Kapitel 13: dhṛtarāṣṭra-gṛha-tyāgaḥ
Vidura kehrt zurück, und Dhṛtarāṣṭra verlässt das Haus
Vidura kehrt von seiner Pilgerfahrt, auf der er von Maitreya die Selbsterkenntnis erlangt hat, nach Hastināpura zurück und wird freudig empfangen (V.1-11). Er berichtet alles, was er erlebt hat, verschweigt jedoch aus Mitgefühl den Untergang der Yadu-Sippe (V.12-13). Während Yudhiṣṭhira, in häusliche Angelegenheiten vertieft, die Zeit unbemerkt verstreichen lässt (V.14-17), erkennt Vidura die herannahende Gefahr und hält Dhṛtarāṣṭra eine eindringliche, schonungslose Rede über Vergänglichkeit, Alter und die Sinnlosigkeit eines an Anhaftung geketteten Lebens, und rät ihm zum Auszug in die Einsamkeit (V.18-28). Dhṛtarāṣṭra, dadurch zur Einsicht erwacht, verlässt mit Gāndhārī das Haus in Richtung Himālaya, ohne sein Ziel bekanntzugeben (V.29-30). Am nächsten Morgen findet Yudhiṣṭhira die Eltern nicht mehr vor; der erschütterte Sañjaya kann zunächst nicht antworten (V.31-37). Da erscheint der Weise Nārada und offenbart Yudhiṣṭhira in einer bedeutenden philosophischen Rede die Lehre von der Ergebenheit in den Willen des Herrn als der personifizierten Zeit (V.38-50), nennt den Aufenthaltsort Dhṛtarāṣṭras (Saptasrota am Himālaya, V.51-56) und prophezeit dessen bevorstehenden Tod im Waldbrand samt Gāndhārīs freiwilligem Opfertod sowie Viduras anschließende Weiterreise zu den heiligen Stätten (V.57-60).
Sūta sprach: Vidura, der auf seiner Pilgerfahrt zu den heiligen Stätten von Maitreya das Wissen um den Weg des Selbst erlangt hatte, ging, durch dieses Wissen nun im Erstrebten angekommen, nach Hastināpura.
Wort für Wort
sūta uvāca
Sūta sprach
viduras tīrtha-yātrāyāṁ
Vidura, auf der Pilgerfahrt zu den heiligen Stätten
maitreyād ātmano gatim jñātvā
von Maitreya den Weg des Selbst erkannt habend
agād dhāstinapuraṁ
ging er nach Hastināpura
tayāvāpta-vivitsitaḥ
durch dieses [Wissen] nun im Erstrebten angekommen
So viele Fragen Vidura, der 'Torwächter', vor Kauṣārava [Maitreya] auch gestellt hatte - da er nun alleinige Hingabe zu Govinda erlangt hatte, hielt er mit diesen [weiteren Fragen] inne.
Wort für Wort
yāvataḥ kṛtavān praśnān
so viele Fragen er gestellt hatte
kṣattā kauṣāravāgrataḥ
der 'Torwächter' [Vidura] vor Kauṣārava [Maitreya]
jātaika-bhaktir govinde
da alleinige Hingabe zu Govinda in ihm entstanden war
Als sie den Verwandten kommen sahen, [eilten herbei] Dharma-putra [Yudhiṣṭhira] samt seinen jüngeren Brüdern, Dhṛtarāṣṭra und Yuyutsu, Sañjaya, Kṛpa [Sohn des Śaradvat] und Pṛthā [Kuntī],
Sie gingen ihm mit großer Freude entgegen, wie man dem zum Körper zurückgekehrten Lebensatem entgegengeht, sich ihm gebührend nähernd, mit Umarmungen und Begrüßungen.
mumucuḥ prema-bāṣpaughaṁ viraha-utkaṇṭhya-kātarāḥ | rājā tam arhayāṁ cakre kṛtāsana-parigraham
Überwältigt von der Sehnsuchtsangst der Trennung, vergossen sie eine Flut von Liebestränen; der König erwies ihm, nachdem er einen Sitzplatz eingenommen hatte, gebührende Ehre.
yudhiṣṭhira uvāca | api smaratha no yuṣmat-pakṣa-cchāyā-samedhitān | vipad-gaṇād viṣāgnyāder mocitā yat samātṛkāḥ
Yudhiṣṭhira sprach: Erinnerst du dich wohl, wie wir, die wir im Schutzschatten deiner Seite aufgewachsen sind, samt unserer Mutter aus der Menge der Gefahren - Gift, Feuer und anderem - gerettet wurden?
