Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Droṇaparva

Kapitel 21: Duryodhanakarṇasaṃvāda Der zehnte Tag: Zwiegespräch zwischen Duryodhana und Karṇa über Bhīmas Zorn und Droṇas Bedrängnis

Dhṛtarāṣṭra unterbricht Saṃjayas Erzählung mit der Frage, ob sich unter den geschlagenen Pāṇḍavas und Pāñcālas noch jemand mutig gegen Droṇa gestellt habe. Saṃjaya berichtet, wie die Kauravas die fliehenden Feinde von allen Seiten umringen; Duryodhana, hocherfreut, deutet Karṇa gegenüber Bhīmas drohende Haltung als Zeichen von dessen Verzweiflung. Karṇa widerspricht: Bhīma und die Pāṇḍavas, eingedenk ihrer früheren Leiden, würden den Kampf nicht aufgeben; Bhīma, von Sātyaki, den Pāñcālas, Kekayas, Matsyas und Pāṇḍavas begleitet, dränge mit großer Streitmacht gegen Droṇa. Karṇa mahnt zur Eile, um Droṇa beizustehen, bevor die anstürmenden Krieger ihn überwältigen. Duryodhana zieht daraufhin mit seinen Brüdern zu Droṇas Wagen.

dhṛtarāṣṭra uvāca bhāradvājena bhagneṣu pāṇḍaveṣu mahāmṛdhe pāñcāleṣu ca sarveṣu kaś cid anyo 'bhyavartata āryāṃ yuddhe matiṃ kṛtvā kṣatriyāṇāṃ yaśaskarīm asevitāṃ kāpuruṣaiḥ sevitāṃ puruṣarṣabhaiḥ

Dhṛtarāṣṭra sprach: Als die Pāṇḍavas und alle Pāñcālas von Bhāradvāja [Droṇa] in der großen Schlacht geschlagen wurden — wandte sich da noch irgendein anderer [ihm] entgegen, nachdem er im Kampf jene edle, den Kṣatriyas Ruhm bringende Gesinnung gefasst hatte, die von Feiglingen nicht, von Stieren unter den Männern aber gepflegt wird?

Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca
Dhṛtarāṣṭra sprach (Nom. + 3.Sg.Perf. vac-)
bhāradvājena bhagneṣu pāṇḍaveṣu
als die Pāṇḍavas von Bhāradvāja geschlagen wurden (Instr.Sg. + Lok.Pl. + Lok.Pl.)
mahāmṛdhe pāñcāleṣu ca sarveṣu
in der großen Schlacht, und alle Pāñcālas (Lok.Sg. + Lok.Pl. + Konj. + Lok.Pl.)
kaś cid anyo 'bhyavartata
wandte sich noch irgendein anderer entgegen (Nom.Sg. + Nom.Sg. + 3.Sg.Impf.)
āryāṃ yuddhe matiṃ kṛtvā
nachdem er im Kampf eine edle Gesinnung gefasst hatte (Akk.Sg. + Lok.Sg. + Akk.Sg. + Ger.)
kṣatriyāṇāṃ yaśaskarīm
die den Kṣatriyas Ruhm bringt (Gen.Pl. + Akk.Sg.)
asevitāṃ kāpuruṣaiḥ
von Feiglingen nicht gepflegt (Akk.Sg. + Instr.Pl.)
sevitāṃ puruṣarṣabhaiḥ
von Stieren unter den Männern gepflegt (Akk.Sg. + Instr.Pl.)

[Anm.: V.1-2 bilden eine syntaktische Einheit. Dhṛtarāṣṭras Rede an Saṃjaya innerhalb der Rahmenerzählung erhält, wie durchgängig in dieser Ausgabe, keine Anführungszeichen-Markierung.]

sa hi vīro naraḥ sūta yo bhagneṣu nivartate aho nāsīt pumān kaś cid dṛṣṭvā droṇaṃ vyavasthitam jṛmbhamāṇam iva vyāghraṃ prabhinnam iva kuñjaram tyajantam āhave prāṇān saṃnaddhaṃ citrayodhinam maheṣvāsaṃ naravyāghraṃ dviṣatām aghavardhanam kṛtajñaṃ satyanirataṃ duryodhanahitaiṣiṇam bhāradvājaṃ tathānīke dṛṣṭvā śūram avasthitam ke vīrāḥ saṃnyavartanta tan mamācakṣva saṃjaya

