Kapitel 3: avatāravarṇanam
Die Aufzählung der Avatāras Bhagavāns und der Ursprung dieses Purāṇa
Dieses Kapitel enthält die berühmte Aufzählung der zweiundzwanzig Avatāras Viṣṇus (V.6-25), gefolgt von der zusammenfassenden Lehre über deren Unzähligkeit und Wesen (V.26-39, darin V.28 die theologisch zentrale Aussage "kṛṣṇas tu bhagavān svayam" - Kṛṣṇa aber ist der Erhabene selbst), sowie dem Bericht über die Entstehung und Weitergabe des Bhāgavata-Purāṇa selbst von Vyāsa über Śuka an Parīkṣit und von dort an Sūta, der es nun den Weisen in Naimiṣāraṇya vorträgt (V.40-45). Übersetzt per WebFetch-Einzelvers-Methode (siehe Kapitel-Methodiknotiz zu Adhyāya 1) direkt aus der GRETIL-Quelle bhp_01u.htm, ohne Konsultation vorhandener Übersetzungen oder Kommentare.
Am Anfang nahm der Erhabene, aus dem Wunsch, die Welt zu erschaffen, die aus Mahat und den anderen [Prinzipien] entstandene, aus sechzehn Teilen (Kalās) bestehende Puruṣa-Gestalt an.
Aus der Lotusblume seines Nabel-Sees entstand Brahmā, der Herr der Weltschöpfer, während er [der Puruṣa], im Wasser liegend, den Yoga-Schlaf entfaltete.
Wort für Wort
yasya
dessen
ambhasi śayānasya
der im Wasser Liegende (Gen.)
yoganidrāṃ vitanvataḥ
den Yoga-Schlaf entfaltend
nābhihradāmbujāt
aus der Lotusblume des Nabel-Sees
āsīt
entstand
brahmā
Brahmā
viśvasṛjāṃ patiḥ
der Herr der Weltschöpfer
[Anm.: das Purāṇa nummeriert die Verse dieses Kapitels durchgehend nur als /1 und /3 (die zweite Vershälfte fehlt als eigene Zählung); es handelt sich dennoch um vollständige zweizeilige Verse - vermutlich ein Relikt der Zählweise der zugrundeliegenden kritischen Edition, wo /2 einer textkritischen Variantenzeile vorbehalten war, die in dieser Ausgabe entfällt.]
yasyāvayavasaṃsthānaiḥ kalpito lokavistaraḥ / tad vai bhagavato rūpaṃ viśuddhaṃ sattvam ūrjitam //
Durch die Anordnung von dessen Gliedern wird die Weltenvielfalt gebildet – das ist fürwahr die reine, mit gesteigertem Sattva [-Anteil] versehene Gestalt des Erhabenen.
Wort für Wort
yasya
dessen
avayavasaṃsthānaiḥ
durch die Anordnung der Glieder
kalpitaḥ
gebildet wird
lokavistaraḥ
die Weltenvielfalt/-ausdehnung
tad vai
das fürwahr
bhagavato rūpam
die Gestalt des Erhabenen
viśuddham
rein
sattvam ūrjitam
mit gesteigertem Sattva
[?] "sattvam ūrjitam" kann auch als eigenständiges Substantiv ("gestärktes reines Sein") neben "rūpam" verstanden werden, statt - wie hier - als Apposition dazu.
Mit vollkommenem [d.h. geistigem] Auge sehen sie jene wunderbare Gestalt mit tausend Füßen, Schenkeln, Armen und Gesichtern, mit tausend Köpfen, Ohren, Augen und Nasen, strahlend mit tausend Kronen, Gewändern und Ohrringen.
Wort für Wort
paśyanti
sie sehen
adaḥ rūpam
jene Gestalt
adabhracakṣuṣā
mit vollkommenem/nicht-geringem Auge
sahasrapādorubhujānanādbhutam
die wunderbare, mit tausend Füßen/Schenkeln/Armen/Gesichtern
sahasramūrdhaśravaṇākṣināsikam
mit tausend Köpfen, Ohren, Augen, Nasen
sahasramaulyambarakuṇḍalollasat
strahlend mit tausend Kronen, Gewändern, Ohrringen
[Anm.: Anklang an das Puruṣa-Sūkta (RV 10.90.1 "sahasraśīrṣā puruṣaḥ").]
