Kapitel 164: ṛgvede 1.164 · asya vāmasya palitasya hotustasya bhrātā madhyamo astyaśnaḥ
Rätsellied vom Rad, den Vögeln und der Rede
Langes Rätsel- und Weisheitslied (Ṛṣi-Dichtung im Frage-Antwort-Stil) über Jahres-Rad, Sonne, Feuer, Wasser, Rede und den Ursprung von Welt und Ritual. Vieles ist absichtlich mehrdeutig; angesetzte Ebenen (kosmisch, rituell, sprachlich) sind bei den einzelnen Versen als [Anm.] mit Belegstärke vermerkt, die zahlreichen Zahlenangaben (7, 12, 360, 720) verweisen plausibel auf Kalender und Ritual. Die Verse 1.164.48 und 1.164.49 haben verderbten Padapāṭha.
Von diesem lieben, altersgrauen Rufer (hotṛ) – dessen mittlerer Bruder ist der Verzehrende; sein dritter Bruder ist der mit dem Schmalz auf dem Rücken. Hier sah ich den Clanherrn mit den sieben Söhnen. [Anm.: Rätsellied. Der Rufer ist kosmisch-mythologisch wohl Agni bzw. die Sonne; die drei Brüder als Feuer-/Sonnen-Erscheinungsformen (plausibel), rein rituell auf Feuer/Schmalz lesbar (plausibel); keine Auflösung im Text.]
Wort für Wort
asya
dieses (Gen. Sg.)
vāmasya
lieben, begehrenswerten (Gen. Sg.)
palitasya
altersgrauen (Gen. Sg.)
hotuḥ
Rufers/Anrufers (Gen. Sg.)
tasya
dessen (Gen. Sg.)
bhrātā
Bruder (Nom. Sg.)
madhyamaḥ
mittlerer (Nom. Sg.)
asti
ist (3. Sg.)
aśnaḥ
verzehrend, gefräßig (Nom. Sg.)
tṛtīyaḥ
dritter (Nom. Sg.)
bhrātā
Bruder (Nom. Sg.)
ghṛta-pṛṣṭhaḥ
Schmalz-Rücken habend, mit Schmalz auf dem Rücken (Nom. Sg.)
Sieben schirren den einrädrigen Wagen an; ein Ross zieht, das sieben Namen hat. Das dreinabige Rad, unalternd, unhemmbar, auf dem alle diese Wesen/Welten stehen.
Auf diesen Wagen, der siebenrädrig ist, sind sieben gestiegen, und sieben Rosse ziehen. Sieben Schwestern rufen einander zu, wo der Kühe sieben Namen niedergelegt sind. [Anm.: sapta-Reihen; Deutung auf Wochen-/Sonnen-/Sprachebene ist spekulativ.]
ko dadarśa prathamaṃ jāyamānamasthanvantaṃ yadanasthā bibharti / bhūmyā asurasṛgātmā kva svit ko vidvāṃsamupa gāt praṣṭumetat
Wer sah den zuerst Geborenen, wenn der Knochenlose den Knochenhaften trägt? Wo ist der Lebenshauch der Erde, das Blut, das Selbst? Wer ging zu einem Wissenden, um dies zu fragen?
Ich, der Unreife, frage im Geist unwissend nach diesen niedergelegten Spuren der Götter: Auf dem einjährigen Kalb haben die Dichter sieben Fäden ausgespannt, um sie zu weben. [Anm.: „Fäden“/Weben ist Bild für Lied bzw. Ritualgewebe (plausibel).]
acikitvāñcikituṣaścidatra kavīn pṛchāmi vidmane na vidvān / vi yastastambha ṣaḷ imā rajāṃsyajasya rūpe kimapi svidekam
Ich, der Unwissende, frage hierin die Wissenden, die Dichter, um zu wissen – nicht als ein Wissender: Wer hat diese sechs Räume auseinandergestützt? Ist es (etwas) Eines in der Gestalt des Ungeborenen?
iha bravītu ya īmaṅga vedāsya vāmasya nihitaṃ padaṃ veḥ / śīrṣṇaḥ kṣīraṃ duhrate gāvo asya vavriṃ vasānā udakaṃ padāpuḥ
Hier soll es sagen, wer es fürwahr weiß: die niedergelegte Spur dieses lieben Vogels. Aus dem Haupt melken die Kühe seine Milch, in ein Gewand gehüllt; mit dem Fuß haben sie Wasser getrunken. [Anm.: Bildrede; Kühe = Sonnenstrahlen, die Wasser aufsaugen, ist plausibel, nicht gesichert.]
