Kapitel 29: Śakunimāyāharaṇa
Der zehnte Tag: Arjunas Sieg über die Gāndhāra-Brüder und Śakunis Zaubertrug
Nach Bhagadattas Tod umschreitet Arjuna dessen Leichnam ehrfurchtsvoll — Saṃjaya berichtet in einem eingeschobenen Klagevers, wie selbst Arjuna angesichts des gefallenen Freundes seines Vaters Indra 'Schande, Schande!' ausruft. Die beiden Gāndhāra-Brüder Vṛṣaka und Acala, Śakunis Brüder und Onkel der Kauravas, greifen Arjuna gemeinsam an, werden aber beide von ihm mit einem einzigen Pfeil erschlagen. Der um seine Brüder trauernde Śakuni entfesselt daraufhin eine gewaltige Zauberillusion — Waffenregen, wilde Tiere, Rākṣasas, Dunkelheit und Wasserfluten —, die Arjuna jedoch mit göttlichen Gegenwaffen (Licht-, Sonnenwaffe) und schließlich mit gewöhnlichen Pfeilen restlos zerschlägt, sodass Śakuni wie ein gemeiner Mann die Flucht ergreift. Arjuna wendet sich darauf gegen das gesamte Kaurava-Heer und richtet, von niemandem aufgehalten, ein solches Blutbad an, dass die fliehenden Krieger einander und sogar die eigenen Angehörigen im Chaos preisgeben.
Saṃjaya sprach: Nachdem er den [König von] Prāgjyotiṣa erschlagen hatte, den allzeit teuren Freund Indras von unermesslicher Kraft, umschritt ihn Pārtha ehrfurchtsvoll von rechts.
Wort für Wort
priyam indrasya satataṃ
den allzeit teuren, Indras (Akk.Sg. + Gen.Sg. + Adv.)
sakhāyam amitaujasam
Freund, von unermesslicher Kraft (Akk.Sg. + Akk.Sg.)
hatvā prāgjyotiṣaṃ pārthaḥ
nachdem Pārtha den Prāgjyotiṣa erschlagen hatte (Ger. + Akk.Sg. + Nom.Sg.)
pradakṣiṇam avartata
umschritt er ehrfurchtsvoll von rechts (Akk.Sg. + 3.Sg.Impf.)
[Anm.: V.1 bildet eine Einheit; „pradakṣiṇam“ bezeichnet das rituelle Umschreiten von rechts als Ehrerweisung. Im Anschluss ein elfzeiliger Apparatseinschub (*0228_01-11), ein bewegender Klagevers: „Den uralten Daitya [Dämonensohn], den großen Helden Bhagadatta von gewaltiger Kraft, schwer zu besiegen, erschlugen im Kampf die beiden Kṛṣṇas, der Dāśārha und Bībhatsu [Kṛṣṇa und Arjuna] — ihn, dessen Lebenskraft der Stärke von zehntausend Elefanten glich, einen im Kampf strahlenden Helden. Auch Supratīka, mächtig, an Kraft zehntausend Elefanten gleich, gewaltig, ausgestattet mit der Vaiṣṇava-Waffe und dem [geweihten] Stachel, kraftvoll — drei Kraftquellen waren dort zugleich versammelt, wie die drei [heiligen] Feuer bei einem Opfer. Wer außer Arjuna hätte den im Kampf heldenhaften Bhagadatta erschlagen können? Auch Arjuna, von großer Kraft, rief, nachdem er im Kampf den Freund seines Vaters [Indras] erschlagen hatte, über die Pflicht des Kṣatriya nachsinnend, aus: 'Schande, Schande!' — als er ihn erblickte, der an Glanz der Sonne glich, vom Himmel zur Erde gestürzt, mit Staub bedeckt.“ — nicht als eigene Einheit übersetzt, verdeutlicht aber Arjunas Zwiespalt zwischen Kampfpflicht und persönlicher Trauer um einen Freund seines göttlichen Vaters.]
tau sametyārjunaṃ vīrau puraḥ paścāc ca dhanvinau avidhyetāṃ mahāvegair niśitair āśugair bhṛśam
Die beiden heldenhaften Bogenschützen, sich Arjuna nähernd, von vorne und von hinten, durchbohrten ihn heftig mit hochschnellen, scharfen, rasanten [Pfeilen].
