Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Droṇaparva

Kapitel 44: Rukmarathavadha Der zehnte Tag: Abhimanyu tötet Rukmaratha, Śalyas Sohn, und wendet die Gandharva-Waffe an

Abhimanyu wütet wie der Tod selbst unter den Kaurava-Kriegern. Rukmaratha, der Sohn des Madra-Königs Śalya, prahlt, ihn lebend gefangen zu nehmen, wird aber besiegt und getötet; seine Gefährten stürmen daraufhin gemeinsam gegen Abhimanyu, der sie mit der von Arjuna einst bei den Gandharvas erlernten Waffenillusion (Gāndharva-Waffe) bewältigt und ein Hundert Königssöhne tötet. Duryodhana, entsetzt über das Gemetzel, greift schließlich selbst an, wird jedoch von Pfeilen überschüttet und muss sich abwenden.

saṃjaya uvāca ādadānas tu śūrāṇām āyūṃṣy abhavad ārjuniḥ antakaḥ sarvabhūtānāṃ prāṇān kāla ivāgate sa śakra iva vikrāntaḥ śakrasūnoḥ suto balī abhimanyus tadānīkaṃ loḍayan bahv aśobhata

Saṃjaya sprach: Indem er den Helden ihr Leben nahm, wurde der Sohn des Arjuna [Abhimanyu] zum Ender aller Wesen, gleich dem herangekommenen Tod, der [allen] Lebewesen den Atem raubt. Er, an Kühnheit dem Śakra [Indra] gleich, der starke Sohn von Śakras Sohn [Arjuna], Abhimanyu, erstrahlte gewaltig, während er jenes Heer aufwühlte.

Wort für Wort
saṃjaya uvāca
Saṃjaya sprach (Nom.Sg. + 3.Sg.Perf.)
ādadānas tu śūrāṇām
den Helden nehmend (Nom.Sg.Ptz. + Partikel + Gen.Pl.)
āyūṃṣy abhavad ārjuniḥ
die Leben, wurde der Sohn des Arjuna (Akk.Pl. + 3.Sg.Impf. + Nom.Sg.)
antakaḥ sarvabhūtānāṃ
zum Ender aller Wesen (Nom.Sg. + Gen.Pl.Kompositum)
prāṇān kāla ivāgate
den Atem, wie der herangekommene Tod (Akk.Pl. + Nom.Sg. + Partikel + Lok.Sg.Ptz.)
sa śakra iva vikrāntaḥ
er, dem Śakra gleich an Kühnheit (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Partikel + Nom.Sg.)
śakrasūnoḥ suto balī
der starke Sohn von Śakras Sohn (Gen.Sg. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
abhimanyus tadānīkaṃ
Abhimanyu, jenes Heer (Nom.Sg. + Akk.Sg.)
loḍayan bahv aśobhata
aufwühlend, erstrahlte er gewaltig (Nom.Sg.Ptz. + Adv. + 3.Sg.Impf.)

[Anm.: V.1-2 bilden eine Einheit.]

praviśyaiva tu rājendra kṣatriyendrāntakopamaḥ satyaśravasam ādatta vyāghro mṛgam ivolbaṇam satyaśravasi cākṣipte tvaramāṇā mahārathāḥ pragṛhya vipulaṃ śastram abhimanyum upādravan

Kaum eingedrungen, o Herrscher der Könige, ergriff er, dem Bezwinger der Kṣatriya-Fürsten gleich, den Satyaśravas, wie ein Tiger ein furchtbares Wildtier; als Satyaśravas niedergeworfen war, stürmten die großen Wagenkämpfer eilig, gewaltige Waffen ergreifend, auf Abhimanyu los.

Wort für Wort
praviśyaiva tu rājendra
kaum eingedrungen, o Herrscher der Könige (Ger. + Partikel + Vok.Sg.Kompositum)
kṣatriyendrāntakopamaḥ
dem Bezwinger der Kṣatriya-Fürsten gleich (Nom.Sg.Kompositum)
satyaśravasam ādatta
ergriff den Satyaśravas (Akk.Sg. + 3.Sg.Impf.)
vyāghro mṛgam ivolbaṇam
wie ein Tiger ein furchtbares Wildtier (Nom.Sg. + Akk.Sg. + Partikel + Akk.Sg.)
satyaśravasi cākṣipte
als Satyaśravas niedergeworfen war (Lok.Sg. + Konj. + Lok.Sg.Ptz.)
tvaramāṇā mahārathāḥ
eilig, die großen Wagenkämpfer (Nom.Pl.Ptz. + Nom.Pl.Kompositum)
pragṛhya vipulaṃ śastram
gewaltige Waffen ergriffen habend (Ger. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
abhimanyum upādravan
stürmten sie auf Abhimanyu los (Akk.Sg. + 3.Pl.Impf.)

