Kapitel 11: Grahaṇapratijñā
Der zehnte Tag: Droṇas Versprechen, Yudhiṣṭhira gefangen zu nehmen
Saṃjaya beginnt, nach den Klage- und Fragekapiteln Dhṛtarāṣṭras (Kap.8-10), mit der eigentlichen Rückschau auf den Fall Droṇas (V.1) und schildert eine zentrale Szene vom Anfang von Droṇas Feldherrnschaft: Droṇa bietet dem frisch zum Heerführer Ernannten gemäß Duryodhana einen freien Wunsch an (V.2-4); Duryodhana bittet um die lebendige Gefangennahme Yudhiṣṭhiras (V.5-6). Droṇa mutmaßt zunächst rhetorisch fragend über Duryodhanas wahre Beweggründe (V.7-12), woraufhin Duryodhana, durchschaut, sein eigentliches strategisches Kalkül offenlegt (V.13-18): Solange Arjuna im Feld stehe, sei Yudhiṣṭhira ohnehin unangreifbar; werde der 'Wahrheitstreue' aber einmal gefangen und – wie einst nach dem Würfelspiel – erneut in die Verbannung geschickt, wäre dies ein dauerhafter Sieg; die Tötung wünsche er gerade nicht. Droṇa durchschaut diese Berechnung (V.19) und gewährt daraufhin ein formelles, mit Vorbehalt versehenes Versprechen (V.20-28): Nur wenn Arjuna zuvor vom Kampfplatz entfernt werde, könne er Yudhiṣṭhira gefangen nehmen; solange Arjuna dastehe, sei dies selbst den Göttern unmöglich. Das Kapitel schließt mit der vorschnellen Verkündung dieses bedingten Versprechens als bereits vollzogene Tat in Duryodhanas Heerlager (V.29-31) – eine Kurzschlüssigkeit, die Saṃjaya ausdrücklich als 'sehr töricht' kennzeichnet.
Anm. d. Übers.: Dieses Kapitel bildet den erzählerischen Ausgangspunkt der später als 'Saṃśaptaka-Episode' bekannten Kriegslist – der wiederholten Ablenkung Arjunas durch die mit den Trigartas verbündeten Kṛtavarman und Suśarman, damit Droṇa freie Bahn zur Gefangennahme Yudhiṣṭhiras erhält. V.1 markiert dabei ausdrücklich den Beginn einer rückblickenden Erzählung ('wie jener Droṇa fiel') und bestätigt damit erneut, dass die in Kap.8-10 vorausgesetzte Tatsache von Droṇas Tod dem nun folgenden, weit zurückliegenden Geschehen als bereits feststehendes Ergebnis vorausgeht – die einsetzende ausführliche Kampfschilderung ist somit durchweg als Vorgeschichte zu verstehen.
bezwungen von den Pāṇḍus und Sṛñjayas (Nom.Sg.Part. + Instr.Pl.)
[Anm.: V.1 bildet eine Einheit; eingeleitet durch die (hier wie in den vorangehenden Kapiteln entfallende) Sprecherkennzeichnung 'saṃjaya uvāca' – Saṃjaya wendet sich mit dieser Ankündigung wieder unmittelbar an Dhṛtarāṣṭra und markiert damit den Beginn der rückblickenden Erzählung vom Fall Droṇas, auf die die Klage- und Fragekapitel 8-10 bereits vorausgewiesen hatten. Der Apparatseinschub *0087_01 ('höre zu, standhaft bleibend, während ich erzähle, Bhārata') ist eine redundante Ermahnungsformel vor dem ohnehin selbständigen 'hanta te varṇayiṣyāmi' und wird nicht übernommen.]
Nachdem der Sohn des Bharadvāja, der große Wagenkämpfer, die Feldherrnschaft erlangt hatte, sprach er inmitten des ganzen Heeres zu deinem Sohn [Duryodhana] folgendes Wort:
Wort für Wort
senāpatitvam saṃprāpya
die Feldherrnschaft erlangt habend (Akk.Sg. + Ger.)
bhāradvājaḥ mahārathaḥ
der Sohn des Bharadvāja, der große Wagenkämpfer (Nom.Sg. + Nom.Sg.)
madhye sarvasya sainyasya
inmitten des ganzen Heeres (Lok.Sg. + Gen.Sg. + Gen.Sg.)
putram te vākyam abravīt
sprach zu deinem Sohn [dieses] Wort (Akk.Sg. + Gen.Sg. + Akk.Sg. + 3.Sg.Impf.)
