Kapitel 88: ṛgvede 10.88 · haviṣ pāntamajaraṃ svarvidi divispṛśyāhutaṃ juṣṭamagnau
Agni als Weltlicht, Ursprung von Sonne und Weihehandlung
Kosmogonisches Agni-Lied: Die Götter erzeugen Agni (als Weltlicht, Vaiśvānara, Sonne) durch Lobspruch und Darbringung; ab Vers 15 Rätsel- und Fragestil (Wege der Väter und Götter, Zahl der Agnis). Viele Stellen (1, 4, 6, 13, 17, 19) sind sprachlich dunkel.
Die Darbringung – die trinkende/schützende [?], alterslose – ist in Agni, den Licht-Finder, den Himmelsberührer, hineingegossen, (dort) gern angenommen; zu dessen Tragen, für die Welt, zur Stützung haben die Götter sich [kam: wohl] aus Eigenkraft (svadhā) ausgebreitet [?].
Wort für Wort
haviḥ
Darbringung (Nom./Akk. Sg.)
pāntam
trinkend, schützend (Akk./Nom. Sg.) [?]
ajaram
alterslos (Akk./Nom. Sg.)
svaḥ-vidi
Licht-Finder, Sonnen-Finder (Lok. Sg.)
divi-spṛśi
den Himmel berührend (Lok. Sg.)
āhutam
hineingegossen, dargebracht (Nom. Sg.)
juṣṭam
gern angenommen (Nom. Sg.)
agnau
in Agni (Lok. Sg.)
tasya
dessen (Gen.)
bharmaṇe
für das Tragen (Dat. Sg.)
bhuvanāya
für die Welt (Dat. Sg.)
devāḥ
Götter (Nom. Pl.)
dharmaṇe
zur Stützung (Dat. Sg.)
kam
wohl, zum Heil (Partikel)
svadhayā
mit Eigenkraft (Instr. Sg.)
paprathanta
sie breiteten (sich) aus (3. Pl. Perf./Aor. Med.) [?]
Verschlungen war die Welt, vom Dunkel verborgen; sichtbar wurde das Licht (svar), als Agni geboren war. In dessen Freundschaft ließen die Götter, Erde, Himmel und die Wasser (und) die Pflanzen sich erfreuen [?].
Wort für Wort
gīrṇam
verschlungen (Nom. Sg.)
bhuvanam
Welt, Wesen (Nom. Sg.)
tamasā
vom Dunkel (Instr. Sg.)
apa-gūḷham
verborgen (Nom. Sg.)
āviḥ
sichtbar, offenbar
svaḥ
Licht, Sonne (Nom. Sg.)
abhavat
wurde (3. Sg. Impf.)
jāte
als geboren (Lok. Sg.)
agnau
in Agni (Lok. Sg.)
tasya
dessen (Gen.)
devāḥ
Götter (Nom. Pl.)
pṛthivī
Erde (Nom. Sg.)
dyauḥ
Himmel (Nom. Sg.)
uta
und
āpaḥ
Wasser (Nom. Pl.)
araṇayan
sie ergötzten sich/ließen sich erfreuen (3. Pl. Impf.) [?]
devebhirnviṣito yajñiyebhiragniṃ stoṣāṇyajarambṛhantam / yo bhānunā pṛthiviṃ dyāmutemāmātatānarodasī antarikṣam
Von den verehrungswürdigen Göttern angetrieben will ich nun Agni preisen, den alterslosen, hohen; der mit Glanz die Erde, den Himmel und diese (Erde) ausgespannt hat, die beiden Welten, den Luftraum.
yo hotāsīt prathamo devajuṣṭo yaṃ samañjannājyenāvṛṇānaḥ / sa patatrītvaraṃ stha jagad yacchvātramagnirakṛnojjātavedaḥ
Der als erster Rufer (hotṛ) war, von den Göttern geliebt, den sie salbten (und) mit Schmalz erwählten – er (ist) das Geflügelte, das Wandelnde, das Stehende, das Bewegliche; was (auch) Labsal (ist), machte Agni, der Jātavedas [?]. [Anm.: rätselhaft; Deutung von sthāḥ, śvātram unsicher.]
yajjatavedo bhuvanasya mūrdhannatiṣṭho agne saha rocanena / taṃ tvahema matibhirgīrbhirukthaiḥ sa yajñiyo abhavorodasiprāḥ
Als du, Jātavedas, auf dem Haupt der Welt standest, Agni, zusammen mit dem Leuchtraum – dich haben wir mit Gedanken, mit Liedern, mit Lobsprüchen angetrieben [?]; du wurdest zum Verehrungswürdigen, der die beiden Welten füllt.
Haupt der Erde wird Agni bei Nacht; daraus wird die Sonne geboren, morgens aufgehend. Diese Zauberkraft (māyā) der Verehrungswürdigen [ist es] fürwahr: dass er, eilend, wissend, zu den Wassern / das Werk [?] einherzieht.
