Kapitel 17: Saṃśaptakavadha
Der zehnte Tag: Arjunas erster Zusammenstoß mit den Saṃśaptakas
Die in Halbmondformation aufgestellten Saṃśaptakas begrüßen den herannahenden Arjuna mit lautem Jubelgeschrei, da sie ihren Tod im Kampf als Ziel wählen; Arjuna bemerkt gegenüber Kṛṣṇa spöttisch-mitleidig, dass sie sich über etwas freuen, das eigentlich Trauer verdiente, und dass ihnen der Kampf gegen ihn erhabene Jenseitswelten verschaffen werde. Nach dem Erschallen von Arjunas Muschelhorn Devadatta erstarrt das feindliche Heer kurz vor Schreck, bevor ein gewaltiger Pfeilkampf entbrennt: Arjuna zerschneidet mühelos zehntausende anfliegende Pfeile, vernichtet zahlreiche benannte Trigarta-Krieger (Subāhu, Sudhanus u.a.) und enthauptet Sudhanus. Als das Trigarta-Heer daraufhin in Furcht zu fliehen beginnt, ermahnt der Trigarta-König seine Krieger, nicht als Schwätzer vor Duryodhana dazustehen, nachdem sie doch furchtbare Eide geschworen hatten; die Saṃśaptakas kehren daraufhin, samt den Nārāyaṇa-Kriegern und Hirten, entschlossen zum Kampf auf Leben und Tod um.
tataḥ saṃśaptakā rājan same deśe vyavasthitāḥ / vyūhyānīkaṃ rathair eva candrārdhākhyaṃ mudānvitāḥ
Dann standen die Saṃśaptakas, o König, auf ebenem Gelände aufgestellt, freudeerfüllt, nachdem sie ihr Heer eben mit den Wagen in die 'Halbmond' genannte Formation geordnet hatten.
Wort für Wort
tataḥ saṃśaptakā rājan
dann die Saṃśaptakas, o König (Adv. + Nom.Pl. + Vok.Sg.)
same deśe vyavasthitāḥ
auf ebenem Gelände aufgestellt (Lok.Sg. + Lok.Sg. + Nom.Pl.Part.)
vyūhya anīkaṃ rathair eva
geordnet habend das Heer eben mit den Wagen (Ger. + Akk.Sg. + Instr.Pl. + Part.)
candrārdhākhyaṃ mudānvitāḥ
in die 'Halbmond' genannte [Formation], freudeerfüllt (Akk.Sg. + Nom.Pl.)
[Anm.: V.1 bildet eine Einheit; eingeleitet durch die (hier entfallende) Sprecherkennzeichnung 'saṃjaya uvāca'.]
Sie, den herankommenden Diademträger erblickend, o Verehrter, jene Tiger unter den Männern, stießen da mit Freude ein Geschrei mit gewaltigem Schall aus.
Wort für Wort
te kirīṭinam āyāntaṃ
sie, den herankommenden Diademträger (Nom.Pl. + Akk.Sg. + Akk.Sg.Part.)
dṛṣṭvā harṣeṇa māriṣa
erblickend, mit Freude, o Verehrter (Ger. + Instr.Sg. + Vok.Sg.)
udakrośan naravyāghrāḥ
stießen ein Geschrei aus, die Tiger unter den Männern (3.Pl.Impf. + Nom.Pl.)
śabdena mahatā tadā
mit gewaltigem Schall da (Instr.Sg. + Instr.Sg. + Adv.)
[Anm.: Zwischen V.2a und V.2c eine Apparatszeile (*0132_01: 'überaus hocherfreut, den Dhanañjaya erkannt habend'), nicht übersetzt; für den Hauptsatz nicht erforderlich.]
„Sieh diese Brüder, die Traigartakas, o Sohn der Devakī, die heute im Kampf zu sterben wünschen, so hocherfreut über etwas, das eigentlich Weinen verdiente!
Wort für Wort
paśya etān devakīmātar
sieh diese, o Sohn der Devakī (2.Sg.Imp. + Akk.Pl. + Vok.Sg.)
mumūrṣūn adya saṃyuge
die heute zu sterben wünschen, im Kampf (Akk.Pl.Desid. + Adv. + Lok.Sg.)
bhrātṝṃs traigartakān evaṃ
die Brüder, die Traigartakas, so (Akk.Pl. + Akk.Pl. + Adv.)
roditavye praharṣitān
hocherfreut über etwas, das Weinen verdiente (Lok.Sg.Ger. + Akk.Pl.Part.)
[Anm.: 'devakīmātar' ('o [du], dessen Mutter Devakī [ist]') ist eine Anrede Arjunas an Kṛṣṇa.]
