Quellen der Menschheit

Bhāgavata-Purāṇa

Kapitel 51: kardama-devahūti-vivāhaḥ Die Hochzeit von Kardama Muni und Devahūti

Skandha 3, Adhyāya 22. Quelle: vedabase.io. title_sa als eigene knappe IAST-Kurzbezeichnung des Inhalts gebildet, da vedabase.io keinen Sanskrit-IAST-Kapiteltitel angibt (englischer Titel: "The Marriage of Kardama Muni and Devahuti"). Verse 26-27 und 29-30 auf der Quellseite als zusammengehoerige Einheiten gefuehrt.

maitreya uvāca evam āviṣkṛtāśeṣa-guṇa-karmodayo munim savrīḍa iva taṁ samrāḍ upāratam uvāca ha

Maitreya sagte: Nachdem so die Fülle seiner Eigenschaften und Taten offenbart war, sprach der Kaiser, gleichsam verlegen, zu jenem Weisen, der verstummt war.

Wort für Wort
maitreya uvāca
Maitreya sagte
evam
so, auf diese Weise
āviṣkṛta-aśeṣa-guṇa-karma-udayaḥ
[er,] dessen Fülle an Eigenschaften und Taten offenbart war
munim
zu dem Weisen (Kardama)
savrīḍa iva
wie verlegen, beschämt
tam
jenem
samrāṭ
der Kaiser (Manu)
upāratam
der verstummt war
uvāca ha
sprach

[Anm.] Das Kompositum "āviṣkṛtāśeṣaguṇakarmodayaḥ" (Nom. Sg.) wird hier auf den Kaiser (samrāḍ) bezogen, der soeben in seiner Hymne (Kap. 21) die Fülle von Kardamas Eigenschaften und Taten dargelegt hat; eine alternative Lesart könnte es auf Kardama selbst beziehen.

manur uvāca brahmāsṛjat sva-mukhato yuṣmān ātma-parīpsayā chandomayas tapo-vidyā- yoga-yuktān alampaṭān

Manu sagte: Brahmā, der die Verkörperung der vedischen Hymnen ist, erschuf euch aus seinem eigenen Mund, um sein eigenes [Wesen] zu bewahren - euch, die ihr mit Askese, Wissen und Yoga ausgestattet und frei von Zügellosigkeit seid.

Wort für Wort
manuḥ uvāca
Manu sagte
brahmā
Brahmā
asṛjat
erschuf
sva-mukhataḥ
aus seinem eigenen Mund
yuṣmān
euch
ātma-parīpsayā
aus dem Wunsch, sich selbst zu bewahren
chandaḥ-mayaḥ
der aus den vedischen Hymnen besteht
tapaḥ-vidyā-yoga-yuktān
ausgestattet mit Askese, Wissen und Yoga
alampaṭān
frei von Zügellosigkeit

tat-trāṇāyāsṛjac cāsmān doḥ-sahasrāt sahasra-pāt hṛdayaṁ tasya hi brahma kṣatram aṅgaṁ pracakṣate

Und zu deren Schutz erschuf der Tausendfüßige (der kosmische Puruṣa) uns aus [seinen] tausend Armen; denn man sagt, das Brahman (die Priesterschaft) sei sein Herz, und das Kṣatra (die Kriegerschaft) sein Körperglied.

Wort für Wort
tat-trāṇāya
zu deren Schutz
asṛjat
erschuf
ca
und
asmān
uns
doḥ-sahasrāt
aus [seinen] tausend Armen
sahasra-pāt
der Tausendfüßige
hṛdayam
das Herz
tasya
sein
hi
denn, gewiss
brahma
das Brahman (die Priesterschaft)
kṣatram
das Kṣatra (die Kriegerschaft)
aṅgam
das Körperglied
pracakṣate
man nennt

[Anm.] Anspielung auf das Puruṣa-Sūkta: Brahmanen aus dem Mund/Haupt, Kṣatriyas aus den Armen des kosmischen Urwesens.

ato hy anyonyam ātmānaṁ brahma kṣatraṁ ca rakṣataḥ rakṣati smāvyayo devaḥ sa yaḥ sad-asad-ātmakaḥ

Deshalb schützen Brahman und Kṣatra einander wie ihr eigenes Selbst; und jener unvergängliche Gott, der das Wesen von Ursache und Wirkung ist, beschützte [sie beide].

