Kapitel 28: Bhagadattavadha
Der zehnte Tag: Der Tod Bhagadattas
Saṃjaya berichtet den Höhepunkt des Bhagadatta-Duells: Der König von Prāgjyotiṣa bedrängt Kṛṣṇa und Arjuna mit unablässigem Pfeilregen, wird aber von Arjuna zunächst fast spielerisch zurückgeschlagen. Als Bhagadatta schließlich die todbringende Vaiṣṇava-Waffe gegen Arjuna schleudert, tritt Kṛṣṇa dazwischen und empfängt sie selbst mit der Brust — auf seiner Brust verwandelt sie sich in die Blumengirlande Vaijayantī. Arjuna wirft Kṛṣṇa vor, sein Gelübde der Nicht-Kampfteilnahme gebrochen zu haben; Kṛṣṇa erwidert mit dem Geheimnis seiner vierfachen Erscheinungsform und der Vorgeschichte der Waffe: Sie war einst der Erdgöttin für ihren Sohn Naraka verheißen worden, den Kṛṣṇa selbst dereinst tötete, und gelangte von dort an Bhagadatta; nur Kṛṣṇa könne diesen Schutz aufheben — was er soeben getan habe. Kṛṣṇa fordert Arjuna auf, Bhagadatta nun zu töten. Arjuna zerschlägt Bhagadattas Elefanten Supratīka, der unter ihm zusammenbricht; auf Kṛṣṇas Hinweis durchtrennt Arjuna das Stirnband, das dem hochbetagten Bhagadatta die vor Alter herabgesunkenen Lider offenhielt, sodass dieser erblindet — und durchbohrt ihn mit einem halbmondförmigen Pfeil tödlich ins Herz.
dhṛtarāṣṭra uvāca tathā kruddhaḥ kim akarod bhagadattasya pāṇḍavaḥ prāgjyotiṣo vā pārthasya tan me śaṃsa yathātatham
Dhṛtarāṣṭra sprach: Was tat, so erzürnt, der Pāṇḍava [Arjuna] dem Bhagadatta, oder der [König von] Prāgjyotiṣa dem Pārtha? Das berichte mir wahrheitsgemäß.
Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca
Dhṛtarāṣṭra sprach (Nom. + 3.Sg.Perf. vac-)
tathā kruddhaḥ kim akarod
was tat, so erzürnt (Adv. + Nom.Sg. + Nom.Sg. + 3.Sg.Impf.)
bhagadattasya pāṇḍavaḥ
der Pāṇḍava dem Bhagadatta (Gen.Sg. + Nom.Sg.)
prāgjyotiṣo vā pārthasya
oder der Prāgjyotiṣa dem Pārtha (Nom.Sg. + Konj. + Gen.Sg.)
tan me śaṃsa yathātatham
das berichte mir wahrheitsgemäß (Akk.Sg. + Gen.Sg. + 2.Sg.Imp. + Adv.)
[Anm.: V.1 bildet eine Einheit; Dhṛtarāṣṭras Rede erhält, wie durchgängig, keine Anführungszeichen-Markierung.]
Saṃjaya sprach: Mit dem [König von] Prāgjyotiṣa im Kampf verstrickt, hielten alle Wesen die beiden, den Dāśārha [Kṛṣṇa] und den Pāṇḍava [Arjuna], für dem Tode nahegekommen.
Wort für Wort
prāgjyotiṣeṇa saṃsaktāv
mit dem Prāgjyotiṣa verstrickt (Instr.Sg. + Nom.Du.Part.)
ubhau dāśārhapāṇḍavau
die beiden, Dāśārha und Pāṇḍava (Nom.Du. + Nom.Du.)
mṛtyor ivāntikaṃ prāptau
wie dem Tode nahegekommen (Gen.Sg. + Partikel + Akk.Sg. + Nom.Du.Part.)
tathā hi śaravarṣāṇi pātayaty aniśaṃ prabho bhagadatto gajaskandhāt kṛṣṇayoḥ syandanasthayoḥ
Denn unablässig ließ Bhagadatta, vom Rücken seines Elefanten herab, Pfeilregen auf die beiden Kṛṣṇas [Kṛṣṇa und Arjuna], die im Wagen standen, niedergehen, o Herr.
Wort für Wort
tathā hi śaravarṣāṇi
denn unablässig Pfeilregen (Adv. + Partikel + Akk.Pl.)
pātayaty aniśaṃ prabho
ließ er niedergehen unablässig, o Herr (3.Sg.Präs.Kaus. + Adv. + Vok.Sg.)
bhagadatto gajaskandhāt
Bhagadatta vom Elefantenrücken (Nom.Sg. + Abl.Sg.)
kṛṣṇayoḥ syandanasthayoḥ
auf die beiden Kṛṣṇas, die im Wagen standen (Gen.Du. + Gen.Du.Part.)
