Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Anuśāsanaparva

Kapitel 121: dānaśreṣṭhatvam (vyāsamaitreyasaṃvādaḥ) Gespräch zwischen Vyāsa und Maitreya: Die Gabe ist höher als Wissen und Askese

Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Vorrang von Wissen, Askese und Gabe erzählt Bhīṣma das Gespräch des Kṛṣṇa Dvaipāyana (Vyāsa) mit Maitreya in Vārāṇasī, an dessen Ende die Gabe als das Höchste gepriesen wird.

yudhiṣṭhira uvāca; vidyā tapaś ca dānaṃ ca kim eteṣāṃ viśiṣyate; pṛcchāmi tvā satāṃ śreṣṭha tan me brūhi pitāmaha

Yudhiṣṭhira sprach: „Wissen, Askese und Gabe – was von diesen ragt hervor? Ich frage dich, Bester der Guten; das sage mir, Großvater.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Nom.Sg., Perf.)
vidyā tapaś ca dānaṃ ca
Wissen und Askese und Gabe (Nom.Sg.)
kim eteṣāṃ viśiṣyate
was von diesen ragt hervor (Interr.Nom.; Gen.Pl.; 3.Sg.Pass.Präs.)
pṛcchāmi tvā satāṃ śreṣṭha
ich frage dich, Bester der Guten (1.Sg.Präs.; Akk.; Gen.Pl.; Vok.)
tan me brūhi pitāmaha
das sage mir, Großvater (Akk.; Dat.; Imp.; Vok.)

bhīṣma uvāca; atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam; maitreyasya ca saṃvādaṃ kṛṣṇadvaipāyanasya ca

Bhīṣma sprach: „Hierzu führt man auch diese alte Geschichte an: das Gespräch Maitreyas und Kṛṣṇa Dvaipāyanas.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.Sg., Perf.)
atrāpy udāharanti imam
hierzu auch führen sie an diese (3.Pl.Präs.; Akk.Sg.m.)
itihāsaṃ purātanam
Geschichte, alte (Akk.Sg.)
maitreyasya ca saṃvādam
und Maitreyas Gespräch (Gen.Sg.; Akk.Sg.)
kṛṣṇadvaipāyanasya ca
und des Kṛṣṇa Dvaipāyana (Gen.Sg.)

kṛṣṇadvaipāyano rājann ajñātacaritaṃ caran; vārāṇasyām upātiṣṭhan maitreyaṃ svairiṇīkule

Kṛṣṇa Dvaipāyana, o König, der mit unerkanntem Wandel umherzog, trat in Vārāṇasī vor Maitreya, [der] im Hause einer Buhlerin [weilte].

Wort für Wort
kṛṣṇadvaipāyano rājan
Kṛṣṇa Dvaipāyana, o König (Nom.Sg.; Vok.)
ajñātacaritaṃ caran
mit unerkanntem Wandel umherziehend (Akk.-Adv., Bahuvrīhi; Part.Präs.)
vārāṇasyām upātiṣṭhat
in Vārāṇasī trat heran (Lok.Sg.; 3.Sg.Impf.)
maitreyam
Maitreya (Akk.Sg.)
svairiṇīkule
im Haus/in der Familie einer Buhlerin (Lok.Sg., Tatpuruṣa)

svairiṇīkule kann sich auf Maitreyas Aufenthaltsort beziehen (so hier gelesen); Zuordnung nicht ganz eindeutig.

tam upasthitam āsīnaṃ jñātvā sa munisattamam; arcitvā bhojayām āsa maitreyo 'śanam uttamam

Als Maitreya ihn, den Besten unter den Weisen, herangetreten und sitzend erkannte, ehrte er ihn und speiste ihn mit vorzüglicher Speise.

