Quellen der Menschheit

Bhāgavata-Purāṇa

Kapitel 13: dhṛtarāṣṭra-gṛha-tyāgaḥ Vidura kehrt zurück, und Dhṛtarāṣṭra verlässt das Haus

Vidura kehrt von seiner Pilgerfahrt, auf der er von Maitreya die Selbsterkenntnis erlangt hat, nach Hastināpura zurück und wird freudig empfangen (V.1-11). Er berichtet alles, was er erlebt hat, verschweigt jedoch aus Mitgefühl den Untergang der Yadu-Sippe (V.12-13). Während Yudhiṣṭhira, in häusliche Angelegenheiten vertieft, die Zeit unbemerkt verstreichen lässt (V.14-17), erkennt Vidura die herannahende Gefahr und hält Dhṛtarāṣṭra eine eindringliche, schonungslose Rede über Vergänglichkeit, Alter und die Sinnlosigkeit eines an Anhaftung geketteten Lebens, und rät ihm zum Auszug in die Einsamkeit (V.18-28). Dhṛtarāṣṭra, dadurch zur Einsicht erwacht, verlässt mit Gāndhārī das Haus in Richtung Himālaya, ohne sein Ziel bekanntzugeben (V.29-30). Am nächsten Morgen findet Yudhiṣṭhira die Eltern nicht mehr vor; der erschütterte Sañjaya kann zunächst nicht antworten (V.31-37). Da erscheint der Weise Nārada und offenbart Yudhiṣṭhira in einer bedeutenden philosophischen Rede die Lehre von der Ergebenheit in den Willen des Herrn als der personifizierten Zeit (V.38-50), nennt den Aufenthaltsort Dhṛtarāṣṭras (Saptasrota am Himālaya, V.51-56) und prophezeit dessen bevorstehenden Tod im Waldbrand samt Gāndhārīs freiwilligem Opfertod sowie Viduras anschließende Weiterreise zu den heiligen Stätten (V.57-60).

sūta uvāca | viduras tīrtha-yātrāyāṁ maitreyād ātmano gatim | jñātvāgād dhāstinapuraṁ tayāvāpta-vivitsitaḥ

Sūta sprach: Vidura, der auf seiner Pilgerfahrt zu den heiligen Stätten von Maitreya das Wissen um den Weg des Selbst erlangt hatte, ging, durch dieses Wissen nun im Erstrebten angekommen, nach Hastināpura.

Wort für Wort
sūta uvāca
Sūta sprach
viduras tīrtha-yātrāyāṁ
Vidura, auf der Pilgerfahrt zu den heiligen Stätten
maitreyād ātmano gatim jñātvā
von Maitreya den Weg des Selbst erkannt habend
agād dhāstinapuraṁ
ging er nach Hastināpura
tayāvāpta-vivitsitaḥ
durch dieses [Wissen] nun im Erstrebten angekommen

yāvataḥ kṛtavān praśnān kṣattā kauṣāravāgrataḥ | jātaika-bhaktir govinde tebhyaś copararāma ha

So viele Fragen Vidura, der 'Torwächter', vor Kauṣārava [Maitreya] auch gestellt hatte - da er nun alleinige Hingabe zu Govinda erlangt hatte, hielt er mit diesen [weiteren Fragen] inne.

Wort für Wort
yāvataḥ kṛtavān praśnān
so viele Fragen er gestellt hatte
kṣattā kauṣāravāgrataḥ
der 'Torwächter' [Vidura] vor Kauṣārava [Maitreya]
jātaika-bhaktir govinde
da alleinige Hingabe zu Govinda in ihm entstanden war
tebhyaś copararāma ha
hielt er mit diesen [weiteren Fragen] inne

taṁ bandhum āgataṁ dṛṣṭvā dharma-putraḥ sahānujaḥ | dhṛtarāṣṭro yuyutsuś ca sūtaḥ śāradvataḥ pṛthā

Als sie den Verwandten kommen sahen, [eilten herbei] Dharma-putra [Yudhiṣṭhira] samt seinen jüngeren Brüdern, Dhṛtarāṣṭra und Yuyutsu, Sañjaya, Kṛpa [Sohn des Śaradvat] und Pṛthā [Kuntī],

Wort für Wort
taṁ bandhum āgataṁ dṛṣṭvā
den Verwandten kommen sehend
dharma-putraḥ sahānujaḥ
Dharma-putra [Yudhiṣṭhira] samt jüngeren Brüdern
dhṛtarāṣṭro yuyutsuś ca
Dhṛtarāṣṭra und Yuyutsu
sūtaḥ śāradvataḥ pṛthā
Sañjaya, Kṛpa [Sohn des Śaradvat], Pṛthā [Kuntī]

gāndhārī draupadī brahman subhadrā cottarā kṛpī | anyāś ca jāmayaḥ pāṇḍor jñātayaḥ sasutāḥ striyaḥ

Gāndhārī, Draupadī, o Brahmane, Subhadrā, Uttarā, Kṛpī, sowie die anderen Schwägerinnen des Pāṇḍu und die verwandten Frauen samt ihren Söhnen.

Wort für Wort
gāndhārī draupadī brahman
Gāndhārī, Draupadī, o Brahmane
subhadrā cottarā kṛpī
Subhadrā, Uttarā, Kṛpī
anyāś ca jāmayaḥ pāṇḍor
und die anderen Schwägerinnen des Pāṇḍu
jñātayaḥ sasutāḥ striyaḥ
die verwandten Frauen samt ihren Söhnen

pratyujjagmuḥ praharṣeṇa prāṇaṁ tanva ivāgatam | abhisaṅgamya vidhivat pariṣvaṅgābhivādanaiḥ

Sie gingen ihm mit großer Freude entgegen, wie man dem zum Körper zurückgekehrten Lebensatem entgegengeht, sich ihm gebührend nähernd, mit Umarmungen und Begrüßungen.

Wort für Wort
pratyujjagmuḥ praharṣeṇa
sie gingen mit großer Freude entgegen
prāṇaṁ tanva ivāgatam
wie dem zum Körper zurückgekehrten Lebensatem
abhisaṅgamya vidhivat
sich gebührend nähernd
pariṣvaṅgābhivādanaiḥ
mit Umarmungen und Begrüßungen

mumucuḥ prema-bāṣpaughaṁ viraha-utkaṇṭhya-kātarāḥ | rājā tam arhayāṁ cakre kṛtāsana-parigraham

Überwältigt von der Sehnsuchtsangst der Trennung, vergossen sie eine Flut von Liebestränen; der König erwies ihm, nachdem er einen Sitzplatz eingenommen hatte, gebührende Ehre.

