Kapitel 77: gomāhātmya
Lob und Segen der Kühe: Vasiṣṭhas Belehrung des Königs Saudāsa
Bhīṣma gibt Yudhiṣṭhira die Unterweisung des Vasiṣṭha an König Saudāsa über die Heiligkeit der Kühe, das Schenken von Kühen und rituelle Vorschriften im Umgang mit ihnen.
[trat] daran, den überall in den Welten Wandelnden, den Vollendeten, den ewigen Schatz des Brahman, seinen Hausgeistlichen, nach Folgendem zu fragen, nachdem er ihn ehrfürchtig begrüßt hatte.
Wort für Wort
sarvaloka-caram
in allen Welten wandelnd (Akk. Sg.)
siddhaṃ brahma-kośaṃ sanātanam
den Vollendeten, Schatz des Brahman, ewigen (Akk. Sg.)
purohitam
den Hauspriester (Akk. Sg.)
idam praṣṭum
dies zu fragen (Akk./Inf.)
abhivādya upacakrame
nach Begrüßung begann er (Abs./3.Sg.Perf.Med.)
Einheit 1, 3 und 4 bilden einen zusammenhängenden Satz.
Bhīṣma sprach: Ihm, der sich verneigt hatte, sprach er damals ein heilsames Wort; der Kenner der Geheimlehre der Kühe, rein geworden, nachdem er den Kühen Verehrung dargebracht hatte:
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
tasmai provāca vacanam
zu ihm sprach er ein Wort (Dat./3.Sg.Perf./Akk.)
praṇatāya hitam tadā
dem Verneigten, Heilsames, damals (Dat. Part./Akk./Adv.)
gavām upaniṣad vidvān
der Kühe Geheimlehre, der Kundige (Gen. Pl./Akk./Nom. Sg.)
namaskṛtya gavāṃ śuciḥ
nach Verehrung der Kühe, rein (Abs./Gen. Pl./Nom. Sg.)
gavām upaniṣad: Akk. Sg. f., Objekt zu vidvān; alternativ: Kenner der Upaniṣad, d. h. der Geheimlehre, über die Kühe.
gāvo bhūtaṃ bhaviṣyac ca gāvaḥ puṣṭiḥ sanātanī; gāvo lakṣmyās tathā mūlaṃ goṣu dattaṃ na naśyati; annaṃ hi satataṃ gāvo devānāṃ paramaṃ haviḥ
Die Kühe sind das Gewesene und das Künftige, die Kühe sind ewige Nahrhaftigkeit; die Kühe sind die Wurzel des Glücks [Lakṣmī]; was den Kühen gegeben ist, geht nicht verloren. Die Kühe sind ja stets Speise, die höchste Opfergabe der Götter.
Wort für Wort
gāvaḥ bhūtaṃ bhaviṣyat ca
Kühe Gewesenes und Künftiges (Nom. Pl./Nom. Sg. n.)
gāvaḥ puṣṭiḥ sanātanī
Kühe Gedeihen, ewiges (Nom. Sg. f.)
gāvaḥ lakṣmyāḥ tathā mūlam
Kühe der Lakṣmī Wurzel (Gen. Sg.)
goṣu dattaṃ na naśyati
was in Kühen gegeben, geht nicht unter (Lok. Pl./Part./3.Sg.Präs.)
annaṃ hi satataṃ gāvaḥ
Speise ja stets die Kühe (Nom.)
devānāṃ paramaṃ haviḥ
der Götter höchste Opfergabe (Gen. Pl./Nom. Sg. n.)
anāhitāgniḥ śatagur ayajvā ca sahasraguḥ; samṛddho yaś ca kīnāśo nārghyam arhanti te trayaḥ
Wer kein Feueropfer-Feuer eingerichtet hat, [aber] hundert Kühe besitzt; wer kein Opfer darbringt, [aber] tausend Kühe besitzt; und der Reiche, der ein Geizhals ist: diese drei verdienen keine Gastgabe.
Wort für Wort
anāhitāgniḥ śata-guḥ
ohne eingerichtete Feuer, hundert Kühe habend (Nom. Sg.)
ayajvā ca sahasra-guḥ
und ohne Opfer, tausend Kühe habend (Nom. Sg.)
samṛddhaḥ yaḥ ca kīnāśaḥ
und der Wohlhabende, der Geizhals (Nom. Sg.)
na arghyam arhanti te trayaḥ
nicht Ehrengabe verdienen diese drei (3.Pl.Präs./Akk./Nom. Pl.)
yuvānam indriyopetaṃ śatena saha yūthapam; gavendraṃ brāhmaṇendrāya bhūriśṛṅgam alaṃkṛtam
Einen jungen, mit starken Sinnen [Kräften] ausgestatteten, samt hundert [Kühen] Herdenführer, einen Herrn der Rinder, vielhörnig, geschmückt, [als Stierfürsten] einem Brāhmaṇa-Fürsten,
vṛṣabhaṃ ye prayacchanti śrotriyāya paraṃtapa; aiśvaryaṃ te 'bhijāyante jāyamānāḥ punaḥ punaḥ
– einen Stier, die schenken, o Bezwinger der Feinde, an einen Vedakundigen [Śrotriya], die werden [in Wiedergeburten] zu Machthabern geboren, wenn sie immer wieder geboren werden.
Wort für Wort
vṛṣabhaṃ ye prayacchanti
einen Stier, welche schenken (Akk./Rel./3.Pl.Präs.)
