Kapitel 6: nāradasya pūrvajanmakathā
Nāradas Erzählung seines Vorlebens und seiner Wandlung
Vyāsa erfragt weitere Einzelheiten über Nāradas Vorleben. Nārada erzählt: seine Kindheit als Sohn einer Dienerin, den Tod seiner Mutter durch Schlangenbiss, seine Wanderung in die Einsamkeit, die erste, flüchtige Vision Haris im Herzen und dessen tröstende Rede über die Unmöglichkeit einer weiteren Schau in diesem Leben (V.14-25), seinen Tod und Übergang zur göttlichen Existenz (V.26-31: als Lebenshauch Viṣṇus während der kosmischen Auflösung, Wiedergeburt aus dessen Atem bei der Neuschöpfung), und schließlich sein gegenwärtiges Dasein als frei wandernder Sänger von Haris Ruhm mit der Vīṇā. Das Kapitel schließt mit Sūtas eigenem bewundernden Ausruf über Nārada.
So dies vernommen habend, das [zuvor Erzählte über] die Geburt und die Taten des Götterweisen, fragte ihn Vyāsa, der Sohn der Satyavatī, o Brahmane [Śaunaka], weiter.
Wort für Wort
evaṃ niśamya
so dies vernommen habend
bhagavān devarṣer janma karma ca
die Geburt und Taten des Götterweisen
bhūyaḥ papraccha taṃ brahman
fragte ihn weiter, o Brahmane
vyāsaḥ satyavatīsutaḥ
Vyāsa, der Sohn der Satyavatī
[Anm.: Die Quelle setzt vor diesem Vers die Sprecherangabe {vyāsa uvāca}; inhaltlich handelt es sich jedoch um Sūtas Rahmenerzählung in dritter Person (Fortsetzung aus Kap.5) - vermutlich erneut ein Etikettierungsartefakt der Quelle, wie bereits bei Kap.4 V.1 beobachtet.] [?]
O Sohn des Svayambhū, durch welche Lebensweise verbrachtest du dein späteres Alter? Und wie legtest du diesen Leib ab, als die [rechte] Zeit gekommen war?
Wort für Wort
svāyambhuva
o Sohn des Svayambhū [Brahmā]
kayā vṛttyā vartitaṃ te paraṃ vayaḥ
durch welche Lebensweise verbrachtest du dein späteres Alter
prākkalpaviṣayām etāṃ smṛtiṃ te munisattama / na hy eṣa vyavadhāt kāla eṣa sarvanirākṛtiḥ //
O bester der Weisen, [erzähle von] dieser deiner Erinnerung, die einen früheren Weltzeitalter (Kalpa) betrifft; denn diese Zeit, die doch alles auflöst, hat sie [deine Erinnerung] offenbar nicht behindert.
Wort für Wort
prākkalpaviṣayām etāṃ smṛtiṃ te
diese deine Erinnerung, die einen früheren Kalpa betrifft
ekātmajā me jananī yoṣin mūḍhā ca kiṅkarī / mayy ātmaje 'nanyagatau cakre snehānubandhanam //
Meine Mutter, eine Frau mit nur einem Kind, einfältig und eine Dienerin, knüpfte an mich, ihren [einzigen] Sohn, dem sie keine andere Zuflucht [hatte], ein Band der Zuneigung.
sāsvatantrā na kalpāsīd yogakṣemaṃ mamecchatī / īśasya hi vaśe loko yoṣā dārumayī yathā //
Sie, unselbständig, vermochte nicht, obwohl sie mein Wohlergehen wünschte, [dafür zu sorgen]; denn die Welt steht in der Gewalt des Herrn, wie eine hölzerne Puppenfrau [in der ihres Führers].
ahaṃ ca tad-brahma-kule ūṣivāṃs tad-upekṣayā / dig-deśa-kālāvyutpanno bālakaḥ pañca-hāyanaḥ //
Und ich, in jenem Brahmanenhaus wohnend, durch ihre [gutgemeinte, aber begrenzte] Fürsorge, war ein unwissender, in Richtung, Ort und Zeit unkundiger Knabe von fünf Jahren.
Einst, als [meine Mutter] nachts aus dem Haus gegangen war, um auf dem Weg eine Kuh zu melken, biss eine Schlange, mit dem Fuß berührt und vom Schicksal getrieben, die Arme.
[Ich sah] Berge, bunt durch vielfarbige Mineralien, Bäume mit von Elefanten abgebrochenen Ästen, Wasserbecken mit reinem Wasser, und von Göttern besuchte Lotosteiche.
[Haine,] geschmückt von wunderbar tönenden Vögeln und umherschwärmenden Bienen, [und] ein Dickicht aus Schilfrohr, Bambus, Pfeilgras-Büscheln, Kuśa-Gras und hohlem Bambus.
Wort für Wort
citra-svanaiḥ patra-rathair
durch wunderbar tönende Vögel
vibhramad-bhramara-śriyaḥ
geschmückt von umherschwärmenden Bienen
nala-veṇu-śara-stamba-kuśa-kīcaka-gahvaram
ein Dickicht aus Schilf, Bambus, Pfeilgras, Kuśa-Gras, hohlem Bambus
Ich, allein weitergezogen, erblickte einen großen Wald, schrecklich, von furchterregender Gestalt, einen Tummelplatz von Giftschlangen, Eulen und Schakalen.