Wort für Wort
iha
hier
bravītu
er soll sagen (3. Sg. Imp.)
yaḥ
wer (Nom. Sg.)
īm
fürwahr (Partikel)
aṅga
wohlan, fürwahr
veda
weiß (3. Sg.)
asya
dieses (Gen. Sg.)
vāmasya
lieben (Gen. Sg.)
ni-hitam
niedergelegt (Akk. Sg.)
padam
Spur, Standort (Akk. Sg.)
veri tiveḥ
des Vogels (Gen. Sg.; PP-Trennfehler „veriti veḥ“)
Die Mutter ließ den Vater am Ṛta teilhaben [?]; im Denken hat er sich zuvor mit dem Geist vereinigt. Sie, scheu, vom Keimsaft durchdrungen: nur die Ehrerbietigen gingen zur Anrufung hin. [Anm.: sehr dunkel; ṛta hier wohl „Ordnung/Wahrheit“; die Deutung von bībhatsuḥ und upavākam ist unsicher.]
Angeschirrt war die Mutter an der Deichsel der Rechten [Anm.: dakṣiṇā = rechtes Zugtier/Kuh, auch „Lohngabe“]; der Keim stand innerhalb der Gehege/Pfade [?]. Das Kalb blökte; es erblickte die Kuh, die allgestaltige, auf drei Jochstrecken.
Drei Mütter, drei Väter trägt einer, der aufrecht steht; sie machen ihn nicht müde. Auf dem Rücken jenes Himmels beraten sie ein Wort, das alles weiß, aber nicht alles antreibt [?]. [Anm.: Einer = Sonne/Agni (plausibel); die Dreiheiten = Räume/Welten (plausibel).]
dvādaśāraṃ nahi tajjarāya varvarti cakraṃ pari dyām ṛtasya / ā putrā agne mithunāso atra sapta śatāni viṃśatiśca tasthuḥ
Das zwölfspeichige Rad des Ṛta rollt um den Himmel; es ist nicht zum Altern (bestimmt). Darauf, Agni, standen paarweise Söhne: siebenhundert und zwanzig. [Anm.: 720 = 360 Tage und 360 Nächte des Jahres (plausibel).]
Den fünffüßigen Vater, zwölfgestaltig, nennen sie in der jenseitigen Hälfte des Himmels, den Wasserreichen [?]. Diese anderen aber sagen, der Weitschauende sei im unteren (Halbraum) auf dem siebenrädrigen, sechsspeichigen (Wagen) befestigt.
Auf dem fünfspeichigen, sich drehenden Rad standen alle Wesen/Welten. Dessen Achse wird nicht heiß, obwohl sie viel Last trägt; von alters her zerbricht sie nicht, samt der Nabe.
Das Rad mit Felge, unalternd, rollte auseinander; auf der Ausgestreckten [?] ziehen zehn Angeschirrte. Das Auge der Sonne geht, vom Dunstraum umhüllt, dahin; darin sind alle Wesen/Welten befestigt.
Den Siebten der zugleich Geborenen nennen sie den Einzelgeborenen; sechs sind Zwillinge, Ṛṣis, gottgeboren, so (heißt es). Deren erwünschte (Dinge) sind nach Stätten verteilt; dem Stehenden zittern sie [?], nach Gestalten verschieden ausgeformt.
Wort für Wort
sākam-jānām
der zugleich Geborenen (Gen. Pl.)
saptatham
den siebten (Akk. Sg.)
āhuḥ
sie nennen (3. Pl. Perf.)
eka-jam
einzelgeboren (Akk. Sg.)
ṣaṭ
sechs
it
eben, nur
yamāḥ
Zwillinge (Nom. Pl.)
ṛṣayaḥ
Ṛṣis, Seher (Nom. Pl.)
deva-jāḥ
gottgeboren (Nom. Pl.)
iti
so (Zitatpartikel)
teṣām
deren (Gen. Pl.)
iṣṭāni
erwünscht, dargebracht (Nom. Pl. n.)
vi-hitāni
verteilt, angeordnet (Nom. Pl. n.)
