rahūgaṇa uvāca
namo namaḥ kāraṇa-vigrahāya
svarūpa-tucchīkṛta-vigrahāya
namo 'vadhūta dvija-bandhu-liṅga-
nigūḍha-nityānubhavāya tubhyam
Rahūgaṇa sprach: Verehrung, Verehrung dir, dessen [äußere] Gestalt die Ursache [aller Ursachen] ist, dessen Gestalt durch [die Erkenntnis] des wahren Selbst zur Nichtigkeit gemacht wurde; Verehrung dir, o Avadhūta, dessen ewige [Selbst-]Erfahrung durch das äußere Erscheinungsbild eines [bloß dem Namen nach] Brahmanenabkömmlings verborgen ist.
Wort für Wort
rahūgaṇaḥ
Rahūgaṇa (Subj., Nom. Sg.)
uvāca
sprach (3. Sg. Perf.)
namaḥ
Verehrung (Nom./Interj.)
namaḥ
Verehrung (wiederholt, Betonung)
kāraṇa-vigrahāya
dem, dessen Gestalt die Ursache [aller Ursachen] ist (Dat. Sg.)
svarūpa-tucchīkṛta-vigrahāya
dem, der [seine äußere] Gestalt durch [die Erkenntnis] des wahren Selbst zur Nichtigkeit gemacht hat (Dat. Sg.)
namaḥ
Verehrung
avadhūta
o Avadhūta [der alles Weltliche Abgeschüttelte] (Vok.)
dvija-bandhu-liṅga
durch das äußere Merkmal eines [unwürdigen] Brahmanenabkömmlings (Kompositumsglied)
nigūḍha-nitya-anubhavāya
dem, dessen ewige [Selbst-]Erfahrung verborgen ist (Dat. Sg.)
tubhyam
dir (Dat. Sg.)
kāraṇa-vigrahāya ist doppeldeutig lesbar als 'dessen Körper aus der Ursache [Gottes] besteht' oder 'dessen Gestalt selbst die Ursache ist'; hier im ersten Sinn (instrumental-genitivische Deutung des Kompositums) übersetzt.
jvarāmayārtasya yathāgadaṁ sat
nidāgha-dagdhasya yathā himāmbhaḥ
kudeha-mānāhi-vidaṣṭa-dṛṣṭeḥ
brahman vacas te 'mṛtam auṣadhaṁ me
Wie eine wirksame Arznei für den von Fieberkrankheit Geplagten, wie kühles Wasser für den von [Sonnen-]Glut Versengten – so sind, o Brahmane, deine Worte Nektar und Arznei für mich, dessen Einsicht in diesem üblen [stofflichen] Körper von der Schlange des Stolzes gebissen ist.
Wort für Wort
jvara-āmaya-ārtasya
des von Fieberkrankheit Geplagten (Gen. Sg.)
yathā
wie
agadam
die Arznei (Nom. Sg.)
sat
wirksam, echt (Adj.)
nidāgha-dagdhasya
des von [Sonnen-]Glut Versengten (Gen. Sg.)
yathā
wie
hima-ambhaḥ
kaltes Wasser (Nom. Sg. Neutr.)
ku-deha
in [diesem] üblen Körper (Kompositumsglied, lokativisch)
māna-ahi-vidaṣṭa-dṛṣṭeḥ
dessen Einsicht von der Schlange des Stolzes gebissen ist (Gen. Sg.)
tasmād bhavantaṁ mama saṁśayārthaṁ
prakṣyāmi paścād adhunā subodham
adhyātma-yoga-grathitaṁ tavoktam
ākhyāhi kautūhala-cetaso me
Deshalb werde ich dich später über das, was mir Zweifel bereitet, befragen; jetzt aber erkläre mir, dessen Geist neugierig ist, noch einmal dein im Yoga der Selbsterkenntnis verknüpftes Wort, damit es leicht verständlich werde.
Wort für Wort
tasmāt
deshalb
bhavantam
dich (Akk., höfliche Anrede)
mama
meine (Gen. Sg.)
saṁśaya-artham
die zweifelhafte/unklare Sache (Akk. Sg.)
prakṣyāmi
ich werde fragen (Fut. 1. Sg.)
paścāt
später, danach
adhunā
jetzt
su-bodham
leicht verständlich (Akk. Adj.)
adhyātma-yoga-grathitam
im Yoga der Selbsterkenntnis verknüpft (Akk. Adj.)
yad āha yogeśvara dṛśyamānaṁ
kriyā-phalaṁ sad-vyavahāra-mūlam
na hy añjasā tattva-vimarśanāya
bhavān amuṣmin bhramate mano me
Was du, o Herr des Yoga, gesagt hast – dass das Wahrgenommene die Frucht der Handlung sei, deren Grundlage bloß [weltliche] Gepflogenheit ist – das führt fürwahr nicht unmittelbar zur Erkenntnis des Wahren; in Bezug auf jenes [von dir Gesagte], Euer Ehren, ist mein Geist verwirrt.