Wort für Wort
tam upasthitam āsīnam
ihn, herangetreten, sitzend (Akk.Sg.; Part.Perf.Pass.; Part.Präs.Med.)
jñātvā sa munisattamam
erkannt habend, er den Besten der Weisen (Abs.; Nom.; Akk.Sg.)
arcitvā
geehrt habend (Abs.)
bhojayām āsa maitreyaḥ
speisen ließ Maitreya (Perf.Kaus.; Nom.Sg.)
aśanam uttamam
vorzügliche Speise (Akk.Sg.)

tad annam uttamaṃ bhuktvā guṇavat sārvakāmikam; pratiṣṭhamāno 'smayata prītaḥ kṛṣṇo mahāmanāḥ

Nachdem er jene vorzügliche, wertvolle, alle Wünsche erfüllende Speise gegessen hatte, lächelte Kṛṣṇa, der Hochgesinnte, erfreut beim Aufbrechen.

Wort für Wort
tad annam uttamam
jene vorzügliche Speise (Akk.Sg.n.)
bhuktvā guṇavat sārvakāmikam
gegessen habend, wertvoll, alle Wünsche erfüllend (Abs.; Akk.n.)
pratiṣṭhamāno 'smayata
sich aufmachend, lächelte er (Part.Präs.Med.; 3.Sg.Impf.)
prītaḥ kṛṣṇo mahāmanāḥ
erfreut Kṛṣṇa, der Hochgesinnte (Part.Perf.Pass.; Nom.Sg.)

tam utsmayantaṃ saṃprekṣya maitreyaḥ kṛṣṇam abravīt; kāraṇaṃ brūhi dharmātman yo 'smayiṣṭhāḥ kutaś ca te; tapasvino dhṛtimataḥ pramodaḥ samupāgataḥ

Als Maitreya ihn lächeln sah, sprach er zu Kṛṣṇa: „Nenne den Grund, du dharmabeseelter: Du hast gelächelt – weshalb? Dir, dem Asketen, dem Standhaften, ist Freude zuteilgeworden.“

Wort für Wort
tam utsmayantaṃ saṃprekṣya
ihn lächelnd sehend (Akk.Sg.; Part.Präs.; Abs.)
maitreyaḥ kṛṣṇam abravīt
Maitreya sagte zu Kṛṣṇa (Nom.; Akk.; 3.Sg.Impf.)
kāraṇaṃ brūhi dharmātman
den Grund nenne, du dharmabeseelter (Akk.; Imp.; Vok.)
yo 'smayiṣṭhāḥ kutaś ca te
der du gelächelt hast, und weshalb dir (Rel.Nom.; 2.Sg.Aor.Med.; Abl.-Adv.; Dat./Gen.)
tapasvino dhṛtimataḥ
dem Asketen, dem Standhaften (Gen./Dat.Sg.)
pramodaḥ samupāgataḥ
Freude ist eingetreten (Nom.Sg.; Part.Perf.Pass.)

etat pṛcchāmi te vidvann abhivādya praṇamya ca; ātmanaś ca tapobhāgyaṃ mahābhāgyaṃ tathaiva ca

„Dies frage ich dich, Wissender, nachdem ich mich [vor dir] verneigt und dich begrüßt habe: nach dem Askeseglück meiner selbst und ebenso nach [deinem] großen Glück.“ [?]

Wort für Wort
etat pṛcchāmi te vidvan
dies frage ich dich, Wissender (Akk.; 1.Sg.Präs.; Gen./Dat.; Vok.)
abhivādya praṇamya ca
begrüßt habend und verneigt habend (Abs.)
ātmanaś ca tapobhāgyam
und meiner selbst Askeseglück (Gen.Sg.; Akk.Sg.)
mahābhāgyaṃ tathaiva ca
großes Glück und ebenso (Akk.Sg.n.)

Die Beziehung von ātmanaḥ (meiner selbst / deiner selbst) ist unsicher.

tapobhāgyān mahābhāga sukhabhāgyāt tathaiva ca

„Vom Askeseglück, du Hochbeglückter, und ebenso vom Glücksanteil des Wohlergehens [ist die Rede].“ [?]

