Kapitel 127: umāmaheśvarasaṃvādaḥ
Das Gespräch zwischen Umā und Maheśvara über das dritte Auge und Śivas Gestalten
Bhīṣma erzählt Kṛṣṇa ein von Nārada berichtetes Gespräch: Umā verhüllt scherzhaft Śivas Augen, worauf die Welt in Finsternis fällt und Śiva sein drittes Auge hervorbringt; danach fragt sie ihn nach dem Grund seiner Gestalt und seiner Kennzeichen.
Er war reich an vielerlei Heilkräutern, lieblich, voll von mannigfachen Blumen, dicht besetzt mit Scharen von Apsaras und von Scharen von Wesen (Bhūtas) besucht.
Wort für Wort
nānauṣadhiyute ramye
mit vielerlei Kräutern versehen, lieblich (Lok.Sg.m.)
tatra devo mudā yukto bhūtasaṃghaśatair vṛtaḥ; nānārūpair virūpaiś ca divyair adbhutadarśanaiḥ
Dort war der Gott voll Freude, umgeben von Hunderten von Scharen von Bhūtas, von vielgestaltigen und missgestalteten, göttlichen, von wunderbarem Anblick.
Wort für Wort
tatra devaḥ mudā yuktaḥ
dort der Gott, mit Freude verbunden (Nom.Sg.m.; Instr.)
bhūtasaṃghaśataiḥ vṛtaḥ
von hundert Bhūta-Scharen umgeben (Instr.Pl.; Part.Pass.)
nānārūpaiḥ virūpaiḥ ca
von vielgestaltigen und missgestalteten (Instr.Pl.)
Sie glichen Löwen, Tigern und Elefanten, gehörten allen Arten an; sie hatten Gesichter von Schakalen und Panthern, ebenso Gesichter von Bären und Stieren.
Mit Eulengesichtern, furchtbar, ebenso mit Gesichtern von Falken und Bhāsa-Vögeln; Tieren von mancherlei Farben gleichend, aus allen Arten zusammengesetzt; ferner umgeben von Kiṃnaras, Göttern und Gandharvas sowie von Scharen der Yakṣas und Bhūtas.
Wort für Wort
ulūkavadanaiḥ bhīmaiḥ
mit Eulengesichtern, furchtbaren (Instr.Pl.)
śyenabhāsamukhaiḥ tathā
mit Falken- und Bhāsa-Gesichtern, ebenso (Instr.Pl.)
nānāvarṇamṛgaprakhyaiḥ
Tieren verschiedener Farben ähnlich (Instr.Pl.)
sarvajātisamanvayaiḥ
aus allen Arten bestehend (Instr.Pl.)
kiṃnarair devagandharvaiḥ
von Kiṃnaras, Göttern und Gandharvas (Instr.Pl.)
yakṣabhūtagaṇaiḥ tathā
von Yakṣa- und Bhūta-Scharen, ebenso (Instr.Pl.)
Der Vers ist in der Konstruktion locker; die Instrumentale hängen von vṛtaḥ (V. 4) ab.
divyapuṣpasamākīrṇaṃ divyamālāvibhūṣitam; divyacandanasaṃyuktaṃ divyadhūpena dhūpitam; tat sado vṛṣabhāṅkasya divyavāditranāditam
Jene Versammlungshalle des Stierzeichenträgers war mit göttlichen Blumen bestreut, mit göttlichen Girlanden geschmückt, mit göttlichem Sandelholz versehen, mit göttlichem Weihrauch durchräuchert und von göttlichen Instrumentenklängen erfüllt.
Wort für Wort
divyapuṣpasamākīrṇam
mit göttlichen Blumen bestreut (Nom.Sg.n.)
divyamālāvibhūṣitam
mit göttlichen Girlanden geschmückt (Nom.Sg.n.)
divyacandanasaṃyuktam
mit göttlichem Sandel versehen (Nom.Sg.n.)
divyadhūpena dhūpitam
mit göttlichem Weihrauch durchräuchert (Instr.Sg.; Part.Pass.)
tat sadaḥ vṛṣabhāṅkasya
jene Halle des Stierzeichenträgers (Nom.Sg.n.; Gen.)
svādhyāyaparamair viprair brahmaghoṣair vināditaḥ; ṣaṭpadair upagītaiś ca mādhavāpratimo giriḥ
Er hallte wider von Brahmanen, die dem Selbststudium ganz ergeben sind, vom Vedarezitieren, und von Bienen wurde er besungen; der Berg glich Mādhava [Viṣṇu bzw. dem Frühling] ohne Gleichen.
Wort für Wort
svādhyāyaparamaiḥ viprair
von dem Selbststudium höchst ergebenen Brahmanen (Instr.Pl.)
brahmaghoṣair vināditaḥ
von Vedarufen erfüllt (Instr.Pl.; Nom.Sg.m. Part.Pass.)
