Quellen der Menschheit

Bhāgavata-Purāṇa

Kapitel 6: nāradasya pūrvajanmakathā Nāradas Erzählung seines Vorlebens und seiner Wandlung

Vyāsa erfragt weitere Einzelheiten über Nāradas Vorleben. Nārada erzählt: seine Kindheit als Sohn einer Dienerin, den Tod seiner Mutter durch Schlangenbiss, seine Wanderung in die Einsamkeit, die erste, flüchtige Vision Haris im Herzen und dessen tröstende Rede über die Unmöglichkeit einer weiteren Schau in diesem Leben (V.14-25), seinen Tod und Übergang zur göttlichen Existenz (V.26-31: als Lebenshauch Viṣṇus während der kosmischen Auflösung, Wiedergeburt aus dessen Atem bei der Neuschöpfung), und schließlich sein gegenwärtiges Dasein als frei wandernder Sänger von Haris Ruhm mit der Vīṇā. Das Kapitel schließt mit Sūtas eigenem bewundernden Ausruf über Nārada.

evaṃ niśamya bhagavān devarṣer janma karma ca / bhūyaḥ papraccha taṃ brahman vyāsaḥ satyavatīsutaḥ //

So dies vernommen habend, das [zuvor Erzählte über] die Geburt und die Taten des Götterweisen, fragte ihn Vyāsa, der Sohn der Satyavatī, o Brahmane [Śaunaka], weiter.

Wort für Wort
evaṃ niśamya
so dies vernommen habend
bhagavān devarṣer janma karma ca
die Geburt und Taten des Götterweisen
bhūyaḥ papraccha taṃ brahman
fragte ihn weiter, o Brahmane
vyāsaḥ satyavatīsutaḥ
Vyāsa, der Sohn der Satyavatī

[Anm.: Die Quelle setzt vor diesem Vers die Sprecherangabe {vyāsa uvāca}; inhaltlich handelt es sich jedoch um Sūtas Rahmenerzählung in dritter Person (Fortsetzung aus Kap.5) - vermutlich erneut ein Etikettierungsartefakt der Quelle, wie bereits bei Kap.4 V.1 beobachtet.] [?]

bhikṣubhir vipravasite vijñānādeṣṭṛbhis tava / vartamāno vayasyādye tataḥ kim akarod bhavān //

{Vyāsa sprach:} Als die Bettelmönche, die dir das [höhere] Wissen wiesen, fortgegangen waren, was tatest du damals, noch in deinem ersten Lebensalter?

Wort für Wort
bhikṣubhir vipravasite
als die Bettelmönche fortgegangen waren
vijñānādeṣṭṛbhis tava
die dir das Wissen wiesen
vartamāno vayasyādye
während du in deinem ersten Lebensalter warst
tataḥ kim akarod bhavān
was tatest du dann

svāyambhuva kayā vṛttyā vartitaṃ te paraṃ vayaḥ / kathaṃ cedam udasrākṣīḥ kāle prāpte kalevaram //

O Sohn des Svayambhū, durch welche Lebensweise verbrachtest du dein späteres Alter? Und wie legtest du diesen Leib ab, als die [rechte] Zeit gekommen war?

Wort für Wort
svāyambhuva
o Sohn des Svayambhū [Brahmā]
kayā vṛttyā vartitaṃ te paraṃ vayaḥ
durch welche Lebensweise verbrachtest du dein späteres Alter
kathaṃ cedam udasrākṣīḥ
und wie legtest du dies ab
kāle prāpte kalevaram
den Leib, als die Zeit gekommen war

prākkalpaviṣayām etāṃ smṛtiṃ te munisattama / na hy eṣa vyavadhāt kāla eṣa sarvanirākṛtiḥ //

O bester der Weisen, [erzähle von] dieser deiner Erinnerung, die einen früheren Weltzeitalter (Kalpa) betrifft; denn diese Zeit, die doch alles auflöst, hat sie [deine Erinnerung] offenbar nicht behindert.

