Großes Morgenröte-Lied: Uṣas vertreibt die Nacht, weckt Lebende und Menschen zur Verehrungshandlung, geht der Reihe der früheren Morgenröten nach; Vers 10-11 reflektieren über die Folge vergangener und künftiger Morgenröten. Ob gomatī in 18 wörtlich 'rinderreich' oder Bildrede für Licht ist, bleibt offen.
Dieses beste der Lichter ist gekommen, das bunte Erkennungszeichen, weithin mächtig geboren. / Wie auf Savitṛs Antrieb, zum Antrieb, so hat die Nacht der Uṣas ihren Ort geräumt.
Die schimmernde, mit glänzendem Kalb, die Weiße ist gekommen; die Schwarze hat ihre Sitze geräumt. / Die beiden gleichverbundenen, unsterblichen, aufeinander folgenden beiden Himmelswesen [Anm.: wohl Tag und Nacht, [?]] wandeln, die Farbe wechselnd.
Wort für Wort
ruśat-vatsā
mit glänzendem Kalb (Nom. Sg. f.)
ruśatī
glänzend (Nom. Sg. f.)
śvetyā
die Weiße (Nom. Sg. f.)
ā
hierher (ā)
agāt
ist gekommen (3. Sg. Aor.)
araik
hat geräumt (3. Sg. Aor.)
oṃ iti
fürwahr (u)
kṛṣṇā
die Schwarze (Nom. Sg. f.)
sadanāni
Sitze (Akk. Pl.)
asyāḥ
ihre (Gen. Sg. f.)
samānabandhūitisamāna-bandhū
gleichverbunden (Nom. Du. f.)
amṛteiti
unsterblich (Nom. Du. f.)
anūcī iti
aufeinander folgend (Nom. Du. f.)
dyāvā
beide Himmelswesen (Nom. Du.) [?]
varṇam
Farbe (Akk. Sg.)
carataḥ
wandeln (3. Du. Präs.)
āmināne ity āmināne
(einander) verändernd/vertauschend (Nom. Du. f. Part.) [?]
samāno adhvā svasroranantastamanyānyā carato devaśiṣṭe / na methete na tasthatuḥ sumeke naktoṣāsā samanasā virūpe
Der gemeinsame, endlose Weg der Schwestern: sie gehen ihn abwechselnd, von den Göttern gelenkt. / Sie streiten nicht, stehen nicht still, die gut Gegründeten [?], Nacht und Morgenröte, einmütig, verschiedengestaltig.
bhāsvatī netrī sūnṛtānāmaceti citrā vi duro na āvaḥ / prārpyā jagad vyu no rāyo akhyaduṣā ajīgarbhuvanāni viśvā
Die Leuchtende, die Anführerin der Wahrheiten/Freundlichkeiten, ist wahrgenommen worden; die Bunte hat uns die Türen geöffnet. / Nachdem sie die Welt angetrieben hat, hat sie uns Reichtümer sichtbar gemacht; Uṣas hat alle Wesen geweckt. [Anm.: sūnṛtā 'Wahrhaftiges, Freundliches, Erfreuliches' — Bedeutung schwebend]
Für den Schiefliegenden, damit er sich regt, für Nutzen [?], für Wunsch und für Reichtum — du, Freigebige, / hast den wenig Sehenden weite Sicht verschafft [?]. Uṣas hat alle Wesen geweckt.
Du zur Herrschaft, du zum Ruhm, du zur Größe, du zum Wunsch, du wie zum Ziel, du zum Gehen; / ungleiche Lebewesen zu überblicken: Uṣas hat alle Wesen geweckt.
Diese Tochter des Himmels ist erschienen, aufleuchtend, die junge Frau in weißem Gewand. / Herrin über alles Irdische, über alles Gut: Uṣas, leuchte heute hier auf, du Glückliche.
Wort für Wort
eṣā
diese (Nom. Sg. f.)
divaḥ
des Himmels (Gen. Sg.)
duhitā prati
Tochter (Nom. Sg.) [+ prati 'entgegen', in der Quelle angehängt]
Sie folgt dem Pfad der Fortgezogenen, als erste der Kommenden, der stets Wiederkehrenden. / Aufleuchtend, das Lebende erregend, weckt Uṣas keinen Toten.
uṣo yadagniṃ samidhe cakartha vi yadāvaścakṣasā sūryasya / yan mānuṣān yakṣyamāṇānajīgastad deveṣu cakṛṣe bhadramapnaḥ
Uṣas, als du das Feuer zum Entzünden bereitet hast, als du mit dem Auge der Sonne aufgedeckt hast, / als du die Menschen, die die Verehrung vollziehen wollen, geweckt hast: das hast du unter den Göttern als Gutes, als Werk getan.
