Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Anuśāsanaparva

Kapitel 77: gomāhātmya Lob und Segen der Kühe: Vasiṣṭhas Belehrung des Königs Saudāsa

Bhīṣma gibt Yudhiṣṭhira die Unterweisung des Vasiṣṭha an König Saudāsa über die Heiligkeit der Kühe, das Schenken von Kühen und rituelle Vorschriften im Umgang mit ihnen.

bhīṣma uvāca; etasminn eva kāle tu vasiṣṭham ṛṣisattamam

Bhīṣma sprach: Eben zu dieser Zeit aber [trat] an Vasiṣṭha, den besten der Seher, [heran] …

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
etasmin eva kāle tu
eben zu dieser Zeit aber (Lok.)
vasiṣṭham ṛṣisattamam
Vasiṣṭha, den besten der Seher (Akk. Sg.)

Der Satz setzt sich in Einheit 3 und 4 fort (Objekt Vasiṣṭha, Subjekt Saudāsa, Prädikat upacakrame).

atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam; vasiṣṭhasya ca saṃvādaṃ saudāsasya mahātmanaḥ

Hierzu erzählt man diese uralte Geschichte, das Gespräch des Vasiṣṭha mit dem hochgesinnten Saudāsa:

Wort für Wort
atra api udāharanti imam
hierzu auch führen sie an diese (3.Pl.Präs./Akk.)
itihāsaṃ purātanam
Geschichte, uralte (Akk. Sg.)
vasiṣṭhasya ca saṃvādam
und des Vasiṣṭha Gespräch (Gen./Akk. Sg.)
saudāsasya mahātmanaḥ
mit Saudāsa, dem Hochgesinnten (Gen. Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Stern-Zeile) der kritischen Ausgabe.

ikṣvākuvaṃśajo rājā saudāso dadatāṃ varaḥ

der Ikṣvāku-Sprössling, König Saudāsa, der beste unter den Gebenden,

Wort für Wort
ikṣvāku-vaṃśajaḥ
im Geschlecht des Ikṣvāku geboren (Nom. Sg.)
rājā saudāsaḥ
König Saudāsa (Nom. Sg.)
dadatāṃ varaḥ
der Beste der Gebenden (Gen. Pl. Part./Nom. Sg.)

sarvalokacaraṃ siddhaṃ brahmakośaṃ sanātanam; purohitam idaṃ praṣṭum abhivādyopacakrame

[trat] daran, den überall in den Welten Wandelnden, den Vollendeten, den ewigen Schatz des Brahman, seinen Hausgeistlichen, nach Folgendem zu fragen, nachdem er ihn ehrfürchtig begrüßt hatte.

Wort für Wort
sarvaloka-caram
in allen Welten wandelnd (Akk. Sg.)
siddhaṃ brahma-kośaṃ sanātanam
den Vollendeten, Schatz des Brahman, ewigen (Akk. Sg.)
purohitam
den Hauspriester (Akk. Sg.)
idam praṣṭum
dies zu fragen (Akk./Inf.)
abhivādya upacakrame
nach Begrüßung begann er (Abs./3.Sg.Perf.Med.)

Einheit 1, 3 und 4 bilden einen zusammenhängenden Satz.

saudāsa uvāca; trailokye bhagavan kiṃ svit pavitraṃ kathyate 'nagha

Saudāsa sprach: Was gilt in den drei Welten, o Erhabener, als das Reinigende, o Makelloser,

Wort für Wort
saudāsa uvāca
Saudāsa sprach (Perf. 3.Sg.)
trailokye bhagavan
in den drei Welten, o Erhabener (Lok./Vok.)
kiṃ svit pavitram
was wohl Reinigendes (Nom. Sg. n.)
kathyate anagha
wird gesagt, o Makelloser (3.Sg.Pass./Vok.)

lokatraye muniśreṣṭha bhagavaṃl lokabhāvana

in den drei Welten, bester der Weisen, o Erhabener, Bildner der Welt,

Wort für Wort
lokatraye
in den drei Welten (Lok. Sg.)
muni-śreṣṭha
bester der Weisen (Vok. Sg.)
bhagavan lokabhāvana
Erhabener, Erschaffer der Welt (Vok. Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Stern-Zeile); Fortsetzung des Fragesatzes.

yat kīrtayan sadā martyaḥ prāpnuyāt puṇyam uttamam

[das,] was der Sterbliche, wenn er es stets rühmt, das höchste Verdienst erlangen kann?