[Anm.: V.3 bildet eine Einheit. „kṛṣṇayoḥ“ ('der beiden Kṛṣṇas') ist die im Epos gängige gemeinsame Bezeichnung für Kṛṣṇa und Arjuna.]
und den Köcher zerstörend (Akk.Sg. + Ger. + Konj.)
lāḍayann iva rājānaṃ
wie mit dem König spielend (Nom.Sg.Part. + Partikel + Akk.Sg.)
bhagadattam ayodhayat
kämpfte er gegen Bhagadatta (Akk.Sg. + 3.Sg.Impf.)
[Anm.: V.6 bildet eine Einheit; „lāḍayann iva“ ('wie liebkosend/spielend') deutet an, dass Arjuna zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit voller Kraft kämpft.]
tato nāgasya tad varma vyadhamat pākaśāsaniḥ śarajālena sa babhau vyabhraḥ parvatarāḍ iva
Dann zerstörte der Sohn des Pākaśāsana [Indra, Arjuna] jenen Panzer des Elefanten; mit einem Pfeilnetz [bedeckt] erschien er wie ein wolkenloser Bergkönig.
Wort für Wort
tato nāgasya tad varma
dann jenen Panzer des Elefanten (Adv. + Gen.Sg. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
vyadhamat pākaśāsaniḥ
zerstörte der Sohn des Pākaśāsana (3.Sg.Impf. + Nom.Sg.)
śarajālena sa babhau
mit einem Pfeilnetz erschien er (Instr.Sg. + Nom.Sg. + 3.Sg.Perf.)
vyabhraḥ parvatarāḍ iva
wie ein wolkenloser Bergkönig (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Partikel)
[Anm.: V.8 bildet eine Einheit. Im Anschluss ein fragmentarischer, im Quelltext teils unleserlicher dreizeiliger Apparatseinschub (*0210_01-03), der sinngemäß schildert, wie [der Panzer] zu Boden fiel und der Elefant, seines Panzers beraubt und schwer von Pfeilen versehrt, am Kopf [gezeichnet] erschien — wegen der Textlücken nicht im Wortlaut übersetzt.]
Dann, nachdem er des Königs Schirm und Banner mit Pfeilen zerschnitten hatte, durchbohrte Arjuna, lächelnd, den Herrn der Berge [Bhagadatta] rasch mit zehn [weiteren Pfeilen].
Wort für Wort
tataś chatraṃ dhvajaṃ caiva
dann Schirm und Banner (Adv. + Akk.Sg. + Akk.Sg. + Konj.)
chittvā rājño 'rjunaḥ śaraiḥ
zerschneidend, des Königs, Arjuna mit Pfeilen (Ger. + Gen.Sg. + Nom.Sg. + Instr.Pl.)
vivyādha daśabhis tūrṇam
durchbohrte er rasch mit zehn (3.Sg.Perf. + Num.Instr. + Adv.)
utsmayan parvatādhipam
lächelnd, den Herrn der Berge (Nom.Sg.Part. + Akk.Sg.)
[Anm.: V.10 bildet eine Einheit; „parvatādhipa“ ('Herr der Berge') ist ein Epitheton Bhagadattas als Herrscher des bergigen Prāgjyotiṣa.]
so 'tividdho 'rjunaśaraiḥ supuṅkhaiḥ kaṅkapatribhiḥ bhagadattas tataḥ kruddhaḥ pāṇḍavasya mahātmanaḥ vyasṛjat tomarān mūrdhni śvetāśvasyonnanāda ca tair arjunasya samare kirīṭaṃ parivartitam
Er, Bhagadatta, von Arjunas wohlbefiederten Pfeilen mit Reiherfedern schwer verwundet, darüber erzürnt über den großmütigen Pāṇḍava, schleuderte Lanzen auf das Haupt des Weißrossigen [Arjuna] und brüllte laut auf; durch sie wurde Arjunas Diadem im Kampf verschoben.
