Kapitel 92: ṛgvede 1.92 · etā u tyā uṣasaḥ ketumakrata pūrve ardhe rajaso bhānumañjate
Lobpreis der Uṣas, der Morgenröte
Lied auf die Morgenröte: ihr Aufgehen, Lichtbringen, Wecken und Verrinnenlassen der Lebenszeit; ab 1.92.16 Anruf der Aśvins. Schwierig sind einzelne Bilder (śvaghnī, jāra, svaru, barjaha) und die Kompositum-Deutungen in 7-8.
etā u tyā uṣasaḥ ketumakrata pūrve ardhe rajaso bhānumañjate / niṣkṛṇvānā āyudhānīva dhṛṣṇavaḥ prati gāvo'ruṣīryanti mātaraḥ
Diese da, ja diese Morgenröten haben ein Banner/Zeichen gesetzt; im östlichen Halbraum des Dunstraums salben/zeigen sie ihr Licht. / Wie Kühne, die Waffen herrichten, ziehen die rötlichen Kühe, die Mütter, entgegen. [Anm.: „Kühe“ ist Bildrede für die Morgenröten selbst bzw. ihre Lichtstrahlen (plausibel).]
Die rötlichen Strahlen sind mühelos emporgeflogen; sie haben sich die rötlichen Kühe von selbst/gut angeschirrt. / Die Morgenröten haben die Zeichen/Erkenntnisse wie früher gemacht; die Rötlichen haben das glänzende Licht (auf)gestellt. [Anm.: aśiśrayuḥ von √śri „anlehnen, aufrichten“; Deutung des Objekts unsicher.]
Sie erstrahlen/preisen wie tätige Frauen mit ihren Mühen; mit gleichem Gespann von fern her kommend, / bringen sie Labung dem gut Handelnden, dem gut Gebenden, an allen Tagen, dem Verehrer, der Soma auspresst. [Anm.: √arc bedeutet „strahlen“ und „preisen“; hier ist beides möglich.]
Wort für Wort
arcanti
sie strahlen/preisen (3. Pl.)
nārīḥ
Frauen (Nom. Pl.)
apasaḥ
tätig, werkend (Nom. Pl. f.)
na
wie
viṣṭi-bhiḥ
mit Mühen, Verrichtungen (Instr. Pl.) [?]
samānena
gleich, gemeinsam (Instr. Sg.)
yojanena
Anspannen, Gespann (Instr. Sg.)
ā
her, bis (Präv.)
parāvataḥ
von fern (Abl. Sg.)
iṣam
Labung, Stärkung (Akk. Sg.)
vahantīḥ
bringend (Nom. Pl. f.)
su-kṛte
dem gut Handelnden (Dat. Sg.)
su-dānave
dem gut Gebenden (Dat. Sg.)
viśvā
alle (Akk. Pl. n., Tage) [?]
it
gerade/nur (Partikel)
aha
fürwahr (Partikel)
yajamānāya
dem Verehrenden, der die Weihehandlung ausrichtet (Dat. Sg.)
Wie eine Tänzerin legt sie Gestalten/Zierrat an; sie deckt die Brust auf wie eine Kuh das Euter. [?] / Licht für die ganze Welt schaffend, hat Uṣas die Finsternis aufgedeckt, wie Kühe den Pferch. [Anm.: barjaha „Euter“ nach traditioneller Deutung, unsicher.]
Wort für Wort
adhi
an, auf (Präv.)
peśāṃsi
Gestalten, Schmuck (Akk. Pl.)
vapate
sie legt an, streut (3. Sg. Med.)
nṛtūḥ-iva
wie eine Tänzerin
apa
weg (Präv.)
ūrṇute
sie deckt auf (3. Sg. Med.)
vakṣaḥ
Brust (Akk. Sg.)
usrāiva barjaham
wie eine Kuh und Euter (Akk. Sg.) [?]
jyotiḥ
Licht (Akk. Sg.)
viśvasmai
für alle (Dat. Sg.)
bhuvanāya
für die Welt, das Wesen (Dat. Sg.)
kṛṇvatī
schaffend (Nom. Sg. f.)
gāvaḥ
Kühe (Nom. Pl.)
na
wie
vrajam
Pferch (Akk. Sg.)
vi
auseinander, auf (Präv.)
uṣāḥ
Uṣas (Nom. Sg.)
