Hochzeitslied mit Soma-Mond-Kosmologie (1-5), dem Mythos von Sūryās Wagenfahrt mit den Aśvins (6-20), Sprüchen und Zaubern für die Heimführung der Braut (21-38), der Reihe Soma-Gandharva-Agni-Mensch (40-41) und Segenswünschen (42-47). Mehrere Verse (3, 13, 16, 18, 28-30, 34-35, 37) sind wörtlich rätselhaft oder bleiben in Wortbedeutung und Zusammenhang unsicher.
satyenottabhitā bhūmiḥ sūryeṇottabhitā dyauḥ / ṛtenādityāstiṣṭhanti divi somo adhi śritaḥ
Durch Wahrheit ist die Erde emporgehalten, durch die Sonne der Himmel emporgehalten; durch Ṛta (die Ordnung) stehen die Ādityas; im Himmel ist Soma aufgesetzt.
Soma meint getrunken zu haben, wenn man die Pflanze zerreibt; den Soma aber, den die Brahmanen kennen, von dem isst niemand. [Anm.: Zwei Soma: die gepresste Pflanze und ein anderer, verborgener Soma (der Mond?); Deutung plausibel, nicht sicher.]
āchadvidhānairgupito bārhataiḥ soma rakṣitaḥ / gravṇāmicchṛṇvan tiṣṭhasi na te aśnāti pārthivaḥ
Umhüllt durch (dich) bedeckende Anordnungen, behütet durch die Bārhata-Gesänge, Soma, bewacht: nur auf das (Geräusch) der Presssteine hörend stehst du da; nicht isst dich der Irdische. [Anm.: bārhata = zu den Bṛhat-Liedern/Metren gehörig; Bedeutung von ācchat-vidhāna unsicher.]
Wort für Wort
ācchat-vidhānaiḥ
durch Hüllen-Anordnungen (Instr. Pl.; ā-cchad + vidhāna) [?]
Raibhī war (ihre) Begleiterin (Mitgabe), Nārāśaṃsī die Umkleiderin [?]; Sūryās Gewand war einzig schön, mit dem Gāthā-Lied ging es daher, ausgeschmückt. [Anm.: Raibhī, Nārāśaṃsī, Gāthā sind Arten von Preis- und Spruchdichtung, hier als Brautgefolge personifiziert.]
Preisgesänge waren die Gegenstützen (Wagenteile), das Metrum der Kopfputz (kurīra), der Haaraufsatz [?] (opaśa); Sūryās Brautführer waren die beiden Aśvins, Agni war der Vorausgänger.
Soma war der Brautbegehrende, die beiden Aśvins waren die beiden Brautführer, als Savitṛ die Sūryā, die dem Gatten (ihr Ja) sagte, mit dem Sinn (dem Gatten) gab.
mano asyā ana āsīd dyaurāsīduta chadiḥ / śukrāvanaḍvāhavāstāṃ yadayāt sūryā bṛham
Ihr Sinn war der Wagen, der Himmel war die Decke; hell waren die beiden Wagenzugtiere, als Sūryā zum Haus fuhr. [Anm.: Das Wort für die Wagenzugtiere ist im PP verderbt (anaḍ-vāhau).]
ṛksāmābhyāmabhihitau gāvau te sāmanāvitaḥ / śrotraṃ tecakre āstāṃ divi panthāścarācāraḥ
Durch Ṛc und Sāman zugeteilt (angeschirrt) waren deine beiden Rinder, die beiden Sāman-Zugstücke von da [?]; das Gehör war dein Räderpaar, der Weg im Himmel das Hin-und-Her. [Anm.: Bildrede: Zugtiere und Räder als Sprüche und Sinne; kosmisch-mythologisch plausibel, Einzelheiten unsicher.]
Wort für Wort
ṛk-sāmābhyām
durch Ṛc und Sāman (Instr. Du.)
abhi-hitau
zugeteilt, angeschirrt (Part. Pass. Nom. Du. m.)
gāvau
zwei Rinder (Nom. Du.)
te
deine (Gen. Sg. enkl.)
sāmanau
Sāman-Teile, Sāman-Zugstücke (Nom. Du.) [?]
itaḥ
von hier, von da (Adv.)
śrotram
Gehör (Nom. Sg.)
te
dein (Gen. Sg. enkl.)
cakre iti
Räderpaar (Nom. Du.)
āstām
waren (3. Du. Impf.)
divi
im Himmel (Lok. Sg.)
panthāḥ
Weg (Nom. Sg.)
carācaraḥ
Hin-und-Her, Gehendes und Feststehendes (Nom. Sg.) [?]
