Kapitel 121: dānaśreṣṭhatvam (vyāsamaitreyasaṃvādaḥ)
Gespräch zwischen Vyāsa und Maitreya: Die Gabe ist höher als Wissen und Askese
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Vorrang von Wissen, Askese und Gabe erzählt Bhīṣma das Gespräch des Kṛṣṇa Dvaipāyana (Vyāsa) mit Maitreya in Vārāṇasī, an dessen Ende die Gabe als das Höchste gepriesen wird.
tam utsmayantaṃ saṃprekṣya maitreyaḥ kṛṣṇam abravīt; kāraṇaṃ brūhi dharmātman yo 'smayiṣṭhāḥ kutaś ca te; tapasvino dhṛtimataḥ pramodaḥ samupāgataḥ
Als Maitreya ihn lächeln sah, sprach er zu Kṛṣṇa: „Nenne den Grund, du dharmabeseelter: Du hast gelächelt – weshalb? Dir, dem Asketen, dem Standhaften, ist Freude zuteilgeworden.“
Wort für Wort
tam utsmayantaṃ saṃprekṣya
ihn lächelnd sehend (Akk.Sg.; Part.Präs.; Abs.)
maitreyaḥ kṛṣṇam abravīt
Maitreya sagte zu Kṛṣṇa (Nom.; Akk.; 3.Sg.Impf.)
kāraṇaṃ brūhi dharmātman
den Grund nenne, du dharmabeseelter (Akk.; Imp.; Vok.)
yo 'smayiṣṭhāḥ kutaś ca te
der du gelächelt hast, und weshalb dir (Rel.Nom.; 2.Sg.Aor.Med.; Abl.-Adv.; Dat./Gen.)
etat pṛcchāmi te vidvann abhivādya praṇamya ca; ātmanaś ca tapobhāgyaṃ mahābhāgyaṃ tathaiva ca
„Dies frage ich dich, Wissender, nachdem ich mich [vor dir] verneigt und dich begrüßt habe: nach dem Askeseglück meiner selbst und ebenso nach [deinem] großen Glück.“ [?]
Wort für Wort
etat pṛcchāmi te vidvan
dies frage ich dich, Wissender (Akk.; 1.Sg.Präs.; Gen./Dat.; Vok.)
abhivādya praṇamya ca
begrüßt habend und verneigt habend (Abs.)
ātmanaś ca tapobhāgyam
und meiner selbst Askeseglück (Gen.Sg.; Akk.Sg.)
mahābhāgyaṃ tathaiva ca
großes Glück und ebenso (Akk.Sg.n.)
Die Beziehung von ātmanaḥ (meiner selbst / deiner selbst) ist unsicher.
„Bei uns beiden, die wir getrennt handeln, Lieber, je für sich im eigenen Selbst, halte ich den Unterschied für gering – oder dich für vorzüglicher als mich.“ [?]
Vyāsa sprach: „Durch Übermaß im Abgrenzen und Übermaß im Reden ist mir dieses Lächeln gekommen. [Ist] der Vedaspruch unwahr? Weshalb sollte der Veda Unwahres sagen?“
Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Nom.Sg.; Perf.)
aticchedātivādābhyām
durch Übermaß an Abgrenzung und Übermaß an Rede (Instr.Du., Dvandva) [?]
smayo 'yaṃ samupāgataḥ
dieses Lächeln ist gekommen (Nom.Sg.; Part.Perf.Pass.)
asatyaṃ vedavacanam
unwahr der Vedaspruch (Nom.Sg.n.)
kasmād vedo 'nṛtaṃ vadet
weshalb sollte der Veda Unwahres sagen (Abl.-Adv.; Nom.; Akk.; 3.Sg.Opt.)
aticchedātivādābhyām: Deutung als „Übertrennung und Übertreibung [deiner Rede]“ unsicher.
trīṇy eva tu padāny āhuḥ puruṣasyottamaṃ vratam; na druhyec caiva dadyāc ca satyaṃ caiva paraṃ vadet; idānīṃ caiva naḥ kṛtyaṃ purastāc ca paraṃ smṛtam
„Nur drei Schritte, sagt man, [bilden] das höchste Gelübde des Menschen: Man soll nicht schaden, man soll geben, und man soll das Wahre als Höchstes sprechen. Und jetzt ist dies unsere Aufgabe, und früher ist [es] als das Höchste überliefert.“ [?]
Wort für Wort
trīṇy eva tu padāny āhuḥ
nur drei Schritte sagen sie (Akk.Pl.n.; 3.Pl.Perf.)
puruṣasyottamaṃ vratam
des Menschen höchstes Gelübde (Gen.Sg.; Akk.Sg.)
na druhyec caiva dadyāc ca
man soll nicht schaden und soll geben (3.Sg.Opt.; 3.Sg.Opt.)
satyaṃ caiva paraṃ vadet
und das Wahre als Höchstes soll man sprechen (Akk.; 3.Sg.Opt.)
idānīṃ caiva naḥ kṛtyam
und jetzt unsere Aufgabe (Adv.; Gen.Pl.; Gerundiv Nom.)
purastāc ca paraṃ smṛtam
und früher als Höchstes überliefert (Adv.; Part.Perf.Pass.)
