Kapitel 12: Yudhiṣṭhirārjunasaṃvāda
Der zehnte Tag: Yudhiṣṭhiras Warnung, Arjunas Gelöbnis und der erneute Kampfbeginn
Als die Kunde von Droṇas mit Vorbehalt versehenem Versprechen im Kaurava-Lager Jubel auslöst (V.1), erfährt Yudhiṣṭhira selbst rasch durch Vertraute von Droṇas Vorhaben (V.2) und wendet sich mit einer eindringlichen Warnung an Arjuna: Nur solange dieser an seiner Seite kämpfe, sei er vor Droṇa sicher (V.3-6, CQ). Arjuna antwortet mit einem feierlichen Gelöbnis, Yudhiṣṭhira unter keinen Umständen zu verlassen, und beruft sich dabei auf sein makelloses Wort, das noch nie unwahr, nie besiegt und nie unerfüllt geblieben sei (V.7-13, CQ). Das Kapitel schließt mit dem erneuten Aufbrausen der Schlacht: Musikinstrumente und Kampfrufe auf beiden Seiten (V.14-17), ein allgemeines, doch zunächst pattartiges Ringen (V.18-21), bis Droṇa – hier wieder als 'Rukmaratha' bezeichnet – persönlich hervorstürmt und, sonnengleich strahlend und für die Pāṇḍava-Krieger vor Schrecken kaum fassbar, mit einem verheerenden Pfeilhagel Dhṛṣṭadyumnas Streitmacht zerschmettert (V.22-28).
tatas te sainikāḥ śrutvā taṃ yudhiṣṭhiranigraham / siṃhanādaravāṃś cakrur bāṇaśaṅkharavaiḥ saha
Da erhoben, nachdem sie von jenem Plan zur Gefangennahme Yudhiṣṭhiras gehört hatten, deine Soldaten Löwengebrüll, zusammen mit dem Getöse von Pfeilen und Muschelhörnern.
Wort für Wort
tataḥ te sainikāḥ śrutvā
da deine Soldaten, gehört habend (Adv. + Nom.Pl. + Nom.Pl. + Ger.)
tam yudhiṣṭhiranigraham
jenen Plan zur Gefangennahme Yudhiṣṭhiras (Akk.Sg.)
siṃhanādaravān cakruḥ
erhoben Löwengebrüll (Akk.Sg. + 3.Pl.Perf.)
bāṇaśaṅkharavaiḥ saha
zusammen mit dem Getöse von Pfeilen und Muschelhörnern (Instr.Pl. + Postposition)
[Anm.: V.1 bildet eine Einheit; eingeleitet durch die (hier entfallende) Sprecherkennzeichnung 'saṃjaya uvāca'. Anknüpfend an die in Kap.11 (V.29-31) geschilderte, vorschnelle Verkündung von Droṇas Versprechen im Kaurava-Lager.]
tat tu sarvaṃ yathāvṛttaṃ dharmarājena bhārata / āptair āśu parijñātaṃ bhāradvājacikīrṣitam
Doch dies alles, wie es sich zugetragen hatte, wurde vom Rechtskönig [Yudhiṣṭhira], o Bhārata, durch [seine] Vertrauten rasch erkannt — das Vorhaben des Sohnes des Bharadvāja [Droṇa].
Wort für Wort
tat tu sarvam yathāvṛttam
doch dies alles, wie es sich zugetragen hatte (Akk.Sg. + Konj. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
dharmarājena bhārata
vom Rechtskönig, o Bhārata (Instr.Sg. + Vok.Sg.)
āptaiḥ āśu parijñātam
durch [seine] Vertrauten rasch erkannt (Instr.Pl. + Adv. + Nom.Sg.Part.)
sāntaraṃ hi pratijñātaṃ droṇenāmitrakarśana / tac cāntaram amogheṣau tvayi tena samāhitam
Denn mit Vorbehalt wurde von Droṇa versprochen, o Feindezermalmer; und eben dieser Vorbehalt ist von ihm, o Unfehlbarer im Bogenschießen, auf dich gerichtet.
Wort für Wort
sāntaram hi pratijñātam
denn mit Vorbehalt wurde versprochen (Akk.Sg. + Partikel + Nom.Sg.Part.)
droṇena amitrakarśana
von Droṇa, o Feindezermalmer (Instr.Sg. + Vok.Sg.)
tat ca antaram amogheṣau tvayi
und eben dieser Vorbehalt auf dich, o Unfehlbarer im Bogenschießen (Pron.Akk.Sg. + Konj. + Akk.Sg. + Vok.Sg. + Akk.Sg.)