ṣaṭpadair upagītaiḥ ca
und von Bienen besungen (Instr.Pl.; Part.Pass.)
mādhavāpratimaḥ giriḥ
der Berg, Mādhava unvergleichlich [?] (Nom.Sg.m.)
mādhavāpratimaḥ ist mehrdeutig (Mādhava = Viṣṇu oder Frühlingsmonat; auch „dem Frühling gleich“ denkbar).
Mit grünlichem Bart, Flechtenhaar, furchtbar, den Feinden der Götter Furcht bringend, den Wesen alle und den Ergebenen furchtlos [machend], der Stierbannerträger.
Wort für Wort
hariśmaśruḥ jaṭī bhīmaḥ
grünlichbärtig, mit Flechtenhaar, furchtbar (Nom.Sg.m.)
bhayakartā suradviṣām
Furcht bereitend den Götterfeinden (Nom.Sg.m.; Gen.Pl.)
abhayaḥ sarvabhūtānām
furchtlos [machend] allen Wesen (Nom.Sg.m.; Gen.Pl.)
bhaktānām vṛṣabhadhvajaḥ
den Ergebenen; der Stierbannerträger (Gen.Pl.; Nom.Sg.m.)
abhayaḥ ist hier als „Furchtlosigkeit gewährend“ gefasst.
tam abhyayāc chailasutā bhūtastrīgaṇasaṃvṛtā; haratulyāmbaradharā samānavratacāriṇī
Zu ihm kam die Tochter des Berges, umgeben von Scharen von Bhūta-Frauen, in ein Gewand gleich dem Haras gekleidet, dieselben Gelübde befolgend [wie er].
Sie trug höchste Schönheit, die das Herz aller Wesen entzückt.
Wort für Wort
bibhratī
tragend (Nom.Sg.f.; Part.Präs.)
paramam rūpam
höchste Gestalt, Schönheit (Akk.Sg.n.)
sarvabhūtamanoharam
das Herz aller Wesen entzückend (Akk.Sg.n.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften).
janaś ca vimanāḥ sarvo bhayatrāsasamanvitaḥ; nimīlite bhūtapatau naṣṭasūrya ivābhavat
Und alle Menschen, verstört und von Furcht und Schrecken erfüllt, [fühlten sich], als der Herr der Wesen die Augen schloss, wie in einer Welt, in der die Sonne untergegangen ist.
Wort für Wort
janaś ca vimanāḥ sarvaḥ
und die Leute, alle, niedergeschlagen (Nom. Sg.)
bhayatrāsasamanvitaḥ
von Furcht und Schrecken erfüllt (Nom. Sg. m.)
nimīlite bhūtapatau
als der Herr der Wesen die Augen schloss (Lok. abs.)
naṣṭasūrya iva abhavat
wie mit verschwundener Sonne, wurde es (3.Sg.Impf.)
tato nabhaḥspṛśajvālo vidyullolārcir ujjvalaḥ; dvādaśādityasadṛśo yugāntāgnir ivāparaḥ
Da [erschien] ein Feuer, dessen Flammen den Himmel berührten, dessen Glut wie zuckende Blitze leuchtete, strahlend, den zwölf Ādityas gleich, wie ein zweites Feuer des Weltuntergangs.
Wort für Wort
tato nabhaḥspṛśajvālaḥ
da mit den Himmel berührenden Flammen (Nom. m.)
vidyullolārcir ujjvalaḥ
mit blitzartig zuckender Glut, strahlend (Nom. m.)
dvādaśādityasadṛśaḥ
den zwölf Ādityas gleich (Nom. m.)
yugāntāgnir iva aparaḥ
wie ein Weltende-Feuer, ein zweites (Nom. m.)
Der Satz ist ohne finites Verb überliefert; ‚erschien‘ ergänzt.
kṣaṇena tena dagdhaḥ sa himavān abhavan nagaḥ; sadhātuśikharābhogo dīnadagdhavanauṣadhiḥ
In jenem Augenblick wurde der Himavat-Berg verbrannt, dessen Gipfel und Ausdehnung von Mineralien schimmerten und dessen Wälder und Kräuter jämmerlich verbrannt waren.
Wort für Wort
kṣaṇena tena dagdhaḥ
in jenem Augenblick verbrannt (Instr.; Part. Nom.)
sa himavān abhavan nagaḥ
jener Himavat, wurde er, der Berg (Nom.; 3.Sg.Impf.)
sadhātuśikharābhogaḥ
dessen Gipfel und Umfang mit Mineralien [versehen] (Nom. m.)
dīnadagdhavanauṣadhiḥ
dessen Wälder und Kräuter jammervoll verbrannt (Nom. m.)
Als Śarva da Umā sah, die durch ihr Frausein weichherzig geworden war und den Kummer ihres Vaters nicht wollte, blickte er voll Zuneigung auf den Berg.
