Quellen der Menschheit

Ṛgveda · Maṇḍala 1

Kapitel 25: ṛgvede 1.25 · yaccid dhi te viśo yathā pra deva varuṇa vratam Bitte an Varuṇa um Nachsicht und Preis seines Wissens

Bitte um Milde gegenüber Verstößen, dann Preis von Varuṇas Allwissen (Vögel, Schiffe, Monate, Wind), seiner Herrschaft und Unverletzlichkeit; Schluss mit Bitte um Erhörung und Lösung der Fesseln. Schwierig: 13 (drāpi 'Mantel'), 15, 20 (verderbte Padas).

yaccid dhi te viśo yathā pra deva varuṇa vratam / minīmasidyavi-dyavi

Was auch immer wir, wie die Stämme (Leute), dein Gebot, o Gott Varuṇa, / Tag für Tag missachten.

Wort für Wort
yat
was (Akk. Sg.)
cit
auch immer
hi
denn
te
dein (Gen. Sg.)
viśaḥ
Stämme, Leute (Nom. Pl.)
yathā
wie
pra
hin, weg (Präv.)
deva
Gott (Vok. Sg.)
varuṇa
Varuṇa (Vok. Sg.)
vratam
Gebot, Satzung (Akk. Sg.)
minīmasi
wir übertreten (1. Pl.)
dyavi-dyavi
Tag für Tag (Lok. Sg. Iter.)

mā no vadhāya hatnave jihīḷānasya rīradhaḥ / mā hṛṇānasya manyave

Gib uns nicht dem Tod (Schlag) preis, dem Tötenden, im Zorn des Zürnenden; / nicht dem Grimm des Verärgerten.

Wort für Wort
mā
nicht
naḥ
uns (Akk. Pl.)
vadhāya
dem Schlag, dem Tod (Dat. Sg.)
hatnave
dem Tötenden (Dat. Sg.)
jihīḷānasya
des Zürnenden (Gen. Sg.)
rīradhaḥ
du sollst ausliefern (Aor. Inj. 2. Sg.)
mā
nicht
hṛṇānasyamanyave
des Erzürnten und dem Grimm (Gen./Dat. Sg., Token verklebt: hṛṇānasya manyave)

vi mṛḷīkāya te mano rathīraśvaṃ na sanditam / gīrbhirvaruṇa sīmahi

Zur Besänftigung wollen wir deinen Sinn, wie der Wagenlenker das festgeschirrte Ross, / mit Liedern lösen (frei machen), Varuṇa. [Anm.: sīmahi Bedeutung 'binden/anschirren' wahrscheinlicher; 'wir wollen deinen Sinn, wie ein Wagenlenker das Ross, an uns binden' als Alternative.]

Wort für Wort
vi
auseinander, los (Präv.)
mṛḷīkāya
zur Besänftigung (Dat. Sg.)
te
dein (Gen. Sg.)
manaḥ
Sinn (Akk. Sg.)
rathīḥ
Wagenlenker (Nom. Sg.)
aśvam
Ross (Akk. Sg.)
na
wie
sam-ditam
festgebunden (Akk. Sg.)
gīrbhiḥ
mit Liedern (Instr. Pl.)
varuṇa
Varuṇa (Vok. Sg.)
sīmahi
wir wollen binden/lösen (Opt. 1. Pl. Med.) [?]

parā hi me vimanyavaḥ patanti vasyaiṣṭaye / vayo na vasatīrupa

Fort von mir fliegen meine Unmutsregungen, um das Bessere zu erstreben, / wie Vögel zu ihren Nestern.

Wort für Wort
parā
fort (Adv.)
hi
denn
me
von mir (Gen. Sg.)
vi-manyavaḥ
unmutig, Unmut (Nom. Pl.)
patanti
sie fliegen (3. Pl.)
vasyaḥ-iṣṭaye
zum Streben nach Besserem (Dat. Sg.)
vayaḥ
Vögel (Nom. Pl.)
na
wie
vasatīḥ
Nestern (Akk. Pl.)
upa
hin zu

kadā kṣatraśriyaṃ naramā varuṇaṃ karāmahe / mṛḷīkāyorucakṣasam

Wann werden wir Varuṇa, den Mann mit herrschaftlichem Glanz, / den weithin Schauenden, zur Gnade bringen (machen)?

