Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Anuśāsanaparva

Kapitel 147: pratyakṣāgamācāranirṇaya Wahrnehmung, Überlieferung und Sitte als Maßstäbe des Dharma; Dienst an den Brahmanen

Yudhiṣṭhira fragt, ob Wahrnehmung oder Überlieferung für die Entscheidung maßgeblich sei. Bhīṣma warnt vor bloßer Vernunftgrübelei, erklärt Dharma trotz dreifacher Erkenntnisquelle (Veda, Wahrnehmung, Sitte) für eines und mahnt zu Gewaltlosigkeit, Wahrheit, Zornlosigkeit, Geben und zum Dienst an den Brahmanen.

vaiśaṃpāyana uvāca; ity uktavati vākyaṃ tu kṛṣṇe devakinandane; bhīṣmaṃ śāṃtanavaṃ bhūyaḥ paryapṛcchad yudhiṣṭhiraḥ

Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem Kṛṣṇa, der Sohn der Devakī, so gesprochen hatte, befragte Yudhiṣṭhira den Bhīṣma, den Śāṃtanu-Sohn, abermals.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf.)
iti uktavati vākyaṃ tu
als so [die] Rede gesprochen hatte (Lok. abs., Part. Perf. Akt.)
kṛṣṇe devakinandane
[als] Kṛṣṇa, der Sohn der Devakī (Lok. abs.)
bhīṣmaṃ śāṃtanavaṃ bhūyaḥ
den Bhīṣma, Śāṃtanus Sohn, abermals (Akk. Sg., Adv.)
paryapṛcchat yudhiṣṭhiraḥ
befragte Yudhiṣṭhira (3.Sg.Impf., Nom.)

nirṇaye vā mahābuddhe sarvadharmabhṛtāṃ vara; pratyakṣam āgamo veti kiṃ tayoḥ kāraṇaṃ bhavet

„O Hochweiser, Bester unter den Trägern aller Dharmas: Was wäre bei der Entscheidung der Grund [des Maßgebenden] – die unmittelbare Wahrnehmung oder die Überlieferung?“

Wort für Wort
nirṇaye vā mahābuddhe
bei der Entscheidung oder, o Hochweiser (Lok. Sg., Vok.)
sarvadharmabhṛtāṃ vara
Bester der Träger aller Dharmas (Gen. Pl., Vok. Sg.)
pratyakṣam āgamaḥ vā iti
die Wahrnehmung oder die Überlieferung, so (Nom. Sg.)
kiṃ tayoḥ kāraṇaṃ bhavet
was von beiden wäre der Grund (Gen. Du., Opt. 3.Sg.)

bhīṣma uvāca; nāsty atra saṃśayaḥ kaś cid iti me vartate matiḥ; śṛṇu vakṣyāmi te prājña samyak tvam anupṛcchasi

Bhīṣma sprach: „Darüber gibt es keinerlei Zweifel – so ist meine Ansicht. Höre, ich will es dir sagen, Weiser, da du recht fragst.“

Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
na asti atra saṃśayaḥ kaś cit
es gibt hier keinerlei Zweifel (3.Sg.Präs., Nom.)
iti me vartate matiḥ
so besteht meine Ansicht (3.Sg.Präs., Nom. Sg. f.)
śṛṇu vakṣyāmi te prājña
höre, ich werde dir sagen, Weiser (Imp. 2.Sg., Fut. 1.Sg., Vok.)
samyak tvam anupṛcchasi
da du recht fragst (Adv., 2.Sg.Präs.)

saṃśayaḥ sugamo rājan nirṇayas tv atra durgamaḥ; dṛṣṭaṃ śrutam anantaṃ hi yatra saṃśayadarśanam

„Zweifel ist leicht zu haben, König, die Entscheidung aber ist hier schwer zu erreichen; denn Gesehenes und Gehörtes ist endlos, wo sich Zweifel zeigt.“

Wort für Wort
saṃśayaḥ sugamaḥ rājan
Zweifel [ist] leicht zugänglich, König (Nom. Sg., Vok.)
nirṇayaḥ tu atra durgamaḥ
die Entscheidung aber [ist] hier schwer zugänglich (Nom. Sg.)
dṛṣṭaṃ śrutam anantaṃ hi
Gesehenes [und] Gehörtes [ist] ja endlos (Part. Perf. Pass., Nom. n.)
yatra saṃśayadarśanam
wo Zweifel gesehen wird / sich zeigt (Nom. Sg. n.)

pratyakṣaṃ kāraṇaṃ dṛṣṭaṃ hetukāḥ prājñamāninaḥ; nāstīty evaṃ vyavasyanti satyaṃ saṃśayam eva ca; tad ayuktaṃ vyavasyanti bālāḥ paṇḍitamāninaḥ

„Die Wahrnehmung sei der Grund“ – so haben es die Vernunftgrübler gesehen, die sich für weise halten; „[anderes] gibt es nicht“, so bestimmen sie, und [nehmen] das Wahre wie auch den Zweifel [so an] [?]. Das bestimmen sie unpassend, die Törichten, die sich für Gelehrte halten.

