Kapitel 144: nakulaśakuniyuddhaṃ śikhaṇḍikṛpayuddhaṃ rātriyuddhavarṇanaṃ ca
Nakulas Duell mit Śakuni, Śikhaṇḍins Kampf mit Kṛpa und die Schilderung der ziellosen Nachtschlacht
Gegen Nakula, der ungestüm im Kampf dein Heer niederschlug, zog der zornentbrannte Sohn Subalas (Śakuni) heran und rief zugleich ‚Bleib stehen! Bleib stehen!‘
Wort für Wort
nakulam rabhasam yuddhe
gegen Nakula, ungestüm, im Kampf (Akk. Sg. / Akk. Sg., Adj. / Lok. Sg.)
nighnantam vāhinīm tava
der dein Heer niederschlug (Akk. Sg. Part. / Akk. Sg.)
abhyayāt saubalaḥ kruddhaḥ
der zornentbrannte Sohn Subalas zog heran (3. Sg. Impf. / Nom. Sg. / Nom. Sg., Adj.)
sujihmaṃ prekṣamāṇau ca rājan vivṛtalocanau krodhasaṃraktanayanau nirdahantau parasparam
Mit schrägem Blick einander betrachtend, o König, mit weit geöffneten Augen, die Augen vor Zorn gerötet, verbrannten sie einander gleichsam mit ihren Blicken.
Wort für Wort
sujihmam prekṣamāṇau
mit schrägem Blick einander betrachtend (Adv. / Nom. Du. Part.)
rājan vivṛtalocanau
o König, mit weit geöffneten Augen (Vok. Sg. / Nom. Du., Adj.)
syālas tu tava saṃkruddho mādrīputraṃ hasann iva karṇinaikena vivyādha hṛdaye niśitena ha
Dein Schwager (Śakuni) aber, aufs Höchste erzürnt, durchbohrte, gleichsam lachend, den Sohn der Mādrī (Nakula) mit einem einzigen scharfen Karṇin-Pfeil in der Brust.
tato 'sya saśaraṃ cāpaṃ muṣṭideśe sa cicchide dhvajaṃ ca tvaritaṃ chittvā rathād bhūmāv apātayat viśikhena ca tīkṣṇena pītena niśitena ca ūrū nirbhidya caikena nakulaḥ pāṇḍunandanaḥ śyenaṃ sapakṣaṃ vyādhena pātayām āsa taṃ tadā
Dann zerschnitt er dessen Bogen samt Pfeil am Griff, und nachdem er rasch auch das Banner zerschnitten hatte, ließ er es vom Wagen zu Boden fallen. Und mit einem einzigen scharfen, gelben, scharfkantigen Pfeil durchbohrte Nakula, der Sohn Pāṇḍus, dessen Schenkel und ließ ihn so fallen, wie ein Jäger einen Falken mitsamt den Schwingen zu Boden fällt.
Wort für Wort
tataḥ asya saśaram cāpam
dann dessen Bogen samt Pfeil (Adv. / Gen. Sg. / Akk. Sg.)
muṣṭideśe saḥ cicchide
am Griff zerschnitt er (Lok. Sg. / Nom. Sg. / 3. Sg. Perf. Med.)
dhvajam ca tvaritam chittvā
und rasch das Banner zerschnitten habend (Akk. Sg. / Adv. / Absol.)
rathāt bhūmau apātayat
vom Wagen ließ er zu Boden fallen (Abl. Sg. / Lok. Sg. / 3. Sg. Impf.)
viśikhena tīkṣṇena pītena niśitena
mit einem scharfen, gelben, scharfkantigen Pfeil (Instr. Sg.)
ūrū nirbhidya ekena
die Schenkel mit einem [Pfeil] durchbohrt habend (Akk. Du. / Absol. / Instr. Sg.)
nakulaḥ pāṇḍunandanaḥ
Nakula, der Sohn Pāṇḍus (Nom. Sg., Subjekt)
śyenam sapakṣam vyādhena
einen Falken mitsamt den Schwingen, durch einen Jäger (Akk. Sg. / Instr. Sg.)
pātayām āsa tam tadā
so ließ er ihn fallen (3. Sg. Perf. Kaus. / Akk. Sg. / Adv.)
[Anm.: Die Pādas 011d*1184_01 bis *1184_03 sind ein im Apparat überliefertes Zusatzstück, das im Haupttext fehlt; es schildert bildhaft, wie Nakula Śakuni mit einem Pfeil in den Schenkel trifft und zu Fall bringt, wie ein Jäger einen Falken erlegt.]
