yudhiṣṭhira uvāca; yathā jyeṣṭhaḥ kaniṣṭheṣu vartate bharatarṣabha; kaniṣṭhāś ca yathā jyeṣṭhe varteraṃs tad bravīhi me
Yudhiṣṭhira sprach: „Wie der Älteste sich gegenüber den Jüngeren verhält, o Stier der Bharatas, und wie die Jüngeren sich gegenüber dem Ältesten verhalten sollten, das sage mir.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
yathā jyeṣṭhaḥ kaniṣṭheṣu vartate
wie der Älteste unter den Jüngeren sich verhält (Nom./Lok.Pl./3.Sg.Präs.)
bharatarṣabha
o Stier der Bharatas (Vok.)
kaniṣṭhāś ca yathā jyeṣṭhe varteraṃs
und wie die Jüngeren gegenüber dem Ältesten sich verhalten sollten (Nom.Pl./Lok./3.Pl.Opt.)
Bhīṣma sprach: „Verhalte dich wie ein Ältester, Lieber, denn du bist stets der Älteste. Das Verhalten dem Guru gegenüber ist gewichtiger [als anderes], und das, o Bhārata, ist das des Schülers.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
jyeṣṭhavat tāta vartasva
wie ein Ältester, Lieber, verhalte dich (Adv./Vok./Imp.Med.)
jyeṣṭho hi satataṃ bhavān
denn der Älteste [bist] stets du (Nom.)
guror garīyasī vṛttir
das Verhalten gegenüber dem Guru ist gewichtiger (Gen./Nom.Fem.Komp.)
yā cec chiṣyasya bhārata
das [Verhalten] auch des Schülers [?], o Bhārata (Gen./Vok.)
Der zweite Halbvers (yā cec chiṣyasya) ist syntaktisch knapp und nur unsicher wiederzugeben.
na gurāv akṛtaprajñe śakyaṃ śiṣyeṇa vartitum; guror hi dīrghadarśitvaṃ yat tac chiṣyasya bhārata
Gegenüber einem Guru ohne geschulte Einsicht kann ein Schüler sich nicht [recht] verhalten; denn die Weitsicht des Gurus, die ist auch die des Schülers, o Bhārata.
Wort für Wort
na gurāv akṛtaprajñe
nicht bei einem Guru ohne geschulte Einsicht (Lok.)
śakyaṃ śiṣyeṇa vartitum
ist möglich für den Schüler, sich zu verhalten (Instr./Inf.)
guror hi dīrghadarśitvaṃ
denn die Weitsicht des Gurus (Gen./Nom.n.)
yat tac chiṣyasya bhārata
was diese [ist], [gilt] des Schülers, o Bhārata (Gen./Vok.)
andhaḥ syād andhavelāyāṃ jaḍaḥ syād api vā budhaḥ; parihāreṇa tad brūyād yas teṣāṃ syād vyatikramaḥ
Blind sei er zur Zeit der Blindheit, stumpf sei er oder auch [sonst] klug; nur mit Umgehung [der Kränkung] soll er es sagen, wenn einer von ihnen einen Fehltritt begeht.
Wort für Wort
andhaḥ syād andhavelāyāṃ
blind sei er zur Zeit des Blindseins (3.Sg.Opt./Lok.)
jaḍaḥ syād api vā budhaḥ
stumpf sei er oder auch klug (Nom.)
parihāreṇa tad brūyād
mit Schonung soll er dies sagen (Instr./3.Sg.Opt.)
yas teṣāṃ syād vyatikramaḥ
wenn von diesen ein Verstoß vorliegt (Gen.Pl./Nom./3.Sg.Opt.)
Menschen mit gespaltenem Herzen würden vor aller Augen das Geschaffene zerstören, vom Glanz [fremden] Wohlstands erhitzt, Kaunteya, ebenso Feinde, die Zwietracht wollen.
Wort für Wort
pratyakṣaṃ bhinnahṛdayā
offen, mit gespaltenem Herzen (Adv./Nom.Pl.)
bhedayeyuḥ kṛtaṃ narāḥ
würden das Getane entzweien [?], die Männer (3.Pl.Kaus.Opt./Akk./Nom.Pl.)
śriyābhitaptāḥ kaunteya
von Glück/Glanz erhitzt, o Kaunteya (Instr./Nom.Pl./Vok.)
bhedakāmās tathārayaḥ
zur Spaltung Verlangende, ebenso Feinde (Nom.Pl.)
Der Halbvers pratyakṣaṃ … kṛtaṃ ist im Sinn unsicher; kṛtam wohl als das Gemeinschaftswerk der Familie.