Wort für Wort
ataḥ
deshalb
hi
gewiss
anyonyam
einander
ātmānam
[wie] das eigene Selbst
brahma
die Priesterschaft
kṣatram
die Kriegerschaft
ca
und
rakṣataḥ
sie beide schützen
rakṣati sma
er schützte
avyayaḥ
der Unvergängliche
devaḥ
der Gott
saḥ yaḥ
er, der
sat-asat-ātmakaḥ
dessen Wesen Ursache und Wirkung ist

tava sandarśanād eva cchinnā me sarva-saṁśayāḥ yat svayaṁ bhagavān prītyā dharmam āha rirakṣiṣoḥ

Allein durch das Anschauen deiner [Gestalt] sind alle meine Zweifel zerschnitten worden, da der Erhabene selbst aus Zuneigung mir, der ich [meine Untertanen] schützen möchte, das Dharma verkündet hat.

Wort für Wort
tava sandarśanāt
durch das Erblicken deiner [Gestalt]
eva
allein, gerade
chinnāḥ
zerschnitten
me sarva-saṁśayāḥ
meine alle Zweifel
yat
weil, dass
svayam bhagavān
der Erhabene selbst
prītyā
aus Zuneigung
dharmam āha
das Dharma verkündete
rirakṣiṣoḥ
für mich, der zu schützen wünscht

[Anm.] "rirakṣiṣoḥ" (Desiderativ, Gen./Dat.) bezieht sich wohl auf Manu selbst ("mir, der zu schützen wünscht"); unklar bleibt, ob Manu meint, der Herr habe unmittelbar zu ihm gesprochen, oder mittelbar durch Kardamas Vision (Kap. 21).

diṣṭyā me bhagavān dṛṣṭo durdarśo yo 'kṛtātmanām | diṣṭyā pāda-rajaḥ spṛṣṭaṁ śīrṣṇā me bhavataḥ śivam

Durch glückliche Fügung habe ich [dich, den Erhabenen], schwer zu erblicken für die nicht Selbstbeherrschten, gesehen; durch Fügung ist der heilbringende Staub deiner Füße von meinem Haupt berührt worden.

Wort für Wort
diṣṭyā
durch glückliche Fügung
me bhagavān dṛṣṭaḥ
von mir wurde der Erhabene gesehen
durdarśaḥ
schwer zu sehen
yaḥ akṛtātmanām
der für die nicht Selbstbeherrschten
diṣṭyā
durch Fügung
pāda-rajaḥ spṛṣṭam
der Fußstaub berührt
śīrṣṇā me
mit meinem Haupt
bhavataḥ
dein
śivam
heilbringend

[Anm.] "bhagavān" bezeichnet hier vermutlich Kardama selbst, den Manu ehrfurchtsvoll als gottgleich anredet (vgl. die Hymne in Kap. 21), nicht notwendig Viṣṇu unmittelbar.

diṣṭyā tvayānuśiṣṭo 'haṁ kṛtaś cānugraho mahān apāvṛtaiḥ karṇa-randhrair juṣṭā diṣṭyośatīr giraḥ

Durch Fügung bin ich von dir unterwiesen worden, und mir wurde große Gnade erwiesen; durch Fügung wurden [deine] reinen Worte mit geöffneten Ohren aufgenommen.

Wort für Wort
diṣṭyā
durch Fügung
tvayā anuśiṣṭaḥ aham
ich wurde von dir unterwiesen
kṛtaḥ ca anugrahaḥ mahān
und große Gnade wurde erwiesen
apāvṛtaiḥ karṇa-randhraiḥ
mit geöffneten Ohröffnungen
juṣṭāḥ
aufgenommen, genossen
diṣṭyā
durch Fügung
uśatīḥ giraḥ
die reinen Worte

sa bhavān duhitṛ-sneha-parikliṣṭātmano mama / śrotum arhasi dīnasya śrāvitaṁ kṛpayā mune

Du, o Weiser, mögest aus Mitleid das anhören, was mir, dessen Selbst von Liebe zur Tochter gequält ist, dem Elenden, nun mitgeteilt werden soll.

Wort für Wort
sa bhavān
du, [Verehrter]
duhitṛ-sneha-parikliṣṭa-ātmanaḥ mama
von mir, dessen Selbst von der Zuneigung zur Tochter gequält ist
śrotum arhasi
du mögest anzuhören würdig sein
dīnasya
des Elenden
śrāvitam
das Mitzuteilende
kṛpayā
aus Mitleid
mune
o Weiser

priyavratottānapadoḥ svaseyaṁ duhitā mama anvicchati patiṁ yuktaṁ vayaḥ-śīla-guṇādibhiḥ

Diese hier ist die Schwester von Priyavrata und Uttānapāda, meine Tochter; sie sucht einen Gatten, der ihr in Alter, Charakter, Eigenschaften und Anderem angemessen ist.