Wort für Wort
mumucuḥ prema-bāṣpaughaṁ
sie vergossen eine Flut von Liebestränen
viraha-utkaṇṭhya-kātarāḥ
überwältigt von der Sehnsuchtsangst der Trennung
rājā tam arhayāṁ cakre
der König erwies ihm Ehre
kṛtāsana-parigraham
nachdem er einen Sitzplatz eingenommen hatte

taṁ bhuktavantaṁ viśrāntam āsīnaṁ sukham āsane | praśrayāvanato rājā prāha teṣāṁ ca śṛṇvatām

Zu ihm, der gegessen hatte, ausgeruht war und bequem auf dem Sitz saß, sprach der König, von Demut gebeugt, während jene zuhörten.

Wort für Wort
taṁ bhuktavantaṁ viśrāntam
zu ihm, der gegessen hatte, ausgeruht
āsīnaṁ sukham āsane
bequem auf dem Sitz sitzend
praśrayāvanato rājā prāha
sprach der König, von Demut gebeugt
teṣāṁ ca śṛṇvatām
während jene zuhörten

yudhiṣṭhira uvāca | api smaratha no yuṣmat-pakṣa-cchāyā-samedhitān | vipad-gaṇād viṣāgnyāder mocitā yat samātṛkāḥ

Yudhiṣṭhira sprach: Erinnerst du dich wohl, wie wir, die wir im Schutzschatten deiner Seite aufgewachsen sind, samt unserer Mutter aus der Menge der Gefahren - Gift, Feuer und anderem - gerettet wurden?

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach
api smaratha no
erinnerst du dich wohl unser
yuṣmat-pakṣa-cchāyā-samedhitān
die im Schutzschatten deiner Seite aufgewachsen sind
vipad-gaṇād viṣāgnyāder mocitā yat samātṛkāḥ
dass wir samt Mutter aus der Menge der Gefahren, Gift, Feuer und anderem, gerettet wurden

kayā vṛttyā vartitaṁ vaś caradbhiḥ kṣiti-maṇḍalam | tīrthāni kṣetra-mukhyāni sevitānīha bhūtale

Wovon habt ihr gelebt, während ihr, den Erdkreis durchziehend, hier auf der Erde die heiligen Stätten und vornehmsten Wallfahrtsorte aufsuchtet?

Wort für Wort
kayā vṛttyā vartitaṁ vaś
wovon habt ihr gelebt
caradbhiḥ kṣiti-maṇḍalam
während ihr den Erdkreis durchzogt
tīrthāni kṣetra-mukhyāni
die heiligen Stätten und vornehmsten Wallfahrtsorte
sevitānīha bhūtale
aufsuchend hier auf der Erde

bhavad-vidhā bhāgavatās tīrtha-bhūtāḥ svayaṁ vibho | tīrthī-kurvanti tīrthāni sva-antaḥ-sthena gadā-bhṛtā

Solche wie du, o Mächtiger, Verehrer [des Herrn], sind selbst zu heiligen Stätten geworden; sie machen gewöhnliche Pilgerstätten erst wirklich heilig durch den Keulenträger, der in ihrem eigenen Innern weilt.

Wort für Wort
bhavad-vidhā bhāgavatās
solche wie du, Verehrer [des Herrn]
tīrtha-bhūtāḥ svayaṁ vibho
sind selbst zu heiligen Stätten geworden, o Mächtiger
tīrthī-kurvanti tīrthāni
sie machen [gewöhnliche] Pilgerstätten [erst wirklich] heilig
sva-antaḥ-sthena gadā-bhṛtā
durch den in ihrem Innern weilenden Keulenträger

api naḥ suhṛdas tāta bāndhavāḥ kṛṣṇa-devatāḥ | dṛṣṭāḥ śrutā vā yadavaḥ sva-puryāṁ sukham āsate

Hast du wohl, o Vater, unsere Freunde und Verwandten, die Yadus, deren Gottheit Kṛṣṇa ist, gesehen oder von ihnen gehört - weilen sie glücklich in ihrer eigenen Stadt?

Wort für Wort
api naḥ suhṛdas tāta
hast du wohl, o Vater, unsere Freunde
bāndhavāḥ kṛṣṇa-devatāḥ
die Verwandten, deren Gottheit Kṛṣṇa ist
dṛṣṭāḥ śrutā vā yadavaḥ
die Yadus gesehen oder gehört
sva-puryāṁ sukham āsate
weilen sie glücklich in ihrer eigenen Stadt

ity ukto dharma-rājena sarvaṁ tat samavarṇayat | yathānubhūtaṁ kramaśo vinā yadu-kula-kṣayam

So vom Dharma-König angesprochen, schilderte er [Vidura] all dies der Reihe nach, wie er es erlebt hatte - ausgenommen den Untergang der Yadu-Sippe.

Wort für Wort
ity ukto dharma-rājena
so vom Dharma-König angesprochen
sarvaṁ tat samavarṇayat
schilderte er all dies
yathānubhūtaṁ kramaśo
wie er es erlebt hatte, der Reihe nach
vinā yadu-kula-kṣayam
ausgenommen den Untergang der Yadu-Sippe

nanv apriyaṁ durviṣahaṁ nṛṇāṁ svayam upasthitam | nāvedayat sakaruṇo duḥkhitān draṣṭum akṣamaḥ

Fürwahr, das Unliebsame, Unerträgliche, das den Menschen ohnehin von selbst widerfahren wird, teilte er, mitleidsvoll und unfähig, die Betrübten leiden zu sehen, nicht mit.

Wort für Wort
nanv apriyaṁ durviṣahaṁ
fürwahr, das Unliebsame, Unerträgliche
nṛṇāṁ svayam upasthitam
das den Menschen von selbst widerfahren wird
nāvedayat sakaruṇo
teilte er nicht mit, mitleidsvoll
duḥkhitān draṣṭum akṣamaḥ
unfähig, die Betrübten leiden zu sehen

kañcit kālam athāvātsīt sat-kṛto devavat sukham | bhrātur jyeṣṭhasya śreyas-kṛt sarveṣāṁ sukham āvahan

Darauf verweilte er eine gewisse Zeit, geehrt, glücklich wie ein Gott, dem Wohlergehen seines älteren Bruders dienend und allen Glück bringend.

