Kapitel 1: śaunakādimunipraśnaḥ
Die Frage der Weisen um Śaunaka
Skandha 1, Adhyāya 1. Quelle: GRETIL, http://gretil.sub.uni-goettingen.de/gretil/1_sanskr/3_purana/bhagp/bhp_01u.htm (gemeinfreier Text, kein modern-akademischer Namenseditor). Wegen fehlenden lokalen Korpuszugriffs wurde der Text abschnittsweise per WebFetch abgerufen (Methode wie bei Projekt Āraṇyakas: 'Satz für Satz'); zwei unabhängige Abfragen derselben Stellen wurden zur Absicherung der Lesart verglichen. Rahmen: die im Naimiṣa-Wald versammelten Weisen um Śaunaka befragen Sūta (Ugraśravas/Lomaharṣaṇas Sohn) nach der Bedeutung von Kṛṣṇas Herabkunft.
Auf den höchsten, stets von Täuschung freien Wahren wollen wir sinnen, durch dessen eigenen Glanz [alles erstrahlt] - [ihn], von dem, sei es durch Verbindung [mit der Welt] oder durch Verschiedenheit [von ihr], der Ursprung usw. dieser [Welt kommt], den in Bezug auf alle Dinge kundigen Selbstherrscher, der durch das Herz dem ersten Dichter das Brahman [den Veda] eingab, worüber selbst die Weisen in Verwirrung geraten; [ihn], in dem die dreifache Schöpfung nicht unwirklich ist, so wie es einen Austausch von Feuer, Wasser und Erde gibt. [Anm.]
Wort für Wort
janmādyasya yato 'nvayād
von dem, durch Verbindung, der Ursprung usw. dieser [Welt]
itarataś cārtheṣv abhijñaḥ svarāṭ
und durch Verschiedenheit, der in Bezug auf alle Dinge kundige Selbstherrscher
tene brahma hṛdā ya ādikavaye
der durch das Herz dem ersten Dichter das Brahman eingab
muhyanti yat sūrayaḥ
worüber selbst die Weisen in Verwirrung geraten
tejovārimṛdāṃ yathā vinimayo
so wie es einen Austausch von Feuer, Wasser, Erde gibt
yatra trisargo 'mṛṣā
worin die dreifache Schöpfung nicht unwirklich ist
dhāmnā svena sadā nirastakuhakaṃ
durch seinen eigenen Glanz stets von Täuschung frei
satyaṃ paraṃ dhīmahi
auf den höchsten Wahren wollen wir sinnen
[Anm.] Der berühmte Eröffnungsvers des Bhāgavata-Purāṇa, der wörtlich auf die Eröffnungsformel des Brahma-Sūtra (1.1.2 'janmādy asya yataḥ') anspielt. Die Konstruktion 'anvayād itarataś ca' (wörtlich 'durch Verbindung und durch Nicht-Verbindung/Verschiedenheit') gilt traditionell als vieldeutig und wird seit Jahrhunderten kommentiert - sie besagt, dass das höchste Wesen sowohl die immanente (verbundene) als auch die transzendente (unterschiedene) Ursache der Welt ist. Das Gleichnis von Feuer/Wasser/Erde bezieht sich vermutlich auf gegenseitige Verwandlung der Elemente als Bild für die reale, nicht illusorische Natur der dreifachen Schöpfung.
Die höchste Lehre (Dharma), aus der jede Täuschung ausgestoßen ist, ist hierin für die neidlosen Guten [dargelegt] - die wahre, wirkliche Wesenheit, Heil gewährend, die dreifache Bedrängnis mit der Wurzel ausreißend; im glorreichen Bhāgavata, verfasst vom großen Weisen [Vyāsa] - was bedarf es da anderer [Schriften]? Der Herr wird hierdurch sogleich, im selben Augenblick, von den Verdienstvollen, die zu hören begehren, im Herzen eingeschlossen gehalten.
Wort für Wort
dharmaḥ projjhitakaitavo 'tra
die Lehre, aus der jede Täuschung ausgestoßen ist, hierin
paramo nirmatsarāṇāṃ satāṃ
die höchste, für die neidlosen Guten
vedyaṃ vāstavam atra vastu śivadaṃ
die wahre, wirkliche Wesenheit, Heil gewährend
tāpatrayonmūlanam
die dreifache Bedrängnis mit der Wurzel ausreißend
śrīmadbhāgavate mahāmunikṛte
im glorreichen, vom großen Weisen verfassten Bhāgavata
kiṃ vā parairīśvaraḥ
was bedarf es anderer [Schriften]? der Herr
sadyo hṛdyavarudhyate 'tra
wird hierdurch sogleich im Herzen eingeschlossen
kṛtibhiḥ śuśrūṣubhistatkṣaṇāt
von den Verdienstvollen, die zu hören begehren, im selben Augenblick
Trinkt die reife, vom Munde Śukas herabgefallene Frucht des Wunschbaums der Veden, vermengt mit dem Fließen des Unsterblichkeitstranks - das Bhāgavata-Wesensaroma, eine [bleibende] Stätte [?] -, immer wieder, oh ihr Genießenden, ihr feinfühligen Menschen auf Erden!