Wort für Wort
prākkalpaviṣayām etāṃ smṛtiṃ te
diese deine Erinnerung, die einen früheren Kalpa betrifft
munisattama
o bester der Weisen
na hy eṣa vyavadhāt kāla
denn diese Zeit hat [sie] nicht behindert
eṣa sarvanirākṛtiḥ
die doch alles auflöst

bhikṣubhir vipravasite vijñānādeṣṭṛbhir mama / vartamāno vayasyādye tata etad akāraṣam //

{Nārada sprach:} Als die Bettelmönche, die mir das Wissen wiesen, fortgegangen waren, tat ich, damals in meinem ersten Lebensalter, Folgendes.

Wort für Wort
bhikṣubhir vipravasite
als die Bettelmönche fortgegangen waren
vijñānādeṣṭṛbhir mama
die mir das Wissen wiesen
vartamāno vayasyādye
während ich in meinem ersten Lebensalter war
tata etad akāraṣam
tat ich darauf Folgendes

ekātmajā me jananī yoṣin mūḍhā ca kiṅkarī / mayy ātmaje 'nanyagatau cakre snehānubandhanam //

Meine Mutter, eine Frau mit nur einem Kind, einfältig und eine Dienerin, knüpfte an mich, ihren [einzigen] Sohn, dem sie keine andere Zuflucht [hatte], ein Band der Zuneigung.

Wort für Wort
ekātmajā me jananī
meine Mutter, mit nur einem Kind
yoṣin mūḍhā ca kiṅkarī
eine einfältige Frau und Dienerin
mayy ātmaje 'nanyagatau
an mich, ihren Sohn, ohne andere Zuflucht
cakre snehānubandhanam
knüpfte sie ein Band der Zuneigung

sāsvatantrā na kalpāsīd yogakṣemaṃ mamecchatī / īśasya hi vaśe loko yoṣā dārumayī yathā //

Sie, unselbständig, vermochte nicht, obwohl sie mein Wohlergehen wünschte, [dafür zu sorgen]; denn die Welt steht in der Gewalt des Herrn, wie eine hölzerne Puppenfrau [in der ihres Führers].

Wort für Wort
sāsvatantrā na kalpāsīd
sie, unselbständig, vermochte nicht
yogakṣemaṃ mamecchatī
obwohl sie mein Wohlergehen wünschte
īśasya hi vaśe loko
denn die Welt steht in der Gewalt des Herrn
yoṣā dārumayī yathā
wie eine hölzerne Puppenfrau

ahaṃ ca tad-brahma-kule ūṣivāṃs tad-upekṣayā / dig-deśa-kālāvyutpanno bālakaḥ pañca-hāyanaḥ //

Und ich, in jenem Brahmanenhaus wohnend, durch ihre [gutgemeinte, aber begrenzte] Fürsorge, war ein unwissender, in Richtung, Ort und Zeit unkundiger Knabe von fünf Jahren.

Wort für Wort
ahaṃ ca tad-brahma-kule ūṣivāṃs
und ich, in jenem Brahmanenhaus wohnend
tad-upekṣayā
durch ihre [begrenzte] Fürsorge/Nachsicht
dig-deśa-kālāvyutpannaḥ
unkundig in Richtung, Ort und Zeit
bālakaḥ pañca-hāyanaḥ
ein Knabe von fünf Jahren

ekadā nirgatāṃ gehād duhantīṃ niśi gāṃ pathi / sarpo 'daśat padā spṛṣṭaḥ kṛpaṇāṃ kāla-coditaḥ //

Einst, als [meine Mutter] nachts aus dem Haus gegangen war, um auf dem Weg eine Kuh zu melken, biss eine Schlange, mit dem Fuß berührt und vom Schicksal getrieben, die Arme.