[Anm.: V.2 bildet eine Einheit; Rahmennarration, leitet Droṇas an Duryodhana gerichtete Rede ein (V.3-4, CQ).]
„Weil du mich, o König, heute, unmittelbar nach dem Stier der Kauravas, dem Sohn der Āpagā [Bhīṣma], mit der Feldherrnschaft geehrt hast — erlange, o Herrscher, die dieser Tat entsprechende Frucht: Ich erfülle [dir] einen Wunsch; wähle heute, welchen du begehrst.“
Wort für Wort
yat kauravāṇām ṛṣabhāt
weil [du mich] nach dem Stier der Kauravas (Rel.Partikel + Gen.Pl. + Abl.Sg.)
āpageyāt anantaram
unmittelbar nach dem Sohn der Āpagā [Bhīṣma] (Abl.Sg. + Adv.)
senāpatyena mām rājan adya satkṛtavān asi
mit der Feldherrnschaft hast du mich heute geehrt, o König (Instr.Sg. + Akk.Sg. + Vok.Sg. + Adv. + Nom.Sg.Part.Perf. + 2.Sg.)
sadṛśam karmaṇaḥ tasya phalam prāpnuhi pārthiva
erlange die dieser Tat entsprechende Frucht, o Herrscher (Akk.Sg. + Gen.Sg. + Gen.Sg. + Akk.Sg. + Imp.2.Sg. + Vok.Sg.)
karomi kāmam kam te adya
ich erfülle [dir] heute welchen Wunsch (1.Sg. + Akk.Sg. + Interrog.Akk.Sg. + Gen.Sg. + Adv.)
pravṛṇīṣva yam icchasi
wähle, welchen du begehrst (Imp.2.Sg.Med. + Rel.Akk.Sg. + 2.Sg.)
[Anm.: V.3-4 bilden eine syntaktische und Sprech-Einheit (CQ_OPEN...CQ_CLOSE); Droṇas Antrittswort an Duryodhana. Der Apparatseinschub *0088_01 nach V.3d ('möge dir von jener Tat entsprechende Frucht zuteilwerden') ist eine Dublette des unmittelbar folgenden V.4a ('sadṛśaṃ karmaṇas tasya phalaṃ prāpnuhi') und wird nicht übernommen.]
tato duryodhanaś cintya karṇaduḥśāsanādibhiḥ / tam athovāca durdharṣam ācāryaṃ jayatāṃ varam
Da erwog Duryodhana [dies] zusammen mit Karṇa, Duḥśāsana und anderen und sprach hierauf zu dem schwer zu bezwingenden Lehrer, dem Besten der Sieggekrönten:
Wort für Wort
tataḥ duryodhanaḥ cintya
da erwog Duryodhana (Adv. + Nom.Sg. + Ger.)
karṇaduḥśāsanādibhiḥ
zusammen mit Karṇa, Duḥśāsana und anderen (Instr.Pl.)
tam atha uvāca
sprach hierauf zu ihm (Akk.Sg. + Adv. + 3.Sg.Impf.)
durdharṣam ācāryam jayatām varam
zum schwer zu bezwingenden Lehrer, dem Besten der Sieggekrönten (Akk.Sg. + Akk.Sg. + Gen.Pl.Part. + Akk.Sg.)
[Anm.: V.5 bildet eine Einheit; leitet Duryodhanas Bitte ein (V.6, CQ).]
„Wenn du mir einen Wunsch gewährst — Yudhiṣṭhira, den Besten der Wagenkämpfer, bring mir, lebendig gefangen, hierher in meine Nähe, nachdem du ihn ergriffen hast.“
Wort für Wort
dadāsi cet varam mahyam
wenn du mir einen Wunsch gewährst (2.Sg. + Kond.Partikel + Akk.Sg. + Dat.Sg.)
den Besten der Wagenkämpfer, ergriffen habend (Ger. + Gen.Pl. + Akk.Sg.)
matsamīpam iha ānaya
bring [ihn] hierher in meine Nähe (Akk.Sg. + Adv. + Imp.2.Sg.)