Denn jener Mann ist wahrlich ein Held, o Sūta, der unter den Geschlagenen wieder umkehrt [um zu kämpfen]. Ah, gab es denn wirklich keinen Mann, der, als er Droṇa dastehen sah — wie einen brüllenden Tiger, wie einen brünstigen Elefanten, der sein Leben in der Schlacht hingibt, gerüstet, ein Krieger vielfältiger Kunst, ein großer Bogenschütze, ein Tiger unter den Männern, der das Verderben seiner Feinde mehrt, dankbar, der Wahrheit ergeben, auf Duryodhanas Wohl bedacht — als er also Bhāradvāja in der Schlacht­reihe heldenhaft dastehen sah? Welche Helden kehrten [zu ihm] zurück? Das sage mir, Saṃjaya!

Wort für Wort
sa hi vīro naraḥ sūta
denn jener Mann ist wahrlich ein Held, o Sūta (Nom.Sg. + Partikel + Nom.Sg. + Vok.Sg.)
yo bhagneṣu nivartate
der unter den Geschlagenen umkehrt (Nom.Sg. + Lok.Pl. + 3.Sg.Präs.)
aho nāsīt pumān kaś cid
ah, gab es keinen Mann (Interj. + Neg.+3.Sg.Impf. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
dṛṣṭvā droṇaṃ vyavasthitam
der Droṇa dastehen sah (Ger. + Akk.Sg. + Akk.Sg.Part.)
jṛmbhamāṇam iva vyāghraṃ
wie einen brüllenden Tiger (Akk.Sg.Part. + Partikel + Akk.Sg.)
prabhinnam iva kuñjaram
wie einen brünstigen Elefanten (Akk.Sg.Part. + Partikel + Akk.Sg.)
tyajantam āhave prāṇān
der in der Schlacht sein Leben hingibt (Akk.Sg.Part. + Lok.Sg. + Akk.Pl.)
saṃnaddhaṃ citrayodhinam
gerüstet, vielfältiger Kämpfer (Akk.Sg. + Akk.Sg.)
maheṣvāsaṃ naravyāghraṃ
großer Bogenschütze, Tiger unter den Männern (Akk.Sg. + Akk.Sg.)
dviṣatām aghavardhanam
der Feinde Verderben mehrend (Gen.Pl. + Akk.Sg.)
kṛtajñaṃ satyanirataṃ
dankbar, der Wahrheit ergeben (Akk.Sg. + Akk.Sg.)
duryodhanahitaiṣiṇam
auf Duryodhanas Wohl bedacht (Akk.Sg.)
bhāradvājaṃ tathānīke
Bhāradvāja so in der Schlachtreihe (Akk.Sg. + Adv. + Lok.Sg.)
dṛṣṭvā śūram avasthitam
als sie den Helden dastehen sahen (Ger. + Akk.Sg. + Akk.Sg.Part.)
ke vīrāḥ saṃnyavartanta
welche Helden kehrten zurück (Nom.Pl. + Nom.Pl. + 3.Pl.Impf.)
tan mamācakṣva saṃjaya
das sage mir, Saṃjaya (Akk.Sg. + Gen.Sg. + Imp. + Vok.Sg.)

[Anm.: V.3-6 bilden eine große syntaktische Einheit, die Dhṛtarāṣṭras Frage mit einer ausführlichen Beschreibung Droṇas fortsetzt und abschließt.]

saṃjaya uvāca tān dṛṣṭvā calitān saṃkhye praṇunnān droṇasāyakaiḥ pāñcālān pāṇḍavān matsyān sṛñjayāṃś cedikekayān droṇacāpavimuktena śaraugheṇāsuhāriṇā sindhor iva mahaughena hriyamāṇān yathā plavān kauravāḥ siṃhanādena nānāvādyasvanena ca rathadvipanarāśvaiś ca sarvataḥ paryavārayan

Saṃjaya sprach: Als sie die Pāñcālas, Pāṇḍavas, Matsyas, Sṛñjayas und Cedi-Kekayas sahen, wie sie im Kampf wankten, von Droṇas Pfeilen fortgetrieben, von dem aus Droṇas Bogen entlassenen, lebensraubenden Pfeilhagel [dahingerissen] wie Boote, die von der gewaltigen Flut eines Stromes fortgerissen werden — da umringten die Kauravas sie von allen Seiten mit Löwengebrüll und dem Klang mancherlei Instrumente, mit Wagen, Elefanten, Männern und Rossen.