dhāma-śaḥ sthātre
nach Stätten (Adv.); dem Stehenden (Dat. Sg.) [PP-Token mit stray „sthātre“]
striyaḥ satīstānu me puṃsa āhuḥ paśyadakṣaṇvān navi cetadandhaḥ / kaviryaḥ putraḥ sa īmā ciketa yastā vijānāt sa pituṣ pitāsat
Frauen sind sie, doch sie nennen sie mir Männer. Wer Augen hat, sieht (es); der Blinde erkennt (es) nicht. Der Dichter, der Sohn – der hat es erfasst; wer sie erkennt, der wird der Vater des Vaters sein.
avaḥ pareṇa para enāvareṇa padā vatsaṃ bibhratī gaurudasthāt / sā kadrīcī kaṃ svidardhaṃ parāgāt kva svit sūte nahi yūthe antaḥ
Unten (verbunden) mit dem Oberen, oben mit diesem Unteren [?]: mit dem Fuß das Kalb tragend, hat die Kuh sich aufgerichtet. Wohin gewandt, in welche Hälfte ist sie gegangen? Wo gebiert sie wohl? Nicht doch innerhalb der Herde.
avaḥ pareṇa pitaraṃ yo asyānuveda para enāvareṇa / kavīyamānaḥ ka iha pra vocad devaṃ manaḥ kuto adhi prājātam
Wer den Vater dieses (Kalbes) kennt – unten durch das Obere, oben durch dieses Untere [?] –: Welcher, sich als Dichter gebärdend, soll hier verkünden, woher der göttliche Geist (manas) geboren wurde?
ye arvāñcastānu parāca āhurye parāñcastānu arvāca āhuḥ / indraśca yā cakrathuḥ soma tāni dhurā na yuktā rajaso vahanti
Die diesseits Gewandten, die nennen sie jenseits Gewandte; die jenseits Gewandten, die nennen sie diesseits Gewandte. Und was ihr beide getan habt, Indra und Soma [Anrede an Soma]: das tragen (die Zugtiere), wie an die Deichsel geschirrt, des Raumes [?]. [Anm.: syntaktisch unsicher.]
Zwei schönbeschwingte (Vögel), verbunden, Gefährten, umarmen denselben Baum. Von ihnen isst der eine die süße Beere; der andere schaut, ohne zu essen, herab. [Anm.: Die Deutung auf zwei Selbste oder Sonne/Agni ist späterer Deutung zugänglich; im Text fest ist nur das Bild.]
Wo die Schönbeschwingten den Anteil am Unsterblichen unablässig bei den Versammlungen (vidatha) anrufen: dort ist der Herr, der Hüter jeglicher Welt, der Weise, in mich, den Unreifen, eingetreten.
yasmin vṛkṣe madhvadaḥ suparṇā niviśante suvate cādhi viśve / tasyedāhuḥ pippalaṃ svādvagre tan non naśad yaḥpitaraṃ na veda
In welchem Baum honigessende Schönbeschwingte sich niederlassen und alle sich fortpflanzen [?]: dessen Beere, sagen sie, ist zuoberst süß; die erreicht der nicht, der den Vater nicht kennt.
yad gāyatre adhi gāyatramāhitaṃ traiṣṭubhād vā traiṣṭubhaṃ niratakṣata / yad vā jagajjagatyāhitaṃ padaṃ ya it tad viduste amṛtatvamānaśuḥ
Was auf das Gāyatra das Gāyatra aufgesetzt ist, oder was sie aus dem Traiṣṭubha das Traiṣṭubha herausgezimmert haben, oder was auf der Jagatī das Jagat-Wort als Schritt gesetzt ist – die, die dies kennen, haben Unsterblichkeit erlangt. [Anm.: Versmaß-Vokabular; padam als Vers-Viertel oder „Schritt“.]
Mit dem Gāyatra bemisst er den Arka zu; mit dem Arka das Sāman; mit dem Traiṣṭubha die Vāka(-Rede); mit dem Vāka die Vāka; mit dem Zweifüßigen, dem Vierfüßigen, mit der Silbe messen sie die sieben Stimmen. [Anm.: technische Ritualdichtung; Bedeutung von arka und vāka im Einzelnen unsicher.]
Mit dem Jagat stützte er den Strom im Himmel; im Rathantara sah er die Sonne rundum. Des Gāyatra Entzündungen [samidh] nennen sie drei; daraufhin ragte es durch Größe, durch Erhabenheit hervor.
