Kapitel 131: varṇaparivartanavicāra
Wie man durch Tun und Lebenswandel zwischen den Ständen auf- und absteigt
Umā fragt Śiva, wie Stände gewechselt werden können. Śiva antwortet, dass Stellung durch Verhalten (vṛtta) gewonnen und verloren wird, mit Regeln zu Speise, Pflichten und Tugenden.
Umā sprach: „Erhabener, Zerschmetterer der Augen des Bhaga, Ausschläger der Zähne des Pūṣan, Räuber des Opfers des Dakṣa, Dreiäugiger, dieser mein Zweifel ist groß.“
Wort für Wort
umā uvāca
Umā sprach (Perf.)
bhagavan
o Erhabener (Vok.)
bhaganetraghna pūṣṇo daśanapātana
Zerschmetterer der Augen des Bhaga, Zähne-des-Pūṣan-Ausschläger (Vok.; Komp.)
„Wodurch [wird] ein Vaiśya oder Kṣatriya [zum Zweimalgeborenen] [?], oder wodurch könnte ein Zweimalgeborener ein Kṣatriya werden? Wie, o Gott, kann der gegenläufige Dharma (pratiloma) befolgt werden?“
Wort für Wort
vaiśyo vā kṣatriyaḥ kena
ein Vaiśya oder Kṣatriya, wodurch (Nom.; Instr.)
dvijo vā kṣatriyo bhavet
oder ein Zweimalgeborener ein Kṣatriya werden könnte (3.Sg.Opt.)
pratilomaḥ kathaṃ deva
gegenläufig, wie, o Gott (Nom.; Vok.)
śakyo dharmo niṣevitum
möglich ist der Dharma zu befolgen (Nom.; Inf.)
Die Konstruktion der ersten Vershälfte ist knapp und syntaktisch nicht eindeutig; Ergänzung in Klammern unsicher.
etaṃ me saṃśayaṃ deva vada bhūtapate 'nagha; trayo varṇāḥ prakṛtyeha kathaṃ brāhmaṇyam āpnuyuḥ
„Diesen meinen Zweifel, o Gott, sprich aus, Herr der Wesen, Makelloser: Wie könnten die [übrigen] drei Stände, die hier ihrer Natur nach [so sind], Brahmanentum erlangen?“
Wort für Wort
etaṃ me saṃśayaṃ deva
diesen meinen Zweifel, o Gott (Akk.; Vok.)
vada bhūtapate 'nagha
sprich, Herr der Wesen, Makelloser (Imp.; Vok.)
trayo varṇāḥ prakṛtyā iha
die drei Stände der Natur nach hier (Nom.Pl.; Instr.)
Maheśvara sprach: „Brahmanentum, o Göttin, ist schwer zu erlangen; von Natur [aus], o Glückverheißende, [ist jemand] Brahmane, Kṣatriya, Vaiśya oder Śūdra – so ist meine Ansicht.“
Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (Perf.)
brāhmaṇyaṃ devi duṣprāpam
Brahmanentum, o Göttin, schwer erreichbar (Nom.; Vok.)
nisargād brāhmaṇaḥ śubhe
von Natur ein Brahmane, o Glückverheißende (Abl.; Vok.)
kṣatriyo vaiśyaśūdrau vā
ein Kṣatriya, oder Vaiśya und Śūdra (Nom.Sg./Du.)
nisargād iti me matiḥ
von Natur, so [lautet] meine Ansicht (Abl.; Nom.)
nisarga „Natur, Anlage“ (auch „Schöpfung, Geburt“); die Aussage ist knapp, der Sinn „von Geburt/Anlage“ nicht ganz eindeutig.
karmaṇā duṣkṛteneha sthānād bhraśyati vai dvijaḥ; jyeṣṭhaṃ varṇam anuprāpya tasmād rakṣeta vai dvijaḥ
„Durch schlechte Tat fällt hier ein Zweimalgeborener wahrlich von [seiner] Stellung ab. Deshalb soll ein Zweimalgeborener, der den höchsten (ältesten) Stand erlangt hat, ihn wahrlich hüten.“
Wort für Wort
karmaṇā duṣkṛtena iha
durch schlechte Tat hier (Instr.)