Selbst wenn ich so, o Pāṇḍava, meine Lebensatem im Kampf aufgeben müsste — vor dem Lehrer würde ich nicht zurückweichen; dich würde ich auf keine Weise verlassen.
Wort für Wort
api evam pāṇḍava
selbst wenn so, o Pāṇḍava (Partikel + Adv. + Vok.Sg.)
prāṇān utsṛjeyam aham yudhi
ich meine Lebensatem im Kampf aufgeben müsste (Akk.Pl. + Opt.1.Sg. + Nom.Sg. + Lok.Sg.)
pratīyām na aham ācāryam
vor dem Lehrer würde ich nicht zurückweichen (Opt.1.Sg. + Neg. + Nom.Sg. + Akk.Sg.)
tvām na jahyām kathaṃ cana
dich würde ich auf keine Weise verlassen (Akk.Sg. + Neg. + Opt.1.Sg. + Adv.)
[Anm.: V.8 bildet eine Einheit. 'pratīyām' ('ich würde zurückweichen/mich zurückziehen') ist im Kontext des Kampf-Gelöbnisses probeweise als 'vor dem Lehrer zurückweichen' gedeutet.]
tvāṃ nigṛhyāhave rājan dhārtarāṣṭro yam icchati / na sa taṃ jīvaloke 'smin kāmaṃ prāptaḥ kathaṃ cana
Den Wunsch, den der Sohn Dhṛtarāṣṭras [Duryodhana] hegt, dich im Kampf zu ergreifen, o König — diesen wird er in dieser Welt der Lebenden auf keine Weise erlangen.
Wort für Wort
tvām nigṛhya āhave rājan
dich im Kampf zu ergreifen, o König (Akk.Sg. + Ger. + Lok.Sg. + Vok.Sg.)
dhārtarāṣṭraḥ yam icchati
den [Wunsch], den der Sohn Dhṛtarāṣṭras hegt (Nom.Sg. + Rel.Akk.Sg. + 3.Sg.)
na sa tam jīvaloke asmin
diesen wird er in dieser Welt der Lebenden nicht (Neg. + Nom.Sg. + Akk.Sg. + Lok.Sg. + Lok.Sg.)
kāmam prāptaḥ kathaṃ cana
den Wunsch erlangen, auf keine Weise (Akk.Sg. + Nom.Sg.Part. + Adv.)
Selbst wenn der Keulenträger [Indra] ihm im Kampf persönlich Beistand leistet, oder [wenn er] mit den Göttern und Daityas vereint ist — er wird dich im Kampf nicht erreichen.
Wort für Wort
yadi tasya raṇe sāhyam
wenn ihm im Kampf Beistand (Kond.Partikel + Gen.Sg. + Lok.Sg. + Akk.Sg.)
kurute vajrabhṛt svayam
leistet der Keulenträger [Indra] persönlich (3.Sg.Med. + Nom.Sg. + Adv.)
devaiḥ vā sahitaḥ daityaiḥ
oder mit den Göttern und Daityas vereint (Instr.Pl. + Konj. + Nom.Sg. + Instr.Pl.)
na tvām prāpsyati asau mṛdhe
wird er dich im Kampf nicht erreichen (Neg. + Akk.Sg. + 3.Sg.Fut. + Pron.Nom.Sg. + Lok.Sg.)
mayi jīvati rājendra na bhayaṃ kartum arhasi / droṇād astrabhṛtāṃ śreṣṭhāt sarvaśastrabhṛtām api
Solange ich lebe, o Fürst der Könige, brauchst du keine Furcht zu hegen — nicht einmal vor Droṇa, dem Besten der Waffenträger, unter allen Waffenträgern.