[Anm.: V.3-4 bilden eine Einheit. Satyaśravas ist ein sonst nicht näher bekannter kauravischer Krieger.]

ahaṃ pūrvam ahaṃ pūrvam iti kṣatriyapuṃgavāḥ spardhamānāḥ samājagmur jighāṃsanto 'rjunātmajam kṣatriyāṇām anīkāni pradrutāny abhidhāvatām jagrāsa timir āsādya kṣudramatsyān ivārṇave

'Ich zuerst! Ich zuerst!' — so [rufend] kamen die stierstarken Kṣatriyas, miteinander wetteifernd, zusammen, den Sohn Arjunas zu töten begehrend. Er verschlang die heranstürmenden Scharen der Kṣatriyas, die auf ihn zurannten, wie ein Meeresungeheuer, das kleine Fische im Ozean anfällt.

Wort für Wort
ahaṃ pūrvam ahaṃ pūrvam
ich zuerst, ich zuerst (Nom.Sg. + Adv. + Nom.Sg. + Adv.)
iti kṣatriyapuṃgavāḥ
so [riefen] die stierstarken Kṣatriyas (Partikel + Nom.Pl.Kompositum)
spardhamānāḥ samājagmur
miteinander wetteifernd kamen sie zusammen (Nom.Pl.Ptz. + 3.Pl.Perf.)
jighāṃsanto 'rjunātmajam
den Sohn Arjunas zu töten begehrend (Nom.Pl.Ptz.Desid. + Akk.Sg.Kompositum)
kṣatriyāṇām anīkāni
die Scharen der Kṣatriyas (Gen.Pl. + Akk.Pl.)
pradrutāny abhidhāvatām
heranstürmend, der auf ihn Zurennenden (Akk.Pl.Ptz. + Gen.Pl.Ptz.)
jagrāsa timir āsādya
verschlang das Meeresungeheuer, angefallen habend (3.Sg.Perf. + Nom.Sg. + Ger.)
kṣudramatsyān ivārṇave
wie kleine Fische im Ozean (Akk.Pl. + Partikel + Lok.Sg.)

[Anm.: V.5-6 bilden eine Einheit. Der Wetteifer-Ruf „ich zuerst, ich zuerst!“ ist ein kollektiver, nicht individuell zugeordneter Ausruf zahlreicher Krieger und erhält daher einfache statt der Anführungszeichen für individuelle Rede.]

ye ke cana gatās tasya samīpam apalāyinaḥ na te pratinyavartanta samudrād iva sindhavaḥ mahāgrāhagṛhīteva vātavegabhayārditā samakampata sā senā vibhraṣṭā naur ivārṇave saṃtrastā vāhinī tubhyaṃ naur ivāsīn mahārṇave

Wer auch immer, nicht fliehend, in seine Nähe geraten war, der kehrte nicht zurück, wie Flüsse nicht vom Meer zurückkehren. Jenes Heer erzitterte, wie von einem gewaltigen Krokodil gepackt, von der Furcht vor Windesgewalt gequält, wie ein haltloses Schiff auf dem Ozean; erschreckt war dein Heer, o Herrscher, wie ein Schiff auf dem großen Ozean.

Wort für Wort
ye ke cana gatās tasya
wer auch immer in seine [Nähe] geraten war (Nom.Pl. + Nom.Pl. + Partikel + Nom.Pl.Ptz. + Gen.Sg.)
samīpam apalāyinaḥ
in die Nähe, nicht fliehend (Akk.Sg. + Nom.Pl.)
na te pratinyavartanta
die kehrten nicht zurück (Neg. + Nom.Pl. + 3.Pl.Impf.)
samudrād iva sindhavaḥ
wie Flüsse vom Meer (Abl.Sg. + Partikel + Nom.Pl.)
mahāgrāhagṛhīteva
wie von einem gewaltigen Krokodil gepackt (Nom.Sg.Kompositum + Partikel)
vātavegabhayārditā
von der Furcht vor Windesgewalt gequält (Nom.Sg.Kompositum)
samakampata sā senā
jenes Heer erzitterte (3.Sg.Impf. + Nom.Sg. + Nom.Sg.)
vibhraṣṭā naur ivārṇave
wie ein haltloses Schiff auf dem Ozean (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Partikel + Lok.Sg.)
saṃtrastā vāhinī tubhyaṃ
erschreckt dein Heer (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Dat.Sg.)
naur ivāsīn mahārṇave
wie ein Schiff war es auf dem großen Ozean (Nom.Sg. + Partikel + 3.Sg.Impf. + Lok.Sg.Kompositum)

