Śrī Ṛṣi [Śukadeva] sprach: So, o König, im Begriff, in der Schlacht den Leib aufzugeben, und den Tod für besser als den Sieg erachtend, ergriff er [Vṛtra] den Dreizack und stürzte sich auf den Herrn der Götter [Indra], so wie einst Kaiṭabha auf den Höchsten Puruṣa in den Wassern [losstürzte].
Darauf schwang der Dämonenherr [Vṛtrāsura], der Held, mit Wucht den Dreizack, dessen Spitzen hart waren wie das Feuer am Ende des Weltzeitalters, warf ihn brüllend auf den großen Indra und rief zornerfüllt: 'Du bist getötet, du Sünder!'
Wort für Wort
tataḥ
darauf
yuga-anta-agni-kaṭhora-jihvam
dessen Spitzen hart wie das Feuer am Ende des Weltzeitalters (Akk.)
Es betrachtend, obgleich unerträglich anzusehen, doch ohne in Bestürzung zu geraten, zerschnitt der Donnerkeilträger [Indra] mit dem hundertgliedrigen Donnerkeil dessen [Vṛtras] Arm, der dem geringelten Leib des Schlangenkönigs glich.
Wort für Wort
nirīkṣya
betrachtend (Absolutiv)
duṣprekṣyam
das unerträglich Anzusehende (Akk.)
ajāta-viklavaḥ
ohne in Bestürzung geraten (Nom.)
vajreṇa
mit dem Donnerkeil (Instr.)
vajrī
der Donnerkeilträger, Indra (Nom.)
śata-parvaṇā
mit den hundert Gelenken (Instr.)
ācchinat
er zerschnitt (3. Sg. Impf.)
bhujam
den Arm (Akk.)
ca
und
tasya
dessen (Gen.)
uraga-rāja
des Schlangenkönigs (Gen.)
bhogam
den geringelten Leib (Akk.)
[Anm.: Die Quellseite zeigt hier nur drei Halbverse statt der sonst üblichen vier Pādas; vermutlich beim Seitenabruf zusammengefasste Zeilen.] Bezugswort von 'duṣprekṣyam' [?] wohl Vṛtras furchterregende Gestalt.
Vṛtra, dessen einer Arm abgetrennt war, trat zornentbrannt mit einer Eisenkeule heran und schlug Indra, der den Donnerkeil ergriffen hielt, sowie dessen Elefanten auf den Kiefer; und der Donnerkeil fiel Maghavan [Indra] aus der Hand.
vṛtrasya karmāti-mahādbhutaṁ tat / surāsurāś cāraṇa-siddha-saṅghāḥ / apūjayaṁs tat puruhūta-saṅkaṭaṁ / nirīkṣya hā heti vicukruśur bhṛśam
Jene höchst wunderbare Tat Vṛtras priesen die Götter, die Dämonen, die Cāraṇas und die Schar der Siddhas; doch als sie die gefährliche Lage Indras [des Vielgerufenen] sahen, jammerten sie laut: 'O weh, o weh!'
Wort für Wort
vṛtrasya
Vṛtras (Gen.)
karma
die Tat (Nom.)
ati-mahā-adbhutam
höchst wunderbar (Nom.)
tat
jene (Nom.)
sura-asurāḥ
Götter und Dämonen (Nom. Pl.)
cāraṇa-siddha-saṅghāḥ
die Scharen der Cāraṇas und Siddhas (Nom. Pl.)
apūjayan
sie priesen (3. Pl. Impf.)
tat
jene (Akk.)
puruhūta-saṅkaṭam
die gefährliche Lage Indras [des Vielgerufenen] (Akk.)
indro na vajraṁ jagṛhe vilajjitaś / cyutaṁ sva-hastād ari-sannidhau punaḥ / tam āha vṛtro hara ātta-vajro / jahi sva-śatruṁ na viṣāda-kālaḥ
Indra, beschämt, nahm den Donnerkeil, der ihm abermals in Gegenwart des Feindes aus der eigenen Hand gefallen war, nicht [wieder] auf. Da sprach Vṛtra zu ihm: 'He Indra, ergreife deinen Donnerkeil und töte deinen Feind - jetzt ist nicht die Zeit für Verzagtheit.'
yuyutsatāṁ kutracid ātatāyināṁ / jayaḥ sadaikatra na vai parātmanām / vinaikam utpatti-laya-sthitīśvaraṁ / sarvajñam ādyaṁ puruṣaṁ sanātanam
Bei denen, die manchmal kampfbereit und bewaffnet sind, liegt der Sieg fürwahr nicht immer auf der einen Seite - so ist es bei den abhängigen Seelen, ausgenommen bei dem Einen, dem Herrscher über Entstehung, Auflösung und Erhaltung, dem Allwissenden, Uranfänglichen, ewigen Puruṣa.
