Kapitel 159: candrodayayuddham
Der Kampf beim Mondaufgang
Von Vyāsa zurückgehalten, entsendet Yudhiṣṭhira Dhṛṣṭadyumna und das gesamte Heer gegen Droṇa. Im Dunkel der Nacht verfallen die erschöpften Krieger in schlaftrunkene Verwirrung und schlagen blind aufeinander ein, bis Arjuna eine Kampfpause ausruft. Nach kurzer Rast erhellt der aufgehende Mond in prächtigen Bildern das Schlachtfeld, und der Kampf entbrennt aufs Neue.
vyāsenaivam athoktas tu dharmarājo yudhiṣṭhiraḥ svayaṃ karṇavadhād vīro nivṛtto bharatarṣabha
„Von Vyāsa so angesprochen, kehrte der Rechtskönig Yudhiṣṭhira, der Held, selbst von seinem Vorhaben, Karṇa zu töten, um, o Stier der Bharatas.
Wort für Wort
vyāsena
durch Vyāsa (Instr. Sg. m.)
evam
so (Adv.)
atha
darauf (Adv.)
uktaḥ
angesprochen (Nom. Sg. m., Part. Perf. Pass.)
tu
aber (Partikel)
dharmarājaḥ
der Rechtskönig (Nom. Sg. m.)
yudhiṣṭhiraḥ
Yudhiṣṭhira (Nom. Sg. m.)
svayam
selbst (Adv.)
karṇavadhāt
von der Tötung Karṇas (Abl. Sg. m.)
vīraḥ
der Held (Nom. Sg. m.)
nivṛttaḥ
umgekehrt (Nom. Sg. m., Part. Perf. Pass.)
bharatarṣabha
o Stier der Bharatas (Vok. Sg. m.)
[Anm.: Apparatus-Einschub *1260 (2 Zeilen) vor 07,159.001a; bildet die unmittelbare Überleitung von Vyāsas Rede am Ende von Kap.158 zu Yudhiṣṭhiras Umkehr und dem Beginn des nächtlichen Kampfgeschehens in Kap.159.]
ghaṭotkace tu nihate sūtaputreṇa tāṃ niśām duḥkhāmarṣavaśaṃ prāpto dharmaputro yudhiṣṭhiraḥ
Als aber Ghaṭotkaca vom Sohn des Wagenlenkers erschlagen worden war, geriet der Sohn des Dharma, Yudhiṣṭhira, in jener Nacht in die Gewalt von Kummer und Zorn.
Wort für Wort
ghaṭotkace
Ghaṭotkaca (Lok. Sg. m. absol.)
tu
aber (Partikel)
nihate
als erschlagen war (Lok. Sg. m. absol., Part. Perf. Pass.)
tathaiva rathinaḥ sarve hastyaśvaṃ yac ca kiṃ cana pādātāś ca raṇe droṇaṃ prāpayantu mahāratham
Ebenso sollen alle Wagenkämpfer, und was immer es an Elefanten und Pferden gibt, und die Fußsoldaten, in der Schlacht den großen Wagenkämpfer Droṇa erreichen.‘
triyāmā rajanī caiṣā ghorarūpā bhayānakā sahasrayāmapratimā babhūva prāṇahāriṇī vadhyatāṃ ca tathā teṣāṃ kṣatānāṃ ca viśeṣataḥ
Und diese Nacht der drei Wachen, schrecklich von Gestalt und furchterregend, wurde, einer Nacht von tausend Wachen gleich, lebensraubend - für jene, die erschlagen wurden, und besonders für die Verwundeten.
Wort für Wort
triyāmā
aus drei Wachen bestehend (Nom. Sg. f.)
rajanī
die Nacht (Nom. Sg. f.)
ca eṣā
und diese (Nom. Sg. f.)
ghorarūpā
schrecklich von Gestalt (Nom. Sg. f.)
bhayānakā
furchterregend (Nom. Sg. f.)
sahasrayāmapratimā
einer Nacht von tausend Wachen gleich (Nom. Sg. f.)
aho rātriḥ samājajñe nidrāndhānāṃ viśeṣataḥ sarve hy āsan nirutsāhāḥ kṣatriyā dīnacetasaḥ tava caiva pareṣāṃ ca gatāstrā vigateṣavaḥ
Ach, wie erkennbar wurde diese Nacht besonders für die vom Schlaf Geblendeten! Denn alle Kṣatriyas, sowohl deine als auch die der anderen, waren mutlos, verzagten Sinnes, ihrer Waffen beraubt, ihrer Pfeile entledigt.