Wort für Wort
tān dṛṣṭvā calitān saṃkhye
als sie diese im Kampf wankend sahen (Akk.Pl. + Ger. + Akk.Pl. + Lok.Sg.)
praṇunnān droṇasāyakaiḥ
von Droṇas Pfeilen fortgetrieben (Akk.Pl. + Instr.Pl.)
pāñcālān pāṇḍavān matsyān
die Pāñcālas, Pāṇḍavas, Matsyas (Akk.Pl. + Akk.Pl. + Akk.Pl.)
sṛñjayāṃś cedikekayān
die Sṛñjayas, die Cedi-Kekayas (Akk.Pl. + Konj. + Akk.Pl.)
droṇacāpavimuktena
von Droṇas Bogen entlassen (Instr.Sg.)
śaraugheṇāsuhāriṇā
durch den lebensraubenden Pfeilhagel (Instr.Sg. + Instr.Sg.)
sindhor iva mahaughena
wie durch die gewaltige Flut eines Stromes (Gen.Sg. + Partikel + Instr.Sg.)
hriyamāṇān yathā plavān
wie fortgerissene Boote (Akk.Pl.Part. + Partikel + Akk.Pl.)
kauravāḥ siṃhanādena
die Kauravas mit Löwengebrüll (Nom.Pl. + Instr.Sg.)
nānāvādyasvanena ca
und mit dem Klang mancherlei Instrumente (Instr.Sg. + Konj.)
rathadvipanarāśvaiś ca
und mit Wagen, Elefanten, Männern, Rossen (Instr.Pl. + Konj.)
sarvataḥ paryavārayan
umringten sie von allen Seiten (Adv. + 3.Pl.Impf.)

[Anm.: V.7-9 bilden eine syntaktische Einheit.]

tān paśyan sainyamadhyastho rājā svajanasaṃvṛtaḥ duryodhano 'bravīt karṇaṃ prahṛṣṭaḥ prahasann iva

Sie so sehend, sprach der inmitten des Heeres stehende König, von den Seinen umgeben, Duryodhana, hocherfreut, gleichsam lachend, zu Karṇa:

Wort für Wort
tān paśyan sainyamadhyastho
sie sehend, inmitten des Heeres stehend (Akk.Pl. + Nom.Sg.Part. + Nom.Sg.)
rājā svajanasaṃvṛtaḥ
der König, von den Seinen umgeben (Nom.Sg. + Nom.Sg.)
duryodhano 'bravīt karṇaṃ
Duryodhana sprach zu Karṇa (Nom.Sg. + 3.Sg.Impf. + Akk.Sg.)
prahṛṣṭaḥ prahasann iva
hocherfreut, gleichsam lachend (Nom.Sg. + Nom.Sg.Part. + Partikel)

[Anm.: V.10 bildet eine Einheit; leitet die folgende, in V.11 beginnende direkte Rede Duryodhanas ein.]

paśya rādheya pāñcālān praṇunnān droṇasāyakaiḥ siṃheneva mṛgān vanyāṃs trāsitān dṛḍhadhanvanā naite jātu punar yuddham īheyur iti me matiḥ yathā tu bhagnā droṇena vāteneva mahādrumāḥ ardyamānāḥ śarair ete rukmapuṅkhair mahātmanā pathā naikena gacchanti ghūrṇamānās tatas tataḥ

„Sieh, Rādheya, die Pāñcālas, von Droṇas Pfeilen fortgetrieben, wie wilde Tiere, die von einem Löwen mit festem Bogen erschreckt wurden! Diese werden, so meine ich, niemals wieder nach Kampf verlangen — wie große Bäume, vom Wind gebrochen, so sind sie von Droṇa gebrochen. Von den goldbefiederten Pfeilen des Hochgesinnten gequält, gehen sie nicht auf einem [einzigen] Weg, sondern taumeln hierhin und dorthin.