Wort für Wort
kañcit kālam athāvātsīt
darauf verweilte er eine gewisse Zeit
sat-kṛto devavat sukham
geehrt, glücklich wie ein Gott
bhrātur jyeṣṭhasya śreyas-kṛt
dem Wohlergehen des älteren Bruders dienend
sarveṣāṁ sukham āvahan
allen Glück bringend

abibhrad aryamā daṇḍaṁ yathāvad agha-kāriṣu | yāvad dadhāra śūdratvaṁ śāpād varṣa-śataṁ yamaḥ

Solange Yama, infolge eines Fluches, hundert Jahre den Stand eines Śūdra innehatte [d.h. als Vidura auf Erden weilte], übte Aryaman gebührend die Zuchtgewalt gegenüber den Übeltätern aus.

Wort für Wort
abibhrad aryamā daṇḍaṁ
es übte Aryaman die Zuchtgewalt aus
yathāvad agha-kāriṣu
gebührend gegenüber den Übeltätern
yāvad dadhāra śūdratvaṁ
solange [Yama] den Stand eines Śūdra innehatte
śāpād varṣa-śataṁ yamaḥ
infolge eines Fluches, hundert Jahre, Yama

[Anm.: Vidura gilt als Inkarnation Yamas, der wegen eines Fluches (des Weisen Māṇḍavya) für hundert Jahre in einem Śūdra-Leib weilen musste; in dieser Zeit vertrat Aryaman sein Amt als Richter über die Verstorbenen.]

yudhiṣṭhiro labdha-rājyo dṛṣṭvā pautraṁ kulan-dharam | bhrātṛbhir loka-pālābhair mumude parayā śriyā

Yudhiṣṭhira, der sein Königreich innehatte, freute sich, nachdem er seinen Enkel, den Erhalter der Dynastie, gesehen hatte, zusammen mit seinen Brüdern, die den Welthütern glichen, in höchster Herrlichkeit.

Wort für Wort
yudhiṣṭhiro labdha-rājyo
Yudhiṣṭhira, der [sein] Königreich innehatte
dṛṣṭvā pautraṁ kulan-dharam
seinen Enkel, den Erhalter der Dynastie, gesehen habend
bhrātṛbhir loka-pālābhair
mit seinen Brüdern, die den Welthütern glichen
mumude parayā śriyā
freute er sich in höchster Herrlichkeit

evaṁ gṛheṣu saktānāṁ pramattānāṁ tad-īhayā | atyakrāmad avijñātaḥ kālaḥ parama-dustaraḥ

So verging - unbemerkt von denen, die an ihre Häuser gebunden und durch deren beständiges Streben verblendet waren - die höchst schwer zu überwindende Zeit.

Wort für Wort
evaṁ gṛheṣu saktānāṁ
so, von denen, die an ihre Häuser gebunden waren
pramattānāṁ tad-īhayā
die durch deren Streben verblendet waren
atyakrāmad avijñātaḥ
verging unbemerkt
kālaḥ parama-dustaraḥ
die höchst schwer zu überwindende Zeit

viduras tad abhipretya dhṛtarāṣṭram abhāṣata | rājan nirgamyatāṁ śīghraṁ paśyedaṁ bhayam āgatam

Vidura, dies erkennend, sprach zu Dhṛtarāṣṭra: 'O König, geh rasch fort! Sieh, diese Gefahr ist schon gekommen.'

Wort für Wort
viduras tad abhipretya
Vidura, dies erkennend
dhṛtarāṣṭram abhāṣata
sprach zu Dhṛtarāṣṭra
rājan nirgamyatāṁ śīghraṁ
o König, geh rasch fort
paśyedaṁ bhayam āgatam
sieh, diese Gefahr ist gekommen

pratikriyā na yasyeha kutaścit karhicit prabho | sa eṣa bhagavān kālaḥ sarveṣāṁ naḥ samāgataḥ

Gegen die es hier von nirgendher, zu keiner Zeit ein Gegenmittel gibt, o Herr - eben diese erhabene, personifizierte Zeit ist für uns alle herangekommen.

Wort für Wort
pratikriyā na yasyeha
gegen die es hier kein Gegenmittel gibt
kutaścit karhicit prabho
von nirgendher, zu keiner Zeit, o Herr
sa eṣa bhagavān kālaḥ
eben diese erhabene [personifizierte] Zeit
sarveṣāṁ naḥ samāgataḥ
ist für uns alle herangekommen

yena caivābhipanno 'yaṁ prāṇaiḥ priyatamair api | janaḥ sadyo viyujyeta kim utānyair dhanādibhiḥ

Wovon ergriffen, dieser Mensch sogleich sogar von seinem liebsten Lebensatem getrennt würde - wie viel mehr dann von anderem, wie Reichtum und dergleichen.

Wort für Wort
yena caivābhipanno 'yaṁ
wovon dieser [Mensch] ergriffen
prāṇaiḥ priyatamair api
sogar vom liebsten Lebensatem
janaḥ sadyo viyujyeta
würde er sogleich getrennt werden
kim utānyair dhanādibhiḥ
wie viel mehr von anderem, wie Reichtum

pitṛ-bhrātṛ-suhṛt-putrā hatās te vigataṁ vayaḥ | ātmā ca jarayā grastaḥ para-geham upāsase

Vater, Brüder, Freunde, Söhne sind dir getötet, deine Jugend ist vergangen, und du selbst, vom Alter ergriffen, weilst noch immer im Haus eines anderen.

Wort für Wort
pitṛ-bhrātṛ-suhṛt-putrā hatās te
Vater, Brüder, Freunde, Söhne sind dir getötet
vigataṁ vayaḥ
deine Jugend ist vergangen
ātmā ca jarayā grastaḥ
und [dein] Selbst, vom Alter ergriffen
para-geham upāsase
weilst du im Haus eines anderen

andhaḥ puraiva vadhiro manda-prajñāś ca sāmprataṁ | viśīrṇa-danto mandāgniḥ sarāgaḥ kapham udvahan

Blind bist du schon seit langem, taub und nun auch von schwachem Verstand, mit zerfallenen Zähnen, schwachem Verdauungsfeuer, [von Husten] geschüttelt und Schleim mit dir führend.

Wort für Wort
andhaḥ puraiva vadhiro
blind seit langem, taub
manda-prajñāś ca sāmprataṁ
und nun von schwachem Verstand
viśīrṇa-danto mandāgniḥ
mit zerfallenen Zähnen, schwachem Verdauungsfeuer
sarāgaḥ kapham udvahan
[von Husten] geschüttelt, Schleim mit sich führend

[?: 'sarāgaḥ' ist im Kontext körperlichen Verfalls unklar; hier im Sinne von Krankheitssymptomen gedeutet.]

aho mahīyasī jantor jīvitāśā yathā bhavān | bhīmāpavarjitaṁ piṇḍam ādatte gṛha-pālavat

Ach, wie gewaltig ist die Lebenshoffnung eines jeden Wesens, wie man bei dir sieht - du nimmst die von Bhīma dir hingeworfenen Bissen an wie ein Haushund.