Wort für Wort
ekadā nirgatāṃ gehād
einst, aus dem Haus gegangen
duhantīṃ niśi gāṃ pathi
um nachts auf dem Weg eine Kuh zu melken
sarpo 'daśat padā spṛṣṭaḥ
biss eine Schlange, mit dem Fuß berührt
kṛpaṇāṃ kāla-coditaḥ
die Arme, vom Schicksal getrieben

tadā tad aham īśasya bhaktānāṃ śam abhīpsataḥ / anugrahaṃ manyamānaḥ prātiṣṭhaṃ diśam uttarām //

Da hielt ich dies für eine Gnade des Herrn, der das Wohl seiner Anhänger ersehnt, und machte mich auf in nördliche Richtung.

Wort für Wort
tadā tad aham īśasya
da [hielt] ich dies für [eine Gnade] des Herrn
bhaktānāṃ śam abhīpsataḥ
der das Wohl [seiner] Anhänger ersehnt
anugrahaṃ manyamānaḥ
für Gnade haltend
prātiṣṭhaṃ diśam uttarām
machte ich mich auf in nördliche Richtung

sphītāñ janapadāṃs tatra pura-grāma-vraja-ākarān / kheṭa-kharvaṭa-vāṭīś ca vanāny upavanāni ca //

Dort [durchwanderte ich] blühende Länder mit Städten, Dörfern, Kuhhürden und Minen, Marktflecken, Weilern und Gehöften, sowie Wälder und Haine.

Wort für Wort
sphītāñ janapadāṃs tatra
dort blühende Länder
pura-grāma-vraja-ākarān
mit Städten, Dörfern, Kuhhürden, Minen
kheṭa-kharvaṭa-vāṭīś ca
Marktflecken, Weilern, Gehöften
vanāny upavanāni ca
Wälder und Haine

citra-dhātu-vicitra-adrīn ibha-bhagna-bhuja-drumān / jalāśayāñ chiva-jalān nalinīḥ sura-sevitāḥ //

[Ich sah] Berge, bunt durch vielfarbige Mineralien, Bäume mit von Elefanten abgebrochenen Ästen, Wasserbecken mit reinem Wasser, und von Göttern besuchte Lotosteiche.

Wort für Wort
citra-dhātu-vicitra-adrīn
Berge, bunt durch Mineralien
ibha-bhagna-bhuja-drumān
Bäume mit von Elefanten abgebrochenen Ästen
jalāśayāñ chiva-jalān
Wasserbecken mit reinem Wasser
nalinīḥ sura-sevitāḥ
von Göttern besuchte Lotosteiche

citra-svanaiḥ patra-rathair vibhramad-bhramara-śriyaḥ / nala-veṇu-śara-stamba-kuśa-kīcaka-gahvaram //

[Haine,] geschmückt von wunderbar tönenden Vögeln und umherschwärmenden Bienen, [und] ein Dickicht aus Schilfrohr, Bambus, Pfeilgras-Büscheln, Kuśa-Gras und hohlem Bambus.

Wort für Wort
citra-svanaiḥ patra-rathair
durch wunderbar tönende Vögel
vibhramad-bhramara-śriyaḥ
geschmückt von umherschwärmenden Bienen
nala-veṇu-śara-stamba-kuśa-kīcaka-gahvaram
ein Dickicht aus Schilf, Bambus, Pfeilgras, Kuśa-Gras, hohlem Bambus

eka evātiyāto 'ham adrākṣaṃ vipinaṃ mahat / ghoraṃ pratibhayākāraṃ vyāla-ulūka-śivā-ajiram //

Ich, allein weitergezogen, erblickte einen großen Wald, schrecklich, von furchterregender Gestalt, einen Tummelplatz von Giftschlangen, Eulen und Schakalen.

Wort für Wort
eka evātiyāto 'ham
ich, allein weitergezogen
adrākṣaṃ vipinaṃ mahat
erblickte ich einen großen Wald
ghoraṃ pratibhayākāram
schrecklich, furchterregender Gestalt
vyāla-ulūka-śivā-ajiram
einen Tummelplatz von Schlangen, Eulen, Schakalen

pariśrāntendriyātmāhaṃ tṛṭparīto bubhukṣitaḥ / snātvā pītvā hrade nadyā upaspṛṣṭo gataśramaḥ //

Ich, an Sinnen und Geist erschöpft, von Durst umfangen und hungrig, badete und trank an einem Flussbecken, und, [das Wasser rituell] berührend, wurde ich frei von Ermüdung.

