śrī-śuka uvāca
atha tasmāt paratas trayodaśa-lakṣa-yojanāntarato yat tad viṣṇoḥ paramaṁ padam abhivadanti yatra ha mahā-bhāgavato dhruva auttānapādir agninendreṇa prajāpatinā kaśyapena dharmeṇa ca samakāla-yugbhiḥ sabahu-mānaṁ dakṣiṇataḥ kriyamāṇa idānīm api kalpa-jīvinām ājīvya upāste tasyehānubhāva upavarṇitaḥ.
Śrī Śuka sprach: Ferner, von jenem [Ort] aus in einer Entfernung von dreizehn Lakh Yojanas [befindet sich] das, was man den höchsten Sitz Viṣṇus nennt, wo wahrlich der große Gottgeweihte Dhruva, der Sohn Uttānapādas – umschritten zur Rechten mit großer Ehrerbietung von Agni, Indra, Prajāpati, Kaśyapa und Dharma, die mit ihm im selben Zeitlauf verbunden sind [?] –, auch jetzt noch, als Lebensgrundlage derer, die ein Kalpa lang leben [?], verweilt. Seine Macht wurde hier [zuvor] beschrieben.
Wort für Wort
śrī-śukaḥ
Śrī Śuka (Nom. Sg., Subjekt)
uvāca
er sprach (3. Sg. Perf. Akt.)
atha
ferner, nun (Adv.)
tasmāt
von jenem (Abl. Sg.)
parataḥ
jenseits, weiter hin (Adv.)
trayodaśa-lakṣa-yojanāntarataḥ
in einem Abstand von 13 Lakh Yojanas (Adv./Abl.)
yat tat
welches, das (Nom. Sg. n., Relativ-Korrelativ)
viṣṇoḥ
Viṣṇus (Gen. Sg.)
paramam padam
der höchste Sitz/Ort (Akk. Sg. n., Objekt zu abhivadanti)
abhivadanti
sie nennen/bezeichnen (3. Pl. Präs. Akt.)
yatra ha
wo fürwahr (Adv. + Partikel)
mahā-bhāgavataḥ
der große Gottgeweihte (Nom. Sg.)
dhruvaḥ
Dhruva (Nom. Sg., Subjekt)
auttānapādiḥ
der Sohn Uttānapādas (Nom. Sg.)
agninā indreṇa prajāpatinā kaśyapena dharmeṇa ca
mit Agni, Indra, Prajāpati, Kaśyapa und Dharma (Instr. Sg., gereiht)
samakāla-yugbhiḥ
die im gleichen Zeitlauf verbunden sind [?] (Instr. Pl.)
sabahu-mānam
mit großer Ehrerbietung (Akk./Adv.)
dakṣiṇataḥ kriyamāṇaḥ
zur Rechten umschritten werdend (Nom. Sg. Partiz. Präs. Pass.)
idānīm api
auch jetzt (Adv.)
kalpa-jīvinām
derer, die ein Kalpa leben (Gen. Pl.)
ājīvyaḥ
Lebensgrundlage, Erwerbsmittel [?] (Nom. Sg.)
upāste
er weilt/verharrt (3. Sg. Präs. Med.)
tasya
sein (Gen. Sg.)
iha
hier (Adv.)
anubhāvaḥ
die Macht, Herrlichkeit (Nom. Sg.)
upavarṇitaḥ
wurde beschrieben (Nom. Sg. Past Part. Pass.)
samakāla-yugbhiḥ ("die mit gleicher Zeit verbunden sind") und kalpa-jīvinām ājīvyaḥ ("Lebensgrundlage/Erwerbsmittel derer, die ein Kalpa leben") sind morphologisch klar, aber inhaltlich mehrdeutig; Sinn hier nach wahrscheinlichster Lesart wiedergegeben. "upāste" (attendieren/verweilen/verehren) auf dhruva als Subjekt bezogen.
sa hi sarveṣāṁ jyotir-gaṇānāṁ graha-nakṣatrādīnām animiṣeṇāvyakta-raṁhasā bhagavatā kālena bhrāmyamāṇānāṁ sthāṇur ivāvaṣṭambha īśvareṇa vihitaḥ śaśvad avabhāsate.
Er nämlich erstrahlt beständig als die vom Herrn eingerichtete Stütze – wie ein feststehender Pfahl – für alle Lichtscharen, [nämlich] die Planeten, Sternbilder und dergleichen, die durch die unaufhörliche, mit unmanifester Kraft [wirkende], erhabene Zeit im Kreis umhergetrieben werden.