Wort für Wort
priyavrata-uttānapadoḥ svasā
die Schwester von Priyavrata und Uttānapāda
iyam duhitā mama
diese meine Tochter
anvicchati patim
sie sucht einen Gatten
yuktam
passend
vayaḥ-śīla-guṇa-ādibhiḥ
durch Alter, Charakter, Eigenschaften und Anderes

yadā tu bhavataḥ śīla-śruta-rūpa-vayo-guṇān aśṛṇon nāradād eṣā tvayy āsīt kṛta-niścayā

Als sie aber von Nārada von deinem Charakter, deiner Gelehrsamkeit, deiner Gestalt, deinem Alter und deinen Eigenschaften hörte, da fasste sie den festen Entschluss, zu dir [zu gehören].

Wort für Wort
yadā tu
als aber
bhavataḥ śīla-śruta-rūpa-vayaḥ-guṇān
deinen Charakter, Gelehrsamkeit, Gestalt, Alter und Eigenschaften
aśṛṇot
sie hörte
nāradāt
von Nārada
eṣā
diese
tvayi āsīt kṛta-niścayā
fasste den Entschluss, dir zugewandt

tat pratīccha dvijāgryemāṁ śraddhayopahṛtāṁ mayā sarvātmanānurūpāṁ te gṛhamedhiṣu karmasu

Nimm sie daher an, o Bester der Zweifachgeborenen, die ich mit Vertrauen dargebracht habe - sie, die dir in jeder Hinsicht für die Pflichten des Hausherrenlebens angemessen ist.

Wort für Wort
tat pratīccha
nimm daher an
dvija-agrya
o Bester der Zweifachgeborenen
imām śraddhayā upahṛtām mayā
diese von mir mit Vertrauen Dargebrachte
sarva-ātmanā anurūpām te
dir in jeder Hinsicht angemessen
gṛha-medhiṣu karmasu
in den Pflichten des Hausherrenlebens

udyatasya hi kāmasya prativādo na śasyate api nirmukta-saṅgasya kāma-raktasya kiṁ punaḥ

Denn eine Zurückweisung eines dargebotenen Wunsches wird nicht gepriesen, selbst bei jemandem, der von aller Anhaftung befreit ist - wie viel mehr [wäre sie zu tadeln] bei jemandem, der an Begierde hängt?

Wort für Wort
udyatasya kāmasya
eines dargebotenen Wunsches
hi
denn
prativādaḥ na śasyate
eine Zurückweisung wird nicht gepriesen
api nirmukta-saṅgasya
selbst bei einem von Anhaftung Befreiten
kāma-raktasya kim punaḥ
wie viel mehr bei einem an Begierde Hängenden

ya udyatam anādṛtya kīnāśam abhiyācate kṣīyate tad-yaśaḥ sphītaṁ mānaś cāvajñayā hataḥ

Wer ein dargebotenes [Geschenk] missachtet und stattdessen einen Geizigen anfleht, dessen üppiger Ruhm schwindet, und sein Stolz wird durch [diese] Verachtung zerstört.

Wort für Wort
yaḥ udyatam anādṛtya
wer, das Dargebotene missachtend
kīnāśam abhiyācate
einen Geizhals anfleht
kṣīyate tad-yaśaḥ sphītam
dessen üppiger Ruhm schwindet
mānaḥ ca avajñayā hataḥ
und der Stolz wird durch Verachtung zerstört

ahaṁ tvāśṛṇavaṁ vidvan vivāhārthaṁ samudyatam / atas tvam upakurvāṇaḥ prattāṁ pratigṛhāṇa me //

Ich habe gehört, o Wissender, dass du zur Heirat bereit bist; nimm daher, [deine Studienzeit für die Ehe] abschließend, die von mir Dargebotene an.

Wort für Wort
aham tvā aśṛṇavam
ich habe von dir gehört
vidvan
o Wissender
vivāha-artham samudyatam
zur Heirat bereit
ataḥ tvam upakurvāṇaḥ
daher du, [dein Studium für die Ehe] abschließend
prattām pratigṛhāṇa me
nimm die von mir Dargebotene an

[Anm.] "upakurvāṇaḥ" ist ein dharmaśāstrischer Fachbegriff für einen Brahmacārī, der sein Studium mit dem Ziel der Heirat (statt lebenslanger Askese) abschließt.

ṛṣir uvāca bāḍham udvoḍhu-kāmo 'ham aprattā ca tavātmajā āvayor anurūpo 'sāv ādyo vaivāhiko vidhiḥ

Der Weise sagte: Gewiss, ich wünsche zu heiraten, und deine Tochter ist noch nicht vergeben; für uns beide ist diese erste Form der Eheschließung angemessen.