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach
api smaratha no
erinnerst du dich wohl unser
yuṣmat-pakṣa-cchāyā-samedhitān
die im Schutzschatten deiner Seite aufgewachsen sind
vipad-gaṇād viṣāgnyāder mocitā yat samātṛkāḥ
dass wir samt Mutter aus der Menge der Gefahren, Gift, Feuer und anderem, gerettet wurden
Solche wie du, o Mächtiger, Verehrer [des Herrn], sind selbst zu heiligen Stätten geworden; sie machen gewöhnliche Pilgerstätten erst wirklich heilig durch den Keulenträger, der in ihrem eigenen Innern weilt.
Wort für Wort
bhavad-vidhā bhāgavatās
solche wie du, Verehrer [des Herrn]
tīrtha-bhūtāḥ svayaṁ vibho
sind selbst zu heiligen Stätten geworden, o Mächtiger
tīrthī-kurvanti tīrthāni
sie machen [gewöhnliche] Pilgerstätten [erst wirklich] heilig
Hast du wohl, o Vater, unsere Freunde und Verwandten, die Yadus, deren Gottheit Kṛṣṇa ist, gesehen oder von ihnen gehört - weilen sie glücklich in ihrer eigenen Stadt?
Fürwahr, das Unliebsame, Unerträgliche, das den Menschen ohnehin von selbst widerfahren wird, teilte er, mitleidsvoll und unfähig, die Betrübten leiden zu sehen, nicht mit.
Solange Yama, infolge eines Fluches, hundert Jahre den Stand eines Śūdra innehatte [d.h. als Vidura auf Erden weilte], übte Aryaman gebührend die Zuchtgewalt gegenüber den Übeltätern aus.
Wort für Wort
abibhrad aryamā daṇḍaṁ
es übte Aryaman die Zuchtgewalt aus
yathāvad agha-kāriṣu
gebührend gegenüber den Übeltätern
yāvad dadhāra śūdratvaṁ
solange [Yama] den Stand eines Śūdra innehatte
śāpād varṣa-śataṁ yamaḥ
infolge eines Fluches, hundert Jahre, Yama
[Anm.: Vidura gilt als Inkarnation Yamas, der wegen eines Fluches (des Weisen Māṇḍavya) für hundert Jahre in einem Śūdra-Leib weilen musste; in dieser Zeit vertrat Aryaman sein Amt als Richter über die Verstorbenen.]
Yudhiṣṭhira, der sein Königreich innehatte, freute sich, nachdem er seinen Enkel, den Erhalter der Dynastie, gesehen hatte, zusammen mit seinen Brüdern, die den Welthütern glichen, in höchster Herrlichkeit.
Wort für Wort
yudhiṣṭhiro labdha-rājyo
Yudhiṣṭhira, der [sein] Königreich innehatte
dṛṣṭvā pautraṁ kulan-dharam
seinen Enkel, den Erhalter der Dynastie, gesehen habend
So verging - unbemerkt von denen, die an ihre Häuser gebunden und durch deren beständiges Streben verblendet waren - die höchst schwer zu überwindende Zeit.
pratikriyā na yasyeha kutaścit karhicit prabho | sa eṣa bhagavān kālaḥ sarveṣāṁ naḥ samāgataḥ
Gegen die es hier von nirgendher, zu keiner Zeit ein Gegenmittel gibt, o Herr - eben diese erhabene, personifizierte Zeit ist für uns alle herangekommen.
yena caivābhipanno 'yaṁ prāṇaiḥ priyatamair api | janaḥ sadyo viyujyeta kim utānyair dhanādibhiḥ
Wovon ergriffen, dieser Mensch sogleich sogar von seinem liebsten Lebensatem getrennt würde - wie viel mehr dann von anderem, wie Reichtum und dergleichen.
pitṛ-bhrātṛ-suhṛt-putrā hatās te vigataṁ vayaḥ | ātmā ca jarayā grastaḥ para-geham upāsase
Vater, Brüder, Freunde, Söhne sind dir getötet, deine Jugend ist vergangen, und du selbst, vom Alter ergriffen, weilst noch immer im Haus eines anderen.
