Kapitel 105: ṛgvede 1.105 · candramā apsvantarā suparṇo dhāvate divi
Tritas Klage und Fragen an die Götter: Wahrheit, Wolf und Brunnen
Rätselhaftes Lied mit dem Kehrreim „Erkennt dies von mir, ihr beiden Welten“. Ein Sprecher (nach V. 9 und 17 Trita) fragt nach Ṛta, Weg und Ordnung der Götter, klagt über Sorgen und Bedrängnis (Wolf, Brunnen) und bittet um Erlösung. Viele Verse sind wörtlich unklar (Bilder von Mond, Blitzen, den sieben Strahlen, den fünf Stieren); Verse 7–8 sind in der Quelle ohne brauchbaren Padapāṭha.
candramā apsvantarā suparṇo dhāvate divi / na vo hiraṇyanemayaḥ padaṃ vindanti vidyuto vittaṃ me asya rodasī
Der Mond läuft [wie] mitten in den Wassern, ein Schönbeschwingter rennt im Himmel; nicht finden euch die goldfelgigen Blitze eure Spur: / erkennt mir dies, ihr beiden Welten. [Anm.: Bildrede; Deutung als Mond und Sonnenvogel plausibel, der Bezug der Anrede vaḥ unsicher [?].]
Ein Gut suchen wahrlich die Güter-Strebenden; die Gattin schmiegt sich dem Gatten an; / beide treiben die stiergewaltige Milch; hingegeben melkt sie den Saft: erkennt mir dies, ihr beiden Welten. [Anm.: Anspielung auf Ehe/Zeugung, Zusammenhang der Strophe unsicher [?].]
mo ṣu deva adaḥ svarava pādi divas pari / mā somyasya śambhuvaḥ śūne bhūma kadā cana vittam...
Nicht, ihr Götter, ist jenes Licht [Sonne?] vom Himmel herabgefallen; / mögen wir nie in der Leere [des Mangels] an dem soma-gemäßen Heilbringer sein: erkennt mir dies, ihr beiden Welten. [Anm.: ṣu mo ... „ja nicht“; svar „Licht/Sonne“ als Objekt der Sorge [?].]
yajñaṃ pṛchāmyavamaṃ sa tad dūto vi vocati / kva ṛtaṃ pūrvyaṃ gataṃ kastad bibharti nūtano vi...
Nach der Weihehandlung frage ich, der untersten; der Bote soll uns das verkünden. / Wohin ist das frühere Ṛta gegangen? Wer, ein Neuer, trägt es? Erkennt mir dies, ihr beiden Welten.
amī ye devā sthana triṣvā rocane divaḥ / kad va ṛtaṃ kadanṛtaṃ kva pratnā va āhutirvi...
Ihr Götter dort, die ihr in den drei Lichträumen des Himmels weilt: / was ist euer Ṛta, was das Unwahre, wo euer alter Anruf? Erkennt mir dies, ihr beiden Welten. [Anm.: āhuti eigentlich „Anrufung/Darbringung“; kat „was/wo“ mehrdeutig [?].]
kad va ṛtasya dharṇasi kad varuṇasya cakṣaṇam / kadaryamṇo mahas pathāti krāmema dūḍhyo vi...
Was ist eure Stütze des Ṛta, was Varuṇas Blick? / Wie mögen wir auf dem großen Pfad des Aryaman die Übelgesinnten überschreiten? Erkennt mir dies, ihr beiden Welten. [Anm.: duḥ-ḍhya [?] „übel/schwer zu Fassende, Feinde“.]
aham so asmi yaḥ purā sute vadāmi kāni cit / taṃ mā vyantyādhyo vṛko na tṛṣṇajaṃ mṛgaṃ vi... [Anm.: Saṃhitā-Text und Padapāṭha der Quelle stimmen an dieser Stelle nicht überein (verschoben oder gekürzt). Padapāṭha: iti]
Ich bin der, der früher beim Pressen einiges gesprochen hat; / ihn bedrängen die Sorgen wie der Wolf das durstige Wild. [Anm.: Der Padapāṭha der Quelle ist nur ein Fragment; Übersetzung aus dem Saṃhitā-Text; der Kehrreim ist gekürzt.]