Der Anschauenswerte, der durch Größe entzündet erstrahlte, im Himmel beheimatet, weithin leuchtend: in diesen Agni haben alle Götter mit dem Wort des Lobspruchs die Darbringung hineingeopfert, (sie,) die Leibschützer.
Das Lobspruch-Wort (erzeugten die Götter) zuerst, dann eben Agni, dann eben die Darbringung; er wurde deren Weihehandlung, der Leibschützer; ihn kennt der Himmel, ihn die Erde, ihn die Wasser.
Den Agni, den die Götter erzeugten, in den sie alle Welten (Wesen) hineinopferten – der hat mit Flamme die Erde, den Himmel und diese (Erde) durchwärmt, gerade (zustrebend), mit Größe.
stomena hi divi devāso agnimajījanañchaktibhīrodasiprām / tamū akṛṇvan tredhā bhuve kaṃ sa oṣadhīḥpacati viśvarūpāḥ
Denn mit dem Preislied erzeugten die Götter im Himmel Agni, mit (ihren) Kräften, den Erfüller der beiden Welten; ihn machten sie dreifach für das Werden [kam: zum Heil]; er kocht (reift) die Pflanzen, die allgestaltigen.
yadedenamadadhuryajñiyāso divi devāḥ sūryamāditeyam / yadā cariṣṇū mithunāvabhūtāmādit prāpaśyanbhuvanāni viśvā
Als eben die verehrungswürdigen Götter ihn im Himmel einsetzten, (als) die Sonne, den Aditi-Sohn, (und) als die beiden, wandernd, ein Paar wurden – da erst erblickten sie alle Welten.
Für die ganze Welt machten die Götter Agni Vaiśvānara zum Banner (Erkennungszeichen) der Tage; der die aufleuchtenden Morgenröten ausspannte, (und) das Dunkel, die Wasser [?] aufdeckt, mit der Flamme dahingehend. [Anm.: apo ūrṇoti = apa ūrṇoti ‚deckt auf‘.]
Den Vaiśvānara, Agni, erzeugten die Seher, die verehrungswürdigen Götter, den nie alternden; das uralte Gestirn [Anm.: nakṣatra], das wandernde, das nicht verringerte [?] – des Yakṣa (Wunderwesens) Oberaufseher, stark, groß.
Zum Vaiśvānara, der alle Tage leuchtend, zu Agni, dem Seher, sprechen wir mit Sprüchen hin; der mit Größe die beiden weiten (Welten) umfasst hat, sowohl von unten als auch als Gott von oben.
dve srutī aśṛṇavaṃ pitṝṇāmahaṃ devānāmutamartyānām / tābhyāmidaṃ viśvamejat sameti yadantarāpitaraṃ mātaraṃ ca
Zwei Wege habe ich gehört, der Väter, der Götter und der Sterblichen; auf diesen beiden geht dieses ganze Bewegte zusammen, was zwischen Vater und Mutter ist.
dve samīcī bibhṛtaścarantaṃ śīrṣato jātaṃ manasāvimṛṣṭam / sa pratyaṃ viśvā bhuvanāni tasthāvaprayuchantaraṇirbhrājamānaḥ
Zwei zusammenstrebende tragen den Wandelnden, der vom Haupt an geboren, vom Geist erfasst (berührt) ist. Er stand, (uns) zugewandt, über allen Wesen, ohne nachzulassen, der Durchdringende (Sonne), strahlend. [Anm.: Rätselvers; Deutung auf Agni/Sonne plausibel, sonst spekulativ.]
yatrā vadete avaraḥ paraśca yajñanyoḥ kataro nau vi veda / ā śekurit sadhamādaṃ sakhāyo nakṣanta yajñaṃ kaidaṃ vi vocat
Wo die beiden sprechen, der Nähere und der Ferne, (die beiden) Weihehandlungs-Lenker [?] – welcher von uns beiden weiß Bescheid? Die Freunde vermochten das gemeinsame Gelage (zu erreichen); sie gelangen (zur) Weihehandlung – wer hat dies auseinandergesetzt? [?]
katyagnayaḥ kati sūryāsaḥ katyuṣāsaḥ katyu svidāpaḥ / nopaspijaṃ vaḥ pitaro vadāmi pṛchāmi vaḥ kavayovidmane kam
Wie viele Agnis (gibt es), wie viele Sonnen, wie viele Morgenröten, wie viele Wasser? Nicht als Nebenbuhler rede ich zu euch, Väter; ich frage euch, Seher, um (es) zu wissen.
So viel wie das Antlitz der Morgenröte (ausmacht), so viel birgt/hüllt (sich) der Schönbeschwingte, Mātariśvan [?]; so viel setzt der Brahman-Priester (brāhmaṇa) hin, der zur Weihehandlung herantritt, sich unterhalb des Rufers niederlassend. [Anm.: sehr unsicher.]