Blind bist du schon seit langem, taub und nun auch von schwachem Verstand, mit zerfallenen Zähnen, schwachem Verdauungsfeuer, [von Husten] geschüttelt und Schleim mit dir führend.
Wort für Wort
andhaḥ puraiva vadhiro
blind seit langem, taub
manda-prajñāś ca sāmprataṁ
und nun von schwachem Verstand
viśīrṇa-danto mandāgniḥ
mit zerfallenen Zähnen, schwachem Verdauungsfeuer
sarāgaḥ kapham udvahan
[von Husten] geschüttelt, Schleim mit sich führend
[?: 'sarāgaḥ' ist im Kontext körperlichen Verfalls unklar; hier im Sinne von Krankheitssymptomen gedeutet.]
Ach, wie gewaltig ist die Lebenshoffnung eines jeden Wesens, wie man bei dir sieht - du nimmst die von Bhīma dir hingeworfenen Bissen an wie ein Haushund.
Wort für Wort
aho mahīyasī jantor jīvitāśā
ach, wie gewaltig ist die Lebenshoffnung eines Wesens
agnir nisṛṣṭo dattaś ca garo dārāś ca dūṣitāḥ | hṛtaṁ kṣetraṁ dhanaṁ yeṣāṁ tad-dattair asubhiḥ kiyat
Verbrannt wurde [ihr Haus], Gift wurde [ihnen] gegeben, [ihre] Gattin geschändet, Land und Besitz geraubt - jenen [Pāṇḍavas] - was ist es wert, mit dem Leben [weiterzuleben], das dir von eben diesen [aus Gnade] gegeben wurde?
Wort für Wort
agnir nisṛṣṭo dattaś ca garo
Feuer wurde entfacht, Gift wurde gegeben
dārāś ca dūṣitāḥ
und [ihre] Gattin geschändet
hṛtaṁ kṣetraṁ dhanaṁ yeṣāṁ
denen Land und Besitz geraubt wurden
tad-dattair asubhiḥ kiyat
was ist es wert mit dem von eben diesen gegebenen Leben [weiterzuleben]
[Anm.: Vidura erinnert an die Untaten von Dhṛtarāṣṭras Söhnen gegen die Pāṇḍavas (Lākṣāgṛha-Brand, Bhīmas Vergiftung, Draupadīs Bedrängung, Raub des Königreichs) - und daran, dass die Pāṇḍavas dennoch Dhṛtarāṣṭras Leben verschonten.]
Auch dieser dein Körper, [Körper] eines Erbärmlichen, der immer noch zu leben wünscht, vergeht, altersschwach durch das Alter, gegen deinen Willen - wie ein Paar alte Gewänder.
gata-svārtham imaṁ dehaṁ virakto mukta-bandhanaḥ | avijñāta-gatir jahyāt sa vai dhīra udāhṛtaḥ
Wer diesen Körper, dessen eigentlicher Zweck bereits erfüllt ist, leidenschaftslos und von aller Bindung befreit aufgibt, ohne jemandem seinen weiteren Weg bekanntzugeben - eben der wird 'der Weise' genannt.
Wer, sei es durch eigenes Erleben oder das anderer, hier in dieser Welt Überdruss an weltlichen Dingen gewonnen hat, selbstbeherrscht, Hari im Herzen verankert, von zu Hause fortzieht - er ist der Beste der Menschen.
Darum geh, ohne dass die Deinen deinen Weg kennen, in die nördliche Richtung; von jetzt an wird die Zeit größtenteils die guten Eigenschaften der Menschen schwinden lassen.
