Kapitel 55: kuśikacyavanasaṃvāda
Cyavana erklärt Kuśika die Gründe seiner Prüfungen und verheißt Brahmanentum für dessen Geschlecht
Fortsetzung des Gesprächs zwischen Cyavana und König Kuśika: Cyavana deutet rückblickend sein rätselhaftes Verhalten als Prüfung und Wohlwollen und kündigt an, dass Kuśikas Enkel (Viśvāmitra) durch Bhṛgu-Kraft zum Brahmanen werde.
cyavana uvāca; varaś ca gṛhyatāṃ matto yaś ca te saṃśayo hṛdi; taṃ ca brūhi naraśreṣṭha sarvaṃ saṃpādayāmi te
Cyavana sprach: „Wähle eine Gabe von mir, und [nenne mir] auch den Zweifel, der in deinem Herzen ist; sprich ihn aus, Bester der Männer, ich werde dir alles erfüllen.“
Wort für Wort
cyavana uvāca
Cyavana sprach (Perf.)
varaś ca gṛhyatāṃ matto
und eine Gabe soll gewählt werden von mir (Nom.Sg.m./Imp.Pass./Abl.)
yaś ca te saṃśayo hṛdi
und welcher Zweifel dir im Herzen [ist] (Nom./Lok.)
kuśika uvāca; yadi prīto 'si bhagavaṃs tato me vada bhārgava; kāraṇaṃ śrotum icchāmi madgṛhe vāsakāritam
Kuśika sprach: „Wenn du, Erhabener, erfreut bist, dann sage mir, Bhārgava, den Grund; ich möchte hören, [weshalb] du in meinem Haus Wohnung genommen hast [und so gehandelt hast].“
Wort für Wort
kuśika uvāca
Kuśika sprach
yadi prīto 'si bhagavan
wenn du erfreut bist, Erhabener (2.Sg.Präs./Vok.)
tato me vada bhārgava
dann sage mir, Bhārgava (Imp./Dat./Vok.)
kāraṇaṃ śrotum icchāmi
den Grund zu hören wünsche ich (Inf./1.Sg.Präs.)
madgṛhe vāsakāritam
in meinem Haus Verursachtes/Bewirktes des Wohnens (Lok./Part.Kaus.)
vāsakāritam: Deutung als „[im Zusammenhang mit deinem] Wohnen in meinem Haus Getanes“ [?].
śayanaṃ caikapārśvena divasān ekaviṃśatim; akiṃcid uktvā gamanaṃ bahiś ca munipuṃgava
[Ich möchte wissen den Grund] für das Liegen auf einer Seite einundzwanzig Tage lang, für das Fortgehen nach draußen, ohne etwas zu sagen, o Stier unter den Munis,
Wort für Wort
śayanaṃ caikapārśvena
und das Liegen auf einer Seite (Nom./Instr.Sg.)
divasān ekaviṃśatim
einundzwanzig Tage (Akk.Pl.)
akiṃcid uktvā gamanaṃ
ohne etwas zu sagen, das Gehen (Abs./Nom.)
bahiś ca munipuṃgava
und nach draußen, o Stier unter den Munis (Adv./Vok.)
tailābhyaktasya gamanaṃ bhojanaṃ ca gṛhe mama; samupānīya vividhaṃ yad dagdhaṃ jātavedasā; niryāṇaṃ ca rathenāśu sahasā yat kṛtaṃ tvayā
das Fortgehen, als du mit Öl gesalbt warst, und das Mahl in meinem Haus – nachdem du vielerlei [Speisen] herbeigebracht hattest, [das,] was vom Feuer verbrannt wurde – und das rasche Fortfahren im Wagen, plötzlich, was du getan hast,
Wort für Wort
tailābhyaktasya gamanaṃ
das Gehen des mit Öl Gesalbten (Gen.Sg./Nom.)
bhojanaṃ ca gṛhe mama
und das Mahl in meinem Haus (Nom./Lok.)
samupānīya vividhaṃ
nachdem [du] vielerlei herbeigebracht hattest (Abs./Akk.)
yad dagdhaṃ jātavedasā
was verbrannt wurde vom Feuer (Part.Pass./Instr.)
niryāṇaṃ ca rathenāśu
und das Ausfahren mit dem Wagen rasch (Nom./Instr./Adv.)
sahasā yat kṛtaṃ tvayā
plötzlich, was von dir getan wurde (Adv./Part.Pass./Instr.)
atīva hy atra muhyāmi cintayāno divāniśam; na caivātrādhigacchāmi sarvasyāsya viniścayam; etad icchāmi kārtsnyena satyaṃ śrotuṃ tapodhana
Denn ich bin hierüber sehr verwirrt, wenn ich Tag und Nacht nachdenke, und ich finde keine Entscheidung [Klärung] über all dies; dies wünsche ich vollständig und der Wahrheit gemäß zu hören, du Reicher an Askese.
