Kapitel 48: ṛgvede 1.48 · saha vāmena na uṣo vyuchā duhitardivaḥ
Anruf an Uṣas, die Morgenröte, um Reichtum, Licht und Schutz
Langes Uṣas-Lied: Aufleuchten der Göttin, Bild der jungen Frau und der Wagen, Erwachen von Vögeln und Menschen, Bitte um Gaben und um Herbeiführung der Götter zum Somatrunk. Schwierig ist v. 6 (odatī, padam).
Die rossreichen, rinderreichen, alles Gute findenden [Gaben/Strahlen] sind reichlich aufgebrochen zum Aufleuchten. / Erhebe mir entgegen die wahrhaftigen Gaben [Anm.: sūnṛtā, 'Wahrhaftes, Freundliches'], Uṣas, treibe die Gabe der Freigebigen an.
uvāsoṣā uchācca nu devī jīrā rathānām / ye asyā ācaraṇeṣu dadhrire samudre na śravasyavaḥ
Aufgeleuchtet ist Uṣas, und sie wird nun leuchten, die Göttin, die Antreiberin der Wagen; / die bei ihrem Herankommen sich aufgestellt haben wie Ruhmsuchende auf dem Meer.
Wort für Wort
uvāsa
sie hat aufgeleuchtet (Perf. 3. Sg.)
uṣāḥ
Uṣas (Nom. Sg.)
ucchāt
sie soll/wird leuchten (Aor. Konj. 3. Sg.)
ca
und (Partikel)
nu
nun (Partikel)
devī
Göttin (Nom. Sg.)
jīrā
Antreiberin, die Flinke (Nom. Sg.)
rathānām
der Wagen (Gen. Pl.)
ye
die (Nom. Pl.)
asyāḥ
ihre (Gen. Sg. f.)
ācaraṇeṣu
beim Herankommen (Lok. Pl.)
dadhrire
sie haben sich gesetzt/gestellt (Perf. 3. Pl. Med.)
uṣo ye te pra yāmeṣu yuñjate mano dānāya sūrayaḥ / atrāha tat kaṇva eṣāṃ kaṇvatamo nāma gṛṇāti nṛṇām
Uṣas, die Gönner, die bei deinen Fahrten ihr Denken auf das Geben richten, / hier eben nennt Kaṇva, der Kaṇva-gleichste unter diesen Männern, diesen Namen.
Wie eine junge Frau, die Freundliche, kommt Uṣas heran, sich [allem] zuwendend [?]; / das Lager/Gehöft [Anm.: vṛjana] altern lassend [?] geht sie mit Füßen; sie lässt die Vögel auffliegen.
vi yā sṛjati samanaṃ vyarthinaḥ padāṃ na vetyodatī / vayo nakiṣ ṭe paptivāṃsa āsate vyuṣṭau vājinīvati
Die das Beisammensein auflöst und die Zweckverfolgenden [zerstreut]; die Drängende [?] sucht wie einen Fußpunkt [den Ort] auf [?]. / Die Vögel, die aufgeflogen sind, bleiben bei deinem Aufleuchten nicht sitzen, du Kraftreiche. [Anm.: odatī, padam na veti unsicher]
Wort für Wort
vi
auseinander (Präverb)
yā
die (Nom. Sg. f.)
sṛjati
sie entlässt, löst (3. Sg.)
samanam
Zusammenkunft, Beisammensein (Akk. Sg.)
vi
auseinander (Präverb)
arthinaḥ
die Zwecksuchenden, Bedürftigen (Akk. Pl.)
padam
Fuß, Standort, Spur (Akk. Sg.)
na
wie, nicht (Partikel)
veti
sie geht/sucht auf (3. Sg.)
odatī
die Drängende/Nässende [?] (Nom. Sg. f.)
vayaḥ
Vögel (Nom. Pl.)
naki ḥ
nicht (Partikel)
te
dir (Gen./Dat. Sg.)
paptivāṃsaḥ
die Geflogenen (Nom. Pl. Perf. Part.)
āsatevi-uṣṭau vājinī-vati
sie sitzen [sie bleiben] beim Aufleuchten, du Kraftreiche (3. Pl. Med. + Lok. Sg. + Vok. Sg. f.; PP-Token verschmolzen)
Sie hat sich von fern angeschirrt, vom Aufgang der Sonne her: / mit hundert Wagen fährt diese glückliche Uṣas auseinander [in alle Richtungen], den Menschen entgegen.
Alles hat sich vor ihr gebeugt, um sie zu sehen; die Freundliche schafft der Welt Licht. / Den Hass, die Freigebige, Himmelstochter Uṣas, leuchte hinweg, hinweg die Schädiger.
Uṣas, leuchte her mit strahlendem Glanz, Tochter des Himmels, / viel Glück uns herbeibringend, aufleuchtend bei den [Himmels-]Streben [Anm.: diviṣṭiṣu unsicher, wohl 'bei den Tagesgängen/Himmelsanrufungen'].
Wort für Wort
uṣaḥ
Uṣas (Vok. Sg.)
ā
her (Präverb)
bhāhi
leuchte (Imp. 2. Sg.)
bhānunā
mit Strahl (Instr. Sg.)
candreṇa
mit glänzendem (Instr. Sg. m.)
duhitaḥ
Tochter (Vok. Sg.)
divaḥ
des Himmels (Gen. Sg.)
āvahantī
herbeiführend (Nom. Sg. f.)
bhūri
viel, reichlich (Adv.)
asmabhyam
uns (Dat. Pl.)
saubhagam
Glück, Segen (Akk. Sg.)
vi-ucchantī
aufleuchtend (Nom. Sg. f.)
diviṣṭiṣu
bei den Himmelsstreben/Himmelseilen [?] (Lok. Pl.)
viśvasya hi prāṇanaṃ jīvanaṃ tve vi yaduchasi sūnari / sā no rathena bṛhatā vibhāvari śrudhi citrāmaghe havam
Denn des Ganzen Atmen und Leben ist in dir, wenn du aufleuchtest, Freundliche. / Du, auf hohem Wagen, Strahlende, höre unseren Ruf, du mit glänzender Gabe.
uṣo vājaṃ hi vaṃsva yaścitro mānuṣe jane / tenā vaha sukṛto adhvarānupa ye tvā gṛṇanti vahnayaḥ
Uṣas, gewinne die Kraftnahrung, die bei den Menschen die glänzende ist; / damit führe herbei die gut Handelnden zu den Weihehandlungen, die dich, die Träger, preisen.
Bringe alle Götter zum Somatrunk herbei aus dem Luftraum, Uṣas, du. / Du, setze in uns rinder- und rossreiche, lobenswerte Kraftnahrung, Uṣas, mit guter Männerkraft.
ye cid dhi tvām ṛṣayaḥ pūrva ūtaye juhūre 'vase mahi / sā na stomānabhi gṛṇīhi rādhasoṣaḥ śukreṇa śociṣā
Die Ṛṣis der Vorzeit, die dich zu Hilfe, zum Beistand, du Große, angerufen haben, / du, nimm unsere Loblieder an, Uṣas, mit Gabe und mit reiner Flamme.
uṣo yadadya bhānunā vi dvārāv ṛṇavo divaḥ / pra no yachatādavṛkaṃ pṛthu chardiḥ pra devi gomatīriṣaḥ
Uṣas, wenn du heute mit Glanz die beiden Tore des Himmels aufschließt, / dann reiche uns ein gefahrloses, weites Obdach; reiche, Göttin, rinderreiche Labungen.