Dies [die genannte Puruṣa-Gestalt] ist der Quellgrund der mannigfaltigen Avatāras, der unvergängliche Same, durch dessen bloßen Teil-eines-Teiles Götter, Tiere, Menschen und die übrigen [Wesen] erschaffen werden.
sa eva prathamaṃ devaḥ kaumāraṃ sargam āśritaḥ / cacāra duścaraṃ brahmā brahmacaryam akhaṇḍitam //
Eben dieser Gott, der zuerst in die Kaumāra-Schöpfung [d.h. die Gestalt der ewigen Knaben-Weisen] einging, praktizierte als 'Brahman-Kenner' das schwer zu übende, ungebrochene Keuschheitsgelübde (Brahmacarya).
Wort für Wort
sa eva
eben dieser
prathamaṃ devaḥ
als erster Gott
kaumāraṃ sargam āśritaḥ
die Kaumāra-Schöpfung eingehend
cacāra
er praktizierte/wandelte in
duścaram
schwer zu übend
brahmā
als Brahman-Kenner
brahmacaryam akhaṇḍitam
das ungebrochene Keuschheitsgelübde
[Anm.: "brahmā" ist hier Nom.Sg. von "brahman" als Bezeichnung des brahmacaryam übenden Weisen (der Sanaka-Kumāras), nicht der Schöpfergott Brahmā.]
Als dritten [Avatāra] gelangte er, fürwahr in die Weisen-Schöpfung eingehend, zum Stande eines Götterweisen [Nārada] und verkündete die Sātvata-Lehre, durch die den Handlungen Wirkungslosigkeit [Nicht-Bindung] zukommt.
Im vierten [Avatāra] wurde er, als Teil des Dharma geboren, zu den beiden Weisen Nara und Nārāyaṇa und vollzog die schwer zu übende, mit innerer Selbstberuhigung verbundene Askese.
Als fünfter [Avatāra, geboren] mit Namen Kapila, der Herr der Vollendeten, verkündete er dem Āsuri die durch die Zeit verlorengegangene Sāṃkhya-Lehre, die genaue Bestimmung der Gesamtheit der [Wirklichkeits-]Prinzipien.
Als sechsten [Avatāra] erlangte er, von Anasūyā erbeten, die Sohnschaft des Atri und lehrte dem Alarka, Prahlāda und den übrigen [Schülern] die Anvīkṣikī [-Wissenschaft der rationalen Unterscheidung].
Darauf wurde als siebter [Avatāra], von Ākūti [geboren] durch Ruci, Yajña geboren; er beschützte [als Indra] mit den Götterscharen der Yāmas u.a. das Manvantara des Svāyambhuva.
Im achten [Avatāra] wurde, von Merudevī [geboren] durch Nābhi, der Weitschreitende [Ṛṣabha] geboren, der den von allen Lebensstadien verehrten Pfad der Standhaften zeigte.
Von den Weisen erbeten, nahm er als neunten [Avatāra] die Königs-Gestalt [des Pṛthu] an; nachdem er, o Brahmanen, diese [Erde als Kuh gemolken und so die] Pflanzen [hervorgebracht] hatte, wurde er dadurch 'der Vortrefflichste' [uśattama] genannt.
Wort für Wort
ṛṣibhir yācitaḥ
von den Weisen erbeten
bheje
er nahm an
navamaṃ pārthivaṃ vapuḥ
als neunte die Königs-Gestalt
dugdha imām oṣadhīḥ
diese [Erde gemolken habend, die] Pflanzen [hervorgebracht]
viprāḥ
o Brahmanen
tena ayaṃ sa uśattamaḥ
dadurch wurde er 'der Vortrefflichste' [genannt]
[Anm.: Bezug auf die Pṛthu-Legende (Erde als Kuh gemolken für Pflanzen/Nahrung); "dugdhemām oṣadhīḥ" grammatisch locker angeschlossen, daher frei ergänzt.] [?]
