Kapitel 129
Dhṛtarāṣṭras Frage nach Droṇas Kampf und die schreckliche Nachtschlacht
Dhṛtarāṣṭra fragt Saṃjaya ängstlich, wie die Pāṇḍavas den zornigen Droṇa nach dessen Eindringen in ihre Reihen umzingelt hätten und wie der große Lehrer letztlich in den Tod gegangen sei. Saṃjaya berichtet, wie am Abend, nach der Tötung Jayadrathas, sämtliche Pāṇḍava-Helden - Arjuna, Sātyaki, Yudhiṣṭhira, Bhīmasena, die Zwillinge, Dhṛṣṭadyumna, Drupada, die Söhne Draupadīs, Ghaṭotkaca und die Pañcāla-Heere - gemeinsam gegen Droṇa anstürmten. Es bricht eine schreckliche, von Schakalen und Eulen durchheulte Nacht an, die den tosenden, nahezu unentwirrbaren nächtlichen Kampf zwischen Droṇa und den Sṛñjayas ankündigt. In dichter, blutgetränkter Dunkelheit, erhellt nur vom Glanz goldener Rüstungen und Waffen, wird das Heer in einem ausgedehnten Bild als gewaltiges Gewitter geschildert, dessen Sturmwind Duryodhana, dessen Wolken Wagen und Elefanten und dessen Blitze die Waffen der Krieger sind. Droṇa selbst durchbohrt in dieser Nacht allein unzählige feindliche Elefanten, Wagen, Reiter und Fußsoldaten mit seinen Pfeilen.
„Als der Lehrer, zornig, doch selbstbeherrscht, damals in die Reihen der Pāṇḍus eindrang, nachdem er zu Duryodhana, meinem der Lehre kundigen Sohn, ernste Worte gesprochen hatte,
Wort für Wort
yat tadā
was jene Zeit betrifft, als (Rel.Pron. + Adv.)
prāviśat pāṇḍūn
eindrang in die Pāṇḍus (Impf.3.Sg. + Akk.Pl.)
ācāryaḥ kupito vaśī
der Lehrer, zornig, selbstbeherrscht (Nom.Sg. + Nom.Sg.Part. + Nom.Sg.)
uktvā duryodhanaṃ samyak
nachdem er zu Duryodhana recht [ernstlich] gesprochen hatte (Ger. + Akk.Sg. + Adv.)
mama śāstrātigaṃ sutam
meinem der Lehre kundigen Sohn (Gen.Sg. + Akk.Sg.Kompos. + Akk.Sg.)
manye tān aspṛśac chītam ativelam anārtavam / manye te samavepanta gāvo vai śiśire yathā / yat prāviśan maheṣvāsaḥ pāñcālān aparājitaḥ
Ich glaube, ungewöhnliche, unzeitige Kälte berührte sie; ich glaube, sie erzitterten, wie Kühe in der Winterkälte - als der unbesiegte große Bogenschütze in die Pāñcālas eindrang.
Wort für Wort
manye tān aspṛśat śītam
ich glaube, Kälte berührte sie (Präs.1.Sg. + Akk.Pl. + Impf.3.Sg. + Nom.Sg.)
Tanzend auf den Wagenpfaden, der Beste aller Waffenträger, alle Heere der Pāñcālas niederbrennend, der Stier unter den Wagenkämpfern - wie ein zorniger Komet: wie geriet er in den Tod?“
Wort für Wort
nṛtyan sa rathamārgeṣu
tanzend, er, auf den Wagenpfaden (Nom.Sg.Part. + Nom.Sg. + Lok.Pl.)
sarvaśastrabhṛtāṃ varaḥ
der Beste aller Waffenträger (Gen.Pl.Kompos. + Nom.Sg.)
nirdahan sarvasainyāni
alle Heere niederbrennend (Nom.Sg.Part. + Akk.Pl.)
pāñcālānāṃ ratharṣabhaḥ
der Stier unter den Wagenkämpfern der Pāñcālas (Gen.Pl. + Nom.Sg.Kompos.)
dhūmaketur iva kruddhaḥ
wie ein zorniger Komet (Nom.Sg. + Partikel + Nom.Sg.Part.)
kathaṃ mṛtyum upeyivān
wie geriet er in den Tod (Adv. + Akk.Sg. + Perf.Part.Nom.Sg.)
[Anm.: Apparatuseinschub *1110 (eine Zeile), der Droṇas verheerendes Wirken vor seinem Tod schildert. Hier endet Dhṛtarāṣṭras Frage an Saṃjaya.]
sāyāhne saindhavaṃ hatvā rājñā pārthaḥ sametya ca / sātyakiś ca maheṣvāso droṇam evābhyadhāvatām
Am Abend, nachdem er den König von Sindhu erschlagen hatte, eilten Pārtha, der sich mit dem König vereint hatte, und der große Bogenschütze Sātyaki, beide auf Droṇa zu.