Wort für Wort
saḥ
er (Nom. Sg.)
hi
denn, fürwahr (Partikel)
sarveṣām
aller (Gen. Pl.)
jyotir-gaṇānām
der Lichtscharen, Gestirngruppen (Gen. Pl.)
graha-nakṣatrādīnām
der Planeten, Sternbilder usw. (Gen. Pl., Apposition)
animiṣeṇa
durch das unaufhörliche, unblinzelnde (Instr. Sg.)
avyakta-raṁhasā
mit unmanifester Kraft/Geschwindigkeit (Instr. Sg.)
bhagavatā
durch den erhabenen (Instr. Sg.)
kālena
durch die Zeit (Instr. Sg.)
bhrāmyamāṇānām
die umhergetrieben werden (Gen. Pl. Partiz. Präs. Med./Pass.)
So wie an einem Dreschpfahl die zum Umschreiten [angespannten] Zugtiere, jeweils zu dritt angeschirrt, an ihrem jeweiligen Platz ihre Kreisbahnen durchlaufen, ebenso durchwandern die Sternengruppen, angeführt von den Planeten, die an diesem Rad der Zeit durch innere und äußere Verbindung eingespannt sind, sich einzig auf Dhruva stützend und vom Wind angetrieben, bis zum Ende des Kalpa [ihre Bahnen] am Himmel. So wie Wolken, Falken und dergleichen, dem Wind unterworfen und vom [eigenen] Tun gelenkt, umherziehen, so fallen auch die Lichtscharen – begünstigt durch die Verbindung von Urstoff (Prakṛti) und Geist (Puruṣa), deren Bahnen durch [früheres] Handeln geschaffen sind – nicht zur Erde herab.
Wort für Wort
yathā
so wie (Adv.)
meḍhī-stambhe
am Dreschpfahl (Lok. Sg.)
ākramaṇa-paśavaḥ
die zum Umschreiten [angespannten] Zugtiere (Nom. Pl.)
saṁyojitāḥ
angeschirrt, verbunden (Nom. Pl. Past Part.)
tribhiḥ tribhiḥ savanaiḥ
mit je drei Gespannen/Runden (Instr. Pl.)
yathā-sthānam
an ihrem jeweiligen Platz (Adv.)
maṇḍalāni
die Kreisbahnen (Akk. Pl.)
caranti
sie durchlaufen (3. Pl. Präs.)
evam
ebenso (Adv.)
bhagaṇāḥ grahādayaḥ
die Sternengruppen mit den Planeten an der Spitze (Nom. Pl.)
etasmin kāla-cakre
an diesem Rad der Zeit (Lok. Sg.)
antar-bahir-yogena
durch innere und äußere Verbindung (Instr. Sg.)
āyojitāḥ
eingespannt (Nom. Pl. Past Part.)
dhruvam eva avalambya
sich einzig auf Dhruva stützend (Ger.)
vāyunā udīryamāṇāḥ
vom Wind angetrieben (Nom. Pl. Partiz. Präs. Pass.)
ākalpāntam
bis zum Ende des Kalpa (Akk., Adv.)
paricaṅkramanti
sie durchwandern (3. Pl. Präs.)
nabhasi
am Himmel (Lok. Sg.)
meghāḥ śyenādayaḥ
Wolken, Falken und dergleichen (Nom. Pl.)
vāyu-vaśāḥ
dem Wind unterworfen (Nom. Pl.)
karma-sārathayaḥ
vom [eigenen] Handeln gelenkt (Nom. Pl., wörtl. "das Tun als Wagenlenker habend")
parivartante
sie wandeln umher (3. Pl. Präs. Med.)
jyotirgaṇāḥ
die Lichtscharen (Nom. Pl.)
prakṛti-puruṣa-saṁyogānugṛhītāḥ
begünstigt durch die Verbindung von Urstoff und Geist (Nom. Pl. Past Part.)
karma-nirmita-gatayaḥ
deren Bahnen durch [früheres] Handeln geschaffen sind (Nom. Pl. Bahuvrihi)
bhuvi na patanti
sie fallen nicht zur Erde (3. Pl. Präs. + Neg.)
"savana" hier im Sinn von "Gespann/Runde" gedeutet, nicht im üblichen Sinn von "Soma-Pressung" [?].
Manche beschreiben dieses Heer der Gestirne in Gestalt eines Śiśumāra (Delfins) im Rahmen der Meditationsfixierung (Yoga-dhāraṇā) auf den erhabenen Vāsudeva.
An der Spitze seines [des Śiśumāra] Schwanzes, dessen Kopf nach unten [gerichtet] und dessen Leib geringelt ist, ist Dhruva eingesetzt; an seinem Schwanz(teil) [befinden sich] Prajāpati, Agni, Indra [und] Dharma; an der Schwanzwurzel Dhātā und Vidhātā; an der Hüfte die sieben Ṛṣis.