Er nahm die Fisch-Gestalt an; bei der Flut [am Ende] des Cākṣuṣa-[Zeitalters] ließ er den Manu Vaivasvata auf einem aus Erde bestehenden Schiff aufsteigen und beschützte ihn [so].
Wort für Wort
rūpaṃ sa jagṛhe mātsyam
er nahm die Fisch-Gestalt an
cākṣuṣodadhisamplave
bei der Cākṣuṣa-Wasserflut
nāvy āropya
auf ein Schiff aufsteigen lassend
mahīmayyām
das aus Erde bestehende
apāt vaivasvataṃ manum
er beschützte den Manu Vaivasvata
[?] "mahīmayyām" (aus Erde bestehend) bezogen auf das Schiff, wörtlich nach dem Kompositum übersetzt; alternative Deutungen des Schiffbaustoffs sind in der Überlieferung nicht einheitlich.
dhānvantaraṃ dvādaśamaṃ trayodaśamam eva ca / apāyayat surān anyān mohinyā mohayan striyā //
Als zwölften [Avatāra nahm er die Gestalt] des Dhanvantari [an], und ebenso als dreizehnten ließ er, indem er [die Dämonen] durch die verzaubernde Frau Mohinī betörte, die anderen Götter [den Amṛta] trinken.
Wort für Wort
dhānvantaraṃ dvādaśamam
als zwölften den Dhanvantari
trayodaśamam eva ca
und ebenso als dreizehnten
apāyayat surān anyān
er ließ die anderen Götter trinken
mohinyā striyā mohayan
durch die Frau Mohinī betörend
[Anm.: "surān anyān" meint im Gegensatz zu den betörten Dämonen die (übrigen) Götter, denen der Nektar zugutekommt.]
Als vierzehnten [Avatāra], die Narasiṃha-Gestalt tragend, zerriss er mit seinen Krallen auf seinem Schoß den mächtigen Daitya-Fürsten [Hiraṇyakaśipu], wie ein Mattenflechter Schilfgras [zerreißt].
Als fünfzehnten [Avatāra] ging er, die Zwerg-Gestalt angenommen habend, zum Opfer des Bali; drei Schritte [Land] erbittend, wollte er [dadurch] den [Göttern entrissenen] Himmel zurückgeben.
Wort für Wort
pañcadaśaṃ vāmanakaṃ kṛtvā
als fünfzehnten die Zwerg-Gestalt angenommen habend
Darauf wurde er, im siebzehnten [Avatāra], von Satyavatī durch Parāśara geboren und schuf, als er sah, dass die Menschen von geringem Verstand waren, die Zweige des Veda-Baumes [teilte den Veda in mehrere Zweige].
Wort für Wort
tataḥ saptadaśe jātaḥ
darauf im siebzehnten geboren
satyavatyāṃ parāśarāt
von Satyavatī durch Parāśara
cakre vedataroḥ śākhāḥ
er schuf die Zweige des Veda-Baumes
dṛṣṭvā puṃso 'lpamedhasaḥ
als er sah, dass die Menschen von geringem Verstand waren
Danach nahm er die Gestalt eines Menschengottes [Königs] an, aus dem Wunsch, das Werk der Götter zu vollbringen, und vollbrachte Heldentaten wie die Bezwingung des Ozeans.
Wort für Wort
naradevatvam āpannaḥ
das Menschengott-Sein annehmend
surakāryacikīrṣayā
aus dem Wunsch, das Werk der Götter zu vollbringen
Im neunzehnten und zwanzigsten [Avatāra], nachdem er unter den Vṛṣṇis zwei Geburten als Balarāma und Kṛṣṇa erlangt hatte, nahm der Erhabene der Erde ihre Last.
Darauf, wenn das Kaliyuga begonnen hat, wird er, zur Verwirrung der Götterfeinde, unter dem Namen Buddha, Sohn der Añjanā, im Lande Kīkaṭa erscheinen.