Oder vielmehr ist dies wahrlich eine Zeit der Freude für die Traigartakas – ohne Zweifel; denn sie werden höchste, von schlechten Menschen schwer erreichbare Welten erlangen.“
Wort für Wort
atha vā harṣakālo 'yaṃ
oder vielmehr ist dies eine Zeit der Freude (Konj. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
traigartānām asaṃśayam
für die Traigartakas, ohne Zweifel (Gen.Pl. + Akk.Sg.Adv.)
kunarair duravāpān hi
denn von schlechten Menschen schwer erreichbare (Instr.Pl. + Akk.Pl. + Part.)
lokān prāpsyanty anuttamān
Welten werden sie erlangen, höchste (Akk.Pl. + 3.Pl.Fut. + Akk.Pl.)
[Anm.: Zwischen V.6d und V.7a eine Apparatszeile (*0133_01: 'denn von mir im Kampf getötet, werden sie reichliche Welten erlangen'), nicht übersetzt.]
tena śabdena vitrastā saṃśaptakavarūthinī / niśceṣṭāvasthitā saṃkye aśmasāramayī yathā
Durch jenen Schall erschreckt, stand das Heer der Saṃśaptakas regungslos im Kampf, wie aus Fels-Erz gemacht.
Wort für Wort
tena śabdena vitrastā
durch jenen Schall erschreckt (Instr.Sg. + Instr.Sg. + Nom.Sg.Part.)
saṃśaptakavarūthinī
das Heer der Saṃśaptakas (Nom.Sg.)
niśceṣṭāvasthitā saṃkye
stand regungslos im Kampf (Nom.Sg.Part. + Lok.Sg.)
aśmasāramayī yathā
wie aus Fels-Erz gemacht (Nom.Sg. + Part.)
[Anm.: Zwischen V.9d und V.10a ein sechszeiliger Apparatseinschub (*0134_01-06), der ausführlich die Wirkung des Schalls schildert: 'Jenes Heer, o Bester der Bharatas, regungslos, erglänzte da, wie auf ein buntes Tuch gemalt von kundigen Künstlern; durch jenen Schall der Truppen, den Himmel erfüllend, erklang damals die ganze Erde und ebenso der große Ozean; durch alle jene aufgestellten Heere auf der Erde im Meer der Schlacht wurden durch den Schall aller Truppen die Ohren betäubt.' Nicht übersetzt, für den Hauptsatz nicht erforderlich; wegen seines Umfangs hier eigens zusammengefasst.]
Durch jene am Diadem haftenden, goldbefiederten, geradefliegenden [Pfeile] erglänzte der Diademträger, mit goldenem Stirnschmuck, wie ein aufgerichteter Opferpfosten.
Wort für Wort
taiḥ kirīṭī kirīṭasthair
durch jene der Diademträger, am Diadem haftenden (Instr.Pl. + Nom.Sg. + Instr.Pl.)
tataḥ suśarmā daśabhiḥ surathaś ca kirīṭinam / sudharmā sudhanuś caiva subāhuś ca samarpayan / tāṃs tu sarvān pṛthag bāṇair vānarapravaradhvajaḥ / pratyavidhyad dhvajāṃś caiṣāṃ bhallaiś ciccheda kāñcanān
Dann griffen Suśarman mit zehn [Pfeilen], und Suratha, und Sudharman, und Sudhanus, und Subāhu den Diademträger [mit Pfeilen] an; doch er, dessen Banner den Vorzüglichsten der Affen [trägt] (Arjuna), durchbohrte sie alle einzeln im Gegenzug mit Pfeilen und zerschnitt mit Breitpfeilen ihre goldenen Banner.
Wort für Wort
tataḥ suśarmā daśabhiḥ
dann Suśarman mit zehn [Pfeilen] (Adv. + Nom.Sg. + Instr.Pl.)
surathaś ca kirīṭinam
und Suratha, den Diademträger (Nom.Sg. + Konj. + Akk.Sg.)
sudharmā sudhanuś caiva
Sudharman und Sudhanus eben (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Part.)
subāhuś ca samarpayan
und Subāhu, angreifend (Nom.Sg. + Konj. + Nom.Sg.Part.)
tāṃs tu sarvān pṛthag bāṇair
doch sie alle einzeln mit Pfeilen (Akk.Pl. + Konj. + Akk.Pl. + Adv. + Instr.Pl.)
vānarapravaradhvajaḥ
er, dessen Banner den Vorzüglichsten der Affen [trägt] (Nom.Sg.)
pratyavidhyad dhvajāṃś ca
durchbohrte im Gegenzug, und die Banner (3.Sg.Impf. + Akk.Pl. + Konj.)
eṣāṃ bhallaiś ciccheda kāñcanān
ihre, mit Breitpfeilen zerschnitt er, die goldenen (Gen.Pl. + Instr.Pl. + 3.Sg.Perf. + Akk.Pl.)
[Anm.: V.20-21 zu einer Einheit zusammengefasst, da V.20 grammatisch offen bleibt (Partizip 'samarpayan' ohne eigenes finites Verb) und erst mit Arjunas Gegenschlag in V.21 seinen Abschluss findet.]
