Kapitel 10: ṛgvede 10.10 · o cit sakhāyaṃ sakhyā vavṛtyāṃ tiraḥ purū cidarṇavaṃjaganvan
Wechselrede zwischen Yamī und Yama
Dialoglied: Yamī wirbt um ihren Zwillingsbruder Yama, der sie mit Berufung auf Verwandtschaft, Wahrheit und die wachenden Götter abweist. Die Sprecherverteilung ergibt sich aus dem Inhalt (nicht aus dem Text); einzelne Stellen (v. 3, 6, 7, 13) sind sprachlich schwierig.
[Yamī:] Ja, den Freund möchte ich durch Freundschaft herüberwenden, der über viele Fluten hinweggegangen ist. / Der Weise möge sich den Enkel des Vaters hier auf der Erde zu eigen machen, der noch weiter (vorzügliche Nachkommenschaft) bedenkt. [Anm.: adhi kṣami und prataram sind unsicher; Deutung der Rede als Werbung Yamīs um Yama ist der Zusammenhang, nicht wörtlich im Vers genannt.] [?]
na te sakhā sakhyaṃ vaṣṭyetat salakṣmā yad viṣurūpābhavāti / mahas putraso asurasya vīrā divo dhartāraurviyā pari khyan
[Yama:] Nicht will dein Freund diese Freundschaft, wenn die Gleichgezeichnete (Blutsverwandte) zur Andersgestaltigen (Fremden) wird. / Des großen Asura Söhne, die Helden, die Himmelsträger, schauen weit umher. [Anm.: salakṣmā = 'mit gleichem Mal, gleicher Herkunft'; viṣurūpā = 'verschiedengestaltig'; gemeint ist der Verwandtschaftsstatus, plausibel.]
uśanti ghā te amṛtāsa etadekasya cit tyajasaṃ martyasya / ni te mano manasi dhāyyasme janyuḥ patistanvamāviviśyāḥ
[Yamī:] Es verlangen ja diese Unsterblichen danach: für einen einzigen Sterblichen (soll) das Nachkommenschaft-Verlassene [?] (bestehen). / Dein Sinn sei bei uns in meinen Sinn gelegt; als Gatte, der Kinder zeugen will, gehe in den Leib ein. [Anm.: tyajasam ist unsicher, vielleicht 'Nachkommenschaft/Nachkomme'.]
na yat purā cakṛmā kad dha nūnam ṛtā vadanto anṛtaṃrapema / gandharvo apsvapyā ca yoṣā sā no nābhiḥparamaṃ jāmi tan nau
[Yama:] Was wir früher nicht getan haben, wann denn nun? / Wahres sprechend würden wir Unwahres daherreden. Der Gandharva in den Wassern und die Wasserfrau: / sie ist unser Nabel (Ursprung), das höchste Band der Verwandtschaft, das (gilt) für uns beide.
garbhe nu nau janitā dampatī kardevāstvaṣṭā savitāviśvarūpaḥ / nākirasya pra minanti vratāni veda nāvasyapṛthivi uta dyauḥ
[Yamī:] Schon im Mutterleib hat uns beide der Erzeuger zu Ehepaar gemacht, der Gott Tvaṣṭṛ, Savitṛ, der Vielgestaltige. / Niemand verletzt seine Satzungen; von uns beiden weiß dies Erde und Himmel. [Anm.: kar (PP kaḥ) ist als Verbform 'hat gemacht' gelesen, nicht als Pronomen.]
ko asya veda prathamasyāhnaḥ ka īṃ dadarśa ka iha pravocat / bṛhan mitrasya varuṇasya dhāma kadu brava āhanovīcyā nṝn
[Yama:] Wer kennt diesen ersten Tag, wer hat ihn gesehen, wer hat es hier verkündet? / Groß ist die Wohnstatt Mitras und Varuṇas; was willst du da sagen, du Verlockende [?], (du) der Männer Betörung [?]?
Wort für Wort
kaḥ
wer
asya
dessen (Gen. Sg.)
veda
er kennt (3. Sg. Perf.)
prathamasya
des ersten (Gen. Sg.)
ahnaḥ
Tages (Gen. Sg.)
kaḥ
wer
īm
ihn (Akk.)
dṛrśa
er sah (3. Sg. Perf.; PP dṛrśa = Tippfehler für dadarśa)
[Yamī:] Verlangen nach Yama ist mich, Yamī, angekommen, im gleichen Schoß beizuliegen. / Wie eine Gattin dem Gatten möchte ich (dir) meinen Leib hingeben; wir wollen uns wälzen wie zwei Wagenräder [?]. [Anm.: vi vṛha (PP vṛha iva) ist unsicher; die Grundbedeutung 'reißen, drehen' erlaubt 'zusammenrollen wie Räder' oder 'auseinander'; in 10.10.8 wird das Bild von Yama umgedeutet.]