[Anm.: V.7-8 (mit Einschub *0305_01) bilden eine Einheit; der Einschub variiert das Bild vom sturmgepeitschten Schiff.]

atha rukmaratho nāma madreśvarasuto balī trastām āśvāsayan senām atrasto vākyam abravīt

Da sprach Rukmaratha mit Namen, der starke Sohn des Herrn von Madra [Śalya], sein erschrecktes Heer ermutigend, selbst unerschrocken, ein Wort:

Wort für Wort
atha rukmaratho nāma
da Rukmaratha mit Namen (Adv. + Nom.Sg. + Adv.)
madreśvarasuto balī
der starke Sohn des Herrn von Madra (Nom.Sg.Kompositum + Nom.Sg.)
trastām āśvāsayan senām
sein erschrecktes Heer ermutigend (Akk.Sg. + Nom.Sg.Ptz. + Akk.Sg.)
atrasto vākyam abravīt
unerschrocken sprach er ein Wort (Nom.Sg. + Akk.Sg. + 3.Sg.Impf.)

[Anm.: V.9 bildet eine Einheit und leitet Rukmarathas Rede ein.]

alaṃ trāsena vaḥ śūrā naiṣa kaś cin mayi sthite aham enaṃ grahīṣyāmi jīvagrāhaṃ na saṃśayaḥ

„Genug der Furcht, ihr Helden! Solange ich stehe, gibt es keinen [der euch etwas anhaben kann]. Ich werde ihn lebend gefangen nehmen — kein Zweifel daran!“

Wort für Wort
alaṃ trāsena vaḥ śūrā
genug der Furcht, ihr Helden (Adv. + Instr.Sg. + Gen.Pl. + Vok.Pl.)
naiṣa kaś cin mayi sthite
keiner, solange ich stehe (Neg. + Nom.Sg. + Nom.Sg. + Partikel + Lok.Sg. + Lok.Sg.Ptz.)
aham enaṃ grahīṣyāmi
ich werde ihn gefangen nehmen (Nom.Sg. + Akk.Sg. + 1.Sg.Fut.)
jīvagrāhaṃ na saṃśayaḥ
lebend gefangen, kein Zweifel (Akk.Sg.Kompositum + Neg. + Nom.Sg.)

[Anm.: V.10 bildet eine Einheit — Rukmarathas prahlerisches Gelübde, individuell zugeordnet und mit Anführungszeichen markiert.]

evam uktvā tu saubhadram abhidudrāva vīryavān sukalpitenohyamānaḥ syandanena virājatā

So gesprochen habend, stürmte der Tapfere auf Saubhadra [Abhimanyu] los, getragen von einem wohlgefertigten, prächtig erstrahlenden Wagen.

Wort für Wort
evam uktvā tu saubhadram
so gesprochen habend, auf Saubhadra (Adv. + Ger. + Partikel + Akk.Sg.)
abhidudrāva vīryavān
stürmte los der Tapfere (3.Sg.Perf. + Nom.Sg.)
sukalpitenohyamānaḥ
getragen von einem wohlgefertigten [Wagen] (Instr.Sg. + Nom.Sg.Ptz.)
syandanena virājatā
von einem prächtig erstrahlenden Wagen (Instr.Sg. + Instr.Sg.Ptz.)

[Anm.: V.11 bildet eine Einheit.]

so 'bhimanyuṃ tribhir bāṇair viddhvā vakṣasy athānadat tribhiś ca dakṣiṇe bāhau savye ca niśitais tribhiḥ so 'bhimanyus tatas tasya chittvā praṇadato balī

Er durchbohrte Abhimanyu mit drei Pfeilen an der Brust und brüllte auf, und mit drei weiteren am rechten und drei scharfen am linken Arm; da zerschnitt Abhimanyu, der Starke, dem Brüllenden [Rukmaratha, dessen Waffen].