Wort für Wort
pariśrāntendriyātmāhaṃ
ich, an Sinnen und Geist erschöpft
tṛṭparīto bubhukṣitaḥ
von Durst umfangen, hungrig
snātvā pītvā hrade nadyā
badend und trinkend an einem Flussbecken
upaspṛṣṭo gataśramaḥ
[das Wasser] berührend, frei von Ermüdung

tasmin nirmanuje 'raṇye pippalopastha āśritaḥ / ātmanātmānam ātmasthaṃ yathāśrutam acintayam //

In jenem menschenleeren Wald, am Fuß eines Pippala-Baumes Zuflucht nehmend, betrachtete ich, durch mich selbst, mein in mir wohnendes Selbst, so wie ich es [zuvor] gehört hatte.

Wort für Wort
tasmin nirmanuje 'raṇye
in jenem menschenleeren Wald
pippalopastha āśritaḥ
am Fuß eines Pippala-Baumes Zuflucht nehmend
ātmanātmānam ātmasthaṃ
durch mich selbst mein in mir wohnendes Selbst
yathāśrutam acintayam
betrachtete ich, wie ich es gehört hatte

dhyāyataś caraṇāmbhojaṃ bhāvanirjitacetasā / autkaṇṭhyāśrukalākṣasya hṛdy āsīn me śanair hariḥ //

Während ich, mein Denken durch [liebende] Empfindung überwältigt, [seinen] Lotosfuß betrachtete, erschien mir, dessen Augen von Tränen der Sehnsucht [erfüllt waren], allmählich Hari im Herzen.

Wort für Wort
dhyāyataś caraṇāmbhojaṃ
während ich [seinen] Lotosfuß betrachtete
bhāvanirjitacetasā
mein Denken durch Empfindung überwältigt
autkaṇṭhyāśrukalākṣasya
dessen Augen von Tränen der Sehnsucht [erfüllt waren]
hṛdy āsīn me śanair hariḥ
erschien mir allmählich Hari im Herzen

premātibharanirbhinnapulakāṅgo 'tinirvṛtaḥ / ānandasamplave līno nāpaśyam ubhayaṃ mune //

Meine Körperhaare vor Übermaß der Liebe sich sträubend, überaus selig, in einer Flut der Wonne aufgelöst, gewahrte ich, o Weiser, keines von beidem [mehr - weder mich noch die Welt].

Wort für Wort
premātibharanirbhinnapulakāṅgo
meine Körperhaare vor Übermaß der Liebe sich sträubend
'tinirvṛtaḥ
überaus selig
ānandasamplave līno
in einer Flut der Wonne aufgelöst
nāpaśyam ubhayaṃ mune
gewahrte ich keines von beidem, o Weiser

rūpaṃ bhagavato yat tan manaḥ-kāntaṃ śucāpaham / apaśyan sahasottasthe vaiklavyād durmanā iva //

Jene Gestalt des Erhabenen, die dem Geist lieb ist und den Kummer vertreibt, nicht mehr sehend, erhob ich mich plötzlich, wie von Verwirrung befallen, betrübten Sinnes.

Wort für Wort
rūpaṃ bhagavato yat tan manaḥ-kāntaṃ śucāpaham
jene dem Geist liebe, kummervertreibende Gestalt des Erhabenen
apaśyan
nicht mehr sehend
sahasottasthe vaiklavyād durmanā iva
erhob ich mich plötzlich, verwirrt, wie betrübten Sinnes

didṛkṣus tad ahaṃ bhūyaḥ praṇidhāya mano hṛdi / vīkṣamāṇo 'pi nāpaśyam avitṛpta ivāturaḥ //

Begierig, jenes wiederzusehen, richtete ich mein Denken abermals auf das Herz; doch obwohl ich [angestrengt] schaute, sah ich es nicht, unbefriedigt wie ein Leidender.