Wort für Wort
sāyāhne saindhavaṃ hatvā
am Abend, nachdem er den Sindhu-König erschlagen hatte (Lok.Sg. + Akk.Sg. + Ger.)
rājñā pārthaḥ sametya ca
und Pārtha, nachdem er sich mit dem König vereint hatte (Instr.Sg. + Nom.Sg. + Ger. + Konj.)
sātyakiś ca maheṣvāso
und der große Bogenschütze Sātyaki (Nom.Sg. + Konj. + Nom.Sg.Kompos.)
droṇam eva abhyadhāvatām
eilten einzig auf Droṇa zu (Akk.Sg. + Partikel + Impf.3.Du.)
tathaiva nakulo dhīmān sahadevaś ca durjayaḥ / dhṛṣṭadyumnaḥ śatānīko virāṭaś ca sakekayaḥ / matsyāḥ śālveyasenāś ca droṇam eva yayur yudhi
Ebenso der kluge Nakula und der unbesiegbare Sahadeva, Dhṛṣṭadyumna, Śatānīka und Virāṭa mit den Kekayas, die Matsyas und die Śālveya-Heere zogen im Kampf einzig auf Droṇa zu.
Wort für Wort
tathaiva nakulo dhīmān
ebenso der kluge Nakula (Adv. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
sahadevaś ca durjayaḥ
und der unbesiegbare Sahadeva (Nom.Sg. + Konj. + Nom.Sg.)
dhṛṣṭadyumnaḥ śatānīko virāṭaś ca sakekayaḥ
Dhṛṣṭadyumna, Śatānīka und Virāṭa mit den Kekayas (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Nom.Sg. + Konj. + Nom.Sg.Kompos.)
matsyāḥ śālveyasenāś ca
die Matsyas und die Śālveya-Heere (Nom.Pl. + Nom.Pl.Kompos. + Konj.)
droṇam eva yayur yudhi
zogen im Kampf einzig auf Droṇa zu (Akk.Sg. + Partikel + Perf.3.Pl. + Lok.Sg.)
Wie nachts ein Bambuswald, der auf einem Berg brennt - mit dem Dröhnen von Mṛdaṅga- und Ānaka-Trommeln, mit Jharjhara- und Paṭaha-Trommeln ebenso, mit Pfeifgeräuschen und Wiehern erschien alles völlig verwirrt; ein schreckliches Knattern entstand von den niederfallenden Waffen.
Wort für Wort
rātrau vaṃśavanasya iva
wie nachts ein Bambuswald (Lok.Sg. + Gen.Sg.Kompos. + Partikel)
dahyamānasya parvate
der brennende, auf einem Berg (Gen.Sg.Part. + Lok.Sg.)
mṛdaṅgānakanirhrādair
mit dem Dröhnen von Mṛdaṅga- und Ānaka-Trommeln (Instr.Pl.Kompos.)
jharjharaiḥ paṭahais tathā
mit Jharjhara- und Paṭaha-Trommeln ebenso (Instr.Pl. + Instr.Pl. + Adv.)
phetkārair hreṣitaiḥ śabdaiḥ
mit Pfeifgeräuschen und Wiehertönen (Instr.Pl. + Instr.Pl. + Instr.Pl.)
sarvam eva ākulaṃ babhau
alles erschien völlig verwirrt (Nom.Sg. + Partikel + Nom.Sg. + Perf.3.Sg.)
ghoraś caṭacaṭāśabdaḥ
ein schreckliches Knattern (Nom.Sg. + Nom.Sg.Kompos.)
śastrāṇāṃ patatām abhūt
von den niederfallenden Waffen entstand (Gen.Pl. + Gen.Pl.Part. + Impf.3.Sg.)
[Anm.: Apparatuseinschub *1111 (zwei Zeilen), der die tosende Geräuschkulisse der Nacht weiter ausmalt.]
naiva sve na pare rājan prājñāyanta tamovṛte / unmattam iva tat sarvaṃ babhūva rajanīmukhe
Weder die eigenen noch die feindlichen Krieger konnten, o König, in der von Dunkelheit bedeckten Nacht erkannt werden; alles das wurde wie von Wahnsinn ergriffen, am Beginn der Nacht.
Wort für Wort
na eva sve na pare rājan
weder die eigenen noch die feindlichen, o König (Neg. + Partikel + Nom.Pl. + Neg. + Nom.Pl. + Vok.Sg.)
prājñāyanta tamovṛte
konnten erkannt werden, in der von Dunkelheit bedeckten (Pass.Impf.3.Pl. + Lok.Sg.Kompos.)
unmattam iva tat sarvaṃ
alles das wie von Wahnsinn ergriffen (Nom.Sg. + Partikel + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
babhūva rajanīmukhe
wurde, am Beginn der Nacht (Perf.3.Sg. + Lok.Sg.Kompos.)