[Anm.: V.6 bildet eine syntaktische Einheit (CQ_OPEN...CQ_CLOSE); Duryodhanas Bitte um die lebendige Gefangennahme Yudhiṣṭhiras. Der dreizeilige Apparatseinschub *0089_01-03 nach V.6d ('Ich möchte fürwahr den hochgesinnten, gerechtgesinnten Yudhiṣṭhira, vor den Augen seiner Brüder, durch lebendiges Ergreifen mich an dieser Tat erfreuen, mitsamt Freunden und Verwandten') ist eine ausmalende, den bereits geäußerten Wunsch wiederholende Erweiterung und wird nicht übernommen.]
„Glücklich ist der König, der Sohn der Kuntī, dessen Gefangennahme du wünschst; nicht um [seiner] Tötung willen erbittest du heute einen Wunsch, o schwer Bezwingbarer.
Wort für Wort
dhanyaḥ kuntīsutaḥ rājā
glücklich ist der König, der Sohn der Kuntī (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
yasya grahaṇam icchasi
dessen Gefangennahme du wünschst (Gen.Sg. + Akk.Sg. + 2.Sg.)
na vadhārtham sudurdharṣa
nicht um der Tötung willen, o schwer Bezwingbarer (Neg. + Akk.Sg. + Vok.Sg.)
varam adya prayācasi
erbittest du heute einen Wunsch (Akk.Sg. + Adv. + 2.Sg.)
[Anm.: V.8 bildet eine Einheit; Beginn von Droṇas Erwiderung an Duryodhana (CQ_OPEN, fortgesetzt bis V.12) — Droṇa mutmaßt zunächst rhetorisch fragend über Duryodhanas wahre Absicht.]
Oder aber, o Bester der Bharatas, wünschst du, nachdem du die Pāṇḍavas im Kampf bezwungen und [ihnen] ihren Königreichsanteil zurückgegeben hast, brüderliches Einvernehmen zu schließen?
Wort für Wort
atha vā bharataśreṣṭha
oder aber, o Bester der Bharatas (Konj. + Vok.Sg.)
nirjitya yudhi pāṇḍavān
nachdem du die Pāṇḍavas im Kampf bezwungen hast (Ger. + Lok.Sg. + Akk.Pl.)
rājyāṃśam pratidattvā ca
und [ihnen] ihren Königreichsanteil zurückgegeben habend (Akk.Sg. + Ger. + Konj.)
saubhrātram kartum icchasi
wünschst du brüderliches Einvernehmen zu schließen (Akk.Sg. + Inf. + 2.Sg.)
Glücklich ist der König, der Sohn der Kuntī, und wahrhaft wohlbegründet ist die 'Feindlosigkeit' des Klugen [Beiname 'Ajātaśatru'], da du ihm zugeneigt bist.“
Wort für Wort
dhanyaḥ kuntīsutaḥ rājā
glücklich ist der König, der Sohn der Kuntī (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
sujātā ca asya dhīmataḥ
und wahrhaft [wohl]begründet ist die des Klugen (Nom.Sg. + Konj. + Gen.Sg. + Gen.Sg.)
ajātaśatrutā satyā
'Feindlosigkeit' [ist] wahr (Nom.Sg. + Nom.Sg.)
tasya yat snihyate bhavān
da du ihm zugeneigt bist (Gen.Sg. + Kausal-Partikel + 2.Sg.Med. + Nom.Sg.)
[Anm.: V.12 bildet eine Einheit; Ende von Droṇas erster Erwiderung (CQ_CLOSE). Der Beiname 'Ajātaśatru' ('der, dessen Feind nicht geboren ist') wird hier wörtlich als 'Feindlosigkeit' (ajātaśatrutā) aufgegriffen.]
Nicht kann die [wahre] Gestalt verborgen werden, selbst nicht vor Bṛhaspati Gleichenden; deshalb sprach dein Sohn, o König, hocherfreut folgendes Wort:
Wort für Wort
na ākāraḥ gūhitum śakyaḥ
nicht kann die [wahre] Gestalt verborgen werden (Neg. + Nom.Sg. + Inf. + Nom.Sg.)
bṛhaspatisamaiḥ api
selbst nicht vor Bṛhaspati Gleichenden (Instr.Pl. + Partikel)
tasmāt tava sutaḥ rājan
deshalb sprach dein Sohn, o König (Adv. + Gen.Sg. + Nom.Sg. + Vok.Sg.)
prahṛṣṭaḥ vākyam abravīt
hocherfreut ein Wort (Nom.Sg. + Akk.Sg. + 3.Sg.Impf.)