Wort für Wort
yat kīrtayan
was rühmend (Rel.Pron./Part.Präs.)
sadā martyaḥ
stets der Sterbliche (Nom. Sg.)
prāpnuyāt puṇyam uttamam
möge erlangen höchstes Verdienst (3.Sg.Opt./Akk.)

bhīṣma uvāca; tasmai provāca vacanaṃ praṇatāya hitaṃ tadā; gavām upaniṣad vidvān namaskṛtya gavāṃ śuciḥ

Bhīṣma sprach: Ihm, der sich verneigt hatte, sprach er damals ein heilsames Wort; der Kenner der Geheimlehre der Kühe, rein geworden, nachdem er den Kühen Verehrung dargebracht hatte:

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
tasmai provāca vacanam
zu ihm sprach er ein Wort (Dat./3.Sg.Perf./Akk.)
praṇatāya hitam tadā
dem Verneigten, Heilsames, damals (Dat. Part./Akk./Adv.)
gavām upaniṣad vidvān
der Kühe Geheimlehre, der Kundige (Gen. Pl./Akk./Nom. Sg.)
namaskṛtya gavāṃ śuciḥ
nach Verehrung der Kühe, rein (Abs./Gen. Pl./Nom. Sg.)

gavām upaniṣad: Akk. Sg. f., Objekt zu vidvān; alternativ: Kenner der Upaniṣad, d. h. der Geheimlehre, über die Kühe.

gāvaḥ surabhigandhinyas tathā guggulugandhikāḥ; gāvaḥ pratiṣṭhā bhūtānāṃ gāvaḥ svastyayanaṃ mahat

Die Kühe sind wohlriechend von Duft, und ebenso duften sie nach Guggulu-Harz; die Kühe sind die Grundlage der Wesen, die Kühe sind großes Heil.

Wort für Wort
gāvaḥ surabhi-gandhinyaḥ
Kühe, wohlduftende (Nom. Pl.)
tathā guggulu-gandhikāḥ
ebenso Guggulu-duftende (Nom. Pl.)
gāvaḥ pratiṣṭhā bhūtānām
Kühe Grundlage der Wesen (Nom. Pl./Nom. Sg./Gen. Pl.)
gāvaḥ svastyayanaṃ mahat
Kühe großes Heilmittel (Nom. Pl./Nom. Sg. n.)

gāvo bhūtaṃ bhaviṣyac ca gāvaḥ puṣṭiḥ sanātanī; gāvo lakṣmyās tathā mūlaṃ goṣu dattaṃ na naśyati; annaṃ hi satataṃ gāvo devānāṃ paramaṃ haviḥ

Die Kühe sind das Gewesene und das Künftige, die Kühe sind ewige Nahrhaftigkeit; die Kühe sind die Wurzel des Glücks [Lakṣmī]; was den Kühen gegeben ist, geht nicht verloren. Die Kühe sind ja stets Speise, die höchste Opfergabe der Götter.

Wort für Wort
gāvaḥ bhūtaṃ bhaviṣyat ca
Kühe Gewesenes und Künftiges (Nom. Pl./Nom. Sg. n.)
gāvaḥ puṣṭiḥ sanātanī
Kühe Gedeihen, ewiges (Nom. Sg. f.)
gāvaḥ lakṣmyāḥ tathā mūlam
Kühe der Lakṣmī Wurzel (Gen. Sg.)
goṣu dattaṃ na naśyati
was in Kühen gegeben, geht nicht unter (Lok. Pl./Part./3.Sg.Präs.)
annaṃ hi satataṃ gāvaḥ
Speise ja stets die Kühe (Nom.)
devānāṃ paramaṃ haviḥ
der Götter höchste Opfergabe (Gen. Pl./Nom. Sg. n.)

svāhākāravaṣaṭkārau goṣu nityaṃ pratiṣṭhitau; gāvo yajñasya hi phalaṃ goṣu yajñāḥ pratiṣṭhitāḥ

Der Ruf „svāhā“ und der Ruf „vaṣaṭ“ sind stets in den Kühen gegründet; die Kühe sind ja die Frucht des Opfers, in den Kühen sind die Opfer gegründet.