Wort für Wort
uṣaḥ
Uṣas (Vok. Sg.)
yat
als (yat)
agnim
Feuer (Akk. Sg.)
sam-idhe
zum Entzünden (Dat. Sg.)
cakartha
hast gemacht (2. Sg. Perf.)
vi
auf (vi)
yat
als (yat)
āvaḥ
hast aufgedeckt (2. Sg. Aor.)
cakṣasā
mit dem Auge (Instr. Sg.)
sūryasya
der Sonne (Gen. Sg.)
yat
als (yat)
mānuṣān
Menschen (Akk. Pl.)
yakṣyamāṇān
die Verehrung vollziehen wollend (Akk. Pl. Part. Fut.)
Wie weit [?] wird es sein, bis dazwischen (die) sind, die aufgeleuchtet sind und die jetzt aufleuchten werden? / Sie richtet sich, sehnsüchtig verlangend, nach den früheren, aufleuchtend geht sie mit den anderen dem Genuß entgegen [?].
īyuṣ ṭe ye pūrvatarāmapaśyan vyuchantīmuṣasaṃ martyāsaḥ / asmābhirū nu praticakṣyābhūdo te yanti ye aparīṣu paśyān
Dahin gegangen sind jene Sterblichen, die die frühere aufleuchtende Uṣas sahen; / uns ist sie nun sichtbar geworden, und es gehen jene, die sie in den späteren sehen werden.
Den Haß vertreibend, das Wahre hütend, aus dem Wahren geboren, gunstreich, die Wahrheiten/Freundlichkeiten antreibend, Glück bringend, das Göttermahl tragend: / hier, heute, Uṣas, Beste, leuchte auf.
Von jeher ist Uṣas aufgeleuchtet, die Göttin, und heute hat die Freigebige dies aufgedeckt; / und sie wird auch in den künftigen Tagen aufleuchten, nicht alternd, unsterblich, wandelt sie durch ihre Eigenkräfte.
Mit Glanzstrahlen hat sie von den Rändern des Himmels [?] geleuchtet, die Göttin hat die schwarze Hülle abgedeckt. / Erweckend fährt Uṣas mit roten Rossen, auf gut angeschirrtem Wagen.
Erwünschtes, Nährendes herbeitragend, macht sie ein buntes Zeichen, aufleuchtend; / die letzte der Vergangenen, die erste der Kommenden, der leuchtenden ewigen: Uṣas ist aufgeleuchtet.
Aufwärts ist das Leben, der Lebensodem zu uns gekommen; die Finsternis ist fortgegangen, Licht kommt. / Sie hat der Sonne den Weg zum Gehen geräumt; wir sind dort angekommen, wo man das Leben verlängert.
Der Fahrende [d. h. der Sänger, wörtl. 'Zugtier'], der Preisende, der Sänger erhebt in gefügter Weise [?] die Worte an die aufleuchtenden Uṣas. / Leuchte heute dies auf, Freigebige, dem Lobenden: verleih uns Lebensdauer mit Nachkommenschaft.
Wort für Wort
syūmanā
in gefügter Weise, zusammenhängend (Instr. Sg.) [?]
Die Uṣas, die reich an Rindern, an allen Männern reich aufleuchten für den gebenden Sterblichen, / wie beim Ausgang der Wahrheiten/Freundlichkeiten des Vāyu [?]: sie, die Roßgeberinnen, soll der Somapresser erlangen. [Anm.: gomatī 'rinderreich', möglich als Bildrede für Lichtstrahlen; plausibel, aber nicht belegt]
mātā devānāmaditeranīkaṃ yajñasya keturbṛhatī vi bhāhi / praśastikṛd brahmaṇe no vyuchā no jane janaya viśvavāre
Mutter der Götter, Angesicht der Aditi, Zeichen der Verehrungshandlung, Große, strahle auf; / als Lobverfasserin für das Brahman [?] leuchte uns auf; laß uns unter den Leuten (Geltung) erstehen [?], du alles Wünschenswerten.
yaccitramapna uṣaso vahantījānāya śaśamānāya bhadram / tan no ...
Was die Uṣas als buntes Gut, als Gutes bringen für den Verehrenden, den Sich-Mühenden — / Dies sollen uns Mitra und Varuṇa gewähren, Aditi, Sindhu, Erde und Himmel.