Manche Männer, ihre Waffen von sich werfend, blind vor Schlaf, legten sich nieder; manche auf Elefanten, manche auf Wagen, und manche auf Pferden, o Bhārata.
svapnāyamānās tv apare parān iti vicetasaḥ ātmānaṃ samare jaghnuḥ svān eva ca parān api
Andere aber, träumend und von Sinnen, schlugen, in der Meinung, es seien Feinde, im Kampf auf ihre eigenen Leute ein, ebenso wie auf die wirklichen Feinde.
nānāvāco vimuñcanto nidrāndhās te mahāraṇe yoddhavyam iti tiṣṭhanto nidrāsaṃsaktalocanāḥ
Vielerlei Rufe ausstoßend, von Schlaf geblendet in der großen Schlacht, dastehend, als müssten sie noch kämpfen, ihre Augen vom Schlaf verklebt,
Wort für Wort
nānāvācaḥ
vielerlei Rufe (Akk. Pl. f.)
vimuñcantaḥ
ausstoßend (Nom. Pl. m., Part. Präs.)
nidrāndhāḥ
von Schlaf geblendet (Nom. Pl. m.)
te
sie (Nom. Pl. m.)
mahāraṇe
in der großen Schlacht (Lok. Sg. m.)
yoddhavyam
es müsse gekämpft werden (Nom. Sg. n., Gerundivum)
iti
so (Zitatpartikel)
tiṣṭhantaḥ
dastehend (Nom. Pl. m., Part. Präs.)
nidrāsaṃsaktalocanāḥ
deren Augen vom Schlaf verklebt waren (Nom. Pl. m.)
[Anm.: Apparatus-Einschub *1261 (1 Zeile) nach 07,159.019b; ergänzt im kritischen Apparat eine Bemerkung über die zahlreichen eigenen Verluste im Vergleich zu denen der Feinde während der schlaftrunkenen Kampfverwirrung.]
tato vinidrā viśrāntāś candramasy udite punaḥ saṃsādhayiṣyathānyonyaṃ svargāya kurupāṇḍavāḥ
Dann, ausgeschlafen und erholt, werdet ihr Kurus und Pāṇḍavas, wenn der Mond wieder aufgegangen ist, die Angelegenheit untereinander regeln, um des Himmels willen.‘
Wort für Wort
tataḥ
dann (Adv.)
vinidrāḥ
ausgeschlafen (Nom. Pl. m.)
viśrāntāḥ
erholt (Nom. Pl. m.)
candramasi
wenn der Mond (Lok. Sg. m. absol.)
udite
aufgegangen war (Lok. Sg. m. absol., Part. Perf. Pass.)
‚In dir sind die Veden, und ebenso die Waffen; in dir sind Einsicht und Tatkraft; in dir, Starkarmiger, ist der Dharma, und das Mitleid mit den Wesen, o Makelloser.
yac cāśvastās tavecchāmaḥ śarma pārtha tad astu te manasaś ca priyān arthān vīra kṣipram avāpnuhi
Und weil wir durch deinen Willen Erleichterung erfahren haben, o Pārtha, möge ebendieses Heil dir zuteilwerden; und mögest du, Held, die deinem Herzen lieben Ziele rasch erlangen.‘
gajās te pannagābhogair hastair bhūreṇurūṣitaiḥ nidrāndhā vasudhāṃ cakrur ghrāṇaniḥśvāsaśītalām
Jene Elefanten, von Schlaf geblendet, machten mit ihren wie Schlangenwindungen geringelten, staubbedeckten Rüsseln die Erde kühl durch den Hauch ihres Atems.
samāṃ ca viṣamāṃ cakruḥ khurāgrair vikṣatāṃ mahīm hayāḥ kāñcanayoktrāś ca kesarālambibhir yugaiḥ suṣupus tatra rājendra yuktā vāheṣu sarvaśaḥ
Mit ihren Hufspitzen machten die Pferde die ebene Erde uneben, sie zerwühlend; mit goldenen Zügeln und mähnenverhangenen Jochen schliefen sie dort, o Herrscher der Könige, noch überall in ihre Gespanne eingespannt.
evaṃ hayāś ca nāgāś ca yodhāś ca bharatarṣabha yuddhād viramya suṣupuḥ śrameṇa mahatānvitāḥ
So schliefen die Pferde, und die Elefanten, und die Krieger, o Stier der Bharatas, nachdem sie vom Kampf abgelassen hatten, von großer Erschöpfung überwältigt.