Wort für Wort
yat
was (Akk., Relativpron.)
āha
[du] sagtest (Perf. 3. Sg., für 2. Pers. Anrede gebraucht)
yoga-īśvara
o Herr des Yoga (Vok.)
dṛśyamānam
das Wahrgenommene (Akk. Ptz. Med.)
kriyā-phalam
die Frucht der Handlung (Akk. Sg.)
sat-vyavahāra-mūlam
dessen Grundlage [bloß] Gepflogenheit ist (Akk. Adj.)
na
nicht
hi
fürwahr
añjasā
unmittelbar, wahrhaftig (Instr. Adv.)
tattva-vimarśanāya
zur Erkenntnis des Wahren (Dat.)
bhavān
Euer Ehren, du (Nom., höfl.)
amuṣmin
in jenem [Gesagten] (Lok.)
bhramate
verwirrt sich, irrt umher (3. Sg. Med.)
manaḥ
der Geist (Nom. Sg.)
me
mein (Gen. Sg.)
Die Syntax von 'bhavān ... bhramate manaḥ me' ist elliptisch: zwei Nominative (bhavān, manaḥ) stehen nebeneinander; bhavān ist hier wohl als thematischer/adverbialer Bezug ('was dich betrifft') zu verstehen [?].
Der Brahmane sprach: Dieser [dein Körper], der sich, „Mensch“ genannt, auf der Erde bewegt und der [selbst nur] ein irdisches [Gebilde] ist – o irdischer [Herrscher], aus welchem Grund [rühmst du dich seiner]? Auch von ihm gibt es oberhalb der Füße nur Knöchel, Waden, Knie, Schenkel, Taille, Hals und Schultern; und auf der Schulter [der Träger] ist eine hölzerne Sänfte, auf welcher der Ruf „König von Sauvīra“ besteht – in welcher du, fest verwurzelt in falscher Selbsteinschätzung, verblendet von falschem Stolz, [meinst]: „Ich bin der König im Land der Sindhus.“
Wort für Wort
brāhmaṇaḥ uvāca
der Brahmane sprach
ayam
dieser (Nom. Sg.)
janaḥ
Mensch, Person (Nom. Sg.)
nāma
mit Namen, genannt
calan
sich bewegend (Ptz. Präs.)
pṛthivyām
auf der Erde (Lok. Sg.)
yaḥ
der [da] (Nom. Sg.)
pārthivaḥ
ein irdisches [Gebilde], eine Umwandlung der Erde (Nom. Sg.)
Du, der diese bedauernswerten, durch übermäßige Not elenden [Leute] mittels Fronarbeit unterdrückst, bist ohne Erbarmen; indem du prahlst, „ich bin der Beschützer des Volkes“, glänzt du nicht in den Versammlungen der Weisen – [du bist dort nur] unverschämt.
yadā kṣitāv eva carācarasya
vidāma niṣṭhāṁ prabhavaṁ ca nityam
tan nāmato 'nyad vyavahāra-mūlaṁ
nirūpyatāṁ sat-kriyayānumeyam
Da wir wissen, dass Entstehen und Vergehen des Beweglichen und Unbeweglichen beständig eben in der Erde [gegründet] sind, werde festgestellt, ob es außer dem [bloßen] Namen noch etwas anderes gibt, das die Grundlage [dieser weltlichen] Verwendung ist – es ist durch tatsächliches Handeln zu erschließen.