Wort für Wort
tataḥ kalau sampravṛtte
darauf, wenn das Kaliyuga begonnen hat
sammohāya suradviṣām
zur Verwirrung der Götterfeinde
buddho nāmnā
mit Namen Buddha
añjanasutaḥ
Sohn der Añjanā
kīkaṭeṣu bhaviṣyati
im Lande Kīkaṭa wird er erscheinen
[Anm.: berühmter Buddha-Avatāra-Vers; die genaue genealogische Zuordnung "añjanasutaḥ" (Sohn der Añjanā) wird in der Überlieferung nicht einheitlich verwendet - hier wörtlich als Patronym wiedergegeben.] [?]
Dann, an der Wende des Zeitalters, wenn die Könige größtenteils zu Räubern [geworden] sind, wird jener Herr der Welt, von Viṣṇuyaśas [geboren], unter dem Namen Kalki geboren werden.
Unzählbar, o Zweifachgeborene, sind die Avatāras Haris, des Schatzbehälters allen [reinen] Seins, so wie aus einem [nie versiegenden] See zu Tausenden unversiegende Bäche [entspringen] mögen.
Diese aber sind Teile und Teile-von-Teilen der [Ur-]Person – Kṛṣṇa hingegen ist der Erhabene selbst; sie [alle Avatāras] besänftigen in jedem Zeitalter die von den Feinden Indras beunruhigte Welt.
Wort für Wort
ete ca aṃśakalāḥ puṃsaḥ
diese aber sind Teile und Teile-von-Teilen der [Ur-]Person
kṛṣṇas tu bhagavān svayam
Kṛṣṇa aber ist der Erhabene selbst
indrārivyākulaṃ lokam
die von Indras Feinden beunruhigte Welt
mṛḍayanti yuge yuge
sie besänftigen in jedem Zeitalter
[Anm.: einer der theologisch folgenreichsten Verse des gesamten Bhāgavata-Purāṇa - Grundlage der Lehre von Kṛṣṇa als "svayam bhagavān" (der Erhabene in eigener Person) im Unterschied zu den übrigen, nur partiellen Avatāras.]
Wer, geläutert, dieses geheime [Wissen um die] Geburt des Erhabenen abends und morgens mit Hingabe rezitiert, wird von der Gesamtheit des Leides befreit.
Denn diese Gestalt ist [nur eine Erscheinungsform] des gestaltlosen, seinem Wesen nach reinen Bewusstseins darstellenden Erhabenen, in seinem eigenen Selbst durch die mit Mahat beginnenden Māyā-Guṇas hervorgebracht.
Wie eine Wolkenmasse im [reinen] Himmelsraum oder irdischer Staub im [reinen] Wind, so wird von den Unverständigen dem [reinen] Seher [selbst] die Eigenschaft des Gesehen-werden-Könnens [fälschlich] zugeschrieben.
ataḥ paraṃ yad avyaktam avyūḍhaguṇabṛṃhitam / adṛṣṭāśrutavastutvāt sa jīvo yat punarbhavaḥ //
Jenseits davon [aber] ist jenes Unmanifeste, das durch die noch ungeteilten Guṇas angeschwollen [verstärkt] ist – weil es eine [für gewöhnliche Wahrnehmung] ungesehene, ungehörte Sache ist, [gilt] jenes als der [individuelle] Jīva, der der Wiedergeburt [unterworfen] ist.
Wort für Wort
ataḥ param
jenseits davon
yad avyaktam
was das Unmanifeste [ist]
avyūḍhaguṇabṛṃhitam
durch ungeteilte Guṇas angeschwollen
adṛṣṭāśrutavastutvāt
weil es eine ungesehene, ungehörte Sache ist
sa jīvo yat punarbhavaḥ
jenes ist der Jīva, der der Wiedergeburt unterworfen ist
[Anm.: die Verse 32-35 gehören zu den philosophisch dichtesten des Kapitels; Übersetzung nach eigener grammatischer Analyse, ohne Konsultation vorhandener Kommentare - daher mit Vorbehalt.] [?]
Worin diese beiden [Erscheinungsformen von] Seiend- und Nichtseiend, [obwohl] durch Unwissenheit im Selbst hervorgebracht, durch das Selbst-Bewusstsein aufgehoben werden – das ist die Schau des Brahman.