Wort für Wort
so 'bhimanyuṃ tribhir bāṇair
er, Abhimanyu mit drei Pfeilen (Nom.Sg. + Akk.Sg. + Instr.Pl. + Instr.Pl.)
viddhvā vakṣasy athānadat
durchbohrt habend an der Brust, brüllte er auf (Ger. + Lok.Sg. + Adv. + 3.Sg.Impf.)
tribhiś ca dakṣiṇe bāhau
und mit dreien am rechten Arm (Instr.Pl. + Konj. + Lok.Sg. + Lok.Sg.)
savye ca niśitais tribhiḥ
und am linken mit drei scharfen (Lok.Sg. + Konj. + Instr.Pl. + Instr.Pl.)
so 'bhimanyus tatas tasya
da zerschnitt Abhimanyu dem (Nom.Sg. + Adv. + Gen.Sg.)
chittvā praṇadato balī
zerschnitten habend, dem Brüllenden, der Starke (Ger. + Gen.Sg.Ptz. + Nom.Sg.)

[Anm.: V.12 (mit Einschub *0306_01) bildet eine Einheit und leitet unmittelbar zu V.13 über, wo Abhimanyu Rukmarathas Bogen zerschneidet.]

sa tasyeṣvasanaṃ chittvā phālguṇiḥ savyadakṣiṇau bhujau śiraś ca svakṣibhru kṣitau kṣipram apātayat

Er, der Phālguṇi [Abhimanyu], zerschnitt dessen Bogen und ließ die linken und rechten Arme, den Kopf mitsamt den Augenbrauen, rasch zu Boden fallen.

Wort für Wort
sa tasyeṣvasanaṃ chittvā
er, dessen Bogen zerschnitten habend (Nom.Sg. + Gen.Sg. + Akk.Sg. + Ger.)
phālguṇiḥ savyadakṣiṇau
der Phālguṇi, die linken und rechten (Nom.Sg. + Akk.Du.Kompositum)
bhujau śiraś ca svakṣibhru
Arme, und den Kopf mitsamt den Augenbrauen (Akk.Du. + Akk.Sg. + Konj. + Akk.Sg.Kompositum)
kṣitau kṣipram apātayat
ließ er zu Boden rasch fallen (Lok.Sg. + Adv. + 3.Sg.Impf.)

[Anm.: V.13 bildet eine Einheit. „Phālguṇiḥ“ ist eine orthographische Variante zu „Phālguniḥ“ in Kap.43.]

dṛṣṭvā rukmarathaṃ rugṇaṃ putraṃ śalyasya māninam jīvagrāhaṃ jighṛkṣantaṃ saubhadreṇa yaśasvinā saṃgrāmadurmadā rājan rājaputrāḥ prahāriṇaḥ vayasyāḥ śalyaputrasya suvarṇavikṛtadhvajāḥ tālamātrāṇi cāpāni vikarṣanto mahārathāḥ ārjuniṃ śaravarṣeṇa samantāt paryavārayan

Als sie Rukmaratha, den stolzen Sohn Śalyas — der [Abhimanyu] hatte lebend gefangen nehmen wollen —, von dem ruhmreichen Saubhadra gebrochen sahen, umringten die vom Kampf trunkenen Königssöhne, kampfbereit, Gefährten von Śalyas Sohn, mit goldverzierten Feldzeichen, die großen Wagenkämpfer, palmengroße Bögen spannend, o König, den Sohn Arjunas allseits mit einem Pfeilregen.