Wort für Wort
aho mahīyasī jantor jīvitāśā
ach, wie gewaltig ist die Lebenshoffnung eines Wesens
yathā bhavān
wie [bei] dir
bhīmāpavarjitaṁ piṇḍam ādatte
du nimmst die von Bhīma hingeworfenen Bissen an
gṛha-pālavat
wie ein Haushund

agnir nisṛṣṭo dattaś ca garo dārāś ca dūṣitāḥ | hṛtaṁ kṣetraṁ dhanaṁ yeṣāṁ tad-dattair asubhiḥ kiyat

Verbrannt wurde [ihr Haus], Gift wurde [ihnen] gegeben, [ihre] Gattin geschändet, Land und Besitz geraubt - jenen [Pāṇḍavas] - was ist es wert, mit dem Leben [weiterzuleben], das dir von eben diesen [aus Gnade] gegeben wurde?

Wort für Wort
agnir nisṛṣṭo dattaś ca garo
Feuer wurde entfacht, Gift wurde gegeben
dārāś ca dūṣitāḥ
und [ihre] Gattin geschändet
hṛtaṁ kṣetraṁ dhanaṁ yeṣāṁ
denen Land und Besitz geraubt wurden
tad-dattair asubhiḥ kiyat
was ist es wert mit dem von eben diesen gegebenen Leben [weiterzuleben]

[Anm.: Vidura erinnert an die Untaten von Dhṛtarāṣṭras Söhnen gegen die Pāṇḍavas (Lākṣāgṛha-Brand, Bhīmas Vergiftung, Draupadīs Bedrängung, Raub des Königreichs) - und daran, dass die Pāṇḍavas dennoch Dhṛtarāṣṭras Leben verschonten.]

tasyāpi tava deho 'yaṁ kṛpaṇasya jijīviṣoḥ | paraity anicchato jīrṇo jarayā vāsasī iva

Auch dieser dein Körper, [Körper] eines Erbärmlichen, der immer noch zu leben wünscht, vergeht, altersschwach durch das Alter, gegen deinen Willen - wie ein Paar alte Gewänder.

Wort für Wort
tasyāpi tava deho 'yaṁ
auch dieser dein Körper
kṛpaṇasya jijīviṣoḥ
eines Erbärmlichen, der zu leben wünscht
paraity anicchato jīrṇo
vergeht, altersschwach, gegen [deinen] Willen
jarayā vāsasī iva
durch das Alter, wie [ein Paar alte] Gewänder

gata-svārtham imaṁ dehaṁ virakto mukta-bandhanaḥ | avijñāta-gatir jahyāt sa vai dhīra udāhṛtaḥ

Wer diesen Körper, dessen eigentlicher Zweck bereits erfüllt ist, leidenschaftslos und von aller Bindung befreit aufgibt, ohne jemandem seinen weiteren Weg bekanntzugeben - eben der wird 'der Weise' genannt.

Wort für Wort
gata-svārtham imaṁ dehaṁ
diesen Körper, dessen Zweck dahin ist
virakto mukta-bandhanaḥ
leidenschaftslos, von Bindung befreit
avijñāta-gatir jahyāt
möge aufgeben, ohne den Weg bekanntzugeben
sa vai dhīra udāhṛtaḥ
eben der wird 'der Weise' genannt

yaḥ svakāt parato veha jāta-nirveda ātmavān | hṛdi kṛtvā hariṁ gehāt pravrajet sa narottamaḥ

Wer, sei es durch eigenes Erleben oder das anderer, hier in dieser Welt Überdruss an weltlichen Dingen gewonnen hat, selbstbeherrscht, Hari im Herzen verankert, von zu Hause fortzieht - er ist der Beste der Menschen.

Wort für Wort
yaḥ svakāt parato veha
wer, durch eigenes oder anderer [Erleben], hier
jāta-nirveda ātmavān
in dem Überdruss entstanden ist, selbstbeherrscht
hṛdi kṛtvā hariṁ gehāt pravrajet
Hari im Herzen verankert, von zu Hause fortzieht
sa narottamaḥ
er [ist] der Beste der Menschen

athodīcīṁ diśaṁ yātu svair ajñāta-gatir bhavān | ito 'rvāk prāyaśaḥ kālaḥ puṁsāṁ guṇa-vikarṣaṇaḥ

Darum geh, ohne dass die Deinen deinen Weg kennen, in die nördliche Richtung; von jetzt an wird die Zeit größtenteils die guten Eigenschaften der Menschen schwinden lassen.

Wort für Wort
athodīcīṁ diśaṁ yātu
darum geh in die nördliche Richtung
svair ajñāta-gatir bhavān
ohne dass die Deinen [deinen] Weg kennen
ito 'rvāk prāyaśaḥ kālaḥ
von jetzt an wird die Zeit größtenteils
puṁsāṁ guṇa-vikarṣaṇaḥ
die guten Eigenschaften der Menschen schwinden lassen

evaṁ rājā vidureṇānujena prajñā-cakṣur bodhita ājamīḍhaḥ | chittvā sveṣu sneha-pāśān draḍhimno niścakrāma bhrātṛ-sandarśitādhvā

So, von Vidura, dem jüngeren Bruder, zur Einsicht erweckt, durchtrennte der König Ājamīḍha [Dhṛtarāṣṭra], nun mit dem Auge der Weisheit sehend, die festen Bande der Zuneigung zu den Seinen und zog fort, den ihm vom Bruder gewiesenen Weg nehmend.

Wort für Wort
evaṁ rājā vidureṇānujena
so, der König, durch Vidura, den jüngeren Bruder
prajñā-cakṣur bodhita ājamīḍhaḥ
zur Einsicht erweckt, [nun] mit dem Auge der Weisheit, Ājamīḍha [Dhṛtarāṣṭra]
chittvā sveṣu sneha-pāśān draḍhimno
die festen Bande der Zuneigung zu den Seinen durchtrennend
niścakrāma bhrātṛ-sandarśitādhvā
zog er fort, den vom Bruder gewiesenen Weg [nehmend]

patiṁ prayāntaṁ subalasya putrī pati-vratā cānujagāma sādhvī | himālayaṁ nyasta-daṇḍa-praharṣaṁ manasvinām iva sat samprahāraḥ

Die Tochter des Subala [Gāndhārī], dem Gatten treu ergeben, die Tugendhafte, folgte dem zum Himālaya fortziehenden Gatten, der alle Freude an der Herrschermacht abgelegt hatte - wie den Weisen ein wahrer Schicksalsschlag zu ertragen zufällt.