[Anm.: V.14 bildet eine Einheit (nur a/c-Padas); gnomischer Kommentar und Überleitung zu Duryodhanas Erwiderung (V.15-18, CQ).]
vadhe kuntīsutasyājau nācārya vijayo mama / hate yudhiṣṭhire pārtho hanyāt sarvān hi no dhruvam
„Bei der Tötung des Sohnes der Kuntī im Kampf, o Lehrer, [liegt] nicht mein Sieg; wenn Yudhiṣṭhira getötet ist, würde Pārtha [Arjuna] gewiss uns alle töten.
Wort für Wort
vadhe kuntīsutasya ājau
bei der Tötung des Sohnes der Kuntī im Kampf (Lok.Sg. + Gen.Sg. + Lok.Sg.)
na ācārya vijayaḥ mama
nicht [liegt], o Lehrer, mein Sieg (Neg. + Vok.Sg. + Nom.Sg. + Gen.Sg.)
hate yudhiṣṭhire
wenn Yudhiṣṭhira getötet ist (Lok.Sg.Part. + Lok.Sg.)
pārthaḥ hanyāt sarvān hi naḥ dhruvam
würde Pārtha gewiss uns alle töten (Nom.Sg. + Opt.3.Sg. + Akk.Pl. + Partikel + Akk.Pl. + Adv.)
[Anm.: V.15 bildet eine Einheit; Beginn von Duryodhanas Erwiderung (CQ_OPEN, fortgesetzt bis V.18) — er offenbart, an Droṇa als 'ācārya' gewandt, sein eigentliches strategisches Motiv für die gewünschte Gefangennahme statt Tötung Yudhiṣṭhiras.]
na ca śakyo raṇe sarvair nihantum amarair api / ya eva caiṣāṃ śeṣaḥ syāt sa evāsmān na śeṣayet
Und er [Arjuna] kann im Kampf von allen nicht getötet werden, selbst nicht von den Unsterblichen; wer auch immer von ihnen übrig bliebe, eben der würde uns nicht übrig lassen.
Wort für Wort
na ca śakyaḥ raṇe sarvaiḥ
und er kann im Kampf von allen nicht (Neg. + Konj. + Nom.Sg. + Lok.Sg. + Instr.Pl.)
nihantum amaraiḥ api
getötet werden, selbst nicht von den Unsterblichen (Inf. + Instr.Pl. + Partikel)
yaḥ eva ca eṣām śeṣaḥ syāt
wer auch immer von ihnen übrig bliebe (Rel.Nom.Sg. + Partikel + Konj. + Gen.Pl. + Nom.Sg. + Opt.3.Sg.)
saḥ eva asmān na śeṣayet
eben der würde uns nicht übrig lassen (Pron.Nom.Sg. + Partikel + Akk.Pl. + Neg. + Opt.Kaus.3.Sg.)
[Anm.: V.16 bildet eine Einheit (nur a/c-Padas). Der vierzeilige Apparatseinschub *0090_01-04 zwischen 16a und 16c ('Wenn alle Pāṇḍavas mitsamt ihren Söhnen im Kampf getötet würden, dann würde, nachdem er den gesamten Königskreis restlos unterworfen und die an Meeren und Wäldern reiche, gedeihende Erde erobert hätte, Viṣṇu, der höchste Mann, sie der Kṛṣṇā [Draupadī] oder der Kuntī schenken') ist ein inhaltlich bemerkenswerter, für den unmittelbaren Satzzusammenhang aber entbehrlicher Einschub und wird nicht übernommen; 16a und 16c bilden ohne ihn einen vollständigen Satz.]
satyapratijñe tv ānīte punardyūtena nirjite / punar yāsyanty araṇyāya kaunteyās tam anuvratāḥ
Wenn aber der Wahrheitstreue [Yudhiṣṭhira], gebracht, wiederum durch Würfelspiel besiegt ist, werden die Söhne der Kuntī, ihm ergeben, wieder in den Wald gehen.