sthānād bhraśyati vai dvijaḥ
von der Stellung fällt wahrlich der Zweimalgeborene (Abl.; 3.Sg.Präs.)
jyeṣṭhaṃ varṇam anuprāpya
den ältesten Stand erlangt habend (Akk.; Abs.)
tasmād rakṣeta vai dvijaḥ
deshalb soll hüten wahrlich der Zweimalgeborene (3.Sg.Opt.)
vaiśyakarma ca yo vipro lobhamohavyapāśrayaḥ; brāhmaṇyaṃ durlabhaṃ prāpya karoty alpamatiḥ sadā
„Und ein Brahmane, der Vaiśya-Tätigkeit ausübt, von Gier und Verblendung abhängig, der, obwohl er das schwer erreichbare Brahmanentum erlangt hat, stets geringen Verstandes handelt –“
Wort für Wort
vaiśyakarma ca yo vipro
und Vaiśya-Tätigkeit, [wer] als Brahmane (Akk.; Nom.)
lobhamohavyapāśrayaḥ
auf Gier und Verblendung sich stützend (Komp.; Nom.)
brāhmaṇyaṃ durlabhaṃ prāpya
das schwer erlangbare Brahmanentum erlangt habend (Akk.; Abs.)
sa dvijo vaiśyatām eti vaiśyo vā śūdratām iyāt; svadharmāt pracyuto vipras tataḥ śūdratvam āpnute
„der [besagte] Zweimalgeborene gelangt in den Vaiśya-Stand, und ein Vaiśya könnte in den Śūdra-Stand gelangen; ein Brahmane, der von seinem Dharma abgefallen ist, erlangt daraufhin den Śūdra-Stand.“
Wort für Wort
sa dvijo vaiśyatām eti
dieser Zweimalgeborene geht in den Vaiśya-Stand (3.Sg.Präs.)
vaiśyo vā śūdratām iyāt
oder ein Vaiśya könnte in den Śūdra-Stand gehen (3.Sg.Opt.)
svadharmāt pracyuto vipraḥ
ein von seinem Dharma abgefallener Brahmane (Abl.; Part.)
„der ist von seiner Stellung abgefallen und in Ständevermischung geraten; ein Brahmane, Kṣatriya oder Vaiśya von solcher Art geht in den Śūdra-Stand über.“
Wort für Wort
svasthānāt sa paribhraṣṭo
von der eigenen Stellung der Abgefallene (Abl.; Part.)
yas tu śuddhaḥ svadharmeṇa jñānavijñānavāñ śuciḥ; dharmajño dharmanirataḥ sa dharmaphalam aśnute
„Wer aber durch den eigenen Dharma rein ist, im Besitz von Wissen und Erkenntnis, lauter, den Dharma kennend und am Dharma sich erfreuend, der genießt die Frucht des Dharma.“
Wort für Wort
yas tu śuddhaḥ svadharmeṇa
wer aber rein durch den eigenen Dharma (Nom.; Instr.)
jñānavijñānavān śuciḥ
mit Wissen und Erkenntnis begabt, lauter (Nom.)
dharmajño dharmanirataḥ
den Dharma kennend, am Dharma sich erfreuend (Nom.)
sa dharmaphalam aśnute
der genießt die Frucht des Dharma (3.Sg.Präs.Med.)
„Und dies andere, o Göttin, ist von Brahmā verkündet: das auf das Selbst bezogene, endgültige [Gebot], das von den Guten, die den Dharma begehren, befolgt wird.“
Wort für Wort
idaṃ ca eva aparaṃ devi
und dies andere, o Göttin (Nom.n.; Vok.)
brahmaṇā samudīritam
von Brahmā verkündet (Instr.; Part.)
adhyātmaṃ naiṣṭhikaṃ
das Selbstbezogene, Endgültige (Nom.n.)
sadbhir dharmakāmair niṣevyate
von Guten, Dharma-Begehrenden befolgt (Instr.Pl.; 3.Sg.Pass.)