Wort für Wort
patiṁ prayāntaṁ subalasya putrī
dem fortziehenden Gatten die Tochter des Subala
pati-vratā cānujagāma sādhvī
dem Gatten treu ergeben, folgte die Tugendhafte
himālayaṁ nyasta-daṇḍa-praharṣaṁ
zum Himālaya, der die Freude an der Herrschermacht abgelegt hatte
manasvinām iva sat samprahāraḥ
wie ein wahrer Schicksalsschlag den Weisen [zufällt]

[Anm.: Der Vergleich mit dem 'Schicksalsschlag für die Weisen' bleibt im Original knapp und wird hier sinngemäß wiedergegeben.]

ajāta-śatruḥ kṛta-maitro hutāgnir viprān natvā tila-go-bhūmi-rukmaiḥ | gṛhaṁ praviṣṭo guru-vandanāya na cāpaśyat pitarau saubalīṁ ca

Yudhiṣṭhira, der seine morgendlichen Freundschaftsgrüße vollzogen, das Feueropfer dargebracht und die Brahmanen mit Sesam, Kühen, Land und Gold verehrt hatte, betrat das Haus, um die Älteren zu verehren, sah aber die Eltern und die Tochter des Subala [Gāndhārī] nicht.

Wort für Wort
ajāta-śatruḥ kṛta-maitro hutāgnir
Yudhiṣṭhira, der [seine] Freundschaftsgrüße und das Feueropfer vollzogen hatte
viprān natvā tila-go-bhūmi-rukmaiḥ
die Brahmanen mit Sesam, Kühen, Land und Gold verehrt habend
gṛhaṁ praviṣṭo guru-vandanāya
das Haus betreten habend, um die Älteren zu verehren
na cāpaśyat pitarau saubalīṁ ca
sah er die Eltern und die Tochter des Subala nicht

tatra sañjayam āsīnaṁ papracchodvigna-mānasaḥ | gāvalgaṇe kva nas tāto vṛddho hīnaś ca netrayoḥ

Dort fragte er, mit beunruhigtem Sinn, den sitzenden Sañjaya: 'O Sohn des Gavalgaṇa, wo ist unser alter Vater, der beider Augen beraubt ist?

Wort für Wort
tatra sañjayam āsīnaṁ papraccha
dort fragte er den sitzenden Sañjaya
udvigna-mānasaḥ
mit beunruhigtem Sinn
gāvalgaṇe kva nas tāto
o Sohn des Gavalgaṇa, wo ist unser Vater
vṛddho hīnaś ca netrayoḥ
der Alte, beider Augen beraubt

ambā ca hata-putrārtā pitṛvyaḥ kva gataḥ suhṛt | api mayy akṛta-prajñe hata-bandhuḥ sa bhāryayā | āśaṁsamānaḥ śamalaṁ gaṅgāyāṁ duḥkhito 'patat

Und wo ist Mutter [Gāndhārī], gequält vom Verlust ihrer Söhne? Wohin ist der Onkel, unser Freund, gegangen? Ist er, da ich ihm scheinbar undankbar war, er, dessen Verwandte getötet wurden, mit seiner Gattin, Unheil befürchtend, betrübt in die Gaṅgā gestürzt?'

Wort für Wort
ambā ca hata-putrārtā
und Mutter, gequält vom Verlust der Söhne
pitṛvyaḥ kva gataḥ suhṛt
wohin ist der Onkel, [unser] Freund, gegangen
api mayy akṛta-prajñe hata-bandhuḥ sa bhāryayā
ist er, da ich unklug war, er, dessen Verwandte getötet wurden, mit [seiner] Gattin
āśaṁsamānaḥ śamalaṁ gaṅgāyāṁ duḥkhito 'patat
Unheil befürchtend, betrübt in die Gaṅgā gestürzt

pitary uparate pāṇḍau sarvān naḥ suhṛdaḥ śiśūn | arakṣatāṁ vyasanataḥ pitṛvyau kva gatāv itaḥ

Als unser Vater Pāṇḍu gestorben war, beschützten uns die beiden Onkel, uns alle, ihre geliebten Neffen, als Kinder vor Gefahren - wohin sind sie nun von hier gegangen?

Wort für Wort
pitary uparate pāṇḍau
als [unser] Vater Pāṇḍu gestorben war
sarvān naḥ suhṛdaḥ śiśūn
uns alle, [ihre] geliebten [Neffen], als Kinder
arakṣatāṁ vyasanataḥ pitṛvyau
beschützten uns vor Gefahren die beiden Onkel
kva gatāv itaḥ
wohin sind sie von hier gegangen

sūta uvāca | kṛpayā sneha-vaiklavyāt sūto viraha-karśitaḥ | ātmeśvaram acakṣāṇo na pratyāhātipīḍitaḥ

Sūta [Ugraśravas] sprach: Aus Mitleid und Erschütterung durch Zuneigung, von der Trennung ausgezehrt, seinen Herrn [Dhṛtarāṣṭra] nicht mehr vor Augen sehend, übermäßig bedrängt, antwortete er [Sañjaya, zunächst] nicht.

Wort für Wort
sūta uvāca
Sūta [Ugraśravas] sprach
kṛpayā sneha-vaiklavyāt
aus Mitleid und Erschütterung durch Zuneigung
sūto viraha-karśitaḥ
Sañjaya, von der Trennung ausgezehrt
ātmeśvaram acakṣāṇo na pratyāhātipīḍitaḥ
seinen Herrn nicht [mehr] sehend, übermäßig bedrängt, antwortete er nicht

[Anm.: Hier meldet sich kurz der äußere Rahmenerzähler Sūta (Ugraśravas) zurück; 'sūtaḥ' im Vers selbst bezeichnet dagegen Sañjaya, den Wagenlenker-Sohn.]

vimṛjyāśrūṇi pāṇibhyāṁ viṣṭabhyātmānam ātmanā | ajāta-śatruṁ pratyūce prabhoḥ pādāv anusmaran

Die Tränen mit den Händen abwischend und sich selbst durch sich selbst fassend, antwortete er, sich der Füße des Herrn [Kṛṣṇa] erinnernd, Yudhiṣṭhira.