Wort für Wort
satyapratijñe tu ānīte
wenn aber der Wahrheitstreue [Yudhiṣṭhira] gebracht ist (Lok.Sg. + Konj. + Lok.Sg.Part.)
punaḥ dyūtena nirjite
wiederum durch Würfelspiel besiegt [ist] (Adv. + Instr.Sg. + Lok.Sg.Part.)
punaḥ yāsyanti araṇyāya
werden [sie] wieder in den Wald gehen (Adv. + 3.Pl.Fut. + Dat.Sg.)
kaunteyāḥ tam anuvratāḥ
die Söhne der Kuntī, ihm ergeben (Nom.Pl. + Akk.Sg. + Nom.Pl.)
[Anm.: V.17 bildet eine Einheit (nur a/c-Padas). Der Apparatseinschub *0091_01 zwischen 17a und 17c ('während er am Leben ist und gebracht wird durch viele angewandte Mittel') ist eine für den Satz entbehrliche Zusatzbestimmung und wird nicht übernommen.]
wird von langer Dauer sein (Akk.Sg.Adv. + 3.Sg.Fut.)
ataḥ na vadham icchāmi
deshalb wünsche ich nicht die Tötung (Adv. + Neg. + Akk.Sg. + 1.Sg.)
dharmarājasya karhi cit
des Rechtskönigs, jemals (Gen.Sg. + Adv.)
[Anm.: V.18 bildet eine Einheit; Ende von Duryodhanas Erwiderung (CQ_CLOSE) — der Wunsch nach dauerhafter Gefangenschaft statt Tötung Yudhiṣṭhiras als eigentliches Kriegsziel entlarvt.]
Nachdem er dessen [Duryodhanas] verschlagene Absicht erkannt hatte, gewährte ihm Droṇa, der Kenner des wahren Sachverhalts, der Kluge, nach [reiflicher] Überlegung jenen Wunsch mit einem Vorbehalt.
Wort für Wort
tasya jihmam abhiprāyam
dessen verschlagene Absicht (Gen.Sg. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
jñātvā droṇaḥ arthatattvavit
erkannt habend, Droṇa, der Kenner des wahren Sachverhalts (Ger. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
tam varam sāntaram tasmai dadau
gewährte ihm jenen Wunsch mit einem Vorbehalt (Akk.Sg. + Akk.Sg. + Akk.Sg. + Dat.Sg. + 3.Sg.Perf.)
saṃcintya buddhimān
nach [reiflicher] Überlegung, der Kluge (Ger. + Nom.Sg.)
[Anm.: V.19 bildet eine Einheit; Rahmennarration, leitet Droṇas formelles, mit Vorbehalt versehenes Versprechen ein (V.20-28, CQ; eingeleitet durch die hier entfallende, an dieser Stelle im Quelltext stehende Sprecherkennzeichnung 'droṇa uvāca').]
„Wenn Arjuna, o Held, Yudhiṣṭhira im Kampf nicht beschützt, [dann] betrachte den ältesten Pāṇḍava als in deine eigene Gewalt gebracht.
Wort für Wort
na cet yudhiṣṭhiram vīra
wenn nicht, o Held, Yudhiṣṭhira (Neg. + Kond.Partikel + Akk.Sg. + Vok.Sg.)
pālayet arjunaḥ yudhi
beschützt Arjuna im Kampf (Opt.3.Sg. + Nom.Sg. + Lok.Sg.)
manyasva pāṇḍavam jyeṣṭham
betrachte den ältesten Pāṇḍava (Imp.2.Sg.Med. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
ānītam vaśam ātmanaḥ
als in deine eigene Gewalt gebracht (Akk.Sg.Part. + Akk.Sg. + Gen.Sg.)
[Anm.: V.20 bildet eine Einheit; Beginn von Droṇas formellem Versprechen an Duryodhana (CQ_OPEN, fortgesetzt bis V.27-28), gesprochen anstelle der hier entfallenden Sprecherkennzeichnung 'droṇa uvāca'.]
dulde ich das nicht (Neg. + Akk.Sg. + 1.Sg. + Nom.Sg.)
[Anm.: V.21 bildet eine Einheit (nur a/c-Padas). Der Apparatseinschub *0092_01 zwischen 21a und 21c ('solange Pārtha [im Kampf] dasteht, kann der Dharmarāja von mir im Kampf keinesfalls [ergriffen werden]') nimmt den erst in V.24 explizit ausgeführten Gedanken vorweg und wird als vorwegnehmende Dublette nicht übernommen.]
asaṃśayaṃ sa śiṣyo me matpūrvaś cāstrakarmaṇi / taruṇaḥ kīrtiyuktaś ca ekāyanagataś ca saḥ
Zweifellos ist er [Arjuna] mein Schüler, zuvor von mir in der Waffenkunst [unterwiesen]; jung ist er, ruhmbegabt, und ganz einem einzigen Ziel hingegeben.