Wort für Wort
tapobhāgyāt
vom Askeseglück (Abl.Sg.)
mahābhāga
du Hochbeglückter (Vok.Sg.)
sukhabhāgyāt tathaiva ca
vom Glücksanteil des Wohlergehens und ebenso (Abl.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers, fragmentarisch; Satzanschluss ergänzt.

pṛthag ācaratas tāta pṛthag ātmani cātmanoḥ; alpāntaram ahaṃ manye viśiṣṭam api vā tvayā

„Bei uns beiden, die wir getrennt handeln, Lieber, je für sich im eigenen Selbst, halte ich den Unterschied für gering – oder dich für vorzüglicher als mich.“ [?]

Wort für Wort
pṛthag ācaratas tāta
getrennt Handelnder, Lieber (Adv.; Gen./Abl.Du. Part.; Vok.)
pṛthag ātmani cātmanoḥ
getrennt im Selbst und der beiden Selbst (Adv.; Lok.Sg.; Gen.Du.)
alpāntaram ahaṃ manye
geringen Unterschied ich meine (Akk.Sg.; Nom.; 1.Sg.Präs.Med.)
viśiṣṭam api vā tvayā
oder auch vorzüglicher als du (Part.Perf.Pass.; Instr.)

Verse 7–9 syntaktisch und inhaltlich schwierig; Wiedergabe unsicher.

vyāsa uvāca; aticchedātivādābhyāṃ smayo 'yaṃ samupāgataḥ; asatyaṃ vedavacanaṃ kasmād vedo 'nṛtaṃ vadet

Vyāsa sprach: „Durch Übermaß im Abgrenzen und Übermaß im Reden ist mir dieses Lächeln gekommen. [Ist] der Vedaspruch unwahr? Weshalb sollte der Veda Unwahres sagen?“

Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Nom.Sg.; Perf.)
aticchedātivādābhyām
durch Übermaß an Abgrenzung und Übermaß an Rede (Instr.Du., Dvandva) [?]
smayo 'yaṃ samupāgataḥ
dieses Lächeln ist gekommen (Nom.Sg.; Part.Perf.Pass.)
asatyaṃ vedavacanam
unwahr der Vedaspruch (Nom.Sg.n.)
kasmād vedo 'nṛtaṃ vadet
weshalb sollte der Veda Unwahres sagen (Abl.-Adv.; Nom.; Akk.; 3.Sg.Opt.)

aticchedātivādābhyām: Deutung als „Übertrennung und Übertreibung [deiner Rede]“ unsicher.

trīṇy eva tu padāny āhuḥ puruṣasyottamaṃ vratam; na druhyec caiva dadyāc ca satyaṃ caiva paraṃ vadet; idānīṃ caiva naḥ kṛtyaṃ purastāc ca paraṃ smṛtam

„Nur drei Schritte, sagt man, [bilden] das höchste Gelübde des Menschen: Man soll nicht schaden, man soll geben, und man soll das Wahre als Höchstes sprechen. Und jetzt ist dies unsere Aufgabe, und früher ist [es] als das Höchste überliefert.“ [?]

Wort für Wort
trīṇy eva tu padāny āhuḥ
nur drei Schritte sagen sie (Akk.Pl.n.; 3.Pl.Perf.)
puruṣasyottamaṃ vratam
des Menschen höchstes Gelübde (Gen.Sg.; Akk.Sg.)
na druhyec caiva dadyāc ca
man soll nicht schaden und soll geben (3.Sg.Opt.; 3.Sg.Opt.)
satyaṃ caiva paraṃ vadet
und das Wahre als Höchstes soll man sprechen (Akk.; 3.Sg.Opt.)
idānīṃ caiva naḥ kṛtyam
und jetzt unsere Aufgabe (Adv.; Gen.Pl.; Gerundiv Nom.)
purastāc ca paraṃ smṛtam
und früher als Höchstes überliefert (Adv.; Part.Perf.Pass.)