Schwer verwundet, o Großkönig, sank er auf den Boden seines Wagens nieder - die Fahnenstange umarmend, wie ein Liebhaber seine Geliebte umarmt. Als der Wagenlenker deinen Schwager, bewusstlos hingesunken, sah, o Makelloser, führte er ihn rasch mit dem Wagen von der Spitze des Heeres fort.
Wort für Wort
saḥ atividdhaḥ mahārāja
er, schwer verwundet, o Großkönig (Nom. Sg., Part. / Vok. Sg.)
rathopasthe upāviśat
er sank auf den Wagenboden nieder (Lok. Sg. / 3. Sg. Impf.)
dhvajayaṣṭim pariṣvajya
die Fahnenstange umarmt habend (Akk. Sg. / Absol.)
kāminīm kāmukaḥ yathā
wie ein Liebhaber seine Geliebte (Vergleich, Akk. Sg. / Nom. Sg.)
deinen Schwager, o Makelloser (Akk. Sg. / Vok. Sg.)
apovāha rathena āśu
er führte rasch mit dem Wagen fort (3. Sg. Impf. / Instr. Sg. / Adv.)
sārathiḥ dhvajinīmukhāt
der Wagenlenker, von der Spitze des Heeres (Nom. Sg. / Abl. Sg.)
[Anm.: Das Pāda 012b*1185_01 ist im Apparat überliefert und im Haupttext nicht enthalten; es schildert bildhaft, wie der ohnmächtige Śakuni die Fahnenstange umklammert.]
tataḥ saṃcukruśuḥ pārthā ye ca teṣāṃ padānugāḥ nirjitya ca raṇe śatrūn nakulaḥ śatrutāpanaḥ abravīt sārathiṃ kruddho droṇānīkāya māṃ vaha
Da erhoben die Pārthas und ihre Gefolgsleute ein Freudengeschrei; und Nakula, der Bezwinger der Feinde, sprach, nachdem er im Kampf die Feinde besiegt hatte, zornig zu seinem Wagenlenker: „Fahre mich zu Droṇas Heeresabteilung!“
Wort für Wort
tataḥ saṃcukruśuḥ pārthāḥ
da erhoben die Pārthas ein Freudengeschrei (Adv. / 3. Pl. Perf. / Nom. Pl.)
ye ca teṣām padānugāḥ
und deren Gefolgsleute (Nom. Pl. / Gen. Pl. / Nom. Pl.)
nirjitya raṇe śatrūn
im Kampf die Feinde besiegt habend (Absol. / Lok. Sg. / Akk. Pl.)
nakulaḥ śatrutāpanaḥ
Nakula, der Bezwinger der Feinde (Nom. Sg., Subjekt / Epitheton)
abravīt sārathim kruddhaḥ
er sprach zornig zu seinem Wagenlenker (3. Sg. Impf. / Akk. Sg. / Nom. Sg., Adj.)
Gegen Śikhaṇḍin aber, der im Kampf Droṇa zu erreichen suchte, o Herr der Völker, zog Kṛpa, der Sohn des Śaradvat, eifrig und mit großer Geschwindigkeit heran.
Wort für Wort
śikhaṇḍinam tu samare
gegen Śikhaṇḍin aber im Kampf (Akk. Sg. / Lok. Sg.)
droṇaprepsum viśām pate
der Droṇa zu erreichen suchte, o Herr der Völker (Akk. Sg., Adj. / Vok. Sg.)
kṛpaḥ śāradvataḥ yattaḥ
Kṛpa, der Sohn des Śaradvat, eifrig (Nom. Sg., Subjekt / Nom. Sg., Adj.)
pratyudgacchat suvegitaḥ
er zog heran, mit großer Geschwindigkeit (3. Sg. Impf. / Nom. Sg., Adj.)
Den rasch herankommenden Gautama (Kṛpa), den Bezwinger der Feinde, der sich Droṇas Nähe näherte, durchbohrte Śikhaṇḍin mit neun Bhalla-Pfeilen, gleichsam lachend.
Ihn durchbohrte der Lehrer (Kṛpa), o Großkönig, mit fünf schnellen Pfeilen, und durchbohrte ihn dann erneut mit zwanzig - er, der deinen Söhnen stets zu Gefallen handelte.