Wort für Wort
so 'tividdho 'rjunaśaraiḥ
er, schwer verwundet von Arjunas Pfeilen (Nom.Sg. + Nom.Sg.Part. + Instr.Pl.)
supuṅkhaiḥ kaṅkapatribhiḥ
wohlbefiedert, mit Reiherfedern (Instr.Pl. + Instr.Pl.)
parivṛttaṃ kirīṭaṃ taṃ yamayann eva phalgunaḥ sudṛṣṭaḥ kriyatāṃ loka iti rājānam abravīt
Noch während er das verschobene Diadem richtete, sprach Phalguna [Arjuna] zum König: „Sieh dir die Welt gut an!“
Wort für Wort
parivṛttaṃ kirīṭaṃ taṃ
das verschobene Diadem, jenes (Akk.Sg. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
yamayann eva phalgunaḥ
noch während er es richtete, Phalguna (Nom.Sg.Part. + Partikel + Nom.Sg.)
sudṛṣṭaḥ kriyatāṃ loka
gut gesehen werde die Welt (Nom.Sg. + 3.Sg.Pass.Imp. + Nom.Sg.)
iti rājānam abravīt
so sprach er zum König (Partikel + Akk.Sg. + 3.Sg.Impf.)
[Anm.: V.13 bildet eine Einheit; Arjunas kurzer, höhnischer Zuruf ist eine eigenständige wörtliche Rede und erhält eine CQ-Markierung. Die Redewendung 'die Welt gut ansehen' ist eine idiomatische Anspielung auf den nahenden Tod des Angeredeten.]
So angesprochen, heftig erzürnt, überschüttete er, seinen leuchtenden Bogen ergreifend, den Pāṇḍava [Arjuna] samt Govinda [Kṛṣṇa] mit einem Pfeilregen.
mit einem Pfeilregen den Pāṇḍava (Instr.Sg. + Akk.Sg.)
abhyavarṣat sagovindaṃ
überschüttete er, samt Govinda (3.Sg.Impf. + Akk.Sg.)
dhanur ādāya bhāsvaram
den leuchtenden Bogen ergreifend (Akk.Sg. + Ger. + Akk.Sg.)
[Anm.: V.14 bildet eine Einheit. Im Anschluss ein zweizeiliger Apparatseinschub (*0211_01-02): „Von Bhagadattas eisernen Pfeilen getroffen, o Bhārata, gerieten die beiden [Kṛṣṇa und Arjuna] dennoch nicht in Verwirrung, noch wurden die beiden Unfehlbaren erschüttert.“ — nicht übersetzt, bekräftigt nur V.14.]
Pārtha, nachdem er dessen Bogen zerschnitten und seine Köcher vernichtet hatte, traf ihn eilends mit zweiundsiebzig [Pfeilen] an allen Verwundbarkeitspunkten.
Getroffen, dennoch unerschüttert, die Vaiṣṇava-Waffe hervorrufend, seinen Elefantenstachel [damit] besprechend, schleuderte er ihn erzürnt auf die Brust des Pāṇḍava.
die Vaiṣṇava-Waffe hervorrufend (Akk.Sg. + Nom.Sg.Part.)
abhimantryāṅkuśaṃ kruddho
den Elefantenstachel besprechend, erzürnt (Ger. + Akk.Sg. + Nom.Sg.)
vyasṛjat pāṇḍavorasi
schleuderte er auf die Brust des Pāṇḍava (3.Sg.Impf. + Lok.Sg.)
[Anm.: V.16 bildet eine Einheit. Im Anschluss ein zweizeiliger Apparatseinschub (*0212_01-02), der vorwegnimmt, was V.17 im Haupttext ausführt: „Als der mächtige Vāsudeva [Kṛṣṇa] jene erhobene Waffe sah, stellte sich der kraftvolle Arjuna hinter ihn, und er [Kṛṣṇa] fing sie selbst auf.“ — nicht übersetzt, da inhaltlich redundant mit V.17.]
[Anm.: V.17 bildet eine Einheit und bildet den dramatischen Wendepunkt des Kapitels: Kṛṣṇa schützt Arjuna, indem er die todbringende Vaiṣṇava-Waffe selbst auf seiner Brust empfängt.]
vaijayanty abhavan mālā tad astraṃ keśavorasi tato 'rjunaḥ klāntamanāḥ keśavaṃ pratyabhāṣata
Jene Waffe wurde auf Keśavas Brust zur Girlande Vaijayantī. Da sprach Arjuna, seines Geistes erschüttert, zu Keśava:
Wort für Wort
vaijayanty abhavan mālā
wurde zur Girlande Vaijayantī (Nom.Sg. + 3.Sg.Impf. + Nom.Sg.)
tad astraṃ keśavorasi
jene Waffe, auf Keśavas Brust (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Lok.Sg.)
tato 'rjunaḥ klāntamanāḥ
da Arjuna, seines Geistes erschüttert (Adv. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
keśavaṃ pratyabhāṣata
sprach zu Keśava (Akk.Sg. + 3.Sg.Impf.)