Wort für Wort
pratyakṣaṃ kāraṇaṃ dṛṣṭam
die Wahrnehmung [als] Grund gesehen/angenommen (Nom. Sg. n., Part. Perf. Pass.)
hetukāḥ prājñamāninaḥ
die Vernunftgrübler, die sich für weise Haltenden (Nom. Pl.)
na asti iti evaṃ vyavasyanti
„es gibt [anderes] nicht“, so bestimmen sie (3.Pl.Präs.)
satyaṃ saṃśayam eva ca
das Wahre und auch den Zweifel (Akk. Sg. n./m.) [?]
tat ayuktaṃ vyavasyanti
das bestimmen sie unpassend (Akk. Sg. n., 3.Pl.Präs.)
bālāḥ paṇḍitamāninaḥ
die Törichten, sich für Gelehrte Haltenden (Nom. Pl.)

pāda b/c syntaktisch unklar (satyaṃ saṃśayam eva ca); Wiedergabe unsicher.

atha cen manyase caikaṃ kāraṇaṃ kiṃ bhaved iti; śakyaṃ dīrgheṇa kālena yuktenātandritena ca; prāṇayātrām anekāṃ ca kalpayānena bhārata

„Wenn du aber meinst: ‚Was könnte der eine [Grund] sein?‘ – es ist möglich mit langer Zeit, mit Sammlung und unermüdlich, wenn man dabei mannigfachen Lebensunterhalt einrichtet, Bhārata.“

Wort für Wort
atha ced manyase ca ekaṃ kāraṇam
wenn du aber meinst: der eine Grund (2.Sg.Präs., Akk. Sg. n.)
kiṃ bhavet iti
was könnte [es] sein, so (Opt. 3.Sg.)
śakyaṃ dīrgheṇa kālena
möglich [ist es] mit langer Zeit (Nom. n., Instr. Sg.)
yuktena atandritena ca
mit Gesammeltem und Unermüdlichem (Instr. Sg. m.)
prāṇayātrām anekāṃ ca kalpayānena bhārata
und mannigfachen Lebensunterhalt einrichtend, Bhārata (Akk. Sg., Part. Präs. Med., Instr., Vok.)

tatpareṇaiva nānyena śakyaṃ hy etat tu kāraṇam; hetūnām antam āsādya vipulaṃ jñānam uttamam

„Nur von dem, der ganz darauf gerichtet ist, nicht von einem anderen, ist dieser Grund zu erreichen: Wenn man das Ende der Gründe erreicht hat, [gelangt man zu] weitem, höchstem Wissen.“

Wort für Wort
tatpareṇa eva na anyena
nur durch den darauf Gerichteten, nicht durch einen anderen (Instr. Sg. m.)
śakyaṃ hi etat tu kāraṇam
möglich ist ja dieser Grund (Nom. Sg. n.)
hetūnām antam āsādya
das Ende der Gründe erreicht habend (Gen. Pl., Akk. Sg., Abs.)
vipulaṃ jñānam uttamam
weites, höchstes Wissen (Akk./Nom. Sg. n.)

hetunāmantrite vāpi dharmaśāstreṇa cottamam

„Oder wenn [es] durch einen Grund [Beweis] herbeigerufen ist, und das Höchste durch das Dharmaśāstra …“

Wort für Wort
hetunā āmantrite vā api
oder auch wenn durch einen Grund herbeigerufen/eingeladen (Instr. Sg., Part. Pass. Lok.) [?]
dharmaśāstreṇa ca uttamam
und durch das Dharmaśāstra das Höchste (Instr. Sg., Nom./Akk. n.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; Text vermutlich verderbt (hetunāmantrite); Wiedergabe unsicher.

jyotiḥ sarvasya lokasya vipulaṃ pratipadyate

„Das weite Licht für die ganze Welt erlangt man.“

Wort für Wort
jyotiḥ
Licht (Akk. Sg. n.)
sarvasya lokasya
für die ganze Welt (Gen. Sg.)
vipulaṃ pratipadyate
weit, erlangt man (Akk. n., 3.Sg.Präs. Med.)