Wort für Wort
atīva hy atra muhyāmi
denn sehr bin ich hierin verwirrt (Adv./1.Sg.Präs.)
cintayāno divāniśam
nachdenkend Tag und Nacht (Part.Med./Adv.)
na caivātrādhigacchāmi
und nicht finde ich hierin (1.Sg.Präs.)
sarvasyāsya viniścayam
für dies alles eine Entscheidung (Gen./Akk.)
etad icchāmi kārtsnyena
dies wünsche ich vollständig (1.Sg.Präs./Instr.)
satyaṃ śrotuṃ tapodhana
wahrheitsgemäß zu hören, Reicher an Askese (Inf./Vok.)
cyavana uvāca; śṛṇu sarvam aśeṣeṇa yad idaṃ yena hetunā; na hi śakyam anākhyātum evaṃ pṛṣṭena pārthiva
Cyavana sprach: „Höre alles ohne Rest, was dies ist und aus welchem Grund; denn es ist nicht möglich, [es] unerklärt zu lassen, wenn du so gefragt hast, o Fürst.“
Wort für Wort
cyavana uvāca
Cyavana sprach
śṛṇu sarvam aśeṣeṇa
höre alles ohne Rest (Imp./Akk./Instr.)
yad idaṃ yena hetunā
was dies [ist], aus welchem Grund (Nom./Instr.)
na hi śakyam anākhyātum
denn nicht ist es möglich, unerklärt [zu lassen] (Adj./Inf.)
evaṃ pṛṣṭena pārthiva
von dem so Gefragten, o Fürst (Part.Pass./Instr./Vok.)
pitāmahasya vadataḥ purā devasamāgame; śrutavān asmi yad rājaṃs tan me nigadataḥ śṛṇu
„Was ich, o König, einst in der Götterversammlung aus dem Munde des sprechenden Urgroßvaters [Brahmā] gehört habe, das höre von mir, der es dir erzählt.“
Wort für Wort
pitāmahasya vadataḥ
des Urgroßvaters, der sprach (Gen./Part.Gen.)
purā devasamāgame
einst in der Götterversammlung (Adv./Lok.)
śrutavān asmi yad rājan
gehört habe ich, was, o König (Part.Perf.Akt./1.Sg./Vok.)
tan me nigadataḥ śṛṇu
das höre von mir, der ich [es] sage (Imp./Gen.Part.)
brahmakṣatravirodhena bhavitā kulasaṃkaraḥ; pautras te bhavitā rājaṃs tejovīryasamanvitaḥ
„Durch den Widerstreit von Brahmanen und Kṣatriyas wird eine Vermischung der Geschlechter entstehen; dein Enkel, o König, wird an Glanz und Kraft reich sein.“
Wort für Wort
brahmakṣatravirodhena
durch den Widerstreit von Brahmanen und Kṣatriyas (Instr.Sg.)
bhavitā kulasaṃkaraḥ
wird entstehen eine Vermischung der Geschlechter (3.Sg.Fut./Nom.)
pautras te bhavitā rājan
dein Enkel wird sein, o König (Nom./Gen./Fut./Vok.)
„Darauf bin ich, um mein eigenes Geschlecht zu schützen, zu dir gekommen, in der Absicht, den Untergang der Kuśikas herbeizuführen, dein Geschlecht zu verbrennen [wünschend].“
Wort für Wort
tataḥ svakularakṣārtham
darauf zum Schutz des eigenen Geschlechts (Adv./Akk.)
ahaṃ tvā samupāgamam
ich bin zu dir gekommen (Nom./Akk./1.Sg.Aor.)
cikīrṣan kuśikocchedaṃ
den Untergang der Kuśikas zu bewirken wünschend (Part.Des.)
saṃdidhakṣuḥ kulaṃ tava
zu verbrennen wünschend dein Geschlecht (Adj.Des./Akk./Gen.)
yadā tvayā sabhāryeṇa saṃsupto na prabodhitaḥ; ahaṃ tadaiva te prīto manasā rājasattama
„Als du, der du mit deiner Gattin [dabei warst], mich Schlafenden nicht geweckt hast, da schon, bester der Könige, war ich in meinem Sinn mit dir zufrieden.“
Wort für Wort
yadā tvayā sabhāryeṇa
als von dir, samt Gattin (Instr.)
saṃsupto na prabodhitaḥ
ich, der Schlafende, nicht geweckt wurde (Part.Pass.)
ahaṃ tadaiva te prīto
ich war da schon dir zugetan (Nom./Adv./Dat.-Gen./Part.)