[Anm.: V.18 bildet eine Einheit; die Waffe verwandelt sich auf Kṛṣṇas Brust in dessen bekannte Blumengirlande, da er als Viṣṇu von der eigenen Vaiṣṇava-Waffe nicht verletzt werden kann. Im Anschluss ein sechszeiliger, poetisch ausgestalteter Apparatseinschub (*0213_01-06), der die Girlande beschreibt: „Bunt mit Lotusknospen, erfüllt mit Blüten aller Jahreszeiten, reich an den Farben von Flamme, Sonne und Mond, erglänzend mit Sternen und Feuer — mit ihr, der lotusgeschmückten, im Wind bebenden, wallenden [Girlande] erstrahlt Śauri [Kṛṣṇa], dem Flachsblütenblau gleichend, der Töter des Keśin, der Träger des Śārṅga-Bogens, der Feindezermalmer, noch überaus mehr — wie der beste der Berge, von Abendwolken umhüllt zur Regenzeit.“ — nicht als eigene Einheit übersetzt.]
„‚Nicht selbst kämpfend, bin ich nur der Lenker der Rosse‘, o Janārdana — so hast du gesprochen, o Lotusäugiger; [doch nun] hältst du dein eigenes Gelübde nicht.
Wort für Wort
ayudhyamānas turagān
nicht kämpfend, die Rosse (Nom.Sg.Part. + Akk.Pl.)
saṃyantāsmi janārdana
bin ich der Lenker, o Janārdana (Nom.Sg. + 1.Sg.Präs. + Vok.Sg.)
ity uktvā puṇḍarīkākṣa
so gesprochen habend, o Lotusäugiger (Partikel + Ger. + Vok.Sg.)
pratijñāṃ svāṃ na rakṣasi
dein eigenes Gelübde hältst du nicht (Akk.Sg. + Akk.Sg. + Neg. + 2.Sg.Präs.)
[Anm.: V.19 bildet eine Einheit; hier beginnt Arjunas vorwurfsvolle Rede an Kṛṣṇa, der sich über V.20-21 fortsetzt. Arjuna zitiert Kṛṣṇas früheres Versprechen, im Krieg selbst nicht zu kämpfen, sondern nur den Wagen zu lenken; dieses eingebettete Zitat erhält, wie an anderer Stelle in diesem Kapitel, eine eigene SQ-Markierung. Im Anschluss ein zweizeiliger Apparatseinschub (*0214_01-02), inhaltlich Fortsetzung von Arjunas Frage: „Dieses Geschoss, [seinen Lauf] gestoppt habend, zu mir gekommen, o Sohn der Devakī — warum, Tiger unter den Männern, hast du es selbst aufgefangen?“ — nicht als eigene Einheit übersetzt.]
yady ahaṃ vyasanī vā syām aśakto vā nivāraṇe tatas tvayaivaṃ kāryaṃ syān na tu kāryaṃ mayi sthite
Wäre ich in Bedrängnis, oder unfähig, [die Waffe] abzuwehren, dann wäre solches Handeln deinerseits gerechtfertigt — nicht aber, solange ich [selbst dazu fähig] dastehe.
Wort für Wort
yady ahaṃ vyasanī vā syām
wäre ich in Bedrängnis, oder (Konj. + Nom.Sg. + Nom.Sg. + Konj. + 1.Sg.Opt.)
aśakto vā nivāraṇe
unfähig zur Abwehr (Nom.Sg. + Konj. + Lok.Sg.)
tatas tvayaivaṃ kāryaṃ syān
dann wäre solches Handeln von dir (Adv. + Instr.Sg. + Adv. + Nom.Sg. + 3.Sg.Opt.)
na tu kāryaṃ mayi sthite
aber nicht, solange ich dastehe (Neg. + Konj. + Nom.Sg. + Lok.Sg. + Lok.Sg.Part.)
[Anm.: V.20 bildet eine Einheit, Fortsetzung von Arjunas Rede.]
wie es sich einst zugetragen hat, o Makelloser (Adv. + Nom.Sg. + Adv. + Vok.Sg.)