Wort für Wort
athodīcīṁ diśaṁ yātu
darum geh in die nördliche Richtung
svair ajñāta-gatir bhavān
ohne dass die Deinen [deinen] Weg kennen
ito 'rvāk prāyaśaḥ kālaḥ
von jetzt an wird die Zeit größtenteils
puṁsāṁ guṇa-vikarṣaṇaḥ
die guten Eigenschaften der Menschen schwinden lassen
So, von Vidura, dem jüngeren Bruder, zur Einsicht erweckt, durchtrennte der König Ājamīḍha [Dhṛtarāṣṭra], nun mit dem Auge der Weisheit sehend, die festen Bande der Zuneigung zu den Seinen und zog fort, den ihm vom Bruder gewiesenen Weg nehmend.
Wort für Wort
evaṁ rājā vidureṇānujena
so, der König, durch Vidura, den jüngeren Bruder
prajñā-cakṣur bodhita ājamīḍhaḥ
zur Einsicht erweckt, [nun] mit dem Auge der Weisheit, Ājamīḍha [Dhṛtarāṣṭra]
chittvā sveṣu sneha-pāśān draḍhimno
die festen Bande der Zuneigung zu den Seinen durchtrennend
niścakrāma bhrātṛ-sandarśitādhvā
zog er fort, den vom Bruder gewiesenen Weg [nehmend]
Die Tochter des Subala [Gāndhārī], dem Gatten treu ergeben, die Tugendhafte, folgte dem zum Himālaya fortziehenden Gatten, der alle Freude an der Herrschermacht abgelegt hatte - wie den Weisen ein wahrer Schicksalsschlag zu ertragen zufällt.
Wort für Wort
patiṁ prayāntaṁ subalasya putrī
dem fortziehenden Gatten die Tochter des Subala
pati-vratā cānujagāma sādhvī
dem Gatten treu ergeben, folgte die Tugendhafte
himālayaṁ nyasta-daṇḍa-praharṣaṁ
zum Himālaya, der die Freude an der Herrschermacht abgelegt hatte
manasvinām iva sat samprahāraḥ
wie ein wahrer Schicksalsschlag den Weisen [zufällt]
[Anm.: Der Vergleich mit dem 'Schicksalsschlag für die Weisen' bleibt im Original knapp und wird hier sinngemäß wiedergegeben.]
ajāta-śatruḥ kṛta-maitro hutāgnir viprān natvā tila-go-bhūmi-rukmaiḥ | gṛhaṁ praviṣṭo guru-vandanāya na cāpaśyat pitarau saubalīṁ ca
Yudhiṣṭhira, der seine morgendlichen Freundschaftsgrüße vollzogen, das Feueropfer dargebracht und die Brahmanen mit Sesam, Kühen, Land und Gold verehrt hatte, betrat das Haus, um die Älteren zu verehren, sah aber die Eltern und die Tochter des Subala [Gāndhārī] nicht.
Wort für Wort
ajāta-śatruḥ kṛta-maitro hutāgnir
Yudhiṣṭhira, der [seine] Freundschaftsgrüße und das Feueropfer vollzogen hatte
viprān natvā tila-go-bhūmi-rukmaiḥ
die Brahmanen mit Sesam, Kühen, Land und Gold verehrt habend
gṛhaṁ praviṣṭo guru-vandanāya
das Haus betreten habend, um die Älteren zu verehren
na cāpaśyat pitarau saubalīṁ ca
sah er die Eltern und die Tochter des Subala nicht
ambā ca hata-putrārtā pitṛvyaḥ kva gataḥ suhṛt | api mayy akṛta-prajñe hata-bandhuḥ sa bhāryayā | āśaṁsamānaḥ śamalaṁ gaṅgāyāṁ duḥkhito 'patat
Und wo ist Mutter [Gāndhārī], gequält vom Verlust ihrer Söhne? Wohin ist der Onkel, unser Freund, gegangen? Ist er, da ich ihm scheinbar undankbar war, er, dessen Verwandte getötet wurden, mit seiner Gattin, Unheil befürchtend, betrübt in die Gaṅgā gestürzt?'
Wort für Wort
ambā ca hata-putrārtā
und Mutter, gequält vom Verlust der Söhne
pitṛvyaḥ kva gataḥ suhṛt
wohin ist der Onkel, [unser] Freund, gegangen
api mayy akṛta-prajñe hata-bandhuḥ sa bhāryayā
ist er, da ich unklug war, er, dessen Verwandte getötet wurden, mit [seiner] Gattin
Als unser Vater Pāṇḍu gestorben war, beschützten uns die beiden Onkel, uns alle, ihre geliebten Neffen, als Kinder vor Gefahren - wohin sind sie nun von hier gegangen?