Wort für Wort
vimṛjyāśrūṇi pāṇibhyāṁ
die Tränen mit den Händen abwischend
viṣṭabhyātmānam ātmanā
sich selbst durch sich selbst fassend
ajāta-śatruṁ pratyūce
antwortete er Yudhiṣṭhira
prabhoḥ pādāv anusmaran
sich der Füße des Herrn erinnernd

sañjaya uvāca | nāhaṁ veda vyavasitaṁ pitror vaḥ kula-nandana | gāndhāryā vā mahā-bāho muṣito 'smi mahātmabhiḥ

Sañjaya sprach: 'Ich kenne den Entschluss deiner Eltern nicht, o Freude der Dynastie, noch den der Gāndhārī, o Starkarmiger - ich bin von den Großgesinnten selbst getäuscht worden.'

Wort für Wort
sañjaya uvāca
Sañjaya sprach
nāhaṁ veda vyavasitaṁ pitror vaḥ
ich kenne den Entschluss eurer Eltern nicht
kula-nandana
o Freude der Dynastie
gāndhāryā vā mahā-bāho muṣito 'smi mahātmabhiḥ
noch den der Gāndhārī, o Starkarmiger; ich bin von den Großgesinnten getäuscht worden

athājagāma bhagavān nāradaḥ saha-tumburuḥ | pratyutthāyābhivādyāha sānujo 'bhyarcayan munim

Darauf kam der erhabene Nārada, zusammen mit Tumburu; Yudhiṣṭhira, sich mit seinen jüngeren Brüdern erhebend, ehrerbietig grüßend und den Weisen verehrend, sprach:

Wort für Wort
athājagāma bhagavān nāradaḥ
darauf kam der erhabene Nārada
saha-tumburuḥ
zusammen mit Tumburu
pratyutthāyābhivādyāha
sich erhebend, grüßend, sprach er
sānujo 'bhyarcayan munim
mit den jüngeren Brüdern, den Weisen verehrend

yudhiṣṭhira uvāca | nāhaṁ veda gatiṁ pitror bhagavan kva gatāv itaḥ | ambā vā hata-putrārtā kva gatā ca tapasvinī

Yudhiṣṭhira sprach: 'Ich kenne den Verbleib meiner Eltern nicht, o Erhabener - wohin sind sie von hier gegangen? Und wohin ist Mutter, gequält vom Verlust ihrer Söhne, die Bekümmerte, gegangen?'

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach
nāhaṁ veda gatiṁ pitror bhagavan
ich kenne den Verbleib der Eltern nicht, o Erhabener
kva gatāv itaḥ
wohin sind sie von hier gegangen
ambā vā hata-putrārtā kva gatā ca tapasvinī
und wohin ist Mutter, gequält vom Verlust der Söhne, die Bekümmerte, gegangen

karṇadhāra ivāpāre bhagavān pāra-darśakaḥ | athābabhāṣe bhagavān nārado muni-sattamaḥ

Wie ein Steuermann auf einem uferlosen Meer, der erhabene, das rettende Ufer Weisende, sprach darauf der erhabene Nārada, der Vortrefflichste der Weisen:

Wort für Wort
karṇadhāra ivāpāre
wie ein Steuermann auf uferlosem [Meer]
bhagavān pāra-darśakaḥ
der erhabene, das [rettende] Ufer Weisende
athābabhāṣe bhagavān nārado
darauf sprach der erhabene Nārada
muni-sattamaḥ
der Vortrefflichste der Weisen

nārada uvāca | mā kañcana śuco rājan yad īśvara-vaśaṁ jagat | lokāḥ sapālā yasyeme vahanti balim īśituḥ | sa saṁyunakti bhūtāni sa eva viyunakti ca

Nārada sprach: 'Betrauere gar nichts, o König, denn die Welt ist der Macht des Herrn unterworfen; diese Welten samt ihren Hütern, die ihm gehören, bringen ihm, dem Gebieter, Tribut dar - er ist es, der die Wesen zusammenführt, und eben er ist es, der sie wieder trennt.'

Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
mā kañcana śuco rājan
betrauere gar nichts, o König
yad īśvara-vaśaṁ jagat
denn die Welt ist der Macht des Herrn unterworfen
lokāḥ sapālā yasyeme vahanti balim īśituḥ
diese Welten samt Hütern, die ihm gehören, bringen dem Gebieter Tribut
sa saṁyunakti bhūtāni sa eva viyunakti ca
er vereint die Wesen, und eben er trennt sie

yathā gāvo nasi protās tantyāṁ baddhāś ca dāmabhiḥ | vāk-tantyāṁ nāmabhir baddhā vahanti balim īśituḥ

Wie Kühe, durch die Nase am Strick geführt und mit Seilen gebunden, Lasten tragen, so tragen die Menschen, am Seil der göttlichen Rede durch ihre Namen und Pflichten gebunden, dem Gebieter Tribut dar.

Wort für Wort
yathā gāvo nasi protās
wie Kühe, durch die Nase durchbohrt/geführt
tantyāṁ baddhāś ca dāmabhiḥ
und an einem Seil mit Stricken gebunden
vāk-tantyāṁ nāmabhir baddhā
am Seil der Rede durch [ihre] Namen gebunden
vahanti balim īśituḥ
tragen sie dem Gebieter Tribut dar

yathā krīḍopaskarāṇāṁ saṁyoga-vigamāv iha | icchayā krīḍituḥ syātāṁ tathaiveśecchayā nṛṇām

Wie bei Spielzeugen Verbindung und Trennung durch den Willen des Spielenden geschehen, ebenso geschehen sie bei den Menschen durch den Willen des Herrn.

Wort für Wort
yathā krīḍopaskarāṇāṁ
wie bei Spielzeugen/Spielutensilien
saṁyoga-vigamāv iha
Verbindung und Trennung hier
icchayā krīḍituḥ syātāṁ
durch den Willen des Spielenden geschehen
tathaiveśecchayā nṛṇām
ebenso durch den Willen des Herrn bei den Menschen

yan manyase dhruvaṁ lokam adhruvaṁ vā na cobhayam | sarvathā na hi śocyās te snehād anyatra mohajāt

Ob du nun meinst, die Welt sei beständig oder unbeständig oder keins von beiden - auf jeden Fall sind sie nicht zu betrauern, es sei denn aus der aus Verblendung entstandenen Zuneigung.

Wort für Wort
yan manyase dhruvaṁ lokam
ob du meinst, die Welt [sei] beständig
adhruvaṁ vā na cobhayam
oder unbeständig oder keins von beiden
sarvathā na hi śocyās te
auf jeden Fall sind sie nicht zu betrauern
snehād anyatra mohajāt
es sei denn aus der aus Verblendung [entstandenen] Zuneigung

tasmāj jahy aṅga vaiklavyam ajñāna-kṛtam ātmanaḥ | kathaṁ tv anāthāḥ kṛpaṇā varteraṁs te ca māṁ vinā

Deshalb gib, mein Lieber, die aus deiner eigenen Unwissenheit entstandene Bestürzung auf - meinst du etwa: 'Wie sollten die hilflosen Armen ohne mich zurechtkommen?'