[Anm.: V.22 bildet eine Einheit; hier beginnt Kṛṣṇas lange Antwortrede, die sich bis V.35 fortsetzt. Im Anschluss folgen zwei sechszeilige Apparatseinschübe (*0215_01-06, *0216_01-06 — letzterer mit einer vermutlich fehlerhaft eingefügten Sprecherangabe 'saṃjaya uvāca' inmitten des Textflusses, hier als Textstörung behandelt und nicht als tatsächlicher Sprecherwechsel gewertet), die den für das Verständnis zentralen Hintergrund liefern, bevor der Haupttext in V.23 mit Kṛṣṇas Lehre von seiner Vierfachgestalt fortfährt: „Diese Göttin Dharā [Erde], die Trägerin der Welt, die alle Wesen trägt — von Verlangen erfüllt, näherte sie sich Nārāyaṇa, dem Schöpfer der Welten. Er, nachdem er sich mit ihr vereint hatte, gewährte ihr erfreut einen Wunsch. Sie erbat sich einen Viṣṇu gleichenden Sohn und die Vaiṣṇava-Waffe. Und ihr wurde ein Sohn geboren, unter dem Namen Naraka berühmt; und die Vaiṣṇava-Waffe gab ihm Nārāyaṇa selbst. Dies war also Narakas Waffe, die alle Feinde vernichtet; von ihm gelangte sie zu [Bhagadatta von] Prāgjyotiṣa, eine Waffe, die jede andere Waffe zunichtemacht. Niemand außer mir, Arjuna, vermag ihn in dieser Welt zu töten. Darum habe ich dies [die Aufnahme des Geschosses] getan — lass deinen Sinn nicht anders darüber urteilen.“ Und der Dāśārha [Kṛṣṇa], ihn besänftigend, sprach eilends zum Pāṇḍava: „Töte rasch [den König von] Prāgjyotiṣa, und höre den Rest meiner Worte.“ — nicht als eigene Einheit übersetzt.]
devānām asurāṇāṃ ca avadhyas tanayo 'stu me upeto vaiṣṇavāstreṇa tan me tvaṃ dātum arhasi
‚Unschlagbar für Götter und Asuras sei mein Sohn, ausgestattet mit der Vaiṣṇava-Waffe — das sollst du mir gewähren.‘
Wort für Wort
devānām asurāṇāṃ ca
der Götter und der Asuras (Gen.Pl. + Gen.Pl. + Konj.)
avadhyas tanayo 'stu me
unschlagbar sei mein Sohn (Nom.Sg. + Nom.Sg. + 3.Sg.Imp. + Gen.Sg.)
upeto vaiṣṇavāstreṇa
ausgestattet mit der Vaiṣṇava-Waffe (Nom.Sg. + Instr.Sg.)
tan me tvaṃ dātum arhasi
das sollst du mir gewähren (Akk.Sg. + Gen.Sg. + Nom.Sg. + Inf. + 2.Sg.Präs.)
[Anm.: V.28 bildet eine Einheit; hier zitiert Kṛṣṇa innerhalb seiner eigenen Rede wörtlich die Bitte der Erdgöttin — ein in diese Rede eingebettetes Zitat, das eine eigene, untergeordnete SQ-Markierung erhält.]
avocaṃ caitad astraṃ vai hy amoghaṃ bhavatu kṣame narakasyābhirakṣārthaṃ nainaṃ kaś cid vadhiṣyati anenāstreṇa te guptaḥ sutaḥ parabalārdanaḥ bhaviṣyati durādharṣaḥ sarvalokeṣu sarvadā
Und ich sprach: ‚Diese Waffe sei fürwahr unfehlbar, o Geduldige — zum Schutz Narakas wird ihn niemand töten. Durch diese Waffe beschützt, wird dein Sohn, der Feindesheere Vernichtende, in allen Welten allzeit unangreifbar sein.‘
Wort für Wort
avocaṃ caitad astraṃ vai
und ich sprach: diese Waffe fürwahr (1.Sg.Aor. + Konj. + Akk.Sg. + Akk.Sg. + Partikel)
hy amoghaṃ bhavatu kṣame
sei unfehlbar, o Geduldige (Partikel + Nom.Sg. + 3.Sg.Imp. + Vok.Sg.)
narakasyābhirakṣārthaṃ
zum Schutz Narakas (Gen.Sg. + Adv.Kompositum)
nainaṃ kaś cid vadhiṣyati
niemand wird ihn töten (Neg.+Akk.Sg. + Nom.Sg. + Partikel + 3.Sg.Fut.)
anenāstreṇa te guptaḥ
durch diese Waffe beschützt, dein (Instr.Sg. + Instr.Sg. + Nom.Sg. + Gen.Sg.)
sutaḥ parabalārdanaḥ
Sohn, der Feindesheere Vernichtende (Nom.Sg. + Nom.Sg.)
bhaviṣyati durādharṣaḥ
wird unangreifbar sein (3.Sg.Fut. + Nom.Sg.)
sarvalokeṣu sarvadā
in allen Welten, allzeit (Lok.Pl. + Adv.)
[Anm.: V.30-31 bilden eine syntaktische Einheit; auch hier zitiert Kṛṣṇa wörtlich seine eigenen einst an die Erdgöttin gerichteten Worte — wiederum ein eingebettetes, mit SQ markiertes Zitat innerhalb seiner CQ-markierten Gesamtrede. „kṣame“ ('o Geduldige') ist eine Anrede der Erdgöttin als Verkörperung der Geduld/Standhaftigkeit.]