Wort für Wort
nigamakalpataror galitaṃ phalaṃ
die reife, herabgefallene Frucht des Wunschbaums der Veden
śukamukhād amṛtadravasaṃyutam
vom Munde Śukas, vermengt mit dem Fließen des Unsterblichkeitstranks
pibata bhāgavataṃ rasam ālayaṃ
trinkt das Bhāgavata-Wesensaroma, eine Stätte
muhur aho rasikā bhuvi bhāvukāḥ
immer wieder, oh ihr Genießenden, feinfühligen Menschen auf Erden
[?] 'ālayam' ('Stätte, Wohnsitz') ist syntaktisch unsicher zugeordnet - möglich ist sowohl eine Bestimmung zu 'phalam' (die Frucht als 'bleibende [Wesens-]Stätte') als auch zu 'rasam' selbst.
Im Naimiṣa[-Wald], am Feld der Nichtblinzelnden, hielten die Herren [?], angeführt von Śaunaka, eine tausendjährige Opfersitzung ab, um die Himmelswelt zu erlangen.
Wort für Wort
naimiṣe 'nimiṣakṣetre
im Naimiṣa, am Feld der Nichtblinzelnden
īśayaḥ śaunakādayaḥ
die Herren, angeführt von Śaunaka
satraṃ svargāya lokāya
eine Opfersitzung, um die Himmelswelt zu erlangen
sahasrasamam āsata
tausend Jahre lang hielten sie ab
[?] 'īśayaḥ' ('die Herren/Gebieter') an dieser Stelle statisch überliefert (durch zweifache Abfrage der Quelle bestätigt); manche Editionen lesen an entsprechender Stelle stattdessen 'ṛṣayaḥ' ('die Weisen') - hier wird die vorliegende Quellenlesart beibehalten. 'animiṣakṣetra' ('Feld der Nichtblinzelnden') spielt auf eine Namenserklärung des Naimiṣa-Waldes an.
ta ekadā tu munayaḥ prātarhutahutāgnayaḥ / satkṛtaṃ sūtam āsīnaṃ papracchuridam ādarāt //
Diese Weisen nun fragten eines Tages, nachdem sie am Morgen das Feueropfer dargebracht hatten [?], den geehrten, dasitzenden Sūta ehrerbietig dies:
Wort für Wort
ta ekadā tu munayaḥ
diese Weisen nun eines Tages
prātarhutahutāgnayaḥ
nachdem sie am Morgen das Feuer dargebracht hatten
satkṛtaṃ sūtam āsīnaṃ
den geehrten, dasitzenden Sūta
papracchuridam ādarāt
fragten sie dies ehrerbietig
[?] 'hutahutāgnayaḥ' (wörtlich etwa 'die das dargebrachte Feuer dargebracht Habenden') ist eine ungewöhnliche Doppelform; Sinn nach Kontext als 'nachdem sie das [Morgen-]Feueropfer vollzogen hatten' übersetzt.
Du, o Sanftmütiger, weißt das alles der Wahrheit gemäß, durch deren [der Weisen] Gnade - denn Lehrer mögen einem liebevoll ergebenen Schüler auch das Geheime mitteilen.
Wort für Wort
vettha tvaṃ saumya tat sarvaṃ
du, o Sanftmütiger, weißt das alles
tattvastadanugrahāt
der Wahrheit gemäß, durch deren Gnade
brūyuḥ snigdhasya śiṣyasya
sie mögen dem liebevoll ergebenen Schüler sprechen
In der Regel von kurzer Lebenszeit, o Gelehrter, sind die Menschen in diesem Kali-Zeitalter, träge, von sehr trägem Verstand, unglücklich und ja geplagt.
Zahlreich sind die Dinge, verbunden mit vielfältigen Riten, die im Einzelnen zu hören wären - deshalb, o Guter, sprich, nachdem du mit deiner Einsicht das Wesentliche daraus herausgezogen hast, zum Segen der Geschöpfe, wodurch die Seele wahrhaft zufrieden wird. [Anm.]