Die zweite Vershälfte ist in der Zuordnung unsicher.

iti vedoktam ṛṣibhiḥ purastāt parikalpitam

„So ist es vom Veda gesagt, von den Ṛṣis von alters her festgelegt.“

Wort für Wort
iti vedoktam
so vom Veda gesagt (Part.Perf.Pass., Tatpuruṣa)
ṛṣibhiḥ
von den Ṛṣis (Instr.Pl.)
purastāt parikalpitam
früher festgelegt (Adv.; Part.Perf.Pass.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers.

alpo 'pi tādṛśo dāyo bhavaty uta mahāphalaḥ; tṛṣitāya ca yad dattaṃ hṛdayenānasūyatā

„Auch eine geringe solche Gabe wird wahrlich von großer Frucht; [so] was einem Durstigen gegeben wird, von Herzen, ohne Missgunst.“

Wort für Wort
alpo 'pi tādṛśo dāyaḥ
auch eine geringe solche Gabe (Nom.Sg.m.)
bhavaty uta mahāphalaḥ
wird wahrlich von großer Frucht (3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
tṛṣitāya ca yad dattam
und was einem Durstigen gegeben wurde (Dat.Sg.; Rel.Nom.; Part.Perf.Pass.)
hṛdayenānasūyatā
mit dem Herzen, in Neidlosigkeit (Instr.Sg.; Instr.Sg.f.)

tṛṣitas tṛṣitāya tvaṃ dattvaitad aśanaṃ mama; ajaiṣīr mahato lokān mahāyajñair ivābhibho; ato dānapavitreṇa prīto 'smi tapasaiva ca

„Du, durstig, hast einem Durstigen diese Speise gegeben; du hast große Welten gewonnen, gleichsam durch große Opfer, du Machtvoller. Daher bin ich erfreut durch die läuternde Gabe und ebenso durch die Askese.“

Wort für Wort
tṛṣitas tṛṣitāya tvam
du, durstig, einem Durstigen (Nom.Sg.; Dat.Sg.; Nom.)
dattvaitad aśanaṃ mama
gegeben habend diese Speise mir (Abs.; Akk.; Dat./Gen.)
ajaiṣīr mahato lokān
du hast gewonnen große Welten (2.Sg.Aor.; Akk.Pl.)
mahāyajñair ivābhibho
wie durch große Opfer, du Überwältiger (Instr.Pl.; Vok.Sg.)
ato dānapavitreṇa
daher durch die Läuterung der Gabe (Abl.-Adv.; Instr.Sg.)
prīto 'smi tapasaiva ca
bin ich erfreut und durch die Askese (Part.; 1.Sg.Präs.; Instr.Sg.)

puṇyasyaiva hi te gandhaḥ puṇyasyaiva ca darśanam; puṇyaś ca vāti gandhas te manye karmavidhānataḥ

„Denn von Verdienst ist dein Duft, von Verdienst dein Anblick; und verdienstvoll weht dein Duft, wie ich meine, kraft der Ausführung deiner Werke.“

Wort für Wort
puṇyasyaiva hi te gandhaḥ
denn des Verdienstes [ist] dein Duft (Gen.Sg.; Gen./Dat.; Nom.Sg.)
puṇyasyaiva ca darśanam
und des Verdienstes [ist] der Anblick (Gen.Sg.; Nom.Sg.n.)
puṇyaś ca vāti gandhas te
und verdienstvoll weht dein Duft (Nom.; 3.Sg.Präs.; Nom.)
manye karmavidhānataḥ
meine ich, kraft der Werkausführung (1.Sg.Präs.Med.; Abl.-Adv.)

adhikaṃ mārjanāt tāta tathaivāpy anulepanāt; śubhaṃ sarvapavitrebhyo dānam eva paraṃ bhavet

„Mehr als Reinigung durch Waschen, Lieber, und ebenso mehr als Salbung, ist die Gabe allein das heilsame Höchste unter allen Läuterungsmitteln.“

Wort für Wort
adhikaṃ mārjanāt tāta
mehr als Reinigung, Lieber (Adv./Nom.n.; Abl.Sg.; Vok.)
tathaivāpy anulepanāt
und ebenso mehr als Salbung (Abl.Sg.)
śubhaṃ sarvapavitrebhyaḥ
heilsam unter/vor allen Läuterungsmitteln (Nom.Sg.n.; Abl.Pl.)
dānam eva paraṃ bhavet
die Gabe allein das Höchste sein dürfte (Nom.; 3.Sg.Opt.)