āvar ity āvaḥ tamaḥ
sie hat geöffnet, enthüllt (3. Sg. Aor.) und Finsternis (Akk. Sg.)
pratyarcī ruśadasyā adarśi vi tiṣṭhate bādhate kṛṣṇamabhvam / svaruṃ na peśo vidatheṣvañjañcitraṃ divo duhitā bhānumaśret
Ihr glänzender Strahl ist entgegen sichtbar geworden; sie breitet sich aus und drängt das schwarze Ungeheuer zurück. / Wie man einen Pfosten mit Schmuck salbt [?], hat bei den Versammlungen die Tochter des Himmels ihr buntes Licht angelegt. [Anm.: svaru „Pfosten/Span“ und vidatha „Versammlung“ sind hier unsicher; Vergleich unklar.]
Wir sind ans jenseitige Ufer dieser Finsternis gelangt; Uṣas, aufleuchtend, macht die Zeichen/Erkenntnisse. / Zur Pracht lächelt sie wie ein Reiz [?], strahlend, schönen Antlitzes; sie hat (uns) zur Wohlgesinntheit geweckt.
Leuchtend, Führerin der frohen Wahrheitsreden, wird sie, die Tochter des Himmels, von den Gotamas gepriesen. / Uṣas, du teilst kinderreiche, männerreiche, an Rossen [?] gegründete, rinderangeführte Gewinne zu. [Anm.: aśvabudhya nicht sicher (etwa „an Rossen gegründet“); sūnṛtā „frohe, wahre Rede/Gabe“.]
Wort für Wort
bhāsvatī
leuchtend (Nom. Sg. f.)
netrī
Führerin (Nom. Sg.)
sūnṛtānām
der frohen Wahrheitsworte (Gen. Pl.)
divaḥ
des Himmels (Gen. Sg.)
stave
ich/man preise, sie wird gepriesen (1./3. Sg. Pass.) [?]
Uṣas, möge ich jenen ruhmvollen Reichtum erlangen, mit guten Männern, mit Gesinde als Zugabe [?], an Rossen gegründet, / der du, von Kraft angetrieben, Glückliche, mit wirkmächtigem Ruhm erstrahlst, den gewaltigen. [Anm.: dāsa-pravarga unsicher.]
Wort für Wort
uṣaḥ
Uṣas (Vok.)
tam
jenen (Akk. Sg. m.)
aśyām
ich möge erlangen (1. Sg. Opt. Aor.)
yaśasam
ruhmvollen (Akk. Sg.)
su-vīram
mit guten Männern (Akk. Sg.)
dāsa-pravargam
mit Knechten als Zugabe/Ausstattung (Akk. Sg.) [?]
Alle Welten anschauend, die Göttin, ihnen zugewandt, leuchtet weit als Auge auf. / Alles Lebende zum Umhergehen weckend, hat sie die Rede jedes Eifrigen gefunden/vernommen.
Immer wieder geboren werdend, die Uralte, sich in gleicher Farbe schmückend, / wie eine Spielerin [śvaghnī], die geschickt die Einsätze/Würfe vermindert, lässt die Göttin das Leben des Sterblichen altern. [Anm.: śvaghnī/vijaḥ unsicher (Würfelspielerin oder Jägerin); Bildrede für das Verrinnen des Lebens.]
Die Ränder des Himmels enthüllend, ist sie erwacht/erkannt worden; die Schwester (Nacht) treibt sie weg. / Die Menschenzeiten/-geschlechter verkürzend, leuchtet die junge Frau mit dem Auge des Liebhabers [jāra] auf. [Anm.: jāra vielleicht „Liebhaber“ oder „Enthüller“ (Sonne); unsicher.]
Wie das Vieh weit ausbreitend [?], bunt, glückhaft, wie ein Strom die Flut, hat sie sich weit ausgedehnt. / Die göttlichen Ordnungen nicht verletzend, wird sie mit den Strahlen der Sonne erkennbar, sichtbar werdend.
uṣastaccitramā bharāsmabhyaṃ vājinīvati / yena tokaṃca tanayaṃ ca dhāmahe
Uṣas, bring uns jenes Bunte/Glänzende her, du Kraftreiche, durch das wir Sohn und Nachkommen erlangen. / [Anm.: dhāmahe wörtlich „wir mögen setzen/erhalten“.]
Ihr Aśvins, lenkt (eure) Bahn [?] zu uns her, mit Rindern, mit Gold (versehen), ihr Wunderbaren; / den Wagen hierher richtet einmütig. [Anm.: vartis „Bahn, Umlauf“; Konstruktion unsicher.]