„‚Hungrig könntest du mir aus Erschöpfung oder [aus Hunger] zürnen, o Herrscher der Menschen‘ – mit diesem Gedanken habe ich euch beide durch Hunger abgemagert.“
Wort für Wort
kṣudhito mām asūyethāḥ
hungrig könntest du mir zürnen (Part./Akk./Opt.Med.)
śramād veti narādhipa
aus Erschöpfung oder, so, Herrscher der Menschen (Abl./Vok.)
etāṃ buddhiṃ samāsthāya
diesen Gedanken gefasst habend (Abs.)
karśitau vāṃ mayā kṣudhā
ihr beide seid abgemagert von mir durch Hunger (Part.Pass.Du./Instr.)
asūyethāḥ mit Akk. der Person; „śramād vā“ ist knapp – „oder aus Erschöpfung“ [?].
Und [du wurdest] mit dem Wagen [von mir] gefahren, damit aus Erschöpfung Zorn in dir entstünde.
Wort für Wort
rathena vāhitaś cāpi
und mit dem Wagen fahren gemacht (Instr./Part.Kaus.)
śramāt krodhodbhavāya te
aus Erschöpfung, damit Zorn entstehe, dir (Abl./Dat./Gen.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (*0327); Konstruktion elliptisch, Subjekt/Objekt von vāhitaḥ unklar [?].
aviśaṅko narapate prīto 'haṃ cāpi tena te; dhanotsarge 'pi ca kṛte na tvāṃ krodhaḥ pradharṣayat
„Ohne Furcht, o Herr der Menschen, warst du, und auch darüber war ich erfreut; auch als der Reichtum verschenkt wurde, hat der Zorn dich nicht überwältigt.“
Wort für Wort
aviśaṅko narapate
furchtlos, o Menschenherr (Nom./Vok.)
prīto 'haṃ cāpi tena te
und ich war darüber erfreut (Nom./Instr./Gen.)
dhanotsarge 'pi ca kṛte
auch als das Verschenken des Reichtums getan war (Lok.abs.)
na tvāṃ krodhaḥ pradharṣayat
nicht überwältigte dich der Zorn (Akk./Nom./Impf.Kaus.)
tataḥ prītena te rājan punar etat kṛtaṃ tava; sabhāryasya vanaṃ bhūyas tad viddhi manujādhipa
„Dann habe ich dir aus Wohlwollen, o König, dies noch einmal getan: [dies], dass du mit deiner Gattin wieder in den Wald [kamst] – das wisse, Herrscher der Menschen.“
Wort für Wort
tataḥ prītena te rājan
darauf mit Wohlwollen dir, o König (Adv./Instr./Gen.)
punar etat kṛtaṃ tava
wiederum wurde dies getan von dir/an dir (Part.Pass./Gen.)
sabhāryasya vanaṃ bhūyas
des mit Gattin, den Wald weiter/wieder (Gen./Akk./Adv.)
tad viddhi manujādhipa
das wisse, Herrscher der Menschen (Imp./Vok.)
Vers grammatisch verkürzt; wörtliche Bezüge unklar [?].
evam etad yathāttha tvaṃ brāhmaṇyaṃ tāta durlabham; brāhmaṇye sati carṣitvam ṛṣitve ca tapasvitā
„So ist es, wie du gesagt hast, mein Lieber: Brahmanenstand ist schwer zu erlangen; wenn Brahmanenstand [da ist, ist] auch Ṛṣi-Stand [möglich], und im Ṛṣi-Sein [liegt] Askesekraft.“
Wort für Wort
evam etad yathāttha tvaṃ
so ist dies, wie du sagtest (2.Sg.Perf.)
brāhmaṇyaṃ tāta durlabham
Brahmanentum, mein Lieber, schwer zu erlangen (Nom./Vok./Adj.)
brāhmaṇye sati carṣitvam
wenn Brahmanentum ist, auch Ṛṣi-Stand (Lok.abs./Nom.)