Wort für Wort
tau sametyārjunaṃ vīrau
die beiden Helden, sich Arjuna nähernd (Nom.Du. + Ger. + Akk.Sg. + Nom.Du.)
puraḥ paścāc ca dhanvinau
von vorne und von hinten, die Bogenschützen (Adv. + Adv. + Konj. + Nom.Du.)
avidhyetāṃ mahāvegair
durchbohrten mit hochschnellen (3.Du.Impf. + Instr.Pl.)
Pārtha zerschmetterte, mit den scharfen Pfeilen, wie Sesamkörner, die Rosse, den Wagenlenker, den Bogen, den Schirm, den Wagen und das Banner Vṛṣakas, des Sohnes Subalas.
Wort für Wort
vṛṣakasya hayān sūtaṃ
Vṛṣakas Rosse, den Wagenlenker (Gen.Sg. + Akk.Pl. + Akk.Sg.)
dhanuś chatraṃ rathaṃ dhvajam
den Bogen, Schirm, Wagen, das Banner (Akk.Sg. + Akk.Sg. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
tilaśo vyadhamat pārthaḥ
wie Sesamkörner zerschmetterte Pārtha (Adv. + 3.Sg.Impf. + Nom.Sg.)
saubalasya śitaiḥ śaraiḥ
des Sohnes Subalas, mit scharfen Pfeilen (Gen.Sg. + Instr.Pl. + Instr.Pl.)
[Anm.: V.4 bildet eine Einheit; „saubalasya“ ('des Sohnes Subalas') bezeichnet hier Vṛṣaka selbst, der wie sein Bruder Śakuni ein Sohn des Königs Subala von Gāndhāra ist.]
hatāśvāt tu rathāt tūrṇam avatīrya mahābhujaḥ āruroha rathaṃ bhrātur anyac ca dhanur ādade
Der starkarmige [Vṛṣaka] aber stieg rasch von seinem Wagen, dessen Rosse getötet waren, herab, bestieg den Wagen seines Bruders und ergriff einen anderen Bogen.
Wort für Wort
hatāśvāt tu rathāt tūrṇam
aber rasch von seinem Wagen, dessen Rosse getötet waren (Abl.Sg. + Konj. + Abl.Sg. + Adv.)
avatīrya mahābhujaḥ
herabsteigend, der starkarmige (Ger. + Nom.Sg.)
āruroha rathaṃ bhrātur
bestieg er den Wagen des Bruders (3.Sg.Perf. + Akk.Sg. + Gen.Sg.)
anyac ca dhanur ādade
und ergriff einen anderen Bogen (Akk.Sg. + Konj. + Akk.Sg. + 3.Sg.Perf.Med.)
[Anm.: V.7 bildet eine Einheit; Vṛṣaka wechselt auf Acalas Wagen.]
tau rathasthau naravyāghrau rājānau vṛṣakācalau saṃśliṣṭāṅgau sthitau rājañ jaghānaikeṣuṇārjunaḥ
Jene beiden im Wagen stehenden Tiger unter den Männern, die Könige Vṛṣaka und Acala, mit eng aneinandergeschmiegten Leibern dastehend, o König, erschlug Arjuna mit einem einzigen Pfeil.
Wort für Wort
tau rathasthau naravyāghrau
jene beiden im Wagen stehenden Tiger unter den Männern (Nom.Du. + Nom.Du.)
rājānau vṛṣakācalau
die Könige Vṛṣaka und Acala (Nom.Du. + Nom.Du.)
saṃśliṣṭāṅgau sthitau rājañ
mit eng verschmiegten Leibern dastehend, o König (Nom.Du. + Nom.Du. + Vok.Sg.)
jaghānaikeṣuṇārjunaḥ
erschlug Arjuna mit einem einzigen Pfeil (3.Sg.Perf. + Instr.Sg. + Nom.Sg.)
[Anm.: V.11 bildet eine Einheit; da die Brüder eng nebeneinanderstanden, genügte Arjuna ein einziger Pfeil, um beide zugleich zu töten.]
Ihre beiden, den Angehörigen teuren Leiber, vom Wagen zur Erde gelangt, verblieben dort, nachdem sie ihren heiligen Ruhm in die zehn Richtungen entsandt hatten.
Wort für Wort
tayor dehau rathād bhūmiṃ
ihre beiden Leiber vom Wagen zur Erde (Gen.Du. + Nom.Du. + Abl.Sg. + Akk.Sg.)
gatau bandhujanapriyau
gelangt, den Angehörigen teuer (Nom.Du. + Nom.Du.)
yaśo daśa diśaḥ puṇyaṃ
ihren heiligen Ruhm in die zehn Richtungen (Akk.Sg. + Num. + Akk.Pl. + Akk.Sg.)