Wort für Wort
paśya rādheya pāñcālān
sieh, Rādheya, die Pāñcālas (Imp. + Vok.Sg. + Akk.Pl.)
praṇunnān droṇasāyakaiḥ
fortgetrieben von Droṇas Pfeilen (Akk.Pl. + Instr.Pl.)
siṃheneva mṛgān vanyāṃs
wie von einem Löwen [erschreckte] wilde Tiere (Instr.Sg. + Partikel + Akk.Pl. + Akk.Pl.)
trāsitān dṛḍhadhanvanā
erschreckt durch den mit festem Bogen (Akk.Pl. + Instr.Sg.)
naite jātu punar yuddham
nicht diese je wieder Kampf (Neg. + Nom.Pl. + Adv. + Adv. + Akk.Sg.)
īheyur iti me matiḥ
würden begehren, so meine Meinung (3.Pl.Opt. + Partikel + Gen.Sg. + Nom.Sg.)
yathā tu bhagnā droṇena
wie sie aber von Droṇa gebrochen (Adv. + Partikel + Nom.Pl. + Instr.Sg.)
vāteneva mahādrumāḥ
wie durch den Wind große Bäume (Instr.Sg. + Partikel + Nom.Pl.)
ardyamānāḥ śarair ete
diese, gequält durch Pfeile (Nom.Pl.Part. + Instr.Pl. + Nom.Pl.)
rukmapuṅkhair mahātmanā
goldbefiederte, durch den Hochgesinnten (Instr.Pl. + Instr.Sg.)
pathā naikena gacchanti
gehen nicht auf einem [einzigen] Weg (Instr.Sg. + Neg.+Instr.Sg. + 3.Pl.Präs.)
ghūrṇamānās tatas tataḥ
taumelnd hierhin und dorthin (Nom.Pl.Part. + Adv.)

[Anm.: V.11-13 bilden eine syntaktische Einheit; Beginn von Duryodhanas Rede an Karṇa. „dṛḍhadhanvanā“ („mit festem Bogen“) bezieht sich metaphorisch auf den mit dem Löwen verglichenen Droṇa selbst — eine im Epos übliche Vermengung von Bild und Bezeichnetem.]

saṃniruddhāś ca kauravyair droṇena ca mahātmanā ete 'nye maṇḍalībhūtāḥ pāvakeneva kuñjarāḥ bhramarair iva cāviṣṭā droṇasya niśitaiḥ śaraiḥ anyonyaṃ samalīyanta palāyanaparāyaṇāḥ

Und eingeschlossen von den Kauravyas und dem hochgesinnten Droṇa, ballen sich diese anderen zusammen wie Elefanten [im Kreis] vor dem Feuer. Wie von Bienenschwärmen von Droṇas scharfen Pfeilen bedrängt, drängen sie sich aneinander, ganz auf Flucht bedacht.

Wort für Wort
saṃniruddhāś ca kauravyair
und eingeschlossen von den Kauravyas (Nom.Pl. + Konj. + Instr.Pl.)
droṇena ca mahātmanā
und von dem hochgesinnten Droṇa (Instr.Sg. + Konj. + Instr.Sg.)
ete 'nye maṇḍalībhūtāḥ
diese anderen, kreisförmig geballt (Nom.Pl. + Nom.Pl. + Nom.Pl.)
pāvakeneva kuñjarāḥ
wie Elefanten vor dem Feuer (Instr.Sg. + Partikel + Nom.Pl.)
bhramarair iva cāviṣṭā
und wie von Bienenschwärmen bedrängt (Instr.Pl. + Partikel + Konj. + Nom.Pl.)
droṇasya niśitaiḥ śaraiḥ
durch Droṇas scharfe Pfeile (Gen.Sg. + Instr.Pl. + Instr.Pl.)
anyonyaṃ samalīyanta
sie drängten sich aneinander (Adv. + 3.Pl.Impf.)
palāyanaparāyaṇāḥ
ganz auf Flucht bedacht (Nom.Pl.)