Wort für Wort
yasya
dessen (Gen. Sg.)
puccha-agre
an der Schwanzspitze (Lok. Sg.)
avāk-śirasaḥ
dessen Kopf nach unten [gerichtet ist] (Gen. Sg., Bahuvrihi)
"lāṅgūle" und "puccha-mūle" bezeichnen beide den Schwanzbereich; Unterscheidung (Schwanzteil vs. Schwanzwurzel) nach wahrscheinlichster Lesart übernommen [?].
Punarvasu und Puṣyā [befinden sich] an der rechten und linken Hüfte; Ārdrā und Āśleṣā an den beiden – rechten und linken – Hinterfüßen; Abhijit und Uttarāṣāḍhā an den beiden – rechten und linken – Nasenlöchern, der Reihe nach; Śravaṇā und Pūrvāṣāḍhā an den beiden – rechten und linken – Augen; Dhaniṣṭhā und Mūlā an den beiden – rechten und linken – Ohren; die acht Sternbilder, angeführt von Maghā, die den südlichen Lauf [markieren], sollte man an den linksseitigen Rippen anordnen; ebenso sollte man die [Sternbilder], angeführt von Mṛgaśīrṣa, die den nördlichen Lauf [markieren], in umgekehrter Reihenfolge an den rechtsseitigen Rippen anordnen; Śatabhiṣā und Jyeṣṭhā sollte man an den beiden – rechten und linken – Schultern platzieren.
Wort für Wort
punarvasu-puṣyau
Punarvasu und Puṣyā (Nom. Du.)
dakṣiṇa-vāmayoḥ śroṇyoḥ
an der rechten und linken Hüfte (Lok. Du.)
ārdrā-āśleṣe
Ārdrā und Āśleṣā (Nom. Du.)
paścimayoḥ pādayoḥ
an den beiden Hinterfüßen (Lok. Du.)
abhijit-uttarāṣāḍhe
Abhijit und Uttarāṣāḍhā (Nom. Du.)
nāsikayoḥ
an den beiden Nasenlöchern (Lok. Du.)
yathā-saṅkhyam
der Reihe nach, entsprechend (Adv.)
śravaṇa-pūrvāṣāḍhe
Śravaṇā und Pūrvāṣāḍhā (Nom. Du.)
locanayoḥ
an den beiden Augen (Lok. Du.)
dhaniṣṭhā mūlaṁ ca
Dhaniṣṭhā und Mūlā (Nom. Sg. je)
karṇayoḥ
an den beiden Ohren (Lok. Du.)
maghādīni aṣṭa nakṣatrāṇi
die acht Sternbilder mit Maghā beginnend (Nom. Pl.)
dakṣiṇāyanāni
die den Südlauf [markieren] (Nom. Pl., Adj.)
vāma-pārśva-vaṅkriṣu
an den Rippen der linken Seite (Lok. Pl.)
yuñjīta
man möge anordnen (3. Sg. Opt. Med.)
mṛga-śīrṣādīni udagayanāni
die [Sternbilder] mit Mṛgaśīrṣa beginnend, die den Nordlauf [markieren] (Nom. Pl.)
dakṣiṇa-pārśva-vaṅkriṣu
an den Rippen der rechten Seite (Lok. Pl.)
prātilomyena
in umgekehrter Reihenfolge (Instr., Adv.)
prayuñjīta
man möge anordnen (3. Sg. Opt. Med.)
śatabhiṣā-jyeṣṭhe
Śatabhiṣā und Jyeṣṭhā (Nom. Du.)
skandhayoḥ dakṣiṇa-vāmayoḥ
an den beiden – rechten und linken – Schultern (Lok. Du.)
nyaset
man möge platzieren (3. Sg. Opt. Akt.)
Reine Aufzählung von Nakṣatra-Namen und Körperteilen; Eigennamen unübersetzt gelassen.
Agasti [befindet sich] am Oberkiefer, Yama am Unterkiefer, Mars im Maul, Saturn am Schoß, Jupiter im Nacken, die Sonne auf der Brust, Nārāyaṇa im Herzen, der Mond im Denksinn (Manas), Venus am Nabel, die beiden Aśvins an den Brüsten, Merkur in [den Lebensatemströmen] Prāṇa und Apāna, Rāhu am Hals, die Kometen (Ketus) über den ganzen Körper [verteilt], [und] alle Sternenscharen in den Poren [der Haut].