Wort für Wort
iti
[PP nur „iti“ überliefert; Vers nach SA: aham so asmi yaḥ purā sute vadāmi kāni cit / taṃ mā vyanti ādhyo vṛko na tṛṣṇajaṃ mṛgam]
saṃ mā tapantyabhitaḥ sapatnīriva parśavaḥ / mūṣo na śiśnā vyadanti mādhya stotāraṃ te śatakrato vi... [Anm.: Saṃhitā-Text und Padapāṭha der Quelle stimmen an dieser Stelle nicht überein (verschoben oder gekürzt). Padapāṭha: iti]
Rings brennen mich die Rippen [Sorgen] wie Nebenfrauen; / wie Mäuse fressen mich die Sorgen an, deinen Sänger, Hundertkräftiger. [Anm.: Der Padapāṭha der Quelle ist nur ein Fragment; Übersetzung aus dem Saṃhitā-Text; parśava „Rippen“ ([?] bildlich).]
Wort für Wort
iti
[PP nur „iti“ überliefert; Vers nach SA: saṃ mā tapanti abhitaḥ sapatnīr iva parśavaḥ / mūṣo na śiśnā vyadanti mā ādhyaḥ stotāraṃ te śatakrato]
amī ye sapta raśmayastatrā me nābhirātatā / tritastad vedāptyaḥ sa jāmitvāya rebhati vi...
Diese sieben Strahlen dort: dort ist mein Nabel ausgespannt. / Trita Āptya weiß das; er ruft für die Verwandtschaft: erkennt mir dies, ihr beiden Welten. [Anm.: „Strahlen/Nabel“ Bildrede; kosmisch-rituell plausibel, sonst spekulativ.]
amī ye pañcokṣaṇo madhye tasthurmaho divaḥ / devatrā nu pravācyaṃ sadhrīcīnā ni vāvṛturvi...
Diese fünf Stiere dort, die in der Mitte des großen Himmels standen: / bei den Göttern ist es nun zu verkünden; zusammengewandt haben sie sich niedergewendet [?]. Erkennt mir dies, ihr beiden Welten. [Anm.: Wer die fünf Stiere sind (Sterne? Feuerformen?), ist unsicher; spekulativ.]
suparṇā eta āsate madhya ārodhane divaḥ / te sedhanti patho vṛkaṃ tarantaṃ yahvatīrapo vi...
Diese Schönbeschwingten sitzen in der Mitte des Aufstiegs des Himmels; / sie wehren den Wolf vom Weg ab, der die strömenden Wasser überquert: erkennt mir dies, ihr beiden Welten. [Anm.: ārodhana wohl „Aufstieg/Rand des Himmels“ [?].]
Dies Neue, Preisenswerte, ihr Götter, gut zu Verkündende, ist [nieder]gelegt; / die Ströme lassen das Ṛta strömen; die Wahrheit hat die Sonne ausgedehnt: erkennt mir dies, ihr beiden Welten.
Agni, dies dein Preisenswertes: unter den Göttern besteht Verwandtschaft; / du, der du dich niedergelassen hast, wie Manu, verehre für uns die Götter, du Wissenderer: erkennt mir dies, ihr beiden Welten. [Anm.: yakṣi = „weihe/verehre“ (√yaj), nicht „opfere“.]
Niedergelassen ist der Rufer, wie Manu, [er,] zu den Göttern hin wissenderer; / Agni macht die Darbringungen schmackhaft, der Gott, weise unter den Göttern: erkennt mir dies, ihr beiden Welten.
Varuṇa macht den Brahman(-Sprecher) [?]; ihn, den Wegkundigen, bitten wir. / Er öffnet mit dem Herzen die Einsicht; ein Neues möge geboren werden: das Ṛta. Erkennt mir dies, ihr beiden Welten. [Anm.: Konstruktion unsicher; brahman „Gebet/Formung“ oder „Priester“ [?].]
asau yaḥ panthā ādityo divi pravācyaṃ kṛtaḥ / na sa devā atikrame taṃ martāso na paśyatha vi...
Jener Pfad, der Āditya, ist am Himmel als verkündenswert gemacht [?]; / nicht ist er, ihr Götter, zu überschreiten; ihn seht ihr Sterblichen nicht: erkennt mir dies, ihr beiden Welten. [Anm.: „Pfad = Āditya“ ist unsicher; wohl Sonnenbahn.]
Der rötliche Wolf sah mich einmal auf dem Weg gehen; / er springt auf, nachdem er [mich] bemerkt hat, wie ein Rücken-leidender Zimmermann [?]: erkennt mir dies, ihr beiden Welten. [Anm.: pṛṣṭy-āmayī „rückenleidend“; Zimmermannsvergleich unsicher [?].]
enāṅgūṣeṇa vayamindravanto 'bhi ṣyāma vṛjane sarvavīrāḥ / tan no ...
Durch dieses Loblied wollen wir, Indra besitzend, im Bereich überlegen sein, allen Männern zugehörig; / das sollen uns Mitra und Varuṇa gewähren, Aditi, Sindhu, Erde und Himmel.