Wort für Wort
svāhākāra-vaṣaṭkārau
Svāhā-Ruf und Vaṣaṭ-Ruf (Nom. Du.)
goṣu nityaṃ pratiṣṭhitau
in Kühen stets gegründet (Lok. Pl./Adv./Part. Du.)
gāvaḥ yajñasya hi phalam
Kühe des Opfers ja Frucht (Nom. Pl./Gen./Nom. Sg.)
goṣu yajñāḥ pratiṣṭhitāḥ
in Kühen die Opfer gegründet (Lok. Pl./Nom. Pl.)

gāvo bhaviṣyaṃ bhūtaṃ ca goṣu yajñāḥ pratiṣṭhitāḥ

Die Kühe sind das Künftige und das Gewesene, in den Kühen sind die Opfer gegründet.

Wort für Wort
gāvaḥ bhaviṣyaṃ bhūtaṃ ca
Kühe Künftiges und Gewesenes (Nom. Pl./Nom. Sg. n.)
goṣu yajñāḥ pratiṣṭhitāḥ
in Kühen die Opfer gegründet (Lok. Pl./Nom. Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Stern-Zeile).

sāyaṃ prātaś ca satataṃ homakāle mahāmate; gāvo dadati vai homyam ṛṣibhyaḥ puruṣarṣabha

Abends und morgens, stets zur Zeit des Homa, o Hochgesinnter, geben die Kühe ja den Opferstoff den Sehern, o Stier unter den Männern.

Wort für Wort
sāyaṃ prātaḥ ca satatam
abends und morgens stets (Adv.)
homa-kāle mahāmate
zur Zeit des Homa, o Hochsinniger (Lok./Vok.)
gāvaḥ dadati vai homyam
die Kühe geben ja Opferstoff (3.Pl.Präs./Akk. n.)
ṛṣibhyaḥ puruṣarṣabha
den Sehern, Stier unter den Männern (Dat. Pl./Vok.)

kāni cid yāni durgāṇi duṣkṛtāni kṛtāni ca; taranti caiva pāpmānaṃ dhenuṃ ye dadati prabho

Was immer an Schwierigem und an Übeltaten getan wurde, das überwinden sie und auch die Sünde, die eine Kuh geben, o Herr.

Wort für Wort
kāni cit yāni durgāṇi
irgendwelche schwierige [Lagen] (Akk./Nom. Pl. n.)
duṣkṛtāni kṛtāni ca
und Missetaten, begangene (Nom. Pl. n.)
taranti ca eva pāpmānam
sie überwinden auch die Sünde (3.Pl.Präs./Akk. Sg.)
dhenuṃ ye dadati prabho
die Milchkuh, welche geben, o Herr (Akk./Rel.Pron./3.Pl.Präs./Vok.)

Syntax knapp: „durgāṇi duṣkṛtāni“ als Objekt des Überquerens gefasst [?]; der Bezug von kāni cit yāni ist locker.

ekāṃ ca daśagur dadyād daśa dadyāc ca gośatī; śataṃ sahasragur dadyāt sarve tulyaphalā hi te

Wer zehn Kühe besitzt, gebe eine; wer hundert besitzt, gebe zehn; wer tausend Kühe besitzt, gebe hundert: alle diese haben ja gleiche Frucht.

Wort für Wort
ekāṃ ca daśa-guḥ dadyāt
eine, und der Zehnkuhbesitzer gebe (Akk./Nom./3.Sg.Opt.)
daśa dadyāt ca gośatī
zehn gebe, und der Hundertkuhbesitzer (Akk./3.Sg.Opt./Nom.)
śataṃ sahasra-guḥ dadyāt
hundert gebe der Tausendkuhbesitzer (Akk./Nom./3.Sg.Opt.)
sarve tulya-phalāḥ hi te
alle gleichfruchtig ja diese (Nom. Pl.)

Verhältnis jeweils ein Zehntel des Besitzes; daher wird die Konstruktion (ekām … daśagur, daśa … gośatī, śataṃ … sahasragur) so gedeutet.

anāhitāgniḥ śatagur ayajvā ca sahasraguḥ; samṛddho yaś ca kīnāśo nārghyam arhanti te trayaḥ

Wer kein Feueropfer-Feuer eingerichtet hat, [aber] hundert Kühe besitzt; wer kein Opfer darbringt, [aber] tausend Kühe besitzt; und der Reiche, der ein Geizhals ist: diese drei verdienen keine Gastgabe.