Wort für Wort
yuyutsatām
derer, die kämpfen wollen (Gen. Pl.)
kutracit
manchmal
ātatāyinām
der Bewaffneten (Gen. Pl.)
jayaḥ
Sieg (Nom.)
sadā
immer
ekatra
an einer Seite
na
nicht
vai
fürwahr
para-ātmanām
der [von der Überseele] abhängigen Seelen (Gen. Pl.)
vinā
außer, ausgenommen
ekam
den Einen (Akk.)
utpatti-laya-sthiti-īśvaram
den Herrscher über Entstehung, Auflösung und Erhaltung (Akk.)
Diese Welten alle mitsamt ihren Herrschern leben, ihm hilflos unterworfen, unter dessen Herrschaft - wie Vögel, die in einem Netz gefangen sind; jene Zeit ist hierin die Ursache.
ojaḥ saho balaṁ prāṇam / amṛtaṁ mṛtyum eva ca / tam ajñāya jano hetum / ātmānaṁ manyate jaḍam
Weil er Ihn - die Ursache von Sinneskraft, Geisteskraft, Körperkraft, Lebensodem, Unsterblichkeit und ebenso Tod - nicht erkennt, hält der törichte Mensch den leblosen [Körper] für das Selbst.
So wie eine Frau aus Holz, so wie ein Tier aus Blättern [gefertigt ist, ohne Eigenleben], so, o Maghavan, wisse, dass alle Geschöpfe vom Herrn abhängig sind, o Herr.
puruṣaḥ prakṛtir vyaktam / ātmā bhūtendriyāśayāḥ / śaknuvanty asya sargādau / na vinā yad-anugrahāt
Puruṣa, Prakṛti, das Manifestierte [Mahat-tattva], das [falsche] Ich, die [groben] Elemente, die Sinne und [Geist, Intelligenz, Bewusstsein] - sie alle vermögen bei der Schöpfung dieses [Universums] nichts ohne dessen [des Herrn] Gnade.
So hält der Unwissende sich selbst, obwohl er abhängig ist, für einen unabhängigen Herrscher: [er meint,] er selbst erschaffe durch [andere] Geschöpfe [wiederum] Geschöpfe, er selbst verschlinge sie durch [andere] Geschöpfe.
āyuḥ śrīḥ kīrtir aiśvaryam / āśiṣaḥ puruṣasya yāḥ / bhavanty eva hi tat-kāle / yathānicchor viparyayāḥ
Lebensdauer, Wohlstand, Ruhm, Macht - die Segnungen eines Menschen -, sie entstehen wahrlich gewiss zur [von der Zeit] bestimmten Stunde, ebenso wie deren Umkehrungen bei dem, der sie nicht wünscht.
sattvaṁ rajas tama iti prakṛter nātmano guṇāḥ / tatra sākṣiṇam ātmānaṁ yo veda sa na badhyate
Tugend, Leidenschaft und Unwissenheit - das sind Eigenschaften der materiellen Natur, nicht der Seele. Wer dabei das Selbst als Zeugen erkennt, der wird nicht gebunden.
Dieser Kampf ist ein Glücksspiel, bei dem das Leben der Einsatz, die Pfeile die Würfel und die Reittiere das Spielbrett sind; hierbei weiß man nicht [im Voraus], ob diesem der Sieg oder jenem die Niederlage [zufällt].
Śrī Śuka sprach: Als Indra Vṛtras Worte gehört hatte, ehrte er sie als frei von Falschheit; er ergriff den Donnerkeil, und lächelnd, sein Erstaunen ablegend, sprach er zu ihm.