dānam eva paraṃ dvija; no cet sarvapavitrebhyo

„Die Gabe allein ist das Höchste, Zweimalgeborener; [ist sie] nicht [höher] als alle Läuterungsmittel [?]“

Wort für Wort
dānam eva paraṃ dvija
die Gabe allein das Höchste, Zweimalgeborener (Nom.Sg.; Vok.Sg.)
no cet sarvapavitrebhyaḥ
wenn nicht [höher] als alle Läuterungsmittel (Partikel; Abl.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers, fragmentarisch und syntaktisch unklar.

yānīmāny uttamānīha vedoktāni praśaṃsasi; teṣāṃ śreṣṭhatamaṃ dānam iti me nāsti saṃśayaḥ

„Was du hier an diesen höchsten, vom Veda genannten [Dingen] preist – unter ihnen ist die Gabe das Vorzüglichste; daran habe ich keinen Zweifel.“

Wort für Wort
yānīmāny uttamānīha
welche diese höchsten hier (Rel.Nom.Pl.n.; Dem.; Nom.Pl.n.)
vedoktāni praśaṃsasi
vom Veda genannt, preist du (Part.Perf.Pass.; 2.Sg.Präs.)
teṣāṃ śreṣṭhatamaṃ dānam
unter ihnen das Vorzüglichste die Gabe (Gen.Pl.; Superl.Nom.n.; Nom.n.)
iti me nāsti saṃśayaḥ
so – mir ist kein Zweifel (Zitatpartikel; Dat./Gen.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)

dānakṛdbhiḥ kṛtaḥ panthā yena yānti manīṣiṇaḥ; te hi prāṇasya dātāras teṣu dharmaḥ pratiṣṭhitaḥ

„Von den Gabenspendern ist der Pfad gebahnt, auf dem die Weisen gehen; sie sind ja die Spender des Lebenshauchs, in ihnen ist der Dharma gegründet.“

Wort für Wort
dānakṛdbhiḥ kṛtaḥ panthāḥ
von den Gabenspendern gemacht der Pfad (Instr.Pl.; Part.Perf.Pass.; Nom.Sg.)
yena yānti manīṣiṇaḥ
auf dem gehen die Weisen (Rel.Instr.; 3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
te hi prāṇasya dātāraḥ
sie ja des Lebenshauchs Spender (Nom.Pl.; Gen.Sg.; Nom.Pl.)
teṣu dharmaḥ pratiṣṭhitaḥ
in ihnen der Dharma gegründet (Lok.Pl.; Nom.Sg.; Part.Perf.Pass.)

yathā vedāḥ svadhītāś ca yathā cendriyasaṃyamaḥ; sarvatyāgo yathā ceha tathā dānam anuttamam

„Wie gut gelernte Veden und wie Bezähmung der Sinne, wie hier das Aufgeben von allem – so ist die Gabe unübertrefflich.“

Wort für Wort
yathā vedāḥ svadhītāḥ
wie Veden gut gelernt (Nom.Pl.; Part.Perf.Pass.)
yathā cendriyasaṃyamaḥ
und wie Sinnesbezähmung (Nom.Sg.)
sarvatyāgo yathā ceha
das Aufgeben von allem, und wie hier (Nom.Sg.)
tathā dānam anuttamam
so die Gabe unübertrefflich (Nom.Sg.n.)

tvaṃ hi tāta sukhād eva sukham eṣyasi śobhanam; sukhāt sukhataraprāptim āpnute matimān naraḥ

„Denn du, Lieber, wirst vom Glück zu prächtigem Glück gelangen; vom Glück zu noch größerem Glück gelangt der einsichtige Mensch.“