„Speise von Grausamen ist verpönt, o Göttin, [ebenso] Speise einer Schar, Speise bei Totenopfer und [Geburts-/Todes-]Unreinheit, ausgerufene Speise: [all das] darf man nicht essen, die Speise eines Śūdra niemals.“
Wort für Wort
ugrānnaṃ garhitaṃ devi
Speise von Grausamen [ist] getadelt, o Göttin (Nom.; Vok.)
gaṇānnaṃ śrāddhasūtakam
Speise einer Schar, [Speise bei] Totenopfer und Unreinheit (Nom.n.)
ghuṣṭānnaṃ na eva bhoktavyam
ausgerufene Speise darf gewiss nicht gegessen werden (Ger.)
śūdrānnaṃ na eva karhi cit
Śūdra-Speise nie (Adv.)
ghuṣṭānna: wohl „öffentlich ausgerufene, angebotene Speise“ (Bedeutung unsicher); śrāddhasūtaka wörtlich eher „Śrāddha[-Speise] und Sūtaka[-Unreinheit]“.
śūdrānnaṃ garhitaṃ devi devadevair mahātmabhiḥ; pitāmahamukhotsṛṣṭaṃ pramāṇam iti me matiḥ
„Śūdra-Speise ist von den großen Göttern der Götter getadelt, o Göttin; aus dem Mund des Großvaters [Brahmā] ausgesprochen ist sie maßgebend – so ist meine Ansicht.“
Wort für Wort
śūdrānnaṃ garhitaṃ devi
Śūdra-Speise [ist] getadelt, o Göttin (Nom.; Vok.)
devadevair mahātmabhiḥ
von den großen Göttern der Götter (Instr.Pl.)
pitāmahamukhotsṛṣṭaṃ
aus dem Mund des Großvaters ausgesprochen (Komp.; Part.)
brāhmaṇatvaṃ śubhaṃ prāpya durlabhaṃ yo 'vamanyate; abhojyānnāni cāśnāti sa dvijatvāt pateta vai
„Wer das gute, schwer erlangbare Brahmanentum erlangt hat und es geringschätzt und ungenießbare Speisen isst, der fällt wahrlich vom Zweimalgeborenen-Stand.“
Wort für Wort
brāhmaṇatvaṃ śubhaṃ prāpya durlabham
das gute, schwer erlangbare Brahmanentum erlangt habend (Akk.; Abs.)
yo avamanyate
wer geringschätzt (3.Sg.Präs.Med.)
abhojyānnāni ca aśnāti
und nicht essbare Speisen isst (Akk.Pl.; 3.Sg.Präs.)
sa dvijatvāt pateta vai
der fällt wahrlich vom Zweimalgeborenen-Sein (Abl.; 3.Sg.Opt.)
avratī vṛṣalībhartā kuṇḍāśī somavikrayī; nihīnasevī vipro hi patati brahmayonitaḥ
„Ohne Gelübde, Ehemann einer Vṛṣalī, Kuṇḍāśin [?], Somaverkäufer, Diener von Niedrigen: ein solcher Brahmane fällt aus dem Brahmanenschoß [Brahmanenstand].“
Wort für Wort
avratī vṛṣalībhartā
gelübdelos, Gatte einer Śūdra-Frau (Nom.)
kuṇḍāśī somavikrayī
Kuṇḍa-Speiser [?], Soma-Verkäufer (Nom.)
nihīnasevī vipro hi
Diener von Niedrigen, [dieser] Brahmane wahrlich (Nom.)
patati brahmayonitaḥ
fällt aus dem Brahmanenschoß (3.Sg.Präs.; Abl.-Suffix)
kuṇḍāśin: vermutlich „Esser von Speise eines kuṇḍa (Sohn einer verheirateten Frau aus Ehebruch)“; unsicher.
gurutalpī gurudveṣī gurukutsāratiś ca yaḥ; brahmadviṭ cāpi patati brāhmaṇo brahmayonitaḥ
„Wer das Bett des Lehrers [befleckt], den Lehrer hasst und Freude am Tadel des Lehrers hat, und auch der Brahmanenhasser: [ein solcher] Brahmane fällt aus dem Brahmanenschoß.“
Wort für Wort
gurutalpī gurudveṣī
Lehrerbett-[Schänder], Lehrerhasser (Nom.)
gurukutsāratiś ca yaḥ
und wer am Tadel des Lehrers Freude hat (Nom.)
brahmadviṭ ca api
und auch der Brahma-/Brahmanenhasser (Nom.)
patati brāhmaṇo brahmayonitaḥ
fällt der Brahmane aus dem Brahmanenschoß (3.Sg.Präs.)