Wort für Wort
ṛṣiḥ uvāca
der Weise sagte
bāḍham
gewiss, ja
udvoḍhu-kāmaḥ aham
ich, heiratswillig
aprattā ca tava ātmajā
und deine Tochter ist nicht vergeben
āvayoḥ anurūpaḥ asau
für uns beide angemessen ist diese
ādyaḥ vaivāhikaḥ vidhiḥ
die erste Eheform

[Anm.] Bezieht sich auf die erste der acht traditionellen Ehe-Formen (brāhma-vivāha), bei der die Tochter dem Bräutigam ohne Gegenleistung geschenkt wird.

kāmaḥ sa bhūyān naradeva te 'syāḥ putryāḥ samāmnāya-vidhau pratītaḥ ka eva te tanayāṁ nādriyeta svayaiva kāntyā kṣipatīm iva śriyam

Möge sich dieser dein Wunsch, o Herrscher der Menschen, bezüglich dieser Tochter, wie er in der heiligen Überlieferung anerkannt ist, reichlich erfüllen - wer würde deine Tochter, die durch ihre eigene Schönheit gleichsam die Glücksgöttin übertrifft, nicht schätzen?

Wort für Wort
kāmaḥ saḥ bhūyāt
möge sich dieser Wunsch erfüllen
nara-deva
o Herrscher der Menschen
te asyāḥ putryāḥ
bezüglich dieser deiner Tochter
samāmnāya-vidhau pratītaḥ
in der heiligen Überlieferung anerkannt
kaḥ eva te tanayām na ādriyeta
wer würde deine Tochter nicht schätzen
svayā eva kāntyā
durch ihre eigene Schönheit
kṣipatīm iva śriyam
die Glücksgöttin gleichsam übertreffend

yāṁ harmya-pṛṣṭhe kvaṇad-aṅghri-śobhāṁ vikrīḍatīṁ kanduka-vihvalākṣīm viśvāvasur nyapatat svād vimānād vilokya sammoha-vimūḍha-cetāḥ

Als Viśvāvasu sie, die auf dem Dach des Palastes mit klingelndem Fußschmuck prächtig spielte, deren Augen vom Ballspiel ganz hingerissen waren, erblickte, fiel er, dessen Sinn von Bezauberung überwältigt war, von seinem eigenen Flugwagen herab.

Wort für Wort
yām
die [Devahūti]
harmya-pṛṣṭhe kvaṇad-aṅghri-śobhām
deren auf dem Palastdach [mit] klingelndem Fußschmuck [geschmückte Füße] prächtig waren
vikrīḍatīm
die spielte
kanduka-vihvala-akṣīm
deren Augen vom Ballspiel hingerissen waren
viśvāvasuḥ
Viśvāvasu (ein Gandharva)
nyapatat svāt vimānāt
fiel von seinem eigenen Flugwagen herab
vilokya
erblickend
sammoha-vimūḍha-cetāḥ
dessen Geist von Verzauberung überwältigt war

tāṁ prārthayantīṁ lalanā-lalāmam asevita-śrī-caraṇair adṛṣṭām vatsāṁ manor uccapadaḥ svasāraṁ ko nānumanyeta budho 'bhiyātām

Wer, der weise ist, würde ihr, dem Schmuckstück unter den Frauen, nicht zustimmen, wenn sie [nun aus eigenem Willen] herangetreten ist und [selbst] umworben wird - ihr, die von denen, die die Füße der Glücksgöttin nicht verehrt haben, nicht erblickt werden kann, der geliebten Tochter Manus, der Schwester des Hochthronigen [Uttānapāda]?

Wort für Wort
tām prārthayantīm
sie, die umworben wird
lalanā-lalāmam
das Schmuckstück unter den Frauen
asevita-śrī-caraṇaiḥ adṛṣṭām
von denen, die Śrīs Füße nicht verehrt haben, nicht gesehen
vatsām manoḥ
die geliebte Tochter Manus
ucca-padaḥ svasāram
die Schwester des Hochthronigen (Uttānapāda)
kaḥ na anumanyeta budhaḥ
welcher Weise würde nicht zustimmen
abhiyātām
die herangetreten ist

[Anm.] "uccapadaḥ" wird hier als beschreibender Beiname Uttānapādas ("der Hochthronige") gedeutet, dessen Schwester Devahūti ist; "manoḥ" bezieht sich auf "vatsām" (Manus geliebte Tochter), nicht auf "svasāram", da Devahūti Manus Tochter, nicht Schwester ist.

ato bhajiṣye samayena sādhvīṁ yāvat tejo bibhṛyād ātmano me ato dharmān pāramahaṁsya-mukhyān śukla-proktān bahu manye 'vihiṁsrān

Deshalb werde ich die Tugendhafte unter einer Bedingung [zur Frau] nehmen, solange sie meine [Zeugungs-]Kraft bewahrt; deshalb schätze ich die von Śukla verkündeten, führenden, gewaltlosen Pfade der Paramahaṁsas hoch.