Wort für Wort
tasmāj jahy aṅga vaiklavyam
deshalb gib, mein Lieber, die Bestürzung auf
ajñāna-kṛtam ātmanaḥ
die aus [deiner] Unwissenheit entstanden ist
kathaṁ tv anāthāḥ kṛpaṇā varteraṁs
wie sollten die hilflosen Armen zurechtkommen
te ca māṁ vinā
sie, ohne mich

kāla-karma-guṇādhīno deho 'yaṁ pāñca-bhautikaḥ | katham anyāṁs tu gopāyet sarpa-grasto yathā param

Dieser aus den fünf Elementen bestehende Körper, der Zeit, dem Karma und den Erscheinungsweisen unterworfen - wie sollte er andere beschützen können, gleichwie jemand, von einer Schlange ergriffen, einen anderen nicht beschützen kann?

Wort für Wort
kāla-karma-guṇādhīno
der Zeit, dem Karma und den Erscheinungsweisen unterworfen
deho 'yaṁ pāñca-bhautikaḥ
dieser aus den fünf Elementen bestehende Körper
katham anyāṁs tu gopāyet
wie sollte er andere beschützen
sarpa-grasto yathā param
wie [jemand], von einer Schlange ergriffen, einen anderen

ahastāni sahastānām apadāni catuṣ-padām | phalgūni tatra mahatāṁ jīvo jīvasya jīvanam

Die Handlosen dienen den Behändigten, die Fußlosen den Vierfüßigen, die Schwachen dort den Starken - ein Lebewesen ist die Nahrung eines anderen Lebewesens.

Wort für Wort
ahastāni sahastānām
die Handlosen [dienen] den Behändigten
apadāni catuṣ-padām
die Fußlosen den Vierfüßigen
phalgūni tatra mahatāṁ
die Schwachen dort den Starken
jīvo jīvasya jīvanam
ein Lebewesen ist die Nahrung eines Lebewesens

tad idaṁ bhagavān rājann eka ātmātmanāṁ sva-dṛk | antaro 'nantaro bhāti paśya taṁ māyayorudhā

Dies alles ist, o König, der Erhabene, das eine Selbst aller Selbste, der Selbst-Erkennende, der zugleich innen verborgen und nicht-verschieden erscheint - sieh ihn, wie er durch seine Māyā auf vielfältige Weise erscheint.

Wort für Wort
tad idaṁ bhagavān rājann
dies alles [ist], o König, der Erhabene
eka ātmātmanāṁ sva-dṛk
das eine Selbst aller Selbste, der Selbst-Erkennende
antaro 'nantaro bhāti
der innen [verborgen] und nicht-verschieden erscheint
paśya taṁ māyayorudhā
sieh ihn durch [seine] Māyā vielfältig [erscheinend]

so 'yam adya mahārāja bhagavān bhūta-bhāvanaḥ | kāla-rūpo 'vatīrṇo 'syām abhāvāya sura-dviṣām

Eben dieser Erhabene, der Erzeuger der Wesen, ist jetzt, o großer König, in Gestalt der Zeit in diese Welt herabgestiegen, um die Feinde der Götter zu vernichten.

Wort für Wort
so 'yam adya mahārāja
eben dieser, jetzt, o großer König
bhagavān bhūta-bhāvanaḥ
der Erhabene, der Erzeuger der Wesen
kāla-rūpo 'vatīrṇo 'syām
ist in Gestalt der Zeit in diese [Welt] herabgestiegen
abhāvāya sura-dviṣām
zur Vernichtung der Götterfeinde

niṣpāditaṁ deva-kṛtyam avaśeṣaṁ pratīkṣate | tāvad yūyam avekṣadhvaṁ bhaved yāvad iheśvaraḥ

Die Aufgabe der Götter ist bereits vollbracht; er wartet nur noch auf den Rest seiner Mission - solange sollt ihr abwarten, wie lange der Herr noch hier auf Erden weilt.

Wort für Wort
niṣpāditaṁ deva-kṛtyam
die Aufgabe der Götter ist vollbracht
avaśeṣaṁ pratīkṣate
er wartet [nur noch] auf den Rest
tāvad yūyam avekṣadhvaṁ
solange sollt ihr abwarten
bhaved yāvad iheśvaraḥ
wie lange der Herr noch hier ist

dhṛtarāṣṭraḥ saha bhrātrā gāndhāryā ca sva-bhāryayā | dakṣiṇena himavata ṛṣīṇām āśramaṁ gataḥ

Dhṛtarāṣṭra ist, zusammen mit seinem Bruder [Vidura] und Gāndhārī, seiner Gattin, südlich des Himālaya zur Einsiedelei der Weisen gegangen.

Wort für Wort
dhṛtarāṣṭraḥ saha bhrātrā
Dhṛtarāṣṭra, zusammen mit [seinem] Bruder
gāndhāryā ca sva-bhāryayā
und mit Gāndhārī, [seiner] Gattin
dakṣiṇena himavata
südlich des Himālaya
ṛṣīṇām āśramaṁ gataḥ
ist zur Einsiedelei der Weisen gegangen

srotobhiḥ saptabhir yā vai svardhunī saptadhā vyadhāt | saptānāṁ prītaye nānā sapta-srotaḥ pracakṣate

Dorthin, wo die Himmelsgaṅgā sich fürwahr mit sieben Strömen zur Freude der sieben Ṛṣis siebenfach verschiedenartig teilte, nennt man 'Saptasrota' [Siebenstrom].

Wort für Wort
srotobhiḥ saptabhir yā vai svardhunī
wo die Himmelsgaṅgā fürwahr mit sieben Strömen
saptadhā vyadhāt
sich siebenfach teilte
saptānāṁ prītaye nānā
zur Freude der sieben, verschiedenartig
sapta-srotaḥ pracakṣate
nennt man 'Saptasrota' [Siebenstrom]

snātvānusavanaṁ tasmin hutvā cāgnīn yathā-vidhi | ab-bhakṣa upaśāntātmā sa āste vigataiṣaṇaḥ

Dort badend zu jeder der drei täglichen Zeiten, die heiligen Feuer vorschriftsmäßig speisend, nur von Wasser lebend, mit befriedetem Gemüt, verharrt er, frei von allem Verlangen.