Fortsetzung von Vers 7, durch die Zusatzzeile unterbrochen.

tattvenāgamanaṃ rājan hetvantagamanaṃ tathā; agrāhyam anibaddhaṃ ca vācaḥ saṃparivarjanam

„Das wirkliche Herankommen an die Überlieferung, König, und ebenso das Herankommen an das Ende der Gründe; [ferner] das Meiden von Rede, die unfassbar und unverbunden ist.“

Wort für Wort
tattvena āgamanam rājan
das Herankommen der Wahrheit gemäß / an die Überlieferung, König (Instr., Nom. Sg. n., Vok.) [?]
hetvantagamanaṃ tathā
ebenso das Gelangen zum Ende der Gründe (Nom. Sg. n.)
agrāhyam anibaddhaṃ ca
Unfassbares und Unverbundenes (Akk. Sg. n.)
vācaḥ saṃparivarjanam
das gänzliche Meiden der Rede (Gen. Sg., Nom. Sg. n.)

Sinn knapp und unsicher (agrāhyam anibaddham).

yudhiṣṭhira uvāca; pratyakṣaṃ lokataḥ siddhaṃ lokāś cāgamapūrvakāḥ; śiṣṭācāro bahuvidho brūhi tan me pitāmaha

Yudhiṣṭhira sprach: „Die Wahrnehmung ist durch die Welt erwiesen, und die Menschen haben die Überlieferung zur Voraussetzung; der Brauch der Gebildeten ist vielfältig. Sage mir das, Großvater.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhiraḥ uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
pratyakṣaṃ lokataḥ siddham
die Wahrnehmung [ist] von der Welt her erwiesen (Nom. Sg. n., Abl.-Adv., Part.)
lokāḥ ca āgamapūrvakāḥ
und die Menschen [haben] die Überlieferung voraus (Nom. Pl.)
śiṣṭācāraḥ bahuvidhaḥ
der Brauch der Gebildeten [ist] vielfältig (Nom. Sg. m.)
brūhi tat me pitāmaha
sage mir das, Großvater (Imp. 2.Sg., Vok.)

bhīṣma uvāca; dharmasya hriyamāṇasya balavadbhir durātmabhiḥ; saṃsthā yatnair api kṛtā kālena paribhidyate

Bhīṣma sprach: „Wenn das Dharma von Mächtigen, Bösgesinnten geraubt wird, zerbricht die Ordnung mit der Zeit, auch wenn sie durch Mühen gefestigt worden ist.“

Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
dharmasya hriyamāṇasya
des Dharma, das geraubt wird (Gen. Sg., Part. Präs. Pass.)
balavadbhiḥ durātmabhiḥ
von Mächtigen, Bösgesinnten (Instr. Pl.)
saṃsthā yatnaiḥ api kṛtā
die Ordnung, auch durch Anstrengungen geschaffen (Nom. Sg. f., Instr. Pl., Part. Pass.)
kālena paribhidyate
wird mit der Zeit zerbrochen (Instr. Sg., 3.Sg.Präs. Pass.)

adharmā dharmarūpeṇa tṛṇaiḥ kūpā ivāvṛtāḥ; tatas tair bhidyate vṛttaṃ śṛṇu caiva yudhiṣṭhira

„Adharma-Anhänger in der Gestalt des Dharma, wie Brunnen, von Gras bedeckt – dadurch wird die Sitte zerbrochen; höre auch das, Yudhiṣṭhira.“

Wort für Wort
adharmāḥ dharmarūpeṇa
die Adharmischen in Dharma-Gestalt (Nom. Pl., Instr. Sg.)
tṛṇaiḥ kūpāḥ iva āvṛtāḥ
wie mit Gras bedeckte Brunnen (Instr. Pl., Nom. Pl., Part. Pass.)
tataḥ taiḥ bhidyate vṛttam
dadurch wird von ihnen die Sitte zerbrochen (3.Sg.Präs. Pass., Nom. Sg. n.)
śṛṇu ca eva yudhiṣṭhira
und höre, Yudhiṣṭhira (Imp. 2.Sg., Vok.)

avṛttyā ye ca bhindanti śrutatyāgaparāyaṇāḥ; dharmavidveṣiṇo mandā ity uktas teṣu saṃśayaḥ

