Kapitel 32: Saubhadravadhavārtā
Der zehnte Tag: Die Nachricht von Abhimanyus Tod
Ein inhaltsreiches Kapitel, das den zehnten Schlachttag mit einer zunächst nur knapp berichteten, erschütternden Nachricht abschließt: Duryodhana, verzweifelt über die anhaltenden Niederlagen und den ungebrochenen Ruhm Arjunas, wirft Droṇa in einer bitteren Rede Untätigkeit vor; Droṇa entgegnet, dass niemand gegen den von Kṛṣṇa beschützten Arjuna bestehen könne, kündigt aber an, eine unbezwingbare Cakra-Vyūha-Formation zu errichten und Arjuna durch die Saṃśaptakas ablenken zu lassen. Während Arjuna erneut gegen die Saṃśaptakas kämpft, durchbricht der junge Abhimanyu auf Yudhiṣṭhiras Geheiß die Formation und vollbringt gewaltige Taten, bevor er, von sechs Kämpfern bedrängt, unter die Gewalt des Sohnes des Duḥśāsana gerät und fällt — hier zunächst nur in äußerst knapper, zusammenfassender Form berichtet. Dhṛtarāṣṭra ist tief erschüttert und verlangt von Saṃjaya den vollständigen Bericht, den dieser für die folgenden Kapitel ankündigt.
pūrvam asmāsu bhagneṣu phalgunenāmitaujasā droṇe ca moghasaṃkalpe rakṣite ca yudhiṣṭhire
Zuvor, als unser [Heer] von Phalguna [Arjuna] unermesslicher Kraft geschlagen worden war, als Droṇas Vorhaben vereitelt und Yudhiṣṭhira [von den Pāṇḍavas] beschützt war —
Wort für Wort
pūrvam asmāsu bhagneṣu
zuvor, als wir geschlagen worden waren (Adv. + Lok.Pl. + Lok.Pl.Ptz.)
phalgunenāmitaujasā
von Phalguna [Arjuna], von unermesslicher Kraft (Instr.Sg. + Instr.Sg.)
droṇe ca moghasaṃkalpe
und als Droṇa, dessen Vorhaben vereitelt war (Lok.Sg. + Konj. + Lok.Sg.)
rakṣite ca yudhiṣṭhire
und als Yudhiṣṭhira beschützt war (Lok.Sg.Ptz. + Konj. + Lok.Sg.)
[Anm.: V.1 bildet eine Einheit und setzt die in Kap.31 endende Schlachtschilderung fort; 'moghasaṃkalpe' bezieht sich auf Droṇas Vorhaben, Yudhiṣṭhira gefangen zu nehmen. Der Satz bleibt offen und wird in V.2 fortgeführt.]
Dann, eine Kampfpause vereinbarend mit Zustimmung des Bhāradvāja [Droṇa], niedergeschlagen, im Kampf heftig verspottet von den Feinden, die [ihr] Ziel erreicht hatten —
Wort für Wort
avahāraṃ tataḥ kṛtvā
dann eine Kampfpause vereinbarend (Akk.Sg. + Adv. + Ger.)
bhāradvājasya saṃmate
mit Zustimmung des Bhāradvāja [Droṇa] (Gen.Sg. + Lok.Sg.)
labdhalakṣyaiḥ parair dīnā
von den Feinden, die ihr Ziel erreicht hatten, niedergeschlagen (Instr.Pl. + Instr.Pl. + Nom.Pl.)
bhṛśāvahasitā raṇe
heftig verspottet, im Kampf (Nom.Pl. + Lok.Sg.)
[Anm.: V.3 bildet eine Einheit. 'Avahāra' bezeichnet eine vereinbarte Kampfunterbrechung.]
ślāghamāneṣu bhūteṣu phalgunasyāmitān guṇān keśavasya ca sauhārde kīrtyamāne 'rjunaṃ prati abhiśastā ivābhūvan dhyānamūkatvam āsthitāḥ
— während alle Wesen Phalgunas [Arjunas] unermessliche Vorzüge priesen und Keśavas [Kṛṣṇas] Freundschaft gegenüber Arjuna gerühmt wurde, wurden sie wie Angeklagte und verfielen in stummes Grübeln.
und während Keśavas Freundschaft gegenüber Arjuna gerühmt wurde (Gen.Sg. + Konj. + Lok.Sg. + Lok.Sg.Ptz. + Akk.Sg. + Postp.)
abhiśastā ivābhūvan dhyānamūkatvam āsthitāḥ
wurden wie Angeklagte und verfielen in stummes Grübeln (Nom.Pl. + Adv. + 3.Pl.Impf. + Akk.Sg. + Nom.Pl.)