Indra sprach: Oh, Dämon, du bist vollkommen, dessen Gesinnung solcherart ist - ein Geweihter, der mit ganzem Wesen der Überseele, dem wahren Freund, dem Herrn des Universums, [ergeben ist].
bhavān atārṣīn māyāṁ vai vaiṣṇavīṁ jana-mohinīm / yad vihāyāsuraṁ bhāvaṁ mahā-puruṣatāṁ gataḥ
Du hast fürwahr Viṣṇus Māyā überwunden, die die Menge der Menschen täuscht, da du die dämonische Gesinnung aufgegeben und den Zustand einer erhabenen [Seele] erlangt hast.
Fürwahr, dies ist ein großes Wunder, dass du, obwohl von leidenschaftlicher Natur, feste Hingabe zu Vāsudeva, dem Herrn, der in reiner Tugend west, [besitzt].
Wessen Hingabe dem Herrn Hari gilt, dem Beherrscher der höchsten Vollkommenheit - er ist wie einer, der im Nektarozean schwimmt: was nützen ihm da kleine Wassergruben?
Wort für Wort
yasya
dessen (Gen.)
bhaktiḥ
Hingabe (Nom.)
bhagavati
zur Höchsten Persönlichkeit Gottes (Lok.)
harau
zu Hari (Lok.)
niḥśreyasa-īśvare
dem Beherrscher der höchsten Vollkommenheit (Lok.)
Śrī Śuka sprach: So zueinander sprechend, o König, kämpften die beiden mächtigen Heerführer Indra und Vṛtra weiter, getrieben vom Wunsch, das [höchste] Dharma zu erkennen.
Mit beiden von der Wurzel abgeschnittenen Armen erschien der Dämon, Blut vergießend, wie ein Berg, dessen Flügel abgeschnitten sind und der, von Indra geschlagen, vom Himmel fällt.
(27) Der Dämon, von gewaltiger Lebenskraft und gewaltiger Kraft, wie eine riesige Schlange, die einen Elefanten [verschlingt], legte seinen unteren Kiefer auf die Erde und seinen oberen Kiefer in den Himmel. (28) Mit einem Maul, tief wie der Luftraum, mit züngelnder, furchtbarer Zunge, mit todgleichen Zähnen [schien er] die drei Welten zu verschlingen. (29) Sein Körper über die Maßen gewaltig, mit Wucht die Berge erschütternd, wie der Bergkönig [Himālaya] auf Füßen wandelnd, mit seinen Füßen die Erde zermalmend, näherte er sich und verschlang den Donnerkeilträger [Indra] samt seinem Reittier.
Wort für Wort
mahā-prāṇaḥ
von gewaltiger Lebenskraft (Nom.)
mahā-vīryaḥ
von gewaltiger Kraft (Nom.)
mahā-sarpaḥ
eine riesige Schlange (Nom.)
iva
wie
dvipam
einen Elefanten (Akk.)
kṛtvā
machend (Absolutiv)
adharām hanum
den unteren Kiefer (Akk.)
bhūmau
auf der Erde (Lok.)
daityaḥ
der Dämon (Nom.)
divi
im Himmel (Lok.)
uttarām hanum
den oberen Kiefer (Akk.)
nabhaḥ-gambhīra-vaktreṇa
mit einem Maul, tief wie der Himmelsraum (Instr.)
leliha-ulbaṇa-jihvayā
mit züngelnder, furchtbarer Zunge (Instr.)
daṁṣṭrābhiḥ
mit Zähnen (Instr. Pl.)
kāla-kalpābhiḥ
todgleich (Instr. Pl.)
grasan
verschlingend (Part.)
iva
gleichsam
jagat-trayam
die drei Welten (Akk.)
ati-mātra-mahā-kāyaḥ
dessen Körper über die Maßen gewaltig ist (Nom.)
ākṣipan
erschütternd (Part.)
tarasā
mit Wucht (Instr.)
girīn
die Berge (Akk.)
giri-rāṭ
der Bergkönig (Nom.)
pāda-cārī
auf Füßen wandelnd (Nom.)
iva
gleichsam
padbhyām
mit den Füßen (Instr. Du.)
nirjarayan
zermalmend (Part.)
mahīm
die Erde (Akk.)
jagrāsa
er verschlang (3. Sg. Perf.)
saḥ
er (Nom.)
samāsādya
sich nähernd (Absolutiv)
vajriṇam
den Donnerkeilträger (Akk.)
saha-vāhanam
samt seinem Reittier (Akk.)