Als er seine beiden Brüder erschlagen sah, wandte Śakuni, kundig in hundert Arten von Zauberillusion, dann eine Illusion an, um die beiden Kṛṣṇas [Kṛṣṇa und Arjuna] zu verwirren.
Wort für Wort
nihatau bhrātarau dṛṣṭvā
als er die beiden Brüder erschlagen sah (Akk.Du. + Akk.Du. + Ger.)
māyāśataviśāradaḥ
kundig in hundert Arten von Zauberillusion (Nom.Sg.Kompositum)
kṛṣṇau saṃmohayan māyāṃ
die beiden Kṛṣṇas verwirrend, eine Illusion (Akk.Du. + Nom.Sg.Part. + Akk.Sg.)
vidadhe śakunis tataḥ
wandte Śakuni dann an (3.Sg.Perf.Med. + Nom.Sg. + Adv.)
Tiger, Sṛmara- und Cillikā-Raubtiere (Nom.Pl. + Nom.Pl.)
ṛkṣāḥ sālāvṛkā gṛdhrāḥ
Bären, Wölfe, Geier (Nom.Pl. + Nom.Pl. + Nom.Pl.)
kapayo 'tha sarīsṛpāḥ
Affen und Kriechtiere (Nom.Pl. + Konj. + Nom.Pl.)
[Anm.: V.19-20 bilden eine syntaktische Einheit: ein weiterer Katalog, diesmal der von Śakunis Illusion heraufbeschworenen wilden Tiere, Rākṣasas und Vögel. „sṛmara“ und „cillikā“ sind unklare Raubtierbezeichnungen [?].]
tatas tamaḥ prādurabhūd arjunasya rathaṃ prati tasmāc ca tamaso vācaḥ krūrāḥ pārtham abhartsayan
Dann erschien Dunkelheit um Arjunas Wagen; und aus jener Dunkelheit heraus verhöhnten grausame Stimmen den Pārtha.
Wort für Wort
tatas tamaḥ prādurabhūd
dann erschien Dunkelheit (Adv. + Nom.Sg. + 3.Sg.Perf.)
arjunasya rathaṃ prati
um Arjunas Wagen (Gen.Sg. + Akk.Sg. + Postp.)
tasmāc ca tamaso vācaḥ
und aus jener Dunkelheit, Stimmen (Abl.Sg. + Konj. + Abl.Sg. + Nom.Pl.)
krūrāḥ pārtham abhartsayan
grausame verhöhnten den Pārtha (Nom.Pl. + Akk.Sg. + 3.Pl.Impf.)
[Anm.: V.23 bildet eine Einheit. Im Anschluss ein einzeiliger Apparatseinschub (*0229_01): „Jene Dunkelheit war furchtbar, schrecklich, Furcht erregend in der großen Schlacht.“ — nicht als eigene Einheit übersetzt.]
So die vielerlei Illusionen, eine nach der anderen vom Sohn Subalas gewirkt, zerschlug Arjuna damals rasch mit der Kraft seiner Waffen, lachend.
Wort für Wort
evaṃ bahuvidhā māyāḥ
so die vielerlei Illusionen (Adv. + Nom.Pl. + Nom.Pl.)
saubalasya kṛtāḥ kṛtāḥ
vom Sohn Subalas, eine nach der anderen gewirkt (Gen.Sg. + Nom.Pl. + Nom.Pl.)
jaghānāstrabalenāśu
zerschlug rasch mit der Kraft der Waffen (3.Sg.Perf. + Instr.Sg. + Adv.)
prahasann arjunas tadā
lachend, Arjuna, damals (Nom.Sg.Part. + Nom.Sg. + Adv.)
[Anm.: V.26 bildet eine Einheit. Im Anschluss ein zweizeiliger Apparatseinschub (*0230_01-02), ein höhnischer Spottreim Arjunas auf Śakunis berüchtigte falsche Würfel: „O übler Würfelspieler von Gāndhāra — nicht Würfel wirft Gāṇḍīva! Brennende, scharfe, spitze Pfeile wirft Gāṇḍīva!“ — nicht als eigene Einheit übersetzt, spielt aber pointiert auf Śakunis Rolle im betrügerischen Würfelspiel an, das dem Krieg vorausging.]
Dann war im Süden wiederum ein Kampf wundersamer Krieger, ein heftiges Gefecht Arjunas; ich aber folgte Droṇa.