Wort für Wort
asaṃśayam sa śiṣyaḥ me
zweifellos ist er mein Schüler (Adv. + Pron.Nom.Sg. + Nom.Sg. + Gen.Sg.)
matpūrvaḥ ca astrakarmaṇi
und zuvor von mir [unterwiesen] in der Waffenkunst (Nom.Sg.Bah. + Konj. + Lok.Sg.)
taruṇaḥ kīrtiyuktaḥ ca
jung und ruhmbegabt (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Konj.)
ekāyanagataḥ ca saḥ
und er, einem einzigen Ziel gefolgt (Nom.Sg. + Konj. + Pron.Nom.Sg.)
[Anm.: V.22 bildet eine Einheit. 'matpūrvaḥ' ('mich zuvor habend') ist nicht ganz eindeutig; probeweise im Sinne von 'zuerst/zuvor von mir unterwiesen' gedeutet. 'ekāyanagataḥ' ('einem einzigen Pfad/Ziel gefolgt') dürfte auf Arjunas sprichwörtliche einzielgerichtete Hingabe an die Bogenkunst anspielen.]
Er [Arjuna] möge also, durch welches Mittel auch immer möglich, vom Kampf entfernt werden; ist Pārtha [Arjuna] dann entfernt, ist der Rechtskönig von dir besiegt.
Wort für Wort
sa ca apakramyatām yuddhāt
er möge also vom Kampf entfernt werden (Pron.Nom.Sg. + Konj. + Opt.Pass.3.Sg. + Abl.Sg.)
yena upāyena śakyate
durch welches Mittel auch immer möglich [ist] (Instr.Sg. + Instr.Sg. + 3.Sg.Pass.)
apanīte tataḥ pārthe
ist dann Pārtha entfernt (Lok.Sg.Part. + Adv. + Lok.Sg.)
dharmarājaḥ jitaḥ tvayā
ist der Rechtskönig von dir besiegt (Nom.Sg. + Nom.Sg.Part. + Instr.Sg.)
yadi sthāsyati saṃgrāme muhūrtam api me 'grataḥ / apanīte naravyāghre kuntīputre dhanaṃjaye / phalgunasya samakṣaṃ tu na hi pārtho yudhiṣṭhiraḥ / grahītuṃ samare śakyaḥ sendrair api surāsuraiḥ
Wenn er, sobald der tigerartige Mann, der Sohn der Kuntī, Dhanaṃjaya, entfernt ist, auch nur einen Augenblick vor mir im Kampf standhält, [wird seine Gefangennahme gewiss gelingen] — doch in Gegenwart Phalgunas [Arjunas] kann Pārtha Yudhiṣṭhira im Kampf nicht ergriffen werden, selbst nicht von den Göttern und Dämonen samt Indra.“
Wort für Wort
yadi sthāsyati saṃgrāme
wenn er im Kampf standhält (Kond.Partikel + 3.Sg.Fut. + Lok.Sg.)
muhūrtam api me agrataḥ
auch nur einen Augenblick vor mir (Akk.Sg. + Partikel + Gen.Sg. + Adv.)
apanīte naravyāghre kuntīputre dhanaṃjaye
sobald der tigerartige Mann, der Sohn der Kuntī, Dhanaṃjaya, entfernt ist (Lok.Sg.Part. + Lok.Sg. + Lok.Sg. + Lok.Sg.)
phalgunasya samakṣam tu
doch in Gegenwart Phalgunas (Gen.Sg. + Adv. + Konj.)
na hi pārthaḥ yudhiṣṭhiraḥ
kann Pārtha Yudhiṣṭhira nicht (Neg. + Partikel + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
grahītum samare śakyaḥ
im Kampf ergriffen werden (Inf. + Lok.Sg. + Nom.Sg.)
sendraiḥ api surāsuraiḥ
selbst nicht von den Göttern und Dämonen samt Indra (Instr.Pl. + Partikel + Instr.Pl.)