Als aber jener Held gefallen war, flohen seine erschreckten Gefolgsleute, von Angst ergriffen, dorthin, wo Duryodhanas Heer war.
Wort für Wort
tasmiṃs tu patite vīre
als aber jener Held gefallen war (Lok.Sg.Abs. + Konj. + Lok.Sg.Abs. + Lok.Sg.Abs.)
trastās tasya padānugāḥ
erschreckt, seine Gefolgsleute (Nom.Pl.Part. + Gen.Sg. + Nom.Pl.)
vyadravanta bhayād bhītā
flohen aus Angst, geängstigt (3.Pl.Impf. + Abl.Sg. + Nom.Pl.Part.)
yena dauryodhanaṃ balam
dorthin, wo Duryodhanas Heer war (Adv. + Akk.Sg. + N.Nom.Sg.)
[Anm.: Zwischen V.23b und V.23c eine Apparatszeile (*0137_01: 'größtenteils behindert von den eigenen gefallenen ruhmreichen Kriegern'), nicht übersetzt.]
Da sprach der zornige König der Trigartas zu jenen großen Wagenkämpfern: „Genug mit der Flucht! Ihr solltet euch nicht der Furcht hingeben, ihr Helden.
Wort für Wort
tatas trigartarāṭ kruddhas
da der zornige König der Trigartas (Adv. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
tān uvāca mahārathān
sprach zu jenen großen Wagenkämpfern (Akk.Pl. + 3.Sg.Perf. + Akk.Pl.)
alaṃ drutena vaḥ śūrā
genug mit der Flucht, ihr Helden (Adv. + Instr.Sg. + Nom.Pl. + Vok.Pl.)
na bhayaṃ kartum arhatha
ihr solltet euch nicht der Furcht hingeben (Neg. + Akk.Sg. + Inf. + 2.Pl.Präs.)
[Anm.: Die Wendung 'alaṃ drutena' wiederholt formelhaft Droṇas Ruf in Kap.15 (dort 'alaṃ drutena vaḥ śūrāḥ'), hier jedoch vom Trigarta-König an seine eigenen fliehenden Krieger gerichtet.]
śaptvā tu śapathān ghorān sarvasainyasya paśyataḥ / gatvā dauryodhanaṃ sainyaṃ kiṃ vai vakṣyatha mukhyagāḥ
Nachdem wir doch furchtbare Eide geschworen haben, vor den Augen des ganzen Heeres, was werdet ihr, wenn ihr zu Duryodhanas Heer gegangen seid, wohl sagen, ihr Anführer?
Wort für Wort
śaptvā tu śapathān ghorān
nachdem wir aber furchtbare Eide geschworen haben (Ger. + Konj. + Akk.Pl. + Akk.Pl.)
sarvasainyasya paśyataḥ
vor den Augen des ganzen Heeres (Gen.Sg. + Gen.Sg.Part.)
gatvā dauryodhanaṃ sainyaṃ
gegangen zu Duryodhanas Heer (Ger. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
kiṃ vai vakṣyatha mukhyagāḥ
was werdet ihr wohl sagen, ihr Anführer (Akk.Sg. + Part. + 2.Pl.Fut. + Vok.Pl.)
[Anm.: V.28 bildet eine Einheit (Fortsetzung der Rede des Trigarta-Königs).]
tatas te saṃnyavartanta saṃśaptakagaṇāḥ punaḥ / nārāyaṇāś ca gopālāḥ kṛtvā mṛtyuṃ nivartanam
Da kehrten jene Scharen der Saṃśaptakas wieder um, und die Nārāyaṇas und Hirten, den Tod zu ihrer [einzigen] Umkehr gemacht habend.
Wort für Wort
tatas te saṃnyavartanta
da kehrten sie um (Adv. + Nom.Pl. + 3.Pl.Impf.Med.)
saṃśaptakagaṇāḥ punaḥ
die Scharen der Saṃśaptakas, wieder (Nom.Pl. + Adv.)
nārāyaṇāś ca gopālāḥ
und die Nārāyaṇas und Hirten (Nom.Pl. + Konj. + Nom.Pl.)
kṛtvā mṛtyuṃ nivartanam
den Tod zur Umkehr gemacht habend (Ger. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
[Anm.: V.31 bildet eine Einheit, letzte des Kapitels; eingeleitet wird das folgende Kap.18 wieder durch 'saṃjaya uvāca'. 'nārāyaṇāḥ' bezeichnet hier vermutlich die Nārāyaṇa-Krieger, die berühmte Kṛṣṇas Kuhhirten-Truppe, die im Krieg auf Duryodhanas Seite kämpft; 'gopālāḥ' ('Hirten') dürfte dieselbe Gruppe näher bezeichnen. 'kṛtvā mṛtyuṃ nivartanam' ('den Tod zur Umkehr gemacht habend') meint: sie beschlossen, nur im Tod zurückzuweichen, nicht in der Flucht.]