrnehmung [ist] von der Welt her erwiesen (Nom. Sg. n., Abl.-Adv., Part.)
lokāḥ ca āgamapūrvakāḥ
und die Menschen [haben] die Überlieferung voraus (Nom. Pl.)
śiṣṭācāraḥ bahuvidhaḥ
der Brauch der Gebildeten [ist] vielfältig (Nom. Sg. m.)
Bhīṣma sprach: „Wenn das Dharma von Mächtigen, Bösgesinnten geraubt wird, zerbricht die Ordnung mit der Zeit, auch wenn sie durch Mühen gefestigt worden ist.“
Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
dharmasya hriyamāṇasya
des Dharma, das geraubt wird (Gen. Sg., Part. Präs. Pass.)
balavadbhiḥ durātmabhiḥ
von Mächtigen, Bösgesinnten (Instr. Pl.)
saṃsthā yatnaiḥ api kṛtā
die Ordnung, auch durch Anstrengungen geschaffen (Nom. Sg. f., Instr. Pl., Part. Pass.)
kālena paribhidyate
wird mit der Zeit zerbrochen (Instr. Sg., 3.Sg.Präs. Pass.)
avṛttyā ye ca bhindanti śrutatyāgaparāyaṇāḥ; dharmavidveṣiṇo mandā ity uktas teṣu saṃśayaḥ
„Die aber, die durch Unsitte [?] zerbrechen, dem Preisgeben des Gehörten [der Überlieferung] ergeben, Dharma-Hasser, Törichte – über sie ist ‚Zweifel‘ gesagt.“
Wort für Wort
avṛttyā ye ca bhindanti
und die durch Unsitte / Nichtverhalten zerbrechen (Instr. Sg., Rel. Nom. Pl., 3.Pl.Präs.) [?]
śrutatyāgaparāyaṇāḥ
dem Preisgeben des Gehörten ergeben (Nom. Pl., Kompositum)
dharmavidveṣiṇaḥ mandāḥ
Dharma-Hasser, Törichte (Nom. Pl.)
iti uktaḥ teṣu saṃśayaḥ
so ist über sie Zweifel gesagt (Part. Pass., Lok. Pl., Nom. Sg.) [?]
Sinn von avṛttyā und uktas teṣu saṃśayaḥ unsicher.
atṛpyantas tu sādhūnāṃ ya evāgamabuddhayaḥ; param ity eva saṃtuṣṭās tān upāssva ca pṛccha ca
„Die aber, die von den Guten nicht satt werden, deren Einsicht ganz auf die Überlieferung gegründet ist und die mit ‚das ist das Höchste‘ zufrieden sind – diese verehre und befrage.“
Wort für Wort
atṛpyantaḥ tu sādhūnām
die aber nicht Satten [im Bezug] auf die Guten (Part. Präs., Nom. Pl., Gen. Pl.)
ye eva āgamabuddhayaḥ
die, deren Einsicht die Überlieferung ist (Rel. Nom. Pl.)
param iti eva saṃtuṣṭāḥ
mit „das Höchste“ eben zufrieden (Nom. Pl., Part. Pass.)
tān upāssva ca pṛccha ca
diese verehre und frage (Imp. 2.Sg. Med., Imp. 2.Sg.)
Yudhiṣṭhira sprach: „Wieder wird mein Geist hier im Zweifel verwirrt, wie [der eines Menschen], der im Uferlosen sucht und das jenseitige Ufer nicht sieht.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhiraḥ uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
punaḥ eva iha me buddhiḥ
wieder hier mein Verstand (Nom. Sg. f.)
saṃśaye parimuhyate
im Zweifel wird verwirrt (Lok. Sg., 3.Sg.Präs. Pass.)
apāre mārgamāṇasya
eines im Uferlosen Suchenden (Lok. Sg., Part. Präs., Gen. Sg.)
param tīram apaśyataḥ
das jenseitige Ufer nicht Sehenden (Akk. Sg., Part. Präs., Gen.)
„Wenn die Veden, die Wahrnehmung und die Sitte – jene Dreiheit – Maßstab sind, so wird unter ihnen Verschiedenheit gefunden; wie ist das Dharma dann eines [und doch] dreifach?“
Wort für Wort
vedāḥ pratyakṣam ācāraḥ
die Veden, die Wahrnehmung, die Sitte (Nom.)
pramāṇaṃ tat trayaṃ yadi
wenn diese Dreiheit Maßstab ist (Nom. Sg. n.)
pṛthaktvaṃ labhyate ca eṣām
und Verschiedenheit wird bei diesen gefunden (3.Sg.Präs. Pass., Gen. Pl.)
dharmaḥ ca ekaḥ trayaṃ katham
und wie [ist] das Dharma eines [und] dreifach (Nom. Sg. m., Nom. n.)
brāhmaṇeṣu ca vṛttir yā pitṛpaitāmahocitā; tām anvehi mahābāho svargasyaite hi deśikāḥ
„Und die Lebensweise unter den Brahmanen, die dem Vater und dem Großvater geziemend war – der folge, Starkarmiger; denn diese sind die Wegweiser zum Himmel.“
Wort für Wort
brāhmaṇeṣu ca vṛttiḥ yā
und die Lebensweise bei den Brahmanen, welche (Lok. Pl., Nom. Sg. f.)
pitṛpaitāmahocitā
Vater und Großvater geziemend (Nom. Sg. f.)
tām anvehi mahābāho
der folge, Starkarmiger (Akk. Sg. f., Imp. 2.Sg., Vok.)
svargasya ete hi deśikāḥ
des Himmels sind diese ja Wegweiser (Gen. Sg., Nom. Pl.)