Wort für Wort
snātvānusavanaṁ tasmin
dort zu jeder [der drei täglichen] Zeit badend
hutvā cāgnīn yathā-vidhi
und die Feuer vorschriftsmäßig speisend
ab-bhakṣa upaśāntātmā
nur von Wasser lebend, mit befriedetem Gemüt
sa āste vigataiṣaṇaḥ
verharrt er, frei von Verlangen

jitāsano jita-śvāsaḥ pratyāhṛta-ṣaḍ-indriyaḥ | hari-bhāvanayā dhvasta-rajaḥ-sattva-tamo-malaḥ

Die Sitzhaltung gemeistert, den Atem gemeistert, die sechs Sinne zurückgezogen habend, ist durch die Versenkung in Hari der Makel der drei Erscheinungsweisen Rajas, Sattva und Tamas in ihm zerstört.

Wort für Wort
jitāsano jita-śvāsaḥ
die Sitzhaltung gemeistert, den Atem gemeistert
pratyāhṛta-ṣaḍ-indriyaḥ
die sechs Sinne zurückgezogen habend
hari-bhāvanayā
durch die Versenkung in Hari
dhvasta-rajaḥ-sattva-tamo-malaḥ
ist der Makel von Rajas, Sattva und Tamas zerstört

vijñānātmani saṁyojya kṣetrajñe pravilāpya tam | brahmaṇy ātmānam ādhāre ghaṭāmbaram ivāmbare

Seinen Geist mit dem Erkenntnis-Selbst verbindend und dieses wiederum im Feldkenner auflösend, löst er schließlich das Selbst in Brahman, der höchsten Grundlage, auf, wie man den in einem Topf eingeschlossenen Raum im umgebenden Raum auflöst.

Wort für Wort
vijñānātmani saṁyojya
[den Geist] mit dem Erkenntnis-Selbst verbindend
kṣetrajñe pravilāpya tam
und dieses im Feldkenner auflösend
brahmaṇy ātmānam ādhāre
das Selbst in Brahman, der Grundlage
ghaṭāmbaram ivāmbare
wie den Topf-Raum im [umgebenden] Raum

dhvasta-māyā-guṇodarko niruddha-karaṇāśayaḥ | nivartitākhilāhāra āste sthāṇur ivācalaḥ | tasyāntarāyo maivābhūḥ sannyastākhila-karmaṇaḥ

Dessen künftige Wirkung der Māyā-Erscheinungsweisen zerstört ist, dessen Sinnesorgane samt ihrer Absicht zurückgehalten sind, der alle Nahrung eingestellt hat, verharrt er unbeweglich wie ein Baumstumpf - werde ihm, der alle Handlungen aufgegeben hat, ja kein Hindernis!

Wort für Wort
dhvasta-māyā-guṇodarko
dessen künftige Wirkung der Māyā-Erscheinungsweisen zerstört ist
niruddha-karaṇāśayaḥ
dessen Sinnesorgane samt Absicht zurückgehalten sind
nivartitākhilāhāra āste sthāṇur ivācalaḥ
der alle Nahrung eingestellt hat, verharrt unbeweglich wie ein Baumstumpf
tasyāntarāyo maivābhūḥ sannyastākhila-karmaṇaḥ
werde ihm, der alle Handlungen aufgegeben hat, kein Hindernis

sa vā adyatanād rājan parataḥ pañcame 'hani | kalevaraṁ hāsyati svaṁ tac ca bhasmī-bhaviṣyati

Er wird, fürwahr, von heute an, o König, am fünften Tag seinen eigenen Körper aufgeben, und dieser wird zu Asche werden.

Wort für Wort
sa vā adyatanād rājan parataḥ
er, fürwahr, von heute an, o König
pañcame 'hani
am fünften Tag
kalevaraṁ hāsyati svaṁ
wird [seinen] eigenen Körper aufgeben
tac ca bhasmī-bhaviṣyati
und dieser wird zu Asche werden

dahyamāne 'gnibhir dehe patyuḥ patnī sahoṭaje | bahiḥ sthitā patiṁ sādhvī tam agnim anu vekṣyati

Während der Körper des Gatten von den Feuern verbrannt wird, wird die tugendhafte Gattin, die sich außerhalb der brennenden Hütte aufhält, diesem Feuer folgen und mit hineingehen.

Wort für Wort
dahyamāne 'gnibhir dehe patyuḥ
während der Körper des Gatten von den Feuern verbrannt wird
patnī sahoṭaje
die Gattin, mit [seiner] Hütte [zusammen]
bahiḥ sthitā patiṁ sādhvī
außerhalb weilend, die tugendhafte [Gattin], den Gatten
tam agnim anu vekṣyati
wird diesem Feuer folgen

[Anm.: Gemeint ist Gāndhārīs freiwilliger Tod im selben Waldbrand wie Dhṛtarāṣṭra; Kuntī wird in dieser Voraussage nicht eigens erwähnt, obwohl sie der Mahābhārata-Überlieferung nach ebenfalls dabei umkommt.]

viduras tu tad āścaryaṁ niśāmya kuru-nandana | harṣa-śoka-yutas tasmād gantā tīrtha-niṣevakaḥ

Vidura aber wird, nachdem er dieses Wunder vernommen hat, o Freude der Kurus, von Freude und Trauer zugleich erfüllt, von dort weiterziehen, als ein Aufsucher heiliger Stätten.

Wort für Wort
viduras tu tad āścaryaṁ niśāmya
Vidura aber, dieses Wunder vernommen habend
kuru-nandana
o Freude der Kurus
harṣa-śoka-yutas tasmād
von Freude und Trauer erfüllt, von dort
gantā tīrtha-niṣevakaḥ
wird er weiterziehen, als Aufsucher heiliger Stätten

ity uktvāthāruhat svargaṁ nāradaḥ saha-tumburuḥ | yudhiṣṭhiro vacas tasya hṛdi kṛtvājahāc chucaḥ

So gesprochen habend, stieg Nārada, zusammen mit Tumburu, darauf zum Himmel empor; Yudhiṣṭhira, dessen Worte im Herzen verankernd, legte seinen Kummer ab.

Wort für Wort
ity uktvāthāruhat svargaṁ
so gesprochen habend, stieg er zum Himmel empor
nāradaḥ saha-tumburuḥ
Nārada, zusammen mit Tumburu
yudhiṣṭhiro vacas tasya hṛdi kṛtvā
Yudhiṣṭhira, dessen Worte im Herzen verankernd
ajahāc chucaḥ
legte er [seinen] Kummer ab

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