Sūta [Ugraśravas] sprach: Aus Mitleid und Erschütterung durch Zuneigung, von der Trennung ausgezehrt, seinen Herrn [Dhṛtarāṣṭra] nicht mehr vor Augen sehend, übermäßig bedrängt, antwortete er [Sañjaya, zunächst] nicht.
Wort für Wort
sūta uvāca
Sūta [Ugraśravas] sprach
kṛpayā sneha-vaiklavyāt
aus Mitleid und Erschütterung durch Zuneigung
sūto viraha-karśitaḥ
Sañjaya, von der Trennung ausgezehrt
ātmeśvaram acakṣāṇo na pratyāhātipīḍitaḥ
seinen Herrn nicht [mehr] sehend, übermäßig bedrängt, antwortete er nicht
[Anm.: Hier meldet sich kurz der äußere Rahmenerzähler Sūta (Ugraśravas) zurück; 'sūtaḥ' im Vers selbst bezeichnet dagegen Sañjaya, den Wagenlenker-Sohn.]
Sañjaya sprach: 'Ich kenne den Entschluss deiner Eltern nicht, o Freude der Dynastie, noch den der Gāndhārī, o Starkarmiger - ich bin von den Großgesinnten selbst getäuscht worden.'
Wort für Wort
sañjaya uvāca
Sañjaya sprach
nāhaṁ veda vyavasitaṁ pitror vaḥ
ich kenne den Entschluss eurer Eltern nicht
kula-nandana
o Freude der Dynastie
gāndhāryā vā mahā-bāho muṣito 'smi mahātmabhiḥ
noch den der Gāndhārī, o Starkarmiger; ich bin von den Großgesinnten getäuscht worden
Darauf kam der erhabene Nārada, zusammen mit Tumburu; Yudhiṣṭhira, sich mit seinen jüngeren Brüdern erhebend, ehrerbietig grüßend und den Weisen verehrend, sprach:
yudhiṣṭhira uvāca | nāhaṁ veda gatiṁ pitror bhagavan kva gatāv itaḥ | ambā vā hata-putrārtā kva gatā ca tapasvinī
Yudhiṣṭhira sprach: 'Ich kenne den Verbleib meiner Eltern nicht, o Erhabener - wohin sind sie von hier gegangen? Und wohin ist Mutter, gequält vom Verlust ihrer Söhne, die Bekümmerte, gegangen?'
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach
nāhaṁ veda gatiṁ pitror bhagavan
ich kenne den Verbleib der Eltern nicht, o Erhabener
kva gatāv itaḥ
wohin sind sie von hier gegangen
ambā vā hata-putrārtā kva gatā ca tapasvinī
und wohin ist Mutter, gequält vom Verlust der Söhne, die Bekümmerte, gegangen
Wie ein Steuermann auf einem uferlosen Meer, der erhabene, das rettende Ufer Weisende, sprach darauf der erhabene Nārada, der Vortrefflichste der Weisen:
nārada uvāca | mā kañcana śuco rājan yad īśvara-vaśaṁ jagat | lokāḥ sapālā yasyeme vahanti balim īśituḥ | sa saṁyunakti bhūtāni sa eva viyunakti ca
Nārada sprach: 'Betrauere gar nichts, o König, denn die Welt ist der Macht des Herrn unterworfen; diese Welten samt ihren Hütern, die ihm gehören, bringen ihm, dem Gebieter, Tribut dar - er ist es, der die Wesen zusammenführt, und eben er ist es, der sie wieder trennt.'
Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
mā kañcana śuco rājan
betrauere gar nichts, o König
yad īśvara-vaśaṁ jagat
denn die Welt ist der Macht des Herrn unterworfen
lokāḥ sapālā yasyeme vahanti balim īśituḥ
diese Welten samt Hütern, die ihm gehören, bringen dem Gebieter Tribut
Wie Kühe, durch die Nase am Strick geführt und mit Seilen gebunden, Lasten tragen, so tragen die Menschen, am Seil der göttlichen Rede durch ihre Namen und Pflichten gebunden, dem Gebieter Tribut dar.