„Alle Śūdra-Tätigkeiten, nach Recht und Regel, Dienst und Aufwartung gegenüber dem ältesten Stand, soll ein Śūdra eifrig und ohne Missmut stets verrichten, auf gutem Pfade stehend –“
Wort für Wort
śūdrakarmāṇi sarvāṇi
alle Śūdra-Tätigkeiten (Akk.Pl.)
yathānyāyaṃ yathāvidhi
dem Recht gemäß, der Regel gemäß (Adv.)
śuśrūṣāṃ paricaryāṃ ca
Dienstbereitschaft und Aufwartung (Akk.Sg.f.)
jyeṣṭhe varṇe prayatnataḥ
gegenüber dem ältesten Stand mit Eifer (Lok.; Adv.)
daivatadvijasatkartā sarvātithyakṛtavrataḥ; ṛtukālābhigāmī ca niyato niyatāśanaḥ
„[Ein Śūdra,] der Götter und Zweimalgeborene ehrt, dessen Gelübde die Gastfreundschaft gegen alle ist, der [seiner Frau] zur Zeit der Fruchtbarkeit beiwohnt, gezügelt ist und gezügelte Nahrung hat,“
Wort für Wort
daivatadvijasatkartā
Ehrer von Göttern und Zweimalgeborenen (Nom.)
sarvātithyakṛtavrataḥ
dessen Gelübde Gastlichkeit gegen alle ist (Komp.; Nom.)
ṛtukālābhigāmī ca
und der zur Fruchtbarkeitszeit [der Frau] beiwohnt (Nom.)
„rein, Umgang mit Reinen suchend, nur vom Rest [des Opfer-/Gastmahls] essend, kein Fleisch ohne [rituellen] Zweck verzehrend: [ein solcher] Śūdra erlangt den Vaiśya-Stand.“
ṛtavāg anahaṃvādī nirdvaṃdvaḥ śamakovidaḥ; yajate nityayajñaiś ca svādhyāyaparamaḥ śuciḥ
[Er ist] wahrhaft im Reden, kein Ich-Sager, frei von den Gegensatzpaaren, kundig der Beruhigung; er opfert mit den beständigen Opfern, ist ganz dem Selbststudium [des Veda] hingegeben und rein.
Wort für Wort
ṛtavāg anahaṃvādī
wahrhaft im Wort, nicht „Ich, ich“ sagend (Nom.Sg., Komp./Nom.Sg.)
nirdvaṃdvaḥ śamakovidaḥ
frei von Gegensatzpaaren, kundig der Beruhigung (Nom.Sg.)
yajate nityayajñaiś ca
er opfert und mit den beständigen Opfern (3.Sg.Präs.Med./Instr.Pl.)
Er ist beherrscht, ehrt die Brahmanen, wünscht das Wohl aller Stände, hält am Gelübde des Hausvaters fest und nimmt seine Mahlzeit zweimal [am Tag] ein.
Wort für Wort
dānto brāhmaṇasatkartā
beherrscht, Ehrer der Brahmanen (Nom.Sg.)
sarvavarṇabubhūṣakaḥ
das Gedeihen aller Stände wünschend (Nom.Sg.)
gṛhasthavratam ātiṣṭhan
das Hausvater-Gelübde befolgend (Akk.Sg./Part.Präs.Nom.Sg.)
dvikālakṛtabhojanaḥ
zweimal [täglich] die Mahlzeit haltend (Nom.Sg., Komp.)
sarvātithyam upātiṣṭhañ śeṣānnakṛtabhojanaḥ; tretāgnimantravihito vaiśyo bhavati vai yadi; sa vaiśyaḥ kṣatriyakule śucau mahati jāyate
Wenn er der Gastfreundschaft gegenüber allen nachkommt, seine Mahlzeit von den Speiseresten hält und durch die Mantras der drei Feuer [geweiht] ist, dann, wenn er tatsächlich ein Vaiśya ist – dieser Vaiśya wird in einer reinen, großen Kṣatriya-Familie geboren.