Wort für Wort
didṛkṣus tad ahaṃ bhūyaḥ
begierig, jenes wiederzusehen
praṇidhāya mano hṛdi
das Denken auf das Herz richtend
vīkṣamāṇo 'pi nāpaśyam
obwohl schauend, sah ich es nicht
avitṛpta ivāturaḥ
unbefriedigt, wie ein Leidender

evaṃ yatantaṃ vijane mām āhāgocaro girām / gambhīraślakṣṇayā vācā śucaḥ praśamayann iva //

Zu mir, der ich so in der Einsamkeit rang, sprach er, der jenseits der Reichweite der Worte ist, mit tiefer, sanfter Stimme, wie um meinen Kummer zu besänftigen.

Wort für Wort
evaṃ yatantaṃ vijane mām
zu mir, der ich so in der Einsamkeit rang
āhāgocaro girām
sprach er, jenseits der Reichweite der Worte
gambhīraślakṣṇayā vācā
mit tiefer, sanfter Stimme
śucaḥ praśamayann iva
wie um den Kummer zu besänftigen

hantāsmin janmani bhavān mā māṃ draṣṭum ihārhati / avipakvakaṣāyāṇāṃ durdarśo 'haṃ kuyoginām //

'Wohlan, in diesem [gegenwärtigen] Leben bist du nicht berechtigt, mich hier [noch einmal] zu sehen; schwer zu sehen bin ich für unreife Yogis, deren [innere] Verunreinigungen noch nicht ausgereift [und aufgelöst] sind.'

Wort für Wort
hantāsmin janmani bhavān
wohlan, in diesem Leben bist du
mā māṃ draṣṭum ihārhati
nicht berechtigt, mich hier zu sehen
avipakvakaṣāyāṇāṃ durdarśo 'haṃ
schwer zu sehen bin ich für die mit unreifen Verunreinigungen
kuyoginām
für unreife Yogis

sakṛd yad darśitaṃ rūpam etat kāmāya te 'nagha / matkāmaḥ śanakaiḥ sādhu sarvān muñcati hṛcchayān //

'Dass diese Gestalt dir einmal gezeigt wurde, o Sündloser, [geschah] zur [Entfachung deines] Verlangens [nach mir]; wer mich begehrt, löst allmählich, in rechter Weise, alle Herzensbegierden [von sich].'

Wort für Wort
sakṛd yad darśitaṃ rūpam etat
dass diese Gestalt einmal gezeigt wurde
kāmāya te 'nagha
zu deinem Verlangen, o Sündloser
matkāmaḥ śanakaiḥ sādhu
wer mich begehrt, allmählich, in rechter Weise
sarvān muñcati hṛcchayān
löst alle Herzensbegierden

satsevayādīrghayāpi jātā mayi dṛḍhā matiḥ / hitvāvadyam imaṃ lokaṃ gantā majjanatām asi //

'Durch den Dienst an den Guten ist, wenn auch nicht lange [ausgeübt], eine feste Gesinnung mir gegenüber in dir entstanden; diese tadelnswerte Welt verlassend, wirst du zu den Meinen [den Hingegebenen] gelangen.'

Wort für Wort
satsevayādīrghayāpi
durch den Dienst an den Guten, wenn auch nicht lange
jātā mayi dṛḍhā matiḥ
ist eine feste Gesinnung mir gegenüber entstanden
hitvāvadyam imaṃ lokaṃ
diese tadelnswerte Welt verlassend
gantā majjanatām asi
wirst du zu den Meinen gelangen

matir mayi nibaddheyaṃ na vipadyeta karhicit / prajāsarganirodhe 'pi smṛtiś ca madanugrahāt //

'Diese auf mich gerichtete Gesinnung wird niemals untergehen; und [deine] Erinnerung wird, selbst durch Entstehen und Vergehen der Geschöpfe hindurch, durch meine Gnade [bestehen bleiben].'