Wort für Wort
umāṃ śarvaḥ tadā dṛṣṭvā
Umā, Śarva, dann, nachdem er sah (Akk.; Nom.; Ger.)
strībhāvāgatamārdavām
die durch Frausein zu Weichheit gelangte (Akk. f.)
pituḥ dainyam anicchantīm
des Vaters Elend nicht wünschende (Gen.; Akk. Part. f.)
prītyā apaśyat tato girim
mit Zuneigung sah er, dann, den Berg (Instr.; 3.Sg.Impf.)
kimarthaṃ ca punar deva prakṛtisthaḥ kṣaṇāt kṛtaḥ; tathaiva drumasaṃchannaḥ kṛto 'yaṃ te maheśvara
Und weshalb, o Gott, wurde er wiederum im Nu in seinen natürlichen Zustand versetzt? Und so wurde dieser [Berg], Maheśvara, wieder von dir mit Bäumen bedeckt.
Wort für Wort
kimarthaṃ ca punaḥ deva
und weshalb wieder, Gott (Vok.)
prakṛtisthaḥ kṣaṇāt kṛtaḥ
in den Naturzustand versetzt, im Nu gemacht (Nom.; Abl.; Part.)
tathā eva drumasaṃchannaḥ
ebenso mit Bäumen bedeckt (Nom.)
kṛtaḥ ayaṃ te maheśvara
gemacht, dieser, von dir, Maheśvara (Part.; Instr./Gen.; Vok.)
Als so die Sonne verschwunden und die Welt in Finsternis gehüllt war, Bergtochter, wurde das dritte, lodernde Auge von mir geschaffen, um die Geschöpfe zu schützen.
Wort für Wort
naṣṭāditye tathā loke
als die Sonne verschwunden, so, die Welt (Lok. abs.)
tamobhūte nagātmaje
in Finsternis geraten, Bergtochter (Lok.; Vok.)
tṛtīyaṃ locanaṃ dīptam
das dritte Auge, lodernd (Nom. n.)
sṛṣṭaṃ te rakṣatā prajāḥ
geschaffen, von dem, der die Geschöpfe schützt (Part.; Instr. Part.; Akk. Pl.)
te rakṣatā: überliefert ‚von dir … schützend‘; sinngemäß auf den sprechenden Gott bezogen (‚von mir‘). [?]
tasya cākṣṇo mahat tejo yenāyaṃ mathito giriḥ; tvatpriyārthaṃ ca me devi prakṛtisthaḥ kṣaṇāt kṛtaḥ
Und die große Glut dieses Auges ist es, durch die dieser Berg zerstört wurde; und dir zuliebe, Göttin, wurde er von mir im Nu in seinen natürlichen Zustand zurückversetzt.
Wort für Wort
tasya ca akṣṇaḥ mahat tejaḥ
und dieses Auges große Glut (Gen.; Nom. n.)
yena ayaṃ mathito giriḥ
durch die dieser Berg zerstört wurde (Instr.; Nom.)
tvatpriyārthaṃ ca me devi
und dir zuliebe, von mir, Göttin (Akk.; Gen.; Vok.)
prakṛtisthaḥ kṣaṇāt kṛtaḥ
in den Naturzustand versetzt, im Nu gemacht (Nom.; Abl.; Part.)
Umā sprach: „Erhabener, wodurch ist dein Gesicht mondgleich, lieblich anzusehen? Ebenso das östliche, glücklich-schöne, ebenso das nördliche und westliche?
Wort für Wort
umā uvāca
Umā sprach (3.Sg.Perf.)
bhagavan kena te vaktram
Erhabener, wodurch dein Gesicht (Vok.; Instr.; Nom. n.)
candravat priyadarśanam
mondgleich, lieblich anzusehen (Nom. n.)
pūrvaṃ tathā eva śrīkāntam
das östliche, ebenso, glückverheißend-schön (Nom. n.)
uttaraṃ paścimaṃ tathā
das nördliche, das westliche, ebenso (Nom. n.)
Zu pūrvam/uttaram/paścimam ist mukham zu ergänzen (vgl. dakṣiṇaṃ mukham in V. 49).
dakṣiṇaṃ ca mukhaṃ raudraṃ kenordhvaṃ kapilā jaṭāḥ; kena kaṇṭhaś ca te nīlo barhibarhanibhaḥ kṛtaḥ
Und das südliche Gesicht [ist] schrecklich; wodurch [sind] die Haare oben rötlich-braun? Wodurch wurde dein Hals blau gemacht, gleich einer Pfauenfeder?
Wort für Wort
dakṣiṇaṃ ca mukhaṃ raudram
und das südliche Gesicht, schrecklich (Nom. n.)
kena ūrdhvaṃ kapilā jaṭāḥ
wodurch oben, rötlichbraun, die Zöpfe (Instr.; Adv.; Nom. Pl. f.)