Wort für Wort
dṛṣṭvā rukmarathaṃ rugṇaṃ
Rukmaratha gebrochen gesehen habend (Ger. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
putraṃ śalyasya māninam
den stolzen Sohn Śalyas (Akk.Sg. + Gen.Sg. + Akk.Sg.)
jīvagrāhaṃ jighṛkṣantaṃ
der lebend gefangen nehmen wollte (Akk.Sg.Kompositum + Akk.Sg.Ptz.Desid.)
saubhadreṇa yaśasvinā
von dem ruhmreichen Saubhadra (Instr.Sg. + Instr.Sg.)
saṃgrāmadurmadā rājan
vom Kampf trunken, o König (Nom.Pl.Kompositum + Vok.Sg.)
rājaputrāḥ prahāriṇaḥ
die Königssöhne, kampfbereit (Nom.Pl. + Nom.Pl.)
vayasyāḥ śalyaputrasya
Gefährten von Śalyas Sohn (Nom.Pl. + Gen.Sg.Kompositum)
suvarṇavikṛtadhvajāḥ
mit goldverzierten Feldzeichen (Nom.Pl.Kompositum)
tālamātrāṇi cāpāni
palmengroße Bögen (Akk.Pl.Kompositum + Akk.Pl.)
vikarṣanto mahārathāḥ
spannend, die großen Wagenkämpfer (Nom.Pl.Ptz. + Nom.Pl.Kompositum)
ārjuniṃ śaravarṣeṇa
den Sohn Arjunas mit einem Pfeilregen (Akk.Sg. + Instr.Sg.Kompositum)
samantāt paryavārayan
umringten sie allseits (Adv. + 3.Pl.Impf.)

[Anm.: V.14-16 bilden eine Einheit — ein einziger, langer Satz. „jighṛkṣantaṃ“ bezieht sich auf Rukmaratha selbst, der in V.10 geprahlt hatte, Abhimanyu lebend gefangen zu nehmen — nicht umgekehrt.]

śūraiḥ śikṣābalopetais taruṇair atyamarṣaṇaiḥ dṛṣṭvaikaṃ samare śūraṃ saubhadram aparājitam chādyamānaṃ śaravrātair hṛṣṭo duryodhano 'bhavat vaivasvatasya bhavanaṃ gatam enam amanyata

Als er den einsamen Helden Saubhadra, unbesiegt in der Schlacht, von jungen, kampfgeschulten, überaus ungeduldigen Helden mit Pfeilschwärmen bedeckt sah, wurde Duryodhana froh; er glaubte, dieser sei bereits in die Wohnstatt des Vaivasvata [Yama, des Totengottes] gegangen.

Wort für Wort
śūraiḥ śikṣābalopetais
von kampfgeschulten Helden (Instr.Pl. + Instr.Pl.Kompositum)
taruṇair atyamarṣaṇaiḥ
jungen, überaus ungeduldigen (Instr.Pl. + Instr.Pl.)
dṛṣṭvaikaṃ samare śūraṃ
den einsamen Helden in der Schlacht gesehen habend (Ger. + Akk.Sg. + Lok.Sg. + Akk.Sg.)
saubhadram aparājitam
Saubhadra, den unbesiegten (Akk.Sg. + Akk.Sg.)
chādyamānaṃ śaravrātair
bedeckt von Pfeilschwärmen (Akk.Sg.Ptz. + Instr.Pl.)
hṛṣṭo duryodhano 'bhavat
froh wurde Duryodhana (Nom.Sg. + Nom.Sg. + 3.Sg.Impf.)
vaivasvatasya bhavanaṃ
die Wohnstatt des Vaivasvata (Gen.Sg. + Akk.Sg.)
gatam enam amanyata
er glaubte, dieser sei gegangen (Akk.Sg.Ptz. + Akk.Sg. + 3.Sg.Impf.)

[Anm.: V.17-18 bilden eine Einheit.]

suvarṇapuṅkhair iṣubhir nānāliṅgais tribhis tribhiḥ adṛśyam ārjuniṃ cakrur nimeṣāt te nṛpātmajāḥ sasūtāśvadhvajaṃ tasya syandanaṃ taṃ ca māriṣa ācitaṃ samapaśyāma śvāvidhaṃ śalalair iva

Mit goldgefiederten Pfeilen von mannigfachem Aussehen, je dreien, machten jene Königssöhne den Sohn Arjunas binnen eines Augenblicks unsichtbar; seinen Wagen samt Wagenlenker, Rossen und Feldzeichen, o Verehrungswürdiger, sahen wir übersät, wie ein Stachelschwein mit seinen Stacheln.