Wort für Wort
bhūrīṇi bhūrikarmāṇi
zahlreiche, mit vielfältigen Riten verbundene Dinge
śrotavyāni vibhāgaśaḥ
die im Einzelnen zu hören wären
ataḥ sādho 'tra yat sāraṃ
deshalb, o Guter, das Wesentliche davon
samuddhṛtya manīṣayā
herausgezogen habend mit Einsicht
brūhi bhadrāya bhūtānāṃ
sprich zum Segen der Geschöpfe
yenātmā suprasīdati
wodurch die Seele wahrhaft zufrieden wird
[Anm.] Dieser Vers hat im Quelltext drei statt zwei Halbzeilen (Padas 1,3,5) - ein bekanntes metrisches Sonderphänomen (erweiterter Śloka) im Bhāgavata-Purāṇa.
tan naḥ śuśrūṣamāṇānām arhasyaṅgānuvarṇitum / yasyāvatāro bhūtānāṃ kṣemāya ca bhavāya ca //
Das mögest du uns, die wir zu hören begehren, wohlan ausführlich schildern - ihn, dessen Herabkunft zum Wohlergehen und Gedeihen der Geschöpfe geschieht.
Selbst wer, in den schrecklichen Daseinskreislauf geraten, unwillkürlich dessen Namen ausspricht, möge dadurch sogleich befreit werden - ihn, vor dem sich die Furcht selbst fürchtet.
Wort für Wort
āpannaḥ saṃsṛtiṃ ghorāṃ
wer in den schrecklichen Daseinskreislauf geraten ist
Die Weisen, o Sūta, die bei dessen Füßen Zuflucht genommen haben und zum Frieden gelangt sind, reinigen andere, sobald sie nur berührt werden, so wie die Wasser des Himmelsflusses durch wiederholten Gebrauch reinigen.
Wort für Wort
yatpādasaṃśrayāḥ sūta
die bei dessen Füßen Zuflucht genommen haben, o Sūta
munayaḥ praśamāyanāḥ
die Weisen, die zum Frieden gelangt sind
sadyaḥ punantyupaspṛṣṭāḥ
sogleich reinigen sie, [selbst nur] berührt
svardhunyāpo 'nusevayā
wie die Wasser des Himmelsflusses durch wiederholten Gebrauch
ko vā bhagavatastasya puṇyaślokeḍyakarmaṇaḥ / śuddhikāmo na śṛṇuyādyaśaḥ kalimalāpaham //
Wer denn, der nach Reinheit verlangt, würde nicht den Ruhm jenes Erhabenen hören wollen, dessen Taten preiswürdig sind für die von reinem Ruf, einen Ruhm, der den Schmutz des Kali-Zeitalters hinwegnimmt?
Wort für Wort
ko vā bhagavatastasya
wer denn jenes Erhabenen
puṇyaślokeḍyakarmaṇaḥ
dessen Taten preiswürdig sind für die von reinem Ruf
Sprich zu uns, die wir vertrauensvoll glauben, von dessen erhabenen, von den Weisen besungenen Taten - ihm, der spielerisch seine Teilerscheinungen annimmt.
vayaṃ tu na vitṛpyāma uttamaślokavikrame / yacchṛṇvatāṃ rasajñānāṃ svādu svādu pade pade //
Wir aber werden nicht satt an den Heldentaten dessen, der in vortrefflichen Versen besungen wird - für die zuhörenden Kenner des Erzähl-Genusses ist seine Geschichte an jedem Wort aufs Neue köstlich.
Wort für Wort
vayaṃ tu na vitṛpyāma
wir aber werden nicht satt
uttamaślokavikrame
an den Heldentaten dessen, der in vortrefflichen Versen besungen wird
Da wir das herangekommene Kali-Zeitalter erkannt haben, verweilen wir an diesem Viṣṇu-Ort, durch die langdauernde Opfersitzung mit Muße versehen für die Erzählung von Hari.
Du bist uns vom Schöpfer/vom Fügenden gezeigt worden, uns, die wir das schwer zu überquerende Kali-Zeitalter, das die gute Wesensart der Menschen raubt, wie einen Ozean zu durchqueren wünschen - wie ein Steuermann.
Wort für Wort
tvaṃ naḥ sandarśito dhātrā
du bist uns vom Fügenden gezeigt worden
dustaraṃ nistitīrṣatām
uns, die das schwer zu Überquerende zu durchqueren wünschen
Sprich über Kṛṣṇa, den Herrn des Yoga, den dem Brahman zugetanen, dessen Rüstung der Dharma ist - er, der jetzt zu seinem eigenen Ziel gelangt ist: zu welcher Zuflucht ist da der Dharma gegangen?
Wort für Wort
brūhi yogeśvare kṛṣṇe
sprich über Kṛṣṇa, den Herrn des Yoga
brahmaṇye dharmavarmaṇi
den dem Brahman zugetanen, dessen Rüstung der Dharma ist