Wort für Wort
tataḥ punar dakṣiṇataḥ
dann wiederum im Süden (Adv. + Adv. + Adv.)
saṃgrāmaś citrayodhinām
ein Kampf wundersamer Krieger (Nom.Sg. + Gen.Pl.)
suyuddham arjunasyāsīd
ein heftiges Gefecht Arjunas war (Nom.Sg. + Gen.Sg. + 3.Sg.Impf.)
ahaṃ tu droṇam anvagām
ich aber folgte Droṇa (Nom.Sg. + Konj. + Akk.Sg. + 1.Sg.Impf.)
[Anm.: V.33 bildet eine Einheit. Im Anschluss ein einzeiliger Apparatseinschub (*0231_01): „Die Truppen Yudhiṣṭhiras verbrannten [den Feind] hier und dort.“ — nicht als eigene Einheit übersetzt.]
Ihm, der wie Vāsava [Indra] heranfuhr, mit reichlich strömendem Pfeilregen, dem großen Bogenschützen, dem Tiger unter den Männern, wagte keiner entgegenzutreten.
Wort für Wort
taṃ vāsavam ivāyāntaṃ
ihm, der wie Vāsava heranfuhr (Akk.Sg. + Akk.Sg. + Partikel + Akk.Sg.Part.)
bhūrivarṣaśaraughiṇam
mit reichlich strömendem Pfeilregen (Akk.Sg.Kompositum)
maheṣvāsaṃ naravyāghraṃ
dem großen Bogenschützen, dem Tiger unter den Männern (Akk.Sg. + Akk.Sg.)
nograṃ kaś cid avārayat
keiner wagte, ihm entgegenzutreten (Akk.Sg. + Nom.Sg. + Partikel + 3.Sg.Impf.)
hatair manuṣyais turagaiś ca sarvataḥ śarābhivṛṣṭair dviradaiś ca pātitaiḥ tadā śvagomāyubaḍābhināditaṃ vicitram āyodhaśiro babhūva ha
Mit überall erschlagenen Menschen und Rossen, und mit von Pfeilregen gefällten Elefanten, ertönte das Schlachtfeld dann vom Gebell der Hunde, dem Heulen der Schakale und dem Schreien der Geier — ein seltsamer [Anblick] wurde es.
Wort für Wort
hatair manuṣyais turagaiś ca
mit erschlagenen Menschen und Rossen (Instr.Pl. + Instr.Pl. + Instr.Pl. + Konj.)
sarvataḥ śarābhivṛṣṭair
überall, mit von Pfeilregen [gefällten] (Adv. + Instr.Pl.)
dviradaiś ca pātitaiḥ
und gefällten Elefanten (Instr.Pl. + Konj. + Instr.Pl.)
tadā śvagomāyubaḍābhināditaṃ
dann vom Gebell der Hunde, Schakale, Geier ertönend (Adv. + Nom.Sg.Kompositum)
vicitram āyodhaśiro babhūva ha
ein seltsames Schlachtfeld wurde es (Nom.Sg. + Nom.Sg. + 3.Sg.Perf. + Partikel)
[Anm.: V.40 bildet eine Einheit; im Original in abweichendem, längerem Versmaß.]
Der Vater verlässt den Sohn, der Freund den besten Freund, ebenso der Sohn, von Pfeilen gequält, den Vater; die Menschen, nur auf die eigene Rettung bedacht, verlassen dann, von Pārtha bedrängt, sogar ihre Reittiere.
Wort für Wort
pitā sutaṃ tyajati
der Vater verlässt den Sohn (Nom.Sg. + Akk.Sg. + 3.Sg.Präs.)
suhṛdvaraṃ suhṛt
der Freund den besten Freund (Akk.Sg. + Nom.Sg.)
tathaiva putraḥ pitaraṃ
ebenso der Sohn den Vater (Adv. + Nom.Sg. + Akk.Sg.)
śarāturaḥ svarakṣaṇe
von Pfeilen gequält, auf die eigene Rettung (Nom.Sg. + Lok.Sg.)
kṛtamatayas tadā janās
bedacht, dann die Menschen (Nom.Pl. + Adv. + Nom.Pl.)
tyajanti vāhān api
verlassen sogar ihre Reittiere (3.Pl.Präs. + Akk.Pl. + Partikel)
pārthapīḍitāḥ
von Pārtha bedrängt (Nom.Pl.Kompositum)
[Anm.: V.41 bildet eine Einheit und beschließt das Kapitel; ein eindringliches Bild des völligen Zusammenbruchs aller Bindungen unter Arjunas Ansturm.]