Wort für Wort
mayi jīvati rājendra
solange ich lebe, o Fürst der Könige (Lok.Sg.Part. + Vok.Sg.)
na bhayam kartum arhasi
brauchst du keine Furcht zu hegen (Neg. + Akk.Sg. + Inf. + 2.Sg.)
droṇāt astrabhṛtām śreṣṭhāt
vor Droṇa, dem Besten der Waffenträger (Abl.Sg. + Gen.Pl. + Abl.Sg.)
sarvaśastrabhṛtām api
unter allen Waffenträgern (Gen.Pl. + Partikel)
[Anm.: V.12 bildet eine Einheit. Der Apparatseinschub *0095_01 nach V.12d ('und noch etwas anderes will ich sagen, o Fürst der Könige — mein Versprechen gilt immerdar') ist eine für das unmittelbar folgende, selbständige Gelöbnis (V.13) entbehrliche Überleitungsformel und wird nicht übernommen.]
na smarāmy anṛtāṃ vācaṃ na smarāmi parājayam / na smarāmi pratiśrutya kiṃ cid apy anapākṛtam
Ich erinnere mich nicht [je] eines unwahren Wortes; ich erinnere mich keiner Niederlage; ich erinnere mich nicht, je etwas Versprochenes unerfüllt gelassen zu haben.“
Wort für Wort
na smarāmi anṛtām vācam
ich erinnere mich nicht eines unwahren Wortes (Neg. + 1.Sg. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
na smarāmi parājayam
ich erinnere mich keiner Niederlage (Neg. + 1.Sg. + Akk.Sg.)
je etwas [als] unerfüllt gelassen (Pron.Akk.Sg. + Partikel + Nom.Sg.Part.)
[Anm.: V.13 bildet eine Einheit; Ende von Arjunas Erwiderung (CQ_CLOSE) — feierliches dreifaches Gelöbnis, das an sein bereits in früheren Kapiteln bewiesenes untadeliges Wort anknüpft.]
tataḥ śaṅkhāś ca bheryaś ca mṛdaṅgāś cānakaiḥ saha / prāvādyanta mahārāja pāṇḍavānāṃ niveśane
Da wurden, o Großkönig, im Lager der Pāṇḍavas Muschelhörner, Kesselpauken und Trommeln, zusammen mit Handpauken, erschallen gelassen.
Wort für Wort
tataḥ śaṅkhāḥ ca bheryaḥ ca
da Muschelhörner und Kesselpauken (Adv. + Nom.Pl. + Konj. + Nom.Pl. + Konj.)
mṛdaṅgāḥ ca ānakaiḥ saha
und Trommeln, zusammen mit Handpauken (Nom.Pl. + Konj. + Instr.Pl. + Postposition)
prāvādyanta mahārāja
wurden erschallen gelassen, o Großkönig (3.Pl.Impf.Pass. + Vok.Sg.)
pāṇḍavānām niveśane
im Lager der Pāṇḍavas (Gen.Pl. + Lok.Sg.)
[Anm.: V.14 bildet eine Einheit; eingeleitet durch die (hier entfallende) Sprecherkennzeichnung 'saṃjaya uvāca' — Saṃjaya kehrt zur Rahmenerzählung zurück.]
Als sie jenen Muschelhorn-Schall des hochgesinnten Pāṇḍava [Arjuna] gehört hatten, ließen auch in deinen Heerscharen [die Krieger] die Instrumente erschallen.
Wort für Wort
tam śrutvā śaṅkhanirghoṣam
jenen Muschelhorn-Schall gehört habend (Akk.Sg. + Ger. + Akk.Sg.)
pāṇḍavasya mahātmanaḥ
des hochgesinnten Pāṇḍava (Gen.Sg. + Gen.Sg.)
tvadīyeṣu api anīkeṣu
auch in deinen Heerscharen (Lok.Pl. + Partikel + Lok.Pl.)
vāditrāṇi abhijaghnire
ließen sie die Instrumente erschallen (Akk.Pl. + 3.Pl.Perf.Med.)
tataḥ pravavṛte yuddhaṃ tumulaṃ lomaharṣaṇam / pāṇḍavānāṃ kurūṇāṃ ca droṇapāñcālyayor api
Da begann ein tumultartiger, haarsträubender Kampf zwischen den Pāṇḍavas und den Kurus, und ebenso zwischen Droṇa und dem Pāñcāla-Prinzen [Dhṛṣṭadyumna].
Wort für Wort
tataḥ pravavṛte yuddham
da begann der Kampf (Adv. + 3.Sg.Perf.Med. + Nom.Sg.)
tumulam lomaharṣaṇam
tumultartig, haarsträubend (Nom.Sg. + Nom.Sg.)
pāṇḍavānām kurūṇām ca
der Pāṇḍavas und der Kurus (Gen.Pl. + Gen.Pl. + Konj.)
droṇapāñcālyayoḥ api
und ebenso zwischen Droṇa und dem Pāñcāla-Prinzen (Gen.Du. + Partikel)
yatamānāḥ prayatnena droṇānīkaviśātane / na śekuḥ sṛñjayā rājaṃs tad dhi droṇena pālitam
Obwohl sie sich mit Anstrengung bemühten, Droṇas Heerschar zu zerschlagen, vermochten es die Sṛñjayas nicht, o König, denn sie wurde von Droṇa [selbst] beschützt.