Wort für Wort
suvarṇapuṅkhair iṣubhir
mit goldgefiederten Pfeilen (Instr.Pl.Kompositum + Instr.Pl.)
nānāliṅgais tribhis tribhiḥ
von mannigfachem Aussehen, je dreien (Instr.Pl. + Instr.Pl. + Instr.Pl.)
adṛśyam ārjuniṃ cakrur
unsichtbar machten sie den Sohn Arjunas (Akk.Sg. + Akk.Sg. + 3.Pl.Perf.)
nimeṣāt te nṛpātmajāḥ
binnen eines Augenblicks, jene Königssöhne (Abl.Sg. + Nom.Pl. + Nom.Pl.Kompositum)
sasūtāśvadhvajaṃ tasya
samt Wagenlenker, Rossen und Feldzeichen, seinen (Akk.Sg.Kompositum + Gen.Sg.)
syandanaṃ taṃ ca māriṣa
und jenen Wagen, o Verehrungswürdiger (Akk.Sg. + Akk.Sg. + Konj. + Vok.Sg.)
ācitaṃ samapaśyāma
übersät sahen wir (Akk.Sg.Ptz. + 1.Pl.Impf.)
śvāvidhaṃ śalalair iva
wie ein Stachelschwein mit seinen Stacheln (Akk.Sg. + Instr.Pl. + Partikel)

[Anm.: V.19-20 bilden eine Einheit.]

sa gāḍhaviddhaḥ kruddhaś ca tottrair gaja ivārditaḥ gāndharvam astram āyacchad rathamāyāṃ ca yojayat

Er, tief verwundet und erzürnt, gequält wie ein Elefant von Treibstacheln, entfaltete darauf die Gandharva-Waffe und setzte eine Wagen-Illusion ein.

Wort für Wort
sa gāḍhaviddhaḥ kruddhaś ca
er, tief verwundet und erzürnt (Nom.Sg. + Nom.Sg.Ptz. + Nom.Sg. + Konj.)
tottrair gaja ivārditaḥ
wie ein Elefant von Treibstacheln gequält (Instr.Pl. + Nom.Sg. + Partikel + Nom.Sg.Ptz.)
gāndharvam astram āyacchad
die Gandharva-Waffe entfaltete er (Akk.Sg. + Akk.Sg. + 3.Sg.Impf.)
rathamāyāṃ ca yojayat
und setzte eine Wagen-Illusion ein (Akk.Sg.Kompositum + Konj. + 3.Sg.Impf.)

[Anm.: V.21 bildet eine Einheit. Die Gāndharva-Waffe ist von der Gandharva-Klasse himmlischer Wesen abgeleitet, nicht mit dem Gandharva Tumburu identisch, aber mit ihm assoziiert (vgl. folgende Einheit).]

arjunena tapas taptvā gandharvebhyo yad āhṛtam tumburupramukhebhyo vai tenāmohayatāhitān

Mit jener [Waffe], die Arjuna, nachdem er Askese geübt hatte, von den Gandharvas, angeführt von Tumburu, erhalten hatte, bewirkte er nun Verwirrung unter den Feinden.

Wort für Wort
arjunena tapas taptvā
Arjuna, nachdem er Askese geübt hatte (Instr.Sg. + Akk.Sg. + Ger.)
gandharvebhyo yad āhṛtam
die von den Gandharvas erhalten worden war (Abl.Pl. + Akk.Sg. + Akk.Sg.Ptz.)
tumburupramukhebhyo vai
angeführt von Tumburu (Abl.Pl.Kompositum + Partikel)
tenāmohayatāhitān
mit jener bewirkte er Verwirrung unter den Feinden (Instr.Sg. + 3.Sg.Impf. + Akk.Pl.)

[Anm.: V.22 bildet eine Einheit.]

ekaḥ sa śatadhā rājan dṛśyate sma sahasradhā alātacakravat saṃkhye kṣipram astrāṇi darśayan rathacaryāstramāyābhir mohayitvā paraṃtapaḥ bibheda śatadhā rājañ śarīrāṇi mahīkṣitām bhinnānīkāś ca diṅmūḍhā bhūyaḥ saṃtrastacetasaḥ bhallair utkṛttaśirasaḥ paralokam athāviśan

Er allein erschien, o König, hundertfach, ja tausendfach, während er in der Schlacht rasch, einem Feuerbrand-Rad gleich, seine Waffenkünste zeigte; mit Wagenmanövern und Waffenillusion verwirrend, spaltete der Bezwinger der Feinde hundertfach, o König, die Leiber der Erdherrscher; ihre Reihen zerschlagen, richtungslos verwirrt, aufs Neue von Schrecken erfüllten Herzens, mit von Breitpfeilen abgeschlagenen Köpfen, gingen sie darauf in die andere Welt ein.