Wort für Wort
evam
so (Adv.)
hayāḥ
die Pferde (Nom. Pl. m.)
ca
und (Konjunktion)
nāgāḥ
die Elefanten (Nom. Pl. m.)
ca
und (Konjunktion)
yodhāḥ
die Krieger (Nom. Pl. m.)
ca
und (Konjunktion)
bharatarṣabha
o Stier der Bharatas (Vok. Sg. m.)
yuddhāt
vom Kampf (Abl. Sg. n.)
viramya
abgelassen habend (Absolutiv)
suṣupuḥ
schliefen (3. Pl. Perf.)
śrameṇa
durch Erschöpfung (Instr. Sg. m.)
mahatā
großer (Instr. Sg. m.)
anvitāḥ
überwältigt, versehen (Nom. Pl. m.)
[Anm.: Apparatus-Einschub *1262 (2 Zeilen) nach 07,159.039e; fasst im kritischen Apparat den erschöpften Schlaf von Pferden, Elefanten und Kriegern nach dem nächtlichen Kampf zusammen.]
Jene jungen Kṣatriyas mit ihren Ohrringen, deren Glieder gegenseitig von Pfeilen verwundet waren, schliefen, an die Stirnbeulen der Elefanten geschmiegt, wie an die Brüste geliebter Frauen geschmiegt.
Wort für Wort
te
jene (Nom. Pl. m.)
kṣatriyāḥ
die Kṣatriyas (Nom. Pl. m.)
kuṇḍalinaḥ
mit Ohrringen versehen (Nom. Pl. m.)
yuvānaḥ
jung (Nom. Pl. m.)
parasparam
gegenseitig (Adv.)
sāyakavikṣatāṅgāḥ
deren Glieder von Pfeilen verwundet waren (Nom. Pl. m.)
kumbheṣu
an den Stirnbeulen (Lok. Pl. m.)
līnāḥ
geschmiegt (Nom. Pl. m., Part. Perf. Pass.)
suṣupuḥ
schliefen (3. Pl. Perf.)
gajānām
der Elefanten (Gen. Pl. m.)
kuceṣu
an den Brüsten (Lok. Pl. m.)
lagnāḥ
geschmiegt, haftend (Nom. Pl. m., Part. Perf. Pass.)
Die Helden schliefen an den Stirnbeulen der Elefanten, vom Kampf erschöpft, wie in der Nacht vom Liebesspiel Erschöpfte an den Brüsten geliebter Frauen.
Wort für Wort
vīrāḥ
die Helden (Nom. Pl. m.)
vāraṇakumbheṣu
an den Stirnbeulen der Elefanten (Lok. Pl. m.)
suṣupuḥ
schliefen (3. Pl. Perf.)
yuddhakarśitāḥ
vom Kampf erschöpft (Nom. Pl. m.)
rātrau
in der Nacht (Lok. Sg. f.)
ratipariśrāntāḥ
vom Liebesspiel erschöpft (Nom. Pl. m.)
kāminīnām
geliebter Frauen (Gen. Pl. f.)
kuceṣu
an den Brüsten (Lok. Pl. m.)
iva
gleich wie (Partikel)
[Anm.: Apparatus-Einschub *1263 (2 Zeilen) nach 07,159.041c; variiert und vertieft im kritischen Apparat das vorangehende Bild der an Elefanten-Stirnbeulen schlafenden, erschöpften Krieger.]
Dann wurde die östliche Himmelsrichtung durch den Mond geschmückt - den Herrn der Nachtlotusse, bleich wie die Wange einer geliebten Frau, eine Wonne für die Augen -,
Wort für Wort
tataḥ
dann (Adv.)
kumudanāthena
durch den Herrn der Nachtlotusse (Instr. Sg. m.)
kāminīgaṇḍapāṇḍunā
bleich wie die Wange einer geliebten Frau (Instr. Sg. m.)
- hervorgetreten aus der Bergspalte der Himmelsrichtung des Tausendäugigen, tawnyfarben leuchtend mit seiner Strahlenmähne, ein Zerreißer der Herden der Finsternis-Elefanten, erhob sich der Löwe des östlichen Berges; gleich strahlend wie der Leib des besten Stieres Haras, gleich glänzend wie der voll gespannte Bogen des Liebesgottes, bezaubernd lieblich wie das Lächeln einer jungen Braut, weithin ausgebreitet, der Freund der Nachtlotus-Teiche - so ergötzte der Nektarschöpfer wahrlich die Erde.