Wort für Wort
kadā
wann
kṣatra-śriyam
mit Herrschaftsglanz (Akk. Sg.)
naram
Mann (Akk. Sg.)
ā
hin (Präv.)
varuṇam
Varuṇa (Akk. Sg.)
karāmahe
wir werden machen (Konj. 1. Pl. Med.)
mṛḷīkāya
zur Gnade (Dat. Sg.)
uru-cakṣasam
weithin schauend (Akk. Sg.)

tadit samānamāśāte venantā na pra yuchataḥ / dhṛtavratāya dāśuṣe

Dasselbe erlangen beide gemeinsam; die Wünschenden lassen nicht davon ab, / für den, der die Gebote (Satzungen) hält, für den Gebenden.

Wort für Wort
tat
eben dies (Akk. Sg.)
it
gerade
samānam
gemeinsam (Akk. Sg.)
āśāteiti
sie erlangen (3. Du. Med.)
venantā
wünschend, verlangend (Nom. Du.)
na
nicht
pra
hin, weg (Präv.)
yucchataḥ
sie lassen ab, unterlassen (3. Du.) [?]
dhṛta-vratāya
der die Gebote hält (Dat. Sg.)
dāśuṣe
dem Gebenden (Dat. Sg.)

vedā yo vīnāṃ padamantarikṣeṇa patatām / veda nāvaḥ samudriyaḥ

Er weiß den Weg der Vögel, die durch den Luftraum fliegen; / er weiß, als Meeresbewohner, die Schiffe.

Wort für Wort
veda
er weiß (Perf. 3. Sg.)
yaḥ
der (Nom. Sg.)
vīnām
der Vögel (Gen. Pl.)
padam
Weg, Spur (Akk. Sg.)
antarikṣeṇa
durch den Luftraum (Instr. Sg.)
patatām
der fliegenden (Gen. Pl.)
veda
er weiß (Perf. 3. Sg.)
nāvaḥ
Schiffe (Akk. Pl.)
samudriyaḥ
im Meer weilend (Nom. Sg.)

veda māso dhṛtavrato dvādaśa prajāvataḥ / vedā ya upajāyate

Er, der die Gebote hält, weiß die zwölf Monate mit ihrer Nachkommenschaft (Nachträgen); / er weiß auch den, der nachgeboren wird. [Anm.: prajāvataḥ, dt. 'mit Nachkommen', bezieht sich wohl auf den Schaltmonat, den 13., plausibel.]

Wort für Wort
veda
er weiß (Perf. 3. Sg.)
māsaḥ
Monate (Akk. Pl.)
dhṛta-vrataḥ
der die Gebote hält (Nom. Sg.)
dvādaśa
zwölf (Akk. Pl.)
prajāvataḥ
mit Nachkommenschaft (Akk. Pl.)
veda
er weiß (Perf. 3. Sg.)
yaḥ
der (Akk. Sg.)
upa-jāyate
nachgeboren wird (3. Sg. Med.)

veda vātasya vartanimurorṛṣvasya bṛhataḥ / vedā ye adhyāsate

Er weiß den Weg des Windes, des breiten, hohen, gewaltigen; / er weiß die, die darüber wohnen.

Wort für Wort
veda
er weiß (Perf. 3. Sg.)
vātasya
des Windes (Gen. Sg.)
vartanim
Bahn (Akk. Sg.)
uroḥ
des breiten (Gen. Sg.)
ṛṣvasya
des hohen, erhabenen (Gen. Sg.)
bṛhataḥ
des gewaltigen (Gen. Sg.)
veda
er weiß (Perf. 3. Sg.)
ye
die (Akk. Pl.)
adhi-āsate
darüber wohnen (3. Pl. Med.)

ni ṣasāda dhṛtavrato varuṇaḥ pastyāsvā / sāmrājyāya sukratuḥ

Er hat sich niedergelassen, der Gebotehalter Varuṇa, in den Wohnstätten (Häusern), / zur Oberherrschaft, der Geistesmächtige.

Wort für Wort
ni
nieder (Präv.)
sasāda
er hat sich gesetzt (Perf. 3. Sg.)
dhṛta-vrataḥ
der Gebotehalter (Nom. Sg.)
varuṇaḥ
Varuṇa (Nom. Sg.)
pastyāsu
in den Wohnstätten (Lok. Pl.)
ā
hin (Präv.)
sām-rājyāya
zur Oberherrschaft (Dat. Sg.)
su-kratuḥ
geistesmächtig (Nom. Sg.)

ato viśvānyadbhutā cikitvānabhi paśyati / kṛtāni yā cakartvā

Von dort aus sieht der Einsichtige alle Wunderdinge, / die getanen und die, die noch zu tun sind.