Ich, an Sinnen und Geist erschöpft, von Durst umfangen und hungrig, badete und trank an einem Flussbecken, und, [das Wasser rituell] berührend, wurde ich frei von Ermüdung.
In jenem menschenleeren Wald, am Fuß eines Pippala-Baumes Zuflucht nehmend, betrachtete ich, durch mich selbst, mein in mir wohnendes Selbst, so wie ich es [zuvor] gehört hatte.
Während ich, mein Denken durch [liebende] Empfindung überwältigt, [seinen] Lotosfuß betrachtete, erschien mir, dessen Augen von Tränen der Sehnsucht [erfüllt waren], allmählich Hari im Herzen.
Wort für Wort
dhyāyataś caraṇāmbhojaṃ
während ich [seinen] Lotosfuß betrachtete
bhāvanirjitacetasā
mein Denken durch Empfindung überwältigt
autkaṇṭhyāśrukalākṣasya
dessen Augen von Tränen der Sehnsucht [erfüllt waren]
Meine Körperhaare vor Übermaß der Liebe sich sträubend, überaus selig, in einer Flut der Wonne aufgelöst, gewahrte ich, o Weiser, keines von beidem [mehr - weder mich noch die Welt].
Wort für Wort
premātibharanirbhinnapulakāṅgo
meine Körperhaare vor Übermaß der Liebe sich sträubend
Jene Gestalt des Erhabenen, die dem Geist lieb ist und den Kummer vertreibt, nicht mehr sehend, erhob ich mich plötzlich, wie von Verwirrung befallen, betrübten Sinnes.
Wort für Wort
rūpaṃ bhagavato yat tan manaḥ-kāntaṃ śucāpaham
jene dem Geist liebe, kummervertreibende Gestalt des Erhabenen
apaśyan
nicht mehr sehend
sahasottasthe vaiklavyād durmanā iva
erhob ich mich plötzlich, verwirrt, wie betrübten Sinnes
didṛkṣus tad ahaṃ bhūyaḥ praṇidhāya mano hṛdi / vīkṣamāṇo 'pi nāpaśyam avitṛpta ivāturaḥ //
Begierig, jenes wiederzusehen, richtete ich mein Denken abermals auf das Herz; doch obwohl ich [angestrengt] schaute, sah ich es nicht, unbefriedigt wie ein Leidender.
Zu mir, der ich so in der Einsamkeit rang, sprach er, der jenseits der Reichweite der Worte ist, mit tiefer, sanfter Stimme, wie um meinen Kummer zu besänftigen.
'Wohlan, in diesem [gegenwärtigen] Leben bist du nicht berechtigt, mich hier [noch einmal] zu sehen; schwer zu sehen bin ich für unreife Yogis, deren [innere] Verunreinigungen noch nicht ausgereift [und aufgelöst] sind.'
Wort für Wort
hantāsmin janmani bhavān
wohlan, in diesem Leben bist du
mā māṃ draṣṭum ihārhati
nicht berechtigt, mich hier zu sehen
avipakvakaṣāyāṇāṃ durdarśo 'haṃ
schwer zu sehen bin ich für die mit unreifen Verunreinigungen
sakṛd yad darśitaṃ rūpam etat kāmāya te 'nagha / matkāmaḥ śanakaiḥ sādhu sarvān muñcati hṛcchayān //
'Dass diese Gestalt dir einmal gezeigt wurde, o Sündloser, [geschah] zur [Entfachung deines] Verlangens [nach mir]; wer mich begehrt, löst allmählich, in rechter Weise, alle Herzensbegierden [von sich].'
'Durch den Dienst an den Guten ist, wenn auch nicht lange [ausgeübt], eine feste Gesinnung mir gegenüber in dir entstanden; diese tadelnswerte Welt verlassend, wirst du zu den Meinen [den Hingegebenen] gelangen.'
Wort für Wort
satsevayādīrghayāpi
durch den Dienst an den Guten, wenn auch nicht lange
matir mayi nibaddheyaṃ na vipadyeta karhicit / prajāsarganirodhe 'pi smṛtiś ca madanugrahāt //
'Diese auf mich gerichtete Gesinnung wird niemals untergehen; und [deine] Erinnerung wird, selbst durch Entstehen und Vergehen der Geschöpfe hindurch, durch meine Gnade [bestehen bleiben].'
Wort für Wort
matir mayi nibaddheyaṃ
diese auf mich gerichtete Gesinnung
na vipadyeta karhicit
wird niemals untergehen
prajāsarganirodhe 'pi
selbst bei Entstehen und Vergehen der Geschöpfe
smṛtiś ca madanugrahāt
wird auch die Erinnerung durch meine Gnade [bestehen]
etāvad uktvopararāma tan mahad bhūtaṃ nabholiṅgam aliṅgam īśvaram / ahaṃ ca tasmai mahatāṃ mahīyase śīrṣṇāvanāmaṃ vidadhe 'nukampitaḥ //
So viel gesagt habend, verstummte jenes große Wesen, dessen Merkmal der [feine] Äther ist, [doch selbst] merkmallos, der Herr; und ich, so von ihm begnadigt, erwies ihm, dem Größten der Großen, eine Verneigung des Hauptes.