Von Schakalen und Vögeln durchtönt, mit Speeren und Bannern übervoll, von schrecklichem Geschrei erfüllt, schrecklich, von Kampfrufen und Schreien widerhallend.
Wort für Wort
gomāyubaḍasaṃghuṣṭā
von Schakalen und Vögeln durchtönt (Nom.Sg.Kompos.Part.)
śaktidhvajasamākulā
mit Speeren und Bannern übervoll (Nom.Sg.Kompos.Part.)
dāruṇābhirutā ghorā
von schrecklichem Geschrei erfüllt, schrecklich (Nom.Sg.Kompos.Part. + Nom.Sg.)
kṣveḍitotkruṣṭanāditā
von Kampfrufen und Schreien widerhallend (Nom.Sg.Kompos.Part.)
[Anm.: Das Wort baḍa ist lexikalisch unklar und wird hier probeweise als Bezeichnung eines Vogels (etwa Reiher oder Kranich) wiedergegeben.]
In jenes Heer, dem Duryodhana als Sturmwind vorausging, mit Wagen und Elefanten als Wolken, mit dem Dröhnen der Musikinstrumente als Donner, umgeben von Bogen-Blitzen und Bannern,
Wort für Wort
duryodhanapurovātāṃ
dem Duryodhana als Sturmwind vorausging (Akk.Sg.Kompos.)
rathanāgabalāhakām
mit Wagen und Elefanten als Wolken (Akk.Sg.Kompos.)
vāditraghoṣastanitāṃ
mit dem Dröhnen der Musikinstrumente als Donner (Akk.Sg.Kompos.)
cāpavidyuddhvajair vṛtām
umgeben von Bogen-Blitzen und Bannern (Instr.Pl.Kompos. + Akk.Sg.Part.)
[Anm.: Beginn eines ausgedehnten Gewitter-Gleichnisses (Vers 30-32), das die nächtliche Schlacht als gewaltigen Sturm schildert; die Konstruktion setzt sich fortlaufend bis zum Hauptverb in der nächsten Einheit fort.]
mit Droṇa und den Pāṇḍavas als Gewitterwolken, mit Schwertern, Speeren und Keulen als Blitzen, mit einem Pfeilregen als Waffen-Sturmwind, heftig von Kälte und Hitze durchmischt,
Wort für Wort
droṇapāṇḍavaparjanyāṃ
mit Droṇa und den Pāṇḍavas als Gewitterwolken (Akk.Sg.Kompos.)
khaḍgaśaktigadāśanim
mit Schwertern, Speeren und Keulen als Blitzen (Akk.Sg.Kompos.)
śaradhārāstrapavanāṃ
mit einem Pfeilregen als Waffen-Sturmwind (Akk.Sg.Kompos.)
bhṛśaṃ śītoṣṇasaṃkulām
heftig von Kälte und Hitze durchmischt (Adv. + Akk.Sg.Kompos.)
tāni nāgasahasrāṇi rathānām ayutāni ca / padātihayasaṃghānāṃ prayutāny arbudāni ca / droṇenaikena nārācair nirbhinnāni niśāmukhe
Jene Tausende von Elefanten und Zehntausende von Wagen, Hunderttausende und Milliarden an Scharen von Fußsoldaten und Pferden, wurden von Droṇa allein mit eisernen Pfeilen durchbohrt, am Beginn der Nacht.
Wort für Wort
tāni nāgasahasrāṇi
jene Tausende von Elefanten (Akk.Pl. + Akk.Pl.Kompos.)
rathānām ayutāni ca
und Zehntausende von Wagen (Gen.Pl. + Akk.Pl. + Konj.)
padātihayasaṃghānāṃ
von Scharen der Fußsoldaten und Pferde (Gen.Pl.Kompos.)
prayutāny arbudāni ca
und Hunderttausende, Milliarden (Akk.Pl. + Akk.Pl. + Konj.)
droṇenaikena nārācair
von Droṇa allein mit eisernen Pfeilen (Instr.Sg. + Instr.Sg. + Instr.Pl.)
nirbhinnāni niśāmukhe
wurden durchbohrt, am Beginn der Nacht (Nom.Pl.Part. + Lok.Sg.Kompos.)
[Anm.: Abschließender Apparatuseinschub *1112 (drei Zeilen), der Droṇas einsame Vernichtungsleistung in gewaltigen, formelhaften Zahlen zusammenfasst.]