Die zweite Vershälfte ist in der Zuordnung unsicher.
tṛṣitas tṛṣitāya tvaṃ dattvaitad aśanaṃ mama; ajaiṣīr mahato lokān mahāyajñair ivābhibho; ato dānapavitreṇa prīto 'smi tapasaiva ca
„Du, durstig, hast einem Durstigen diese Speise gegeben; du hast große Welten gewonnen, gleichsam durch große Opfer, du Machtvoller. Daher bin ich erfreut durch die läuternde Gabe und ebenso durch die Askese.“
Wort für Wort
tṛṣitas tṛṣitāya tvam
du, durstig, einem Durstigen (Nom.Sg.; Dat.Sg.; Nom.)
dattvaitad aśanaṃ mama
gegeben habend diese Speise mir (Abs.; Akk.; Dat./Gen.)
ajaiṣīr mahato lokān
du hast gewonnen große Welten (2.Sg.Aor.; Akk.Pl.)
mahāyajñair ivābhibho
wie durch große Opfer, du Überwältiger (Instr.Pl.; Vok.Sg.)
ato dānapavitreṇa
daher durch die Läuterung der Gabe (Abl.-Adv.; Instr.Sg.)
prīto 'smi tapasaiva ca
bin ich erfreut und durch die Askese (Part.; 1.Sg.Präs.; Instr.Sg.)
trividhānīha vṛttāni narasyāhur manīṣiṇaḥ; puṇyam anyat pāpam anyan na puṇyaṃ na ca pāpakam
„Dreifach, sagen die Weisen, ist hier das Verhalten des Menschen: das eine verdienstvoll, das andere sündhaft, [ein weiteres] weder verdienstvoll noch sündhaft.“
Wort für Wort
trividhānīha vṛttāni
dreifach hier die Verhaltensweisen (Nom.Pl.n.)
narasyāhur manīṣiṇaḥ
des Menschen sagen die Weisen (Gen.Sg.; 3.Pl.Perf.; Nom.Pl.)
puṇyam anyat pāpam anyat
verdienstvoll das eine, sündhaft das andere (Nom.n.)
na vṛttaṃ manyate 'nyasya manyate 'nyasya pāpakam; tathā svakarmanirvṛttaṃ na puṇyaṃ na ca pāpakam
„Das Verhalten des einen gilt nicht [als gut], das des anderen gilt als sündhaft; so ist das, was aus dem eigenen Werk hervorgeht, weder Verdienst noch Sünde.“ [?]
Wort für Wort
na vṛttaṃ manyate 'nyasya
nicht als [gutes] Verhalten gilt das des einen (Akk.; 3.Sg.Pass.Präs.; Gen.Sg.) [?]
manyate 'nyasya pāpakam
gilt das des anderen als sündhaft (3.Sg.Pass.Präs.; Gen.Sg.; Akk.n.)
tathā svakarmanirvṛttam
so das aus eigenem Werk Hervorgegangene (Adv.; Part.Perf.Pass.)
na puṇyaṃ na ca pāpakam
weder Verdienst noch Sünde (Nom.n.)
Die erste Vershälfte ist syntaktisch mehrdeutig; Wiedergabe unsicher.
yajñadānatapaḥśīlā narā vai puṇyakarmiṇaḥ; ye 'bhidruhyanti bhūtāni te vai pāpakṛto janāḥ; dravyāṇy ādadate caiva duḥkhaṃ yānti patanti ca; tato 'nyat karma yat kiṃ cin na puṇyaṃ na ca pātakam
„Menschen, die durch Opfer, Gabe, Askese und Tugend ausgezeichnet sind, sind Täter von Verdienst; die den Wesen Feindschaft antun, die sind Täter der Sünde. Sie nehmen fremde Güter an sich, gehen in Leid und fallen; jedes Werk, das davon verschieden ist, ist weder Verdienst noch Vergehen.“
Wort für Wort
yajñadānatapaḥśīlā narāḥ
Menschen, deren Wesen Opfer, Gabe, Askese ist (Nom.Pl., Bahuvrīhi)
vai puṇyakarmiṇaḥ
wahrlich Täter von Verdienst (Nom.Pl.)
ye 'bhidruhyanti bhūtāni
die den Wesen Schaden tun (Rel.Nom.; 3.Pl.Präs.; Akk.Pl.)
te vai pāpakṛto janāḥ
die sind wahrlich Sünde-Täter, Leute (Nom.Pl.)
dravyāṇy ādadate caiva
und Güter nehmen sie an sich (Akk.Pl.; 3.Pl.Präs.Med.)
duḥkhaṃ yānti patanti ca
Leid erlangen sie und fallen (Akk.; 3.Pl.Präs.)
tato 'nyat karma yat kiṃ cin
davon verschieden jedes Werk, welches auch immer (Abl.-Adv.; Nom.n.)
na puṇyaṃ na ca pātakam
weder Verdienst noch Vergehen (Nom.n.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; Subjekt der dritten Zeile (fremde Güter nehmen) ist aus dem Zusammenhang ergänzt.
„Stets isst der Nicht-Geizige mit seinen Angehörigen, von ihnen mit „Gib!“ gebeten; durch Schwinden des Glücksanteils schwinden die Vorräte, nicht durch Genuss.“
Wort für Wort
nityaṃ cākṛpaṇo bhuṅkte
und stets der Nicht-Geizige isst (Adv.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
svajanair dehi yācitaḥ
mit den Angehörigen, „gib!“ gebeten (Instr.Pl.; Imp.; Part.Perf.Pass.)
bhāgyakṣayeṇa kṣīyante
durch Schwund des Glücksanteils schwinden (Instr.Sg.; 3.Pl.Pass.Präs.)
nopabhogena saṃcayāḥ
nicht durch Genuss die Vorräte (Instr.Sg.; Nom.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; Bezug von „yācitaḥ“ (von wem gebeten) unsicher.