Wie bei Spielzeugen Verbindung und Trennung durch den Willen des Spielenden geschehen, ebenso geschehen sie bei den Menschen durch den Willen des Herrn.
Wort für Wort
yathā krīḍopaskarāṇāṁ
wie bei Spielzeugen/Spielutensilien
saṁyoga-vigamāv iha
Verbindung und Trennung hier
icchayā krīḍituḥ syātāṁ
durch den Willen des Spielenden geschehen
tathaiveśecchayā nṛṇām
ebenso durch den Willen des Herrn bei den Menschen
yan manyase dhruvaṁ lokam adhruvaṁ vā na cobhayam | sarvathā na hi śocyās te snehād anyatra mohajāt
Ob du nun meinst, die Welt sei beständig oder unbeständig oder keins von beiden - auf jeden Fall sind sie nicht zu betrauern, es sei denn aus der aus Verblendung entstandenen Zuneigung.
Wort für Wort
yan manyase dhruvaṁ lokam
ob du meinst, die Welt [sei] beständig
adhruvaṁ vā na cobhayam
oder unbeständig oder keins von beiden
sarvathā na hi śocyās te
auf jeden Fall sind sie nicht zu betrauern
snehād anyatra mohajāt
es sei denn aus der aus Verblendung [entstandenen] Zuneigung
tasmāj jahy aṅga vaiklavyam ajñāna-kṛtam ātmanaḥ | kathaṁ tv anāthāḥ kṛpaṇā varteraṁs te ca māṁ vinā
Deshalb gib, mein Lieber, die aus deiner eigenen Unwissenheit entstandene Bestürzung auf - meinst du etwa: 'Wie sollten die hilflosen Armen ohne mich zurechtkommen?'
Dieser aus den fünf Elementen bestehende Körper, der Zeit, dem Karma und den Erscheinungsweisen unterworfen - wie sollte er andere beschützen können, gleichwie jemand, von einer Schlange ergriffen, einen anderen nicht beschützen kann?
Wort für Wort
kāla-karma-guṇādhīno
der Zeit, dem Karma und den Erscheinungsweisen unterworfen
deho 'yaṁ pāñca-bhautikaḥ
dieser aus den fünf Elementen bestehende Körper
katham anyāṁs tu gopāyet
wie sollte er andere beschützen
sarpa-grasto yathā param
wie [jemand], von einer Schlange ergriffen, einen anderen
Die Handlosen dienen den Behändigten, die Fußlosen den Vierfüßigen, die Schwachen dort den Starken - ein Lebewesen ist die Nahrung eines anderen Lebewesens.
Dies alles ist, o König, der Erhabene, das eine Selbst aller Selbste, der Selbst-Erkennende, der zugleich innen verborgen und nicht-verschieden erscheint - sieh ihn, wie er durch seine Māyā auf vielfältige Weise erscheint.
Wort für Wort
tad idaṁ bhagavān rājann
dies alles [ist], o König, der Erhabene
eka ātmātmanāṁ sva-dṛk
das eine Selbst aller Selbste, der Selbst-Erkennende
antaro 'nantaro bhāti
der innen [verborgen] und nicht-verschieden erscheint
paśya taṁ māyayorudhā
sieh ihn durch [seine] Māyā vielfältig [erscheinend]
Eben dieser Erhabene, der Erzeuger der Wesen, ist jetzt, o großer König, in Gestalt der Zeit in diese Welt herabgestiegen, um die Feinde der Götter zu vernichten.
Wort für Wort
so 'yam adya mahārāja
eben dieser, jetzt, o großer König
bhagavān bhūta-bhāvanaḥ
der Erhabene, der Erzeuger der Wesen
kāla-rūpo 'vatīrṇo 'syām
ist in Gestalt der Zeit in diese [Welt] herabgestiegen
Die Aufgabe der Götter ist bereits vollbracht; er wartet nur noch auf den Rest seiner Mission - solange sollt ihr abwarten, wie lange der Herr noch hier auf Erden weilt.
Dorthin, wo die Himmelsgaṅgā sich fürwahr mit sieben Strömen zur Freude der sieben Ṛṣis siebenfach verschiedenartig teilte, nennt man 'Saptasrota' [Siebenstrom].