‚So sei es‘, sprach die weise Göttin und ging fort, ihren Wunsch erfüllt — und auch er, Naraka, wurde unangreifbar, ein Peiniger seiner Feinde.
Wort für Wort
tathety uktvā gatā devī
'so sei es' gesprochen habend, ging die Göttin (Partikel + Ger. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
kṛtakāmā manasvinī
ihren Wunsch erfüllt, die weise (Nom.Sg. + Nom.Sg.)
sa cāpy āsīd durādharṣo
und auch er wurde unangreifbar (Nom.Sg. + Konj.+Partikel + 3.Sg.Impf. + Nom.Sg.)
narakaḥ śatrutāpanaḥ
Naraka, ein Peiniger seiner Feinde (Nom.Sg. + Nom.Sg.)
[Anm.: V.32 bildet eine Einheit. Der knappe Zustimmungsausruf der Erdgöttin ('tathā', 'so sei es') erhält ebenfalls SQ-Markierung. Im Anschluss an die erste Vershälfte ein einzeiliger Apparatseinschub (*0217_01): „Die Göttin Dharā gebar einen Sohn, den vortrefflichsten unter Hunderten von Söhnen.“ — nicht als eigene Einheit übersetzt, nur die Geburt Narakas bestätigend.]
Von ihm gelangte jene Waffe, die meinige, Pārtha, an [Bhagadatta von] Prāgjyotiṣa; niemand vermag ihn zu töten in den Welten samt Indra und Rudra, o Verehrter.
Wort für Wort
tasmāt prāgjyotiṣaṃ prāptaṃ
von ihm zu Prāgjyotiṣa gelangte (Abl.Sg. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
niemand vermag ihn zu töten in den Welten (Neg.+Gen.Sg.+Nom.Sg. + 3.Sg.Präs. + Lok.Pl.)
sendrarudreṣu māriṣa
samt Indra und Rudra, o Verehrter (Lok.Pl.Kompositum + Vok.Sg.)
[Anm.: V.33 bildet eine Einheit, Fortsetzung von Kṛṣṇas Rede. Im Anschluss ein vierzeiliger Apparatseinschub (*0218_01-04): „Diese Waffe könnte alle Götter, Gandharvas, Yakṣas, Schlangenwesen und Rākṣasas, versammelt, erschlagen — wie viel mehr dich, Dhanaṃjaya! Selbst den Schlangenwesen ist sie unwiderstehlich, von mir gegeben, [wirksam] gegen Götter und Asuras. Töte [den König von] Prāgjyotiṣa, Pārtha, ehe er alle vernichtet.“ — nicht als eigene Einheit übersetzt.]
Dies aber habe ich, dir zuliebe, soeben anderweitig zunichtegemacht; so töte, Pārtha, den großen Asura — den im Kampf unangreifbaren Feind, den götterhassenden Bhagadatta — nun, da er der höchsten Waffe [ihres Schutzes] beraubt ist, so wie ich einst zum Wohl der Welt den Naraka erschlug.“
Wort für Wort
tan mayā tvatkṛtenaitad
dies aber von mir, dir zuliebe (Akk.Sg. + Instr.Sg. + Instr.Sg. + Akk.Sg.)
anyathā vyapanāśitam
anderweitig zunichtegemacht (Adv. + Nom.Sg.Part.)
viyuktaṃ paramāstreṇa
beraubt der höchsten Waffe (Akk.Sg. + Instr.Sg.)
jahi pārtha mahāsuram
töte, Pārtha, den großen Asura (2.Sg.Imp. + Vok.Sg. + Akk.Sg.)
vairiṇaṃ yudhi durdharṣaṃ
den im Kampf unangreifbaren Feind (Akk.Sg. + Lok.Sg. + Akk.Sg.)
bhagadattaṃ suradviṣam
Bhagadatta, den götterhassenden (Akk.Sg. + Akk.Sg.)
yathāhaṃ jaghnivān pūrvaṃ
so wie ich einst erschlug (Adv. + Nom.Sg. + Nom.Sg.Part.Perf. + Adv.)
hitārthaṃ narakaṃ tathā
zum Wohl [der Welt] den Naraka, ebenso (Adv. + Akk.Sg. + Adv.)
[Anm.: V.34-35 bilden eine syntaktische Einheit und beschließen Kṛṣṇas in V.22 begonnene Rede. Im Anschluss ein zweizeiliger, inhaltlich redundanter Apparatseinschub (*0219_01-02), der V.34-35 nur variierend wiederholt — nicht übersetzt.]
So angesprochen von dem großmütigen Keśava, überschüttete Pārtha den Bhagadatta plötzlich mit scharfen Pfeilen.