Wort für Wort
matir mayi nibaddheyaṃ
diese auf mich gerichtete Gesinnung
na vipadyeta karhicit
wird niemals untergehen
prajāsarganirodhe 'pi
selbst bei Entstehen und Vergehen der Geschöpfe
smṛtiś ca madanugrahāt
wird auch die Erinnerung durch meine Gnade [bestehen]

etāvad uktvopararāma tan mahad bhūtaṃ nabholiṅgam aliṅgam īśvaram / ahaṃ ca tasmai mahatāṃ mahīyase śīrṣṇāvanāmaṃ vidadhe 'nukampitaḥ //

So viel gesagt habend, verstummte jenes große Wesen, dessen Merkmal der [feine] Äther ist, [doch selbst] merkmallos, der Herr; und ich, so von ihm begnadigt, erwies ihm, dem Größten der Großen, eine Verneigung des Hauptes.

Wort für Wort
etāvad uktvopararāma
so viel gesagt habend, verstummte
tan mahad bhūtaṃ nabholiṅgam aliṅgam īśvaram
jenes große Wesen, dessen Merkmal der Äther ist, merkmallos, der Herr
ahaṃ ca tasmai mahatāṃ mahīyase
und ich ihm, dem Größten der Großen
śīrṣṇāvanāmaṃ vidadhe 'nukampitaḥ
erwies eine Verneigung des Hauptes, begnadigt

nāmāny anantasya hatatrapaḥ paṭhan guhyāni bhadrāṇi kṛtāni ca smaran / gāṃ paryaṭaṃs tuṣṭamanā gataspṛhaḥ kālaṃ pratīkṣan vimado vimatsaraḥ //

Die geheimen, segensreichen Namen des Unendlichen rezitierend, meine Scheu abgelegt, und seiner Taten gedenkend, durchwanderte ich die Erde, zufriedenen Geistes, frei von Verlangen, meine Zeit erwartend, frei von Stolz und Neid.

Wort für Wort
nāmāny anantasya hatatrapaḥ paṭhan
die Namen des Unendlichen rezitierend, meine Scheu abgelegt
guhyāni bhadrāṇi kṛtāni ca smaran
die geheimen, segensreichen Taten gedenkend
gāṃ paryaṭaṃs tuṣṭamanā gataspṛhaḥ
die Erde durchwandernd, zufriedenen Geistes, frei von Verlangen
kālaṃ pratīkṣan vimado vimatsaraḥ
meine Zeit erwartend, frei von Stolz und Neid

evaṃ kṛṣṇamater brahman nāsaktasyāmalātmanaḥ / kālaḥ prādurabhūt kāle taḍit saudāmanī yathā //

So erschien, o Brahmane, für mich, dessen Denken auf Kṛṣṇa gerichtet, unangeheftet, von reinem Selbst war, mit der Zeit die [Todes-]Zeit, wie ein Blitz [plötzlich] am Himmel.

Wort für Wort
evaṃ kṛṣṇamater brahman
so, für mich, dessen Denken auf Kṛṣṇa gerichtet war, o Brahmane
nāsaktasyāmalātmanaḥ
unangeheftet, von reinem Selbst
kālaḥ prādurabhūt kāle
erschien mit der Zeit die [Todes-]Zeit
taḍit saudāmanī yathā
wie ein Blitz am Himmel

prayujyamāne mayi tāṃ śuddhāṃ bhāgavatīṃ tanum / ārabdhakarmanirvāṇo nyapatat pāñcabhautikaḥ //

Während mir jener reine, göttliche Leib verliehen wurde, fiel [mein alter,] aus den fünf Elementen [bestehender Leib] ab, nachdem [mein] begonnenes Karma erloschen war.