Dort badend zu jeder der drei täglichen Zeiten, die heiligen Feuer vorschriftsmäßig speisend, nur von Wasser lebend, mit befriedetem Gemüt, verharrt er, frei von allem Verlangen.
Die Sitzhaltung gemeistert, den Atem gemeistert, die sechs Sinne zurückgezogen habend, ist durch die Versenkung in Hari der Makel der drei Erscheinungsweisen Rajas, Sattva und Tamas in ihm zerstört.
Wort für Wort
jitāsano jita-śvāsaḥ
die Sitzhaltung gemeistert, den Atem gemeistert
pratyāhṛta-ṣaḍ-indriyaḥ
die sechs Sinne zurückgezogen habend
hari-bhāvanayā
durch die Versenkung in Hari
dhvasta-rajaḥ-sattva-tamo-malaḥ
ist der Makel von Rajas, Sattva und Tamas zerstört
Seinen Geist mit dem Erkenntnis-Selbst verbindend und dieses wiederum im Feldkenner auflösend, löst er schließlich das Selbst in Brahman, der höchsten Grundlage, auf, wie man den in einem Topf eingeschlossenen Raum im umgebenden Raum auflöst.
Dessen künftige Wirkung der Māyā-Erscheinungsweisen zerstört ist, dessen Sinnesorgane samt ihrer Absicht zurückgehalten sind, der alle Nahrung eingestellt hat, verharrt er unbeweglich wie ein Baumstumpf - werde ihm, der alle Handlungen aufgegeben hat, ja kein Hindernis!
Wort für Wort
dhvasta-māyā-guṇodarko
dessen künftige Wirkung der Māyā-Erscheinungsweisen zerstört ist
niruddha-karaṇāśayaḥ
dessen Sinnesorgane samt Absicht zurückgehalten sind
nivartitākhilāhāra āste sthāṇur ivācalaḥ
der alle Nahrung eingestellt hat, verharrt unbeweglich wie ein Baumstumpf
tasyāntarāyo maivābhūḥ sannyastākhila-karmaṇaḥ
werde ihm, der alle Handlungen aufgegeben hat, kein Hindernis
dahyamāne 'gnibhir dehe patyuḥ patnī sahoṭaje | bahiḥ sthitā patiṁ sādhvī tam agnim anu vekṣyati
Während der Körper des Gatten von den Feuern verbrannt wird, wird die tugendhafte Gattin, die sich außerhalb der brennenden Hütte aufhält, diesem Feuer folgen und mit hineingehen.
Wort für Wort
dahyamāne 'gnibhir dehe patyuḥ
während der Körper des Gatten von den Feuern verbrannt wird
patnī sahoṭaje
die Gattin, mit [seiner] Hütte [zusammen]
bahiḥ sthitā patiṁ sādhvī
außerhalb weilend, die tugendhafte [Gattin], den Gatten
tam agnim anu vekṣyati
wird diesem Feuer folgen
[Anm.: Gemeint ist Gāndhārīs freiwilliger Tod im selben Waldbrand wie Dhṛtarāṣṭra; Kuntī wird in dieser Voraussage nicht eigens erwähnt, obwohl sie der Mahābhārata-Überlieferung nach ebenfalls dabei umkommt.]
viduras tu tad āścaryaṁ niśāmya kuru-nandana | harṣa-śoka-yutas tasmād gantā tīrtha-niṣevakaḥ
Vidura aber wird, nachdem er dieses Wunder vernommen hat, o Freude der Kurus, von Freude und Trauer zugleich erfüllt, von dort weiterziehen, als ein Aufsucher heiliger Stätten.
Wort für Wort
viduras tu tad āścaryaṁ niśāmya
Vidura aber, dieses Wunder vernommen habend
kuru-nandana
o Freude der Kurus
harṣa-śoka-yutas tasmād
von Freude und Trauer erfüllt, von dort
gantā tīrtha-niṣevakaḥ
wird er weiterziehen, als Aufsucher heiliger Stätten
So gesprochen habend, stieg Nārada, zusammen mit Tumburu, darauf zum Himmel empor; Yudhiṣṭhira, dessen Worte im Herzen verankernd, legte seinen Kummer ab.