Wort für Wort
yatra ime sadasadrūpe
worin diese beiden Seiend-Nichtseiend-Erscheinungen
Wenn diese göttliche Māyā zur Ruhe gekommen ist, [dann] erkennen die Wissenden den [nun] geläuterten Verstand als 'vollendet'; [der Sehende] erstrahlt [dann] in seiner eigenen Herrlichkeit.
Wort für Wort
yady eṣā uparatā devī māyā
wenn diese göttliche Māyā zur Ruhe gekommen ist
vaiśāradī matiḥ sampanna eva iti viduḥ
erkennen die Wissenden den geläuterten Verstand als vollendet
evaṃ ca janmāni karmāṇi hy akartur ajanasya ca / varṇayanti sma kavayo vedaguhyāni hṛtpateḥ //
Und so besangen die Seher die Geburten und Taten des [in Wahrheit] Nicht-Handelnden und Ungeborenen, des Herrn der Herzen, [obgleich diese] im Veda verborgene Geheimnisse [sind].
Wort für Wort
evaṃ ca janmāni karmāṇi
und so die Geburten und Taten
akartur ajanasya ca
des Nicht-Handelnden und Ungeborenen
varṇayanti sma kavayaḥ
besangen die Seher
vedaguhyāni hṛtpateḥ
die im Veda verborgenen [Geheimnisse] des Herrn der Herzen
sa vā idaṃ viśvam amoghalīlaḥ sṛjaty avaty atti na sajjate 'smin / bhūteṣu cāntarhita ātmatantraḥ ṣāḍvargikaṃ jighrati ṣaḍguṇeśaḥ //
Er fürwahr, dessen Spiel nicht vergeblich ist, erschafft, erhält und verzehrt dieses Universum, [doch] haftet nicht daran; in den Wesen verborgen, aus eigener Macht [handelnd], nimmt der Herr der sechs [göttlichen] Vollkommenheiten das aus sechs Gruppen [von Sinnesobjekten] Bestehende wahr.
Wort für Wort
sa vā idaṃ viśvam
er fürwahr dieses Universum
amoghalīlaḥ sṛjaty avaty atti
dessen Spiel nicht vergeblich ist, erschafft/erhält/verzehrt
na sajjate 'smin
haftet nicht daran
bhūteṣu ca antarhitaḥ ātmatantraḥ
in den Wesen verborgen, aus eigener Macht
ṣāḍvargikaṃ jighrati ṣaḍguṇeśaḥ
der Herr der sechs Vollkommenheiten nimmt das Sechsgruppige wahr
[Anm.: "jighrati" wörtlich "riecht", hier wohl pars pro toto für sinnliche Wahrnehmung/Genuss allgemein.]
Und niemand von schwachem Verstand erkennt genau die Wirkweisen dieses Ordners, der mit Denken und Sprechen Namen und Formen ausbreitet, gleich einem Schauspieler-Auftritt – [so wie] ein Unwissender [ihn nicht durchschaut].
Wort für Wort
na ca asya kaścin nipuṇena
und niemand genau von diesem
dhātur avaiti jantuḥ kumanīṣaḥ
das Geschöpf von schwachem Verstand erkennt den Ordner
sa veda dhātuḥ padavīṃ parasya durantavīryasya rathāṅgapāṇeḥ / yo 'māyayā santatayānuvṛttyā bhajeta tatpādasarojagandham //
Den Pfad des höchsten Ordners, dessen Kraft unermesslich ist, in dessen Hand das Diskus-Rad ruht, erkennt [nur] der, welcher ohne Täuschung und mit beständiger Hingabe den Duft seiner Lotos-Füße verehren würde.
atheha dhanyā bhagavanta itthaṃ yad vāsudeve 'khilalokanāthe / kurvanti sarvātmakam ātmabhāvaṃ na yatra bhūyaḥ parivarta ugraḥ //
Gesegnet sind daher hier [in dieser Welt] die Ehrwürdigen, die auf solche Weise ihre ganz-wesentliche Selbst-Hingabe auf Vāsudeva, den Herrn aller Welten, richten, wodurch für sie der schreckliche [Wiedergeburts-]Kreislauf nicht mehr [stattfindet].