śrotriyāya paraṃtapa
dem Vedakundigen, Bezwinger der Feinde (Dat./Vok.)
aiśvaryaṃ te abhijāyante
Herrschaft [erlangen] sie, werden geboren (Akk./3.Pl.Präs.Med.)
jāyamānāḥ punaḥ punaḥ
geboren werdend, immer wieder (Part.Nom. Pl./Adv.)
aiśvaryam abhijāyante: „werden zur Herrschaft/Macht geboren“, d. h. mit Macht ausgestattet [?].
Man soll nicht schlafen, ohne die Kühe gepriesen zu haben; man soll nicht aufstehen, ohne an sie gedacht zu haben; abends und morgens soll man die Kühe verehren; dadurch erlangt man Gedeihen.
Wort für Wort
na akīrtayitvā gāḥ supyāt
nicht ohne die Kühe gepriesen, soll man schlafen (Abs./Akk. Pl./3.Sg.Opt.)
na asmṛtya punaḥ utpatet
nicht ohne gedacht zu haben, wieder aufstehen (Abs./3.Sg.Opt.)
sāyaṃ prātaḥ namasyet ca gāḥ
abends, morgens verehre man die Kühe (3.Sg.Opt./Akk. Pl.)
gomayena sadā snāyād gokarīṣe ca saṃviśet; śleṣmamūtrapurīṣāṇi pratighātaṃ ca varjayet
Man soll sich stets mit Kuhdung waschen und sich auf Kuhmist-Fladen niederlassen; Schleim, Urin und Kot [dort] und Anstoß [Verletzung, Schlagen der Kühe] soll man meiden.
Wort für Wort
gomayena sadā snāyāt
mit Kuhdung stets bade man (Instr./3.Sg.Opt.)
go-karīṣe ca saṃviśet
und auf Kuh-Mist setze man sich (Lok./3.Sg.Opt.)
śleṣma-mūtra-purīṣāṇi
Schleim, Urin, Kot (Akk. Pl.)
pratighātaṃ ca varjayet
und das Schlagen/Beeinträchtigen meide man (Akk./3.Sg.Opt.)
pratighāta: „Schlag, Verletzung“, hier wohl gegenüber den Kühen bzw. „Behinderung“ [?].
Man soll auf einer feuchten Haut essen, den Blick nach der Westgegend [Varuṇas] gerichtet, schweigsam, mit Ghee [versehen] auf dem Boden; so erlangt man das Glück der Kühe.
Wort für Wort
sa-ārdra-carmaṇi bhuñjīta
auf einer feuchten Haut esse man (Lok./3.Sg.Opt.Med.)
nirīkṣan vāruṇīṃ diśam
blickend nach der Varuṇa-Gegend (Part./Akk.)
vāg-yataḥ sarpiṣā bhūmau
mit gezügelter Rede, mit Ghee, auf dem Boden (Nom./Instr./Lok.)
gavāṃ vyuṣṭiṃ tathā aśnute
der Kühe Segen so erlangt man (Akk./3.Sg.Präs.Med.)
sārdracarman: sa-ārdra-carman „mit feuchtem Fell“; die Stellung des sarpiṣā (mit Ghee) im Satz ist knapp [?].
Mit Ghee soll man das Feuer opfern, mit Ghee einen Segensspruch sprechen lassen; Ghee soll man geben, Ghee soll man genießen; so erlangt man das Glück der Kühe.
Wort für Wort
ghṛtena juhuyāt agnim
mit Ghee opfere man ins Feuer (Instr./3.Sg.Opt./Akk.)
ghṛtena svasti vācayet
mit Ghee Segensspruch sprechen lasse man (Instr./Akk./3.Sg.Kaus.Opt.)
ghṛtaṃ dadyāt ghṛtaṃ prāśet
Ghee gebe man, Ghee genieße man (Akk./3.Sg.Opt.)
gavāṃ vyuṣṭiṃ tathā aśnute
der Kühe Segen so erlangt man (Akk./3.Sg.Präs.Med.)
gomatyā vidyayā dhenuṃ tilānām abhimantrya yaḥ; rasaratnamayīṃ dadyān na sa śocet kṛtākṛte
Wer eine Milchkuh, nachdem er Sesamkörner mit dem Kuh-Spruch [gomatī vidyā] geweiht hat, als aus Saft und Juwelen bestehend schenkt, der braucht sich um Getanes und Ungetanes nicht zu grämen.
Wort für Wort
gomatyā vidyayā
mit dem Gomatī-Spruch (Instr. Sg. f.)
dhenuṃ tilānām abhimantrya yaḥ
eine Milchkuh von Sesam, geweiht habend, wer (Akk./Gen. Pl./Abs./Rel.)
rasa-ratna-mayīṃ dadyāt
aus Saft und Juwelen bestehende gebe (Akk./3.Sg.Opt.)
na sa śocet kṛta-akṛte
nicht er soll sich grämen über Getanes und Ungetanes (3.Sg.Opt./Lok.)
tilānām dhenum: eine Sesam-Kuh (Sesamkörner-Nachbildung einer Kuh); rasa-ratna-mayī: aus Saft-[Aroma] und Juwelen bestehend [?].
So wird der Mensch bei Nacht und bei Tage, in ebenen und in schwierigen [Lagen] und in großen Gefahren, wenn er dies rühmt, aus der Furcht [Gefahr] befreit.
Wort für Wort
evaṃ rātrau divā ca eva
so nachts und tags (Adv./Lok.)
sameṣu viṣameṣu ca
in ebenen und unebenen [Lagen] (Lok. Pl.)
mahā-bhayeṣu ca
und in großen Gefahren (Lok. Pl.)
naraḥ kīrtayan mucyate bhayāt
der Mensch, rühmend, wird befreit von Furcht (Nom./Part./3.Sg.Pass./Abl.)