Wort für Wort
jagatā
mit dem Jagat (Instr. Sg.)
sindhum
Strom, Fluss (Akk. Sg.)
divi
im Himmel (Lok. Sg.)
astabhāyat
stützte (3. Sg. Impf.)
ratham-tare
im Rathantara (Lok. Sg.)
sūryam
Sonne (Akk. Sg.)
pari
rundum (Präverb)
apaśyat
sah (3. Sg. Impf.)
gāyatrasya
des Gāyatra (Gen. Sg.)
sam-idhaḥ
Entzündungen, Brennhölzer (Akk. Pl.)
tisraḥ
drei (Akk. Pl.)
āhuḥ
sie nennen (3. Pl. Perf.)
tataḥ
daraufhin, daher
mahrā
durch Größe (Instr. Sg.; PP „mahrā“, verschrieben für mahnā)
upa hvaye sudughāṃ dhenumetāṃ suhasto godhuguta dohadenām / śreṣṭhaṃ savaṃ savitā sāviṣan no 'bhīddho gharmastadu ṣu pra vocam
Ich rufe diese gutmelkende Milchkuh herbei; der Geschickte, der Kuhmelker, soll sie melken. Den besten Antrieb möge Savitṛ uns antreiben; der entflammte Gharma (Heißtrank) – das will ich nun wohl verkünden.
Das „Hin“ muhend, Herrin der Güter, das Kalb wünschend, ist sie mit dem Sinn herzugekommen. Sie soll den Aśvin Milch melken lassen, diese unantastbare Kuh; sie soll wachsen zu großem Glück.
Die Kuh hat nach dem blinzelnden Kalb gemuht; sie machte über seinem Haupt „Hin“, um zu muhen [?]. Nach dem Mundwinkel und nach dem warmen Trank verlangend, stößt sie den Laut aus und schwillt von Milchströmen.
ayaṃ sa śiṅkte yena gaurabhīvṛtā mimāti māyuṃ dhvasanāvadhi śritā / sā cittibhirni hi cakāra martyaṃ vidyud bhavantī prati vavrimauhata
Dies ist der, um den die Kuh, umhüllt, tönt [?]; sie brüllt den Laut, auf dem Dunstigen/Aufstiebenden ruhend [?]. Sie hat mit Einsichten den Sterblichen niedergeworfen; zum Blitz werdend hat sie ihre Hülle zurückgeschoben [?]. [Anm.: Wolke-Regen-Blitz-Deutung ist plausibel; Wortbedeutungen unsicher.]
Wort für Wort
ayam
dieser (Nom. Sg.)
saḥ
der (Nom. Sg.)
śiṅkte
tönt, zischt (3. Sg. Med.) [?]
yena
wodurch, um den (Instr. Sg.)
gauḥ
Kuh (Nom. Sg.)
abhi-vṛṭā
umhüllt (Nom. Sg. f. Part.; PP „abhivṛṭā“, verschrieben)
Atmend liegt es da, rasch ausgreifend, lebendig, regsam, feststehend mitten unter den Behausungen. Der Lebendige geht mit den Eigenkräften (svadhā) des Toten umher; der Unsterbliche ist mit dem Sterblichen aus demselben Schoß.
apaśyaṃ gopāmanipadyamānamā ca parā ca pathibhiścarantam / sa sadhrīcīḥ sa viśūcīrvasāna ā varīvarti bhuvaneṣvantaḥ
Ich sah einen Hüter, der sich nie niederlegt, auf seinen Wegen herzu und hinweg wandelnd. Er, sich kleidend in die zusammenlaufenden und in die auseinanderlaufenden (Strahlen/Gewänder) [?], kehrt immer wieder in den Welten um.
ya īṃ cakāra na so asya veda ya īṃ dadarśa hirugin nutasmāt / sa māturyonā parivīto antarbahuprajā nirṛtimā viveśa
Wer ihn gemacht hat, der kennt ihn nicht; wer ihn gesehen hat, dem ist er gewiß entrückt [?]. Er, im Schoß der Mutter umhüllt, kinderreich, ist in die Auflösung (Nirṛti) eingetreten. [Anm.: Nirṛti = „Auflösung, Verderben“; Bezug auf Tod/Untergang plausibel.]
Der Himmel ist mein Vater, der Erzeuger; hier ist die Nabe. Meine Verwandte ist die Mutter, diese große Erde. Zwischen den beiden ausgebreiteten Schalen ist der Schoß; hier hat der Vater der Tochter den Keim eingelegt.
Ich frage dich nach dem äußersten Ende der Erde; ich frage, wo der Welt Nabe ist; ich frage dich nach dem Samen des männlichen Rosses; ich frage nach dem höchsten Himmelsraum der Rede.