Wort für Wort
prayujyamāne mayi tāṃ śuddhāṃ bhāgavatīṃ tanum
während mir jener reine, göttliche Leib verliehen wurde
ārabdhakarmanirvāṇo
nachdem [mein] begonnenes Karma erloschen war
nyapatat pāñcabhautikaḥ
fiel der aus fünf Elementen [bestehende Leib] ab

kalpānta idam ādāya śayāne 'mbhasy udanvataḥ / śiśayiṣor anuprāṇaṃ viviśe 'ntar ahaṃ vibhoḥ //

Am Ende des Weltzeitalters, als der Allmächtige, dieses [Universum in sich] aufgenommen, in den Wassern des Ozeans lag, um zu schlafen, ging ich, sein [eigener] Lebenshauch, in sein Inneres ein.

Wort für Wort
kalpānta idam ādāya
am Ende des Weltzeitalters, dies aufgenommen habend
śayāne 'mbhasy udanvataḥ
als er in den Wassern des Ozeans lag
śiśayiṣor anuprāṇaṃ
des Schlafenwollenden, als [sein] Lebenshauch
viviśe 'ntar ahaṃ vibhoḥ
ging ich in das Innere des Allmächtigen ein

sahasrayugaparyante utthāyedaṃ sisṛkṣataḥ / marīcimiśrā ṛṣayaḥ prāṇebhyo 'haṃ ca jajñire //

Am Ende von tausend Zeitaltern, als er sich erhob, um dieses [Universum] wiederzuerschaffen, wurden die Weisen mit Marīci an der Spitze, und auch ich, aus [seinen] Lebenshauchen geboren.

Wort für Wort
sahasrayugaparyante
am Ende von tausend Zeitaltern
utthāyedaṃ sisṛkṣataḥ
als er sich erhob, um dies wiederzuerschaffen
marīcimiśrā ṛṣayaḥ
die Weisen mit Marīci an der Spitze
prāṇebhyo 'haṃ ca jajñire
und ich wurden aus [seinen] Lebenshauchen geboren

antar bahiś ca lokān trīn paryemy askanditavrataḥ / anugrahān mahāviṣṇor avighātagatiḥ kvacit //

Innerlich und äußerlich durchwandere ich die drei Welten, mein Gelübde ungebrochen, durch die Gnade des großen Viṣṇu, mein Gang nirgendwo behindert.

Wort für Wort
antar bahiś ca lokān trīn paryemy
innerlich und äußerlich durchwandere ich die drei Welten
askanditavrataḥ
mein Gelübde ungebrochen
anugrahān mahāviṣṇor
durch die Gnade des großen Viṣṇu
avighātagatiḥ kvacit
mein Gang nirgendwo behindert

devadattām imāṃ vīṇāṃ svarabrahmavibhūṣitām / mūrcchayitvā harikathāṃ gāyamānaścarāmyaham //

Diese von den Göttern gegebene Vīṇā, mit dem heiligen Klang [der sieben Töne] geschmückt, stimmend, wandere ich umher, die Erzählung Haris singend.

Wort für Wort
devadattām imāṃ vīṇāṃ
diese von den Göttern gegebene Vīṇā
svarabrahmavibhūṣitām
mit heiligem Klang geschmückt
mūrcchayitvā harikathāṃ
stimmend, die Erzählung Haris
gāyamānaścarāmyaham
singend wandere ich umher

pragāyataḥ svavīryāṇi tīrthapādaḥ priyaśravāḥ / āhūta iva me śīghraṃ darśanaṃ yāti cetasi //

Während ich seine Heldentaten besinge, erscheint er, dessen Füße [wie] ein Tīrtha sind, dessen Ruhm teuer ist, wie gerufen, rasch vor meinem Denken.

Wort für Wort
pragāyataḥ svavīryāṇi
während ich seine Heldentaten besinge
tīrthapādaḥ priyaśravāḥ
er, dessen Füße ein Tīrtha sind, dessen Ruhm teuer ist
āhūta iva me śīghraṃ
wie gerufen rasch mir
darśanaṃ yāti cetasi
erscheint er vor dem Denken

etaddhy āturacittānāṃ mātrāsparśecchayā muhuḥ / bhavasindhuplavo dṛṣṭo haricaryānuvarṇanam //

Denn dies - die Beschreibung von Haris Wandel - hat sich fürwahr als ein Floß über den Ozean des Daseins erwiesen für jene, deren Geist immer wieder vom Verlangen nach [bloßem] Sinnenkontakt gepeinigt wird.