Wort für Wort
ataḥ bhajiṣye samayena sādhvīm
deshalb werde ich die Tugendhafte unter einer Bedingung nehmen
yāvat tejaḥ bibhṛyāt ātmanaḥ me
solange sie meine [Zeugungs-]Kraft bewahrt
ataḥ dharmān pāramahaṁsya-mukhyān
deshalb die führenden Pfade der Paramahaṁsas
śukla-proktān
von Śukla verkündet
bahu manye avihiṁsrān
ich schätze hoch, die gewaltlosen

[?] "śukla-proktān" bleibt unklar - möglicherweise ein Beiname des Herrn ("der Reine/Strahlende", vgl. Bhāg. 11.5.21 zu Viṣṇu als "Śukla" im Satya-Yuga) oder vorausdeutend auf den künftigen Sohn Kapila bezogen. "samayena ... yāvat tejo bibhṛyāt" deutet auf Kardamas Bedingung hin, die Ehe nur bis zur Erlangung von Nachkommen fortzuführen, um danach der Entsagung nachzugehen.

yato 'bhavad viśvam idaṁ vicitraṁ saṁsthāsyate yatra ca vāvatiṣṭhate prajāpatīnāṁ patir eṣa mahyaṁ paraṁ pramāṇaṁ bhagavān anantaḥ

Der Erhabene, der Unendliche, der Herr der Prajāpatis, aus dem dieses bunte Universum entstanden ist, in dem es [einst] enden wird und in dem es gegenwärtig verweilt - er ist für mich der höchste Maßstab.

Wort für Wort
yataḥ abhavat viśvam idam vicitram
aus dem dieses bunte Universum entstand
saṁsthāsyate
wird enden/vergehen
yatra ca vāvatiṣṭhate
und worin es gegenwärtig verweilt
prajāpatīnām patiḥ
der Herr der Prajāpatis
eṣaḥ mahyam param pramāṇam
dieser ist für mich der höchste Maßstab
bhagavān anantaḥ
der Erhabene, der Unendliche

[?] "saṁsthāsyate" ist doppeldeutig zwischen "wird fortbestehen" und "wird enden/vergehen"; hier im Sinne der traditionellen Trias Entstehung-Erhaltung-Auflösung als "enden" gedeutet.

maitreya uvāca sa ugra-dhanvann iyad evābabhāṣe āsīc ca tūṣṇīm aravinda-nābham dhiyopagṛhṇan smita-śobhitena mukhena ceto lulubhe devahūtyāḥ

Maitreya sagte: O [Vidura,] Schrecklicher-Bogen-Träger, so viel nur sprach er (Kardama) und wurde dann still, den Lotos-Nabelten in Gedanken erfassend; und mit seinem von Lächeln geschmückten Antlitz raubte er das Herz Devahūtis.

Wort für Wort
maitreyaḥ uvāca
Maitreya sagte
saḥ ugra-dhanvan
er, o Schrecklicher-Bogen-Träger [Anrede an Vidura]
iyat eva ababhāṣe
so viel nur sprach er
āsīt ca tūṣṇīm
und wurde still
aravinda-nābham dhiyā upagṛhṇan
den Lotos-Nabelten in Gedanken erfassend
smita-śobhitena mukhena
mit [seinem] von Lächeln geschmückten Antlitz
cetaḥ lulubhe devahūtyāḥ
er raubte das Herz Devahūtis

so 'nu jñātvā vyavasitaṁ mahiṣyā duhituḥ sphuṭam tasmai guṇa-gaṇāḍhyāya dadau tulyāṁ praharṣitaḥ

Nachdem er den deutlichen Entschluss der Königin und der Tochter erkannt hatte, gab er sie, hocherfreut, jenem an Tugenden reichen [Kardama], die [ihm] Ebenbürtige.

Wort für Wort
saḥ anu jñātvā
er, nachdem er erkannt hatte
vyavasitam mahiṣyā duhituḥ sphuṭam
den deutlichen Entschluss der Königin [und] der Tochter
tasmai guṇa-gaṇa-āḍhyāya
jenem an einer Fülle von Tugenden reichen
dadau tulyām praharṣitaḥ
gab die Ebenbürtige, hocherfreut

śatarūpā mahā-rājñī pāribarhān mahā-dhanān dampatyoḥ paryadāt prītyā bhūṣā-vāsaḥ paricchadān

Śatarūpā, die große Königin, gab dem Ehepaar aus Zuneigung wertvolle Brautgeschenke - Schmuck, Kleidung und Ausstattung.