Diese Vedi ist das äußerste Ende der Erde; diese Verehrungs-Weihehandlung (yajña) ist der Welt Nabe; dieser Soma ist der Same des männlichen Rosses; dieser Brahman-Priester [?] ist der höchste Himmelsraum der Rede.
saptārdhagarbhā bhuvanasya reto viṣṇostiṣṭhanti pradiśāvidharmaṇi / te dhītibhirmanasā te vipaścitaḥ paribhuvaḥ pari bhavanti viśvataḥ
Sieben Halbkeime, der Welt Same, stehen nach Viṣṇus Weisung im Auseinanderhalten [?]. Sie, mit Gedanken und Sinn, die Inspirations-Kundigen, umfassen (alles) ringsum von allen Seiten.
Wort für Wort
sapta
sieben
ardha-garbhāḥ
Halbkeime, Keime der Hälfte (Nom. Pl.) [?]
bhuvanasya
der Welt (Gen. Sg.)
retaḥ
Same (Nom. Sg.)
viṣṇoḥ
des Viṣṇu (Gen. Sg.)
tiṣṭhanti
sie stehen (3. Pl.)
pra-diśā
nach der Weisung, in der Richtung (Instr. Sg.)
vi-dharmaṇi
im Auseinanderhalten, in der Stützung (Lok. Sg.) [?]
an vi jānāmi yadivedamasmi niṇyaḥ saṃnaddho manasā carāmi / yadā māgan prathamajā ṛtasyādid va[co aśnuve bhāgamasyāḥ
Ich erkenne nicht, was ich hier eigentlich bin: verborgen, gebunden wandle ich im Geist. Wenn die Erstgeborenen des Ṛta zu mir gekommen sind, dann erlange ich einen Anteil an dieser Rede.
apāṃ prāṃ eti svadhayā gṛbhīto 'martyo martyenā sayoniḥ / tā śaśvantā viṣūcīnā viyantā nyanyaṃ cikyurna nicikyuranyam
Abwärts, vorwärts geht er, von der Eigenkraft (svadhā) gehalten: unsterblich, mit dem Sterblichen aus demselben Schoß. Diese beiden, ewig, in verschiedene Richtungen auseinandergehend, haben den einen wahrgenommen, den anderen nicht wahrgenommen.
ṛco akṣare parame vyoman yasmin devā adhi viśve niṣeduḥ / yastan na veda kim ṛcā kariṣyati ya it tad vidusta ime samāsate
Der Ṛc-Verse im höchsten Unvergänglichen/in der höchsten Silbe, im höchsten Himmelsraum, wo alle Götter sich niedergelassen haben: wer das nicht kennt, was wird er mit dem Vers tun? Die es kennen, die sitzen hier beisammen. [Anm.: akṣara = „Silbe“ oder „das Unvergängliche“; beide Lesarten möglich (plausibel).]
Von guter Weide essend sollst du glückhaft [?] werden; und dann wollen auch wir glückhaft sein. Friss Gras, unantastbare Kuh, allezeit; trink klares Wasser, umherziehend.
Die Gaurī hat gebrüllt und formt die Wasserfluten; sie ist einfüßig, zweifüßig, vierfüßig, achtfüßig, neunfüßig geworden; tausendsilbig im höchsten Himmelsraum. [Anm.: Gaurī = „die Glänzende/Büffelkuh“; Deutung auf Rede, Wolke oder Wasser plausibel, nicht entschieden.]
tasyāḥ samudrā adhi vi kṣaranti tena jīvanti pradiśaścatasraḥ / tataḥ kṣaratyakṣaraṃ tad viśvamupa jīvati
Von ihr strömen die Meere auseinander; davon leben die vier Weltgegenden. Von da strömt das Unvergängliche [Anm.: akṣara auch „Nichtströmendes“] herab; davon lebt das All.
Ich sah von fern einen Rauch aus Dung [?], (dort) jenseits mit diesem Unteren, der nach beiden Seiten auseinandergeht [?]. Den bespritzenden, gefleckten Stier haben die Männer gekocht; das waren die ersten Ordnungen (dharma). [Anm.: Rätselvers; rituelle Deutung (Kochen eines Stiers/Opfertiers) plausibel, Rauch-Bild kosmisch möglich.]
Wort für Wort
śaka-mayam
aus Dung/Mist bestehend (Akk. Sg.) [?]
dhūmam
Rauch (Akk. Sg.)