Wort für Wort
uttarā-hanau
am Oberkiefer (Lok. Du.)
agastiḥ
Agasti (Nom. Sg.)
adharā-hanau
am Unterkiefer (Lok. Du.)
yamaḥ
Yama (Nom. Sg.)
mukheṣu
im Maul (Lok. Pl.)
ca aṅgārakaḥ
und Mars (Nom. Sg.)
śanaiścaraḥ
Saturn (Nom. Sg.)
upasthe
am Schoß, Becken (Lok. Sg.)
bṛhaspatiḥ
Jupiter (Nom. Sg.)
kakudi
im Nacken (Lok. Sg.)
vakṣasi ādityaḥ
die Sonne auf der Brust (Lok. Sg. + Nom. Sg.)
hṛdaye nārāyaṇaḥ
Nārāyaṇa im Herzen (Lok. Sg. + Nom. Sg.)
manasi candraḥ
der Mond im Denksinn (Lok. Sg. + Nom. Sg.)
nābhyām uśanā
Venus am Nabel (Lok. Sg. + Nom. Sg.)
stanayoḥ aśvinau
die Aśvins an den Brüsten (Lok. Du. + Nom. Du.)
budhaḥ
Merkur (Nom. Sg.)
prāṇāpānayoḥ
in Prāṇa und Apāna [den Lebensatemströmen] (Lok. Du.)
rāhuḥ gale
Rāhu am Hals (Nom. Sg. + Lok. Sg.)
ketavaḥ sarvāṅgeṣu
die Kometen über alle Glieder [verteilt] (Nom. Pl. + Lok. Pl.)
romasu sarve tārā-gaṇāḥ
in den Poren [der Haut] alle Sternenscharen (Lok. Pl. + Nom. Pl.)
etad u haiva bhagavato viṣṇoḥ sarva-devatāmayaṁ rūpam aharahaḥ sandhyāyāṁ prayato vāgyato nirīkṣamāṇa upatiṣṭheta namo jyotir-lokāya kālāyanāyānimiṣāṁ pataye mahā-puruṣāyābhidhīmahīti.
Eben diese aus allen Gottheiten bestehende Gestalt des erhabenen Viṣṇu sollte man Tag für Tag zur [Zeit der] Dämmerung, geläutert, die Rede zügelnd, betrachtend, verehren [mit den Worten]: 'Verehrung [dir], dem Sitz des Lichts, dem Zufluchtsort der Zeit, dem Herrn der Unblinzelnden [Götter], dem höchsten Wesen (Mahāpuruṣa) – wir wollen [dich] meditieren.' So [lautet die Anrufung].
Wort für Wort
etat
diese (Akk. Sg. n.)
u ha eva
eben, wahrlich, gerade (Partikeln)
bhagavataḥ viṣṇoḥ
des erhabenen Viṣṇu (Gen. Sg.)
sarva-devatā-mayam
aus allen Gottheiten bestehend (Akk. Sg., Adj.)
rūpam
die Gestalt (Akk. Sg., Objekt)
ahaḥ-ahaḥ
Tag für Tag (Adv.)
sandhyāyām
zur [Zeit der] Dämmerung (Lok. Sg.)
prayataḥ
geläutert, gesammelt (Nom. Sg., Adj.)
vāgyataḥ
die Rede zügelnd (Nom. Sg., Adj.)
nirīkṣamāṇaḥ
betrachtend (Nom. Sg. Partiz. Präs. Med.)
upatiṣṭheta
er sollte verehren, sich nahen (3. Sg. Opt. Med.)
namaḥ
Verehrung, Verneigung (Interj./Nom.)
jyotir-lokāya
dem Sitz/Reich des Lichts (Dat. Sg.)
kālāyanāya
dem Zufluchtsort der Zeit (Dat. Sg.)
animiṣām pataye
dem Herrn der Unblinzelnden [Götter] (Dat. Sg.)
mahā-puruṣāya
dem höchsten Wesen (Dat. Sg.)
abhidhīmahi
wir wollen [dich] meditieren (1. Pl. Opt./ält. Injunktiv)
iti
so [lautet die Formel] (Partikel)
"abhidhīmahi" ist eine ältere (vedische) Optativ-/Injunktivform, wie sie aus dem Gāyatrī-Formular bekannt ist.
Für den, der zu dieser aus Planeten, Sternbildern und Sternen bestehenden, göttlichen, sündentilgenden [Gestalt] den Mantra ausführt – dreimal täglich sich verneigend oder [ihrer] gedenkend –, wird jeweils die zu dieser Zeit entstandene Sünde rasch vernichtet.
Wort für Wort
graharkṣatārāmayam
aus Planeten, Sternbildern und Sternen bestehend (Akk. Sg., Adj.)
ādhidaivikam
göttlich, die Gottheiten betreffend (Akk. Sg., Adj.)