[Anm.: V.14-15 bilden eine syntaktische Einheit; Fortsetzung von Duryodhanas Rede.]

eṣa bhīmo dṛḍhakrodho hīnaḥ pāṇḍavasṛñjayaiḥ madīyair āvṛto yodhaiḥ karṇa tarjayatīva mām vyaktaṃ droṇamayaṃ lokam adya paśyati durmatiḥ nirāśo jīvitān nūnam adya rājyāc ca pāṇḍavaḥ

Dieser Bhīma, zornentbrannt, von den Pāṇḍavas und Sṛñjayas verlassen, von meinen Kriegern umringt, o Karṇa, droht mir gleichsam. Offenkundig sieht der Toren-Geist heute eine Welt, ganz aus Droṇa gemacht — gewiss ist der Pāṇḍava heute an seinem Leben wie an seinem Königreich verzweifelt.“

Wort für Wort
eṣa bhīmo dṛḍhakrodho
dieser Bhīma, festentbrannt in Zorn (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
hīnaḥ pāṇḍavasṛñjayaiḥ
verlassen von Pāṇḍavas und Sṛñjayas (Nom.Sg. + Instr.Pl.)
madīyair āvṛto yodhaiḥ
von meinen Kriegern umringt (Instr.Pl. + Nom.Sg. + Instr.Pl.)
karṇa tarjayatīva mām
o Karṇa, droht mir gleichsam (Vok.Sg. + 3.Sg.Präs. + Partikel + Akk.Sg.)
vyaktaṃ droṇamayaṃ lokam
offenkundig eine ganz aus Droṇa gemachte Welt (Adv. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
adya paśyati durmatiḥ
sieht heute der Toren-Geist (Adv. + 3.Sg.Präs. + Nom.Sg.)
nirāśo jīvitān nūnam
verzweifelt an seinem Leben, gewiss (Nom.Sg. + Abl.Sg. + Adv.)
adya rājyāc ca pāṇḍavaḥ
heute und an seinem Königreich, der Pāṇḍava (Adv. + Abl.Sg. + Konj. + Nom.Sg.)

[Anm.: V.16-17 bilden eine syntaktische Einheit und schließen Duryodhanas Rede ab. Mit „durmatiḥ“ („der Toren-Geist“) und „pāṇḍavaḥ“ ist hier weiterhin Bhīma gemeint, den Duryodhana schon in V.16 namentlich einführt.]

karṇa uvāca naiṣa jātu mahābāhur jīvann āhavam utsṛjet na cemān puruṣavyāghra siṃhanādān viśakṣyate na cāpi pāṇḍavā yuddhe bhajyerann iti me matiḥ śūrāś ca balavantaś ca kṛtāstrā yuddhadurmadāḥ viṣāgnidyūtasaṃkleśān vanavāsaṃ ca pāṇḍavāḥ smaramāṇā na hāsyanti saṃgrāmam iti me matiḥ

Karṇa sprach: „Niemals würde dieser Großarmige, solange er lebt, den Kampf aufgeben, o Tiger unter den Männern, noch wird er vor diesem Löwengebrüll zurückschrecken. Auch werden, so meine ich, die Pāṇḍavas im Kampf nicht wanken — heldenhaft, stark, waffenkundig, kampfestrunken sind sie. Die Pāṇḍavas, eingedenk der Qualen durch Gift, Feuer und Würfelspiel sowie des Waldaufenthalts, werden, so meine ich, den Kampf nicht aufgeben.

Wort für Wort
karṇa uvāca
Karṇa sprach (Nom. + 3.Sg.Perf. vac-)
naiṣa jātu mahābāhur
niemals dieser Großarmige (Neg.+Nom.Sg. + Adv. + Nom.Sg.)
jīvann āhavam utsṛjet
solange er lebt, würde er den Kampf aufgeben (Nom.Sg.Part. + Akk.Sg. + 3.Sg.Opt.)
na cemān puruṣavyāghra
noch, o Tiger unter den Männern, diese (Neg.+Konj.+Akk.Pl. + Vok.Sg.)
siṃhanādān viśakṣyate
wird er vor Löwengebrüllen zurückschrecken (Akk.Pl. + 3.Sg.Fut.)
na cāpi pāṇḍavā yuddhe
auch nicht die Pāṇḍavas im Kampf (Neg.+Konj.+Partikel + Nom.Pl. + Lok.Sg.)
bhajyerann iti me matiḥ
würden wanken, so meine Meinung (3.Pl.Opt. + Partikel + Gen.Sg. + Nom.Sg.)
śūrāś ca balavantaś ca
heldenhaft und stark (Nom.Pl. + Konj. + Nom.Pl. + Konj.)
kṛtāstrā yuddhadurmadāḥ
waffenkundig, kampfestrunken (Nom.Pl. + Nom.Pl.)
viṣāgnidyūtasaṃkleśān
die Qualen von Gift, Feuer, Würfelspiel (Akk.Pl.)
vanavāsaṃ ca pāṇḍavāḥ
und den Waldaufenthalt, die Pāṇḍavas (Akk.Sg. + Konj. + Nom.Pl.)
smaramāṇā na hāsyanti
eingedenk, werden sie nicht aufgeben (Nom.Pl.Part. + Neg. + 3.Pl.Fut.)
saṃgrāmam iti me matiḥ
den Kampf, so meine Meinung (Akk.Sg. + Partikel + Gen.Sg. + Nom.Sg.)