Rein waren deine beiden Räder bei der Fahrt [?]; der Durchatem (vyāna) war die aufgesetzte Achse; den geistgemachten Wagen bestieg Sūryā, zum Gatten aufbrechend.
Sūryās Brautzug zog aus, den Savitṛ entsandte; in den Aghās (Maghās) werden die Rinder erschlagen, in den beiden Arjunī (Phalgunī) wird (die Braut) heimgeführt. [Anm.: Sternbild-Bezug (Nakṣatras Maghā/Phalgunī), plausibel.]
yadaśvinā pṛchamānāvayātaṃ tricakreṇa vahatuṃsūryāyāḥ / viśve devā anu tad vāmajānan putraḥpitarāvavṛṇīta pūṣā
Als ihr, Aśvins, fragend mit dem dreirädrigen Wagen zum Brautzug der Sūryā fuhrt, da erkannten alle Götter das für euch an; als Sohn wählte Pūṣan (sich) die beiden Eltern.
dve te cakre sūrye brahmāṇa ṛtutha viduḥ / athaikaṃcakraṃ yad guhā tadaddhātaya id viduḥ
Zwei sind deine Räder, Sūryā; die Brahmanen kennen sie nach den Zeiten (der Ordnung gemäß); aber das eine Rad, das im Verborgenen ist, das kennen nur die wahrhaft Kundigen [?]. [Anm.: Rätselvers; zwei Räder = Sonne/Mond oder Zeiteinteilungen? (spekulativ); das dritte, verborgene Rad bleibt offen.]
Vorwärts und rückwärts ziehen diese beiden durch Zauberkraft, zwei spielende Kinder, sie umkreisen den Gang [?]; der eine überschaut alle Wesen, der andere wird, die Jahreszeiten ordnend, wieder geboren. [Anm.: Wohl Sonne und Mond (plausibel); der andere wird täglich bzw. monatlich neu.]
navo-navo bhavati jāyamāno 'hnāṃ keturuṣasāmetyagram / bhāgaṃ devebhyo vi dadhātyāyan pra candramāstiratedīrghamayuḥ
Immer neu wird er, wenn er geboren wird; als Kennzeichen der Tage geht er an die Spitze der Morgenröten; den Göttern teilt er, kommend, den Anteil zu; der Mond verlängert das lange Leben.
Mit schönem Kiṃśuka(-Holz) [?], aus Śalmali(-Holz), allgestaltig, goldfarben, gut rollend, mit guten Rädern: (diesen Wagen) besteige, Sūryā, (den Weg) zur Welt des Unsterblichen; mache dem Gatten den Brautzug wohltuend.
Wort für Wort
su-kiṃśukam
mit schönem Kiṃśuka(-Holz) oder -Blüten (Akk. Sg. m.) [?]
udīrṣvātaḥ pativatī hyeṣā viśvāvasuṃ namasāgīrbhirīḷe / anyāmicha pitṛṣadaṃ vyaktāṃ sa te bhāgojanuṣā tasya viddhi
Steh auf von hier! Denn diese hat schon einen Gatten. Den Viśvāvasu rufe ich an mit Verehrung, mit Liedern; suche eine andere, im Vaterhaus sitzende, erwachsene [?]; das ist dein Anteil von Geburt an, so erkenne (es).
anṛkṣarā ṛjavaḥ santu panthā yebhiḥ sakhāyo yanti novareyam / samaryamā saṃ bhago no ninīyāt saṃ jaspatyaṃsuyamamastu devāḥ
Ohne Dornen und gerade sollen die Wege sein, auf denen unsere Freunde zur Werbung um uns ziehen; Aryaman und Bhaga sollen uns zusammenführen; gut lenkbar sei der Ehestand, ihr Götter. [Anm.: jāḥ-patya = Gattenschaft; auch Lesart mit Bezug auf die Gattin-Herrschaft möglich.]
Ich löse dich vom Strick Varuṇas, mit dem dich der gütige Savitṛ band; am Ursprung des Ṛta, in der Welt der guten Tat setze ich dich unversehrt zusammen mit dem Gatten nieder.
pūṣā tveto nayatu hastagṛhyāśvinā tvā pra vahatāṃrathena / gṛhān gacha gṛhapatnī yathāso vaśinī tvaṃvidathamā vadāsi
Pūṣan soll dich von hier führen, (dich) an der Hand fassend; die Aśvins sollen dich auf dem Wagen fortfahren; ins Haus geh, damit du Hausherrin seist; gebietend sollst du zur Versammlung sprechen.
iha priyaṃ prajayā te sam ṛdhyatāmasmin gṛhe gārhapatyāyajāgṛhi / enā patyā tanvaṃ saṃ sṛjasvādhā jivrī vidathamā vadāthaḥ
Hier sei dir Liebes mit Nachkommenschaft vollkommen; in diesem Haus wache für die Hausherrschaft; mit diesem Gatten vereinige deinen Leib; dann sollt ihr beide, altersgrau, zur Versammlung sprechen.