Wort für Wort
anāhitāgniḥ śata-guḥ
ohne eingerichtete Feuer, hundert Kühe habend (Nom. Sg.)
ayajvā ca sahasra-guḥ
und ohne Opfer, tausend Kühe habend (Nom. Sg.)
samṛddhaḥ yaḥ ca kīnāśaḥ
und der Wohlhabende, der Geizhals (Nom. Sg.)
na arghyam arhanti te trayaḥ
nicht Ehrengabe verdienen diese drei (3.Pl.Präs./Akk./Nom. Pl.)

kapilāṃ ye prayacchanti savatsāṃ kāṃsyadohanām; suvratāṃ vastrasaṃvītām ubhau lokau jayanti te

Diejenigen, die eine rötlich-braune Kuh mit Kalb, mit Messing-Melkgefäß, folgsam und in ein Gewand gehüllt, schenken, erobern beide Welten.

Wort für Wort
kapilāṃ ye prayacchanti
die eine kapilā-Kuh schenken (Akk./Rel./3.Pl.Präs.)
sa-vatsāṃ kāṃsya-dohanām
mit Kalb, mit Messing-Melkgefäß (Akk. Sg.)
su-vratām vastra-saṃvītām
gut zu handhaben, in Gewand gehüllt (Akk. Sg.)
ubhau lokau jayanti te
beide Welten gewinnen sie (Akk. Du./3.Pl.Präs.)

suvratā: „von gutem Gelübde“ bzw. „gutartig, folgsam“ [?].

yuvānam indriyopetaṃ śatena saha yūthapam; gavendraṃ brāhmaṇendrāya bhūriśṛṅgam alaṃkṛtam

Einen jungen, mit starken Sinnen [Kräften] ausgestatteten, samt hundert [Kühen] Herdenführer, einen Herrn der Rinder, vielhörnig, geschmückt, [als Stierfürsten] einem Brāhmaṇa-Fürsten,

Wort für Wort
yuvānam indriya-upetam
einen jungen, mit Kraft ausgestatteten (Akk. Sg.)
śatena saha yūthapam
mit hundert zusammen, Herdenführer (Instr./Akk.)
gava-indram
Rinder-Fürst (Akk. Sg.)
brāhmaṇa-indrāya
einem Brāhmaṇa-Fürsten (Dat. Sg.)
bhūri-śṛṅgam alaṃkṛtam
vielhörnig, geschmückt (Akk. Sg.)

Der Satz setzt sich in Einheit 19 fort.

vṛṣabhaṃ ye prayacchanti śrotriyāya paraṃtapa; aiśvaryaṃ te 'bhijāyante jāyamānāḥ punaḥ punaḥ

– einen Stier, die schenken, o Bezwinger der Feinde, an einen Vedakundigen [Śrotriya], die werden [in Wiedergeburten] zu Machthabern geboren, wenn sie immer wieder geboren werden.

Wort für Wort
vṛṣabhaṃ ye prayacchanti
einen Stier, welche schenken (Akk./Rel./3.Pl.Präs.)
śrotriyāya paraṃtapa
dem Vedakundigen, Bezwinger der Feinde (Dat./Vok.)
aiśvaryaṃ te abhijāyante
Herrschaft [erlangen] sie, werden geboren (Akk./3.Pl.Präs.Med.)
jāyamānāḥ punaḥ punaḥ
geboren werdend, immer wieder (Part.Nom. Pl./Adv.)

aiśvaryam abhijāyante: „werden zur Herrschaft/Macht geboren“, d. h. mit Macht ausgestattet [?].

nākīrtayitvā gāḥ supyān nāsmṛtya punar utpatet; sāyaṃ prātar namasyec ca gās tataḥ puṣṭim āpnuyāt

Man soll nicht schlafen, ohne die Kühe gepriesen zu haben; man soll nicht aufstehen, ohne an sie gedacht zu haben; abends und morgens soll man die Kühe verehren; dadurch erlangt man Gedeihen.

Wort für Wort
na akīrtayitvā gāḥ supyāt
nicht ohne die Kühe gepriesen, soll man schlafen (Abs./Akk. Pl./3.Sg.Opt.)
na asmṛtya punaḥ utpatet
nicht ohne gedacht zu haben, wieder aufstehen (Abs./3.Sg.Opt.)
sāyaṃ prātaḥ namasyet ca gāḥ
abends, morgens verehre man die Kühe (3.Sg.Opt./Akk. Pl.)
tataḥ puṣṭim āpnuyāt
dadurch erlange man Gedeihen (3.Sg.Opt.)

gavāṃ mūtrapurīṣasya nodvijeta kadā cana; na cāsāṃ māṃsam aśnīyād gavāṃ vyuṣṭiṃ tathāśnute

Vor dem Urin und Dung der Kühe soll man niemals zurückschrecken, und ihr Fleisch soll man nicht essen; so erlangt man das Glück der Kühe [Segen].