Wort für Wort
tam ācāryaḥ mahārāja
ihn der Lehrer, o Großkönig (Akk. Sg. / Nom. Sg., Subjekt / Vok. Sg.)
viddhvā pañcabhiḥ āśugaiḥ
durchbohrt habend mit fünf schnellen Pfeilen (Absol. / Instr. Pl.)
punaḥ vivyādha viṃśatyā
erneut durchbohrte er mit zwanzig (Adv. / 3. Sg. Perf. / Instr. Sg.)
putrāṇām priyakṛt tava
deinen Söhnen zu Gefallen handelnd (Gen. Pl. / Nom. Sg., Epitheton / Gen. Sg.)
Zwischen den beiden entstand eine gewaltige Schlacht von schrecklicher Gestalt, o Herr der Völker, wie einst im Kampf der Götter und Asuras zwischen Śambara und dem König der Unsterblichen (Indra).
Wort für Wort
mahat yuddham tayoḥ āsīt
eine gewaltige Schlacht entstand zwischen den beiden (Nom. Sg., Adj. / Nom. Sg. / Gen. Du. / 3. Sg. Impf.)
ghorarūpam viśām pate
von schrecklicher Gestalt, o Herr der Völker (Nom. Sg., Adj. / Vok. Sg.)
yathā devāsure yuddhe
wie im Kampf der Götter und Asuras (Adv. / Lok. Sg.)
śambarāmararājayoḥ
zwischen Śambara und dem König der Unsterblichen (Gen. Du.)
śarajālāvṛtaṃ vyoma cakratus tau mahārathau meghāv iva tapāpāye vīrau samaradurmadau prakṛtyā ghorarūpaṃ tad āsīd ghorataraṃ punaḥ
Die beiden großen Wagenkämpfer bedeckten den Himmel mit einem Netz von Pfeilen - wie zwei Wolken am Ende der heißen Jahreszeit, die beiden Helden, kampfestrunken; jene von Natur aus schreckliche [Nacht] wurde da noch schrecklicher.
Wort für Wort
śarajālāvṛtam vyoma
den mit einem Pfeilnetz bedeckten Himmel (Akk. Sg., Adj. / Akk. Sg.)
cakratuḥ tau mahārathau
die beiden großen Wagenkämpfer machten (3. Du. Perf. / Nom. Du.)
meghau iva tapāpāye
wie zwei Wolken am Ende der heißen Jahreszeit (Vergleich, Nom. Du. / Lok. Sg.)
vīrau samaradurmadau
die beiden Helden, kampfestrunken (Nom. Du. / Adj.)
prakṛtyā ghorarūpam tat
jenes von Natur aus schreckliche (Instr., Adv. / Nom. Sg., Adj. / Nom. Sg.)
āsīt ghorataram punaḥ
wurde noch schrecklicher (3. Sg. Impf. / Nom. Sg., Komp. / Adv.)
[Anm.: Das Pāda 019b*1186_01 ist im Apparat überliefert und im Haupttext nicht enthalten; es vergleicht die beiden Kämpfer mit Gewitterwolken am Ende der heißen Jahreszeit.]
ādityena yathā vyāptaṃ tamo loke praṇaśyati tathā naṣṭaṃ tamo ghoraṃ dīpair dīptair alaṃkṛtam divaṃ ca pṛthivīṃ caiva diśaś ca pradiśas tathā rajasā tamasā vyāptā dyotitāḥ prabhayā punaḥ
Wie die von der Sonne erfüllte Finsternis in der Welt vergeht, so verging die schreckliche, von brennenden Lampen geschmückte Finsternis. Himmel und Erde sowie die Haupt- und Zwischenrichtungen, von Staub und Dunkel erfüllt, wurden erneut durch jenen Glanz erleuchtet.