„Die aber, die durch Unsitte [?] zerbrechen, dem Preisgeben des Gehörten [der Überlieferung] ergeben, Dharma-Hasser, Törichte – über sie ist ‚Zweifel‘ gesagt.“

Wort für Wort
avṛttyā ye ca bhindanti
und die durch Unsitte / Nichtverhalten zerbrechen (Instr. Sg., Rel. Nom. Pl., 3.Pl.Präs.) [?]
śrutatyāgaparāyaṇāḥ
dem Preisgeben des Gehörten ergeben (Nom. Pl., Kompositum)
dharmavidveṣiṇaḥ mandāḥ
Dharma-Hasser, Törichte (Nom. Pl.)
iti uktaḥ teṣu saṃśayaḥ
so ist über sie Zweifel gesagt (Part. Pass., Lok. Pl., Nom. Sg.) [?]

Sinn von avṛttyā und uktas teṣu saṃśayaḥ unsicher.

atṛpyantas tu sādhūnāṃ ya evāgamabuddhayaḥ; param ity eva saṃtuṣṭās tān upāssva ca pṛccha ca

„Die aber, die von den Guten nicht satt werden, deren Einsicht ganz auf die Überlieferung gegründet ist und die mit ‚das ist das Höchste‘ zufrieden sind – diese verehre und befrage.“

Wort für Wort
atṛpyantaḥ tu sādhūnām
die aber nicht Satten [im Bezug] auf die Guten (Part. Präs., Nom. Pl., Gen. Pl.)
ye eva āgamabuddhayaḥ
die, deren Einsicht die Überlieferung ist (Rel. Nom. Pl.)
param iti eva saṃtuṣṭāḥ
mit „das Höchste“ eben zufrieden (Nom. Pl., Part. Pass.)
tān upāssva ca pṛccha ca
diese verehre und frage (Imp. 2.Sg. Med., Imp. 2.Sg.)

kāmārthau pṛṣṭhataḥ kṛtvā lobhamohānusāriṇau; dharma ity eva saṃbuddhās tān upāssva ca pṛccha ca

„Begehren und Nutzen hinter sich lassend, die Gier und Verblendung folgen, [und] allein als ‚Dharma‘ [es] erkannt habend – diese verehre und befrage.“

Wort für Wort
kāmārthau pṛṣṭhataḥ kṛtvā
Begehren und Nutzen hinter sich gelassen habend (Akk. Du., Abs.)
lobhamohānusāriṇau
Gier und Verblendung folgend (Akk. Du.)
dharmaḥ iti eva saṃbuddhāḥ
„Dharma“, so allein erkannt habend (Nom. Pl., Part. Pass.)
tān upāssva ca pṛccha ca
diese verehre und frage (Imp. 2.Sg.)

na teṣāṃ bhidyate vṛttaṃ yajñasvādhyāyakarmabhiḥ

„Ihre Sitte wird nicht zerbrochen durch Opfer, Vedastudium und Werke.“

Wort für Wort
na teṣāṃ bhidyate vṛttam
nicht wird ihre Sitte zerbrochen (Gen. Pl., 3.Sg.Präs. Pass., Nom. n.)
yajñasvādhyāyakarmabhiḥ
durch Opfer, Vedastudium und Werke (Instr. Pl., Kompositum)

mūlācāras tu sādhūnāṃ yajñasvādhyāyavṛttataḥ

„Die Grundsitte der Guten aber beruht auf Opfer und Vedastudium.“

Wort für Wort
mūlācāraḥ tu sādhūnām
die Grundsitte aber der Guten (Nom. Sg., Gen. Pl.)
yajñasvādhyāyavṛttataḥ
aus Opfer und Vedastudium als Lebensweise (Abl.-Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile.

ācāraḥ kāraṇaṃ caiva dharmaś caiva trayaṃ punaḥ

„Sitte, Grund [Beweis] und Dharma – das ist wiederum eine Dreiheit.“

Wort für Wort
ācāraḥ kāraṇaṃ ca eva
Sitte und Grund (Nom. Sg.)
dharmaḥ ca eva
und Dharma (Nom. Sg.)
trayaṃ punaḥ
eine Dreiheit wiederum (Nom. Sg. n., Adv.)

ye dharmam abhyasūyante te dharmaṃ paryupāsate

„Die das Dharma beneiden, die warten dem Dharma [dennoch] auf.“

Wort für Wort
ye dharmam abhyasūyante
die das Dharma beneiden / geringschätzen (Rel. Nom. Pl., 3.Pl.Präs. Med.)
te dharmaṃ paryupāsate
die verehren/umsitzen das Dharma (3.Pl.Präs. Med.) [?]