Wort für Wort
gavāṃ mūtra-purīṣasya
der Kühe Urin und Dung (Gen.)
na udvijeta kadā cana
nicht schaudere man je (3.Sg.Opt.Med.)
na ca āsām māṃsam aśnīyāt
und nicht von ihnen Fleisch esse man (3.Sg.Opt.)
gavāṃ vyuṣṭiṃ tathā aśnute
der Kühe Glanz/Segen so erlangt man (Akk./3.Sg.Präs.Med.)

vyuṣṭi: „Aufleuchten, Wohlergehen, Segen“ [?].

gāś ca saṃkīrtayen nityaṃ nāvamanyeta gās tathā; aniṣṭaṃ svapnam ālakṣya gāṃ naraḥ saṃprakīrtayet

Und man soll die Kühe stets rühmen und sie nicht geringschätzen; wenn der Mensch einen bösen Traum bemerkt hat, soll er die Kuh preisen.

Wort für Wort
gāḥ ca saṃkīrtayet nityam
und die Kühe rühme man stets (Akk./3.Sg.Opt.)
na avamanyeta gāḥ tathā
nicht missachte man die Kühe ebenso (3.Sg.Opt.Med.)
aniṣṭaṃ svapnam ālakṣya
einen üblen Traum bemerkt habend (Akk./Abs.)
gāṃ naraḥ saṃprakīrtayet
die Kuh der Mensch preise (Akk./Nom./3.Sg.Opt.)

gomayena sadā snāyād gokarīṣe ca saṃviśet; śleṣmamūtrapurīṣāṇi pratighātaṃ ca varjayet

Man soll sich stets mit Kuhdung waschen und sich auf Kuhmist-Fladen niederlassen; Schleim, Urin und Kot [dort] und Anstoß [Verletzung, Schlagen der Kühe] soll man meiden.

Wort für Wort
gomayena sadā snāyāt
mit Kuhdung stets bade man (Instr./3.Sg.Opt.)
go-karīṣe ca saṃviśet
und auf Kuh-Mist setze man sich (Lok./3.Sg.Opt.)
śleṣma-mūtra-purīṣāṇi
Schleim, Urin, Kot (Akk. Pl.)
pratighātaṃ ca varjayet
und das Schlagen/Beeinträchtigen meide man (Akk./3.Sg.Opt.)

pratighāta: „Schlag, Verletzung“, hier wohl gegenüber den Kühen bzw. „Behinderung“ [?].

sārdracarmaṇi bhuñjīta nirīkṣan vāruṇīṃ diśam; vāgyataḥ sarpiṣā bhūmau gavāṃ vyuṣṭiṃ tathāśnute

Man soll auf einer feuchten Haut essen, den Blick nach der Westgegend [Varuṇas] gerichtet, schweigsam, mit Ghee [versehen] auf dem Boden; so erlangt man das Glück der Kühe.

Wort für Wort
sa-ārdra-carmaṇi bhuñjīta
auf einer feuchten Haut esse man (Lok./3.Sg.Opt.Med.)
nirīkṣan vāruṇīṃ diśam
blickend nach der Varuṇa-Gegend (Part./Akk.)
vāg-yataḥ sarpiṣā bhūmau
mit gezügelter Rede, mit Ghee, auf dem Boden (Nom./Instr./Lok.)
gavāṃ vyuṣṭiṃ tathā aśnute
der Kühe Segen so erlangt man (Akk./3.Sg.Präs.Med.)

sārdracarman: sa-ārdra-carman „mit feuchtem Fell“; die Stellung des sarpiṣā (mit Ghee) im Satz ist knapp [?].

ghṛtena juhuyād agniṃ ghṛtena svasti vācayet; ghṛtaṃ dadyād ghṛtaṃ prāśed gavāṃ vyuṣṭiṃ tathāśnute

Mit Ghee soll man das Feuer opfern, mit Ghee einen Segensspruch sprechen lassen; Ghee soll man geben, Ghee soll man genießen; so erlangt man das Glück der Kühe.