Wort für Wort
etāvad uktvopararāma
so viel gesagt habend, verstummte
tan mahad bhūtaṃ nabholiṅgam aliṅgam īśvaram
jenes große Wesen, dessen Merkmal der Äther ist, merkmallos, der Herr
Die geheimen, segensreichen Namen des Unendlichen rezitierend, meine Scheu abgelegt, und seiner Taten gedenkend, durchwanderte ich die Erde, zufriedenen Geistes, frei von Verlangen, meine Zeit erwartend, frei von Stolz und Neid.
Wort für Wort
nāmāny anantasya hatatrapaḥ paṭhan
die Namen des Unendlichen rezitierend, meine Scheu abgelegt
guhyāni bhadrāṇi kṛtāni ca smaran
die geheimen, segensreichen Taten gedenkend
gāṃ paryaṭaṃs tuṣṭamanā gataspṛhaḥ
die Erde durchwandernd, zufriedenen Geistes, frei von Verlangen
So erschien, o Brahmane, für mich, dessen Denken auf Kṛṣṇa gerichtet, unangeheftet, von reinem Selbst war, mit der Zeit die [Todes-]Zeit, wie ein Blitz [plötzlich] am Himmel.
Wort für Wort
evaṃ kṛṣṇamater brahman
so, für mich, dessen Denken auf Kṛṣṇa gerichtet war, o Brahmane
Während mir jener reine, göttliche Leib verliehen wurde, fiel [mein alter,] aus den fünf Elementen [bestehender Leib] ab, nachdem [mein] begonnenes Karma erloschen war.
Wort für Wort
prayujyamāne mayi tāṃ śuddhāṃ bhāgavatīṃ tanum
während mir jener reine, göttliche Leib verliehen wurde
Am Ende des Weltzeitalters, als der Allmächtige, dieses [Universum in sich] aufgenommen, in den Wassern des Ozeans lag, um zu schlafen, ging ich, sein [eigener] Lebenshauch, in sein Inneres ein.
Wort für Wort
kalpānta idam ādāya
am Ende des Weltzeitalters, dies aufgenommen habend
Am Ende von tausend Zeitaltern, als er sich erhob, um dieses [Universum] wiederzuerschaffen, wurden die Weisen mit Marīci an der Spitze, und auch ich, aus [seinen] Lebenshauchen geboren.
Denn dies - die Beschreibung von Haris Wandel - hat sich fürwahr als ein Floß über den Ozean des Daseins erwiesen für jene, deren Geist immer wieder vom Verlangen nach [bloßem] Sinnenkontakt gepeinigt wird.
Wort für Wort
etaddhy āturacittānāṃ
dies für jene, deren Geist gepeinigt ist
mātrāsparśecchayā muhuḥ
durch das Verlangen nach Sinnenkontakt, immer wieder
Der immer wieder von Begierde und Habgier Geschlagene wird durch die mit Yama u.a. beginnenden Yoga-Pfade [allein], durch sein eigenes [Bemühen], nicht so [vollständig] befriedet, wie durch den Dienst an Mukunda.
Wort für Wort
yamādibhir yogapathaiḥ
durch die mit Yama beginnenden Yoga-Pfade
kāmalobhahato muhuḥ
der immer wieder von Begierde und Habgier Geschlagene
mukundasevayā yadvat
wie durch den Dienst an Mukunda
tathātmāddhā na śāmyati
wird er durch sich selbst allein nicht ebenso befriedet
sarvaṃ tad idam ākhyātaṃ yat pṛṣṭo 'haṃ tvayānagha / janma-karma-rahasyaṃ me bhavataś cātma-toṣaṇam //
All dies wurde nun erzählt, wonach du mich gefragt hast, o Sündloser - das Geheimnis meiner Geburt und meiner Taten, und [zugleich] das, was deinem eigenen Selbst Genüge tut.
{Sūta sprach:} So mit dem Sohn der Vāsavī [Vyāsa] gesprochen habend, nahm der göttliche Nārada Abschied und ging, seine Vīṇā erklingen lassend, [seiner Natur gemäß] frei umherziehend, davon.
Oh, wie gesegnet ist dieser Götterweise, der, den Ruhm dessen, dessen Bogen der Śārṅga ist [Viṣṇu], besingend, in Verzückung, mit seiner Saite diese leidende Welt erfreut!
Wort für Wort
aho devarṣir dhanyo 'yaṃ
oh, wie gesegnet ist dieser Götterweise
yat kīrtiṃ śārṅgadhanvanaḥ
der den Ruhm dessen, dessen Bogen der Śārṅga ist
gāyan mādyann idaṃ tantryā
besingend, in Verzückung, mit der Saite
ramayaty āturaṃ jagat
erfreut er diese leidende Welt
[Anm.: Kapitelschluss - Sūtas eigener bewundernder Kommentar zu Nārada.]