Wort für Wort
evam uktas tataḥ pārthaḥ
so angesprochen, dann Pārtha (Adv. + Nom.Sg.Part. + Adv. + Nom.Sg.)
keśavena mahātmanā
von dem großmütigen Keśava (Instr.Sg. + Instr.Sg.)
bhagadattaṃ śitair bāṇaiḥ
den Bhagadatta mit scharfen Pfeilen (Akk.Sg. + Instr.Pl. + Instr.Pl.)
sahasā samavākirat
überschüttete er plötzlich (Adv. + 3.Sg.Impf.)
[Anm.: V.36 bildet eine Einheit; hier endet Kṛṣṇas Rede und die Kampfhandlung wird fortgesetzt. Im Anschluss ein achtzeiliger Apparatseinschub (*0220_01-08), der schildert, wie Arjuna die beiden goldenen, von Viśvakarman gefertigten Glocken von der linken und rechten Seite des Elefanten abschießt — sie fallen wie Mond- und Sonnenscheibe zu Boden — und wie Bhagadatta seinen Elefanten Supratīka daraufhin mit solcher Geschwindigkeit vorwärtstreibt, dass dieser [im Ansturm] dem Hanumān gleicht, der sich anschickt, die Sonnenscheibe zu verschlingen [Anspielung auf die Erzählung von Hanumāns kindlichem Sprung nach der Sonne] — nicht als eigene Einheit übersetzt.]
Dann traf Pārtha, der starkarmige, unerschütterte, großmütige, den Elefanten mit einem eisernen Pfeil zwischen den beiden Stirnwülsten.
Wort für Wort
tataḥ pārtho mahābāhur
dann Pārtha, der starkarmige (Adv. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
asaṃbhrānto mahāmanāḥ
unerschüttert, großmütig (Nom.Sg. + Nom.Sg.)
kumbhayor antare nāgaṃ
den Elefanten zwischen den beiden Stirnwülsten (Gen.Du. + Lok.Sg. + Akk.Sg.)
nārācena samārpayat
traf er mit einem eisernen Pfeil (Instr.Sg. + 3.Sg.Impf.)
[Anm.: V.37 bildet eine Einheit. Im Anschluss ein zweizeiliger, inhaltlich redundanter Apparatseinschub (*0221_01-02), der denselben Treffer noch einmal beschreibt — nicht übersetzt.]
samāsādya tu taṃ nāgaṃ bāṇo vajra ivācalam abhyagāt saha puṅkhena valmīkam iva pannagaḥ
Den Elefanten erreichend, [der dastand] unbeweglich wie ein Berg, drang der Pfeil, wie ein Blitz, samt seinem Schaft ein, wie eine Schlange in einen Ameisenhügel.
Wort für Wort
samāsādya tu taṃ nāgaṃ
den Elefanten aber erreichend (Ger. + Konj. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
bāṇo vajra ivācalam
der Pfeil, wie ein Blitz, unbeweglich (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Partikel + Akk.Sg.)
abhyagāt saha puṅkhena
drang ein samt dem Schaft (3.Sg.Impf. + Postp. + Instr.Sg.)
valmīkam iva pannagaḥ
wie eine Schlange in einen Ameisenhügel (Akk.Sg. + Partikel + Nom.Sg.)
[Anm.: V.38 bildet eine Einheit. Im Anschluss zwei zweizeilige Apparatseinschübe (*0222_01-02, *0223_01-02): „Jener Elefant, von Bhagadatta wieder und wieder angetrieben, gehorchte seinem Wort nicht, wie die Geliebte eines armen Mannes. In der Mitte durchbohrt, blieb er stehen, immer wieder blutend; dann trieb er [Bhagadatta] den blutenden Elefanten mit den Füßen an.“ — nicht als eigene Einheit übersetzt.]
sa tu viṣṭabhya gātrāṇi dantābhyām avaniṃ yayau nadann ārtasvaraṃ prāṇān utsasarja mahādvipaḥ
Er aber, seine Glieder aufstemmend, sank mit den Stoßzähnen zu Boden; aufheulend in Todesqual gab der große Elefant sein Leben auf.
Wort für Wort
sa tu viṣṭabhya gātrāṇi
er aber, seine Glieder aufstemmend (Nom.Sg. + Konj. + Ger. + Akk.Pl.)
dantābhyām avaniṃ yayau
mit den Stoßzähnen sank er zu Boden (Instr.Du. + Akk.Sg. + 3.Sg.Perf.)
nadann ārtasvaraṃ prāṇān
aufheulend in Todesqual, sein Leben (Nom.Sg.Part. + Akk.Sg. + Akk.Pl.)
utsasarja mahādvipaḥ
gab auf, der große Elefant (3.Sg.Perf. + Nom.Sg.)