Wort für Wort
śatarūpā mahā-rājñī
Śatarūpā, die große Königin
pāribarhān mahā-dhanān
wertvolle Brautgeschenke
dam-patyoḥ paryadāt prītyā
gab dem Ehepaar aus Zuneigung
bhūṣā-vāsaḥ-paricchadān
Schmuck, Kleidung und Ausstattung

prattāṁ duhitaraṁ samrāṭ sadṛkṣāya gata-vyathaḥ upaguhya ca bāhubhyām autkaṇṭhyonmathitāśayaḥ

Der Kaiser, [nachdem sein] Kummer gewichen war, umarmte die dem Ebenbürtigen dargebotene Tochter mit [beiden] Armen, sein Herz von Sehnsucht aufgewühlt.

Wort für Wort
prattām duhitaram
die dargebotene Tochter
samrāṭ sadṛkṣāya
der Kaiser, dem Ebenbürtigen [dargeboten]
gata-vyathaḥ
dessen Kummer gewichen war
upaguhya ca bāhubhyām
und mit [beiden] Armen umarmend
autkaṇṭhya-unmathita-āśayaḥ
dessen Herz von Sehnsucht aufgewühlt war

aśaknuvaṁs tad-virahaṁ muñcan bāṣpa-kalāṁ muhuḥ āsiñcad amba vatseti netrodair duhituḥ śikhāḥ

Unfähig, die Trennung von ihr zu ertragen, immer wieder Tränen vergießend, benetzte er, »Mutter, Kind!« [rufend], mit den Wassern seiner Augen die Haarlocken der Tochter.

Wort für Wort
aśaknuvan tat-viraham
unfähig, jene Trennung [zu ertragen]
muñcan bāṣpa-kalām muhuḥ
immer wieder Tränen vergießend
āsiñcat
er benetzte
amba vatsa iti
»Mutter, Kind!« [rufend]
netra-udaiḥ duhituḥ śikhāḥ
mit den Augenwassern die Haarlocken der Tochter

[Anm.] Die Anrede "amba" (Mutter) an die eigene Tochter ist eine im Sanskrit belegte zärtliche Anredeform, keine wörtliche Verwandtschaftsbezeichnung.

āmantrya taṁ muni-varam anujñātaḥ sahānugaḥ pratasthe ratham āruhya sabhāryaḥ sva-puraṁ nṛpaḥ ubhayor ṛṣi-kulyāyāḥ sarasvatyāḥ surodhasoḥ ṛṣīṇām upaśāntānāṁ paśyann āśrama-sampadaḥ

Nachdem er jenen besten der Weisen verabschiedet hatte, machte sich der König, von ihm entlassen, begleitet von seinem Gefolge, mit seiner Gattin den Wagen besteigend auf zu seiner eigenen Stadt - während er den Reichtum der Einsiedeleien der befriedeten Weisen an beiden schönen Ufern der zum Weisengeschlecht gehörigen Sarasvatī betrachtete.

Wort für Wort
āmantrya tam muni-varam
jenen besten der Weisen verabschiedend
anujñātaḥ saha-anugaḥ
von ihm entlassen, mit [seinem] Gefolge
pratasthe ratham āruhya
machte sich auf den Weg, den Wagen besteigend
sa-bhāryaḥ sva-puram nṛpaḥ
der König mit [seiner] Gattin zu seiner eigenen Stadt
ubhayoḥ ṛṣi-kulyāyāḥ sarasvatyāḥ su-rodhasoḥ
an beiden schönen Ufern der zum Weisengeschlecht gehörigen Sarasvatī
ṛṣīṇām upaśāntānām
der befriedeten Weisen
paśyan āśrama-sampadaḥ
den Reichtum der Einsiedeleien betrachtend

tam āyāntam abhipretya brahmāvartāt prajāpatim gīta-saṁstuti-vāditraiḥ pratyudīyuḥ praharṣitāḥ

Als sie erkannten, dass jener Herr der Geschöpfe von Brahmāvarta her ankam, zogen ihm die hocherfreuten [Untertanen] mit Gesang, Lobpreis und Musikinstrumenten entgegen.

Wort für Wort
tam āyāntam abhipretya
ihn, den Ankommenden, erkennend
brahmāvartāt prajāpatim
den Herrn der Geschöpfe von Brahmāvarta her
gīta-saṁstuti-vāditraiḥ
mit Gesang, Lobpreis und Musikinstrumenten
pratyudīyuḥ praharṣitāḥ
zogen entgegen, hocherfreut

barhiṣmatī nāma purī sarva-sampat-samanvitā nyapatan yatra romāṇi yajñasyāṅgaṁ vidhunvataḥ kuśāḥ kāśās ta evāsan śaśvad-dharita-varcasaḥ ṛṣayo yaiḥ parābhāvya yajña-ghnān yajñam ījire

[Die Stadt hieß] Barhiṣmatī, mit allem Reichtum ausgestattet, wo die Haare [des Ebers] fielen, als er, die Opferverkörperung, seinen Leib schüttelte; eben diese wurden zu Kuśa- und Kāśa-Gräsern von beständig grünem Glanz - mit denen die Weisen, nachdem sie die Opferzerstörer überwältigt hatten, das Opfer darbrachten.