Drei Verse (27-29) bilden im Sanskrit einen zusammenhängenden Satz und werden auf der Quellseite als Einheit geführt.
nigīrṇo 'py asurendreṇa / na mamārodaraṁ gataḥ / mahāpuruṣa-sannaddho / yoga-māyā-balena ca
Obwohl vom Herrscher der Dämonen verschlungen und in dessen Bauch gelangt, starb er nicht - [geschützt] durch die Rüstung des Höchsten Puruṣa und durch die Kraft der Yogamāyā.
Wort für Wort
nigīrṇaḥ
verschlungen (Nom.)
api
obwohl
asura-indreṇa
durch den Herrscher der Dämonen (Instr.)
na
nicht
mamāra
er starb (3. Sg. Perf.)
udaram
den Bauch (Akk.)
gataḥ
gelangt (Nom.)
mahā-puruṣa-sannaddhaḥ
gerüstet mit [der Rüstung] des Höchsten Puruṣa (Nom.)
Nachdem er mit dem Donnerkeil dessen Bauch durchbohrt hatte, trat der Bezwinger Balas, der Allmächtige, heraus und schlug mit Wucht dem Feind das Haupt ab, das einem Berggipfel glich.
vajras tu tat-kandharam āśu-vegaḥ / kṛntan samantāt parivartamānaḥ / nyapātayat tāvad ahar-gaṇena / yo jyotiṣām ayane vārtra-hatye
Der Donnerkeil aber, von schneller Wucht, kreiste ringsum, dessen Nacken durchschneidend, und ließ [das Haupt] erst nach so vielen Tagen fallen, wie [Tage vergehen], wenn die Gestirne zur Sonnenwende [ihre Bahn wechseln] - zur für Vṛtras Tötung [bestimmten] Zeit.
Wort für Wort
vajraḥ
der Donnerkeil (Nom.)
tu
aber
tat-kandharam
dessen Nacken (Akk.)
āśu-vegaḥ
von schneller Wucht (Nom.)
kṛntan
durchschneidend (Part.)
samantāt
ringsum
parivartamānaḥ
kreisend (Part.)
nyapātayat
er ließ fallen (3. Sg. Impf.)
tāvat
so lange, so viele
ahaḥ-gaṇena
durch eine Anzahl von Tagen (Instr.)
yaḥ
welche (Nom.)
jyotiṣām
der Gestirne (Gen. Pl.)
ayane
bei der Sonnenwende (Lok.)
vārtra-hatye
bei der Tötung Vṛtras (Lok.)
[?] Bezieht sich vermutlich auf die traditionelle Angabe, dass der Donnerkeil Vṛtras Hals erst über die Dauer einer Ayana-Periode (halbjährliche Sonnenwende) vollständig durchtrennte.
tadā ca khe dundubhayo vinedur / gandharva-siddhāḥ samaharṣi-saṅghāḥ / vārtra-ghna-liṅgais tam abhiṣṭuvānā / mantrair mudā kusumair abhyavarṣan
Da erklangen am Himmel die Kesselpauken, und Gandharvas und Siddhas mitsamt der Schar großer Weiser priesen ihn mit Hymnen, die die Zeichen des Vṛtra-Töters besangen, und beregneten ihn freudig mit Blumen.
Wort für Wort
tadā
da, dann
ca
und
khe
am Himmel (Lok.)
dundubhayaḥ
die Kesselpauken (Nom. Pl.)
vineduḥ
sie erklangen (3. Pl. Perf.)
gandharva-siddhāḥ
die Gandharvas und Siddhas (Nom. Pl.)
sa-mahā-ṛṣi-saṅghāḥ
mitsamt der Schar großer Weiser (Nom. Pl.)
vārtra-ghna-liṅgaiḥ
mit den Zeichen [Hymnen] des Vṛtra-Töters (Instr. Pl.)
Aus Vṛtras Körper hervortretend, o Bezwinger der Feinde [Parīkṣit], erlangte das Selbst-Licht [die Seele Vṛtras], während alle Götter zusahen, das [höchste] Reich [den Brahman-Bereich].