Wort für Wort
yadā
da, wenn
kṣitau
in der Erde (Lok. Sg.)
eva
eben, gerade
cara-acarasya
des Beweglichen und Unbeweglichen (Gen. Sg.)
vidāma
wir wissen (1. Pl.)
niṣṭhām
das Vergehen, die Auflösung (Akk. Sg.)
prabhavam
das Entstehen (Akk. Sg.)
ca
und
nityam
beständig, regelmäßig (Adv.)
tat
das (Nom./Akk. Sg.)
nāmataḥ
außer dem [bloßen] Namen (Abl.)
anyat
ein anderes (Nom. Sg.)
vyavahāra-mūlam
die Grundlage der [weltlichen] Verwendung (Nom. Sg.)
evaṁ niruktaṁ kṣiti-śabda-vṛttam
asan nidhānāt paramāṇavo ye
avidyayā manasā kalpitās te
yeṣāṁ samūhena kṛto viśeṣaḥ
So ist das, was mit dem Wort „Erde“ bezeichnet wird, erklärt als unwirklich, da es sich [letztlich] auflöst; die Atome dagegen, welche durch Unwissenheit vom Geist [nur] konstruiert werden – durch deren Ansammlung wird die [scheinbare] Verschiedenheit [der Dinge] bewirkt.
Wort für Wort
evam
so
niruktam
erklärt, hergeleitet (Ptz. Nom. Sg.)
kṣiti-śabda-vṛttam
das Vorkommen/die Bedeutung des Wortes „Erde“ (Nom. Sg.)
asat
unwirklich, nicht-seiend (Adj.)
nidhānāt
aufgrund der [letztendlichen] Auflösung (Abl. Sg.)
evaṁ kṛśaṁ sthūlam aṇur bṛhad yad
asac ca saj jīvam ajīvam anyat
dravya-svabhāvāśaya-kāla-karma-
nāmnājayāvehi kṛtaṁ dvitīyam
So erkenne: mager, dick, winzig, groß, was vergänglich und was beständig ist, lebendig und unbelebt, und anderes [mehr] – [dies alles ist] durch die [Ur-]Materie allein, [nur] mit dem Namen „Substanz, Eigenart, [seelische] Disposition, Zeit, Handlung“ [belegt], bewirkte Zweiheit.
Wort für Wort
evam
so
kṛśam
mager, dünn (Adj.)
sthūlam
dick, grob (Adj.)
aṇuḥ
winzig (Adj.)
bṛhat
groß (Adj.)
yat
was
asat
vergänglich, nicht-seiend (Adj.)
ca
und
sat
beständig, seiend (Adj.)
jīvam
lebendig, Lebewesen (Adj./Subst.)
ajīvam
unbelebt (Adj.)
anyat
anderes
dravya-svabhāva-āśaya-kāla-karma-nāmnā
durch den [bloßen] Namen „Substanz, Eigenart, Disposition, Zeit, Handlung“ (Instr. Sg.)
ajayā
durch die [Ur-]Materie, die unerschaffene Natur (Instr. Sg.)
jñānaṁ viśuddhaṁ paramārtham ekam
anantaraṁ tv abahir brahma satyam
pratyak praśāntaṁ bhagavac-chabda-saṁjñaṁ
yad vāsudevaṁ kavayo vadanti
Das reine Wissen, das den höchsten Sinn hat, das Eine, das ohne Inneres und ohne Äußeres [ist], das Brahman, die Wahrheit, das nach innen [gewandte], vollkommen befriedete [Prinzip], das mit dem Wort „Bhagavān“ bezeichnet wird – dieses [Prinzip] nennen die Weisen „Vāsudeva“.
rahūgaṇaitat tapasā na yāti
na cejyayā nirvapaṇād gṛhād vā
na cchandasā naiva jalāgni-sūryair
vinā mahat-pāda-rajo-'bhiṣekam
O Rahūgaṇa, dieses [Wissen] gelangt [zur Offenbarung] nicht durch Askese, auch nicht durch [rituelles] Opfer, durch Entsagung oder durch Haushälterleben, auch nicht durch [vedisches] Studium, auch keineswegs durch [die Bußübungen mit] Wasser, Feuer [und] Sonne – nicht ohne die Besprengung mit dem Staub der Füße der Großen [Heiligen].
Wort für Wort
rahūgaṇa
o Rahūgaṇa (Vok.)
etat
dies [Wissen] (Nom. Sg.)
tapasā
durch Askese (Instr. Sg.)
na yāti
gelangt nicht, kommt nicht (3. Sg.)
na ca
und auch nicht
ijyayā
durch [rituelles] Opfer, Verehrung (Instr. Sg.)
nirvapaṇāt
durch Entsagung [aller weltlichen Pflichten, sannyāsa] (Abl. Sg.)
gṛhāt
durch das Haushälterleben (Abl. Sg.)
vā
oder
chandasā
durch [vedisches] Studium, Metrum (Instr. Sg.)
na eva
auch gar nicht
jala-agni-sūryaiḥ
durch [Bußübungen mit] Wasser, Feuer, Sonne (Instr. Pl.)
vinā
ohne
mahat-pāda-rajaḥ-abhiṣekam
die Besprengung mit dem Staub der Füße der Großen [Heiligen] (Akk. Sg.)