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; Sinn unklar, wörtliche Wiedergabe.

yudhiṣṭhira uvāca; punar eveha me buddhiḥ saṃśaye parimuhyate; apāre mārgamāṇasya paraṃ tīram apaśyataḥ

Yudhiṣṭhira sprach: „Wieder wird mein Geist hier im Zweifel verwirrt, wie [der eines Menschen], der im Uferlosen sucht und das jenseitige Ufer nicht sieht.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhiraḥ uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
punaḥ eva iha me buddhiḥ
wieder hier mein Verstand (Nom. Sg. f.)
saṃśaye parimuhyate
im Zweifel wird verwirrt (Lok. Sg., 3.Sg.Präs. Pass.)
apāre mārgamāṇasya
eines im Uferlosen Suchenden (Lok. Sg., Part. Präs., Gen. Sg.)
param tīram apaśyataḥ
das jenseitige Ufer nicht Sehenden (Akk. Sg., Part. Präs., Gen.)

vedāḥ pratyakṣam ācāraḥ pramāṇaṃ tat trayaṃ yadi; pṛthaktvaṃ labhyate caiṣāṃ dharmaś caikas trayaṃ katham

„Wenn die Veden, die Wahrnehmung und die Sitte – jene Dreiheit – Maßstab sind, so wird unter ihnen Verschiedenheit gefunden; wie ist das Dharma dann eines [und doch] dreifach?“

Wort für Wort
vedāḥ pratyakṣam ācāraḥ
die Veden, die Wahrnehmung, die Sitte (Nom.)
pramāṇaṃ tat trayaṃ yadi
wenn diese Dreiheit Maßstab ist (Nom. Sg. n.)
pṛthaktvaṃ labhyate ca eṣām
und Verschiedenheit wird bei diesen gefunden (3.Sg.Präs. Pass., Gen. Pl.)
dharmaḥ ca ekaḥ trayaṃ katham
und wie [ist] das Dharma eines [und] dreifach (Nom. Sg. m., Nom. n.)

bhīṣma uvāca; dharmasya hriyamāṇasya balavadbhir durātmabhiḥ; yady evaṃ manyase rājaṃs tridhā dharmavicāraṇā

Bhīṣma sprach: „Wenn du – während das Dharma von Mächtigen, Bösgesinnten geraubt wird – so meinst, König: die Dharma-Untersuchung sei dreifach …“

Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
dharmasya hriyamāṇasya
des Dharma, das geraubt wird (Gen. Sg., Part. Präs. Pass.)
balavadbhiḥ durātmabhiḥ
von Mächtigen, Bösgesinnten (Instr. Pl.)
yadi evaṃ manyase rājan
wenn du so meinst, König (2.Sg.Präs., Vok.)
tridhā dharmavicāraṇā
die Dharma-Prüfung [sei] dreifach (Adv., Nom. Sg. f.)

Satz bricht ab; Fortsetzung in Vers 24.

eka eveti jānīhi tridhā tasya pradarśanam; pṛthaktve caiva me buddhis trayāṇām api vai tathā

„Wisse: Es ist nur eines; dreifach ist seine Aufweisung. Auch in der Verschiedenheit der drei ist so meine Ansicht [?].“

Wort für Wort
ekaḥ eva iti jānīhi
„nur eines“, so wisse (Nom. Sg. m., Imp. 2.Sg.)
tridhā tasya pradarśanam
dreifach seine Aufweisung (Adv., Gen. Sg., Nom. Sg. n.)
pṛthaktve ca eva me buddhiḥ
und in der Verschiedenheit [ist] meine Ansicht (Lok. Sg., Nom. Sg. f.)
trayāṇām api vai tathā
auch der drei, ebenso (Gen. Pl.) [?]

Zweite Vershälfte knapp; Bezug von pṛthaktve unsicher.

ukto mārgas trayāṇāṃ ca tat tathaiva samācara; jijñāsā tu na kartavyā dharmasya paritarkaṇāt

„Der Weg der drei ist genannt; handle genau so. Nachforschung aber ist nicht anzustellen, wegen des Zerdenkens des Dharma.“

Wort für Wort
uktaḥ mārgaḥ trayāṇāṃ ca
genannt ist der Weg der drei (Part. Pass., Nom. Sg., Gen. Pl.)
tat tathā eva samācara
das handle ebenso (Imp. 2.Sg.)
jijñāsā tu na kartavyā
Erkundungsdrang aber ist nicht zu betreiben (Nom. Sg. f., Gerundiv)
dharmasya paritarkaṇāt
wegen des Zerdenkens des Dharma (Gen. Sg., Abl. Sg.)