Wort für Wort
yamasya
des Yama (Gen. Sg.)
mā
mich (Akk. Sg.)
yamyam
Yamī (Akk. Sg. f.)
kāmaḥ
Verlangen (Nom. Sg.)
ā
herzu
agan
ist gekommen (3. Sg. Aor. Inj.)
samāne
im gleichen (Lok. Sg.)
yonau
Schoß, Lager (Lok. Sg.)
saha-śeyyāya
zum Zusammenliegen (Dat. Sg.)
jāyāiva
wie eine Gattin (Nom. Sg.)
patye
dem Gatten (Dat. Sg.)
tanvam
Leib (Akk. Sg.)
riricyām
ich möchte hingeben, überlassen (1. Sg. Opt. Aor.)
na tiṣṭhanti na ni miṣantyete devānāṃ spaśa iha yecaranti / anyena madāhano yāhi tuyaṃ tena vi vṛha rathyevacakrā
[Yama:] Nicht stehen still, nicht blinzeln diese, die Späher der Götter, die hier umgehen. / Mit einem anderen als mir geh rasch dahin; mit ihm wälze dich wie zwei Wagenräder.
[Yamī:] Nächte und Tage mögen ihm (Yama) huldigen; der Sonne Auge möge immer wieder aufblinzeln. / Himmel und Erde, das Paar, sind zusammengehörig; Yamī möge Yamas Nicht-Geschwisterliches tragen. [Anm.: ajāmi = 'nicht dem Verwandtschaftsband gemäß'; Yamī argumentiert mit dem kosmischen Geschwisterpaar Himmel/Erde. Deutung plausibel.]
ā ghā tā gachānuttarā yugāni yatra jāmayaḥ kṛṇavannajāmi / upa barbṛhi vṛṣabhāya bāhumanyamichasva subhagepatiṃ mat
[Yama:] Kommen werden jene späteren Zeitalter, in denen Geschwister Nicht-Geschwisterliches tun. / Lege den Arm einem Stier (Mann) zu; suche einen anderen Gatten als mich, Schöne.
kiṃ bhratāsad yadanāthaṃ bhavāti kimu svasā yan nir{ṛ}tirnigachat / kāmamūtā bahvetad rapāmi tanvā me tanvaṃ sampipṛgdhi
[Yamī:] Was ist das für ein Bruder, wenn (die Frau) ohne Schutz ist? Was für eine Schwester, wenn Nirṛti (Verderben) sich ihr nähert? / Von Verlangen getrieben rede ich dies vielfach; mit meinem Leib vermische deinen Leib.
na vā u te tanvā tanvaṃ saṃ papṛcyāṃ pāpamāhuryaḥsvasāraṃ nigachāt / anyena mat pramudaḥ kalpayasva na tebhrāta subhage vaṣṭyetat
[Yama:] Nicht möchte ich deinen Leib mit meinem vermischen; Sünde, sagen sie, ist es, wer zur Schwester geht. / Mit einem anderen als mir hab Vergnügen (Lust); dein Bruder will das nicht, Schöne. [Anm.: pramudaḥ = 'Freuden, Lust'.]
bato batasi yama naiva te mano hṛdayaṃ cāvidāma / anyā kilatvāṃ kakṣyeva yuktaṃ pari ṣvajāte libujeva vṛkṣam
[Yamī:] Ein Schwächling [?] bist du, Yama; wir kennen weder deinen Sinn noch dein Herz. / Eine andere wird dich umschlingen wie ein Gurt das Angeschirrte, wie eine Liane den Baum. [Anm.: bataḥ bata ist Ausruf; Sinn 'elend/schwach' unsicher.]
anyamū ṣu tvaṃ yamyanya u tvāṃ pari ṣvajāte libujevavṛkṣam / tasya vā tvaṃ mana ichā sa vā tavādhā kṛṇuṣvasaṃvidaṃ subhadrām
[Yama:] Umschlinge du einen anderen, Yamī, und ein anderer umschlingt dich wie eine Liane den Baum. / Suche seinen Sinn, oder er den deinen; dann schließe eine gute, glückliche Übereinkunft.