Wort für Wort
sarvātithyam upātiṣṭhañ
der Gastfreundschaft gegen alle nachkommend (Akk.Sg./Part.Impf.-artig Nom.Sg.)
śeṣānnakṛtabhojanaḥ
dessen Mahlzeit aus Speiseresten besteht (Nom.Sg.)
tretāgnimantravihito vaiśyo bhavati vai yadi
durch die drei Feuer und Mantras geweiht, wenn er tatsächlich Vaiśya ist (Nom.Sg./3.Sg.Präs./Konj. yadi)
sa vaiśyaḥ kṣatriyakule
dieser Vaiśya in einer Kṣatriya-Familie (Nom.Sg./Lok.Sg.)
śucau mahati jāyate
in reiner, großer, wird geboren (Lok.Sg./3.Sg.Präs.Med.)
Die Konstruktion „tretāgnimantravihitaḥ“ ist knapp; „bestimmt/geweiht durch die drei Feuer und Mantras“ ist die sparsamste Deutung.
Er gibt Gaben und opfert mit geweihten Opfern, bei denen die Opferlöhne vollständig erreicht [gegeben] sind; er studiert, den Himmel erstrebend, und hat stets die drei Feuer zur Zuflucht.
Wort für Wort
dadāti yajate yajñaiḥ
er gibt, er opfert mit Opfern (3.Sg.Präs./Instr.Pl.)
saṃskṛtair āptadakṣiṇaiḥ
geweihten, mit vollständig erlangten Opferlöhnen (Instr.Pl.)
adhīte svargam anvicchaṃs
er studiert, den Himmel erstrebend (3.Sg.Präs.Med./Akk.Sg./Part.Nom.Sg.)
tretāgniśaraṇaḥ sadā
die drei Feuer zur Zuflucht habend, stets (Nom.Sg./Adv.)
Er reicht den Bedrängten stets die gebende Hand, schützt die Untertanen nach dem Dharma, ist wahrhaftig, hält, was er zusagt [?], und ist stets angenehm anzusehen.
Wort für Wort
ārtahastaprado nityaṃ
den Bedrängten die Hand [Gabe] reichend, stets (Nom.Sg./Adv.)
prajā dharmeṇa pālayan
die Untertanen nach dem Dharma schützend (Akk.Pl./Instr.Sg./Part.Nom.Sg.)
dharmadaṇḍo na nirdaṇḍo dharmakāryānuśāsakaḥ; yantritaḥ kāryakaraṇe ṣaḍbhāgakṛtalakṣaṇaḥ
Ihm ist das Zepter der Rechtsordnung, er ist nicht ohne Zepter; er weist an, was dem Dharma gemäß zu tun ist, ist in der Amtsführung gezügelt und durch das Sechstel [als Abgabe] gekennzeichnet.
Wort für Wort
dharmadaṇḍo na nirdaṇḍo
Träger des Zepters des Dharma, nicht ohne Zepter (Nom.Sg.)
dharmakāryānuśāsakaḥ
Unterweiser in dharmagemäßen Aufgaben (Nom.Sg.)
yantritaḥ kāryakaraṇe
gezügelt bei der Ausführung der Geschäfte (PPP Nom.Sg./Lok.Sg.)
grāmyadharmān na seveta svacchandenārthakovidaḥ; ṛtukāle tu dharmātmā patnīṃ seveta nityadā
Er soll nicht nach Belieben den Dingen des Dorfes [dem Geschlechtsverkehr] nachgehen, sondern als Kundiger des Nützlichen [handeln]; zur Zeit der Empfängnis aber soll der Dharma-gesinnte stets seine Gattin aufsuchen.
Wort für Wort
grāmyadharmān na seveta
dörfliche Pflichten [Geschlechtsverkehr] soll er nicht pflegen (Akk.Pl./Opt.Med.)
svacchandenārthakovidaḥ
nach Belieben; des Zwecks kundig (Instr.Sg./Nom.Sg.)