Wort für Wort
etaddhy āturacittānāṃ
dies für jene, deren Geist gepeinigt ist
mātrāsparśecchayā muhuḥ
durch das Verlangen nach Sinnenkontakt, immer wieder
bhavasindhuplavo dṛṣṭo
hat sich als Floß über den Daseins-Ozean erwiesen
haricaryānuvarṇanam
die Beschreibung von Haris Wandel

yamādibhir yogapathaiḥ kāmalobhahato muhuḥ / mukundasevayā yadvat tathātmāddhā na śāmyati //

Der immer wieder von Begierde und Habgier Geschlagene wird durch die mit Yama u.a. beginnenden Yoga-Pfade [allein], durch sein eigenes [Bemühen], nicht so [vollständig] befriedet, wie durch den Dienst an Mukunda.

Wort für Wort
yamādibhir yogapathaiḥ
durch die mit Yama beginnenden Yoga-Pfade
kāmalobhahato muhuḥ
der immer wieder von Begierde und Habgier Geschlagene
mukundasevayā yadvat
wie durch den Dienst an Mukunda
tathātmāddhā na śāmyati
wird er durch sich selbst allein nicht ebenso befriedet

sarvaṃ tad idam ākhyātaṃ yat pṛṣṭo 'haṃ tvayānagha / janma-karma-rahasyaṃ me bhavataś cātma-toṣaṇam //

All dies wurde nun erzählt, wonach du mich gefragt hast, o Sündloser - das Geheimnis meiner Geburt und meiner Taten, und [zugleich] das, was deinem eigenen Selbst Genüge tut.

Wort für Wort
sarvaṃ tad idam ākhyātaṃ
all dies wurde nun erzählt
yat pṛṣṭo 'haṃ tvayānagha
wonach du mich gefragt hast, o Sündloser
janma-karma-rahasyaṃ me
das Geheimnis meiner Geburt und Taten
bhavataś cātma-toṣaṇam
und das, was deinem Selbst genügt

[Anm.: Kapitelschluss von Nāradas eigener Rede.]

evaṃ sambhāṣya bhagavān nārado vāsavīsutam / āmantrya vīṇāṃ raṇayan yayau yādṛcchiko muniḥ //

{Sūta sprach:} So mit dem Sohn der Vāsavī [Vyāsa] gesprochen habend, nahm der göttliche Nārada Abschied und ging, seine Vīṇā erklingen lassend, [seiner Natur gemäß] frei umherziehend, davon.

Wort für Wort
evaṃ sambhāṣya bhagavān nārado
so gesprochen habend, der göttliche Nārada
vāsavīsutam
mit dem Sohn der Vāsavī
āmantrya vīṇāṃ raṇayan
Abschied nehmend, die Vīṇā erklingen lassend
yayau yādṛcchiko muniḥ
ging der frei umherziehende Weise davon

aho devarṣir dhanyo 'yaṃ yat kīrtiṃ śārṅgadhanvanaḥ / gāyan mādyann idaṃ tantryā ramayaty āturaṃ jagat //

Oh, wie gesegnet ist dieser Götterweise, der, den Ruhm dessen, dessen Bogen der Śārṅga ist [Viṣṇu], besingend, in Verzückung, mit seiner Saite diese leidende Welt erfreut!

Wort für Wort
aho devarṣir dhanyo 'yaṃ
oh, wie gesegnet ist dieser Götterweise
yat kīrtiṃ śārṅgadhanvanaḥ
der den Ruhm dessen, dessen Bogen der Śārṅga ist
gāyan mādyann idaṃ tantryā
besingend, in Verzückung, mit der Saite
ramayaty āturaṃ jagat
erfreut er diese leidende Welt

[Anm.: Kapitelschluss - Sūtas eigener bewundernder Kommentar zu Nārada.]

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