Wort für Wort
tvaṃ hi tāta sukhād eva
denn du, Lieber, vom Glück selbst (Nom.; Vok.; Abl.Sg.)
sukham eṣyasi śobhanam
zu Glück wirst gelangen, prächtigem (Akk.; 2.Sg.Fut.; Akk.)
sukhāt sukhataraprāptim
vom Glück zum Erlangen größeren Glücks (Abl.; Akk.Sg.)
āpnute matimān naraḥ
erlangt der einsichtige Mann (3.Sg.Präs.Med.; Nom.Sg.)

tan naḥ pratyakṣam evedam upalabdham asaṃśayam; śrīmantam āpnuvanty arthā dānaṃ yajñas tathā sukham

„Dies ist uns unmittelbar und zweifelsfrei einsichtig: Güter gelangen zum Glückhaften; [ebenso] Gabe, Opfer und Wohlergehen.“

Wort für Wort
tan naḥ pratyakṣam evedam
dies uns unmittelbar sichtbar (Nom.n.; Dat./Gen.Pl.; Nom.n.)
upalabdham asaṃśayam
wahrgenommen, zweifelsfrei (Part.Perf.Pass.; Adv./Nom.n.)
śrīmantam āpnuvanty arthāḥ
zum Glückhaften gelangen Güter (Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
dānaṃ yajñas tathā sukham
Gabe, Opfer und Wohlergehen (Nom.Sg.)

Zweite Vershälfte knapp und im Anschluss unsicher.

sukhād eva paraṃ duḥkhaṃ duḥkhād anyat paraṃ sukham; dṛśyate hi mahāprājña niyataṃ vai svabhāvataḥ

„Auf das Glück folgt das Leid, auf das Leid anderes, höchstes Glück; so sieht man es, o Hochweiser, als feststehend, von Natur aus.“ [?]

Wort für Wort
sukhād eva paraṃ duḥkham
auf das Glück folgt Leid (Abl.Sg.; Nom.Sg.n.)
duḥkhād anyat paraṃ sukham
auf Leid anderes, höchstes Glück (Abl.Sg.; Nom.n.)
dṛśyate hi mahāprājña
es wird gesehen ja, o Hochweiser (3.Sg.Pass.Präs.; Vok.)
niyataṃ vai svabhāvataḥ
als bestimmt, wahrlich, von Natur aus (Part.Perf.Pass.; Abl.-Adv.)

paraṃ in beiden Hälften kann auch „höher/größer“ bedeuten; Deutung unsicher.

trividhānīha vṛttāni narasyāhur manīṣiṇaḥ; puṇyam anyat pāpam anyan na puṇyaṃ na ca pāpakam

„Dreifach, sagen die Weisen, ist hier das Verhalten des Menschen: das eine verdienstvoll, das andere sündhaft, [ein weiteres] weder verdienstvoll noch sündhaft.“

Wort für Wort
trividhānīha vṛttāni
dreifach hier die Verhaltensweisen (Nom.Pl.n.)
narasyāhur manīṣiṇaḥ
des Menschen sagen die Weisen (Gen.Sg.; 3.Pl.Perf.; Nom.Pl.)
puṇyam anyat pāpam anyat
verdienstvoll das eine, sündhaft das andere (Nom.n.)
na puṇyaṃ na ca pāpakam
weder verdienstvoll noch sündhaft (Nom.n.)

na vṛttaṃ manyate 'nyasya manyate 'nyasya pāpakam; tathā svakarmanirvṛttaṃ na puṇyaṃ na ca pāpakam

„Das Verhalten des einen gilt nicht [als gut], das des anderen gilt als sündhaft; so ist das, was aus dem eigenen Werk hervorgeht, weder Verdienst noch Sünde.“ [?]

Wort für Wort
na vṛttaṃ manyate 'nyasya
nicht als [gutes] Verhalten gilt das des einen (Akk.; 3.Sg.Pass.Präs.; Gen.Sg.) [?]
manyate 'nyasya pāpakam
gilt das des anderen als sündhaft (3.Sg.Pass.Präs.; Gen.Sg.; Akk.n.)
tathā svakarmanirvṛttam
so das aus eigenem Werk Hervorgegangene (Adv.; Part.Perf.Pass.)
na puṇyaṃ na ca pāpakam
weder Verdienst noch Sünde (Nom.n.)