Wort für Wort
ādityena vyāptam tamaḥ
die von der Sonne erfüllte Finsternis (Instr. Sg. / Nom. Sg., Part. / Nom. Sg.)
yathā loke praṇaśyati
wie sie in der Welt vergeht (Adv. / Lok. Sg. / 3. Sg. Präs.)
tathā naṣṭam tamaḥ ghoram
so verging die schreckliche Finsternis (Adv. / Nom. Sg., Part. / Nom. Sg. / Nom. Sg., Adj.)
dīpaiḥ dīptaiḥ alaṃkṛtam
von brennenden Lampen geschmückt (Instr. Pl. / Nom. Sg., Part.)
divam ca pṛthivīm ca eva
Himmel und Erde (Akk. Sg. / Akk. Sg.)
diśaḥ ca pradiśaḥ tathā
und die Haupt- und Zwischenrichtungen (Akk. Pl. / Akk. Pl. / Adv.)
rajasā tamasā vyāptāḥ
von Staub und Dunkel erfüllt (Instr. Sg. / Instr. Sg. / Nom. Pl., Part.)
dyotitāḥ prabhayā punaḥ
erneut durch den Glanz erleuchtet (Nom. Pl., Part. / Instr. Sg. / Adv.)
[Anm.: Die Pādas 038d*1187_01/02 sind im Apparat überliefert und im Haupttext nicht enthalten; sie führen das Bild der von den Lampen erleuchteten Finsternis weiter aus.]
tasmin kolāhale yuddhe vartamāne niśāmukhe na ke cid vidurātmānam ayam asmīti bhārata avadhīt samare putraṃ pitā bharatasattama
Während jener lärmende Kampf zu Beginn der Nacht im Gange war - niemand mehr erkannte, o Bhārata, sich selbst mit dem Gedanken 'das bin ich' -, erschlug im Kampf ein Vater seinen Sohn, o Bester der Bharatas.
Wort für Wort
tasmin kolāhale yuddhe
während jener lärmende Kampf (Lok. Sg.)
vartamāne niśāmukhe
im Gange, zu Beginn der Nacht (Lok. Sg. Part. / Lok. Sg.)
na ke cit viduḥ ātmānam
niemand erkannte sich selbst (Nom. Pl. / 3. Pl. Perf. / Akk. Sg.)
ayam asmi iti bhārata
'das bin ich', o Bhārata (Zitatpartikel / Vok. Sg.)
avadhīt samare putram
er erschlug im Kampf den Sohn (3. Sg. Aor. / Lok. Sg. / Akk. Sg.)
pitā bharatasattama
der Vater, o Bester der Bharatas (Nom. Sg. / Vok. Sg.)
[Anm.: Das Pāda 040b*1188_01 ist im Apparat überliefert und im Haupttext nicht enthalten; es hält ausdrücklich fest, dass in der Finsternis und im Getümmel niemand mehr sich selbst oder andere erkennen konnte - was die folgende Schilderung des Verwandtenmords erst verständlich macht.]
putraś ca pitaraṃ mohāt sakhāyaṃ ca sakhā tathā saṃbandhinaṃ ca saṃbandhī svasrīyaṃ cāpi mātulaḥ
Und aus Verblendung erschlug ein Sohn seinen Vater, ebenso ein Freund seinen Freund, ein Verwandter seinen Verwandten, und ein mütterlicher Onkel sogar den Sohn seiner Schwester.
Wort für Wort
putraḥ ca pitaram mohāt
und der Sohn den Vater, aus Verblendung (Nom. Sg. / Akk. Sg. / Abl. Sg.)
sakhāyam ca sakhā tathā
und der Freund den Freund, ebenso (Akk. Sg. / Nom. Sg. / Adv.)
saṃbandhinam ca saṃbandhī
und der Verwandte den Verwandten (Akk. Sg. / Nom. Sg.)
svasrīyam ca api mātulaḥ
und der mütterliche Onkel sogar den Schwestersohn (Akk. Sg. / Nom. Sg.)
sve svān pare parāṃś cāpi nijaghnur itaretaram nirmaryādam abhūd yuddhaṃ rātrau ghoraṃ bhayāvaham
Die Eigenen erschlugen die Eigenen, und die Feinde die Feinde, einer den anderen, wahllos; der Kampf in der Nacht wurde grenzenlos, schrecklich, Furcht einflößend.
Wort für Wort
sve svān
die Eigenen die Eigenen (Nom. Pl. / Akk. Pl.)
pare parān ca api
und die Feinde auch die Feinde (Nom. Pl. / Akk. Pl.)
nijaghnuḥ itaretaram
sie erschlugen einer den anderen (3. Pl. Perf. / Akk.)
nirmaryādam abhūt yuddham
der Kampf wurde grenzenlos (Nom. Sg., Adj. / 3. Sg. Impf. / Nom. Sg.)
rātrau ghoram bhayāvaham
in der Nacht, schrecklich, Furcht einflößend (Lok. Sg. / Nom. Sg., Adj.)