Wort für Wort
ataḥ
von dort (Abl.)
viśvāni
alle (Akk. Pl.)
adbhutā
Wunderdinge (Akk. Pl.)
cikitvān
der Einsichtige (Nom. Sg.)
abhi
hin (Präv.)
paśyati
er sieht (3. Sg.)
kṛtāni
getan (Akk. Pl.)
yā
die (Akk. Pl.)
ca
und
kartvā
zu tun (Akk. Pl., Gerundiv)

sa no viśvāhā sukraturādityaḥ supathā karat / pra ṇa āyūṃṣi tāriṣat

Er, der Geistesmächtige, der Āditya, soll uns allezeit gute Wege machen; / er soll unsere Lebensspannen verlängern.

Wort für Wort
saḥ
er (Nom. Sg.)
naḥ
uns (Dat. Pl.)
viśvāhā
allezeit (Adv.)
su-kratuḥ
geistesmächtig (Nom. Sg.)
ādityaḥ
Āditya (Nom. Sg.)
su-pathā
auf guten Wegen (Instr. Sg.)
karat
er soll machen (Inj. 3. Sg.)
pra
weiter (Präv.)
naḥ
unsere (Akk. Pl.)
āyūṃṣi
Lebensspannen (Akk. Pl.)
tāriṣat
er soll hinüberführen, verlängern (Aor. Konj. 3. Sg.)

bibhrad drāpiṃ hiraṇyayaṃ varuṇo vasta nirṇijam / pari spaśo ni ṣedire

Varuṇa hat den goldenen Mantel angelegt, der als Glanz strahlt; / rings sitzen (seine) Späher [Anm.: spaśaḥ 'Späher/Kundschafter'].

Wort für Wort
bibhrat
tragend (Nom. Sg.)
drāpim
Mantel (Akk. Sg.)
hiraṇyayam
golden (Akk. Sg.)
varuṇaḥ
Varuṇa (Nom. Sg.)
vasta
er hat angelegt (Aor. 3. Sg. Med.)
niḥ-nijam
als Glanz, strahlend (Akk. Sg.) [?]
pari
rings (Adv.)
spaśaḥ
Späher (Nom. Pl.)
ni
nieder (Präv.)
sedire
sie haben sich gesetzt (Perf. 3. Pl.)

na yaṃ dipsanti dipsavo na druhvāṇo janānām / na devamabhimātayaḥ

Ihn, den Gott, verletzen die Verletzungswilligen nicht, / nicht die Schädiger der Menschen, nicht die Feindseligen.

Wort für Wort
na
nicht
yam
den (Akk. Sg.)
dipsanti
sie wollen verletzen (3. Pl.)
dipsavaḥ
Verletzungswillige (Nom. Pl.)
na
nicht
druhvāṇaḥ
Schädiger (Nom. Pl.)
janānām
der Menschen (Gen. Pl.)
na
nicht
devam
Gott (Akk. Sg.)
abhi-mātayaḥ
Feindselige (Nom. Pl.)

uta yo mānuṣeṣvā yaśaścakre asāmyā / asmākamudareṣvā

Und der, der unter den Menschen unvergleichlichen Ruhm gemacht hat, / (den hat er) auch in unseren Bäuchen. [Anm.: udareṣv ā 'in den Leibern', Sinn unklar [?]; vgl. Wunsch, dass Varuṇas Ruhm/Wirken in uns ist.]

Wort für Wort
uta
und, auch
yaḥ
der (Nom. Sg.)
mānuṣeṣu
unter den Menschen (Lok. Pl.)
ā
hin, bei (Postp.)
yaśaḥ
Ruhm (Akk. Sg.)
cakre
er hat gemacht (Perf. 3. Sg. Med.)
asāmi
unvergleichlich, ohne Gleichen (Adv.)
ā
hin, bei (Postp.)
asmākam
unser (Gen. Pl.)
udareṣu
in den Bäuchen (Lok. Pl.)
ā
hin, bei (Postp.)

parā me yanti dhītayo gāvo na gavyūtīranu / ichantīrurucakṣasam

Fort zu ihm gehen meine Gedanken, wie Kühe zu ihren Weiden, / den Weithinschauenden suchend.