[Anm.: V.4 bildet eine Einheit (Pādas a, c, e). Ein vierzeiliger Apparateinschub (*0243_01-03, *0244_01) fügt hinzu: „Kraftlos, niedergeschlagen, ohne Tapferkeit, ohne Tatkraft — jene, deren beste Krieger gefallen waren, verfielen in Gleichgültigkeit; und da 'niemand sei Arjuna an Tapferkeit gleich' immer wieder gepriesen wurde — die Könige und Prinzen, allesamt angeführt von Duryodhana.“]
tataḥ prabhātasamaye droṇaṃ duryodhano 'bravīt praṇayād abhimānāc ca dviṣadvṛddhyā ca durmanāḥ śṛṇvatāṃ sarvabhūtānāṃ saṃrabdho vākyakovidaḥ
Dann, zur Zeit der Morgendämmerung, sprach Duryodhana zu Droṇa — aus Zuneigung, aus Stolz und verstört durch das wachsende Feindesheer, erzürnt, während alle Wesen zuhörten, der Redegewandte:
Wort für Wort
tataḥ prabhātasamaye
dann, zur Zeit der Morgendämmerung (Adv. + Lok.Sg.)
droṇaṃ duryodhano 'bravīt
sprach Duryodhana zu Droṇa (Akk.Sg. + Nom.Sg. + 3.Sg.Impf.)
praṇayād abhimānāc ca
aus Zuneigung und aus Stolz (Abl.Sg. + Abl.Sg. + Konj.)
dviṣadvṛddhyā ca durmanāḥ śṛṇvatāṃ sarvabhūtānāṃ saṃrabdho vākyakovidaḥ
und verstört durch das wachsende Feindesheer, erzürnt, während alle Wesen zuhörten, der Redegewandte (Instr.Sg. + Konj. + Nom.Sg. + Gen.Pl. + Gen.Pl. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
[Anm.: V.5 bildet eine Einheit (Pādas a, c, e). Ein Variantenpāda (*0245_01) bietet dazu: „Da wandte sich König Duryodhana, niedergeschlagen, an Droṇa“; ein weiterer Apparateinschub (*0246_01) ergänzt: „aus Zuneigung [sprach er] harte Worte, an Kṛpa, Karṇa und andere gerichtet.“]
„Gewiss stehen wir, o bester Brahman-Kenner, auf der zum Tode bestimmten Seite — denn du hast heute Yudhiṣṭhira, der in Reichweite war, nicht ergriffen, obwohl er nahe war.
Wort für Wort
nūnaṃ vayaṃ vadhyapakṣe
gewiss wir auf der zum Tode bestimmten Seite (Adv. + Nom.Pl. + Lok.Sg.)
bhavato brahmavittama
o du, bester Brahman-Kenner (Gen.Sg. + Vok.Sg.)
tathā hi nāgrahīḥ prāptaṃ
denn du hast nicht ergriffen den erreichten (Adv. + Partikel + Neg. + 2.Sg.Impf. + Akk.Sg.)
samīpe 'dya yudhiṣṭhiram
heute in der Nähe, Yudhiṣṭhira (Lok.Sg. + Adv. + Akk.Sg.)
[Anm.: V.6 bildet eine Einheit und eröffnet Duryodhanas Vorwurfsrede an Droṇa.]
icchatas te na mucyeta cakṣuḥprāpto raṇe ripuḥ jighṛkṣato rakṣyamāṇaḥ sāmarair api pāṇḍavaiḥ
Wolltest du es, so entkäme dir kein Feind, der im Kampf in dein Blickfeld geraten ist, [dir,] der [ihn] zu fassen begehrt — selbst wenn er von den Pāṇḍavas samt den Göttern beschützt würde.