[Anm.: V.39 bildet eine Einheit; der Tod von Bhagadattas Elefanten Supratīka. Im Anschluss ein dreizeiliger Apparatseinschub (*0224_01-03), Kṛṣṇas Rat an Arjuna: „Dann sprach Keśava zum Träger des Gāṇḍīva: 'Dieser [Bhagadatta] ist sehr betagt, von grauem Haar bedeckt, Pārtha; seine Augen von Falten verdeckt, ein Held, überaus schwer zu bezwingen.'“ — nicht als eigene Einheit übersetzt.]
Dann durchbohrte der Pāṇḍava [Arjuna] mit einem halbmondscheibenförmigen, glattgefiederten Pfeil das Herz des Königs Bhagadatta.
Wort für Wort
tataś candrārdhabimbena
dann mit einem halbmondscheibenförmigen (Adv. + Instr.Sg.)
śareṇa nataparvaṇā
glattgefiederten Pfeil (Instr.Sg. + Instr.Sg.)
bibheda hṛdayaṃ rājño
durchbohrte er das Herz des Königs (3.Sg.Perf. + Akk.Sg. + Gen.Sg.)
bhagadattasya pāṇḍavaḥ
Bhagadattas, der Pāṇḍava (Gen.Sg. + Nom.Sg.)
[Anm.: V.40 bildet eine Einheit; der tödliche Pfeilschuss. Zwischen den beiden Vershälften steht ein fünfzeiliger, teils redundanter Apparatseinschub (*0225_01-03, *0226_01, *0227_01-05), der zwei wesentliche Details liefert, bevor die Haupttext-Vershälfte den Todesstoß berichtet: Bhagadatta, hochbetagt, trug stets ein Stirnband, das seine vor Alter herabgesunkenen Lider offenhielt; auf Kṛṣṇas Wort hin durchtrennte Arjuna dieses Band mit einem Pfeil, worauf der König sogleich erblindete und die Welt für ihn in Dunkelheit versank — erst danach folgt der in der Haupt-Vershälfte berichtete Todesstoß. Die übrigen apparatus-Zeilen wiederholen diesen Vorgang nur variierend.]
Er, mit goldener Girlande geschmückt, fiel aus seinem goldenen Sitz von dem berggleichen Elefanten herab — wie ein reichblühender Karṇikāra-Baum, vom Sturmwind gebrochen, von einem Bergesgipfel [stürzt].
Wort für Wort
sa hemamālī tapanīyabhāṇḍāt
er, mit goldener Girlande, von seinem goldenen Sitz (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Abl.Sg.)
papāta nāgād girisaṃnikāśāt
fiel von dem berggleichen Elefanten (3.Sg.Perf. + Abl.Sg. + Abl.Sg.)
supuṣpito mārutavegarugṇo
wie ein reichblühender, vom Sturmwind gebrochener (Nom.Sg. + Nom.Sg.)
mahīdharāgrād iva karṇikāraḥ
von einem Bergesgipfel, wie ein Karṇikāra-Baum (Abl.Sg. + Partikel + Nom.Sg.)
[Anm.: V.43 bildet eine Einheit; im Sanskrit-Original in einem abweichenden, längeren Versmaß (Triṣṭubh-artig) verfasst, kenntlich an der Zeilenstruktur mit Semikolon im Quelltext.]
Nachdem der Sohn Indras [Arjuna] so jenen Herrscher von Indra-gleicher Kraft, den Freund Indras, in der Schlacht erschlagen hatte, zerschmetterte er sodann die übrigen deiner nach Sieg begierigen Krieger, wie ein starker Wind Bäume [zerschmettert].
Wort für Wort
nihatya taṃ narapatim
nachdem er jenen Herrscher erschlagen hatte (Ger. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
indravikramaṃ sakhāyam
von Indra-gleicher Kraft, den Freund (Akk.Sg. + Akk.Sg.)
indrasya tathaindrir āhave
Indras, so der Sohn Indras, in der Schlacht (Gen.Sg. + Adv. + Nom.Sg. + Lok.Sg.)
tato 'parāṃs tava jayakāṅkṣiṇo
sodann die übrigen, deine nach Sieg begierigen (Adv. + Akk.Pl. + Gen.Sg. + Akk.Pl.)
narān babhañja vāyur balavān
Krieger zerschmetterte er, wie ein starker Wind (Akk.Pl. + 3.Sg.Perf. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
drumān iva
Bäume (Akk.Pl. + Partikel)
[Anm.: V.44 bildet eine Einheit und beschließt das Kapitel; „aindriḥ“ ('Sohn Indras') ist ein Epitheton Arjunas als Indras Sohn.]