Wort für Wort
ekaḥ sa śatadhā rājan
er allein, hundertfach, o König (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Adv. + Vok.Sg.)
dṛśyate sma sahasradhā
erschien er, tausendfach (3.Sg.Präs.Pass. + Partikel + Adv.)
alātacakravat saṃkhye
einem Feuerbrand-Rad gleich, in der Schlacht (Adv. + Lok.Sg.)
kṣipram astrāṇi darśayan
rasch die Waffenkünste zeigend (Adv. + Akk.Pl. + Nom.Sg.Ptz.)
rathacaryāstramāyābhir
mit Wagenmanövern und Waffenillusion (Instr.Pl.Kompositum)
mohayitvā paraṃtapaḥ
verwirrt habend, der Bezwinger der Feinde (Ger. + Nom.Sg.Kompositum)
bibheda śatadhā rājañ
spaltete hundertfach, o König (3.Sg.Perf. + Adv. + Vok.Sg.)
śarīrāṇi mahīkṣitām
die Leiber der Erdherrscher (Akk.Pl. + Gen.Pl.Kompositum)
bhinnānīkāś ca diṅmūḍhā
ihre Reihen zerschlagen und richtungslos verwirrt (Nom.Pl.Kompositum + Konj. + Nom.Pl.Kompositum)
bhūyaḥ saṃtrastacetasaḥ
aufs Neue von Schrecken erfüllten Herzens (Adv. + Nom.Pl.Kompositum)
bhallair utkṛttaśirasaḥ
mit von Breitpfeilen abgeschlagenen Köpfen (Instr.Pl. + Nom.Pl.Kompositum)
paralokam athāviśan
gingen sie darauf in die andere Welt ein (Akk.Sg. + 3.Pl.Impf.)

[Anm.: V.23-24 (mit Einschub *0307_01-02) bilden eine Einheit — das klassische Bild von Abhimanyus scheinbarer Vervielfältigung durch überragende Wagenlenkkunst und Waffenillusion.]

prāṇāḥ prāṇabhṛtāṃ saṃkhye preṣitā niśitaiḥ śaraiḥ rājan prāpur amuṃ lokaṃ śarīrāṇy avaniṃ yayuḥ

Die Lebensatem der Lebewesen, in der Schlacht durch scharfe Pfeile entsandt, o König, erreichten jene [andere] Welt, [während] die Leiber zur Erde gingen.

Wort für Wort
prāṇāḥ prāṇabhṛtāṃ saṃkhye
die Lebensatem der Lebewesen, in der Schlacht (Nom.Pl. + Gen.Pl.Kompositum + Lok.Sg.)
preṣitā niśitaiḥ śaraiḥ
entsandt durch scharfe Pfeile (Nom.Pl.Ptz. + Instr.Pl. + Instr.Pl.)
rājan prāpur amuṃ lokaṃ
o König, erreichten jene Welt (Vok.Sg. + 3.Pl.Perf. + Akk.Sg. + Akk.Sg.)
śarīrāṇy avaniṃ yayuḥ
die Leiber gingen zur Erde (Nom.Pl. + Akk.Sg. + 3.Pl.Perf.)

[Anm.: V.25 bildet eine Einheit.]

dhanūṃṣy aśvān niyantṝṃś ca dhvajān bāhūṃś ca sāṅgadān śirāṃsi ca śitair bhallais teṣāṃ ciccheda phālguniḥ

Bögen, Rosse und Lenker, Feldzeichen und Arme mitsamt Armreifen sowie Köpfe schnitt der Phālguni [Abhimanyu] mit scharfen Breitpfeilen von ihnen ab.

Wort für Wort
dhanūṃṣy aśvān niyantṝṃś ca
Bögen, Rosse und Lenker (Akk.Pl. + Akk.Pl. + Akk.Pl. + Konj.)
dhvajān bāhūṃś ca sāṅgadān
Feldzeichen und Arme mitsamt Armreifen (Akk.Pl. + Akk.Pl. + Konj. + Akk.Pl.Kompositum)
śirāṃsi ca śitair bhallais
und Köpfe, mit scharfen Breitpfeilen (Akk.Pl. + Konj. + Instr.Pl. + Instr.Pl.)
teṣāṃ ciccheda phālguniḥ
von ihnen schnitt ab der Phālguni (Gen.Pl. + 3.Sg.Perf. + Nom.Sg.)