Wort für Wort
yatamānāḥ prayatnena
sich bemühend mit Anstrengung (Nom.Pl.Part. + Instr.Sg.)
droṇānīkaviśātane
Droṇas Heerschar zu zerschlagen (Lok.Sg.)
na śekuḥ sṛñjayāḥ rājan
vermochten es die Sṛñjayas nicht, o König (Neg. + 3.Pl.Perf. + Nom.Pl. + Vok.Sg.)
tat hi droṇena pālitam
denn sie wurde von Droṇa beschützt (Pron.Nom.Sg. + Partikel + Instr.Sg. + Nom.Sg.Part.)
Ebenso vermochten die auf stattlichen Wagen kämpfenden Krieger deines Sohnes es nicht [zu bezwingen] — das Heer der Pāṇḍavas, beschützt vom Diademträger [Arjuna].
Wort für Wort
tathā eva tava putrasya
ebenso deines Sohnes (Adv. + Partikel + Gen.Sg. + Gen.Sg.)
rathodārāḥ prahāriṇaḥ
die auf stattlichen Wagen kämpfenden Krieger (Nom.Pl. + Nom.Pl.)
na śekuḥ pāṇḍavīm senām
vermochten es nicht — das Heer der Pāṇḍavas (Neg. + 3.Pl.Perf. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
pālyamānām kirīṭinā
beschützt vom Diademträger [Arjuna] (Akk.Sg.Part. + Instr.Sg.)
Und keiner der Pāṇḍava-Krieger vermochte ihn, den im Kampf Erzürnten, o Verehrter, anzuschauen, wie die Dānavas nicht den großen Indra [anzuschauen vermögen].
Wort für Wort
na ca enam pāṇḍaveyānām
und ihn keiner der Pāṇḍava-Krieger (Neg. + Konj. + Akk.Sg. + Gen.Pl.)
kaḥ cit śaknoti māriṣa
vermag, o Verehrter (Nom.Sg. + Partikel + 3.Sg. + Vok.Sg.)
vīkṣitum samare kruddham
im Kampf den Erzürnten anzuschauen (Inf. + Lok.Sg. + Akk.Sg.)
mahendram iva dānavāḥ
wie die Dānavas den großen Indra [nicht anschauen können] (Akk.Sg. + Partikel + Nom.Pl.)
Nachdem er das Heer betäubt hatte, zerschmetterte der glanzvolle Sohn des Bharadvāja [Droṇa] rasch die Streitmacht Dhṛṣṭadyumnas mit scharfgeschliffenen Pfeilen.
Wort für Wort
mohayitvā tataḥ sainyam
das Heer betäubt habend (Ger. + Adv. + Akk.Sg.)
bhāradvājaḥ pratāpavān
der glanzvolle Sohn des Bharadvāja (Nom.Sg. + Nom.Sg.)
dhṛṣṭadyumnabalam tūrṇam
die Streitmacht Dhṛṣṭadyumnas rasch (Akk.Sg. + Adv.)
vyadhaman niśitaiḥ śaraiḥ
zerschmetterte mit scharfgeschliffenen Pfeilen (3.Sg.Impf. + Instr.Pl. + Instr.Pl.)
Nachdem er die Himmelsrichtungen von allen Seiten versperrt und den Luftraum mit geradefliegenden [Pfeilen] überdeckt hatte, zermalmte er das Pāṇḍu-Heer, wo immer der Pāñcāla-Sohn [Dhṛṣṭadyumna war].
Wort für Wort
sa diśaḥ sarvataḥ ruddhvā
er, die Himmelsrichtungen von allen Seiten versperrt habend (Nom.Sg. + Akk.Pl. + Adv. + Ger.)
saṃvṛtya kham ajihmagaiḥ
und den Luftraum mit geradefliegenden [Pfeilen] überdeckt habend (Ger. + Akk.Sg. + Instr.Pl.)
pārṣataḥ yatra tatra eva
wo immer der Pāñcāla-Sohn [war] (Nom.Sg. + Rel.Adv. + Adv. + Partikel)
mamṛde pāṇḍuvāhinīm
zermalmte er das Pāṇḍu-Heer (3.Sg.Perf.Med. + Akk.Sg.)