ṛtukāle tu dharmātmā
zur Zeit der Empfängnis aber, dharma-gesinnt (Lok.Sg./Nom.Sg.)
patnīṃ seveta nityadā
die Gattin soll er aufsuchen, jeweils/stets (Akk.Sg./Opt.Med./Adv.)
„grāmyadharma“ = geschlechtlicher Verkehr; „nityadā“ hier wohl „jeweils/regelmäßig“ zur ṛtu-Zeit.
[Er ist] bei allen [Fasttagen] Fastender [?], gezügelt, ganz dem Selbststudium ergeben und rein; stets liegt er auf einem mit Kuśa-Gras [barhis] bedeckten [Lager] und schläft immer im Feuerhaus.
Wort für Wort
sarvopavāsī niyataḥ
überall/stets fastend [?], gezügelt (Nom.Sg.)
svādhyāyaparamaḥ śuciḥ
dem Selbststudium höchst ergeben, rein (Nom.Sg.)
barhiṣkāntarite nityaṃ
auf einem mit Kuśa-Streu bedeckten [Lager], stets (Lok.Sg./Adv.)
śayāno 'gnigṛhe sadā
schlafend im Feuerhaus, immer (Part.Med.Nom.Sg./Lok.Sg./Adv.)
„sarvopavāsī“ unsicher: „alles Fasten übend“ oder „an allen [vorgeschriebenen] Tagen fastend“.
svārthād vā yadi vā kāmān na kiṃ cid upalakṣayet; pitṛdevātithikṛte sādhanaṃ kurute ca yaḥ
Weder aus Eigennutz noch aus Begierden soll er irgendetwas [für sich] anstreben; wer aber Mittel [Besitz] für Ahnen, Götter und Gäste erwirbt [, der ist so einer].
Wort für Wort
svārthād vā yadi vā kāmān
aus Eigennutz oder aus Begierden (Abl.Sg./Abl.Pl.)
na kiṃ cid upalakṣayet
nichts soll er beachten/anstreben (Opt.Kaus.)
pitṛdevātithikṛte
für Ahnen, Götter und Gäste (Lok.Sg. Komp.)
sādhanaṃ kurute ca yaḥ
und wer Mittel beschafft (Akk.Sg./3.Sg.Präs.Med./Rel.Nom.)
Oder, wenn er zum Wohl der Kühe und Brahmanen im Kampf mit dem Gesicht [zum Feind] erschlagen wird, oder [wenn er] in das durch die Mantras der drei Feuer geläuterte [Opferfeuer] eingegangen ist [?], wird er ein Zweimalgeborener.
Wort für Wort
gobrāhmaṇahitārthāya
zum Wohl von Kühen und Brahmanen (Dat.Sg. Komp.)
raṇe cābhimukho hataḥ
und im Kampf, [dem Feind] zugewandt, erschlagen (Lok.Sg./Nom.Sg./PPP)
tretāgnimantrapūtaṃ vā
oder durch Mantras der drei Feuer geläutert (Akk.Sg.)
samāviśya dvijo bhavet
eingegangen [in], wird er Zweimalgeborener (Abs./Nom.Sg./Opt.)
Zweiter Halbvers unsicher: „samāviśya“ mit „tretāgnimantrapūtam“ (eingehend in das durch Mantras geläuterte [Feuer?/Leben?]).
Mit Wissen und Erkenntnis ausgestattet, geweiht, den Veda bis zum Ende beherrschend, wird der dharmagesinnte Kṣatriya durch sein eigenes Tun ein Vipra [Brahmane].
Wort für Wort
jñānavijñānasaṃpannaḥ
mit Wissen und Erkenntnis ausgestattet (Nom.Sg.)
saṃskṛto vedapāragaḥ
geweiht, den Veda durchmessend (PPP Nom.Sg./Nom.Sg.)
vipro bhavati dharmātmā
wird ein Vipra, dharmagesinnt (Nom.Sg./3.Sg.Präs./Nom.Sg.)
kṣatriyaḥ svena karmaṇā
der Kṣatriya durch sein eigenes Tun (Nom.Sg./Instr.Sg.)