Wort für Wort
icchatas te na mucyeta
wolltest du, würde nicht entkommen (Gen.Sg.Ptz. + Gen.Sg. + Neg. + 3.Sg.Opt.)
cakṣuḥprāpto raṇe ripuḥ
der ins Blickfeld geratene Feind im Kampf (Nom.Sg.Kompositum + Lok.Sg. + Nom.Sg.)
jighṛkṣato rakṣyamāṇaḥ
dem zu fassen Begehrenden, beschützt (Gen.Sg.Ptz. + Nom.Sg.)
sāmarair api pāṇḍavaiḥ
selbst von den Pāṇḍavas samt den Göttern (Instr.Pl.Kompositum + Partikel + Instr.Pl.)
[Anm.: V.7 bildet eine Einheit und setzt Duryodhanas Vorwurf fort.]
varaṃ dattvā mama prītaḥ paścād vikṛtavān asi āśābhaṅgaṃ na kurvanti bhaktasyāryāḥ kathaṃ cana
Nachdem du mir, erfreut, einen Gunstwunsch gewährt hattest, hast du dich später anders verhalten [dein Wort gebrochen] — die Edlen enttäuschen auf keine Weise die Hoffnung eines Ergebenen.“
Wort für Wort
varaṃ dattvā mama prītaḥ
einen Gunstwunsch gewährt habend, mir erfreut (Akk.Sg. + Ger. + Gen.Sg. + Nom.Sg.)
paścād vikṛtavān asi
später hast du dich anders verhalten (Adv. + Nom.Sg.Ptz. + 2.Sg.Präs.)
āśābhaṅgaṃ na kurvanti
die Hoffnung-Enttäuschung machen nicht (Akk.Sg. + Neg. + 3.Pl.Präs.)
bhaktasyāryāḥ kathaṃ cana
eines Ergebenen, die Edlen, auf keine Weise (Gen.Sg. + Nom.Pl. + Adv.)
[Anm.: V.8 bildet eine Einheit und beschließt Duryodhanas Vorwurfsrede.]
tato 'prītas tathoktaḥ sa bhāradvājo 'bravīn nṛpam nārhase mānyathā jñātuṃ ghaṭamānaṃ tava priye
Da sprach der so angesprochene, unzufriedene Bhāradvāja [Droṇa] zum König: „Du solltest mich nicht anders auffassen, [mich,] der sich bemüht um das, was dir lieb ist.
Wort für Wort
tato 'prītas tathoktaḥ
da, unzufrieden, so angesprochen (Adv. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
sa bhāradvājo 'bravīn nṛpam
sprach der Bhāradvāja [Droṇa] zum König (Nom.Sg. + 3.Sg.Impf. + Akk.Sg.)
nārhase mānyathā jñātuṃ
du solltest mich nicht anders auffassen (Neg. + 2.Sg.Präs. + Akk.Sg. + Adv. + Inf.)
ghaṭamānaṃ tava priye
der sich bemüht um das, was dir lieb ist (Akk.Sg. + Gen.Sg. + Lok.Sg.)
[Anm.: V.9 bildet eine Einheit und leitet Droṇas Erwiderung ein.]
Nicht vermögen die Welten, samt Göttern, Asuras und Gandharvas, samt Yakṣas, Schlangenwesen und Rākṣasas, im Kampf den zu besiegen, der vom Diademträger [Arjuna] beschützt wird.
Wort für Wort
sasurāsuragandharvāḥ
samt Göttern, Asuras, Gandharvas (Nom.Pl.Kompositum)
sayakṣoragarākṣasāḥ
samt Yakṣas, Schlangenwesen, Rākṣasas (Nom.Pl.Kompositum)
nālaṃ lokā raṇe jetuṃ
nicht vermögen die Welten im Kampf zu besiegen (Neg.+Adv. + Nom.Pl. + Lok.Sg. + Inf.)
pālyamānaṃ kirīṭinā
den vom Diademträger [Arjuna] Beschützten (Akk.Sg. + Instr.Sg.)
taṃ ca vyūhaṃ vidhāsyāmi yo 'bhedyas tridaśair api yogena kena cid rājann arjunas tv apanīyatām
Und ich werde jene Formation errichten, die selbst von den dreißig [Göttern] unzerbrechlich ist; durch irgendein Mittel, o König, möge Arjuna [derweil] weggelockt werden.