Wort für Wort
barhiṣmatī nāma purī
die Stadt mit Namen Barhiṣmatī
sarva-sampat-samanvitā
mit allem Reichtum ausgestattet
nyapatan yatra romāṇi
wo die Haare fielen
yajñasya aṅgam vidhunvataḥ
des die Opferverkörperung Schüttelnden
kuśāḥ kāśāḥ te eva āsan
eben diese wurden zu Kuśa- und Kāśa-Gräsern
śaśvat-harita-varcasaḥ
von beständig grünem Glanz
ṛṣayaḥ yaiḥ parābhāvya
die Weisen, mit denen sie [die Dämonen] überwältigend
yajña-ghnān yajñam ījire
die Opferzerstörer, brachten das Opfer dar

[Anm.] Knüpft an die soeben abgeschlossene Varāha-Erzählung (Kap. 13-19) an: die Ursprungssage der Stadt Barhiṣmatī aus den beim Schütteln abgeworfenen Haaren des Eberavatars.

kuśa-kāśamayaṁ barhir āstīrya bhagavān manuḥ ayajad yajña-puruṣaṁ labdhā sthānaṁ yato bhuvam

Nachdem er eine Opferstreu aus Kuśa und Kāśa ausgebreitet hatte, verehrte der erhabene Manu die Opferperson [des Herrn], wodurch er [seinen] Wohnsitz und die Erde erlangte.

Wort für Wort
kuśa-kāśa-mayam barhiḥ āstīrya
eine Opferstreu aus Kuśa und Kāśa ausbreitend
bhagavān manuḥ ayajat
der erhabene Manu verehrte
yajña-puruṣam
die Opferperson
labdhā sthānam yataḥ bhuvam
wodurch er Wohnsitz und Erde erlangte

barhiṣmatīṁ nāma vibhur yāṁ nirviśya samāvasat | tasyāṁ praviṣṭo bhavanaṁ tāpa-traya-vināśanam ||

Der Herrscher, der [diese Stadt namens] Barhiṣmatī betreten hatte, wohnte dort; in ihr betrat er den Palast, der die drei Leiden vernichtet.

Wort für Wort
barhiṣmatīm nāma vibhuḥ yām
der Herrscher [die Stadt] mit Namen Barhiṣmatī, die
nirviśya samāvasat
betretend wohnte er
tasyām praviṣṭaḥ bhavanam
in ihr betrat er den Palast
tāpa-traya-vināśanam
der die drei Leiden vernichtet

[Anm.] "tāpa-traya" bezeichnet die drei traditionellen Leidensarten (ādhyātmika, ādhibhautika, ādhidaivika).

sabhāryaḥ saprajaḥ kāmān bubhuje 'nyāvirodhataḥ saṅgīyamāna-sat-kīrtiḥ sastrībhiḥ sura-gāyakaiḥ praty-ūṣeṣv anubaddhena hṛdā śṛṇvan hareḥ kathāḥ

Mit seiner Gattin und seinen Kindern genoss er die [rechtmäßigen] Sinnesfreuden, ohne [das Dharma] zu verletzen; sein guter Ruhm wurde von den göttlichen Sängern samt ihren Frauen besungen, während er in den Morgenstunden mit hingegebenem Herzen den Erzählungen von Hari lauschte.

Wort für Wort
sa-bhāryaḥ sa-prajaḥ
mit Gattin und Nachkommen
kāmān bubhuje anya-avirodhataḥ
genoss die Sinnesfreuden, ohne [das Dharma] zu verletzen
saṅgīyamāna-sat-kīrtiḥ
dessen guter Ruhm besungen wurde
sa-strībhiḥ sura-gāyakaiḥ
von den göttlichen Sängern samt [ihren] Frauen
praty-ūṣeṣu anubaddhena hṛdā
in den Morgendämmerungen mit hingegebenem Herzen
śṛṇvan hareḥ kathāḥ
die Erzählungen von Hari hörend

niṣṇātaṁ yoga-māyāsu muniṁ svāyambhuvaṁ manum | yad ābhraṁśayituṁ bhogā na śekur bhagavat-param

Manu, der Weise, der Sohn des Selbstentstandenen, war so vertraut mit den [Täuschungen der] Yogamāyā, dass die Sinnesgenüsse ihn, der ganz dem Erhabenen hingegeben war, nicht [von seinem Pfad] abbringen konnten.