Durch diese Früchte der Taten, o Göttin, wird auch ein Śūdra, der aus niedriger Geburt und Familie stammt, wenn er mit der Überlieferung [den Śāstras] ausgestattet und geweiht ist, ein Zweimalgeborener.
Wort für Wort
etaiḥ karmaphalair devi
durch diese Tatfrüchte, o Göttin (Instr.Pl./Vok.Sg.)
nyūnajātikulodbhavaḥ
aus niedriger Geburt und Familie entstanden (Nom.Sg.)
śūdro 'py āgamasaṃpannaḥ
auch ein Śūdra, mit Überlieferung ausgestattet (Nom.Sg./Nom.Sg.)
dvijo bhavati saṃskṛtaḥ
wird ein Zweimalgeborener, geweiht (3.Sg.Präs./PPP Nom.Sg.)
Durch reine Taten, o Göttin, ist auch ein Śūdra mit geläutertem Selbst und bezwungenen Sinnen wie ein Zweimalgeborener zu verehren – so hat Brahmā selbst gesprochen.
Wort für Wort
karmabhiḥ śucibhir devi
durch reine Taten, o Göttin (Instr.Pl./Vok.Sg.)
śuddhātmā vijitendriyaḥ
geläutert im Selbst, die Sinne bezwungen habend (Nom.Sg.)
śūdro 'pi dvijavat sevya
auch ein Śūdra ist wie ein Zweimalgeborener zu verehren (Nom.Sg./Adv./Gerundiv)
sarvo 'yaṃ brāhmaṇo loke vṛttena tu vidhīyate; vṛtte sthitaś ca suśroṇi brāhmaṇatvaṃ nigacchati
Dieser ganze [Stand des] Brahmanen wird in der Welt allein durch den Wandel bestimmt; und wer im [guten] Wandel steht, o Schönhüftige, erlangt das Brahmanentum.
Wort für Wort
sarvo 'yaṃ brāhmaṇo loke
dieser ganze Brahmane in der Welt (Nom.Sg./Lok.Sg.)
vṛttena tu vidhīyate
durch den Wandel aber wird bestimmt (Instr.Sg./3.Sg.Pass.)
vṛtte sthitaś ca suśroṇi
und im Wandel stehend, o Schönhüftige (Lok.Sg./Nom.Sg./Vok.Sg.)
brāhmaḥ svabhāvaḥ kalyāṇi samaḥ sarvatra me matiḥ; nirguṇaṃ nirmalaṃ brahma yatra tiṣṭhati sa dvijaḥ
Das Brahman-gemäße Wesen, o Glückliche, ist überall gleich, so meine Ansicht; wo das eigenschaftslose, makellose Brahman weilt, der ist ein Zweimalgeborener.
Wort für Wort
brāhmaḥ svabhāvaḥ kalyāṇi
das Brahman-gemäße Wesen, o Glückliche (Nom.Sg./Vok.Sg.)
samaḥ sarvatra me matiḥ
gleich überall, meine Ansicht (Nom.Sg./Adv.)
nirguṇaṃ nirmalaṃ brahma
eigenschaftslos, makellos, das Brahman (Nom.Sg.n.)
yatra tiṣṭhati sa dvijaḥ
wo es weilt, der ist ein Zweimalgeborener (Adv./3.Sg.Präs./Nom.Sg.)
ete yoniphalā devi sthānabhāganidarśakāḥ; svayaṃ ca varadenoktā brahmaṇā sṛjatā prajāḥ
Diese [Regeln] tragen die Früchte der [Standes-]Herkunft und zeigen Rang und Anteil an; sie sind vom gabenspendenden Brahmā selbst gesprochen, als er die Geschöpfe schuf.
Wort für Wort
ete yoniphalā devi
diese, mit der Geburt als Frucht [?], o Göttin (Nom.Pl./Vok.Sg.)
sthānabhāganidarśakāḥ
Rang und Anteil anzeigend (Nom.Pl.)
svayaṃ ca varadenoktā
und selbst vom Gabenspender gesagt (Adv./Instr.Sg./PPP Nom.Pl.)
brahmaṇā sṛjatā prajāḥ
von Brahmā, der die Geschöpfe schuf (Instr.Sg./Part.Instr.Sg./Akk.Pl.)