Wort für Wort
taṃ ca vyūhaṃ vidhāsyāmi
und jene Formation werde ich errichten (Akk.Sg. + Konj. + Akk.Sg. + 1.Sg.Fut.)
yo 'bhedyas tridaśair api
die selbst von den dreißig [Göttern] unzerbrechlich ist (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Instr.Pl. + Partikel)
yogena kena cid rājann
durch irgendein Mittel, o König (Instr.Sg. + Instr.Sg. + Vok.Sg.)
arjunas tv apanīyatām
möge Arjuna weggelockt werden (Nom.Sg. + Konj. + 3.Sg.Imp.Pass.)
[Anm.: V.13 bildet eine Einheit und kündigt die Cakra-Vyūha-Formation an.]
na hy ajñātam asādhyaṃ vā tasya saṃkhye 'sti kiṃ cana tena hy upāttaṃ balavat sarvajñānam itas tataḥ
Denn für ihn [Arjuna] gibt es im Kampf nichts, was unbekannt oder unerreichbar wäre; denn von ihm ist von überallher mächtiges Wissen über alles erworben worden.“
Wort für Wort
na hy ajñātam asādhyaṃ vā
denn nichts Unbekanntes oder Unerreichbares (Neg. + Partikel + Nom.Sg. + Nom.Sg. + Konj.)
tasya saṃkhye 'sti kiṃ cana
gibt es für ihn im Kampf irgendetwas (Gen.Sg. + Lok.Sg. + 3.Sg.Präs. + Pron.)
tena hy upāttaṃ balavat
denn von ihm ist erworben, mächtig (Instr.Sg. + Partikel + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
sarvajñānam itas tataḥ
Wissen über alles, von überallher (Nom.Sg.Kompositum + Adv. + Adv.)
[Anm.: V.14 bildet eine Einheit und beschließt Droṇas Erwiderung.]
Und Abhimanyu, auf das Wort des ältesten [Bruders] seines Vaters [Yudhiṣṭhira] hin, o Bhārata [Dhṛtarāṣṭra], durchbrach im Kampf die schwer zu durchbrechende Rad-Formation [Cakravyūha] auf vielfache Weise.
Wort für Wort
taṃ cābhimanyur vacanāt
und Abhimanyu, auf das Wort hin (Akk.Sg. + Konj. + Nom.Sg. + Abl.Sg.)
pitur jyeṣṭhasya bhārata
des ältesten [Bruders] seines Vaters, o Bhārata (Gen.Sg. + Gen.Sg. + Vok.Sg.)
bibheda durbhidaṃ saṃkhye
durchbrach die schwer zu durchbrechende im Kampf (3.Sg.Perf. + Akk.Sg. + Lok.Sg.)
cakravyūham anekadhā
die Rad-Formation, auf vielfache Weise (Akk.Sg. + Adv.)
[Anm.: V.18 bildet eine Einheit und markiert den Beginn von Abhimanyus berühmtem Einbruch in die Cakra-Vyūha-Formation. 'Pitur jyeṣṭhasya' ('des ältesten [Bruders] seines Vaters') bezieht sich auf Yudhiṣṭhira, den ältesten Onkel Abhimanyus, auf dessen Geheiß er handelt.]
Er, nachdem er eine schwer zu vollbringende Tat vollbracht und Helden zu Tausenden erschlagen hatte, von sechs Helden bedrängt, geriet in die Gewalt des Sohnes des Duḥśāsana.
Wort für Wort
sa kṛtvā duṣkaraṃ karma
er, eine schwer zu vollbringende Tat vollbracht habend (Nom.Sg. + Ger. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
hatvā vīrān sahasraśaḥ
Helden zu Tausenden erschlagen habend (Ger. + Akk.Pl. + Adv.)
ṣaṭsu vīreṣu saṃsakto
von sechs Helden bedrängt (Lok.Pl. + Lok.Pl. + Nom.Sg.)
dauḥśāsanivaśaṃ gataḥ
geriet in die Gewalt des Sohnes des Duḥśāsana (Akk.Sg.Kompositum + Nom.Sg.)