[Anm.: V.18-20 bilden eine syntaktische Einheit; Beginn von Karṇas widersprechender Antwort, die gegenüber Duryodhanas Deutung auf die anhaltende Kampfkraft und die alten Kränkungen der Pāṇḍavas (Gift -anschlag, Hausbrand, Würfelspiel, Waldverbannung) verweist.]

nikṛto hi mahābāhur amitaujā vṛkodaraḥ varān varān hi kaunteyo rathodārān haniṣyati asinā dhanuṣā śaktyā hayair nāgair narai rathaiḥ āyasena ca daṇḍena vrātān vrātān haniṣyati

Denn gedemütigt worden ist der großarmige, von unermesslicher Kraft, Vṛkodara [Bhīma] — gewiss wird der Sohn der Kuntī die besten der erhabenen Wagenkämpfer erschlagen, einen nach dem anderen, mit Schwert, Bogen, Speer, mit Rossen, Elefanten, Männern, Wagen und mit seiner eisernen Keule Schar um Schar erschlagen.

Wort für Wort
nikṛto hi mahābāhur
denn gedemütigt der Großarmige (Nom.Sg. + Partikel + Nom.Sg.)
amitaujā vṛkodaraḥ
von unermesslicher Kraft, Vṛkodara (Nom.Sg. + Nom.Sg.)
varān varān hi kaunteyo
die besten, einen nach dem anderen, gewiss der Sohn der Kuntī (Akk.Pl. + Akk.Pl. + Partikel + Nom.Sg.)
rathodārān haniṣyati
die erhabenen Wagenkämpfer wird er erschlagen (Akk.Pl. + 3.Sg.Fut.)
asinā dhanuṣā śaktyā
mit Schwert, Bogen, Speer (Instr.Sg. + Instr.Sg. + Instr.Sg.)
hayair nāgair narai rathaiḥ
mit Rossen, Elefanten, Männern, Wagen (Instr.Pl. x4)
āyasena ca daṇḍena
und mit der eisernen Keule (Instr.Sg. + Konj. + Instr.Sg.)
vrātān vrātān haniṣyati
Schar um Schar wird er erschlagen (Akk.Pl. + Akk.Pl. + 3.Sg.Fut.)

[Anm.: V.21-22 bilden eine syntaktische Einheit.]

tam ete cānuvartante sātyakipramukhā rathāḥ pāñcālāḥ kekayā matsyāḥ pāṇḍavāś ca viśeṣataḥ śūrāś ca balavantaś ca vikrāntāś ca mahārathāḥ viśeṣataś ca bhīmena saṃrabdhenābhicoditāḥ

Ihm folgen diese Wagenkämpfer, an ihrer Spitze Sātyaki — die Pāñcālas, Kekayas, Matsyas und besonders die Pāṇḍavas, heldenhaft, stark, tapfer, große Wagenkämpfer, besonders angetrieben vom zornentbrannten Bhīma.

