Kapitel 71: ṛgvede 10.71 · bṛhaspate prathamaṃ vāco agraṃ yat prairata nāmadheyandadhānāḥ
Lied von der Rede (Vāc) und den Freunden des Wissens
Lehrlied über die Entstehung der Rede, ihr Auffinden bei den Ṛṣis und die Verschiedenheit der Menschen im Umgang mit ihr (Sehende/Blinde, Kenner/Unkundige); am Ende die vier Priesterrollen. Zahlreiche Bilder sind spekulativ, Vers 5 und 9 sind schwer.
O Bṛhaspati, was als erster, als Spitze der Rede, sie hervorsandten, indem sie Namen gaben, / was von ihnen das Beste, was makellos war, / was ihnen durch Zuneigung [Anm.: preṇā] verborgen im Versteck niedergelegt war, das trat an den Tag.
Wo die Weisen mit dem Geist die Rede formten, sie reinigend wie Gerstenmehl mit einem Sieb, / da erkennen die Freunde ihre Freundschaften; / ihnen ist ein glückliches Zeichen in der Rede niedergelegt.
Durch die Weihehandlung gingen sie den Spuren der Rede nach; sie fanden sie, unter die Ṛṣis eingegangen. / Sie brachten sie herbei und verteilten sie vielfach; / sieben Sänger stimmen ihr zu [Anm.: oder: preisen sie zusammen].
uta tvaḥ paśyan na dadarśa vācamuta tvaḥ śṛṇvan naśṛṇotyenām / uto tvasmai tanvaṃ vi sasre jāyeva patyauśatī suvāsāḥ
Mancher, sehend, sah die Rede nicht; mancher, hörend, hört sie nicht; / manchem aber hat sie ihren Leib enthüllt wie eine begehrende, schön gekleidete Gattin ihrem Mann.
Und einen nennen sie im Freundesbund fest getränkt [Anm.: ?]; nicht treiben sie ihn an bei den Kraftwettbewerben; / er zieht ohne Milchkuh umher, durch Täuschung, / da er eine Rede gehört hat, die weder Frucht noch Blüte hat.
yastityāja sacividaṃ sakhāyaṃ na tasya vācyapi bhāgoasti / yadīṃ śṛṇotyalakaṃ śṛṇoti nahi praveda sukṛtasyapanthām
Wer den Freund, den Gefährten des Kundigen, verlassen hat, der hat in der Rede keinen Anteil; / was er auch hört, hört er Falsches; / denn er kennt den Pfad des Guten [Anm.: des gut Getanen] nicht.
Wort für Wort
yaḥ
wer (Rel. Nom. Sg.)
tityāja
verließ (3. Sg. Perf.)
saci-vidam
mit dem Kundigen verbunden, Gefährte des Wissenden (Akk. Sg.)
Freunde mit Augen und Ohren sind bei den Geistesgeschwindigkeiten einander nicht gleich geworden: / manche reichen [nur] bis ans Kinn, manche bis zur Achsel, / manche erscheinen wie Teiche zum Baden [Anm.: die bis zum Kinn / Achsel reichen — Bild für Unterschiede der Fähigkeit].
hṛdā taṣṭeṣu manaso javeṣu yad brāhmaṇāḥ saṃyajantesakhāyaḥ / atrāha tvaṃ vi jahurvedyābhirohabrahmāṇo vicarantyu tve
Wenn die Brahmanen [Anm.: Wissenden] als Freunde im Herzen gefertigt zusammen [die Weihehandlung] vollziehen, bei den Geistesgeschwindigkeiten: / da lassen sie einen im Stich, der sich aufs Wissen verlegt [?]; / andere Brahman-Ausrufer [?] gehen auseinander und dann wieder auf.
ime ye nārvāṃ na paraścaranti na brāhmaṇāso nasutekarāsaḥ / ta ete vācamabhipadya pāpayā sirīstantraṃ tanvate aprajajñayaḥ
Die weder herwärts noch jenseits gehen, weder Brahmanen sind noch Somapresser, / die haben die Rede schlecht angegangen, / und weben, Nicht-Kenner, wie Säer [?] ihr Gewebe.
Alle freuen sich über den [Freund], der mit Ruhm gekommen ist, der die Versammlung besiegt, der als Freund [kommt]; / der Sündenbeseitiger [Anm.: ?] und Speisegewinner ist ihnen ja genügend nützlich, / er ist wahrlich gerüstet für den Kraftwettbewerb.
ṛcāṃ tvaḥ poṣamāste pupuṣvān gāyatraṃ tvo gāyatiśakvarīṣu / brahmā tvo vadati jātavidyāṃ yajñasyamātrāṃ vi mimīta u tvaḥ
Der eine sitzt im Gedeihen der Ṛc-Verse, gut genährt; der andere singt den Gāyatra in den Śakvarī-Versen; / der Brahman-Priester spricht das aus, was aus der Geburt Wissen ist; und der andere misst das Maß der Weihehandlung aus.