sadaiva bharataśreṣṭha mā te bhūd atra saṃśayaḥ; andho jaḍa ivāśaṅko yad bravīmi tad ācara

„Stets, bester Bhārata, sei dir hier kein Zweifel; wie ein Blinder, ein Stumpfer, ohne Bedenken: was ich sage, das tu.“

Wort für Wort
sadā eva bharataśreṣṭha
stets, bester der Bhāratas (Adv., Vok.)
mā te bhūt atra saṃśayaḥ
nicht sei dir hier Zweifel (Prohibitiv/Aor., Nom. Sg.)
andhaḥ jaḍaḥ iva aśaṅkaḥ
wie ein Blinder, Stumpfer, ohne Bedenken (Nom. Sg. m.)
yat bravīmi tat ācara
was ich sage, das tu (Rel., 1.Sg.Präs., Imp. 2.Sg.)

ahiṃsā satyam akrodho dānam etac catuṣṭayam; ajātaśatro sevasva dharma eṣa sanātanaḥ

„Gewaltlosigkeit, Wahrheit, Zornlosigkeit, Geben – diese Vierheit übe, Ajātaśatru; das ist das ewige Dharma.“

Wort für Wort
ahiṃsā satyam akrodhaḥ dānam
Gewaltlosigkeit, Wahrheit, Zornlosigkeit, Geben (Nom.)
etat catuṣṭayam
diese Vierheit (Nom. Sg. n.)
ajātaśatro sevasva
Ajātaśatru, übe/pflege (Vok., Imp. 2.Sg. Med.)
dharmaḥ eṣaḥ sanātanaḥ
dies [ist] das ewige Dharma (Nom. Sg. m.)

brāhmaṇeṣu ca vṛttir yā pitṛpaitāmahocitā; tām anvehi mahābāho svargasyaite hi deśikāḥ

„Und die Lebensweise unter den Brahmanen, die dem Vater und dem Großvater geziemend war – der folge, Starkarmiger; denn diese sind die Wegweiser zum Himmel.“

Wort für Wort
brāhmaṇeṣu ca vṛttiḥ yā
und die Lebensweise bei den Brahmanen, welche (Lok. Pl., Nom. Sg. f.)
pitṛpaitāmahocitā
Vater und Großvater geziemend (Nom. Sg. f.)
tām anvehi mahābāho
der folge, Starkarmiger (Akk. Sg. f., Imp. 2.Sg., Vok.)
svargasya ete hi deśikāḥ
des Himmels sind diese ja Wegweiser (Gen. Sg., Nom. Pl.)

pramāṇam apramāṇaṃ vai yaḥ kuryād abudho naraḥ; na sa pramāṇatām arho vivādajanano hi saḥ

„Ein unverständiger Mann, der das Maßgebliche zum Nichtmaßgeblichen macht, ist nicht würdig, Maßstab zu sein; denn er ruft Streit hervor.“

Wort für Wort
pramāṇam apramāṇaṃ vai
das Maßgebliche [zum] Nichtmaßgeblichen (Akk. Sg. n.)
yaḥ kuryāt abudhaḥ naraḥ
welcher Mann als Unverständiger machen sollte (Opt. 3.Sg., Nom. Sg.)
na saḥ pramāṇatām arhaḥ
nicht ist er würdig der Maßgeblichkeit (Nom. Sg. m., Akk. Sg. f.)
vivādajananaḥ hi saḥ
denn er ist Streiterzeuger (Nom. Sg. m.)

brāhmaṇān eva sevasva satkṛtya bahumanya ca; eteṣv eva tv ime lokāḥ kṛtsnā iti nibodha tān

„Diene nur den Brahmanen, sie ehrend und hochachtend; in ihnen allein sind diese Welten ganz enthalten – das wisse.“

Wort für Wort
brāhmaṇān eva sevasva
nur den Brahmanen diene (Akk. Pl., Imp. 2.Sg. Med.)
satkṛtya bahumanya ca
[sie] ehrend und hochachtend (Abs., Abs.)
eteṣu eva tu ime lokāḥ
in diesen allein aber [sind] diese Welten (Lok. Pl., Nom. Pl.)
kṛtsnāḥ iti nibodha tān
ganz, so wisse sie (Nom. Pl., Imp. 2.Sg.)

Dieses Kapitel in der Leseansicht