„Dieser dein Wunsch wird sich erfüllen: Aus Kuśika [wird] ein Kauśika, ein Zweimalgeborener [hervorgehen]; nachdem er die dritte Generation erreicht hat, wird [das Geschlecht] zum Brahmanentum gelangen.“
Wort für Wort
bhaviṣyaty eṣa te kāmaḥ
es wird sein dieser dein Wunsch (3.Sg.Fut./Nom.)
kuśikāt kauśiko dvijaḥ
von Kuśika ein Kauśika, Zweimalgeborener (Abl./Nom.)
vaṃśas te pārthivaśreṣṭha bhṛgūṇām eva tejasā; pautras te bhavitā vipra tapasvī pāvakadyutiḥ
„Dein Geschlecht, bester der Fürsten, [wird] allein durch den Glanz der Bhṛgus [zum Brahmanentum kommen]; dein Enkel, Brahmane, wird ein Asket sein, feuergleich strahlend.“
Wort für Wort
vaṃśas te pārthivaśreṣṭha
dein Geschlecht, Bester der Fürsten (Nom./Gen./Vok.)
jamadagnau mahābhāga tapasā bhāvitātmani; sa cāpi bhṛguśārdūlas taṃ vedaṃ dhārayiṣyati
[er,] in Jamadagni, o Hochbeglückter, dessen Wesen durch Askese geläutert ist; und dieser Tiger unter den Bhṛgus wird jenen Veda [die Waffenkunde?] bewahren –
Wort für Wort
jamadagnau mahābhāga
in Jamadagni, o Hochbeglückter (Lok./Vok.)
tapasā bhāvitātmani
in dem durch Askese Geläuterten (Instr./Lok.)
sa cāpi bhṛguśārdūlas
und auch er, der Tiger der Bhṛgus (Nom.)
taṃ vedaṃ dhārayiṣyati
jenen Veda wird er bewahren (Akk./3.Sg.Fut.Kaus.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (*0328); Bezug von „taṃ vedam“ (vermutlich die Kriegskunde/Dhanurveda) und Anschluss unklar [?].
kuśika uvāca; eṣa eva varo me 'dya yat tvaṃ prīto mahāmune; bhavatv etad yathāttha tvaṃ tapaḥ pautre mamānagha; brāhmaṇyaṃ me kulasyāstu bhagavann eṣa me varaḥ
Kuśika sprach: „Eben dies ist heute meine Gabe, o großer Muni, dass du erfreut bist; es möge geschehen, wie du sagtest, Makelloser: Askese [soll] meinem Enkel [sein], und Brahmanentum sei meinem Geschlecht, Erhabener – dies ist meine Gabe.“
Wort für Wort
kuśika uvāca
Kuśika sprach
eṣa eva varo me 'dya
eben dies ist meine Gabe heute (Nom./Gen./Adv.)
yat tvaṃ prīto mahāmune
dass du erfreut bist, großer Muni (Konj./Nom./Vok.)
bhavatv etad yathāttha tvaṃ
es geschehe dies, wie du sagtest (Imp./2.Sg.Perf.)
tapaḥ pautre mamānagha
Askese im Enkel von mir, Makelloser (Nom./Lok./Vok.)
brāhmaṇyaṃ me kulasyāstu
Brahmanentum sei meines Geschlechts (Nom./Gen./Imp.)
punaś cākhyātum icchāmi bhagavan vistareṇa vai; katham eṣyati vipratvaṃ kulaṃ me bhṛgunandana; kaś cāsau bhavitā bandhur mama kaś cāpi saṃmataḥ
„Und ich möchte noch einmal ausführlich erfahren, Erhabener: Wie wird mein Geschlecht zum Brahmanentum kommen, Freude der Bhṛgus? Und wer wird der Verwandte sein, und wer wird [mir] lieb und wert?“
Wort für Wort
punaś cākhyātum icchāmi
und wieder zu erzählen/zu hören wünsche ich (Inf.)
bhagavan vistareṇa vai
Erhabener, ausführlich (Vok./Instr.)
katham eṣyati vipratvaṃ
wie wird kommen zum Brahmanentum (Fut.)
kulaṃ me bhṛgunandana
mein Geschlecht, Freude der Bhṛgus (Nom./Vok.)
kaś cāsau bhavitā bandhur
und wer wird jener Verwandte sein (Fut.)
mama kaś cāpi saṃmataḥ
mir, und wer auch geschätzt (Gen./Part.Pass.)
Die Deutung „wer ist ‚jener Verwandte‘“ und Bezug von saṃmataḥ ist unsicher [?].