ārāt
von fern
apaśyam
ich sah (1. Sg. Impf.)
viṣu-vatā
mit dem nach beiden Seiten Gehenden, mit dem Gegensätzlichen (Instr. Sg.) [?]
Drei Langhaarige schauen nach den Jahreszeiten auseinander; im Jahr lässt sich einer von ihnen scheren [?]. Einer überblickt das All mit (seinen) Kräften; der Schwung des einen ist zu sehen, nicht seine Gestalt. [Anm.: Deutung auf Agni–Vāyu–Sūrya als Feuer, Wind, Sonne ist plausibel.]
Vier sind die abgemessenen Stufen der Rede; die kennen die Brahman-Kundigen, die Weisen. Drei, im Verborgenen niedergelegt, setzen sie nicht in Bewegung; das vierte der Rede sprechen die Menschen.
indraṃ mitraṃ varuṇamagnimāhuratho divyaḥ sa suparṇo garutmān / ekaṃ sad viprā bahudhā vadantyagniṃ yamaṃ mātariśvānamāhuḥ
Indra, Mitra, Varuṇa, Agni nennen sie; und auch jener himmlische Schönbeschwingte, Garutmant. Das Eine Seiende nennen die Redekundigen vielfältig: Agni, Yama, Mātariśvan nennen sie es.
kṛṣṇaṃ niyānaṃ harayaḥ suparṇā apo vasānā divamut patanti / ta āvavṛtran sadanād ṛtasyādid ghṛtena pṛthivī vyudyate
Die falben Schönbeschwingten, (zum) dunklen Niedergang/Einkehrort [?], in Wasser gekleidet, fliegen zum Himmel auf. Sie sind vom Sitz des Ṛta zurückgekehrt; dann wird die Erde mit Schmalz/Fett benetzt. [Anm.: Regen-Bild (Wasser als Gewand, Fett = Regen) plausibel.]
dvādaśa pradhayaścakramekaṃ trīṇi nabhyāni ka u tacciketa / tasmin sākaṃ triśatā na śaṅkavo 'rpitāḥ ṣaṣṭirna calācalāsaḥ
Zwölf Radfelgen, ein Rad, drei Naben – wer hat das erkannt? Darauf sind zugleich dreihundert wie Pflöcke befestigt, und sechzig, bewegliche. [Anm.: PP nur als Rest überliefert (nur ab „iti tat ciketa“); Übersetzung folgt dem Saṃhitā-Text. 360 = Tage des Jahres (plausibel).]
yaste stanaḥ śaśayo yo mayobhūryena viśvā puṣyasi vāryāṇi / yo ratnadhā vasuvid yaḥ sudatraḥ sarasvati tamiha dhātave kaḥ
Deine Brust, die strotzende, die Wohlbefinden schafft, mit der du alles Wünschenswerte nährst, die Schätze verleiht, Güter findet, gut gibt – Sarasvatī, diese lege/gib hier zum Saugen hin!
yajñena yajñamayajanta devāstani dharmāṇi prathamānyāsan / te ha nākaṃ mahimānaḥ sacanta yatra pūrve sādhyāḥ santi devāḥ
Mit der Verehrungs-Weihehandlung verehrten die Götter die Verehrungs-Weihehandlung; das waren die ersten Ordnungen (dharma). Diese Großen gelangten zum Himmelsgewölbe, wo die früheren Sādhyas, die Götter, sind.
Den himmlischen Schönbeschwingten, den Vogel, den Großen, den Keim der Wasser, den Anblickswerten der Pflanzen, der die Herzueilenden mit Regengüssen sättigt: den Sarasvant rufe ich eindringlich zur Hilfe.
Wort für Wort
divyam
himmlisch (Akk. Sg.)
su-parṇam
schönbeschwingt (Akk. Sg.)
vāyasam
Vogel, Geflügelter (Akk. Sg.)
bṛhantam
groß (Akk. Sg.)
apām
der Wasser (Gen. Pl.)
garbham
Keim (Akk. Sg.)
darśatam
anblickswert (Akk. Sg.)
oṣadhīnām
der Pflanzen (Gen. Pl.)
abhīpataḥ
die Herzueilenden (Akk. Pl.) [?]
vṛṣṭi-bhiḥ
mit Regengüssen (Instr. Pl.)
tarpayantam
sättigend (Akk. Sg. Part.)
sarasvantam
Sarasvant (Akk. Sg.)
avase
zur Hilfe (Dat. Sg.)
johavīm i
ich rufe eindringlich (1. Sg. Intens.; PP „johavīm i“)