Wort für Wort
ghṛtena juhuyāt agnim
mit Ghee opfere man ins Feuer (Instr./3.Sg.Opt./Akk.)
ghṛtena svasti vācayet
mit Ghee Segensspruch sprechen lasse man (Instr./Akk./3.Sg.Kaus.Opt.)
ghṛtaṃ dadyāt ghṛtaṃ prāśet
Ghee gebe man, Ghee genieße man (Akk./3.Sg.Opt.)
gavāṃ vyuṣṭiṃ tathā aśnute
der Kühe Segen so erlangt man (Akk./3.Sg.Präs.Med.)

gomatyā vidyayā dhenuṃ tilānām abhimantrya yaḥ; rasaratnamayīṃ dadyān na sa śocet kṛtākṛte

Wer eine Milchkuh, nachdem er Sesamkörner mit dem Kuh-Spruch [gomatī vidyā] geweiht hat, als aus Saft und Juwelen bestehend schenkt, der braucht sich um Getanes und Ungetanes nicht zu grämen.

Wort für Wort
gomatyā vidyayā
mit dem Gomatī-Spruch (Instr. Sg. f.)
dhenuṃ tilānām abhimantrya yaḥ
eine Milchkuh von Sesam, geweiht habend, wer (Akk./Gen. Pl./Abs./Rel.)
rasa-ratna-mayīṃ dadyāt
aus Saft und Juwelen bestehende gebe (Akk./3.Sg.Opt.)
na sa śocet kṛta-akṛte
nicht er soll sich grämen über Getanes und Ungetanes (3.Sg.Opt./Lok.)

tilānām dhenum: eine Sesam-Kuh (Sesamkörner-Nachbildung einer Kuh); rasa-ratna-mayī: aus Saft-[Aroma] und Juwelen bestehend [?].

gāvo mām upatiṣṭhantu hemaśṛṅgāḥ payomucaḥ; surabhyaḥ saurabheyāś ca saritaḥ sāgaraṃ yathā

„Die Kühe sollen zu mir kommen, goldhörnig, Milch spendend, wohlduftend, die Nachkommen der Surabhi, wie Flüsse zum Meer.“

Wort für Wort
gāvaḥ mām upatiṣṭhantu
die Kühe sollen zu mir treten (Nom. Pl./Akk./3.Pl.Imp.)
hema-śṛṅgāḥ payomucaḥ
goldhörnig, Milch spendend (Nom. Pl.)
surabhyaḥ saurabheyāḥ ca
Wohlduftende und Surabhi-Nachkommen (Nom. Pl.)
saritaḥ sāgaraṃ yathā
wie Flüsse zum Meer (Nom. Pl./Akk./Adv.)

Der Vers ist ein wörtlich zu sprechender Spruch; „sāgaram yathā“: die Konstruktion mit upatiṣṭhantu wird auch zu den Flüssen bezogen.

gāvaḥ paśyantu māṃ nityaṃ gāvaḥ paśyāmy ahaṃ tadā; gāvo 'smākaṃ vayaṃ tāsāṃ yato gāvas tato vayam

„Die Kühe sollen mich stets ansehen, ich sehe die Kühe [dann] an; die Kühe gehören uns, wir gehören ihnen; wo die Kühe sind, dort sind wir.“

Wort für Wort
gāvaḥ paśyantu mām nityam
die Kühe sollen mich stets anblicken (Nom. Pl./3.Pl.Imp./Akk./Adv.)
gāvaḥ paśyāmi aham tadā
die Kühe sehe ich dann (Akk. Pl./1.Sg.Präs./Nom.)
gāvaḥ asmākam vayam tāsām
die Kühe unser, wir ihrer (Nom. Pl./Gen. Pl.)
yataḥ gāvaḥ tataḥ vayam
wo die Kühe, dort wir (Adv.)

evaṃ rātrau divā caiva sameṣu viṣameṣu ca; mahābhayeṣu ca naraḥ kīrtayan mucyate bhayāt

So wird der Mensch bei Nacht und bei Tage, in ebenen und in schwierigen [Lagen] und in großen Gefahren, wenn er dies rühmt, aus der Furcht [Gefahr] befreit.

Wort für Wort
evaṃ rātrau divā ca eva
so nachts und tags (Adv./Lok.)
sameṣu viṣameṣu ca
in ebenen und unebenen [Lagen] (Lok. Pl.)
mahā-bhayeṣu ca
und in großen Gefahren (Lok. Pl.)
naraḥ kīrtayan mucyate bhayāt
der Mensch, rühmend, wird befreit von Furcht (Nom./Part./3.Sg.Pass./Abl.)

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