[Anm.: V.19 bildet eine Einheit (Pādas a+c) und berichtet in äußerst knapper, zusammenfassender Form den Tod Abhimanyus — eine im Vergleich zur bekannten, ausführlichen Vulgata-Fassung stark verdichtete Darstellung; die vollständige Erzählung verspricht Saṃjaya erst in V.25f. Drei Apparateinschübe ergänzen wesentliche Einzelheiten: (*0247_01-02, zu Pāda b) „nachdem er hundert Prinzen erschlagen hatte, und den mächtigen Kausalya namens Bṛhadbala, den Großwagenkämpfer, den Sohn des Śalya, und Lakṣmaṇa, deinen Liebling“; (*0248_01, zu Pāda d) „erschlagen wurde der Tiger unter den Männern, der Sohn des Gāṇḍīva-Trägers [Arjuna]“; (*0249_01, zu Pāda d) „Saubhadra [Abhimanyu], o Hüter der Erde, gab sein Leben auf, o Bezwinger der Feinde.“ Diese Apparatzeilen bestätigen und ergänzen ausdrücklich Abhimanyus Tod, der im nicht-apparatischen Haupttext nur indirekt ('geriet in die Gewalt') angedeutet wird.]
Wir waren höchst erfreut, die Pāṇḍavas von Kummer ausgezehrt; als Saubhadra [Abhimanyu] erschlagen war, o König, vereinbarten [beide Seiten] eine Kampfpause.
Wort für Wort
vayaṃ paramasaṃhṛṣṭāḥ
wir, höchst erfreut (Nom.Pl. + Nom.Pl.)
pāṇḍavāḥ śokakarśitāḥ
die Pāṇḍavas, von Kummer ausgezehrt (Nom.Pl. + Nom.Pl.)
saubhadre nihate rājann
als Saubhadra erschlagen war, o König (Lok.Sg. + Lok.Sg. + Vok.Sg.)
avahāram akurvata
vereinbarten eine Kampfpause (Akk.Sg. + 3.Pl.Impf.)
[Anm.: V.20 bildet eine Einheit und beschließt Saṃjayas knappen ersten Bericht.]
putraṃ puruṣasiṃhasya saṃjayāprāptayauvanam raṇe vinihataṃ śrutvā bhṛśaṃ me dīryate manaḥ
Als ich hörte, dass der Sohn des Löwen unter den Männern [Arjuna], o Saṃjaya, noch nicht zur Jugendreife gelangt, im Kampf erschlagen wurde, zerreißt sich mir heftig das Herz.
Wort für Wort
putraṃ puruṣasiṃhasya
den Sohn des Löwen unter den Männern [Arjuna] (Akk.Sg. + Gen.Sg.)
saṃjayāprāptayauvanam
o Saṃjaya, noch nicht zur Jugendreife gelangt (Vok.Sg. + Akk.Sg.)
raṇe vinihataṃ śrutvā
als ich hörte, im Kampf erschlagen (Lok.Sg. + Akk.Sg. + Ger.)
bhṛśaṃ me dīryate manaḥ
heftig zerreißt sich mir das Herz (Adv. + Gen.Sg. + 3.Sg.Präs.Pass. + Nom.Sg.)
[Anm.: V.21 bildet eine Einheit und eröffnet Dhṛtarāṣṭras Klage. Dhṛtarāṣṭras Rede an Saṃjaya innerhalb der Rahmenerzählung erhält, wie durchgängig in dieser Ausgabe, keine Anführungszeichen-Markierung.]
Grausam ist diese Kṣatriya-Pflicht, wie sie von den Verfassern des Dharma festgelegt wurde, in der Helden, nach dem Königreich begehrend, die Waffe auf ein Kind fallen ließen.
Wort für Wort
dāruṇaḥ kṣatradharmo 'yaṃ
grausam ist diese Kṣatriya-Pflicht (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
vihito dharmakartṛbhiḥ
festgelegt von den Verfassern des Dharma (Nom.Sg. + Instr.Pl.)
yatra rājyepsavaḥ śūrā
in der die nach dem Königreich begehrenden Helden (Adv. + Nom.Pl. + Nom.Pl.)
bāle śastram apātayan
auf ein Kind die Waffe fallen ließen (Lok.Sg. + Akk.Sg. + 3.Pl.Impf.)
[Anm.: V.22 bildet eine Einheit und setzt Dhṛtarāṣṭras Klage fort.]
Den Knaben, an höchstes Glück gewöhnt, furchtlos umherwandelnd, erschlugen viele Waffenkundige — sag mir, Sohn des Gavalgaṇa [Saṃjaya], wie [das geschah].