[Anm.: V.26 bildet eine Einheit.]

cūtārāmo yathā bhagnaḥ pañcavarṣaphalopagaḥ rājaputraśataṃ tadvat saubhadreṇāpatad dhatam

Wie ein Mango-Hain, der im fünften Jahr Früchte trägt, gefällt wird, so fiel ein Hundert Königssöhne, von Saubhadra [Abhimanyu] erschlagen.

Wort für Wort
cūtārāmo yathā bhagnaḥ
wie ein Mango-Hain gefällt wird (Nom.Sg.Kompositum + Adv. + Nom.Sg.Ptz.)
pañcavarṣaphalopagaḥ
der im fünften Jahr Früchte trägt (Nom.Sg.Kompositum)
rājaputraśataṃ tadvat
ein Hundert Königssöhne, ebenso (Nom.Sg.Kompositum + Adv.)
saubhadreṇāpatad dhatam
fiel, von Saubhadra erschlagen (Instr.Sg. + 3.Sg.Impf. + Nom.Sg.Ptz.)

[Anm.: V.27 bildet eine Einheit.]

kruddhāśīviṣasaṃkāśān sukumārān sukhocitān ekena nihatān dṛṣṭvā bhīto duryodhano 'bhavat

Als er die zarten, an Komfort gewöhnten, erzürnten Giftschlangen gleichenden [Prinzen], von einem einzigen erschlagen, sah, wurde Duryodhana von Furcht ergriffen.

Wort für Wort
kruddhāśīviṣasaṃkāśān
den erzürnten Giftschlangen gleichenden (Akk.Pl.Kompositum)
sukumārān sukhocitān
die zarten, an Komfort gewöhnten (Akk.Pl. + Akk.Pl.Kompositum)
ekena nihatān dṛṣṭvā
von einem einzigen erschlagen gesehen habend (Instr.Sg. + Akk.Pl.Ptz. + Ger.)
bhīto duryodhano 'bhavat
von Furcht ergriffen wurde Duryodhana (Nom.Sg. + Nom.Sg. + 3.Sg.Impf.)

[Anm.: V.28 bildet eine Einheit.]

rathinaḥ kuñjarān aśvān padātīṃś cāvamarditān dṛṣṭvā duryodhanaḥ kṣipram upāyāt tam amarṣitaḥ tayoḥ kṣaṇam ivāpūrṇaḥ saṃgrāmaḥ samapadyata athābhavat te vimukhaḥ putraḥ śaraśatārditaḥ

Als er Wagenkämpfer, Elefanten, Rosse und Fußvolk niedergewalzt sah, kam Duryodhana, erzürnt, rasch auf ihn zu; zwischen den beiden entstand ein Kampf, der wie nur einen Augenblick lang erschien; darauf wandte sich dein Sohn, von hundert Pfeilen gequält, ab.

Wort für Wort
rathinaḥ kuñjarān aśvān
Wagenkämpfer, Elefanten, Rosse (Akk.Pl. + Akk.Pl. + Akk.Pl.)
padātīṃś cāvamarditān
und niedergewalztes Fußvolk (Akk.Pl. + Konj. + Akk.Pl.Ptz.)
dṛṣṭvā duryodhanaḥ kṣipram
gesehen habend, Duryodhana rasch (Ger. + Nom.Sg. + Adv.)
upāyāt tam amarṣitaḥ
kam auf ihn zu, erzürnt (3.Sg.Impf. + Akk.Sg. + Nom.Sg.)
tayoḥ kṣaṇam ivāpūrṇaḥ
zwischen den beiden, wie einen Augenblick lang (Gen.Du. + Akk.Sg. + Partikel + Nom.Sg.)
saṃgrāmaḥ samapadyata
entstand der Kampf (Nom.Sg. + 3.Sg.Impf.)
athābhavat te vimukhaḥ
darauf wurde dein abgewandt (Adv. + 3.Sg.Impf. + Gen.Sg. + Nom.Sg.)
putraḥ śaraśatārditaḥ
der Sohn, von hundert Pfeilen gequält (Nom.Sg. + Nom.Sg.Kompositum)

[Anm.: V.29-30 bilden eine Einheit und schließen das Kapitel mit Duryodhanas Rückzug.]

Dieses Kapitel in der Leseansicht