Der Älteste lässt die Familie wachsen, oder er richtet sie wieder zugrunde; der Älteste vernichtet alles, wenn er in einer Familie als Unwürdiger geboren wird.
Wort für Wort
jyeṣṭhaḥ kulaṃ vardhayati
der Älteste lässt die Familie wachsen (Nom./Akk./3.Sg.Kaus.)
vināśayati vā punaḥ
oder richtet [sie] wieder zugrunde (3.Sg.Kaus.)
hanti sarvam api jyeṣṭhaḥ
zerstört auch alles, der Älteste (3.Sg.Präs.)
kulaṃ yatrāvajāyate
die Familie, wo er schlecht geboren wird (Akk./Adv./3.Sg.Med.)
atha yo vinikurvīta jyeṣṭho bhrātā yavīyasaḥ; ajyeṣṭhaḥ syād abhāgaś ca niyamyo rājabhiś ca saḥ
Wenn aber der älteste Bruder dem jüngeren Unrecht tut, so soll er nicht [mehr] als Ältester gelten, ohne Anteil sein und von den Königen gezügelt werden.
Wort für Wort
atha yo vinikurvīta
wenn aber einer Unrecht tut (3.Sg.Opt.Med.)
jyeṣṭho bhrātā yavīyasaḥ
der älteste Bruder dem jüngeren (Nom./Gen.Komp.)
ajyeṣṭhaḥ syād abhāgaś ca
nicht Ältester sei er und anteillos (3.Sg.Opt.)
niyamyo rājabhiś ca saḥ
und zu zügeln von den Königen, er (Gerundiv/Instr.Pl.)
anujaṃ hi pitur dāyo jaṅghāśramaphalo 'dhvagaḥ; svayam īhitalabdhaṃ tu nākāmo dātum arhati
Dem Jüngeren [gehört] das Erbe vom Vater, wie dem Wanderer der Lohn der Mühe seiner Schenkel; was aber jemand durch eigenes Streben erworben hat, braucht er gegen seinen Willen nicht zu geben.
Wort für Wort
anujaṃ hi pitur dāyo
denn dem Jüngeren [gehört] das Erbe des Vaters (Akk./Gen./Nom.)
jaṅghāśramaphalo 'dhvagaḥ
der Wanderer, dessen Lohn die Schenkelmühe ist (Nom.)
svayam īhitalabdhaṃ tu
was aber durch eigenes Streben erworben ist (Nom.n.Part.)
nākāmo dātum arhati
nicht gegen seinen Willen darf man geben (Nom./Inf./3.Sg.)
Sinn des ersten Halbverses und Bezug des zweiten unsicher [?].
Sei es eine Frau, sei es ein Jüngerer: wenn er das Bessere erkennt, so soll man handeln; denn das Bessere nennen sie Dharma, so wissen es die Kenner des Dharma.
Wort für Wort
yadi strī yady avarajaḥ
sei es eine Frau, sei es ein Jüngerer (Nom.)
śreyaḥ paśyet tathācaret
das Bessere er sähe, so handle man (Akk./3.Sg.Opt.)
dharmaṃ hi śreya ity āhur
denn den Dharma [als] das Bessere nennen sie (Akk./3.Pl.Perf.)
Durch [ihr] Gewicht übertrifft sie [alle]; es gibt keinen Guru, der der Mutter gleich wäre. Und weil die Mutter gewichtiger ist, deshalb achten die Menschen sie [so].
Wort für Wort
gauraveṇābhibhavati
durch Gewicht übertrifft sie (Instr./3.Sg.)
nāsti mātṛsamo guruḥ
es gibt keinen der Mutter gleichen Guru (3.Sg./Nom.)
mātā garīyasī yac ca
und dass die Mutter gewichtiger ist (Nom.Fem.Komp.)
tenaitāṃ manyate janaḥ
deshalb hält/achtet sie das Volk (Instr./Akk./3.Sg.Med.)
Den Körper erzeugen diese beiden, Vater und Mutter, o Bhārata; die Geburt aber, die der Lehrer durch Unterweisung bewirkt, die ist wahr, alterslos und unsterblich.
Wort für Wort
śarīram etau sṛjataḥ
den Körper bringen diese beiden hervor (Akk./Nom.Du./3.Du.)
pitā mātā ca bhārata
Vater und Mutter, o Bhārata (Nom./Vok.)
ācāryaśāstā yā jātiḥ
die Geburt, die durch Lehrerunterweisung [geschieht] (Nom.f.)