Wort für Wort
parāḥ
fort, hinweg (Adv.)
me
von mir (Gen. Sg.)
yanti
sie gehen (3. Pl.)
dhītayaḥ
Gedanken, Schauungen (Nom. Pl.)
gāvaḥ
Kühe (Nom. Pl.)
na
wie
gavyūtīḥ
Weiden (Akk. Pl.)
anu
entlang, nach
icchantīḥ
suchend (Nom. Pl. f.)
uru-cakṣasam
den Weithinschauenden (Akk. Sg.)

saṃ nu vocāvahai punaryato me madhvābhṛtam / hoteva kṣadase priyam

Wir wollen zusammen sprechen; von wo mir das Süße gebracht wurde, wieder ... / wie ein Rufer isst du das Liebe. [Anm.: Text dunkel; punar yataḥ wohl 'nachdem es mir wieder gebracht wurde'; hoteva kṣadase 'wie ein Hotṛ isst/bewirtest du' [?]]

Wort für Wort
sam
zusammen (Präv.)
nu
jetzt
vocāvahai
wir wollen sprechen (Aor. Konj. 1. Du. Med.)
punaḥ
wieder
yataḥ
von wo (Abl.)
me
mir (Dat. Sg.)
madhu
Süßes, Honig (Nom. Sg.)
ābhṛtam
herbeigebracht (Nom. Sg.)
hotāiva
wie ein Rufer (Nom. Sg.)
kṣadase
du isst, du nimmst zu dir (2. Sg. Med.) [?]
priyam
das Liebe (Akk. Sg.)

darśaṃ nu viśvadarṣataṃ darśaṃ rathamadhi kṣami / etā juṣata me giraḥ

Ich möchte ihn sehen, der überall zu sehen ist; ich möchte den Wagen sehen auf der Erde. / Diese meine Lieder sollen ihm gefallen.

Wort für Wort
darśam
ich möchte sehen (Aor. Konj. 1. Sg.)
nu
jetzt
viśva-darśatam
überall zu sehen, allsichtbar (Akk. Sg.)
darśam
ich möchte sehen (Konj. 1. Sg.)
ratham
Wagen (Akk. Sg.)
adhi
auf (Präp.)
kṣami
der Erde (Lok. Sg.)
etāḥ
diese (Akk. Pl.)
juṣata
sie sollen gefallen (Imp. 2. Pl.) [?]
me
mein (Gen. Sg.)
giraḥ
Lieder (Akk. Pl.)

imaṃ me varuṇa śrudhī havamadyā ca mṛḷaya / tvāmavasyurā cake

Diesen meinen Ruf höre, Varuṇa, und sei heute gnädig; / nach dir verlange ich, hilfesuchend.

Wort für Wort
imam
diesen (Akk. Sg.)
me
mein (Gen. Sg.)
varuṇa
Varuṇa (Vok. Sg.)
śrudhi
höre (Imp. 2. Sg.)
havam
Ruf (Akk. Sg.)
adya
heute (Adv.)
ca
und
mṛḷaya
sei gnädig (Imp. 2. Sg.)
tvām
dich (Akk. Sg.)
avasyuḥ
hilfesuchend (Nom. Sg.)
ā
hin (Präv.)
cakre
ich begehre (Perf. 1. Sg. Med.)

tvaṃ viśvasya medhira divaśca gmaśca rājasi / sa yāmaniprati śrudhi

Du bist Herr über alles, du Weiser, über Himmel und Erde. / Höre, so wie du bist, auf deiner Bahn [Anm.: Verderbte Pādas im Text; 'saḥ yāmani' etwa 'du auf deiner Fahrt' [?]], auf unseren Ruf.

Wort für Wort
tvam
du (Nom. Sg.)
viśvasya
über alles (Gen. Sg.)
medhira
Weiser, Einsichtiger (Vok. Sg.)
divaḥ
über den Himmel (Gen. Sg.)
ca
und
gmaḥ
über die Erde (Gen. Sg.)
ca
und
rājasi
du herrschst (2. Sg.)
saḥ yāmani
er / auf der Fahrt (Nom. Sg. / Lok. Sg.) [?]
prati
entgegen, zu (Präv.)
śrudhi
höre (Imp. 2. Sg.)

uduttamaṃ mumugdhi no vi pāśaṃ madhyamaṃ cṛta / avādhamāni jīvase

Die oberste Fessel löse von uns, trenne die mittlere ab. / Die unteren (Fesseln) [löse], dass wir leben.

Wort für Wort
ut
aufwärts
ut-tamam
die oberste (Akk. Sg.)
mumugdhi
löse (Imp. 2. Sg.)
naḥ
von uns (Abl.)
vi
auseinander (Präv.)
pāśam
Fessel (Akk. Sg.)
madhyamañ cṛta
die mittlere, trenne ab (Akk. Sg. + Imp. 2. Sg. [Verklebung: madhyamañ cṛta])
ava
herab
adhamāni
die unteren (Akk. Pl.)
jīvase
zum Leben (Dat. Sg.)

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