Wo die Besprechung der Eigenschaften dessen, der „mit den besten Versen [gepriesen wird]“ [Viṣṇu], vorgetragen wird – was die Zerstörung dörflicher [weltlicher] Rede [bewirkt] –, dort lenkt sie, Tag für Tag eifrig gehört, den reinen Sinn dessen, der nach Befreiung verlangt, auf Vāsudeva.
Wort für Wort
yatra
wo
uttamaśloka-guṇa-anuvādaḥ
die Besprechung der Eigenschaften des „mit besten Versen Gepriesenen“ (Nom. Sg.)
prastūyate
wird vorgetragen, dargeboten (Pass. 3. Sg.)
grāmya-kathā-vighātaḥ
die Zerstörung dörflicher/weltlicher Rede (Nom. Sg., appositiv)
Ich war einst ein König namens Bharata, befreit von der Bindung [an das,] was gesehen und gehört wird, und die Verehrung des Herrn ausübend; doch durch die Anhaftung an ein Reh wurde ich, mein [eigentliches] Ziel zunichtegemacht, [selbst] ein Reh.
Wort für Wort
aham
ich (Nom. Sg.)
purā
einst, früher
bharataḥ nāma rājā
ein König namens Bharata (Nom. Sg.)
vimukta-dṛṣṭa-śruta-saṅga-bandhaḥ
befreit von der Bindung durch [das,] was gesehen und gehört wird (Nom. Sg.)
ārādhanam
die Verehrung (Akk. Sg.)
bhagavataḥ
des Herrn (Gen. Sg.)
īhamānaḥ
ausübend, betreibend (Ptz. Med. Nom. Sg.)
mṛgaḥ abhavam
ich wurde ein Reh (1. Sg. Aor.)
mṛga-saṅgāt
durch die Anhaftung an ein Reh (Abl. Sg.)
hata-arthaḥ
dessen [eigentliches] Ziel zunichtegemacht ist (Nom. Sg.)
Jene Erinnerung, o Held, die aus der Verehrung Kṛṣṇas entstanden war, verließ mich nicht, selbst im Körper eines Rehs; daher wandere ich, losgelöst von der Gemeinschaft der Menschen, [stets] argwöhnend und unerkannt umher.
Wort für Wort
sā
jene (Nom. Sg.)
mām
mich (Akk. Sg.)
smṛtiḥ
die Erinnerung (Nom. Sg.)
mṛga-dehe
im Körper eines Rehs (Lok. Sg.)
api
sogar, obwohl
vīra
o Held (Vok.)
kṛṣṇa-arcana-prabhavā
die aus der Verehrung Kṛṣṇas entstandene (Adj., Nom. Sg.)
no jahāti
verließ nicht (3. Sg.)
atho
daher, so
aham
ich (Nom. Sg.)
jana-saṅgāt
von der Gemeinschaft der [gewöhnlichen] Menschen (Abl. Sg.)
Deshalb erreicht ein Mensch, dessen Verblendung schon hier [in dieser Welt] durch das Schwert des aus Loslösung und guter Gemeinschaft [mit Heiligen] entstandenen Wissens durchtrennt ist, und der durch das Erzählen und Hören von Haris [Taten] [seine wahre] Erinnerung wiedergewonnen hat, das jenseitige Ende des Weges [zurück zu Hari].
Wort für Wort
tasmāt
deshalb
naraḥ
ein Mensch (Nom. Sg.)
asaṅga-su-saṅga-jāta-jñāna-asinā
durch das Schwert des aus Loslösung und guter Gemeinschaft entstandenen Wissens (Instr. Sg.)
iha eva
schon hier [in dieser Welt]
vivṛkṇa-mohaḥ
dessen Verblendung durchtrennt ist (Nom. Sg.)
harim
Hari, den Herrn (Akk. Sg.)
tad-īhā-kathana-śrutābhyām
durch das Erzählen und Hören von dessen [Haris] Taten (Instr. Du.)
labdha-smṛtiḥ
der [seine wahre] Erinnerung wiedergewonnen hat (Nom. Sg.)
yāti
erreicht, geht (3. Sg.)
atipāram
das jenseitige Ende, die äußerste Grenze (Akk. Sg.)