Sinn von „yoniphalāḥ“ und „sthānabhāganidarśakāḥ“ nicht ganz sicher [?].
brāhmaṇo hi mahat kṣetraṃ loke carati pādavat; yat tatra bījaṃ vapati sā kṛṣiḥ pāralaukikī
Der Brahmane ist ja ein großes Feld, das in der Welt gleichsam auf Füßen umhergeht; was man dort als Saat sät, das ist der Ackerbau für die jenseitige Welt.
Wort für Wort
brāhmaṇo hi mahat kṣetraṃ
der Brahmane ist ja ein großes Feld (Nom.Sg./Nom.Sg.n.)
loke carati pādavat
in der Welt geht er umher wie mit Füßen (Lok.Sg./3.Sg.Präs./Adv.)
yat tatra bījaṃ vapati
was man dort als Saat sät (Rel.Akk./Adv./Akk.Sg./3.Sg.Präs.)
sā kṛṣiḥ pāralaukikī
das ist Ackerbau für die jenseitige Welt (Nom.Sg.f.)
Man soll stets mäßig essen und stets den Pfad der Guten festhalten; wer gedeihen will, soll [den Weg des Brahman] durchschreitend leben [?].
Wort für Wort
mitāśinā sadā bhāvyaṃ
mäßig essend soll man stets sein (Instr.Sg./Adv./Gerundiv)
satpathālambinā sadā
sich auf den Pfad der Guten stützend, stets (Instr.Sg./Adv.)
brāhmamārgam atikramya
den Brahman-Weg durchschreitend [?] (Akk.Sg./Abs.)
vartitavyaṃ bubhūṣatā
es ist zu leben von dem, der gedeihen will (Gerundiv/Part.Des.Instr.Sg.)
„brāhmamārgam atikramya“ ist gegen den Zusammenhang gelesen: „überschreiten“ ergäbe Widerspruch; hier als „nach Durchschreiten/Vollenden“ gedeutet [?].
brāhmaṇyam eva saṃprāpya rakṣitavyaṃ yatātmabhiḥ; yonipratigrahādānaiḥ karmabhiś ca śucismite
Hat man das Brahmanentum erlangt, so ist es von den Selbstbeherrschten zu bewahren, durch [Achten auf] Geburt, Annahme und Gabe und durch Handlungen, o Lächelnde mit reinem Lächeln.
Wort für Wort
brāhmaṇyam eva saṃprāpya
nur das Brahmanentum erlangt habend (Akk.Sg./Abs.)
rakṣitavyaṃ yatātmabhiḥ
ist zu bewahren von den Selbstbeherrschten (Gerundiv/Instr.Pl.)
yonipratigrahādānaiḥ
durch Herkunft, Annahme und Nehmen [?] (Instr.Pl. Komp.)
karmabhiś ca śucismite
und durch Taten, o rein Lächelnde (Instr.Pl./Vok.Sg.f.)
„yonipratigrahādānaiḥ“ unsicher: möglicherweise „bei Herkunft, Annehmen und Nehmen [von Gaben]“ als Bereiche der Vorsicht [?].
Dies alles ist dir erzählt worden: wie ein Śūdra zum Zweimalgeborenen werden kann und wie ein Brahmane, der vom Dharma abgefallen ist, zum Śūdra-Stand gelangt.
Wort für Wort
etat te sarvam ākhyātaṃ
dies alles ist dir erzählt (Nom.Sg.n./Dat./Gen.Sg./PPP)
yathā śūdro bhaved dvijaḥ
wie ein Śūdra ein Zweimalgeborener werden kann (Adv./Nom.Sg./Opt./Nom.Sg.)
brāhmaṇo vā cyuto dharmāt
oder ein Brahmane, vom Dharma abgefallen (Nom.Sg./PPP Nom.Sg./Abl.Sg.)
yathā śūdratvam āpnute
wie er den Śūdra-Stand erlangt (Adv./Akk.Sg./3.Sg.Präs.Med.)