Wort für Wort
bālam atyantasukhinaṃ
den Knaben, an höchstes Glück gewöhnt (Akk.Sg. + Akk.Sg.)
vicarantam abhītavat
furchtlos umherwandelnd (Akk.Sg.Ptz. + Adv.)
kṛtāstrā bahavo jaghnur
viele Waffenkundige erschlugen (Nom.Pl. + Nom.Pl. + 3.Pl.Perf.)
brūhi gāvalgaṇe katham
sag mir, Sohn des Gavalgaṇa, wie (Imp. + Vok.Sg. + Adv.)
[Anm.: V.23 bildet eine Einheit und mündet in Dhṛtarāṣṭras direkte Forderung nach dem vollständigen Bericht.]
bibhitsatā rathānīkaṃ saubhadreṇāmitaujasā vikrīḍitaṃ yathā saṃkhye tan mamācakṣva saṃjaya
Wie das heldenhafte Wirken Saubhadras [Abhimanyus] von unermesslicher Kraft, der die Wagentruppe zu durchbrechen begehrte, im Kampf vor sich ging — das erzähle mir, Saṃjaya.
Wort für Wort
bibhitsatā rathānīkaṃ
der die Wagentruppe zu durchbrechen begehrte (Instr.Sg.Ptz. + Akk.Sg.)
saubhadreṇāmitaujasā
Saubhadras, von unermesslicher Kraft (Instr.Sg. + Instr.Sg.)
vikrīḍitaṃ yathā saṃkhye
wie das Wirken im Kampf vor sich ging (Nom.Sg. + Adv. + Lok.Sg.)
tan mamācakṣva saṃjaya
das erzähle mir, Saṃjaya (Akk.Sg. + Imp. + Vok.Sg.)
[Anm.: V.24 bildet eine Einheit und beschließt Dhṛtarāṣṭras Forderung.]
yan māṃ pṛcchasi rājendra saubhadrasya nipātanam tat te kārtsnyena vakṣyāmi śṛṇu rājan samāhitaḥ vikrīḍitaṃ kumāreṇa yathānīkaṃ bibhitsatā
Saṃjaya sprach: Was du mich fragst, o Herrscher der Könige, nach Saubhadras [Abhimanyus] Fall — das werde ich dir vollständig erzählen; höre, o König, aufmerksam zu — wie der Jüngling wirkte, der die Wagentruppe zu durchbrechen begehrte,
Wort für Wort
yan māṃ pṛcchasi rājendra
was du mich fragst, o Herrscher der Könige (Akk.Sg. + Akk.Sg. + 2.Sg.Präs. + Vok.Sg.)
saubhadrasya nipātanam
nach Saubhadras Fall (Gen.Sg. + Akk.Sg.)
tat te kārtsnyena vakṣyāmi
das werde ich dir vollständig erzählen (Akk.Sg. + Dat.Sg. + Instr.Sg. + 1.Sg.Fut.)
höre, o König, aufmerksam, wie der Jüngling wirkte, der die Truppe zu durchbrechen begehrte (Imp. + Vok.Sg. + Nom.Sg. + Akk.Sg. + Instr.Sg. + Adv. + Akk.Sg. + Instr.Sg.Ptz.)
[Anm.: V.25 bildet eine Einheit (Pādas a, c, e) und leitet Saṃjayas ausführlichen Bericht ein, der in den folgenden Kapiteln entfaltet wird. Ein Apparatpāda (*0250_01) fügt hinzu: „und wie die Helden verwundet wurden, und wie sie selbst inmitten der Niederlage schwer zu bezwingen waren.“]
— wie bei Waldbewohnern, die in einem [Wald] mit reichen Sträuchern, Gräsern und Bäumen von einem Waldbrand umringt sind, so war die Furcht unter deinen [Leuten].
Wort für Wort
dāvāgnyabhiparītānāṃ
von einem Waldbrand umringt (Gen.Pl.Kompositum)
bhūrigulmatṛṇadrume
mit reichen Sträuchern, Gräsern, Bäumen (Lok.Sg.Kompositum)
vanaukasām ivāraṇye
wie bei Waldbewohnern im Wald (Gen.Pl. + Adv. + Lok.Sg.)
tvadīyānām abhūd bhayam
unter deinen [Leuten] war Furcht (Gen.Pl. + 3.Sg.Impf. + Nom.Sg.)
[Anm.: V.26 bildet eine Einheit und beschließt das Kapitel mit einem Gleichnis, das die Furcht der Kauravas vor Abhimanyus Ansturm veranschaulicht.]