Wort für Wort
tam ete cānuvartante
ihm folgen diese (Akk.Sg. + Nom.Pl. + Konj. + 3.Pl.Präs.)
sātyakipramukhā rathāḥ
die Wagenkämpfer, an ihrer Spitze Sātyaki (Nom.Pl. + Nom.Pl.)
pāñcālāḥ kekayā matsyāḥ
die Pāñcālas, Kekayas, Matsyas (Nom.Pl. x3)
pāṇḍavāś ca viśeṣataḥ
und besonders die Pāṇḍavas (Nom.Pl. + Konj. + Adv.)
śūrāś ca balavantaś ca
heldenhaft und stark (Nom.Pl. + Konj. x2)
vikrāntāś ca mahārathāḥ
und tapfer, große Wagenkämpfer (Nom.Pl. + Konj. + Nom.Pl.)
viśeṣataś ca bhīmena
und besonders durch Bhīma (Adv. + Konj. + Instr.Sg.)
saṃrabdhenābhicoditāḥ
den zornentbrannten, angetrieben (Instr.Sg. + Nom.Pl.)

[Anm.: V.23-24 bilden eine syntaktische Einheit. Zwischen V.24c/d ein zweizeiliger Apparatseinschub (*0156_01-02): „Und dieser Großarmige [Bhīma], festgegründet wie der Himavat, wird, o Großkönig, mit seiner Keule von furchtbarer Wucht [Feinde] erschlagen“ — eine den bereits in V.21-22 gemachten Aussagen über Bhīmas Zerstörungskraft inhaltlich nahestehende Variante; nicht übersetzt.]

te droṇam abhivartante sarvataḥ kurupuṃgavāḥ vṛkodaraṃ parīpsantaḥ sūryam abhragaṇā iva ekāyanagatā hy ete pīḍayeyur yatavratam arakṣyamāṇaṃ śalabhā yathā dīpaṃ mumūrṣavaḥ asaṃśayaṃ kṛtāstrāś ca paryāptāś cāpi vāraṇe

Diese Stiere unter den Kurus rücken von allen Seiten gegen Droṇa vor, bestrebt, Vṛkodara [Bhīma] beizustehen, wie eine Wolkenmasse [sich] der Sonne [nähert]. Auf einen einzigen Punkt zusammengeströmt, könnten sie den seinem Gelübde Treuen [Droṇa] bedrängen, wäre er ungeschützt — wie sterbenswillige Nachtfalter eine Lampe [bedrängen]; ohne Zweifel sind sie waffenkundig und auch fähig genug, [selbst] einem Elefanten [gefährlich zu werden] [?].

Wort für Wort
te droṇam abhivartante
diese rücken gegen Droṇa vor (Nom.Pl. + Akk.Sg. + 3.Pl.Präs.)
sarvataḥ kurupuṃgavāḥ
von allen Seiten, die Stiere der Kurus (Adv. + Nom.Pl.)
vṛkodaraṃ parīpsantaḥ
bestrebt, Vṛkodara beizustehen (Akk.Sg. + Nom.Pl.Part.)
sūryam abhragaṇā iva
wie eine Wolkenmasse der Sonne (Akk.Sg. + Nom.Pl. + Partikel)
ekāyanagatā hy ete
denn diese, auf einen Punkt zusammengeströmt (Nom.Pl. + Partikel + Nom.Pl.)
pīḍayeyur yatavratam
könnten den Gelübdetreuen bedrängen (3.Pl.Opt. + Akk.Sg.)
arakṣyamāṇaṃ śalabhā yathā
wie [ihn,] wäre er ungeschützt, Nachtfalter (Akk.Sg.Part. + Nom.Pl. + Partikel)
dīpaṃ mumūrṣavaḥ
eine Lampe, sterbenswillig (Akk.Sg. + Nom.Pl.)
asaṃśayaṃ kṛtāstrāś ca
ohne Zweifel und waffenkundig (Adv. + Nom.Pl. + Konj.)
paryāptāś cāpi vāraṇe
und auch fähig genug im Hinblick auf einen Elefanten [?] (Nom.Pl. + Konj.+Partikel + Lok.Sg.)