Blau-rot wird (es), Unheilzauber haftet an, (es) zeigt sich; ihre Verwandten gedeihen, der Gatte wird in Fesseln gebunden. [Anm.: Verse 28-30 sind Spruchformeln gegen Zauber am Brautgewand; wörtlich knapp und unsicher.]
Die Auszehrungen, die dem freudigen Brautzug der Braut aus dem Volk folgen, die sollen die verehrungswürdigen Götter zurückführen, woher sie gekommen sind.
mā vidan paripanthino ya āsīdanti dampatī / sugebhirdurgamatītāmapa drāntvarātayaḥ
Nicht sollen die Wegelagerer die beiden Gatten finden, die sich (ihnen) nahe setzen (auflauern); auf gut gangbaren Wegen sollen sie das Schwierige überwinden; die Missgünstigen sollen davonlaufen. [Anm.: PP bei ā-sīdanti verderbt.]
tṛṣṭametat kaṭukametadapāṣṭhavad viṣavan naitadattave / sūryāṃ yo brahmā vidyāt sa id vādhūyamarhati
Roh (scharf) ist dies, bitter dies, mit Dorn [?], giftig; nicht zum Essen ist dies; wer als Brahmā Sūryā (das Brautgewand?) kennt, der verdient das Brautgewand. [Anm.: Zusammenhang mit dem Gewand unsicher (spekulativ bis plausibel).]
āśasanaṃ viśasanamatho adhivikartanam / sūryāyaḥ paśyarūpāṇi tāni brahmā tu śundhati
Das Zuschneiden, das Zerschneiden und das Beschneiden: sieh die Formen der Sūryā; diese aber reinigt der Brahmā. [Anm.: Wörtlich vermutlich Arbeitsgänge am Gewand; Deutung unsicher.]
Ich fasse deine Hand für das Glück; mit mir als Gatten sollst du bis ins Greisenalter leben; Bhaga, Aryaman, Savitṛ, Purandhi, die Götter haben dich mir gegeben für die Hausherrschaft.
Diese, Pūṣan, die Freundlichste, treibe an, in die die Menschen den Samen streuen, die uns die Schenkel begehrend öffnet, in die wir begehrend das Glied hineinstoßen. [Anm.: Wörtlich, ohne Beschönigung, sexuelle Bildrede der Zeugung.]
Wort für Wort
tām
diese (Akk. Sg. f.)
pūṣan
Pūṣan (Vok. Sg.)
śiva-tamām
freundlichste, glückbringendste (Akk. Sg. f.)
ā
hin (Präverb)
īrayasva
treibe an, bringe in Bewegung (2. Sg. Imp. Med.)
yasyām
in welche (Rel. Lok. Sg. f.)
bījam
Samen (Akk. Sg.)
manuṣyāḥ
Menschen (Nom. Pl.)
vapanti
streuen, säen (3. Pl.)
yā
welche (Rel. Nom. Sg. f.)
naḥ
uns (Gen./Dat. Pl.)
ūrū iti
die beiden Schenkel (Akk. Du.)
uśatī
begehrend (Part. Nom. Sg. f.)
vi-śrayāte
öffnet, spreizt (3. Sg. Med.)
yasyām
in welche (Rel. Lok. Sg. f.)
uśantaḥ
begehrend (Part. Nom. Pl. m.)
pra-harāmaḥśepam
wir stoßen hinein (1. Pl.) und Glied (Akk. Sg.) [zwei Wörter in einem PP-Token]
Nachkommenschaft soll uns Prajāpati erzeugen; bis ins Alter soll Aryaman (uns) zusammenfügen; nicht unheilvoll betritt die Welt (das Haus) des Gatten; sei Heil unseren Zweifüßern, Heil den Vierfüßern.
Mit nicht schrecklichem Blick, nicht gattentötend sei, freundlich zum Vieh, wohlgesinnt, glanzvoll, Helden gebärend, die Götter liebend, wohltuend; Heil sei uns, den Zweifüßern, Heil den Vierfüßern.
Wort für Wort
aghora-cakṣuḥ
mit nicht schrecklichem Blick (Nom. Sg. f.)
apati-ghnī
gattentötend nicht, nicht den Gatten tötend (Nom. Sg. f.)