Wort für Wort
daśaśatākṣakakubdariniḥsṛtaḥ
aus der Bergspalte der Richtung des Tausendäugigen [Indra] hervorgetreten (Nom. Sg. m.)
kiraṇakesarabhāsurapiñjaraḥ
tawnyfarben leuchtend mit der Strahlenmähne (Nom. Sg. m.)
timiravāraṇayūthavidāraṇaḥ
ein Zerreißer der Herden der Finsternis-Elefanten (Nom. Sg. m.)
samudiyāt
erhob sich (3. Sg. Aorist Optativ-Form, hier narrativ)
udayācalakesarī
der Löwe des östlichen (Aufgangs-)Berges (Nom. Sg. m.)
haravṛṣottamagātrasamadyutiḥ
gleich strahlend wie der Leib des besten Stieres Haras (Nom. Sg. m.)
smaraśarāsanapūrṇasamaprabhaḥ
gleich glänzend wie der voll gespannte Bogen des Liebesgottes (Nom. Sg. m.)
navavadhūsmitacārumanoharaḥ
bezaubernd lieblich wie das Lächeln einer jungen Braut (Nom. Sg. m.)
pravisṛtaḥ
weithin ausgebreitet (Nom. Sg. m.)
kumudākarabāndhavaḥ
der Freund der Nachtlotus-Teiche (Nom. Sg. m.)
pramadayan
ergötzend (Nom. Sg. m., Part. Präs. Kausativ)
vasudhām
die Erde (Akk. Sg. f.)
hi
wahrlich (Partikel)
sudhākaraḥ
der Nektarschöpfer (der Mond) (Nom. Sg. m.)
[Anm.: Apparatus-Einschub *1264 (8 Zeilen) und *1265 (1 Zeile) nach 07,159.042c; ein ausführliches kunstvolles Bildgedicht auf den Mondaufgang, das den Mond als Löwen schildert, der aus der östlichen Bergspalte hervorbricht und die Herden der Finsternis-Elefanten zerreißt - im kritischen Apparat als zusätzliche Strophen überliefert.]
Dann, nach einer kurzen Weile, zeigte der erhabene, mit dem Hasenzeichen versehene Herr im Osten sein rötliches Glühen, das Licht der Sterne überstrahlend.
Wort für Wort
tataḥ
dann (Adv.)
muhūrtāt
nach einer kurzen Weile (Abl. Sg. m.)
bhagavān
der Erhabene (Nom. Sg. m.)
purastāt
im Osten (Adv.)
śaśalakṣaṇaḥ
mit dem Hasenzeichen versehene [der Mond] (Nom. Sg. m.)
aruṇam
rötliches Glühen (Akk. Sg. m.)
darśayām āsa
zeigte (3. Sg. Perf. Kausativ)
grasan
überstrahlend, verschlingend (Nom. Sg. m., Part. Präs.)
Wie das Meer, vom Mondaufgang aufgewühlt, in Wallung gerät, so geriet, vom Mondaufgang aufgewühlt, jener Ozean des Heeres in Wallung. Dann entbrannte der Kampf abermals, o Herr der Völker, unter denen, die in dieser Welt, um der Vernichtung der Welt [des Feindes] willen, die höchste Welt [den Himmel] zu erlangen trachteten.“
Wort für Wort
yathā
wie (Konjunktion)
candrodayoddhūtaḥ
vom Mondaufgang aufgewühlt (Nom. Sg. m.)
kṣubhitaḥ
in Wallung geraten (Nom. Sg. m.)
sāgaraḥ
das Meer (Nom. Sg. m.)
bhavet
würde geraten (3. Sg. Opt.)
tathā
so (Adv.)
candrodayoddhūtaḥ
vom Mondaufgang aufgewühlt (Nom. Sg. m.)
sa
jener (Nom. Sg. m.)
babhūva
wurde (3. Sg. Perf.)
balārṇavaḥ
der Ozean des Heeres (Nom. Sg. m.)
tataḥ
dann (Adv.)
pravavṛte
entbrannte (3. Sg. Perf. Med.)
yuddham
der Kampf (Nom. Sg. n.)
punar eva
abermals (Adv.)
viśāṃ pate
o Herr der Völker (Vok.)
loke
in der Welt (Lok. Sg. m.)
lokavināśāya
zur Vernichtung der Welt [des Feindes] (Dat. Sg. m.)
param
die höchste (Akk. Sg. m.)
lokam
Welt (Akk. Sg. m.)
abhīpsatām
der Trachtenden (Gen. Pl. m., Part. Präs. Desiderativ)