[Anm.: V.25-26 bilden eine syntaktische Einheit. Zwischen V.25c/d ein vierzeiliger Apparatseinschub (*0157_01, *0158_01-03): „Aber die Pāṇḍavas, Verwandte Kṛṣṇas, sind in Schlachten ausgezeichnet, scham­haft, geschickt im Vernichten der Feinde, von glückverheißenden Merkmalen; viele Könige, o König, sind ihnen im Kampf untertan — verachte die Pāṇḍavas nicht, die Nārāyaṇa [Kṛṣṇa] an ihrer Spitze haben!“ — eine thematisch zu Karṇas Warnung passende, aber für den Hauptsatz entbehrliche Mahnung; nicht übersetzt. Die genaue Bedeutung von „paryāptāś cāpi vāraṇe“ (wörtl. etwa „auch hinreichend im Hinblick auf einen Elefanten/eine Abwehr“) bleibt unsicher; hier als hyperbolischer Verweis auf die Kampfkraft der anstürmenden Krieger gedeutet.]

atibhāraṃ tv ahaṃ manye bhāradvāje samāhitam te śīghram anugacchāmo yatra droṇo vyavasthitaḥ kākā iva mahānāgaṃ mā vai hanyur yatavratam

Doch ich denke, eine allzu schwere Last ist Bhāradvāja auferlegt — dir zuliebe lass uns eilends dorthin ziehen, wo Droṇa steht, damit sie nicht, wie Krähen einen großen Elefanten, den seinem Gelübde Treuen erschlagen!“

Wort für Wort
atibhāraṃ tv ahaṃ manye
doch ich denke, eine allzu schwere Last (Akk.Sg. + Partikel + Nom.Sg. + 1.Sg.Präs.)
bhāradvāje samāhitam
Bhāradvāja auferlegt (Lok.Sg. + Akk.Sg.)
te śīghram anugacchāmo
dir zuliebe [?] lass uns eilends ziehen (Dat.Sg.? + Adv. + 1.Pl.Präs.)
yatra droṇo vyavasthitaḥ
wohin Droṇa sich gestellt hat (Adv. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
kākā iva mahānāgaṃ
wie Krähen einen großen Elefanten (Nom.Pl. + Partikel + Akk.Sg.)
mā vai hanyur yatavratam
sollen sie nicht den Gelübdetreuen erschlagen (Neg.Partikel + Partikel + 3.Pl.Opt. + Akk.Sg.)

[Anm.: V.27 bildet eine Einheit und schließt Karṇas Rede ab. Die genaue syntaktische Funktion von „te“ ist unsicher [?]; hier als ethischer Dativ („dir zuliebe“, an Duryodhana gerichtet) gedeutet, da das Verb „anugacchāmaḥ“ 1.Pl. ist und „te“ somit nicht dessen Subjekt sein kann.]

saṃjaya uvāca rādheyasya vacaḥ śrutvā rājā duryodhanas tadā bhrātṛbhiḥ sahito rājan prāyād droṇarathaṃ prati tatrārāvo mahān āsīd ekaṃ droṇaṃ jighāṃsatām pāṇḍavānāṃ nivṛttānāṃ nānāvarṇair hayottamaiḥ

Saṃjaya sprach: Nachdem er die Worte des Rādheya [Karṇa] gehört hatte, zog König Duryodhana da, o König, zusammen mit seinen Brüdern, zu Droṇas Wagen. Dort erhob sich großer Lärm von den zurückgewichenen Pāṇḍavas, die einzig darauf bedacht waren, Droṇa zu töten, mit Rossen mancherlei Farbe [heranstürmend].

Wort für Wort
rādheyasya vacaḥ śrutvā
die Worte des Rādheya gehört habend (Gen.Sg. + Akk.Sg. + Ger.)
rājā duryodhanas tadā
König Duryodhana da (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Adv.)
bhrātṛbhiḥ sahito rājan
begleitet von seinen Brüdern, o König (Instr.Pl. + Nom.Sg. + Vok.Sg.)
prāyād droṇarathaṃ prati
zog zu Droṇas Wagen (3.Sg.Impf. + Akk.Sg. + Postp.)
tatrārāvo mahān āsīd
dort war ein großer Lärm (Adv. + Nom.Sg. + Nom.Sg. + 3.Sg.Impf.)
ekaṃ droṇaṃ jighāṃsatām
von denen, die einzig Droṇa zu töten trachteten (Akk.Sg. + Akk.Sg. + Gen.Pl.Part.)
pāṇḍavānāṃ nivṛttānāṃ
der zurückgewichenen Pāṇḍavas (Gen.Pl. + Gen.Pl.)
nānāvarṇair hayottamaiḥ
mit ausgezeichneten Rossen mancherlei Farbe (Instr.Pl. + Instr.Pl.)

[Anm.: V.28-29 bilden eine syntaktische Einheit und schließen das Kapitel ab.]

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