Wort für Wort
niṣṇātam yoga-māyāsu
vertraut mit den [Täuschungen der] Yogamāyā
munim svāyambhuvam manum
den Weisen Manu, den Sohn des Selbstentstandenen
yat ābhraṁśayitum
so dass abzubringen
bhogāḥ na śekuḥ
die Sinnesgenüsse nicht vermochten
bhagavat-param
den, für den der Erhabene das Höchste war

ayāta-yāmās tasyāsan yāmāḥ svāntara-yāpanāḥ śṛṇvato dhyāyato viṣṇoḥ kurvato bruvataḥ kathāḥ

Für ihn, der [beständig] hörte, meditierte, [Riten] vollzog und über Viṣṇu sprach, verrannen die Stunden seines [Herrschafts-]Zeitalters, ohne fruchtlos zu verstreichen.

Wort für Wort
ayāta-yāmāḥ tasya āsan yāmāḥ
nicht fruchtlos vergangen waren für ihn die Zeitabschnitte
sva-antara-yāpanāḥ
die [Zeiten] seines Manvantara verbringend
śṛṇvataḥ dhyāyataḥ viṣṇoḥ
der über Viṣṇu hörte und meditierte
kurvataḥ bruvataḥ kathāḥ
der [Riten] vollzog und die Erzählungen sprach

sa evaṁ svāntaraṁ ninye yugānām eka-saptatim vāsudeva-prasaṅgena paribhūta-gati-trayaḥ

So verbrachte er einundsiebzig [Groß-]Yugas seines [Herrschafts-]Zeitraums, indem er durch die Verbindung mit Vāsudeva die drei [gewöhnlichen Daseins-]Zustände überwand.

Wort für Wort
saḥ evam sva-antaram ninye
so verbrachte er sein Manvantara
yugānām eka-saptatim
einundsiebzig der [Groß-]Yugas
vāsudeva-prasaṅgena
durch die Verbindung mit Vāsudeva
paribhūta-gati-trayaḥ
der die drei Daseinswege überwunden hatte

[Anm.] "gati-trayaḥ" (die drei Zustände/Wege) bleibt mehrdeutig - möglich sind etwa Wachen/Traum/Tiefschlaf oder drei Arten der Wiedergeburt.

śārīrā mānasā divyā vaiyāse ye ca mānuṣāḥ bhautikāś ca kathaṁ kleśā bādhante hari-saṁśrayam

Wie sollten körperliche, geistige, göttliche, [?] menschliche und elementare Leiden jemanden bedrängen, der Zuflucht bei Hari genommen hat?

Wort für Wort
śārīrāḥ mānasāḥ divyāḥ
körperliche, geistige, göttliche
vaiyāse
[?] unklarer Begriff
ye ca mānuṣāḥ bhautikāḥ ca
und welche menschlichen und elementaren
katham kleśāḥ bādhante
wie sollten die Leiden bedrängen
hari-saṁśrayam
den bei Hari Zuflucht Genommenen

[?] Das Wort "vaiyāse" innerhalb der Aufzählung der Leidensarten ist unklar und konnte unabhängig nicht sicher gedeutet werden; die übliche dreifache Einteilung (ādhyātmika/ādhibhautika/ādhidaivika) erscheint hier auf mehrere Glieder erweitert, ohne dass sich "vaiyāse" eindeutig einordnen ließe. Hier bewusst wörtlich und mit Fragezeichen wiedergegeben statt spekulativ emendiert.

yaḥ pṛṣṭo munibhiḥ prāha dharmān nānā-vidhāñ chubhān nṛṇāṁ varṇāśramāṇāṁ ca sarva-bhūta-hitaḥ sadā

Er, der, von den Weisen befragt, die vielfältigen heilvollen Pflichten der Menschen entsprechend ihren Kasten und Lebensstufen verkündete, war stets zum Wohl aller Wesen [gesinnt].

Wort für Wort
yaḥ pṛṣṭaḥ munibhiḥ prāha
er, der, von den Weisen befragt, verkündete
dharmān nānā-vidhān śubhān
die vielfältigen heilvollen Pflichten
nṛṇām varṇa-āśramāṇām ca
der Menschen, nach Kasten und Lebensstufen
sarva-bhūta-hitaḥ sadā
stets zum Wohl aller Wesen

etat ta ādi-rājasya manoś caritam adbhutam varṇitaṁ varṇanīyasya tad-apatyodayaṁ śṛṇu

Dies war dir die wunderbare Lebensgeschichte des Urkönigs Manu, der wohl preiswürdig ist, geschildert; höre nun das Erscheinen seiner Nachkommenschaft.

Wort für Wort
etat te
dies dir
ādi-rājasya manoḥ caritam adbhutam
die wunderbare Lebensgeschichte des Urkönigs Manu
varṇitam varṇanīyasya
geschildert, dessen, der preiswürdig ist
tat-apatya-udayam śṛṇu
höre das Erscheinen seiner Nachkommenschaft

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