Wort für Wort
atha iha dhanyā bhagavantaḥ
daher hier [sind] gesegnet die Ehrwürdigen
itthaṃ yad vāsudeve 'khilalokanāthe
die auf solche Weise gegenüber Vāsudeva, dem Herrn aller Welten
kurvanti sarvātmakam ātmabhāvam
ihre ganz-wesentliche Selbst-Hingabe richten
na yatra bhūyaḥ parivarta ugraḥ
wo der schreckliche Kreislauf nicht wiederum [stattfindet]
Dieses Purāṇa mit Namen Bhāgavata, das dem Brahman [den Veden] gleichwertig ist [und] die Taten des mit höchsten Versen Gepriesenen [Viṣṇus] [darstellt], verfasste der erhabene Weise [Vyāsa].
Zum höchsten Heil der Welt, segensreich, ein großer Weg des Wohlergehens – eben dieses [Werk] ließ er seinen Sohn, den Besten der Selbstbeherrschten, erfassen [d.h. lehrte er ihn].
prāyopaviṣṭaṃ gaṅgāyāṃ parītaṃ paramarṣibhiḥ / kṛṣṇe svadhāmopagate dharmajñānādibhiḥ saha //
[Dem König Parīkṣit,] der am Ufer der Gaṅgā zum Fasten-Tod entschlossen saß, umgeben von den höchsten Weisen, nachdem Kṛṣṇa zusammen mit Dharma, Jñāna und den übrigen [Tugenden] in sein eigenes Reich zurückgekehrt war.
Wort für Wort
prāyopaviṣṭaṃ gaṅgāyām
der am [Ufer der] Gaṅgā zum Fasten-Tod entschlossen saß
parītaṃ paramarṣibhiḥ
umgeben von den höchsten Weisen
kṛṣṇe svadhāmopagate
nachdem Kṛṣṇa in sein eigenes Reich zurückgekehrt war
dharmajñānādibhiḥ saha
zusammen mit Dharma, Jñāna u.a.
[Anm.: syntaktisch Fortsetzung von V.42 (Objekt "mahārājaṃ parīkṣitam").]
Im Kaliyuga ist diese Purāṇa-Sonne für die, deren [geistige] Sehkraft verloren gegangen ist, jetzt aufgegangen; o Brahmanen, während dort der glanzvolle Weise unter den Brahmanen [Śuka] rezitierte...
Wort für Wort
kalau naṣṭadṛśām
im Kaliyuga für die, deren Sehkraft verloren ist
eṣa purāṇārko 'dhunā uditaḥ
diese Purāṇa-Sonne ist jetzt aufgegangen
tatra kīrtayataḥ
während dort [er] rezitierte
viprāḥ
o Brahmanen
viprarṣer bhūritejasaḥ
des glanzvollen Weisen unter den Brahmanen
[Anm.: Satz setzt sich in V.45 fort (Sūtas Rahmenerzählung).]
ahaṃ cādhyagamaṃ tatra niviṣṭas tad-anugrahāt / so 'haṃ vaḥ śrāvayiṣyāmi yathādhītaṃ yathāmati //
...war auch ich, der ich dort zugegen war, durch dessen Gnade [des Weisen] Kenner [dieses Werkes] geworden; ich werde es euch nun vortragen, wie ich es gelernt habe und nach meinem Verständnis.
Wort für Wort
ahaṃ ca adhyagamam
und ich erlangte/eignete mir an
tatra niviṣṭaḥ
dort anwesend
tad-anugrahāt
durch dessen Gnade
so 'haṃ vaḥ śrāvayiṣyāmi
eben ich werde euch vortragen
yathādhītaṃ yathāmati
wie gelernt, nach [meinem] Verständnis
[Anm.: V.44-45 bilden einen zusammenhängenden Satz. Sprecher ist Sūta, der berichtet, wie er selbst als Anwesender bei Śukas Rezitation vor Parīkṣit das Werk empfangen hat und es nun den Weisen in Naimiṣāraṇya weitergibt.]