Die erste Vershälfte ist syntaktisch mehrdeutig; Wiedergabe unsicher.

yajñadānatapaḥśīlā narā vai puṇyakarmiṇaḥ; ye 'bhidruhyanti bhūtāni te vai pāpakṛto janāḥ; dravyāṇy ādadate caiva duḥkhaṃ yānti patanti ca; tato 'nyat karma yat kiṃ cin na puṇyaṃ na ca pātakam

„Menschen, die durch Opfer, Gabe, Askese und Tugend ausgezeichnet sind, sind Täter von Verdienst; die den Wesen Feindschaft antun, die sind Täter der Sünde. Sie nehmen fremde Güter an sich, gehen in Leid und fallen; jedes Werk, das davon verschieden ist, ist weder Verdienst noch Vergehen.“

Wort für Wort
yajñadānatapaḥśīlā narāḥ
Menschen, deren Wesen Opfer, Gabe, Askese ist (Nom.Pl., Bahuvrīhi)
vai puṇyakarmiṇaḥ
wahrlich Täter von Verdienst (Nom.Pl.)
ye 'bhidruhyanti bhūtāni
die den Wesen Schaden tun (Rel.Nom.; 3.Pl.Präs.; Akk.Pl.)
te vai pāpakṛto janāḥ
die sind wahrlich Sünde-Täter, Leute (Nom.Pl.)
dravyāṇy ādadate caiva
und Güter nehmen sie an sich (Akk.Pl.; 3.Pl.Präs.Med.)
duḥkhaṃ yānti patanti ca
Leid erlangen sie und fallen (Akk.; 3.Pl.Präs.)
tato 'nyat karma yat kiṃ cin
davon verschieden jedes Werk, welches auch immer (Abl.-Adv.; Nom.n.)
na puṇyaṃ na ca pātakam
weder Verdienst noch Vergehen (Nom.n.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; Subjekt der dritten Zeile (fremde Güter nehmen) ist aus dem Zusammenhang ergänzt.

nityaṃ cākṛpaṇo bhuṅkte svajanair dehi yācitaḥ; bhāgyakṣayeṇa kṣīyante nopabhogena saṃcayāḥ

„Stets isst der Nicht-Geizige mit seinen Angehörigen, von ihnen mit „Gib!“ gebeten; durch Schwinden des Glücksanteils schwinden die Vorräte, nicht durch Genuss.“

Wort für Wort
nityaṃ cākṛpaṇo bhuṅkte
und stets der Nicht-Geizige isst (Adv.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
svajanair dehi yācitaḥ
mit den Angehörigen, „gib!“ gebeten (Instr.Pl.; Imp.; Part.Perf.Pass.)
bhāgyakṣayeṇa kṣīyante
durch Schwund des Glücksanteils schwinden (Instr.Sg.; 3.Pl.Pass.Präs.)
nopabhogena saṃcayāḥ
nicht durch Genuss die Vorräte (Instr.Sg.; Nom.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; Bezug von „yācitaḥ“ (von wem gebeten) unsicher.

ramasvaidhasva modasva dehi caiva yajasva ca; na tvām abhibhaviṣyanti vaidyā na ca tapasvinaḥ

„Freue dich, gedeihe, sei froh, gib und opfere; dich werden weder Ärzte noch Asketen überwältigen.“

Wort für Wort
ramasvaidhasva modasva
freue dich, gedeihe, sei froh (2.Sg.Imp.Med.)
dehi caiva yajasva ca
gib und opfere (2.Sg.Imp.)
na tvām abhibhaviṣyanti
dich werden nicht überwältigen (Akk.; 3.Pl.Fut.)
vaidyā na ca tapasvinaḥ
Ärzte [?] und nicht Asketen (Nom.Pl.)

vaidyāḥ: „Ärzte“ oder „Gelehrte/Kundige“ möglich.

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