[Anm.: V.27-28 bilden eine syntaktische Einheit (CQ_CLOSE am Ende) und schließen Droṇas formelles, mit Vorbehalt versehenes Versprechen ab. Die Apodosis des Bedingungssatzes in V.27 bleibt im Quelltext elliptisch (unausgesprochen); sie wird sinngemäß durch den mit 'tu' angeschlossenen Kontrastsatz in V.28 erschlossen und probeweise ergänzt ('[wird seine Gefangennahme gewiss gelingen]', als Ergänzung in eckigen Klammern gekennzeichnet).]
sāntaraṃ tu pratijñāte rājño droṇena nigrahe / gṛhītaṃ tam amanyanta tava putrāḥ subāliśāḥ
Doch als von Droṇa das mit Vorbehalt versehene Versprechen der Gefangennahme des Königs gegeben war, meinten deine sehr törichten Söhne, er sei [schon] gefangen.
Wort für Wort
sāntaram tu pratijñāte
doch als [es] mit Vorbehalt versprochen war (Akk.Sg. + Konj. + Lok.Sg.Part.)
rājñaḥ droṇena nigrahe
von Droṇa die Gefangennahme des Königs (Gen.Sg. + Instr.Sg. + Lok.Sg.)
gṛhītam tam amanyanta
meinten, er sei [schon] gefangen (Akk.Sg.Part. + Akk.Sg. + 3.Pl.Impf.Med.)
tava putrāḥ subāliśāḥ
deine sehr törichten Söhne (Nom.Pl. + Nom.Pl. + Nom.Pl.)
[Anm.: V.29 bildet eine Einheit (nur a/c-Padas); eingeleitet durch die (hier entfallende) Sprecherkennzeichnung 'saṃjaya uvāca' — Saṃjaya kehrt zur Rahmenerzählung zurück. Der Apparatseinschub *0093_01 vor 29a ('als dies gesagt war, damals, in jenem Kampf, der Göttern und Dämonen gleich') ist eine mit der bereits in 29a enthaltenen Zeitangabe redundante Rahmung und wird nicht übernommen.]
pāṇḍaveṣu hi sāpekṣaṃ droṇaṃ jānāti te sutaḥ / tataḥ pratijñāsthairyārthaṃ sa mantro bahulīkṛtaḥ
Denn dein Sohn weiß, dass Droṇa den Pāṇḍavas gegenüber Rücksicht hegt; deshalb wurde jener Ratschluss, um die Standhaftigkeit des Versprechens willen, vielfach verbreitet.
Wort für Wort
pāṇḍaveṣu hi sāpekṣam droṇam
denn Droṇa, den Pāṇḍavas gegenüber Rücksicht hegend (Lok.Pl. + Partikel + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
jānāti te sutaḥ
weiß dein Sohn (3.Sg. + Gen.Sg. + Nom.Sg.)
tataḥ pratijñāsthairyārtham
deshalb, um der Standhaftigkeit des Versprechens willen (Adv. + Akk.Sg.)
sa mantraḥ bahulīkṛtaḥ
wurde jener Ratschluss vielfach verbreitet (Pron.Nom.Sg. + Nom.Sg. + Nom.Sg.Part.)
tato duryodhanenāpi grahaṇaṃ pāṇḍavasya tat / sainyasthāneṣu sarveṣu vyāghoṣitam ariṃdama
Danach wurde auch von Duryodhana jene Gefangennahme des Pāṇḍava an allen Heeresstandorten verkündet, o Feindebezwinger.
Wort für Wort
tataḥ duryodhanena api
danach auch von Duryodhana (Adv. + Instr.Sg. + Partikel)
grahaṇam pāṇḍavasya tat
jene Gefangennahme des Pāṇḍava (Akk.Sg. + Gen.Sg. + Akk.Sg.)
sainyasthāneṣu sarveṣu
an allen Heeresstandorten (Lok.Pl. + Lok.Pl.)
vyāghoṣitam ariṃdama
wurde verkündet, o Feindebezwinger (Nom.Sg.Part. + Vok.Sg.)
[Anm.: V.31 bildet eine Einheit (nur a/c-Padas). Der Apparatseinschub *0094_01 zwischen 31a und 31c ('in allen Lagern, an ihren jeweiligen Standorten, Verehrter') ist eine mit 'sainyasthāneṣu sarveṣu' in 31c bedeutungsgleiche Dublette und wird nicht übernommen.]